Das kann der doch, der veräppelt dich nur …

Wenn ein Pferd etwas gelernt hat, gehen viele von uns davon aus, dass dieses Verhalten oder die Lektion dann auch jederzeit abrufbar sein muss, schließlich „kann es das ja“. Funktioniert das nicht, reagieren dann wiederum viele leider unwirsch und deuten das als Unwillen oder gar Widersetzlichkeit. Und damit tun wir unseren Pferden Unrecht!

Pferde „veräppeln“ uns nicht und sie wollen uns nicht vorsätzlich ärgern. Wenn ein Pferd etwas nicht tut, was es eigentlich kann, dann hat es dafür immer einen Grund. Der Grund kann sicher auch mal „Keine Lust!“ sein, aber das ist aus meiner Sicht vollkommen verständlich und sollte von uns nicht bestraft werden. Auch in diesem Fall sollten wir überlegen, warum das Pferd denn keine Lust hat: Vielleicht sieht es zu wenig Sinn darin, die Sache für uns zu machen? Vielleicht haben wir gerade einen falschen Zeitpunkt für unser Anliegen gewählt oder wir haben die entsprechende Übung zu oft abgefragt? Vielleicht ist es zu anstrengend? Es gibt viele Möglichkeiten, warum die Motivation eines Pferdes nachlässt und es ist dann unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass unser Pferd die Sache wieder gerne macht. 

Häufig sind es aber andere Gründe, warum ein Pferd etwas, das es eigentlich kann, nicht tut, wie zum Beispiel diese: 

  • Das Pferd versteht gerade nicht, was es machen soll. Wir sind für Pferde oft viel weniger klar in unseren Signalen, als uns bewusst ist, denn Pferde lesen vor allem unsere Körpersprache und interpretieren unsere Ausstrahlung. Wir können also zwar fest davon überzeugt sein, immer dasselbe Zeichen oder dieselbe Hilfe zu geben, das kann aber beim Pferd vollkommen unterschiedlich ankommen. Pferde nehmen beispielsweise auch widersprüchliche Signale wahr, so dass wir vielleicht unsere Galopphilfe korrekt geben, aber es unsere unbewusste Angst vor dem Galopp spürt und darauf reagiert.
  • Das Pferd ist abgelenkt oder gestresst. Pferde nehmen sehr vieles in der Umwelt wahr – meist sogar deutlich mehr als wir Menschen. Sie sehen anders als wir, riechen und hören besser als wir und sie sind sehr feinfühlig. Dementsprechend kann alles Mögliche unser Pferd ablenken, so dass es unser Signal nicht richtig oder vielleicht auch gar nicht wahrnimmt oder dass es sich nicht konzentrieren kann oder ihm etwas anderes gerade wichtiger ist. Auch Stress kann dazu führen, dass ein Pferd nicht wie gewohnt reagiert. Sollte das Pferd Angst vor Strafen haben (müssen), kann auch diese Furcht dazu führen, dass es etwas, das es eigentlich kann, nicht ausführt. 
  • Das Pferd hat gerade mit sich selbst zu tun. Auch das kommt häufig vor! Wenn ein Pferd zum Beispiel hungrig ist oder müde, kann es sich schlechter konzentrieren. Vielleicht gab es Stress in der Herde oder es geht ihm an diesem Tag nicht so gut. Pferde sind keine Maschinen und sie sollten unser Verständnis haben, wenn sie entsprechend mal nicht „funktionieren“. 

Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, aber ein „Veräppeln“, um uns zu ärgern, gehört meiner Erfahrung nach nicht dazu. Wer ein partnerschaftliches Miteinander und einen pferdefreundlichen Umgang pflegen will, versucht immer zu verstehen, was gerade in dem Pferd vorgeht und unterstellt ihm nicht einfach irgendetwas.  Die Vorstellung, dass wir uns „durchsetzen“ müssen, wenn sich ein Pferd anders verhält als wir es möchten, stammt aus der längst widerlegten Dominanztheorie, nach der wir unbedingt „der Chef“ sein müssen (… aber überlegt mal, wie Ihr einen Chef sehen würdet, der Euch gegebenenfalls auch mit Gewalt zu dem zwingt, was er von Euch will).

Ein neuer Ansatz: „Oh, wie interessant!“

Wann immer ein Pferd, etwas nicht tut, was es eigentlich kann, denke ich inzwischen: „Oh, das ist ja interessant!“ und fühle mich in die jeweilige Situation ein. Ich frage mich, was vielleicht gerade anders ist als sonst, und zwar aus der Sicht meines Pferdes. Ich nehme ganz bewusst wahr, wie mein Pferd eigentlich gerade drauf ist und was es ausstrahlt und ich prüfe, wie ich selbst gerade wirke. Und dann entscheide ich, ob ich versuche, einen Weg zu finden, uns die Sache auf eine andere Art zu erarbeiten, oder ob ich es vielleicht für diese Einheit auch einfach gut sein lasse. Für mich ist ein „Nö“ oder „Nein“ eines Pferdes immer eine Chance zu einem besseren Miteinander.

Hier habe ich noch ein kleines Video für Euch, das zeigt, wie mein Anthony vor kurzem eine seiner absoluten Lieblingsübungen einfach nicht ausführte. Für mich war genau diese kleine Szene Anlass dafür, diesen Blogbeitrag zu schreiben, denn hätte ich sein Verhalten als „Veräppeln“ interpretiert und hätte ich ihn gar gerügt oder bestraft, hätte ich ihm wirklich großes Unrecht getan. Schaut einmal selbst:

(Link führt zu Youtube)

19. April 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Umgang, Verhalten 2 Kommentare »

 

2 Reaktionen zu “Das kann der doch, der veräppelt dich nur …”

 

Von Loli Freer • 26. April 2021

Wir haben leider Leute auf dem Hof, die denken, Rollkur und Sporen in den Bauch boxen führte zu dressurlich korrektem Laufen des Pferdes. Die Stute hat gestöhnt vor was auch immer (Schmerzen?!) und hat versucht, sich rauszubuckeln, was ihr leider misslang. Wann ist aus unserer aller abgöttischen Liebe zu diesen wunderschönen Tieren ein so furchtbarer Umgang geworden und warum machen das diese sogenannten „Sportreiter“??(ist ja nicht so, als wäre diese Folter, Pferde zu etwas zwingen zu wollen von Erfolg gekrönt…)
Mein Mann möchte um alles in der Welt keinen Tanzkurs machen.
Natürlich hätte ich die Möglichkeit, ihn dahin zu manipulieren, oder vielleicht sogar in Teilen zu zwingen.
Hätte ich dann Spaß an dem Kurz? Sicher nicht – ein lustloser Partner mit -Gott bewahre- eventuell noch einem ausgeprägten Oppositionsreflex – da wird aus Cha-Cha-Cha schnell Stolper-Tret-Schubs. Ist es das, was ich mir beim Tanzen wünsche?
Und genauso läuft es auch beim Partner Pferd.
Klar kann es nervig sein, wenn man mal einen Tag hat, wo es nicht genial läuft – aber stellt euch meine Erleichterung vor, als ich eine Reiteinheit abgebrochen habe, weil ich fand, besser kriegen wir es heute nimmer hin und mein Pferd rennt sofort im Stall zur Einstreu und macht ein Riesenpipi.
Klar hätte er auch unterm Sattel Pipi machen dürfen. Ob er das weiß, oder kann?
Aber hätte ich ihn auf Biegen und Brechen zwingen wollen freier vorwärts zu laufen, hätte ich ihm das Leben noch schwerer gemacht, hätte sicherlich mit jeder Minute ein spannigeres Pferd bekommen und unterm Strich am nächsten Tag ein Pferd, dass sich gemerkt hat: geritten werden ist unangenehm.
Ich bin so froh über eure Newsletter – man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass nichts so wichtig ist, wie die gemeinsame Zeit in Güte zu verbringen.
Das heißt ja nicht, dass ich mich beissen, treten und über den Hof ziehen lasse. Aber genau das Gleiche gestehe ich eben auch meinem Pferd zu…

 

Von Anette Heinzelmann • 4. Mai 2021

Zusätzlich zu den von Euch genannten Punkten warum ein Pferd etwas, das es eigentlich kann, nicht mehr tut, gibt es meiner Erfahrung nach noch den Punkt: KANN Pferd nicht, was von ihm verlangt wird? Körperlich?

Wenn mein Camargue Unix plötzlich bei Dingen unter dem Sattel widersetzlich wird oder sie nicht mehr ausführen möchte, ist es für mich in den letzten Jahren immer ein Anlass gewesen, ihn osteopathisch oder chiropraktisch anschauen zu lassen.
Und jedes Mal war irgendwas „verklemmt“, was es ihm schwer bis unmöglich machte, auszuführen, was wir von ihm verlangten.
Dabei braucht es bei ihm immer ein genaues Hinsehen, ob er sich nur nicht anstrengen will (etwa weil die verkürzte Seite Dehnen unangenehm ist und er in der Komfortzone bleiben möchte), oder er therapiert werden muss.
Glücklicherweise haben wir eine sehr gute Ausbilderin an unserer Seite, die erkennt, was reiterlich zu beheben ist (Muckis aufbauen geht nur wenn er die Komfortzone auch mal verlässt 😉 ) und wann Unix eine Behandlung braucht.
Damit habe ich mir über all die Jahre ein Pferd erhalten, dass gerne mitarbeitet und nach wie vor freiwillig die Trense ins Maul nimmt oder in den Kappzaum schlüpft.
Zu unserer Routine gehört übrigens auch, dass er sehr oft, wenn ich mit dem Halfter komme, zuerst an mir vorbei vom Paddock in die Box geht. Im Sommer wenn ich ihn von der Koppel hole meist noch einen Schluck trinken, ansonsten oft vorm Aufhalftern und Anbinden noch schnell Pipi machen.
Damit sind unsere „Arbeitseinheiten“ von vornherein entspannt.

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Ganz wichtige Ergänzungen, Annette – herzlichen Dank dafür!
Lieber Gruß,
Tania

 

 

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