Das Reiten im Ausland

Es gibt immer wieder Themen, über die man am liebsten nicht nachdenken möchte, weil sie zu anstrengend und unbequem sind und sie einem ein schlechtes Gewissen machen – und genau deshalb sind sie so wichtig. Im Folgenden findet Ihr einen sehr berührenden und nachdenklich stimmenden Erfahrungsbericht zum Thema „Reiten im Ausland“ von Teresa Moninger. Teresa hat vor einigen Jahren bei Babette ein einjähriges Praktikum gemacht und ist inzwischen in die USA gezogen, wo sie nun als Yogalehrerin arbeitet. Ihre Liebe zu den Pferden ist ihr dabei nicht verloren gegangen. Aus dieser Liebe heraus hat sie diesen Artikel verfasst, in dem sie ein Thema anspricht, über das nur wenig zu lesen ist, weil es heikel und unbeliebt ist. Ein ziemliches „Spaßbremsen-Thema“, also – um so wichtiger, es anzusprechen.

Ganz grundsätzlich werden Missstände in der Pferdewelt oft nur zögerlich angesprochen, man will ja niemanden auf die Füße treten, weil man selbst auch schon einiges gemacht hat, von dem man genau weiß, dass es nicht okay war. Und wenn es dann noch um den Urlaub geht und um fremde Länder, in denen das Leben aus verschiedenen Gründen ein bisschen anders abläuft als bei uns, wird es noch schwieriger. Teresa hat dieses so wichtige Thema auf eine ebenso persönliche wie differenzierte Weise verarbeitet, so dass ihr Text aus unserer Sicht, die Grundlage für die unerlässliche Portion Selbstreflexion bietet, die wir alle aufbringen müssen, wenn wir echte Pferdefreunde sein wollen, und das, ohne alles nur schwarz-weiß zu zeichnen.

Viele von Euch werden die in diesem Jahr geplanten Urlaube wohl nicht antreten können und so bietet sich in dieser Zeit eine gute Gelegenheit, einmal ganz in Ruhe für sich selbst zu überlegen, wie man in Zukunft mit der Frage umgeht, ob man auch im Ausland auf das Reitvergnügen nicht verzichten will und unter welchen Bedingungen das zu vertreten ist … 

Das Reiten im Ausland

Von Teresa Moninger

Weißer, endloser Strand, wehende Mähnen, das Rauschen des türkisfarbenen, karibischen Meeres neben dir und du im Galopp – eine kitschige, wenngleich auch traumhafte Pferdemädchen-Szene. Ich habe sie selbst erlebt: als Mitreiterin, als Guide und in den Augen der verschwitzten Touristen, deren Pferde ich nach dreistündigen Strand- und Dschungelritten entgegennahm. Ich habe die Pferde für sie abgesattelt, geputzt, gefüttert und auf die Weide entlassen. 

Meine Zeit in Costa Rica

Dort wo ich wohne, gibt es Wildpferde und damit nicht die Möglichkeit, selbst ein Pferd zu halten. Deshalb verlasse ich jedes Jahr im Winter die Insel, auf der ich in den USA lebe, und reise in ein fremdes Land, um mit Pferden zu arbeiten. Dieses Mal war ich fünf Wochen lang in einem kleinen Dorf direkt an der karibischen Küste Costa Ricas. Ein Ort mit Faultieren, Dschungelgeräuschen, Palmen und sehr vielen, vorwiegend deutschsprachigen Touristen. 

Costa Rica hatte ich bisher nur als Backpacker erlebt. Damals sah ich kleine, dünne Pferde am Straßenrand, wie sie Einheimischen beim Treiben der Viehherden halfen. Nach einigen Recherchen stellte sich heraus, dass Costa Rica voll von Pferderanches ist, auf denen sich Reisende ihren Traum von einem Strandritt verwirklichen können. Ein paar Emails später hatte ich einen Job als Volontärin, um beim Pferdetraining und der Pflege von über zehn Pferden zu helfen.

Mir, wie vermutlich den meisten Pferdeinteressierten, war im Vorfeld klar, dass ein Pferd in Zentralamerika ein anderes Leben führt als in einem europäischen Land und dort auch heute noch hauptsächlich als Lasten-, Treib- und Transportmittel dient. Der besonders in Costa Rica immer größer gewordene Tourismus hat ausländische Investoren dazu veranlasst, Strandritte mit Pferden anzubieten. In der Regel werden diese von einheimischem Personal geleitet, welches mit der Sprache und den Örtlichkeiten besser vertraut ist. Die Pferde werden meist mit landestypischer Hakima (entspricht einem Bosal) und Freizeit-Sattel im Westernstil geritten und sind aufgrund des steinigen Bodens sehr häufig beschlagen.

Ein Pferd in Costa Rica kann für circa 350,- Euro erworben werden und lebt, je nach Einsatzzweck, gewöhnlich auf mit einer Stacheldraht umzäunten Weide oder angebunden auf einem Feld. Bei meiner Ankunft fiel mir auf, dass alle Pferde freundlich, aber am Menschen relativ uninteressiert waren, was bei täglich wechselnden Reitern durchaus verständlich ist. Mit Ausnahme der noch nicht eingerittenen Pferde, wiesen alle von ihnen Narben, haarlose Stellen und teils knotige Wunden am Rücken und auf der Nase auf. Besonders der Widerrist, welcher normalerweise weich  in Muskulatur eingebettet sein sollte, war davon betroffen. Er ragte mit deutlichen Verletzungen hervor und sollte daher von mir mit zurecht geschnittenen Schaumstoffstücken oder kleinen Kissen unterpolstert werden. Keiner der Sättel passte den Pferden, alle waren extrem eng am Widerrist, erlaubten kaum Luftzirkulation an der Wirbelsäule und verhinderten somit das Wachsen der Tragemuskulatur. Immerhin wurde die Sattellage von allen Guides gründlich geputzt, was einiges wert ist, einen verschmutzten Sattelgurt und einen unpassenden Sattel allerdings nicht wettmachen kann.

Die Pferde bekamen täglich Pellets und Heu zusätzlich zum Weidegras, dennoch ragten bei vielen die Hüftknochen und sogar die Dornfortsätze hervor. Die Hals- und Rückenmuskulatur war nahezu vollständig atrophiert und in Folge dessen erkannte ich zwei Laufmuster der Pferde: Die einen, welche trippelten, rannten und sehr taktunrein gingen, mit hochgerissenem Kopf und gestressten Augen und die anderen, deren Lauffreude unter dem Reiter nicht mehr vorhanden war. Sie schlurften, ließen sich kaum vorwärts bewegen, selbst wenn der Rest der Gruppe davonpreschte. Sie zeigten seitlich hängende Ohren, zusammengekniffene Kiefer und sorgenvoll ausgehöhlte Augen. 

Ich beschloss nach meinem ersten Ausritt, dass ich so wenig wie möglich daran teilnehmen wollte, und beschränkte meine Pferdearbeit vornehmlich auf deren Wellness. Ich massierte verspannte Pferdekörper, worauf die Tiere erst skeptisch drohend dann kauend mit geschlossenen Augen diese Art der Berührung erlebten und erlaubten. Jedes der Pferde reagierte äußerst druckempfindlich auf Berührungen im Sattelbereich und am Genick und die Hälfte der Pferde zeigte deutlichen Sattelzwang. Dennoch ertrugen sie täglich, ein- bis zweimal gesattelt zu werden, mit der für Pferde typischen und mir fast unbegreiflichen Geduld und Nettigkeit. Würde man mich jeden Tag einer solchen Tortur aussetzen und mir zu kleine Schuhe oder einen unpassenden Rucksack verpassen, so würde ich mich spätestens am Folgetag vehement wehren. Ich versuchte, das Beste aus der Situation zu machen, und ging mit einigen Pferden spazieren und übte ein kleines bisschen Stellung und Biegung vom Boden aus. Da die Pferde wirklich nur geradeaus geritten wurden, war dies etwas völlig Neues für sie. Oft fühlte sich aber jede zusätzliche Arbeit mit den Vierbeinern falsch an, da ich ihnen einfach Ruhe gönnen wollte.

Der von einer Europäerin betriebene Hof bietet zweimal täglich Ausritte in die Berge, in den Dschungel und an den Strand an. Das Können und Alter der Reiter bleibt dabei unbeachtet. Allerdings gibt es laut Besitzerin eine Gewichtsgrenze, die nicht überschritten werden darf.
Nach Aussagen der Besitzerin und des Guides lieben sowohl erfahrene Reiter als auch Einsteiger, einen schnellen Galopp am Strand. Da die Pferde kaum schwungvolle Gangarten haben, lassen sie sich einigermaßen von jedem sitzen. Ich sah Anfänger unsanft im Sattel herumwackeln, doch alle bleiben oben – getragen werden statt reiten …

Ja, es ist ein Traum am endlosen Strand mit einer Gruppe von bis zu zehn Pferden zu galoppieren. Und wenn einer sein bereits gesatteltes Pferd besteigt, ist alles was dann zählt, dieser Traum, der auf Reisen in Erfüllung geht. Dort, wo wir die Welt ohnehin anders betrachten. Und wenn man absteigt, verschwitzt und glücklich, den Kopf und das Handy voller märchenhafter Bilder, dann vergisst man vielleicht, sich bei seinem Pferd zu bedanken. Während die Volontäre sich an das Absatteln machen, jagt man schon dem nächsten Highlight der Reise hinterher. Man hat ja vielleicht nur diese zwei Wochen, um seinem Alltag zu entkommen, und hat diesen teuren Flug bezahlt, um eine Auszeit von seinen Sorgen und Gedanken zu erleben. Ich verstehe das gut und gönne es jedem. Reisen erweitert den Horizont, wir entdecken nicht nur ein fremdes Land, sondern auch ganz unbekannte Wege in unserem Inneren. Das Zeitgefühl ändert sich und unser Nervensystem bekommt neue Reize durch das exotische Essen, eine andere Kultur, fremde Tiere und das warme Klima.

Bezahlbare Träume und die nackte Realität

Ich verstehe, dass sich viele Zuhause das Reiten nicht leisten können und wie verlockend dann so ein im Verhältnis günstiger Ritt im Paradies sein kann. Und ich verstehe auch, dass ein absoluter Pferde-Neuling keinen Blick dafür haben kann, ob ein Pferd gesund ist oder ausgebeutet wird. Was ich aber nicht verstehe ist, warum wir Reiter oder Pferdebesitzerinnen im Ausland unsere Werte bezüglich artgerechten Reitens (falls es das gibt) nicht mit in den Reisekoffer packen. Schaut man hinter die Fassade des netten Reisetraums, dann wird man sie sehen, die Sorgenfalten um Augen und Nase, das Desinteresse am Menschen, die Narben auf dem Nasenrücken, die Taktunreinheiten. Und auch den Satteldruck, den wir nicht übersehen würden, wenn wir beim Satteln oder Absatteln darauf bestehen würden, anwesend zu sein. Anwesend beim Satteln war jedoch keiner der wöchentlich eintreffenden Reitergruppen, die eine Reise über eine der bekannten weltweit operierenden Organisationen gebucht hatten und fast ausschließlich aus Europa und Nordamerika kamen.

Niemand fragte nach den Eigenheiten der Pferde, danach, wie geritten würde oder unter welchen Bedingungen sie gehalten werden. Aber alle kamen pünktlich zum Aufsteigen. Es gab von den Guides keine Einführung zur Art des Reitens oder zur Hilfengebung. Ein Ritt startete mit Aufsteigen, in-den-Bauch-treten und am-Zügel-ziehen zum Lenken und Anhalten. Ich konnte die Hofbetreiberin zumindest davon überzeugen, dass alle Reiter von einem Stuhl aus auf die Pferde stiegen, wenngleich der Guide sich weigerte und mit einem beherzten Satz aufsprang und unsanft auf dem schon loslaufenden, nach Balance suchenden Pferd landete. Ich versuchte den englisch- und deutschsprachigen Reitern kleine Anhaltspunkte zu geben. “Lass sie vorne los, sie schlägt sonst mit dem Kopf”, “Achte darauf dass er nicht ganz vorne in der Gruppe läuft, weil er sich sonst aufregt.”, “Bleib mit der Mutterstute in der Nähe des frei mitlaufenden Fohlens”, “Wirke mit ruhiger Stimme und Sitz auf ihn ein, wenn ein Lastwagen an euch vorbeikommt” – das waren meine kleinen Versuche, ihnen etwas von der Persönlichkeit der Pferde zu vermitteln.

Nachdenken, fühlen und immer wieder neu entscheiden

Was also bleibt zu tun? Sollen wir den Traum vom Strandritt für immer begraben und all die Pferde arbeitslos machen? Was passiert dann mit ihnen? Und sind Pferde, die in einer Gruppe am Strand laufen, nicht vielleicht doch glücklicher als so manches Schulpferd, das seine Kreise in einer staubigen Halle zieht? Tierleid durch Unwissenheit, Geldgier, Missbrauch, Ausnutzung oder aus Armut heraus gibt es überall, in Industrie- wie auch Entwicklungsländern. Und ebenso gibt es überall auch liebende, fürsorgliche, wissende und sensible Menschen, deren Pferde ein artgerechtes und schönes Leben führen und vielleicht trotzdem etwas Geld mitverdienen.

Es geht nicht darum, mit dem Finger von sich weg zu zeigen. Auch ich will das nicht. Ich habe mir mein Essen und meine Unterkunft damit verdient, für eine Frau zu arbeiten, die ihr Geld unter anderem mit Pferden macht. Auch ich habe als Fünfjährige meine Eltern im Türkei Urlaub angefleht, einen Strandritt machen zu dürfen. Und ich durfte. Auch ich bin Schulpferde geritten, deren Leben rückwirkend betrachtet wirklich kein schönes war, hinter Gittern und voller Angst vor der Reitlehrerin. Fühle ich mich schlecht deswegen? Absolut. Genau deswegen spüre ich, wie wichtig es ist, meine Stimme und mein Wissen jetzt dafür zu verwenden, um für die zu sprechen, die uns stumm tragen.

Unsere Nachfrage bestimmt das Angebot. Daher lasst uns die richtigen Fragen stellen und aufmerksam beobachten, was die Pferde uns schon vor dem Buchen eines Rittes erzählen können:

  • Wie ist der Allgemeinzustand der Pferde, ihrer Hufe, Fütterungszustand, Fell?
  • Wie oft und wie lange laufen sie?
  • Haben die Tiere freie Tage?
  • Wie reagieren sie auf ihr Pflegepersonal?
  • Würde ich zuhause auf einem Pferd reiten, das offene Stellen am Rücken hat?
  • Was bin ich bereit zu zahlen?
  • Hat jedes Pferd eine passende individuelle Ausrüstung und lässt sich diese entspannt anlegen? 
  • Werden die Pferde liebevoll vor, während und nach der Arbeit versorgt?
  • Welche Energie herrscht am Anbindeplatz?
  • Welche Erwartungen bringe ich als Tourist und möchte ich diese unter allen Umständen erfüllt bekommen? 
  • Traue ich mich, von einem lahmenden Pferd abzusteigen?
  • Hinterfrage ich, warum mein Pferd unentwegt mit dem Kopf schlägt oder einfach nicht vorwärts gehen möchte?
  • Kann ich die Pferde vor dem Reiten ansehen, wird mir Auskunft gegeben und vermittelt der Besitzer benötigtes Fachwissen?

Das alles klingt nach Arbeit. Und auch noch im Urlaub. Wie war das doch gleich mit Kopf-abschalten und Sich-treiben-lassen auf Reisen? Ich bin sicher, mit etwas Pferdeverstand und ein paar gezielten Fragen und Blicken, erhält man eine Antwort, aus der man seine Schlüsse ziehen kann und sollte.

Ein erleichterndes Kriterium bei der Suche nach der richtigen Ranch, ist das Vorhandensein eines Zertifikats. Um mehr darüber herauszufinden, nahm ich Kontakt zu der Nonprofit Organisation McKee-Jaco in Costa Rica auf. Diese befasst sich schon seit Jahren, neben anderen Tierschutz-Aktionen, mit der Aufklärung von Pferde-Missbrauch durch Tourismus und stellt Hinweisschilder zum Thema Pferdegesundheit an Stränden auf. Ein Mitglied der  McKee-Jaco-Organisation erzählte mir von SENASA, einer Einrichtung, die sich unter anderem für Tierschutz in Costa Rica einsetzt und Zertifikate ausgibt. Hiernach muss jede Geschäftsperson eine Lizenz ( “Patente”) haben. Ein Gesundheitszertifikat, ausgestellt und unterschrieben von SENASA, ist Teil dieser Lizenz. Leider gibt es nach wie vor Unternehmen, die diese Lizenz besitzen, ohne je eine Bescheinigung von SENASA beantragt und erhalten zu haben. Vitamin B ist in Zentralamerika kein Geheimnis. 

Wenn ein englischsprachiger Reiter auf einem gut aussehenden Pferd am Strand Touristen für seine Ritte ködert, ist das eine effektive Masche, oft steht jedoch kein vertrauenswürdiges, lizenziertes Unternehmen dahinter. Und wo kein offizieller Reitbetrieb gemeldet ist, kann laut Costa Ricanischer Behörden auch nicht auf Schließung eines fragwürdigen Unternehmens beharrt werden.

Mit den mir typischen “Ich-will-die-Welt-verbessern”-Plänen war ich angereist, um schon am ersten Tag zu merken, dass ich es langsam angehen muss. Eine weiße Frau gilt in Costa Rica nicht unbedingt als Autoritätsperson und auch sprachlich gibt es Hürden. Ich habe mit den mir gegebenen begrenzten Mitteln  versucht, zumindest kurzzeitig etwas zu verbessern für diese Tiere, die mir so viel bedeuten. Ich habe Gespräche mit der Besitzerin gesucht und wurde abgewiesen. Es sei eben anders hier, sagte man mir. Sie erklärte mir auch, dass Pferde im Gegensatz zu Hunden keine Menschen mögen würden, sondern einzig und allein an Futter interessiert sein.

Ich denke nicht, dass Boshaftigkeit oder Geldgier dahinter stecken, sondern sehr oft Unwissenheit. Und genau da können wir einen Unterschied machen. In kleinen Schritten. Mir ist klar, dass ein Tourenpferd nicht sechs Stunden in Anlehnung geritten werden kann, und mit gymnastizierenden Seitengängen unter Anfängern am Strand entlang traben wird. Es gibt im Dschungel auch weder Platz, noch passende Bodenverhältnisse für einen Longierzirkel. Auch wird kein 3D-Scanner für jedes Pferd einen individuellen Sattel ausmessen. Aber vielleicht kann man einfach das Gespräch suchen, wenn einem auffällt, dass die Tiere Leid erfahren.

Viele Menschen an den Küsten leben vom Tourismus. Sie bauen trendige Cabinas und melden sie bei AirBnB an, und sie lesen die Tripadvisor Bewertungen. Sie wollen, dass die Touristen ihren Ort weiterempfehlen. Also nutze deine Stimme für die Tiere und verlange einen ähnlichen Gesundheitszustand deines Reitpferdes, wie du ihn auch zuhause erwartest.

Was ich für immer mitnehmen werde …

Gegen mein Gefühl bin ich nicht gleich wieder abgereist, aber doch einige Wochen früher als geplant. Neben vielen Momenten, auch wunderschönen, möchte ich den ergreifendsten und zugleich schwersten teilen.

Inmitten dieses Dschungels, in dem Grillen zirpten, erhielt die Besitzerin einen Anruf, dass der Teil der Pferde, der auf einer entfernteren Weide stand, abgehauen sei. Es wurden Straßen im Dunkeln abgesucht und am folgenden Morgen und Mittag liefen wir nach Huf- und Fressspuren suchend durch den Dschungel. Über fünfzehn Stunden waren die Pferde nun schon verschwunden, das Eingangstor aus Stacheldraht halb zerrissen. Die Besitzerin vermutete, ein schon mehrfach ausgebrochener Eselhengst habe ihre Pferde in Panik versetzt und aufgescheucht.

Als wir bis zum Nachmittag keine Spur hatten, wurde beschlossen, dass ein Guide und ich die vermissten Tiere zu Pferd suchen sollten. Ich fühlte mich unfassbar schuldig, da der Guide und ich auf den beiden Pferden saßen, deren Rücken am schlechtesten waren, und doch war die Strecke am Strand und im Dschungel viel zu weit um zu Fuß fünf Pferde zu suchen. Wir ritten genau die Strecke, welche sonst auf der dreistündigen Tour geritten wird, und hatten wenig Hoffnung, so weit von Zuhause ein Lebenszeichen zu finden, besonders weil aufgrund der heißen Außentemperaturen damit zu rechnen war, dass sich die Pferde versteckten. Im Schritt ging es weiter Richtung Fluss, der einzige Ort am Strand, an dem die Pferde nach nun achtzehnstündiger Abwesenheit Wasser hätten finden können. Dann erreichten wir die kleine Lichtung, auf der bei Reittouren stets eine Pause gemacht wird, um den Touristen Kokosnüsse zu öffnen. Und da sahen wir sie. Alle zusammen standen sie genau in dieser Lichtung und schauten uns an. Mein Herz wurde schwer. Freie Pferde, die für einen einzigen Sonnenauf- und -untergang zurückgekehrt waren an einen vertrauten Ort der Ruhe, fernab von Menschen, das ist es, was mir im Gedächtnis bleiben wird. Wir öffneten eine Kokosnuss und während ich ansetzte, um zu trinken, hoben zwei der Pferde ihre Mäuler und wir tranken zu dritt. Ein unvergesslicher Moment.

Wir kehrten mit allen Fünfen als Handpferde zurück, die nach kurzer Überprüfung nur wenige Wunden hatten. Zurück an ihren Arbeitsplatz, an dem sie weder frei noch schmerzfrei sein würden. Wir brachten der besorgten Besitzerin ihre Pferde und Angestellten zurück, die nun nicht verhungern oder im Dschungel von Schlangen gebissen werden würden.

Was wollen wir mittragen?

Ich bin abgereist und habe mich für ein paar Tage an anderen Stränden ausgeruht. Und dort viele weitere Pferde gesehen. Manche wohlgenährter. Manche offensichtlich lahmend mit Touristen auf dem Rücken. Eines unentwegt mit dem Kopf schlagend. 

Es sind keine Einzelfälle. Das kann ernüchternd sein und wir fühlen uns hilflos. Aber dann erinnern wir uns, wie viel wir bewirken können. Wenn wir aufstehen. Aufschreien. Aufzeigen. Nein sagen. Auf unser Gefühl vertrauen.

Verstand, Tierliebe und Wissen passen immer ins Gepäck, wohingegen Nichtstun und Wegsehen schwer auf den Schultern lasten können.

Reiten im Ausland – Wege zum Pferd

30. Juni 2020 von Gastautor • Kategorie: Allgemein, Engagement und Pferdeschutz, Reiten 8 Kommentare »

Was wir als Pferdemenschen verstehen müssen

Zum Erscheinen der 500. Ausgabe unseres Newsletters hatten wir mal wieder zu einer Mitmach-Aktion eingeladen. Dafür hatten wir unseren Monty, das sprechende Pferd, als Anlass genommen, um Euch diese Frage zu stellen: 

„Wenn Pferde sprechen könnten,
welchen Satz sollten wir Menschen
– als Reiter/innen oder auch ganz allgemein –
am dringendsten von ihnen hören?“

Wir haben 200 Einsendungen erhalten, von denen uns viele sehr berührt haben. Es ist wundervoll, wie viele tief gehende und mitfühlende Gedanken Ihr Euch gemacht habt und wie oft wir nicken mussten, weil wir auch denken, dass uns genau das Pferde sagen wollen würden.

Wir haben hier eine kleine Auswahl als Video aufbereitet, von dem wir hoffen, dass es möglichst viele Pferdemenschen erreicht und vielleicht noch viel mehr Verständnis schaffen kann. In unserem Newsletter werden wir immer wieder noch weitere Sätze veröffentlichen.  Klickt auf das Bild, um das Video anschauen: 

Pferde verstehen

(Ein Klick auf das Bild führt zu unserem Youtube-Kanal.)

26. Mai 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 2 Kommentare »

Suche nach dem Verbindenden – Inspiration des Monats

Mit unserer  Rubrik Inspiration des Monats nehmen wir uns jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das wir Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Lange Texte gibt es bei uns genug, aber gerade bei Basis-Themen denken wir, ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. 

Unser Tipp: Zieht Euch jeweils unsere Inspiration des Monats auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße  für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können. 

Thema des Monats:
Suche nach dem Verbindendem

Es gibt in der Pferdewelt (nicht nur, aber eben auch da) etwas, das unnötig viel Leid schafft: und zwar das ständige Gegeneinander. Turnier- gegen Freizeitreiter, Western- gegen Klassikreiter, Boxpferdehalter gegen Offenstaller, Ponyreiter gegen Großpferdereiter, konventionell gegen Clickertraining – … die Liste ist endlos und beliebig kombinierbar.

Was uns bei all dem vielleicht nicht bewusst ist: Durch Grabenkriege, die wir im Kleinen wie im Großen miteinander führen, leiden nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Pferde. Nicht nur, dass sie die Härte, die wir oft im Stall-Alltag entwickeln, um uns gegen vermeintliche „Feinde“ abzugrenzen oder vor Kritik und Angriffen zu schützen, genau spüren, sondern wir nehmen uns auch die Möglichkeit zum Dazulernen, zum Ausprobieren und zur Weiterentwicklung. In einem Umfeld aus Be- und Abwertungen gehen Freude, Leichtigkeit, Experimentierfreude, Motivation und Lerneifer leider sehr schnell verloren. 

Zunächst sind wir doch alle vor allem eines: Menschen, die Pferde lieben. Dieses Bewusstsein könnte eine sehr starke Basis für ein konstruktives Miteinander sein, wenn…,  ja, wenn wir statt Abgrenzung Offenheit leben würden.  Dann könnten wir neugierig und offen auf andere Denkansätze und Umgehensweisen reagieren und zusammen überlegen, wie sich das Beste aus allen Welten vereinen lässt. Pferde brauchen keine Sparten, Pferde brauchen offene Herzen. 

Frage Dich, wann immer Du andere Pferdemenschen erlebst:

  • Was verbindet mich alles mit diesem Menschen?
  • Was kann und möchte ich von diesem Menschen lernen? 
  • Was habe ich diesem Menschen vielleicht zu geben? 

Suche nach dem Verbindendem

10. Dezember 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Inspiration des Monats, Reiten 1 Kommentar »

Buchtipp: Im Kreis der Herde von Marc Lubetzki

„Im Kreis der Herde: Von wilden Pferden lernen“ von Marc Lubetzki
Stuttgart: Kosmos, 2019. – 160 S.
ISBN:978-3440164365
30,– EUR (gebunden, durchgehend farbige Fotos)

 

Auf dieses Buch haben wir uns sehr gefreut! Wir kennen und schätzen Marc und seine Arbeit schon lange und haben selbst viel wertvolles Wissen und zahlreiche Anregungen für Themen und Artikel aus seinen Filmen und Vorträgen ziehen können. Marc hätte mit seinen Kenntnissen einen praktischen Ratgeber schreiben oder aus den wundervollen Fotos einen Bildband ohne viele Worte machen können, und tatsächlich ist „Im Kreis der Herde“ beides zugleich  – aber darüber hinaus noch etwas ganz Anderes, viel Besseres geworden!

Im Kreis der Herde

Man merkt dem Buch von der ersten Seite an, dass es von einem Filmemacher stammt, denn hier ist das Lesen wie im Kino sitzen: Sein Buch nimmt uns  an die Hand und führt uns in die Welt der wild lebenden Pferde, die Marc so gut kennt wie kaum ein anderer. Marc lässt uns diese Welt aber nicht nur mit seinen Augen entdecken, sondern durch die anschaulichen Beschreibungen auch hören, riechen und fühlen. Und so können wir zusammen mit ihm auf die Suche nach den Pferden gehen: Wir klettern mit ihm auf Hügel, wir laufen gemeinsam durch den Wald und mit der Herde zum Wasserloch. Wir dösen in der Sonne oder warten den Sturm ab. Wir kommen einzelnen Pferdepersönlichkeiten ganz nah, stellen uns seine Fragen, finden mit ihm zusammen Antworten heraus und lernen auf diese Weise Pferde ganz neu kennen. Marc belehrt uns nicht, er erklärt nicht einmal wirklich, sondern er lässt uns neue Erkenntnisse regelrecht selbst entdecken. Und das macht das Buch zu etwas ganz Besonderem.

„Im Kreis der Herde“ ist ein wirklich zauberhaftes Buch geworden und eines, das man nie wieder vergisst, weil es tief berührt, Pferde einmal so zu erleben, wie sie wirklich sind. Die meisten von uns kennen Pferde nur in der Obhut von uns Menschen, wie sie aber in freier Wildbahn leben, ist vielen unbekannt. Und da gibt es so viel zu erfahren! 

Wir hoffen, dass dieses Buch es schafft, dass wir Menschen uns etwas weniger wichtig nehmen und dafür begreifen, welch große Bedeutung Pferde füreinander haben und wie wichtig es für sie ist, Teil einer Herde zu sein. Wir hoffen, dass noch viel mehr Menschen klar wird, dass das Bild, welches herkömmlicherweise von wild lebenden Pferden gezeichnet wird, oft nur dazu dient, leider meist nicht pferdegerechte Trainingsmethoden zu rechtfertigen, aber mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun hat. Wir sind davon überzeugt, dass die Einblicke, die Marc uns schenkt, dabei helfen, Pferdeverhalten mit anderen Augen zu sehen und besser zu verstehen. Und wir sind uns sicher, dass jeder, der dieses Buch liest, Pferde danach noch wunderbarer finden wird als zuvor. 

Fazit: „Im Kreis der Herde“ leistet einen ganz wichtigen Beitrag dafür, dass diese oft noch immer so missverstandenen Tiere endlich so gesehen werden, wie sie wirklich sind. 

 

Im Kreis der Herde

Direkt beim Kosmos-Verlag bestellen. 

 

26. November 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Buchtipps, Engagement und Pferdeschutz, Haltung, Verhalten 1 Kommentar »

So unterschiedlich zeigen Pferde Stress

Vor einiger Zeit hatten wir gezeigt, wie man Schmerzen beim Pferd erkennt, weil immer noch zu viele Menschen, die mit Pferden zu tun haben, nicht wirklich wissen, wie sich Schmerzen beim Pferd äußern. Und ganz Ähnliches gilt für die Frage, wie sich Stress bei Pferden erkennen lässt!

Na, das ist doch ganz einfach!? 

Viele werden nun sagen, dass sich Stress ja bei Pferden sehr einfach erkennen lässt. Aber ist das wirklich so? Machen wir mal einen kleinen Test: 

Erlebt dieses Pferd gerade Stress? 

Stress beim Pferd

Und wie sieht es mit diesem Pferd aus?

Stress bei Pferden

Und was ist mit diesen beiden Ponys?

Stress bei Pferden

Natürlich ist eine Beurteilung nach einem Standbild nur begrenzt möglich, aber ich denke, die meisten Menschen würden wohl sagen, dass die Pferde auf den ersten beiden Fotos eher gestresst wirken, während die beiden auf dem unteren Foto ziemlich entspannt aussehen. 

Stress bei Pferden hat viele Gesichter

Tatsächlich aber sind auf allen Bildern Pferde zu sehen, die zum Zeitpunkt der Aufnahme Stress erlebten.

  • Das erste Foto entstand auf einem Turnier auf dem Abreitplatz. Das Pferd war sehr nervös und durch die vielen Reize und fremden Pferde abgelenkt, worauf der Reiter versuchte, es durch leider sehr grobe Einwirkung unter Kontrolle zu bringen.
  • Auf dem zweiten Bild ist positiver Stress zu sehen, nämlich die freudige Erregung durch das Anweiden. Die Herde wurde kurz zuvor auf den Sommer-Paddock gebracht und tobte wie wild herum. Freudiger und negativer Stress können ziemlich ähnlich aussehen (fühlen sich aber natürlich für das Pferd sehr unterschiedlich an).
  • Die beiden Pferde auf dem dritten Foto werden für die meisten sicher eher entspannt als gestresst wirken, aber das ist ein Irrtum. Sie standen zwar die meiste Zeit (vermeintlich) ruhig herum, wer sie aber kennt und genau hinschaute, konnte beobachten, dass sie z.B. nicht wie sonst fraßen oder dösten, sondern immer mal wieder an verschiedenen Stellen am Zaun standen, mehr als sonst in die Gegend schauten und gelegentlich kurz wieherten. Tatsächlich standen die Ponys zum Zeitpunkt der Aufnahme schon für einige Stunden ohne ihre beiden Pferdekumpels auf dem Paddock, die an diesem Tag auf einem Turnier waren. Sie waren sehr besorgt und erwarteten sehnlichst die Rückkehr ihrer Gefährten. 

Und das macht eines deutlich: Stress kann bei Pferden sehr unterschiedlich aussehen! 

Stresstypen beim Pferd

Wir können zwei grundlegend unterschiedliche Stresstypen bei Pferden unterscheiden:

  • Erstens gibt es die so genannten „aktiven“ oder „extrovertierten“ Stresstypen –  Pferde diesen Typs zeigen ihren Stress je nach Ausprägung deutlich durch Unruhe, sie tänzeln oder rennen wild umher, richten ihre Hälse hoch auf, haben aufgerissene Augen und geblähte Nüstern, sie schnauben und prusten und atmen schnell, sie schwitzen, schlagen mit dem Kopf.äppeln häufig und neigen zu Übersprungshandlungen, wie Schnappen, Scheuen oder Losreißen. Sie entsprechen damit dem Bild, das die meisten Menschen im Kopf haben, wenn man vom Stress beim Pferd spricht. Bei der Arbeit bieten solche Pferde unter Stress oft alles Mögliche an, nehmen Signale vorweg und sind kopflos, übereifrig und „hibbelig“. Leider reagieren viele Menschen auf dieses Verhalten mit Strenge. Die Pferde werden dann angeherrscht, dass sie sich zusammenreißen sollen, oder auch körperlich durch Rucken am Zügel, Klapsen u.ä. bestraft. Natürlich erhöhen solche Maßnahmen den Stress der Pferde.
  • Dann gibt es aber noch die „passiven“ oder „introvertierten“ Stresstypen – Pferden, die zu diesem Typ gehören, merkt man Stress kaum an. Sie wirken auch unter großem Stress ruhig und unbewegt, was viele fälschlich als „gelassen“ deuten. Sie werden oft als faul oder stur bezeichnet, weil sie unter Stress immer dichter machen, Signale ignorieren und unter Umständen komplett die Mitarbeit verweigern und regelrecht erstarren: ihr Körper ist dann bretthart, sie sind nicht mehr ansprechbar und nehmen häufig auch kein Leckerli mehr. Ein typisches Beispiel ist das vor dem Pferdeanhänger „festgefrorene“ Pferd, welches zu keinem, weiteren Schritt in den Hänger bereit ist, aber dabei einen „ruhigen und gelassenen“ Eindruck macht. Da viele Menschen bei diesen Pferden nicht auf die Idee kommen, dass die Tiere unter Stress stehen, werden sie oft falsch und ungerecht behandelt. Nicht selten erleben auch sie Gewalt, weil der Mensch meint, sich „durchsetzen“ zu müssen. Auch für diese Pferde erhöht das natürlich den Stress, der sich dann – scheinbar vollkommen unerwartet – explosiv entladen kann. Das sind dann die Fälle, in denen ach so „gemütliche Dicke“ durchgehen und es richtig gefährlich wird … 

Fazit – Drei wichtige Erkenntnisse  

  1. Es ist wichtig, unseren Blick zu schulen und unser Einfühlungsvermögen zu trainieren, um auch Stress bei Pferden zu erkennen, die dem passiven Stresstyp angehören, denn Stress zeigt sich nicht immer nur durch Aufregung. Auch ein scheinbar ruhiges Pferd kann je nach Stresstyp gestresst sein. Es gibt sogar Pferde, bei denen gerade ihre vermeintliche „Ruhe“ ein Anzeichen für Stress ist.
  2. Ein gestresstes Pferd braucht immer Verständnis und eine beruhigende Ausstrahlung, die dem Pferd Sicherheit vermittelt. Wenn wir den Stress als Not des Pferdes erkennen – und zwar unabhängig davon, welchem Typ das Pferd angehört – können wir überlegen, welche Maßnahmen geeignet sind, den Stresspegel des Pferdes in der jeweiligen Situation zu senken. 
  3. Stress bei Pferden löst oft auch Stress bei uns selbst aus. Der Stress bei Pferden vom aktiven Stresstyp macht vielen Menschen Angst, die Stressreaktionen des passiven Stresstyps hingegen lösen häufig Wut und/oder Aggressionen aus. Es ist wichtig, dass wir  solche Reaktionen bei uns bewusst wahrnehmen und lernen, wirkungsvoll gegenzusteuern, damit wir die Situation auf eine gute Weise entschärfen können. 

Bei Stress sind wir alle gefragt

Leider ist das Wissen über die unterschiedlichen Stresstypen bei Pferden noch nicht allzu verbreitet. Hier sind wir alle gefordert, in der Praxis all jene freundlich aber bestimmt auf die Tatsache hinzuweisen, dass sich Stress bei Pferden nicht immer klar zeigt, um zu verhindern, dass passive Stresstypen vor allem Grobheit und Gewalt statt Verständnis und Unterstützung erleben. Genauso können wir Hilfe und Unterstützung anbieten, wenn jemand mit der Aufregung eines Pferdes, das zum aktiven Stresstyp gehört, überfordert ist, und das mit Gewalt in den Griff zu bekommen versucht. 

Stress ist unvermeidlich – für uns Menschen genau wie für unserer Pferde. Deshalb ist es wichtig, sich mit diesem Thema zu befassen, zu lernen, die Reaktionen von Pferden besser einzuordnen und auch ganz gezielt den Umgang mit gestressten Pferden zu üben. Je souveräner wir mit Stressreaktionen umgehen können, desto besser lässt er sich auflösen.

Tipp: In unserem Kurs „Vertrauen statt Angst“ gibt es ganz praktische Tipps, Übungen und Anregungen, wie sich Stress- und Angst-Situationen für Mensch und Pferd konstruktiv gestalten lassen. 

29. Oktober 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Gesundheit, Verhalten 3 Kommentare »

Was ist ein Problempferd?

So ziemlich jeder, der mit Pferden zu tun hat, kennt auch so genannte „Problempferde“. Problempferde sind zum Beispiel solche, die ihre Reiter abwerfen, die buckeln und steigen oder die davonstürmen und durchgehen. Problempferde sind aber auch die, die beißen oder treten. Und die, die faul sind und nicht vorwärtsgehen wollen. Und die, die Hilfen ignorieren und nicht tun, was sie sollen. Und die, die am Sprung verweigern oder einfach nicht angaloppieren, wenn der Mensch es will … 

Kurz und gut, Pferde gelten dann als Problempferde, wenn der Mensch sie nicht so nutzen kann, wie er es sich vorstellt – oder anders gesagt: Das Pferd macht dem Menschen Probleme und wird damit zum Problem.

Vielleicht aber ist es genau anders herum?

Nun möchte ich zu einem Gedankenexperiment einladen und die Sache einfach einmal umdrehen. Dazu können wir einmal die folgende Frage stellen:  

Ist ein Problempferd vielleicht ein Pferd,
das ein Problem mit uns Menschen hat? 

Wenn wir uns einmal klarmachen, dass Pferde natürlicherweise so gut wie nichts von dem tun, was wir Menschen von ihnen wollen, dann liegt der Gedanke nicht mehr so fern, dass genau unsere Forderungen und Erwartungen das Tier vor große Herausforderungen stellen. Wird es verständnisvoll behandelt, bekommt es Zeit zum Lernen und werden ihm seine Aufgaben auf eine pferdegerechte und angenehme Weise vermittelt, so wird es die vielen Herausforderungen meistern können, die wir ihm stellen und es wird Freude am Miteinander mit Menschen entwickeln können (viele Anregungen dazu gibt es auch hier). 

In sehr vielen Fällen aber gehen Menschen leider nicht mit den nötigen Kenntnissen über das Wesen von Pferden an die Ausbildung und das Training heran und oft bringen sie auch nur wenig Geduld, Einfühlungsvermögen oder Verständnis mit. Da sollen die Dinge möglichst schnell klappen und wenn ein Pferd nicht spurt, na, dann setzt man sich halt durch und bringt es zu dem, was man will. Die Folgen sind in weiten Bereichen überforderte und verängstigte oder auch frustrierte und abgestumpfte Pferde, die nicht lernen, aktiv und mit Spaß an Herausforderungen heranzugehen, sondern die vor allem Strafen vermeiden wollen und deshalb irgendwie funktionieren. 

Zu Problempferden werden dann solche Pferde, die nicht in diesem Sinne „funktionieren“:

  • Pferde, die vielleicht einfach nicht verstehen, was man von ihnen will.
  • Pferde, die überreizt sind angesichts all der Dinge, die Menschen von ihnen wollen.
  • Pferde, die Angst haben und nicht vertrauen.
  • Pferde mit einem starken Willen, die sich lieber auf sich selbst verlassen. 
  • Pferde, die Menschen respektlos finden und sich wehren, wenn sie unfair behandelt werden. 
  • Pferde, die aus gesundheitlichen oder psychischen Gründen nicht funktionieren können. 
  • Pferde, für die der Mensch kein Freudenanlass ist, sondern Störfaktor oder Schlimmeres.

Sind das wirklich Problempferde, nur weil sie nicht erfüllen können, was wir uns in den Kopf gesetzt haben? Wenn wir ehrlich bereit sind, über diese Frage nachzudenken, ist schon viel gewonnen für die Pferdewelt.

Problempferd

25. Juni 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Aus der Bereiterpraxis, Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 3 Kommentare »

Pferde sind vielschichtige Wesen

Ich stelle immer wieder fest, wie viele Menschen annehmen, dass Pferde eher einfach gestrickt sind, ja, gar nicht wenige halten Pferde sogar für dumme Tiere. Das macht mich traurig, denn ich habe ganz andere Erfahrungen mit diesen wundervollen Tieren gemacht. 

Labels greifen zu kurz

Man mag die Vielschichtigkeit der oft stark ausgeprägten Persönlichkeiten von Pferden nicht immer auf den ersten Blick erkennen. Wenn man ein Pferd zum Beispiel nur aus dem Stall holt, um eine Reitstunde zu absolvieren und es dann wieder zurückstellt, kann man durchaus einen eher eindimensionalen Eindruck von dem Pferd bekommen. Da ist dann vielleicht „der Brave“, der immer macht, was man von ihm will oder „die Zicke“, die schon beim Putzen ausschlägt und keine anderen Pferde mag oder „der Faule“, den man im Unterricht kaum vorwärts bekommt oder „die Dominante“, bei der man aufpassen muss, sich nichts gefallen zu lassen.

Keines solcher Etiketten wird einem Pferd gerecht – und doch sind die wenigsten davon frei, Pferden ein Label aufzudrücken.

Tipp: Überprüft Euch da doch gleich einmal selbst: Habt Ihr auch Schubladen, in denen Ihr Pferde steckt? 

Wir sehen Pferde oft durch die Augen anderer

Wenn wir mit Pferden zu tun haben, dann schauen wir sie oft beeinflusst durch verschiedene Faktoren an, derer wir uns nicht immer bewusst sind.

Zum Beispiel beeinflusst uns das,

  • was andere uns über Pferde allgemein oder auch über ein bestimmtes Pferd erzählt haben,
  • was wir über Pferde gelesen haben, 
  • was wir in Workshops vermittelt bekommen haben. 
  • unsere eigenen Erfahrungen, die wir mit Pferden in der Vergangenheit gemacht haben,
  • das, was wir in einem Pferd sehen wollen,
  • der aktuelle Fokus, den wir gerade haben,
  • unsere Wünsche und Erwartungen,
  • unsere blinden Flecken, die uns nicht alles wahrnehmen lassen, obwohl es da ist,
  • unsere Ängste
  • und vieles mehr.

Die Filter, mit denen wir auf ein Pferd schauen, sorgen dafür, dass wir Pferde oft ziemlich schablonenhaft sehen: der faule Haflinger, der durchgeknallte Araber, der ehrgeizige Hannoveraner und so weiter. So sind wir leider nicht immer offen dafür, die Eigenheiten und Besonderheiten an jedem einzelnen Pferd zu erkennen und zu würdigen. Wir sind es gewohnt, nur auf bestimmte Sachen zu achten oder interpretieren ein Verhalten immer auf eine bestimmte Art. Manchmal wollen wir etwas auch gar nicht wahrnehmen und denken uns die Welt, wie sie uns gefällt, weil wir nicht von unseren eigenen Vorstellungen und Wünschen ablassen wollen.

Vereinfachung hat negative Folgen

Die Tendenz, Pferde schablonenhaft zu sehen, hat negative Folgen. Ein sehr anschauliches Beispiel ist die inzwischen länge überholte, aber leider immer noch weiter propagierte Dominanztheorie. Danach werden verschiedenste, ganz unterschiedlich motivierte Verhaltensweisen als so genanntes „dominantes“ Verhalten gedeutet und so gut wie immer mit Härte beantwortet. Es wird nicht erkannt, dass ein Pferd vielleicht aus ganz anderen Gründen schlägt, zum Beispiel weil es kitzlig ist oder überfordert oder Schmerzen hat oder dass ein Pferd nicht aufdringlich ist, weil es ein Bully ist, sondern weil es unsicher ist.

Verallgemeinerungen und Pauschalannahmen geben uns das Gefühl, die Welt besser ordnen zu können. Indem wir Pferde in bestimmte Schubladen stecken, glauben wir zu wissen, wie wir mit ihnen umgehen müssen, was uns ein (in der Regel irrtümliches) Gefühl von Kontrolle gibt. Wir sind dann oft nicht nur in unserem Umgang mit dem Pferd auf dem Holzweg, wir versäumen auch, das Pferd mit seiner ganz eigenen Persönlichkeit kennen zu lernen. Und das ist schade! Pferde haben so viel zu schenken und wir können endlos viel von ihnen lernen, wenn wir bereit sind, sie in ihrem tatsächlichen Wesen zu erkennen. Für mich sind es zunehmend die Vielschichtigkeit und Tiefe von Pferdepersönlichkeiten, die mich begeistern und verzaubern. 

Und so möchte ich laut in die Pferdewelt rufen: Habt mehr Mut, ein Pferd wirklich kennen zu lernen! Gesteht ihnen eine eigene Persönlichkeit zu und lasst Euch davon überraschen, wie vielschichtig sie sind.

Pferde sind vielschichtig

14. Mai 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Verhalten 3 Kommentare »

Unser Bild vom Pferd

Ich komme so gut wie täglich an einem Reiterdenkmal vorbei. Es ist ein ungewöhnliches Denkmal, denn es stellt Pferd und Mensch ganz anders dar als gewohnt. Sonst werden Pferde fast immer in spektakulären Posen gezeigt, stürmend und steigend, man kann ihr scharfes Ausatmen förmlich hören und ihr erhitztes Gemüt spüren. Der Mensch auf ihrem Rücken kontrolliert das überschäumende Temperament mit Zügeln, scharfen Gebissen und Sporen und wird als Sieger über das Biest dargestellt. Er macht aus dem Wildfang einen gezähmten Untertan, weil er es will und weil er es kann.

Das Denkmal, an dem ich so oft vorbei komme, ist ein ganz anderes. Es zeigt ein gelassen dastehendes Pferd, das den Kopf erhoben trägt und in die Ferne schaut. Auf seinem blanken Rücken sitzt ein nackter Reiter und er hat keine Zügel in der Hand. Seine linke Hand ruht auf dem Mähnenkamm des Pferdes. Das Maul und der ganze Gesichtsausdruck des Pferdes ist weich und entspannt, sein Auge ist rund, es hat keine Stresskuhlen. Hier ist kein Kampf zu sehen, sondern ein Miteinander. Auch wenn der Mensch auf dem Pferd sitzt, so steht er nicht über ihm und hat es nicht gebrochen. Er wird mit dem Einverständnis des Pferdes getragen, das sich seiner entledigen könnte, wenn es wollte. Das tut es aber nicht, denn es wirkt einverstanden. Es sagt ja.Unser Bild vom Pferd

Für mich handelt es sich bei diesem Denkmal um eine der schönsten Darstellungen von Pferd und Mensch, die ich kenne, und ich habe bisher nichts Vergleichbares gesehen. Wenn ich in die Pferdewelt schaue, dann wird mir immer wieder deutlich, wie weit verbreitet dort noch immer das andere Bild ist – der Mensch im Kampf gegen das Pferd mit verbissenen Mienen, Zwangsmitteln und einem alles andere als pferdegerechten Umgang. Aber, so wie es das Denkmal gibt, das ein anderes Miteinander von Pferd und Mensch zeigt, so gibt es überall in der Pferdewelt auch immer mehr Menschen, die das Pferd als Mitgeschöpf sehen und nicht als Sportgerät. Die nicht kämpfen und nicht siegen wollen, sondern die bereit sind, sich in das Wesen Pferd einzufühlen und denen ein gemeinsamer Weg wichtig ist. Ein Weg, zu dem beide Ja sagen und der nur so zu einem echten Wir führen kann. 

Fragt Euch doch mal, welche Bilder Ihr von Pferd und Mensch im Kopf habt und ob Euch diese als energievolles Leitbild für den Weg dienen können, den Ihr Euch mit Eurem Pferd wünscht.

Ein inneres Leitbild kann einem Kraft für den eigenen Weg geben, wenn einem andere raten, sich doch „durchzusetzen und dem Pferd zu zeigen, wer das Sagen hat“. Kampf, Gewalt und Zwang können nie zu Harmonie führen, das können nur Achtung, Respekt und Einfühlungsvermögen.

Welches Bild vom Pferd hilft Euch dabei, das anzustreben? 

Unser Bild vom Pferd

4. Dezember 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Sonstiges 8 Kommentare »

Über Gratwanderungen, oder: Die Pferdewelt ist bunt

In der letzten Zeit gab es eine Reihe von, sagen wir mal, „schwierigen“ Blogbeiträgen bei uns, zum Beispiel solche, in denen es um Schmerzen bei Pferden ging darum, was nicht gut läuft in der Pferdewelt und darum, was es besser zu machen gilt. Diese Texte zu schreiben, war wahrscheinlich genauso wenig leicht, wie es ist sie zu lesen, denn sie rühren vieles an, mit dem sich keiner von uns gerne beschäftigen mag. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, genau dazu wieder einmal etwas sehr Persönliches, weil ich glaube, es geht hier um eine ganz wichtige Gratwanderung, die uns alle verbindet.

Das Ziel ist gemeinsame Freude

Ganz klar: Wir alle wollen Freude mit unseren Pferden haben, deshalb schaffen wir uns Pferde an und verbringen so viel Zeit mit ihnen, wie möglich. Mit Pferden zusammensein zu können, ist doch das Schönste, was es gibt! Und es ist vollkommen verständlich, dass wir uns diese Freude nur ungern durch erhobene Zeigefinger oder Hinweise auf Unrecht trüben lassen – das geht uns nicht anders als Euch…

Wir haben“Wege zum Pferd“ immer sehr bewusst als ein Angebot geführt, das Wege zu einem freudvollen Miteinander aufzeigen will, und gerade mir war es immer extrem wichtig, gezielt einen positiven Fokus einzunehmen. Negatives haben wir zum Teil sehr bewusst ausgeblendet, weil wir glauben, dass es wichtig ist, vor allem Energie in das zu geben, was man erreichen möchte und nicht in den Kampf gegen etwas.

So habe ich mich auch lange innerlich gewehrt, Schmerzbilder rauszusuchen und Ungutes anzuprangern, weil mir die Auseinandersetzung damit selbst ins Herz schneidet. Doch auch wir leben nicht in einem Elfenbeinturm. Wir bekommen täglich mit, was in der Pferdewelt los ist und fragen uns manchmal wirklich, was all unser Einsatz eigentlich bringt, wenn sich in der Summe so wenig zu ändern scheint. Die letzten Texte sind aus aktuellen, persönlichen Erlebnissen heraus entstanden und damit aus meiner eigenen Ohnmacht heraus, vor Ort mitansehen zu müssen, was Pferde alles erleiden müssen, ohne dass ich real und praktisch etwas tun kann. Und bei mir ist das so: Wenn ich praktisch nichts tun kann, schreibe ich eben darüber, denn das Schreiben ist mein Weg. Zugegeben, dabei kann durchaus auch mal etwas ins Negative kippen,  … ganz einfach weil es das Negative eben auch tatsächlich gibt. 

Das aber heißt wiederum nicht, dass ALLES negativ ist! Schaut Euch in unserem Blog um, all die vielen positiven Ansätze überwiegen bei Weitem und das wird auch so bleiben! Wir wollen niemanden lähmen, wollen nicht frustrieren und nicht ohnmächtig machen, aber um nicht selbst in ein Gefühl der Ohnmacht und Lähmung zu kommen, müssen wir hin und wieder unser Angebot auch dafür nutzen, ein bisschen wachzurütteln. Leider ist es dann so, dass sich meist vor allem diejenigen angesprochen fühlen und in Frage stellen, die eh schon zu viel über sich selbst grübeln, aber deshalb gar nichts mehr anzusprechen, ist auch keine Lösung, weil uns unser Angebot die Möglichkeit gibt, eben auch die zu erreichen, die einfach noch ein bisschen zu wenig nachdenken und fühlen.

Letztlich geht es immer wieder darum, Vielfalt zu erkennen. Die (Pferde-)Welt ist bunt. Es gibt alle Farben, nie nur eine. Manchmal ist einem allerdings eine Farbe besonders nah, je nachdem, was man gerade selbst erlebt oder wie man sich fühlt, und in diese Farbe wird dann erstmal alles getaucht, das kenne ich von mir selbst nur allzu gut. Um bei Frust nicht alles schwarz zu malen, fordert das Schreiben von Texten für so ein Blog also immer auch ähnlich viel Selbstreflexionsvermögen wie die Arbeit mit Pferden 😉 

Bestätigung ist wichtig, Aufklärung aber auch

Ich persönlich weiß sehr genau, wie wichtig ein positiver Fokus im Leben ist und dass Ermutigung und Bestätigung die entscheidenden Energien für positive Veränderungen sind. Das gilt für alle Bereiche im Leben. Deshalb werden wir uns unsere positive Ausrichtung auf jeden Fall bewahren – einmal für uns selbst, aber natürlich vor allem auch für Euch, um all diejenigen weiter zu nähren und zu stützen, die auf guten Wegen unterwegs sind – Ihr seid diejenigen, die Pferde brauchen!

Gleichzeitig ist aber auch Wissensvermittlung nötig, denn Unwissenheit ist ganz oft eine Quelle von unschönen Dingen. Wie sollen Leute Schmerzen bei Pferden erkennen, wenn man ihnen nicht zeigt, wie Schmerz beim Pferd aussieht? Nein, es ist nicht schön, Fotos von leidenden Pferden zu sehen, aber sie sind wichtig, weil immer noch viele einfach nicht wissen, wie sie überhaupt Schmerzen erkennen können! Ein Stück weit halten wir es tatsächlich für unsere Pflicht, unsere Präsenz dafür zu nutzen, klar zu sagen, wo es hakt, denn die Unwissenheit und Ignoranz ist in vielen Bereichen immens. Deshalb bewegen sich unsere Texte zwangsläufig zwischen warmen Wohlgefühl und bohrender Unbequemlichkeit. 

Mein Traum…  

Nach wie vor ist unser Motto „Es geht auch anders!“. Wie es anders gehen kann, zeigen die meisten unserer Blogbeiträge und vor allem auch unsere Kurse, in denen wir ganz viele praktische, schöne und freudvolle Wege auffächern. Aber hin und wieder ist es aus unserer Sicht auch nötig, Klartext zu reden, um Augen zu öffnen, sonst wird uns zu Recht das Tragen einer rosaroten Brille vorgeworfen.  Rückmeldungen darüber, dass dann tatsächlich der eine oder die andere durch einen Artikel bei uns wachgerüttelt wurde und erst durch die Anstöße etwas geändert hat, machen mir Mut, dass es richtig ist, auch dafür zu schreiben – keinesfalls nur, aber eben auch.

Und nun verrate ich Euch noch etwas: Meine ganz persönliche Traumvorstellung ist die, dass die Pferdewelt irgendwann gar kein „Wege zum Pferd“ mehr braucht – wäre das nicht wundervoll?

Bis es soweit ist, denke ich, sind aber unsere Impulse – positive, wie aber auch die unbequemen – wichtig und berechtigt. Ich ganz persönlich fühle mich dabei immer wieder auf’s Neue gefordert, diese Impulse konstruktiv zu setzen, sodass sie annehm- und verarbeitbar bleiben und werde dafür weiterhin mein Bestes geben. Eure vielen schönen Geschichten und all die tollen Beispiele, wie es tatsächlich anders geht, helfen uns sehr dabei! 

Gradwanderung

Foto von Horst Streitferdt für Kosmos

6. November 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Sonstiges 7 Kommentare »

10 Jahre Longenkurs oder: Neue Wege sind nicht immer leicht

Arbeit nach dem Longenkurs

Babettes Longenkurs gibt es jetzt seit 10 Jahren.

Zu diesem Jubiläum haben wir unsere Leserschaft nach Erfahrungsberichten zur Arbeit nach dem Longenkurs gefragt und dazu sind uns ganz wundervolle Texte und Fotos geschickt worden. Dafür ein dickes Dankeschön für alle Einsendungen und Gratulationen, wie beispielsweise die von Daniela und ihrer Stute links auf dem Foto 🙂 

Aus einigen Erfahrungsberichten werden wir noch extra Blogbeiträge machen, doch an dieser Stelle möchten wir schon mal ein paar Ausschnitte und Bilder mit Euch teilen. Wir hoffen, dass diese Euch Mut machen, wenn es mal nicht so gut vorangeht, oder auch neugierig, falls Ihr diese Arbeit selbst noch nicht kennt. 

Als erstes möchten wir Victorias Video mit Euch teilen. Ihre Geschichte hat uns sehr berührt und sie zeigt, was für ein wunderschöner Weg die Arbeit nach dem Longenkurs sein kann. Klickt hier oder direkt auf das folgende Bild, um Euch den kleinen Film bei Youtube anzuschauen:

Video 10 Jahre Longenkurs

Henrikje hat uns dann mit einer sehr berührenden Offenheit geschrieben, was sie mit dem Longenkurs verbindet: „Die Frage ist schwierig zu beantworten, tatsächlich würde ich sagen, der Longenkurs ist unbequem. Denn er ist für mich wirklich unbequem gewesen, diese Selbstreflexion, das ständige Hinterfragen und dann hat auf einmal auch das Pferd eine Meinung. Eiieiieii, ich sag euch, das war schockierend. Denn mein Training war bis dato schockierend … „ –  und damit trifft sie wohl einen der entscheidendsten Punkte: Der Longenkurs ist keine reine „Trainingsmethode“, sondern er ist eine Einladung und auch eine Aufforderung, unser eigenes Tun zu prüfen und zu hinterfragen. Er ist für die allermeisten ein neuer Weg.

Arbeit nach dem LongenkursAm einfachsten haben es sicher diejenigen, die schon in jungen Jahren eine „andere“ als die herkömmliche Herangehensweise im Umgang mit Pferden kennen lernen konnten und deshalb gleich neu- und weniger um-lernen mussten, wie zum Beispiel Carina, die unseren Longenkurs mit 15 entdeckte, hier rechts in der Anfangsphase zu sehen. 

Für diejenigen von uns, die in normalen Reitschulen groß geworden sind, ist der Weg oft schwieriger. Und das kann unter Umständen zu  Unsicherheit und Frust führen, denn rückwirkend zu erkennen, dass manches nicht so gut war, was man gemacht hat, kann auch lähmen. Die meisten treffen irgendwann auf die Frage, wie man denn nun damit umgehen soll, wenn ein Pferd nicht mitmachen will und man eben keine Gewalt anwenden will. Bisher schien die Antwort klar: man setzt sich durch, … aber genau das will man ja nicht mehr tun. Da fragt sich manch‘ einer möglicherweise sogar, ob man überhaupt noch etwas mit Pferden tun sollte und stellt für den Moment vielleicht alles in Frage. Ja, ein neuer Weg wirft immer auch viele Fragezeichen auf…

Unsere Antwort darauf war nie, Pferde einfach in Ruhe zu lassen, wenn sie nicht mitmachen wollen, sondern unsere Anregungen zielen konsequent darauf, ein freudvolles Miteinander von Mensch und Pferd zu erreichen, also ein Training, das beiden Spaß macht. Das ist und bleibt auch eines der Hauptziele der Arbeit nach dem Longenkurs. Denn: Es gibt sie, die schönen Wege, das echte Miteinander und die Freude am gemeinsamen Tun! Und wer Babette in ihren Kursen mit den Pferden erlebt, kann immer wieder sehen, wie sie auch solche Pferde wieder ins „aktive“ Leben holen kann, die eigentlich schon dicht gemacht haben. 

Also, ja, der Longenkurs kann anstrengend sein, für Körper, Geist und Seele – aber er ist bei weitem NICHT NUR anstrengend, sondern im Gegenteil: Diese Arbeit ist in der Folge dann eben auch gewinnbringend für Körper, Geist und Seele zusammen – und das bei Mensch und Pferd.

Ein neuer Weg kann zu viel Wundervollem führen, das man sonst nie erlebt hätte! 

Arbeit nach dem LongenkursFeedbacks, wie das von Beate: „Du mit deinem Training, Babette, damals noch auf deinem Hof, ganz für mich allein ;-), ganz intensiv und Tania mit ihren Gesprächen, Ihr habt mich im Laufe der Zeit völlig umgekrempelt.“ oder von Helen: „… Irgendwas fehlte da noch für die gute Laufmanier, ich wusste einfach nicht weiter, bis der Tag X kam, ich las einen Bericht von Babette (…), wie die Pferde gesund laufen lernen, an der Longe (…) Ich war sehr begeistert, verschlang buchstäblich alles von ihr und dann probierte ich es aus, und die Pferde liefen einfach viel schöner, auch gerade in der Volte (und nicht mehr auf der Vorhand wie ein Motorrad) konstanter an der Longe, es war kaum zu beschreiben.“ zeigen, dass sich das Umlernen und Dranbleiben wirklich lohnt. 

Claudia  geht noch auf einen weiteren Punkt ein: „Für mich tat sich eine neue Welt auf und ich begriff, wie viel Spaß es macht, mit dem Pferd gemeinsam vom Boden aus zu arbeiten.“ Tatsächlich liegt für viele der Fokus des Zusammenseins mit Pferden vor allem beim Reiten, aber nicht alle Pferde können oder wollen geritten werden, manchmal nur phasenweise nicht, manchmal auch dauerhaft. Und auch uns Menschen tut es oft gut, nicht nur auf das Reiten fixiert zu sein, vor allem dann, wenn wir immer mal wieder auch mit Ängsten zu tun haben oder merken, dass unser Ehrgeiz nicht immer kontrollierbar ist. Der Longenkurs bietet ein sinnvolles, gesundheitserhaltendes und fitness-förderndes Miteinander, das Freude macht – und führt letztlich durchaus oft auch wieder zurück zum Reiten und zwar auf eine für beide Seiten gute Art.

Ganz besonders freuen uns auch immer wieder die vielen Geschichten, in denen die Arbeit nach dem Longenkurs kranken Pferden helfen konnte. Stellvertretend dafür  ein Foto von Katharinas Aramis, bei dem kurz nach dem Kauf das Kissing-Spines-Syndrom diagnostiziert wurde. Heute schreibt sie: „Nicht nur Aramis, sondern auch mir hat unser anfangs oft steiniger Weg geholfen, da ich heute deutlich selbstbewusster und strukturierter an unser Training gehe und wir eine gute und abwechslungsreiche Mischung haben, unsere Zeit miteinander zu gestalten. Wir haben uns gemeinsam weiterentwickelt, sind zusammen durch Höhen und Tiefen gegangen und genießen heute endlich unbeschwert und ohne viele Gedanken an das KSS unsere gemeinsame Zeit.“

Arbeit nach dem Longenkurs

Und zum Abschluss haben wir noch ein tolles Gedicht, das uns Carolin geschickt hat: 

Als der Longenkurs 2008 erschien,
dachte ich sofort: “Das ist was für ihn!“

Ihr fragt euch, für wen? Wofür?
Na, für meinen Islandwallach Birtingür!

2002 lernte ich diese gute Seele kennen,
ab 2005 durfte ich ihn mein Eigen nennen.

Wir waren beide in den besten Jahren,
sind von Turnier zu Turnier und von Kurs zu Kurs gefahren.

Aber schon nach kurzer Zeit hab ich kapiert,
mein Pferd braucht etwas andres, damit es wieder fröhlich galoppiert!

Der arme Kerl war ganz tief in sich gekehrt,
hat sich schon bald gegen nichts mehr gewehrt.
Hat sich bei allem nur noch fest gemacht,
und Frauchen hat kaum noch gelacht.

Reiten war keine Freude mehr,
also musste eine Alternative her.

Der Longenkurs kam gerade zur rechten Zeit,
das damalige Forum dazu hat uns befreit!

Anfangs taten wir uns schwer,
wir kannten nichts Entspanntes mehr.
Doch als ich das Clickern noch begann,
war es für uns der Neuanfang!

Birtingur lernte sich zu freuen,
sagte endlich JA zu allem Neuen!
Konnte traben wie ein großer Held,
aus dem Kopf war der feste Tölt!

Auch neue Freunde traf ich beim LK,
die wohnten sogar ganz nah!

Aber nicht nur Birtingur durfte profitieren,
auch mein Jungpferd konnte ich inspirieren!
Mit dem Longenkurs begann er seine Karriere,
– ob er ohne ihn auch schon so weit wäre?!

Meine eigene Persönlichkeit hat sich ebenfalls sehr entfaltet,
die Arbeit mit dem Pferd habe ich vollkommen neu gestaltet.
Wir sagen sehr oft ja zueinander,
gehen alle Wege MITeinander.

Lieber Longenkurs, wir danken dir so sehr!
Das Leben gibt uns mit dir so viel mehr!

10 Jahre Longenkurs

In diesem Sinne: Auf die nächsten 10 Jahre Longenkurs! 

16. Oktober 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Longieren 4 Kommentare »

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    Und wer sind wir? Wir sind Babette Teschen und Tania Konnerth, Betreiberinnen dieser Seite seit 2008 – einen Artikel zu unserem 10-jährigen Bestehen gibt es hier. Wir teilen in diesem Blog unsere persönlichen Erfahrungen und unser Wissen mit Ihnen und Euch und freuen uns auf Kommentare und Rückmeldungen.

    Und hier geht es zu unseren Büchern bei Kosmos:

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