Das Nein als Kurskorrektur

Mit dem Nein eines Pferdes umzugehen, ist für viele von uns sehr schwierig. Herkömmlicherweise wird Pferden ein Nein kaum zugestanden, es folgt dann meist mehr (Nach)Druck oder gar eine Bestrafung. Bei ausgeprägten Nein-Sagern kann das zu bösen Konflikten führen und nicht selten werden solche Pferde irgendwann „aussortiert“. Da ich mit meinem Anthony einen Meister im Nein-Sagen habe, komme ich nicht darum herum, mich immer wieder aufs Neue mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Wie viele Zweifel, wie viel Hadern und wie viele Tränen mich seine Neins schon gekostet haben… – und zu wie vielen Erkenntnissen, zu wie vielen Einsichten und Lernschritten sie mir verhalfen!

Aktuell bin ich wieder intensiv dabei, von ihm zu lernen. 

Ja zum Nein

Bisher versuchte ich vor allem, etwas zu verändern: das Nein, die Umstände, die Ausrüstung, die Anforderungen, die Erwartungen, die Zeiten, die Dauer, die Ansprache, die Kommunikation, die Motivation, die Stimmung, ihn und mich und so weiter und so fort. Einige dieser Aktionen bewirkten nicht viel, andere wirkten kurz und manches änderte tatsächlich etwas, … aber dann folgt sein Nein an anderer Stelle. 

Kurz und gut: Was immer ich tat, Anthonys Neins blieben ein Bestandteil unserer Beziehung und inzwischen bin ich an dem Punkt angekommen, sie als zu ihm gehörend zu sehen. Denn das war vielleicht von Beginn an die Aufgabe: Ja zu seinem Nein zu sagen. 

Das Nein als Leitplanke

Anthony hat mich über die Jahre gelehrt, ein Nein nicht automatisch persönlich gegen mich zu nehmen, sondern es vielmehr als eine Art Leitplanke in unserem Miteinander zu verstehen. Mit seinen Neins steckt Anthony sein Terrain ab. Ja zu seinem Nein zu sagen heißt also, ihn anzunehmen wie er ist und mit den Grenzen, die er setzt. 

Manchmal muss ich nur warten. 

Manchmal loslassen. 

Manchmal nach einem anderen Weg suchen. 

Und manchmal schlicht und einfach wieder nach Hause fahren.

Und das alles möglichst ohne zu hadern, ohne mir leid zu tun und vor allem, ohne dagegen zu kämpfen. Und in diesem „Es-so-sein-lassen-können“ öffnet sich gerade eine neue Tür.

Mut zu anderen Wegen

Durch mein Ja zu Anthonys Nein gehen wir nun immer mehr seinen Weg. Das Annehmen seines Neins fühlt sich immer mehr so an, als nähme er mich an die Hand (bzw. an den Huf 😉 ), um mir zu zeigen, worum es ihm geht. Mein Ja zu seinem Nein macht es mir möglich, Führung abzugeben.

Und in diesem Prozess wird mir klar, das es verdammt schwer sein kann, sich anzuvertrauen und einzulassen. Ich bin voller Vorstellungen, Erwartungen und Bilder, die ich erfüllt sehen oder erreichen will, und sie alle stehen mir im Weg, wenn ich mich von Anthony führen lassen will. Ich muss sie oft mühsam zur Seite schaffen, drüber steigen oder drum herumlaufen und scheitere daran auch manchmal immer noch. Aber immer öfter schaffe ich es, bei einem Nein von ihm ganz weich zu bleiben. Weich und offen. Dann lasse ich es zu und warte einfach. Manchmal passiert etwas und manchmal nicht. Beides ist ok. 

Wir sind damit auf einem neuen Weg – Anthonys Weg. 

Ja zum NeinFoto von Horst Streitferdt

 

21. November 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 4 Kommentare »

Großzügigkeit ist ein Zeichen von Stärke

Leider ist immer wieder zu hören, dass wir einem Pferd nichts durchgehen lassen dürfen, da wir sonst unsere „Führungsposition“ verlieren, oder dass wir unerwünschtes Verhalten immer sofort konsequent beantworten müssen, da uns das Pferd sonst auf der Nase herumtanzt. Diese Aussagen basieren auf irrigen Annahmen über die Rangfolge von Pferden und ihre Bedeutung. Demnach gibt es angeblich feste Positionen und wer ranghöher ist, kann die Rangniedrigen wegschicken bzw. muss es sogar tun, um ranghoch zu bleiben. Der Mensch soll nach diesen Konzepten immer den höchsten Rang haben und muss also Fehlverhalten sofort quittieren. In der Praxis besteht das dann zum Beispiel in einem mehr oder weniger deutlichen Wegschicken, in einem Ermahnen oder einem Anbrüllen, in einem Rucken am Strick oder gar in Schlägen oder Tritten.  

Ein Blick in die Natur

Wie gut, dass es Menschen wie Marc Lubetzki gibt, der Pferde in freier Wildbahn filmt und uns solche Filme zur Verfügung stellt, damit wir wirklich etwas über Pferdeverhalten lernen können und nicht nur glauben müssen, was uns manch‘ ein Trainingskonzept weismachen will. Ob ein Pferd auch mal nachgibt oder gar weicht, hat nämlich keineswegs immer etwas mit der Rangfolge zu tun, sondern ganz im Gegenteil: Es kann sogar ein Zeichen von Stärke sein, dass ein Pferd eine Auseinandersetzung meidet, indem es z.B. einfach geht! Ihm ist die Sache gerade keinen Streit wert, an seiner Position kratzt das deshalb aber kein bisschen. 

Tja, und genau da können wir doch sehr viel für unser eigenes Verhalten lernen! Wie verbissen reagieren wir oft auf kleinste „Fehltritte“ unseres Pferdes oder auf das, was wir als „anmaßend“ oder gar „dominant“ interpretieren und beantworten das dann mit großem Nachdruck (aus der Sicht des Pferdes ganz sicher oft vollkommen übertrieben…).

Kontrollsucht ist ein Zeichen von Unsicherheit

Es ist ein großer Irrtum, dass wir als Mensch jeden Schritt und jedes Verhalten unseres Pferdes kontrollieren müssen. Dieser Anspruch sorgt für viel Leid und zeigt eigentlich vor allem eines: unsere Unsicherheit und Angst. Souveräne Menschen haben kein Problem damit, ihrem Pferd auch mal einen Scherz oder eine Unachtsamkeit durchgehen zu lassen und sie werden auch bei Frechheiten oder Widersetzlichkeiten nicht gleich böse, sondern reagieren gelassen und mit Bedacht. Unsichere Menschen reagieren hingegen oft genau wie unsichere Pferde: überempfindlich und aggressiv. 

Interessanterweise wird ja oft das Argument angebracht, dass Pferde untereinander auch nicht zimperlich sind – nun sind es aber gerade meist unsichere Pferde und solche, die aufgrund einer ungünstigen Herdenzusammensetzung plötzlich einen höheren Rang einnehmen als er ihnen natürlicherweise entspricht, die wie Bullys reagieren und andere Pferde angehen. Souveräne Tiere sieht man selten wirklich aggressiv werden, bei ihnen reichen oft minimale Signale, damit die anderen wissen, wann man ihnen besser aus dem Weg geht. Pferde, die mit lautem Geschrei und aggressiven Gesten versuchen, sich Respekt zu verschaffen, sind nicht souverän. 

Reflexionsfrage:
Wollen wir wirklich das Verhalten
eines Pferdebullys als Entschuldigung für unsere
eigenen Aggressionen nehmen? 

Gewusst, wann es darauf ankommt!

Entscheidend ist, einschätzen zu können, in welchen Momenten es wichtig ist, dass das Pferd auf uns hört und nicht selbst entscheidet und in welchen wir ihm Freiheiten schenken können. Und genau dieses Einschätzungsvermögen macht für mich einen guten Pferdemenschen aus. 

Es gilt sich zu fragen: 

  • Warum tut mein Pferd das gerade bzw. warum tut es nicht, was ich möchte? 
  • Hat sein Verhalten oder seine Verweigerung unmittelbar mit mir zu tun oder vielleicht mit etwas anderem? Was könnte alles der Auslöser sein, was die Ursachen?
  • Achtet mein Pferd eigentlich überhaupt gerade auf mich und wenn nicht, was ist der Grund dafür?
  • Was braucht mein Pferd in diesem Moment, um überhaupt auf mich achten zu können?
  • Ist es in diesem Moment wirklich wichtig, meine Forderung durchzusetzen bzw. muss ich sein Verhalten sofort beantworten oder kann ich erstmal abwarten?

Um solche Fragen für sich beantworten zu können, braucht es darüberhinaus ein gutes Einschätzungsvermögen über die folgenden Punkte:

  • einmal über die Persönlichkeit des Pferdes, mit dem ich es zu tun habe,
  • dann über das Verhältnis, das ich mit diesem Pferd habe, 
  • über meine momentane Ausstrahlung und Wirkung (auch Stimmung),
  • und auch über die jeweiligen Situation, in der wir uns gerade befinden. 

Aus Prinzip immer auf sein (leider oft nur vermeintliches!) „Recht“ zu bestehen, lässt uns kleinlich, zickig, mürrisch und leider auch ganz oft unfair und aggressiv werden. Großzügigkeit und Nachsicht hingegen machen das Miteinander für alle viel angenehmer … und sind ein Zeichen von Stärke!

Nachsicht

7. November 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Freiarbeit ist Energiearbeit

Ich darf zur Zeit immer mal wieder mit einem Pferd arbeiten, von dem ich sehr viel über die Freiarbeit lerne – und zwar mit Dreamer von Maja Wolpers:

Freiarbeit

Dreamer ist ein ausgesprochen temperamentvolles und sensibles Pferd, bei dem, so darf ich das wohl sagen, Genie und Wahnsinn recht dicht beieinander liegen 😉 Für mich also durchaus ein ganz anderer Typ Pferd, als was ich so gewohnt bin, und genau das macht es so spannend!  

Eine Frage der Energie

Dreamer zeigt mir deutlicher als alle anderen Pferde bisher, das Freiarbeit Energiearbeit ist. Mein Job ist es, mit unserer Energie spielen zu lernen, wie mit einem Instrument. Es geht darum Stress (also Misstöne) zu vermeiden und Dreamer darin zu leiten, seinen meist sehr hohen Energielevel in Stärke und Schönheit präsentieren zu können. 

Bei einem Pferd wie Dreamer wird die eigene Körpersprache zu einer Gratwanderung, denn ein Hauch zu viel kann aus ihm einen fauchenden Drachen machen, der dann mit gefühlten drei Metern Körpergröße vor einem steht:

Freiarbeit

Hier kann man gut die trompetenartig aufgeblähten Nüstern sehen, durch die er in solchen Situationen eindrucksvoll laut stoßweise ausatmet:

FreiarbeitAuslöser für die Aufregung in diesem konkreten Fall: Ich hatte körpersprachlich einen kleinen Fehler gemacht, worauf Dreamer – vollkommen korrekt – abwendete und die Richtung wechselte. In der nächsten Runde achtete ich besser auf meine Körpersprache, aber er wendete dennoch an derselben Stelle ab, wohl davon ausgehend, dass ich das wieder wollen würde. Obwohl ich lachte merkte er sofort, dass nun er einen Fehler gemacht hatte und das ließ seinen Stresspegel sofort hochschnellen.

Dreamer reagiert oft extrem gestresst, wenn er das Gefühl hat, einen Fehler gemacht zu haben und das muss ich in der weiteren Zusammenarbeit mit ihm berücksichtigen. Ich versuche, „Fehler“ gar nicht mehr als solche wahrzunehmen, sondern meinen Fokus unmittelbar auf eine andere Aktivität zu richten. Würde ich meine Energie in die Korrektur des Fehlers investieren, würde ich seinen Stresspegel extrem erhöhen. Statt dessen nehme ich die Energie für den Moment ganz weg und erarbeite mir die Sache quasi nebenbei noch einmal in Ruhe. 

Interessant ist, dass auch begeistertes Lob bei diesem Pferd Stress auslösen kann, so dass ich selbst bei freudiger Energie aufgerufen bin, sie dem Nervenkostüm Dreamers anzupassen. Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt: Es geht darum zu lernen, unsere eigene Energie auf das jeweilige Pferd in der jeweiligen Situation abzustimmen.

Energiearbeit erfordert ein Hinfühlen

Um bewusst mit der eigenen Energie und der des Pferdes arbeiten zu können, brauchen wir die Bereitschaft und auch die Fähigkeit zum Hinfühlen.

Ich muss ein Gespür dafür bekommen, wie es dem Pferd gerade geht:

  • Nimmt das Pferd mich überhaupt wirklich wahr oder ist es ganz woanders?
  • Ist das Pferd gestresst oder fröhlich oder müde oder frustriert oder ängstlich usw.?
  • Will es zeigen, was in ihm steckt oder weißt es gerade nicht so recht, wo ihm der Kopf steht?
  • Was macht dem Pferd Sorgen, was erhöht seinen Stress?
  • Wann ist ein guter Moment für ein Verlangsamen und für mehr Ruhe und wann geht es darum, mehr Schwung in die Sache zu bringen?
  • Kann das Pferd jetzt überhaupt langsamer werden oder muss es noch ein paar Runden rennen? Kann es (in einem anderen Fall) überhaupt mehr Energie mobilisieren?
  • Wann kann und wann sollte ich mehr Energie hineingeben, die das Pferd auf eine positive Weise nutzen kann? 
  • Wann muss ich mich selbst zurücknehmen?
  • Braucht es in diesem Moment meine Nähe oder mehr Abstand?

Genauso muss ich mir meiner eigenen Ausstrahlung bewusst werden: 

  • Was strahle ich gerade aus? 
  • Wie viel Energie geht von mir aus?
  • Welche Qualität hat diese Energie? 
  • Wodurch zeigt sich meine Energie?
  • Kann ich in dieser Situation meine Energie beeinflussen oder merke ich, dass mir das nicht gelingt? Wie kann ich das, wenn nötig, lernen und üben?

Das Pferd als Spiegel der eigenen Energie

An einem Pferd wie Dreamer kann man den Energiezustand des Menschen sehr gut ablesen, denn solche Pferde nehmen meist die Energie des Menschen komplett in sich auf und vervielfältigen diese wie unter einem Vergrößerungsglas. 

Hier zwei Trab-Fotos, in denen sehr gut zu sehen ist, wie Dreamer auf mein Mehr an Energie reagiert. Auf dem ersten Bild sieht man Dreamer im flotten Vorwärts, ausgelöst durch ein recht dezentes Mehr an Vorwärtsenergie von meiner Seite (leichtes Vorbeugen meines Oberkörpers): 

Im zweiten Bild bin ich von der Körperhaltung eher aufgerichtet und nehme etwas Energie heraus, worauf er tatsächlich ruhiger trabt. Das nutze ich dazu, ihn mit einer zarten Peitschengeste behutsam an seine innere Schulter zu erinnern, was er durch meine reduzierte Energie auch wunderbar genau so versteht und nicht als treibende Hilfe (Dreamer hatte übrigens vor nicht allzu langer Zeit panische Angst vor Peitschen, es ist schön zu erleben, dass auch ein solches Pferd lernen kann, dass es Menschen gibt, die nichts Böses damit vorhaben):

Freiarbeit

Ein temperamentvolles Pferd wie Dreamer ist immer zum Galoppieren bereit. Die Kunst aber ist, mit ihm einen ruhigen und gesetzten Galopp zu erreichen (wovon er auch hier noch weit entfernt aber für seine Verhältnisse immerhin schon auf dem Weg dorthin ist) und dafür braucht es sehr viel innere Ruhe und Sammlung meinerseits. 

Freiarbeit

Und für einen ruhigen Schritt in korrekter Stellung und Biegung braucht es fast schon die Grundenergie eines Buddhas 🙂 

Freiarbeit

Die Energie unserer Gedanken

Sehr wichtig ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass auch unsere Erwartungen Energie sind und dass wir gerade bei so sensiblen Pferden wie Dreamer nicht nur auf unsere Körpersprache achten müssen, sondern auch auf unsere Gedanken und inneren Bilder. Wir können körpersprachlich noch so ruhig wirken, wenn wir innerlich (ab)werten oder kritisieren, hadern oder fordern, merken sehr viele Pferde das sofort und werden darauf reagieren.

Weniger ist hier auf jeden Fall mehr, denn für mich besteht das Ziel guter Freiarbeit nicht in spektakulären Aktionen, sondern vielmehr dazu, dass sich auch ein Pferd wie Dreamer vertrauensvoll entspannen kann, um dann auf dieser Basis heraus zeigen zu können, was in ihm steckt. 

Freiarbeit

31. Oktober 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Freiarbeit, Umgang, Verhalten 14 Kommentare »

Mehr Mitsprache fürs Pferd – so geht’s!

Im herkömmlichen Umgang haben Pferde selten ein Mitspracherecht. Auf mehr oder weniger nette Art setzt der Mensch seinen Willen durch und wenn das Pferd aufmuckt, wird immer noch viel zu wenig gefragt, warum es das tut. Statt dessen werden nötigenfalls härtere Maßnahmen eingesetzt, um das Pferd eben doch zu dem zu bringen, was man von ihm will. Dabei gibt es viel schönere Wege, solche Herausforderungen gemeinsam MIT dem Pferd anzugehen und zu lösen. 

Wir möchten hier einen von diesen Wegen zeigen. Inspiriert wurde er von dem so genannten Initiatorsignal aus dem Clickertraining (wer mehr darüber wissen will, kann das in diesem Beitrag nachlesen) und abgewandelt für den Einsatz auch für Pferdeleute, die nicht klassisch clickern. 

Das ist Caruso: 

Initiatorsignal Fliegenspray(Fotos von Martin Paasch)

Caruso findet es ziemlich schrecklich, mit Anti-Fliegenspray eingesprüht zu werden (sein Blick hier zeigt sehr gut seine Skepsis). Da ihm aber Bremsen, Mücken und Fliegen das Leben im Sommer schwer machen, haben seine Menschen immer wieder versucht, ihn doch davon zu überzeugen, dass Fliegenspray gar nicht so schlimm ist. Caruso entzog sich aber immer und immer wieder deutlich dem Einsprühen, indem er auswich und den Kopf hochnahm. Selbst zu mehreren und mit viel liebevollem Zureden und Leckerlies war es oft so gut wie unmöglich, ihn einzusprühen.

Ich erzählte seiner Besitzerin Maja dann von dem Initiatorsignal und schickte ihr einen Videolink. Nun clickert Maja selbst nicht, übernahm aber die Grundidee, Caruso ein Mitspracherecht in der Sache zu geben. Und das hat sehr vieles geändert: Bis heute ist Caruso zwar noch immer kein großer Fan vom Fliegenspray – ABER: er lässt es sich inzwischen gefallen und zwar, weil er den Prozess aktiv mitgestalten kann.

Das Pferd entscheidet

Und so geht’s: Zunächst achtete Maja sehr genau darauf, was Caruso den größten Stress bei der Prozedur bereitet und fand auf diese Weise heraus, dass er einen mit dem Spray getränkten Schwamm etwas besser ertragen konnte als das Ansprühen. Und damit begann sie zu arbeiten. Allein das zeigt schon, was dieser Ansatz bewirkt: nämlich, dass wir achtsam für das Pferd und sein Problem werden und nicht einfach nur unsere Vorstellung durchziehen.

Carusos Reitbeteiligung Isabell zeigt hier, welchen Ablauf Carusos Menschen und er zusammen erarbeitet haben: Sie gibt das Spray auf einen Schwamm und hält Caruso diesen Schwamm hin, so dass er genau sehen und riechen kann, was das ist. Wenn Caruso den Schwamm berührt, darf der Mensch ihn ein Stück weit damit einreiben: 

Initiatorsignal Fliegenspray

Initiatorsignal Fliegenspray

Zeigt Caruso, dass es ihm zu viel wird, hört der Mensch sofort auf! 

Initiatorsignal Fliegenspray

Statt dessen wird wieder der Schwamm eingesprüht und Caruso hingehalten. Durch Berühren des Schwammes gibt er das Signal, wann weiter gemacht werden kann.

Initiatorsignal Fliegenspray

Auf diese Weise ist es inzwischen möglich, ihn relativ entspannt allein am ganzen Körper einzureiben, was noch zu Beginn des Sommers undenkbar war.

Initiatorsignal Fliegenspray

Gut investierte Zeit

Vielen, denen ich bei Problemen eine solche Vorgehensweise vorschlage, scheint der Zeitaufwand zu groß. Und ja, zu Beginn kann dieses Vorgehen, zugegebenermaßen, schon länger dauern. Aber der Einsatz lohnt sich, denn man bekommt auf diese Weise echte Freiwilligkeit. 

Dem Pferd ein Mitspracherecht zu geben, ist ein sehr respekt- und liebevoller Weg, die Meinung des Pferdes anzunehmen und MIT ihm zu arbeiten. Es geht nicht darum, dem Pferd komplett seinen Willen zu lassen, sondern Ziel ist, ein Problem GEMEINSAM mit dem Pferd zu lösen. 

Ganz wichtig: Schlägt man diesen Weg ein, darf man nicht zwischendurch, weil es mal schnell gehen soll, doch wieder in  einer Hauruck-Aktion das Pferd gegen seinen Willen einsprühen. Damit verspielt man sich das zuvor erarbeitete Vertrauen! Wenn mal keine Zeit ist, ist es besser, auf das Einsprühen zu verzichten und es sollten unbedingt auch alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

10. Oktober 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Gesundheit, Ideen, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Die Grenze zwischen Nutzung und Missbrauch

Wir werden nicht müde, immer wieder auch darauf hinzuweisen, dass vieles in der Pferdewelt falsch läuft und eine ständige Quelle von Missbrauch gegenüber Pferden ist aus unserer Sicht der Anspruch des Menschen, ein Pferd für seine eigenen Ziele und Vorhaben zu benutzen. Deshalb gehören wir aber nicht zu denen, die Arbeit mit Pferden gleich komplett ablehnen.

Wie so oft liegt die Wahrheit nicht in den Extremen, sondern in der Mitte und sie gestaltet sich sehr vielfältig. Es ist für uns keineswegs grundsätzlich falsch, ein Pferd zu „nutzen“, ganz im Gegenteil: Gemeinsame Erlebnisse mit Pferden sind etwas Wunderschönes! Aber – und das ist leider das, was oft schiefläuft – es soll für beide Seiten etwas Schönes sein. 

Es kommt immer darauf an…

Nun gibt es keine festen Regeln, an die man sich halten kann, wenn es darum geht, was man von einem Pferd verlangen kann und wann man über seine Grenzen geht, sondern es muss im Einzelfall, je nach Stimmung, Persönlichkeit und Situation immer wieder neu überprüft werden, ob die Erwartung und Forderung des Menschen etwas ist, das das Pferd einlösen mag und kann oder eben nicht. Um hier angemessene Entscheidungen treffen zu können, müssen wir uns freimachen von herkömmlichen Sprüchen wie „Pferde müssen geritten werden!“ genauso wie von den anderen Extremen alá „Jede Arbeit mit einem Pferd ist Gewalt.“, um wirklich hinschauen und vor allem hinspüren zu können. 

Es spielen viele Faktoren in die Frage hinein, ob mit einem Pferd etwas getan werden muss oder nicht, wie zum Beispiel: 

  • die Haltung (je pferdegerechter die Haltung ist, desto weniger zwingend ist eine Beschäftigung der Pferde),
  • die Rasse (bei manchen Rassen sind Leistungswille und Temperament Zuchtziele, diese Pferde brauchen eine andere Auslastung als Rassen bei denen vielleicht Gelassenheit und Ruhe Zuchtziele sind),
  • das Alter (sehr junge Pferde brauchen, sofern sie altersgerecht gehalten werden, noch keine Beschäftigung durch den Menschen, sondern sollten möglichst Pferd sein können, während zum Beispiel gerade ältere Pferde nicht einfach vorschnell in Rente geschickt werden sollten, denn für manche von ihnen bricht eine kleine Welt zusammen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden),
  • die Gesundheit (bei gesundheitlichen Problemen sollte noch genauer überlegt werden, was mit einem Pferd wirklich gemacht werden kann und was nicht, gleichzeitig können alternative Aktivitäten mit einem Pferd es gerade bei gesundheitlichen Problemen ablenken, für Freude sorgen und auch nötig für eine Genesung sein),
  • die Persönlichkeit (ein sehr wichtiger und oft entscheidender Punkt, der unbedingt zu berücksichtigen ist!),
  • die aktuelle Situation (wie die momentane Laune und Stimmung (bei Pferd und Mensch) oder besondere Vorkommnisse, die Einfluss auf die Bereitschaft des Pferdes haben, etwas mit uns zu machen)
  • und anderes mehr. 

Es gibt Pferde, die sehr glücklich und zufrieden damit sind, einfach nur Pferd zu sein und sich hin und wieder von ihrem Menschen betüddeln zu lassen. Wenn sie artgerecht in einem funktionierenden Herdenverband leben, nicht übergewichtig sind und kein Reitergewicht zu tragen haben, müssen viele Pferde nicht unbedingt systematisch gymnastiziert werden, um gesund zu bleiben – obwohl Bewegung natürlich grundsätzlich gut ist. Für manche Pferde hingegen ist ein Grundmaß an guter und angepasster Gymnastizierung notwendig, damit sie dauerhaft gesund bleiben. Dann gibt es Pferde, die sich selbst in einer artgerechten Haltung mit Pferdegesellschaft schnell langweilen und unterfordert sind und die einfach ein Stück weit körperliche Auslastung brauchen, um zufrieden und ausgeglichen zu sein. Und viele Pferde nehmen was kommt, sie genießen Ruhe aber es macht ihnen auch nichts aus, Dinge für uns zu tun, die sie sonst vielleicht nicht tun würden; in diesen Fällen ist es gut, immer wieder darauf zu achten, dass solche Pferde auch Freudemomente erleben und nicht nur Dienst nach Vorschrift machen. 

Wo beginnt der Missbrauch?

Die Nutzung eines Pferdes ist aus unserer Sicht vollkommen in Ordnung, wenn beide dazu ja sagen, keiner darunter leidet und beide im besten Fall etwas Positives daraus ziehen können. Missbrauch findet für uns dann statt, wenn einer der Beteiligten etwas nicht will und dann mit Gewalt und Druck gezwungen wird.

Wichtig für uns Pferdemenschen ist, immer achtsam für unser Pferd zu bleiben und wahrzunehmen,

  • was es tut, weil es das von sich aus gerne macht,
  • was es für uns tut, aber nicht aus eigenem Antrieb,
  • was es tut, weil wir es ihm schmackhaft machen
  • und was es aus Angst (wovor auch immer) tut oder weil es zu kämpfen aufgehört hat. 

Das Ziel ist Freiwilligkeit

Für uns ist freudige Freiwilligkeit immer das Ziel.

Tut ein Pferd etwas, das wir möchten oder für wichtig halten, nicht, so ist es unsere Aufgabe, Wege zu suchen, die dem Pferd ein Ja zu unseren Absichten möglich machen beziehungsweise müssen wir unsere Erwartungen und Forderungen anpassen.

Hin und wieder wird es im Miteinander von Mensch und Pferd auch Momente geben, in denen wir Menschen unser Pferd zu etwas bringen müssen, das vielleicht wichtig oder gar unerlässlich ist. Je nach Dringlichkeit (z.B. durch Gefahren) ist in solchen Ausnahmesituationen unter Umständen auch Druck angemessen (der ja auch in sehr unterschiedlicher Stärke eingesetzt werden kann).

Dauerhafter Druck hingegen, ein gewohnheitsmäßiger Einsatz von Zwangsmitteln und ständige Gewalt auch im Kleinen sind aus unserer Sicht immer als Missbrauch zu bewerten und damit abzulehnen. 

Nutzung oder Missbrauch

19. September 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Gelernt ist gelernt!

Heute möchte ich den Blogbeitrag aus der letzten Woche ergänzen. Darin ging es darum, dass Pferde manchmal Sachen, die sie eigentlich kennen und können, nicht tun oder sich anders als gewohnt verhalten. Sie achten einfach viel mehr auf Details als wir und durch kleine Veränderungen oder solche, die uns gar nicht bewusst sind (z.B. Gerüche, die wir nicht wahrnehmen, Stimmungen u.ä.) kann aus ihrer Sicht alles ganz anders sein, obwohl wir selbst davon ausgehen, dass es genau dasselbe ist, was wir immer wollen. Was in diesem Beitrag keinen Platz hatte, war darauf hinzuweisen, dass Pferde auf der anderen Seite ein ganz hervorragendes Erinnerungsvermögen haben – und das soll hier nun einmal richtig gewürdigt werden!

Pferde können sich unglaublich viel merken:

  • Pferde merken sich zum Beispiel all die vielen Hilfen, Signale, Stimmkommandos und Gesten, die wir nutzen, um sie bestimmte Dinge machen zu lassen und können diese oft auch dann zuordnen, wenn sie von verschiedenen Personen gegeben werden. 
  • Sie merken sich Bewegungsabläufe (was sich z.B. zeigt, wenn man den Ablauf von Bahnfiguren verändert, oft ist das Pferd zunächst irritiert). 
  • Pferde merken sich Zeiten und Abläufe (wer einmal zu spät zur Futterzeit gekommen ist, wird das wissen).
  • Sie merken sich eine Vielzahl von unterschiedlichsten Lektionen, Übungen und Tricks. 
  • Sie lernen unzählige Gegenstände, Gerüche und Geräusche kennen, auf die sie dann vertraut reagieren. 
  • Pferde merken sich so ziemlich alle Wege, die sie schon mal gelaufen sind und oft dort auch Gegenstände (was man merken kann, wenn diese z.B. fehlen oder anders stehen). 
  • Sie merken sich Begegnungen mit anderen Pferden und Menschen und erkennen bereits getroffene Lebewesen wieder und anderes mehr.

Ich denke, wir sollten uns viel öfter dankbar bewusst machen, wie gut sich Pferde so vieles merken. Es geht wieder einmal darum, dass wir nicht alles als selbstverständlich nehmen sollten. So oft heißt es, dass Pferde eher dumme Tiere sind, schaut man sich aber einmal ganz bewusst an, was sich Pferde alles merken, welche Beziehungen sie zwischen Gelerntem und Forderungen ziehen können und zu welchen Übertragungsleistungen sie in der Lage sind, wenn sie zum Beispiel von mehreren Menschen gearbeitet werden, müssten wir eigentlich ständig begeistert über sie staunen. Und wenn wir es ihnen erlauben, sind sie sogar in der Lage Aufgaben zu kombinieren und so eigene Vorschläge und Weiterentwicklungen von Übungen und Lektionen anzubieten.

Und weil es so gut passt noch ein kleines Beispiel von uns (herzlichen Dank an Isabell Kößler für die Fotos!): 

Zum Beispiel Luftballons

Es ist fast zehn Jahre her, dass ich mit Anthony das Zertreten von Luftballons erarbeitet hatte – diese Übung findet Ihr hier ausführlich beschrieben und hier und hier gibt es noch zwei Beiträge mit Videos dazu. Deshalb war ich mir nicht sicher, wie er nun darauf reagieren würde. Nach einer Feier hatten wir neulich einige Luftballons im Stall und ich dachte mir: Probieren wir es doch einfach mal wieder.

Von weitem fand er die Ballons etwas beunruhigend, aber beim Kontakt schien er sie sofort einordnen zu können.

Ich band dann welche an einer Schnur, da diese besser zu positionieren sind und nicht vom Wind weg gepustet werden. Auch diese wurden erst einmal kurz inspiziert:

Anthony kam nicht von sich aus auf die Idee, die Luftballons zu zertreten, also lud ich ihn per Spanischen Gruß dazu ein:

Und tatsächlich schien er sich da genau daran zu erinnern, was gefragt war! Prompt landete sein Huf direkt auf einem Luftballon, der aber nicht gleich zerplatzte: 

Dann probierte er es nach einer Weile mit etwas mehr Schmackes und brachte so auch erfolgreich einen zum Platzen 🙂

Gelernt ist halt gelernt! 🙂

Habt Ihr auch Beispiele von Sachen, die Euer Pferd nach langer Zeit noch gut erinnert hat? Dann teilt sie hier gerne in den Kommentaren mit uns. 

22. August 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Spiele & Co, Verhalten 6 Kommentare »

Aber das klappte doch schon!

„Menno, das konnten wir doch schon!“

„Der zickt nur, denn eigentlich kann er das!“

„Es ist zum Verrücktwerden, das ging doch gestern noch problemlos!“

„Kannst Du nicht mal still stehen, bist doch sonst nicht so ein Hampelmann!“

Kommen Euch diese Sätze bekannt vor? Schon mal gehört oder auch selbst gedacht oder gesagt? 

Diese und ähnliche Sätze zeigen einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen Menschen und Pferden: nämlich dass Pferde immer im Hier und Jetzt leben und Menschen meistens nicht. 

Für ein Pferd ist jeder Tag, ja manchmal jeder Moment, in gewisser Hinsicht „neu“. Durch ihre Instinkte, ihre Sinne und ihr Wesen entspricht es ihrer Natur, jeden Moment zu leben und nicht vorauszuplanen oder groß zurückzudenken. Wir Menschen hingegen sammeln Erfahrungswissen und leiten daraus Erklärungen für Vergangenes und Schlüsse für das Jetzt und die Zukunft ab. Deshalb denken wir dann auch so etwas wie: „Mein Pferd ist 20mal problemlos an dem Traktor vorbeigegangen, also kann ich das von ihm jetzt und auch in Zukunft erwarten.“ Und wir gehen sogar meist noch weiter: „Wenn mein Pferd an diesem Traktor vorbeigeht, kann ich auch erwarten, dass es an einem anderen vorbeigeht.“ Aber genau das ist eben nicht immer einfach so der Fall und aus dieser Vorannahme des Menschen entstehen viele Ungerechtigkeiten gegenüber Pferden:

  • Wenn ein Pferd zum Beispiel in der Halle etwas Ungewöhnliches riecht und es den Kopf hochreißt und die Nüstern bläht, dann nützt es ihm nichts, wenn ihn sein Mensch anfährt: „Hey, Du kennst die Halle doch, spinn hier nicht rum!“
  • Wenn ein Pferd auf der altbekannten Geländerunde etwas sieht, das vorher nicht da war (das dem Menschen aber gar nicht auffällt), und es deshalb stehen bleibt, kann der Mensch noch so sehr darauf pochen, dass doch alles wie immer ist und Sporen und Gerte einsetzen, um das Pferd vorwärtszutreiben, dem Pferd hilft das nicht.
  • Wenn ein Pferd, das sonst immer problemlos von der Weide mitkommt, sich an einem Tag weigert, dann nützt es nichts, darauf zu bestehen, dass das „doch noch nie ein Problem“ war und das Pferd vielleicht mit Druck und Gewalt zum Mitkommen zu zwingen
  • Wenn ein Pferd bei der Hufpflege plötzlich das eine Bein ständig wegzieht, weil es ihm das Hinterbein oder der Rücken an diesem Tag weh tut, dann ist es unfair, es dafür zu strafen und das mit einem „Der kann sonst auch ruhig stehen!“ zu begründen. 
  • Und wenn ein Pferd nach einem Umzug plötzlich kaum noch zu reiten ist, weil aus dem vorher eher ruhigen Tier ein Nervenwrack geworden ist, dann ist es vollkommen ungerecht, es anzuschimpfen, dass es sich gefälligst nicht so anstellen soll oder es gar für sein Verhalten zu bestrafen.

Pferde leben im Jetzt

Wenn sie  JETZT etwas Beunruhigendes wahrnehmen, dann zeigen Pferde diese Unruhe, ganz egal, ob sie den Ort eigentlich gut kennen oder die Situation schon x-mal da war, je nach Persönlichkeit nur gering oder eben auch deutlich. Ein Mensch, der in diesen Momenten grob und unwirsch reagiert, handelt nicht pferdegerecht. 

Pferdegerechtes Denken heißt sich immer wieder bewusst zu machen, dass für ein Pferd in jedem Moment alles anders sein kann als es zuvor war, ohne dass uns das als Menschen wirklich bewusst ist: Es kann anders riechen, es kann andere Geräusche geben, die Atmosphäre kann anders sein, es selbst kann in einer anderen Stimmung sein, ihm kann etwas weh tun, wir können etwas anderes ausstrahlen, es kann windig sein oder kalt oder warm, das Nachbarpferd kann besorgt sein, in der Ferne kann ein anderes Pferd aus Not wiehern und so weiter und so fort. Und entsprechend anders kann jeweils unser Pferd sein und wir müssen verstehen, dass es das nicht willentlich macht, sondern immer als Reaktion auf etwas, das für das Pferd in diesem Moment real und wahr ist. 

Sicherheit geben

Das heißt nun nicht, dass wir jede Laune, Stimmung oder Störung zum Anlass nehmen müssen, alles, was wir gerade mit unserem Pferd tun wollten, sein zu lassen. Aber wir sollten einfach immer wieder das nötige Verständnis für unser Tier aufbringen und ihm nicht unterstellen, dass es uns ärgern oder veralbern will. Diese Annahme ist purer Unsinn und vermenschlicht Pferdeverhalten. Die Sorge eines Pferdes ist in dem jeweiligen Moment immer real für das Pferd, genauso wie es Schmerzen sind oder Aufregung und alles andere. Für uns Menschen steht an, zunächst wahrzunehmen, was unser Pferd gerade bewegt, wenn möglich die Ursache für das Verhalten auszumachen und dann so auf unser Pferd einzugehen und MIT ihm zu arbeiten, dass es sich gut und sicher aufgehoben fühlt und uns vertrauen kann. Denn das ist das Gefühl, welches wir unserem Fluchttier Pferd immer vermitteln sollten: dass es bei uns sicher ist.

Wer sein scheuendes Pferd bestraft, bestätigt es in seiner Angst. Wer einen Stressbeißer schlägt, erhöht den Stress. Wer ein Pferd mit Schmerzen zwingt, weiter Schmerzhaftes zu tun, verstärkt seine Not. Nur wenn wir verstehen, dass die Welt für unser Pferd jedes Mal eine andere sein kann, können wir so reagieren und mit ihm umgehen, dass es uns als verlässlichen Partner kennen und schätzen lernt und nur dann kann unsere Präsenz für unser Pferd beruhigend, wohltuend und tröstlich sein. 

An dieser Stelle müssen wir Menschen lernen, nicht die Pferde. Und die Lernaufgabe lautet: Annehmen, was jetzt gerade ist und nicht dem Pferd vorwerfen, dass es willentlich anders ist, als wir wollen, und deshalb sauer und ungerecht zu werden. Damit verspielen wir jede Chance auf ein vertrauensvolles Miteinander.

15. August 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 9 Kommentare »

Dominanz ist nicht pferdegerecht

Was wir hier schon lange immer wieder aufs Neue schreiben, ist nun endlich auch wissenschaftlich bestätigt: Die Dominanztheorie ist menschliches Denken und NICHT pferdegerecht. 

Wissenschaftliche Studien widerlegen die Dominanztheorie

In diesem mehr als wichtigen Artikel wird ein Positionspapier der Internationalen Gesellschaft für Pferdewissenschaften ISES (International Society for Equitation Science) zusammengefasst – den Originaltext gibt es hier

In diesem Papier wird

  • einerseits darauf hingewiesen, dass zahlreiche Studien des Sozialverhaltens von wild lebenden Pferden sowie von Hauspferden gezeigt haben, dass es in den Herden keine Dominanz-Hierarchien oder Alpha-Positionen gibt
  • und andererseits wird deutlich betont, dass Ausbildungskonzepte und Beziehungen, die auf der Dominanz-Theorie aufbauen, gegen das Pferdewohl gehen können. 

Mehr noch: Das immer wieder als „natürliches Pferdeverhalten“ erklärte Dominanz-Gebahren ist Pferden fremd. Pferde sind auf ein soziales Miteinander angewiesen. Kommt es zu einem Streit um Ressourcen, findet dieser punktuell statt, aber es konnte nicht beobachtet werden, dass es Pferden darum geht, ein anderes Pferd grundsätzlich zu beherrschen. 

… und beschreiben den oft daraus resultierenden Missbrauch

Weiterhin wird ganz klar benannt, dass die Dominanz-Theorie häufig dazu dient, nicht pferdegerechtes Verhalten zu rechtfertigen, z.B.:

  • Bestrafung,
  • aggressives Verhalten dem Pferd gegenüber,
  • Einschüchterung,
  • Missbrauch,
  • Gewalt.

Aggressivität löst bei Pferden Angst aus und natürlicherweise versuchen Pferde einem aggressiven Gegenüber auszuweichen und Begegnungen mit ihm zu vermeiden. Das heißt, dass nicht nur die Pferde unter der falschen Behandlung leiden, sondern auch die Beziehung von Mensch und Pferd.  

Wie Mensch-Pferd-Beziehungen aussehen sollen

Die Dominanztheorie ist als Basis für eine harmonische Beziehung von Mensch und Pferd nach Ansicht der Forscher ungeeignet. Mensch-Pferd-Beziehungen sollten immer auf einem Verständnis der natürlichen Verhaltensweisen von Pferden basieren und nicht auf menschlichen Interpretationen aus der eigenen Erfahrenswelt. 

Wichtig für ein harmonisches Verhältnis sind also echtes Verständnis für Pferde und ein ruhiger, klarer und beständiger Umgang. 

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30. Mai 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 16 Kommentare »

Zurück auf Los… – und doch auch nicht

Wie oft hatte ich in all meinen Jahren mit meinem Anthony schon das Gefühl, wieder von vorne anfangen zu müssen: „Bitte begeben Sie sich direkt auf Los…“ Dieser Eindruck aber ist, wie mir langsam immer klarer wird, nicht ganz richtig, denn es sind nur gefühlte Rückschläge, nicht aber reale. 

Anthony ist ein Pferd bei dem vieles, was man herkömmlicherweise so mit Pferden macht, nicht funktioniert. Er will ganz vieles nicht und selbst wenn er für eine Weile zu einer Sache Ja sagt, kann das auch wieder in ein Nein umschwenken und dann ist das, was man eigentlich dachte zusammen tun zu können, erstmal vom Tisch. 

Es ist für mich inzwischen sehr spannend mich selbst zu erleben, wenn mein Pferd mal wieder mit einem deutlichen „Ich bin dagegen“-Schild vor mir steht, denn, obwohl ich es inzwischen gewohnt bin und eigentlich weiß, dass es keinen Sinn macht, reagiere ich immer noch oft zunächst mit alten Mustern. Ich probiere dann auf unterschiedliche Weisen doch das zu machen, was ich vorhatte: Ich versuche sein Nein zu ignorieren, ihn zu bezirzen, vielleicht doch ja zu sagen, ich frage ein paar Tage später noch mal nach, ich versuche es mit mehr Nachdruck… – immer mit demselben Ergebnis, dass ich über kurz oder lang akzeptieren muss, dass dieser Weg für unbestimmte Zeit dicht ist. 

Dann bin ich meist erstmal etwas frustriert; lange nicht mehr so wie früher, aber eben doch ein bisschen. Bei einem Pferd, bei dem man befürchtet, dass es irgendwann ganz dicht macht, sind Sachen, zu denen es Ja sagt, so kostbar, dass man sie auf keinen Fall verlieren will. Tja, aber der entscheidende Punkt an einem „Ja“ ist, dass es nur freiwillig gegeben werden kann. Ein Ja ist ein Geschenk und man kann bzw. darf es nicht erwarten. Wird einem die Sache nicht mehr geschenkt, hat man letztlich kein Recht, sie einzufordern. 

Wenn ich mir das klar mache, stehe ich meist erstmal etwas ratlos da. Und diese Ratlosigkeit ist, wie ich langsam begreife, etwas Gutes, denn sie öffnet einen Begegnungsraum. Nicht einfach mit den Sachen oder auf die Weise weitermachen zu können, die bis jetzt gingen, lässt mich innehalten. Ich wende mich meinem Pferd zu. Ich frage:

  • Was wünschst Du Dir von mir?
  • Was kann ich für Dich tun?
  • Was brauchst Du? 

„Zurück auf Los“ bedeutet für mich inzwischen viel mehr „Zurück zu Deinem Pferd“, also die Bereitschaft, mich wieder neu auf mein Pferd einzulassen und es wahrzunehmen. Eigentlich ist es auch kein Zurück, sondern viel mehr ein Hin, denn es geht darum, mich darauf einzulassen, wieder einmal einen neuen Weg im Miteinander einzuschlagen und das auf einer Basis von ganz viel Gewachsenem. Denn das ist das Wundervolle an der Sache: Ich verliere gar nicht wirklich, sondern im Gegenteil: ich gewinne. Ich lerne immer mehr, bereit und auch flexibel genug zu sein, mich auf Neues, auf Veränderungen, auf Entwicklungen und damit auf den Fluss des Lebens einzulassen. Und das ist ganz klar der Verdienst von Anthony. Er coacht mich mit seinem Sein genau dort hin.

„Zurück auf Los“ heißt also eigentlich „Öffne Dich für etwas Neues“ – eine Fähigkeit, die sehr kostbar nicht nur im Umgang mit Pferden ist. 

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23. Mai 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Was erwarten wir eigentlich?

Wir haben viele Erwartungen an unsere Pferde. Im Gegensatz zu anderen Haustieren, wie z.B. Hamster oder Katzen reicht es uns nicht, dass wir sie einfach nur haben und wir uns an ihrer Gegenwart erfreuen, sondern wir stellen oft sehr klare Anforderungen an sie:

Wir wollen sie reiten und dabei sollen sie vielfältige Lektionen zeigen, egal wie gut oder schlecht wir reiten. Sie sollen springen, möglichst spektakulär hoch und weit. Sie sollen Kutschen in allen Formen ziehen. Wir wollen mit ihnen besser als andere sein und Schleifen gewinnen oder Pokale. Sie sollen uns so lange wir wollen sicher durch jedes Gelände tragen, sollen vor nichts Angst haben, dabei aber eben auch nicht langweilig, sondern, dann wenn wir wollen, auch spritzig und flott sein. Sie sollen Zirkuslektionen können, unter und auf Planen herumlaufen, Bälle kicken, Dinge apportieren, sich Hula-Hoop-Reifen über den Kopf werfen und vieles, vieles mehr. Auch frei sollen sie genau das tun, was wir wollen, am besten auf kleinsten Fingerzeig hin.

Bei all dem sollen sie natürlich immer freundlich und gut gelaunt sein. Sie sollen jederzeit sicher im Umgang sein und verlässliche Nutztiere für uns und unsere Kinder. Sie sollen für uns da sein, wann immer wir sie von ihren Artgenossen oder vom Futter wegholen. Sie sollen ihre natürlichen Instinkte unterdrücken und sollen sich anbinden lassen, die Hufe geben und beim Putzen stillstehen, auch wenn wir sie vielleicht kitzeln oder ihnen die Berührungen unangenehm sind oder wir sie warten lassen, weil wir noch telefonieren müssen. Sie sollen mit der Haltung zufrieden sein, die wir ihnen zur Verfügung stellen, egal wie wenig artgerecht sie auch immer ist. Sie sollen auch mit unpassendem Zubehör und mit Schmerzen alles tun, was wir wollen und sie sollen ein Leben lang gesund, fit und einsatzfähig sein.

Darüber hinaus sollen sie unsere Launen wegstecken, uns Spaß machen und sie sollen unser Freund sein und uns zuhören, uns 100%ig vertrauen und mit uns durch dick und dünn gehen und… und… und…

Tja, am besten sollen Pferde schlicht und einfach perfekt funktionieren

Vielleicht wollen wir einfach ein bisschen zu viel?!

Möglicherweise erscheint manch einem diese Darstellung als etwas überspitzt, aber wer die Pferdewelt (und sich selbst) auch nur mit ein klein wenig Abstand betrachtet und vor allem einmal etwas genauer auf all die „Probleme“ hört, die wir Menschen mit unseren Pferden haben, könnte zu einem ähnlichen Bild kommen. Endlos viele Probleme haben damit zu tun, dass ein Pferd nicht die – zum Teil eben tatsächlich sehr, sehr hohen, wenn nicht gar unerreichbaren – Erwartungen seines Menschen erfüllt.

Wenn man das Ganze mal auf den Punkt bringt, dann sind Pferde nicht unsere Haustiere (so wie z.B. Katzen oder Meerschweinchen) sondern Arbeitstiere, also Tiere mit einem Job – und das gilt nicht nur für Berufsreiter, sondern auch für Pferde von Freizeitreitern. Wir investieren schließlich viel Geld in unsere Pferde und sind davon überzeugt, einen Anspruch auf all die erwarteten Leistungen zu haben. 

Aber, und diese Frage ist ganz entscheidend: Haben wir den wirklich? 

  • Haben wir tatsächlich das Recht, all das von unseren Pferden einzufordern, was wir wollen?
  • Was genau gibt uns das Recht, in dieser Form über ein anderes Lebewesen zu verfügen und unsere Erwartungen ggf. auch mit Gewalt durchzusetzen?
  • Und wie weit geht dieses Recht, das wir zu haben glauben? 
  • Wozu führt unsere Überzeugung, in unseren Forderungen im Recht zu sein? 
  • Und was wäre, wenn wir dieses Recht in dieser Form eigentlich gar nicht haben? 

Das sind provokante Fragen, mit denen ich mich seit Längerem immer intensiver befasse und von denen ich glaube, dass sie sich jeder Pferdemensch immer wieder stellen muss. Ich sehe in ihnen den Schlüssel zu einem pferdegerechteren Umgang, denn nur wenn die Bereitschaft da ist, die eigene Anspruchshaltung wenigstens ein bisschen in Frage zu stellen, können überhaupt erst andere als die oft so gewaltvollen, respektlosen herkömmlichen Wege wahrgenommen werden.

Es geht weder darum, jede Aktivität mit Pferden einzustellen, noch darum alles in Frage zu stellen, aber es geht darum, hin und wieder die eigenen Ansprüche zu überprüfen, vor allem dann, wenn das Pferd mal anders reagiert als gewünscht. Wer sich im Recht glaubt, kämpft gegen alles und jeden, das oder der sein Weltbild ankratzt und verteidigt selbst Fehlgriffe und Irrtümer. Das geht immer zu Lasten der Pferde. Respekt beginnt für mich damit, auch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass ich etwas falsch sehen könnte… – nur das hält mich offen dafür, mein Gegenüber wahrnehmen und verstehen zu können und, wenn nötig, mein eigenes Verhalten und meine Erwartungen zu korrigieren. 

erwartungshaltung

25. April 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 14 Kommentare »

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