Anthony und das Schaf: So kann Vertrauen wachsen

Mein Anthony gehört zu den eher unsicheren Pferden. Ich habe ihn von Beginn an immer dazu ermutigt, sich Gruseliges anzuschauen, was ihn neugierig und auch etwas selbstbewusster gemacht hat (siehe dazu auch diesen Text), aber er neigt nach wie vor zu Angst und Angespanntheit, wenn er etwas gruselig findet. Das gehört einfach zu ihm. Seinen inneren Stress zeigt er fast gar nicht (siehe auch diesen Blogbeitrag zu den unterschiedlichen Stresstypen), so dass er von außen betrachtet auf viele ruhig und gelassen wirkt. Tatsächlich aber gleicht er einem Dampfkessel, in dem sich immer mehr Druck aufbaut, der sich, wenn man die Situation nicht entschärft, irgendwann unkontrollierbar entlädt – sprich: er flieht dann kopflos. 

Leider ist es in der Pferdewelt immer noch weit verbreitet, ängstlichen Pferde durch die so genannte Desensibilisierung „beibringen zu wollen“, dass sie keine Angst zu haben brauchen (Babette hat dazu schon vor vielen Jahren diesen Text geschrieben und siehe dazu auch diesen Blogbeitrag). Für mich ist das ein unsensibler, ja oft sogar grausamer Irrweg, denn weder eine hohe Sensibilität noch Angst lassen sich mit Druck verringern, im Gegenteil: Ein solches Vorgehen kann zu unvorhersehbaren Gegenreaktionen führen, die Unsicherheit des Pferdes noch erhöhen oder zu einer inneren Aufgabe und dem führen, was man erlernte Hilflosigkeit nennt. Ich möchte Euch hier einmal zeigen, wie Anthony und ich uns gruselige Sachen erarbeiten (wer darüber mehr wissen will, schaut am besten einmal in unseren Anti-Angst-Kurs). 

Anthony und das Schaf

Eine Miteinstellerin hatte ein geschorenes Schaffell mit zum Stall gebracht und es am Reitplatz über den Zaun gelegt. Mir war klar gewesen, dass das Anthony beunruhigen würde, aber ich hatte doch mal wieder unterschätzt, wie stark seine Angst werden kann. Ich hatte ursprünglich vorgehabt, ihn, wie ich es immer mache, behutsam zu dem Schaf zu führen, ihn die Sache beschnuppern und erkunden zu lassen und mit viel Lob ein gutes Erlebnis daraus zu machen. Tatsächlich aber konnte ich bei dem ersten Versuch eigentlich nur zusehen, dass ich nicht von ihm über den Haufen gerannt werde, denn er war kaum noch in der Lage, mich wahrzunehmen, geschweige denn auf mich zu hören, so besorgt war er. Jedes Schimpfen oder Strafen wäre in diesem Moment vollkommen kontraproduktiv und unangemessen gewesen, denn er war nicht „unartig“, er hatte Angst. Also nahm ich das zum Anlass, daraus ein kleines Projekt zu machen und einmal mein Vorgehen bei der Vertrauensarbeit mit Videos zu dokumentieren. Das Ergebnis sind die folgenden vier Videos aus insgesamt drei Einheiten, die Ihr Euch mit einem Klick auf die Fotos bei Youtube anschauen könnt: 

Einheit 1: Wir nähern uns dem Schaf

In dieser Einheit ging es mir allein darum, dass es Anthony möglich wird, sich in der Nähe des Schafs wenigstens ein bisschen zu entspannen. Man muss schon ziemlich genau hinschauen, um zu erkennen, wie stark seine Anspannung ist, als passiver Stresstyp wirkt er viel ruhiger als er es tatsächlich war. Ich hätte ihm am Ende der Einheit gerne noch etwas lockerer gehabt und wahrscheinlich hätte ich das früher auch mehr forcieren wollen. Heute aber weiß ich, dass Druck gar nichts bringt, sondern den Stress noch verstärkt. Es war an diesem Tag einfach so und genau so war es auch okay. Wir waren eine gute Viertelstunde mit dem Schaf beschäftigt, eine Verlängerung hätte nur dazu geführt, dass er irgendwann komplett überfordert gewesen wäre. In Sachen Angst ist weniger ganz oft mehr!

VertrauenstrainingHier geht es zum Video (Link führt zu youtube).

Einheit 2: Anthony findet Mut und hat sogar Spaß

Zur zweiten Einheit habe ich zwei Videos erstellt. Zunächst setze ich genau da an, wo die erste Einheit aufhörte. Ich ließ Anthony wieder alle Zeit, die er brauchte und nach und nach konnte er sich etwas besser entspannen – auch wenn es vielleicht nicht spektakulär aussieht, so empfand ich es als einen großen Erfolg! 

Vertrauenstraining

Hier geht es zum Video (Link führt zu youtube)

Aus dem Bauch heraus beschloss ich dann noch, das Schaf auf den Boden zu legen und von Anthony wegzubewegen. Daraus entwickelte sich eine ganz wundervoll verspielte Sequenz, in der Anthony das Schaf gar nicht mehr gruselig fand und immer gelöster wurde. Es war mir dann sogar möglich, ihn damit zu berühren, wobei ich sehr gut aufpasste, ihn damit nicht zu überfallen und zu überfordern. Ich holte mir seine Einwilligung darüber, dass ich ihn erst ein stationäres Target berühren ließ und das als Signal nahm, weitermachen zu können (mehr dazu hier und hier). 

VertrauenstrainingHier geht es zum Video (Link führt zu youtube)

Einheit 3: Wir reiten zum Schaf

Ich hatte keine konkreten Pläne für die dritte Einheit, wäre Anthony wieder ängstlich gewesen, hätten wir genauso weitergemacht, wie Ihr es in den ersten Videos sehen konntet. Da er aber dieses Mal beim Heranführen ein ganzes Stück gelassener und mutiger wirkte, probierte ich aus, ob wir vielleicht auch zum Schaf hin und vielleicht sogar am Schaf vorbereiten können würden. Hier könnt Ihr sehen, wie ich da vorging und wie Anthony diese Herausforderung meisterte:

Vertrauenstraining

Hier geht es zum Video (Link führt zu youtube)

Das Ziel für mich ist mehr (Selbst-)Vertrauen!

Abschließen möchte ich mit einem Foto, das Anthony als stolzes Pferd zeigt, als ein Pferd, der die Zeit bekommen hat, Mut aus sich heraus zu entwickeln und der gewachsen ist durch die Einheiten. Vergleicht seine Ausstrahlung einmal mit den Pferden, die mittels „Desensibilisierung“ dazu gebracht werden, neben einem angstauslösenden Gegenstand zu stehen …

Vertrauensförderung

Nachtrag – ein Wiedersehen mit dem Schaf

Recht kurz nachdem die Videos aufgenommen worden waren, kam Anthony mit seinen Kumpels auf die Sommerweide. In der Zeit gab es keine neuen Einheiten mit „dem Schaf“. Als er dann wieder zurück zum Stall kam, war ich sehr gespannt, wie bei einem Wiedersehen mit dem Schaf reagieren würde. Ich hätte mir seine Reaktion im Traum nicht ausmalen können – schaut selbst in diesem Video, das für mich nicht schöner zeigen könnte, dass Geduld und Einfühlungsvermögen ängstlichen Pferden zu Selbstvertrauen und vor allem Freude verhelfen können. 

Vertrauenstraining – Wege zum Pferd

Hier geht es zum Video (Link führt zu youtube)

 

27. Juli 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 3 Kommentare »

 

3 Reaktionen zu “Anthony und das Schaf: So kann Vertrauen wachsen”

 

Von Sibylle Hell • 3. August 2020

Liebe Tania,
sehr behutsam, sehr einfühlsam und letztlich erfolgreich, wie Ihr diesen Schreckensmoment (Schaf) bewältigt!
Das Spielerische gefällt mir gut! Und allein das schafft eine vertrauensvolle Bindung. Man weiß aus der Gehirnforschung, dass Lernen am besten gelingt, wenn es mit Emotionen (positiv wie negativ) verknüpft ist. Das kann man immer nutzen, am besten im Zusammenhang mit positiven Gefühlen, wenn man es beeinflussen kann.
Aber letztlich ist das, was der Film zeigt, doch auch eine – sehr vorsichtige – Form der Desensibilisierung, zumindest was ich darunter verstehe:
Die langsame, schrittweise Annäherung an einen angstauslösenden Gegenstand ohne Beunruhigung und mit Pausen und positiver Verstärkung, um das Erlebte zu verarbeiten.

Klar gibt es vielleicht Menschen mit Hauruck-Methoden, die das Pferd einem zu starken Reiz aussetzen und seine Angst nicht richtig lesen können etc., aber das entspricht nicht dem Konzept der Desensibilisierung. Deshalb verstehe ich nicht ganz, weshalb Du den Begriff der „Desensibilisierung“ so negativ bewertest…(?)
Jedenfalls sind die Filme wunderschön – und zum Nachahmen zu empfehlen 🙂
Liebe Grüße und danke für immer wieder tolle Tipps und Videos!
Sibylle

____________

Lieben Dank für Deine Zeilen, Sibylle. Ich freu mich, dass Du einen sehr schönen Weg beschreibst, wie Du vorgehst, und ich antworte gerne auf Deine Frage.

Die „Desensibilisierung“ in der Pferdewelt beinhaltet meinem Eindruck nach leider tatsächlich ganz bestimmte Elemente, wie zum Beispiel:
– Der Mensch bestimmt das Tempo.
– Der Mensch konfrontiert das Pferd aktiv mit Gegenständen.
– Der Mensch entscheidet, wann und wie lange Berührungen
stattfinden und entscheidet auch, ob das Pferd seiner
Ansicht nach „richtig“ oder „nicht richtig“ reagiert.
– Der Mensch erkennt Anzeichen von Stress, Angst und Not nicht
oder er ignoriert sie, weil er der Meinung ist, dass das
Pferd lernen muss, diese Reize auszuhalten.
– Ein Stillhalten (Aushalten) wird als Erfolg empfunden und
der Mensch nimmt an, dass sein Vorgehen dazu führt,
dass das Pferd ihm auf diese Weise vertrauen lernt.
So arbeiten viele, viele Trainer (es gibt genügend Videos im Netz dazu) und mich macht es sehr traurig, das zu sehen. Ganz einfach weil es anders geht und weil es anders viel besser geht.

Du schreibst, dass Lernen am besten mit Emotionen gelingt. Ich denke, da muss man gut differenzieren, denn es gibt ja sehr unterschiedliche Emotionen. Von ihnen hängt wesentlich ab, WAS ein Lebewesen in einer Situation lernt. Mein Stand in Sachen Lernforschung ist der, dass unter Stress kein Organismus gut Neues lernen lernen kann, deswegen denke ich, ist es unerlässlich, Stress nicht nur zu vermeiden, sondern im Gegenteil: für Entspannung zu sorgen. Leider aber werden Anzeichen von Stress und Angst viel zu oft misinterpretiert (als Unwilligkeit, als Sturheit, als Widersetzlichkeit, als Zickigkeit und was weiß ich noch alles). Und da setzt mein größter Kritikpunkt an der Desensibilisierung an: Es werden Trainingsziele über das Wesen gestellt und der Mensch sieht sich im Recht, so vorzugehen.

Anthony ist durch die Vertrauensarbeit NICHT weniger sensibel geworden; er neigt weiterhin dazu, Sachen gruselig zu finden, denn das gehört zu ihm. Mehr noch, er traut sich sogar, seine Sorge deutlicher zu zeigen. In Hinblick auf eine Desensibilisierung wäre das genau nicht erwünscht, da ist das Ziel ein Pferd, dass unbewegt und „brav“ bleibt (unabhängig davon, was in ihm vorgeht). Mir aber geht es darum, dass er gute Erfahrungen mit mir sammelt, damit er in einer nächsten gruseligen Situation weiß, dass wir sie zusammen gut meistern werden. Es ist für mich deshalb ein komplett anderer Ansatz.
Herzlich,
Tania

 

Von Sibylle Hell • 11. August 2020

Hallo Tania,
danke für Deine ausführliche Beschreibung des Weges, den Du gehst und ebenso die Methoden, die Du ablehnst.
Ja, wie oft sieht man Menschen, die alles bestimmen wollen, aber zum Glück gibt es immer mehr andere, die Gemeinsamkeit und Verbundenheit mit ihrem Pferd suchen.

Ich würde diese mangelnde Sensibilität des Ausbilders nicht unbedingt diesem Begriff „Desensibilisierung“ zuschreiben.
Du hast Recht, wenn Du sagst, Dein Pferd ist noch genauso sensibel wie zuvor (vor Eurer gemeinsamen Annäherung an die angstauslösende Situation und deren Bewältigung), denn das Wort „Desensibilisierung“ legt nahe, dass das Pferd unsensibler wird.
Aber eigentlich erlebt es mit Dir Verbundenheit und Freundschaft, fühlt sich akzeptiert und nicht mehr allein mit seiner Angst, sondern es schöpft Mut, kann sich auf Dich verlassen, weiß, dass Ihr die gruselige Situation gemeinsam meistert.

Vielleicht ist es ja nur Wortklauberei:
Es geht bei der Desensibilisierung aus meiner Sicht nicht darum, das Pferd abzustumpfen, sondern sein Selbstvertrauen und seinen Mut zu fördern und die angstauslösende Situation zu relativieren:
Je häufiger Ihr solche Situationen gemeinsam bewältigt, desto vertrauensvoller wird das Pferd, desto weniger oft taucht die Angst auf. Das ist schon eine Form der Desensibilisierung, auch wenn das Pferd selbst deshalb nicht weniger sensibel oder gar abgestumpft wird.
Aber es wird erfahrener, kann viele vermeintliche Gefahrenmomente erkennen und sie besser als „gefahrlos“ einstufen. So verstehe ich diesen Begriff 🙂
Und das erlebe ich zumindest mit meinem Pferd, das sehr viel Mitspracherecht hat.
Wir haben sehr viel zusammen erlebt, werden ein immer besseres Team, lernen uns immer besser kennen und können uns aufeinander verlassen.

Ganz liebe Grüße!
Sibylle

___________

Liebe Siyblle,
herzlichen Dank für Deinen weiteren Kommentar! Wortklauberei mag ich eigentlich nicht besonders 😉 Aber hier (wo ja auch noch viele andere mitlesen) geht es mir tatsächlich darum, sich wirklich mal damit zu befassen, wofür Begriffe eigentlich stehen und was man ein Stück weit alles „mitträgt“, wenn man einen Begriff aufweicht. Gerade bei dem Begriff „Desensibilisierung“ haben wir es mal mit einem auffällig ehrlichen Wort zu tun (während ja sonst in der Pferdewelt vieles gerne ein bisschen schön gemalt wird ;-). Die lateinische Vorsilbe „de-“ drückt laut Duden aus, „dass etwas aufgehoben, rückgängig gemacht wird“ – was für mich bedeutet, dass aus etwas Sensiblen etwas weniger Sensibles gemacht werden soll. Eine andere Definition die ich gefunden habe besagt, dass es um eine „Reaktionsverminderung durch bekannte Reize“ geht und das trifft es eigentlich noch besser, was mit Pferden gemacht wird und was dadurch erreicht werden soll: nämlich weniger Reaktionen (weniger Scheuen, weniger Weigerung usw.).

Eigentlich ist es doch gut, wenn es klare begriffliche Unterscheidungen zwischen Methoden gibt, weil einem das leichter macht, sich für oder gegen etwas zu entscheiden. „Desensibilisierung“, steht einfach für eine bestimmte Denk- und Vorgehensweise und von der ich andere Wege, die das Pferd viel mehr berücksichtigen, durch einen anderen Begriff (ich mag „Vertrauenstraining“) abgrenzen will. Damit werden die Unterschiede klarer und Klarheit macht es oft leichter, Orientierung zu finden und für sich zu entscheiden, was jeweils etwas ist, das man für sich und sein Pferd als richtig und stimmig empfindet und was eben nicht.

Liebe Grüße,
Tania

 

Von Karin • 16. September 2020

Hallo Zusammen,

meine Gedanken zum Thema: vielleicht könnte das Pferd grundsätzlich mehr Selbstvertrauen und Mut haben, wenn „sein Mensch“ nicht immer so zweifelnd und unsicher wäre ….

Liebe Grüße. Karin

____________________

Hallo Karin,

ja, das ist auch ein wichtiger Hinweis!

Herzlich,
Tania

 

 

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