Natürlich positiv – Longieren mit positiver Verstärkung: Das Wangentarget

Dies ist der zweite Teil der kleinen Serie, in der ich zeigen möchte, wie sich das Longieren nach unserem Longenkurs auch nur mit positiver Verstärkung umsetzen lässt. Im ersten Teil ging es um die Grundlagen – hier nachzulesen. In diesem Teil soll es nun darum gehen, wie sich das Stellen erarbeiten lässt. Das grundsätzliche Wissen über das Clickertraining gibt es in unserem Clickerkurs

Die korrekte Stellung oder die Übung „Das Führen in Stellung“

Eine Schlüsselübung des Longenkurses ist die Übung „Führen in Stellung“. Mit ihr vermitteln wir dem Pferd, wie es in korrekter Stellung im Schritt antreten soll. Die korrekte Stellung ist der erste Baustein der guten Laufmanier, denn es gilt: „Ohne Stellung keine Biegung“.

Im Longenkurs gehen wir dafür so vor, dass wir unsere Hand direkt auf das Kappzaum-Eisen legen und das Pferd sanft dabei unterstützen, sich korrekt im Genick zu stellen. Für uns geht dieses Vorgehen nicht gegen unseren Wunsch, mit positiver Verstärkung zu arbeiten, da hier kein Zwang ausgeübt werden soll, sondern es vielmehr dem gleicht, was man im Yoga „Adjustment“ nennt oder was zum Beispiel auch gute Reit- oder Tanzlehrer machen: durch Berührung und sanfter Führung Impulse für die richtigen Bewegungen und Haltungen zu geben. 

Wollen wir uns aber das nur über die positive Verstärkung erarbeiten, bietet sich dafür das sogenannte Wangentarget an.

Das Wangentarget

Beim normalen Targettraining berührt das Pferd das Target mit der Nase. Genauso gut kann ein Pferd aber auch lernen, ein Ziel mit anderen Körperteilen zu berühren. Beim Wangentarget lernt es, das Ziel, also meist die Hand, mit seiner Wange zu berühren.

Nico lernt hier gerade, seine Wange ruhig gegen Petras Hand zu legen:

Wangentarget

Wenn das Pferd verstanden hat, dass es darum geht, dass es mit seiner Wange die Hand berühren soll, kann man diese nun etwas von der Wange weghalten, so dass es den Kopf leicht wenden muss, um die Hand mit der Wange zu berühren. 

Wangentarget

Wir können damit erreichen, dass das Pferd im Genick den Kopf leicht zu uns hindreht, ohne gleich den ganzen Hals mitzunehmen.

Wenn das Pferd erst einmal nicht versteht, was es tun soll, kann man ihm mit dem gewohnten Target helfen. Auf den folgenden Fotos ist zu sehen, dass Anthony auf der rechten Seite nicht wirklich weiß, was er tun soll. Ich halte ihm das gewohnte Target hin, das er sonst mit der Nase berührt, damit er auf die richtige Idee kommt. Ich clicke dann genau in dem Moment, in dem er den Kopf korrekt zu mir stellt. 

Achtung: Hier muss man wachsam und schnell mit dem Click sein, damit die Nase nicht zu weit rumkommt, denn die korrekte Stellung besteht nur in einer sehr kleinen Bewegung im Genick (nicht schon im Hals), die korrekt ausgeführt werden sollte. Auch wenn es nicht um Perfektion geht,solltet Ihr doch gut darauf achten, dass sich das Pferd wirklich korrekt stellt und Ihr auch nur das clickt, damit es sich nicht etwas angewöhnt, was nachher nur schwer zu korrigieren ist.

Die korrekte Stellung ist keine Biegung des Halses, sondern nur eine kleine seitliche Bewegung im Genick. Auf diesen beiden Bildern ist zu sehen, wie es nicht aussehen soll. Auf dem ersten Bild ist die Abstellung zu stark und auf dem zweiten Foto verwirft Anthony sich:

Das Verwerfen ist ein häufiger Fehler sowohl beim Longieren als auch beim Reiten. Dabei kippt das Pferd den Kopf nur, stellt sich aber nicht. Die Ohren müssen auf gleicher Höhe bleiben, so wie hier zu sehen: 

Wangentarget

So sieht das schon ganz gut aus:

Wenn das Wangentarget  im Stand gut klappt, lässt sich das mit dem Signal zum Antreten im Schritt verbinden, und zwar auf einem eher kleinen Kreis. Auf einem großen Kreis ist weniger Stellung nötig als auf einer kleinen Volte und um dem Pferd deutlich zu machen, worum es geht, ist der kleine Kreis hilfreicher als ein großer Zirkel. Hier könnt Ihr sehen, wie ich Anthony mit dem bekannten Target den Weg weise und ihn mit dem Wangentarget an die Stellung erinnere. Auf dem dritten und vierten Bild verliert er die Stellung, auf dem fünften ist er wieder gut gestellt.

Wichtig: Geht immer weit genug vorne auf Kopfhöhe mit! Wenn Ihr zu weit nach hinten kommt, wird sich das Pferd zu stark im Hals biegen. 

Tipp: Wenn Euer Pferd das Wangentarget verstanden hat, ist es sehr nützlich dafür ein gesprochenes Signal einzuführen, also zum Beispiel „Stell dich“. Dann könnt Ihr Euer Pferd ohne Handzeichen an die Stellung erinnern.

Später kann man das Wangentarget dann auch in höheren Gangarten nutzen, um an der Stellung zu arbeiten – mit dem Handzeichen oder eben mit dem akustischen Signal: 

Aber das ist dann schon wieder eine andere Übung. 🙂 

28. September 2021 von Tania Konnerth • Tags: , , • Kategorie: Clickertraining, Jungpferdausbildung, Longieren 0 Kommentare »

Natürlich positiv – Longieren mit positiver Verstärkung

Hier im Blog von „Wege zum Pferd“ und in unseren Kursen findet Ihr immer wieder den Begriff „positive Verstärkung“, denn wir arbeiten schon lange mit diesem sehr pferdefreundlichen Trainingsprinzip (siehe auch unseren Clickerkurs und unsere Blogbeiträge).

Die positive Verstärkung

Was genau ist eigentlich mit „positiver Verstärkung“ gemeint?

Positive Verstärkung bedeutet, dass statt
aktiv Hilfen zu geben, um ein Verhalten zu erreichen,
gewünschtes Verhalten konsequent belohnt wird,
damit das Pferd motiviert wird, genau das
von sich aus weiter oder öfter zu tun.

Der entscheidende Punkt ist also der,

  • dass wir nicht mehr mittels mehr oder weniger subtiler Hilfen vorgeben, was das Pferd tun soll, und entsprechend deutlicher werden oder gar strafen, wenn das Pferd nicht tut, was wir wollen,
  • sondern dass das Pferd lernt, die Dinge selbstständig und aus einer eigenen Motivation heraus zu tun (siehe dazu auch hier).

Und das ändert das Miteinander mit dem Pferd ganz entscheidend. Wir empfinden eine Kombination aus positiver Verstärkung und einer sanften, freundlichen Hilfengebung als einen wundervollen Weg, mit Pferden zu kommunizieren und mit ihnen zu arbeiten. 

Nun kommen immer häufiger Anfragen dazu, ob es unseren Longenkurs auch mit Anleitung für eine rein positive Verstärkung gibt. Was für eine tolle Entwicklung, denn das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Das freut uns sehr! Natürlich möchten wir das Thema deshalb hier auch aufgreifen und hier im Blog mal ganz praktisch zu zeigen, wie sich die Elemente des Longenkurses auch allein mittels positiver Verstärkung erarbeiten lassen.  

Die Grundbausteine für das Longieren mit positiver Verstärkung

Wenn wir ein Pferd über die positive Verstärkung nach dem Longenkurs arbeiten wollen, brauchen wir zunächst die Grundbausteine für die positive Verstärkung – in diesem Fall:

  • die Konditionierung auf den Click oder ein Lobwort (siehe dazu auch hier) und
  • das Targetraining als Möglichkeit, ein Pferd ohne negative Verstärkung in die Bewegung zu bekommen (siehe dazu auch hier).

Wer von Euch schon mit der positiven Verstärkung arbeitet, kennt diese Grundbausteine bereits. Aber für diejenigen, die hier neugierig auf diesen Weg geworden sind, möchte ich sie kurz vorstellen. Bitte beachten: Ich gehe hier nur auf die Basiselemente in Hinblick auf das Longieren ein, natürlich gibt es im Rahmen der Ausbildung eines Pferdes nach den Prinzipien der positiven Verstärkung viele weitere tolle und spannende Lernaufgaben und auch viele weitere Dinge zu beachten – dazu findet Ihr mehr in unserem Clickerkurs

Nehmt Euch bitte Zeit, die Basisbausteine in aller Ruhe (also in mehreren kleinen Einheiten) und mit viel Entspannung zu erarbeiten. Ein häufiges Problem, das oft dazu führt, dass das Clickertraining wieder aufgeben wird, ist dass die Pferde zu hibbelig und drängelnd werden. Das aber liegt ganz oft daran, dass der Mensch zu schnell vorgeht und nicht auf eine entspannte Grundatmosphäre achtet. Hier könnt Ihr dazu einen Blogbeitrag lesen.

Das Grundprinzip: Click = super!

Die positive Verstärkung basiert darauf, dass wir einem Pferd (oder einem anderen Tier) mit einem bestimmten Geräusch oder einem Lobwort punktgenau sagen können: „Das, was Du jetzt gerade gemacht hast, ist toll.“ Auf dieses Geräusch oder das Lobwort hin erhält das Pferd klassischerweise ein Futterlob. Bei Pferden, die es lieben, gekratzt zu werden, kann auch das Kratzen der Lieblingsstelle als Belohnung genutzt werden. Entscheidend ist, dass wir eine Belohnung wählen, die das Pferd als so attraktiv empfindet, dass es davon gerne mehr möchte. Es reicht nicht, dass wir Menschen das Lob toll finden, es muss wirklich vom Pferd als eine erstrebenswerte Sache erlebt werden, damit es motiviert ist, darauf zu achten, welches Verhalten den Click auslöst und es damit eine Belohnung verdienen kann. Das Zauberhafte an diesem kleinen Prinzip ist, dass wir damit die Basis für sehr komplexe Kommunikationsmöglichkeiten schaffen. Denn auch wenn die Belohnung an sich für das Pferd natürlich ein Anreiz ist, so verstehen die meisten Pferde sehr schnell, dass sie durch die Arbeit mit dem Click sehr viel schneller erkennen können, was genau von ihnen gewünscht ist, statt wie im herkömmlichen Umgang mittels Versuch und Irrtum (der leider oft Strafen nach sich zieht), erraten zu müssen, was der Mensch will. Und das motiviert viele Pferde sehr.

Das Geräusch wird häufig mit einem so genannten Knack-Frosch erzeugt, also mit diesem Kinderspielzeug, das das typische „Click-Geräusch“ macht (daher kommt auch die Bezeichnung Clicker-Training).  Ich persönlich nutze lieber den so genannten „Zungen-Click“, da mir der Knack-Frosch zu laut ist und ich ihn auch nicht in der Hand halten möchte. Ich mache also mit der  Zunge einen Click-Laut, der sich aber deutlich von meinem Schnalzen unterscheidet. Grundsätzlich geht jedes Geräusch, das wir wiederholt und ohne Schwierigkeiten erzeugen können, das wir ausschließlich für diesen Zweck nutzen und das dem Pferd natürlich nicht unangenehm sein darf. Man kann auch ein Lobwort nehmen, nur habe ich festgestellt, dass es kaum einem Menschen möglich ist, ein Wort zuverlässig in jeder Situation gleich zu sprechen, also unabhängig von den eigenen Emotionen. Das aber ist wichtig.

Die Konditionierung auf den Click

Als Erstes müssen wir dem Pferd die Bedeutung des Clicks vermitteln. Dafür können wir gleich den zweiten Grundbaustein nutzen, nämlich das Targettraining. Hierfür soll ein Pferd ein Zielobjekt (= Target) mit der Nase berühren. Da die meisten Pferde Dinge naturgemäß gerne neugierig mit der Nase erforschen, braucht man meist nur das Target vor die Nase des Pferdes zu halten und ein bisschen zu warten.

Hier seht Ihr ein paar Fotos aus der allerersten Einheit, die ich mit dem zu diesem Zeitpunkt vierjährigen Norwegerwallach Mucki gemacht habe. Als Target nutze ich eine Fliegenklatsche. Zuerst hat Mucki noch keine Idee, was ich von ihm möchte und interessiert sich mehr für mich. Ich warte einfach, bis er – zufällig oder bewusst – zum Target schaut und mache bei dem ersten Ansatz  meinen Zungenclick und gebe ihm etwas Futter. Die meisten Pferde brauchen nicht lange, um zu verstehen, dass es um das Target geht. Je nach Persönlichkeit werden sie es neugierig berühren und das clicke ich natürlich sofort, worauf wieder die Belohnung folgt. Mucki hatte innerhalb kürzester Zeit verstanden, dass eine Berührung der Fliegenklatsche Click + Futter bedeutet. 

Positive Verstärkung

Noch eine kleine Extra-Erklärung: Auf dem Boden steht eine Futterschüssel, in die ich das Futter für Mucki werfe. Mucki hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelernt, Futter ruhig aus der Hand zu nehmen; im Eifer erwischte er deshalb auch mal die Hand. Um das Futter überhaupt erstmal ins Spiel zu bringen und um selbst gelassen zu bleiben, warf ich es nach dem Click einfach in die Futterschüssel. 

Wichtig: Da die meisten Pferde das Prinzip des Clickertrainings fast schneller verstehen als wir Menschen, berühren sie dann das Target immer wieder von sich aus, worauf der Mensch begeistert sein Click-Geräusch macht und das Pferd belohnt. Und damit clickert das Pferd dann Euch 🙂 Damit geht Ihr am besten um, indem Ihr ein Signal zum Berühren des Targets einführt. Ich benutze dafür das Wort „Touch“ (englisch für „Berühre“). Ich halte das Target hin und sage „Touch“ und clicke, wenn das Pferd es berührt. Berührt es das Target ohne mein Signal gibt es keinen Click (aber auch keine Strafe!). Das übe ich, bis es zuverlässig sitzt. Hier spricht man davon, ein Verhalten unter Signalkontrolle zu stellen. Damit kann man eher übereifrige Pferde sanft bremsen und dazu anhalten, aufmerksam zu sein. 

Kopf- und Halsposition beeinflussen

Mit dem Target habe ich nun schon tolle Möglichkeiten, mein Pferd aufzuwärmen und zu dehnen, denn ich kann das Target und damit auch den Pferdekopf und Hals in ganz unterschiedliche Positionen bringen. Das ist hier bei Anthony prima zu sehen: 

Positive Verstärkung

Der Clou ist, dass das Pferd alle Bewegungen von sich aus ausführt. 

In die Bewegung kommen 

Beim Longieren geht es ja aber nicht ums Stillstehen, sondern um Bewegung, also müssen wir uns nun noch das Vorwärtslaufen mit der positiven Verstärkung erarbeiten. Hierfür können wir ebenfalls bestens das Targetraining nutzen. 

Auf den folgenden Fotos könnt Ihr die dreijährige Haflingerstute Ally sehen, der ich da gerade das Antreten mit dem Target erkläre. Nachdem sie verstanden hatte, dass sie das Target berühren soll, fing ich an, das Target etwas weiter weg zu halten, bis sie den ersten Schritt vorwärts machte. Da folgte natürlich gleich ein Click und reichlich Lob. Und so war es ganz einfach, ihr zu vermitteln, dass es nun darum geht, dem Target zu folgen. Auch hier kann ich dann ein Stimmkomando einführen, wie z.B. ein Schnalzen oder ein „Und Scheritt“ oder Ähnliches.

Targettraining

Damit haben wir nun also ein Pferd, das wir nur durch positive Verstärkung im Schritt antreten und vorwärtsgehen lassen können und dessen Kopf- und Halshaltung wir beeinflussen können. Auf dem dritten Bild ist gut zu sehen, wie schön sich die noch vollkommen untrainierte und unausgebildete Jungstute bereits etwas stellt und biegt. Die ersten Schritte zum guten Laufen auf dem Kreis sind damit gemacht! 

Tipp: Gewöhnt Euch gleich an, auch mal in der Bewegung zu füttern, damit das Pferd bei einem Click nicht immer automatisch stehenbleibt. So habt Ihr die Möglichkeit, auch in der Bewegung weiterzuarbeiten.

Noch ein Hinweis: Für alle, die die positive Verstärkung noch gar nicht kennen: Es ist natürlich nicht so gedacht, dass man nun ständig nur clickt und füttert. Wenn ein Lernschritt sitzt, schleicht man das Clicken und Füttern dafür sanft aus, in dem man variabel clickt und ein Verlaufslob nutzt. Wenn ich mir zum Beispiel das Antreten im Schritt erarbeite, clicke ich nicht mehr das bloße Berühren des Targets, wie zu Beginn, sondern ich clicke erst nach ein oder zwei Schritten, dann nach drei oder vier Schritten usw. 

(Fortsetzung folgt)

31. August 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Clickertraining, Jungpferdausbildung, Longieren, Übungen 0 Kommentare »

Trainiere mit Lob, nicht mit Strafe! – Inspiration des Monats

Mit unserer  Rubrik Inspiration des Monats nehmen wir uns jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das wir Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Lange Texte gibt es bei uns genug, aber gerade bei Basis-Themen denken wir, ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen, um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. 

Unser Tipp: Zieht Euch jeweils unsere Inspiration des Monats auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße  für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können. 

Thema des Monats:
Trainiere mit Lob, nicht mit Strafe!

Viele von uns möchten gerne pferdefreundlich mit ihren Pferden umgehen und sie ebenso pferdefreundlich trainieren. Leider stammen aber viele Elemente der herkömmlichen Pferdeausbildung noch aus Zeiten, in denen man sich über Pferdebedürfnisse oder Lernpsychologie noch nicht so viele Gedanken gemacht hatte. Heute wissen wir sehr viel mehr darüber, wie Pferde am besten lernen und können unser Training entsprechend deutlich pferdegerechter gestalten.

Der pferdefreundlichste Weg, den wir kennen, ist die positive Verstärkung. Nach diesem Prinzip wird richtiges und erwünschtes Verhalten durch Futter- oder Stimmlob, durch Kraulen oder Ähnliches bestätigt und damit konsequent positiv aufgeladen. „Falsches“ oder unerwünschtes Verhalten wird, soweit möglich, ignoriert oder gegebenenfalls sanft korrigiert. Um zu verstehen, warum dieser Weg pferdefreundlich ist, müssen wir uns klarmachen, dass jedes Lebewesen, etwas aus zwei Gründen tut:

  • weil es entweder etwas Negatives vermeiden will oder
  • weil es etwas Positives erhalten oder erleben möchte.

Herkömmlicherweise wird in der Ausbildung von Pferden vor allem mit Korrekturen und Strafen gearbeitet. Dabei bleibt einem Pferd nur übrig, durch Versuch und Irrtum (ein mehr oder weniger unangenehmes Erlebnis) herauszufinden, was der Mensch will. Bei der positiven Verstärkung hingegen wird das Pferd durch die vielen positiven Erlebnisse dazu motiviert, aktiv mitzumachen. Lernen erfolgt hier, weil das Pferd sich etwas Gutes von der Mitarbeit mit dem Menschen verspricht – und das ändert alles.

Überlege doch einmal, wie Du selbst am liebsten lernst: in einem Umfeld, in dem Du Strafen fürchten musst, wenn Du einen Fehler machst, oder in einem, in dem Du für alles Richtige bestätigt und ermutigt wirst? Für uns liegt auf der Hand, dass Lernen durch positive Verstärkung eine tolle Sache ist!

Probier es doch einfach einmal selbst aus und frage Dich gleich heute, wenn Du bei Deinem Pferd bist, wie Du es schaffen kannst, ihm nur durch Lob und positive Bestätigung etwas Neues beizubringen. Das Spannende dabei ist nämlich, dass Du Dir dafür erst einmal überlegen musst, wie Du erreichen kannst, dass Dein Pferd seine Sache richtig machen kann. Kleiner Tipp: immer in gaaaaanz kleinen Schritten denken! 

Konkrete Anregungen und Anleitungen zum Training mit positiver Verstärkung findest Du zum Beispiel in unserem Reitkurs, in unserem Clickerkurs oder in unserem Praxiskurs Bodenarbeit.

Loben statt strafen

16. Februar 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Arbeit an der Hand, Clickertraining, Erkenntnisse, Freiarbeit, Inspiration des Monats, Jungpferdausbildung, Longieren, Reiten, Umgang 2 Kommentare »

Train the Trainer – das Spiel

Wir haben eine tolle Entdeckung gemacht, von der wir Euch berichten wollen: Und zwar gibt es ein Spiel, welches einem die Grundprinzipien des Clickertrainings nicht nur auf eine unterhaltsame, sondern auch auf ganz praktische Weise verstehen und trainieren lässt: „Train the Trainer“ von Corinna Lenz und Wibke Deutsch.

Spieletest – Wege zum PferdWir befassen uns ja nun schon seit vielen Jahren mit den Prinzipien des Clickertrainings, weil für uns die positive Verstärkung der pferdefreundlichste Weg im Training und Miteinander ist, den wir kennen. Und auch wenn wir selbst keine strikten Technikerinnen sind, so kommt es bei der Arbeit mit der positiven Verstärkung schon auf einige Grundelemente an, durch die die ganze Sache erst richtig wirkungsvoll wird. Es geht zum Beispiel darum, 

  • ein Lernziel konsequent in viele, ganz kleine Einzelziele zu unterteilen,
  • bereits kleinste richtige Schritte zu erkennen,
  • diese punktgenau zu markern und 
  • bei all dem eine locker-fröhliche Haltung zu haben (denn wenn man vor lauter Konzentration zu ernst wird, kippt die Stimmung trotz allem Positiven schnell…). 

Eine sehr effektive Möglichkeit, das alles zu verstehen und auch zu üben, ist das so genannte „Train the Trainer“-Verfahren, bei dem wir Menschen uns gegenseitig clickern (wir haben hier schon einmal darüber berichtet). Nun hat ja aber nicht jeder einen guten Trainer zur Hand und da kommt das Spiel „Train the Trainer“ von Corinna Lenz und Wibke Deutsch genau richtig. Wir haben es für Euch getestet.

Öffnet man die Spielkiste, lacht erst einmal das innere Kind, denn es gibt darin lauter wundervoll bunte Dinge, wie Hütchen und Wollbällchen, Wäscheklammern, einen kleinen Laster und anderes mehr.

train the trainer – wege zum pferd

Die Graphik des Spielfelds ist hübsch, aber auch „erwachsen“ genug illustriert, dass deutlich wird, dass es hier zwar um Spaß, aber eben auch um mehr geht. Gleiches gilt für die verschiedenen großen und kleinen Karten, die im Laufe des Spieles zum Einsatz kommen. Im Begleitbuch werden zunächst die Grundprinzipien des Clickerns für all jene gut verständlich erklärt, die bisher noch nicht genau wussten, was zum Beispiel mit Begriffen wie „Target“ oder „freies Formen“ überhaupt gemeint ist. Und dann kann es auch gleich mit den Anfängerkarten losgehen, mit denen genau diese Grundlagen ausprobiert werden können. Einer ist immer der Trainer und clickert dann den anderen (bzw. einen der anderen, wenn es mehrere Spieler sind). Wichtig ist, dass während der Trainingseinheiten nicht gesprochen werden darf (es sei denn, es gibt auf einer Karte eine Anweisung dazu) – und genau das macht es dann eben auch knifflig und spannend. Ausdrücklich erlaubt und erwünscht ist aber der Austausch nach der praktischen Einheit, denn das ist ja sozusagen der Clou beim Train-the-Trainer: dass man mit einem menschlichen Partner die Sache besprechen und ein Feedback bekommen kann.

Das Spiel ist aus unserer Sicht sowohl für Einsteiger als auch für erfahrene Clickernde eine tolle Sache. Wir haben festgestellt, dass man selbst bei den zunächst noch recht einfachen Aufgabenstellungen immer wieder an Punkte kommt, die man entweder bereits aus der Clickerpraxis mit Pferden schon kennt oder auf die man schnell treffen wird, wenn man damit beginnt: So fragt man sich zum Beispiel, wie man eine einmal entstandene Idee beim anderen wieder aus dem Kopf bekommt oder wie man eine bestimmte Nuance erreichen kann – und das eben ohne reden zu können! Der anschließende Austausch mit dem menschlichen Gegenüber ist dann höchst nützlich und hilfreich, da man konkret nachfragen kann, wie etwas gewirkt hat, was verständlich war oder was frustrierend. So wird einem vieles sehr, sehr viel klarer. 

Und das Beste: Spaß macht es auch noch!

Wir haben das Spiel bisher nur zu zweit gespielt, es können aber auch mehrere Spieler teilnehmen. Die Spieldauer beträgt ca. 90 min, es gibt aber auch eine Kurzvariante mit ca. 30 min. Und wenn man allein mit den Kärtchen arbeitet, also ohne tatsächlich mit den Figuren über das Spielfeld zu wandern, kann man die Dauer vollkommen frei gestalten und zum Beispiel auch mal kleine Trainingsrunden ganz gezielt zum freien Formen oder zum Targettraining durchführen. 

Auf der Seite des Verlags könnt Ihr eine Beschreibung und ein Video zum Spiel anschauen und es auch bestellen – oder Ihr lernt Corinna Lenz und Wibke Deutsch und ihr Spiel auf dieser Seite kennen.

Train the Trainer – Wege zum Pferd

 

 

24. November 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Buchtipps, Clickertraining, Spiele & Co, Umgang 1 Kommentar »

Probleme beim Clickertraining: Übermotiviert und unter Stress

Wir beide arbeiten ja begeistert mit dem Clickertraining. Leider gibt es aber noch immer viele Vorbehalte gegen diese Art der Ausbildung, die unserer Einschätzung nach vor allem auf Unsicherheiten, Ängsten und Unwissenheit beruhen. Vielleicht können wir hier ein bisschen Abhilfe schaffen, indem wir uns einmal einem sehr typischen Problem widmen, auf das viele stoßen, die mit dem Clickern beginnen und das nicht selten dazu führt, dass das Clickertraining wieder abgebrochen wird, obwohl sich gerade darin eine große Chance für ein harmonisches Miteinander bietet. Es geht um den Übereifer beim Pferd.

Der Übereifrige –
„Clickern macht mein Pferd ganz wuschig“

Das Problem: Isa hat mit ihrem jungen Haflingerwallach zu clickern begonnen, da sie ihn möglichst gewaltfrei ausbilden möchte. Der Einstieg klappt auch gut, der Youngster lernt schnell. Es dauert aber nicht lang und es zeigt sich ein Problem: Isas Haflinger ist vom Clickern so begeistert, dass er bald damit beginnt, hektisch alles Mögliche anzubieten und gar nicht mehr auf Isas Signale achtet. Sie ist seinem Übereifer nicht gewachsen und überlegt, mit dem Clickern wieder aufzuhören. 

Begeisterung ist etwas Gutes…

Schauen wir uns einmal an, was hier passiert: Isa hat mit dem Clickertraining eine Möglichkeit gefunden, mit ihrem Pferd so zu arbeiten, dass es mit Feuereifer dabei ist. Diese Freude und Begeisterung sind etwas Gutes, denn genau darum geht es doch: unsere Pferde zur Mitarbeit zu motivieren. 

Wie aber bei so vielen, kann etwas Gutes auch ins Gegenteil umschlagen, wenn es zu extrem wird. Pferde, die sich sehr für das Clickertraining begeistern, entwickeln oft zu viel Energie und achten im Übereifer nicht mehr auf den Menschen. 

… Stress aber nicht

Bei übereifrigen Pferden schlägt die Begeisterung schnell in Stress um. Sie wollen um jeden Preis alles richtig machen und schießen dabei über das Ziel hinaus. Das ist sowohl für das Tier als auch für den Menschen unangenehm und macht ein Lernen schwer bis unmöglich. 

Hier liegen die Ursachen aber weniger im Clickertraining selbst, sondern sind zum einen in der Persönlichkeit des Pferdes oder aber noch mehr in der Beziehung zwischen Mensch und Pferd zu suchen. 

Das Problem an sich ist leicht zu lösen: Ruhe als Übung

Das Problem des Übereifers lässt sich meist gut in den Griff bekommen, indem man von Beginn an systematisch Pausen und Ruhemomente konsequent als Übungen einbaut und auch diese clickert.

Wichtig ist, dass man eine so genannte „Null-Position“ bestimmt, also z.B. das entspannte Stehen. Immer wieder gilt es, auch diese Null-Position zu clickern, also die Pausen-Momente, in denen nichts zu tun ist, genauso attraktiv zu gestalten, wie die Lernphasen. 

Schwieriger ist, an der eigenen Einstellung zu arbeiten

Interessanterweise tun sich viele Menschen recht schwer damit, Nichts-Tun zu belohnen. Hier zeigt sich der weitverbreitete Ansatz, dass nur Leistung ein Lob verdient und das wiederum deckt eine Strenge auf, die viele von uns in sich haben und so unbewusst auch ausstrahlen. 

Die meisten von uns lernen das Reiten in herkömmlichen Reitschulen und entwickeln auf diese Weise die Einstellung, dass Pferde tun müssen, was der Mensch will. Der eigene Wille wird mit mehr oder weniger Druck durchgesetzt und Fehlverhalten des Pferdes wird vom Menschen mehr oder weniger freundlich korrigiert oder auch bestraft. 

In einem Pferdeleben geht es naturgemäß nicht um Leistungen oder darum, Dinge zu erreichen oder gut zu machen. Pferde wollen ihr Überleben sichern, Zugang zu Ressourcen wie Futter und Wasser haben und innerhalb ihres Sozialsystems möglichst stressfrei und harmonisch leben. Sie wollen vor allem eines: sich wohl fühlen.

Nun bringen wir Menschen, indem wir mit Pferden arbeiten, etwas Neues in ihr Leben: nämlich Erwartungs- und Leistungsdruck. Wir Menschen haben bestimmte Vorstellungen davon, was Pferde tun und können sollen, wir stellen Forderungen und Aufgaben, die wir erfüllt sehen wollen und wir geben mehr oder weniger nette „Befehle“, die wir befolgt sehen wollen. Damit bauen wir, oft unbewusst und ungewollt, Druck auf, den Pferde mit ihrer feinen Wahrnehmung spüren, egal wie sehr wie ihn auch verbergen wollen.

Manche Pferde reagieren auf Druck mit Entzug oder Verweigerung, andere wollen unbedingt ungute Erlebnisse vermeiden und setzen darauf, alles richtig machen zu wollen. Genau diese zeigen dann oft Übereifer. Da aber Pferde oft gar nicht genau wissen, was wir eigentlich von ihnen erwarten, bieten sie unter Stress oft alles Mögliche an.

Und hier müssen wir Menschen ihnen helfen, indem wir ihnen deutlich machen, dass gar nicht immer etwas getan werden muss, sondern dass es genauso gut und richtig ist, auch einfach mal entspannt beieinanderzustehen. 

Unsere Tipps für alle anderen mit übereifrigen Pferden

  • Von Beginn an eine Null-Position einführen, in der es nur um Ruhe und Pause geht und diese nicht erst bei Übereifer, sondern auch schon zwischendurch genauso wie eine Lektion clickern und loben, um dem Pferd deutlich zu machen, dass es nicht ständig Leistung bringen muss. 
  • Die eigene Ausstrahlung, die Ansprüche und Erwartungen an das Pferd überprüfen:
    • Bin ich ungewollt zu streng?
    • Erwarte ich vielleicht zu viel von meinem Pferd?
    • Bin ich zu hart in meiner Ausstrahlung? 
    • Wie reagiere ich bei Fehlern meines Pferdes?
    • Wie geht es mir, wenn ich selbst Fehler mache?
    • Kann ich selbst auch einmal nichts tun?
    • Wie kann ich für mehr Leichtigkeit und Freude in unserem Miteinander sorgen? (Tipp: Speziell dazu gibt es viele Tipps in unserem Freudekurs.)

Und noch ein wichtiger Punkt

Manchmal müssen wir die Ursachen für ein (Fehl-)Verhalten auch außerhalb der eigentlichen Situation suchen. Wirkt ein Pferd im Training sehr fahrig, nervös und überaktiv, so kann das auch daran liegen, dass wichtige Grundbedürfnisse unerfüllt sind. Viel mehr Pferde, als man denken sollte, haben z.B. permanent Hunger, weil sie zu wenig Raufutter bekommen. Kommt nun durch das Clickertraining Futterlob ins Spiel, ist vollkommen verständlich, dass der Erregungslevel steigt! Ähnliches gilt für Pferde, die Durst haben, nicht genug Bewegung bekommen, keinen ausreichenden Kontakt zu Artgenossen haben, nicht genug Ruhe oder Schlafmöglichkeiten haben und vieles mehr. Also bitte auch immer auf das Gesamtbild schauen. 

 

 

2. April 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Clickertraining, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Das Schnappen beim Pferd und wie man damit umgehen kann

Das Schnappen eines Pferdes sorgt nicht nur für viel Unruhe im Miteinander, sondern bereitet vielen Pferdemenschen auch Sorgen, denn keiner möchte schließlich einen Beißer haben. Da wir selbst reichlich Erfahrung mit schnappenden Pferden haben, haben wir hier einmal einen kleinen Problemlösungsplan erstellt. 

Hinweis: Das Schnappen oder die Angst davor, dass ein Pferd zu schnappen beginnen kann, ist auch ein häufiger Grund, warum viele davon absehen, ihr Pferd nach dem Clickertraining auszubilden. Tatsächlich aber ist das Clickern fast nie der Grund für das Schnappen, sondern es macht nur das schon bestehende Problem sichtbarer. Die folgenden Tipps beziehen sich auf den Umgang sowohl für nicht-clickernde als auch für clickernde Pferdemenschen. 

Check: Warum schnappt das Pferd? 

Zu Beginn eines jeden Problems steht für uns die Frage: Warum macht das Pferd das? 

Das Schnappen kann ganz verschiedene Gründe haben: 

Zunächst gehört das Schnappen in gewissem Grad zum ganz normalen Verhalten von Pferden und ist vor allem für männliche Pferde schlicht und einfach typisch. Pferde erforschen die Welt mit ihrem Maul und viele Spiele untereinander sind „Maulspiele“. Indem wir das Verhalten nicht grundsätzlich als „Unart“ interpretieren, sondern zunächst einfach als ganz natürliches Verhalten, können wir ganz anders damit umgehen. 

Bei dieser Art des natürlichen Schnappens wirkt das Pferd verspielt oder auch nervig-aufdringlich, aber nicht aggressiv. Wird das Schnappen schärfer oder wirkt es wie eine Drohung, müssen wir in andere Richtungen denken: 

  • Steht das Pferd vielleicht unter Stress? Sind die Erwartungen, die wir gerade haben, vielleicht zu hoch, die Anforderungen zu schwer? Fürchtet das Pferd, bestraft zu werden, wenn es nicht tut, was es soll? Hat es vielleicht Schwierigkeiten zu verstehen, was von ihm gefordert ist? Auf Unsicherheit, Verwirrung, Angst und Stress reagieren viele Pferde mit Schnappen. 
  • Hat das Pferd ausreichend artgerechte Bewegung und Kontakt mit Artgenossen? Pferde, die ihre natürlichen Bedürfnisse nicht mit anderen Pferden ausleben können, lassen diese oft am Menschen aus, einfach, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. 
  • Ein sehr penetrantes Schnappen kann auch ein Zeichen dafür sein, dass das Pferd Hunger hat. Viele Pferde bekommen zu wenig Raufutter und haben deshalb ständig Hunger. Wenn wir nun mit ihnen arbeiten wollen, fällt es ihnen schwer, sich zu konzentrieren, stattdessen äußern sie ihren Unmut durch Verhaltensweisen wie das Schnappen. Kommt bei einem hungrigen Pferd Futterlob als positiver Verstärker hinzu, kann es verständlicherweise gierig reagieren. 
  • Wird das Schnappen zunehmend aggressiv, ist auch an Schmerzen zu denken. Ein Beispiel dafür ist das Schnappen beim Satteln und Nachsatteln. Das Schnappen oder Beißen kann hier ein klares Zeichen des Pferdes sein, dass ihm der Sattel unangenehm ist oder sogar wehtut. Manchmal führen auch schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit zu dauerhaften Drohgebärden, weil das Pferd so etwas nicht mehr erleben will. 

Tipp: Es kann sehr hilfreich sein, einmal eine neutrale Person zu befragen, welchen Eindruck das Pferd macht oder sich das Miteinander mit etwas Abstand auf einem Video anzuschauen. In der Situation selbst erlebt man ein Verhalten oft ganz anders, als wenn man von außen darauf schaut. 

Strafen ist aus unserer Sicht der falsche Weg

Viele haben Angst, dass ein schnappendes Pferd zu einem Beißer wird, wenn sie das Schnappen nicht bestrafen. Und so wird jedes Mal, wenn das Pferd schnappt, drohend „Lass das!“ gezischt oder das Pferd bekommt einen Klaps auf die Nase. In den wenigsten Fällen lassen sich schnappende Pferde dadurch vom Schnappen abhalten, im Gegenteil, man kann den Eindruck bekommen, dass genau diese Aufmerksamkeit durch den Menschen viele Pferde geradezu herausfordert, erst recht zu schnappen. Und so verbringen nicht wenige Pferd-Mensch-Paare viel Zeit damit, dass der eine schnappt und der andere schimpft und klapst. Wirklich glücklich ist damit keiner, aber es scheint kaum einen Ausweg auf dem Dilemma zu geben, schließlich kann man dem Pferd das nicht durchgehen lassen!? Das gesetzte Fragezeichen ist entscheidend, denn unserer Erfahrung nach macht es in den allermeisten Fällen tatsächlich viel mehr Sinn, auf das Schnappen nicht einzugehen, als es zu bestrafen. Dazu gleich mehr.

Schauen wir uns zunächst noch kurz an, was oft passiert, wenn ein Mensch mit einem eh schon schnappenden Pferd zu clickern beginnt: Wenn Futter ins Spiel kommt, werden viele Pferde aufgeregt. Und unter Aufregung verstärken sich bestimmte Verhaltensweisen, wie eben auch das Schnappen. Wenn der Mensch nun auch noch inkonsequent in der Futtergabe ist, also mal nach dem Click füttert, mal aber nur, weil das Pferd so süß ist oder wenn es ihn gerade bedrängt oder um es zu bestechen, dann kann es sehr gut dazu kommen, dass das Schnappen stärker wird. Straft der Mensch dann stärker oder zieht er die Hand mit dem Futter weg, weil er fürchtet, gebissen zu werden, kann damit genau das provoziert werden: Auch das Pferd wird schneller und beißt unter Umständen auch mal zu. 

Erkennen, mit welcher Art Schnappen man es zu tun hat

Wie schon ausgeführt gehört das Schnappen mit zum natürlichen Verhaltensrepertoire von Pferden und so sollten wir es auch sehen: Es kann eine spielerische Geste sein oder auch Ausdruck von Stress oder Unsicherheit. Und diesen Unterschied müssen wir erkennen!

Der Situation angemessen reagieren

Je besser wir verstehen lernen, warum ein Pferd zu schnappen beginnt, desto pferdegerechter können wir reagieren. Schnappt ein Pferd aus Stress, Überforderung, Unsicherheit oder körperlichen Beschwerden heraus, müssen wir anders reagieren, als wenn es wirklich eine Provokation ist (was sehr viel seltener der Fall ist als die meisten annehmen!). 

Bis zu einem gewissen Grad müssen wir gerade bei jungen, männlichen Pferden damit leben, dass sie maulaktiv sind. Hier sollten wir auf keinen Fall jedes Schnappen beantworten, sondern uns in Gelassenheit üben. Je mehr wir das Ganze mit Humor nehmen können, desto weniger ernst werden wir reagieren, worauf in der Folge das Pferd auch nicht selbst aggressiv werden wird. Wann immer möglich, raten wir dazu, das Schnappen zu ignorieren. Ist wirklich einmal eine Grenze zu ziehen, sollten wir das so emotionslos wie möglich machen und mit einer authentischen Autorität. Es ist wichtig, nicht wütend zu werden (oder gar zu bleiben), sondern nur ein deutliches Signal zu geben, zum Beispiel mit einer deutlichen stimmlichen Ermahnung.

Ganz wichtig: Sich selbst überprüfen

Bevor wir beim Pferd ansetzen, sollten wir immer zuerst unser eigenes Verhalten überprüfen. Viele Schnappereien sind schlicht und einfach hausgemacht, zum Beispiel durch achtlose Gabe von Leckerlis oder inkonsequentem oder achtlosem Verhalten dem Pferd gegenüber. Viele finden das Schnappen ja eigentlich auch „so süß“ und bestärken ein Pferd damit unbewusst darin.

Tipp: Hier ruhig öfter mal sich selbst im Zusammensein mit dem Pferd filmen und hinterher anschauen, es ist erstaunlich, wieviel einem da oft auffällt. 

Gegenseitiger Respekt als Basis

Statt den Fokus auf das Schnappen zu legen, raten wir generell dazu, gegenseitigen Respekt zu erarbeiten. Das geht bei aufdringlichen und rüpeligen Pferden am besten durch Abstand. 

Wir merken oft selbst nicht, dass wir einem Pferd ständig zu nahe kommen. Wir suchen die Nähe des Pferdes, weil wir es so lieb haben und weil es so schön zu streicheln und so süß ist, laden es damit aber ungewollt ein, uns selbst eben auch zu nahe zu kommen. Es hat sich unserer Erfahrung nach sehr bewährt, konsequent für einen gewissen Grundabstand zum Pferd zu sorgen, wenn wir neben ihm stehen oder am Boden mit ihm arbeiten. Es gibt hier keine feste Größe, sondern der Abstand ist dann gut, wenn der Mensch unbedrängt vom Pferd sein kann. Je nach Persönlichkeit oder Stimmungslage kann das auch mal gut mehr als eine Armlänge Entfernung sein, denn Pferde sind durch ihre langen Hälse in der Lage, uns sehr schnell sehr nah mit ihrem Maul zu kommen. 

Eine Grundregel kann lauten: Je aufdringlicher das Pferd, desto größer der Abstand. Allerdings ist wichtig zu beachten, dass der Abstand nicht dauerhaft gefordert werden sollte, sondern gerade bei anhänglichen Pferden (die oft einfach unsicher sind), gilt es, den Abstand immer wieder selbst zu verkürzen, also zum Pferd hinzutreten, es freundlich anzusprechen oder auch am Hals zu streicheln (möglichst nicht im Gesicht, da man so zum Schnappen geradezu einlädt) und dann wieder für Abstand sorgt. Bei etwas bulligeren Pferden kann es eine gute Übung sein, das Pferd freundlich zu bitten, einen Schritt rück- oder seitwärts zu machen, sonst kann man auch einfach selbst wieder einen Schritt weggehen – aber gut darauf achten, dass das Pferd nicht gleich hinterherkommt!

Wird diese Respekt-Übung neu eingeführt, kann sie zu einer gewissen Geduldsprobe werden, denn es gibt durchaus Pferde, die von sich aus immer und immer wieder den Abstand zum Menschen reduzieren und ihm zu nahe kommen. Hier ist es wichtig, nicht sauer oder gar aggressiv zu werden, sondern ruhig und gelassen zu bleiben und das Spielchen des Pferdes humorvoll zu nehmen. 

Das Schnappen in eine Übung leiten

Eine weitere Maßnahme bei sehr maulaktiven Pferden kann sein, sich mit ihnen eine Übung zu erarbeiten. Wir können einem solchen Pferd beibringen, Sachen aufzuheben und darüber das Verhalten ein Stück weit steuern. Pferde lernen meist schnell, wofür es eine Belohnung gibt und wofür nicht und arbeiten entsprechend mit. 

Mein Anthony hebt zum Beispiel gerne Dinge auf, was sich als sehr praktisch erweisen kann: 

Das Schnappen beim Pferd

Fazit: Ein Problem wird oft erst ein Problem, wenn wir eines daraus machen

Für das Schnappen, wie für viele andere sogenannte Unarten bei Pferden gilt, dass diese meist erst dann zu einem Problem werden, wenn wir a) nicht bereit sind zu verstehen, warum ein Pferd tut, was es tut, und b) durch unser eigenes Verhalten erst ein Problem daraus machen. Das Verhalten eines Pferdes ist zunächst immer nur als Kommunikation zu sehen und wir sollten uns immer fragen, was es uns sagen will. Dann können wir die Sache zusammen mit dem Pferd lösen, statt es zu bestrafen. Das erweist sich in der Praxis für uns immer wieder als der sinnvollste und beste Weg.

20. November 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Clickertraining, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 12 Kommentare »

Buch-Tipp: „Gut gemacht!“ von Marlitt Wendt

„Gut gemacht!“ von Marlitt Wendt
Burgwedel: evipo, 2014. – 72 S.
ISBN:9783945417010
ca. 11,– EUR (broschiert, durchgehend farbige Fotos)

„Gut gemacht!“ ist in derselben Reihe erschienen wie auch das schon von uns besprochene Buch „Stress lass nach“ und bietet genau wie dieses geballtes Pferdewissen in einem handlichen Format.  

Wie eigentlich immer bei Marlitt Wendt geht es auch in diesem Buch um Motivation, hier allerdings wird sie zum Schwerpunktthema. Es geht um die Frage, wie man Pferde begeistern kann, denn das sollte doch das Ziel sein: dass wir Freude beim Pferd erreichen und zwar unabhängig davon, was wir konkret mit unseren Pferden vorhaben. Damit eignet sich das Buch für alle Reitsportarten, denn ob es nun um Dressurlektionen, ums Springen, um die Arbeit an der Hand, um Geländeritte oder was auch immer geht – freudige Mitarbeit ist für alle schöner!

Marlitt Wendt geht mit gewohnt konsequentem Praxisbezug auf verschiedene Motivationstypen und -faktoren ein und auch darauf, was Motivation erschwert oder gar unmöglich macht. Immer wieder wird die Rolle des Menschen beleuchtet, also unsere Einstellung und unsere Ausstrahlung und worauf wir alles bei uns selbst achten müssen, damit wir auf eine gute Weise mit unseren Pferden arbeiten können.

Wichtig zu wissen ist, dass genau wie Menschen auch bei Pferden das, was sie motiviert individuell sehr unterschiedlich sein kann. Es ist deshalb unsere Aufgabe herauszufinden, was unser Pferd begeistert und wie wir es am effektivsten Loben können und dafür gibt es viele Anregungen in dem Büchlein. 

Das Clickern, das ja eines von Marlitt Wendts Steckenpferden ist, spielt hier übrigens nur eine kleine Rolle, so dass das Buch auch für alle, die (noch) nicht clickern möchten, geeignet ist. 

Erwähnenswert ist auch die vorbildliche Fotoauswahl – hier sieht man keine zugeschnürten Mäuler, Hilfszügel oder abgestumpfte Blicke, sondern durchweg Menschen und Pferde in fröhlicher und konzentrierter Zusammenarbeit. 

Fazit: Ein wichtiges, leicht zu lesendes und sehr anregendes Buch für alle, die sich eine harmonische und freudvolle Beziehung zu ihrem Pferd wünschen. 

gutgemacht

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13. September 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Buchtipps, Clickertraining, Umgang, Verhalten 3 Kommentare »

Buch-Tipp: „Ehrlich motiviert“ von Sylvia Czarnecki

„Ehrlich motiviert“ von Sylvia Czarnecki
Schwarzenbek: Cadmos, 2016. – 144 S.
ISBN: 9783840410659
ca. 20,– EUR (broschiert, durchgehend farbige Fotos)

Gleich zu Beginn des Buches ist ein, wie ich finde, sehr berührender Satz zu lesen: „Würde man das Pferd fragen: „Warum reagierst du so?“, würde man bei konventionellen Ausbildungsmethoden über Druck wohl meist: „Weil mir nichts anderes übrig bleibt.“ als Antwort erhalten. Und damit wird deutlich, dass die Autorin Sylvia Czarnecki mit diesem Buch das Ziel verfolgt, Alternativen aufzuzeigen. 

In „Ehrlich motiviert“ geht es um das Clickertraining, aber genau dieser Begriff taucht erstmal gar nicht auf. Das hat den Vorteil, dass vielleicht manch einer, der sich von der „ganzen Clickerei“ eher abgeschreckt fühlt, unbefangen die wichtigen Ausführungen über das Lernverhalten von Pferden zu lesen beginnt. Die Autorin hat hier komplexe Themen sehr verständlich aufbereitet und das Wissen, das sie im ersten Teil ihres Buches bietet, sollte Pflichtlektüre für alle sein, die mit Pferden arbeiten wollen.

Der zweite und größere Teil des Buches zeigt dann das positive Pferdetraining in der Praxis mit konkreten Übungen. Das Buch ist durchgehend mit sehr ansprechenden Fotos illustriert, die zeigen, worum es geht: um Partnerschaft, Respekt und einem stressfreien Miteinander. 

Es gibt von mir eine volle Leseempfehlung für dieses wundervolle Buch. Besonders hat mir gefallen, dass es in „Ehrlich motiviert!“ durchgehend darum geht, was ein Pferd braucht, um lernen zu können. Immer wieder wollte ich beim Lesen Sätze anstreichen und mir herausschreiben, weil sie so treffend, so wichtig und wahr sind. Und deshalb lasse ich diese Rezension auch mit einem Zitat von Sylvia Czarnecki enden:

„… Horsemanship bedeutet nicht, eine bestimmte Technik oder Methode anzuwenden, sondern das Lernverhalten des Pferdes zu verstehen und anzuerkennen und das Training gemäß seiner natürlichen Bedürfnisse zu gestalten; frei nach meinem Motto: „Ehrlich motiviert!“

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16. August 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Buchtipps, Clickertraining 0 Kommentare »

Das Abspulen erkennen, verstehen und auflösen

Mein letzter Beitrag über das Abspulen bei der Freiarbeit brachte viele Reaktionen und warf die Frage auf, wie man damit umgehen kann, wenn man ein solches Abspulen bei seinem Pferd bemerkt. Deshalb kommt hier nun ein weiterer Artikel, in dem ich das Thema vertiefen möchte. 

Das Abspulen erkennen

Zunächst müssen wir ein Abspulen überhaupt erst einmal erkennen. Für mich spult ein Pferd ab, wenn das Training kein Miteinander mehr ist, sondern eine mehr oder weniger einseitige Angelegenheit. Das Pferd tut Sachen, von denen es annimmt, dass es diese tun soll, ob der Mensch das nun angeregt hat oder nicht. Das kann sich in kleinen Dingen zeigen oder auch zu einem maschinenartigen Funktionieren führen, es kann momentweise auftreten oder auch ganze Einheiten bestimmen.

Mein Aramis hatte schon immer eine Tendenz zum Abspulen: Er zeigt oft Sachen, von denen er glaubt, dass ich diese gerade möchte. Das können Seitengänge sein oder ein Angaloppieren oder ein spanischer Gruß und anderes mehr. Zu Beginn fand ich das natürlich oft toll, dass er plötzlich Travers geht, scheinbar „ganz leicht“ – … nur hatte ich gar keine Hilfe dazu gegeben. Oder er galoppierte an der Longe an, obwohl ich eigentlich nur den Trab verstärken wollte – hübsch, aber nicht das, worauf es mir in diesem Moment ankam und es war auch kein übermütiges Angaloppieren aus Freude, das ich gerne angenommen hätte, sondern es fühlte sich anders an. Und auch beim Clickern zeigte er dieses Verhalten und bot mir oft alles Mögliche an, ohne überhaupt noch auf mich zu achten. 

Seine Motivation dabei war unterschiedlich: Als ein Pferd, das möglichst alles richtig machen will (vor allem mir gegenüber), tat er vieles aus Nervosität und Stress heraus. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass ich das eigentlich immer selbst mit meinen hohen Erwartungen an ihn ausgelöst habe. Manchmal aber spulte er auch Sachen ab, weil das eigentlich Gewünschte zu anstrengend oder schwierig war. Auch das musste ich erst lernen zu erkennen und zu akzeptieren (mir selbst erschien ja vieles gar nicht als sooo schwierig, aber genau darauf kommt es eben nicht an…) und dabei wieder an meinen Erwartungen und Ansprüchen arbeiten.

Sehr dabei geholfen hat mir die Freiarbeit, denn da wurde deutlich, dass ich jeden echten Kontakt zu Aramis verlor, wenn er abzuspulen begann. Zu Beginn lief er oft einfach um mich herum, und lief und lief und lief. Er ließ sich nicht verkleinern, nicht anhalten, reagierte auf nichts – ich konnte machen, was ich wollte. Sein Laufen hatte dabei wenig Freudvolles und ich fühlte mich hilflos und wurde traurig. Es tat mir leid, ihn so zu erleben, aber es machte mir klar, dass er auch in anderen Bereichen manchmal genauso reagierte, ohne dass ich verstanden hatte, was da geschah. Erst seitdem ich sein Abspulen als Ausdruck von Überforderung erkenne (durch Ansprüche, die Stimmung oder auch konkrete Aufgaben), kann ich es auf eine gute Art für uns auflösen. 

Verstehen, warum ein Pferd abspult

Pferde sind Gewohnheitstiere, insofern kann das Abspulen schlicht und einfach übernommenes Verhalten sein, denn auch wir Menschen sind oft Gewohnheitstiere und machen unbewusst manches immer sehr gleich. Die meisten von uns dürften das kennen, dass das Pferd z.B. immer am selben Punkt angaloppiert, nach dem Anhalten an der langen Seite gleich rückwärts geht oder genau weiß, dass nach den anstrengenden Traversalen Schluss mit der Einheit ist. So zeigen sich schnell die Trainingspunkte, die wir besonders oft gemacht haben, und das lässt sich durch etwas mehr bewusster Abwechslung meist leicht auflösen. 

Das Abspulen ist aber eben häufig auch eine Vermeidungsstrategie des Pferdes, von der es sich erhofft, weniger Ärger zu bekommen. Und das kann, wie ich anhand von Aramis weiter oben aufgezeigt habe, ganz unterschiedliche Ursachen haben: Manche Pferde tun das aus Angst und Unsicherheit. Sie wollen auf keinen Fall Fehler machen, weil sie Strafen fürchten. Manche Pferde machen das auch aus Bequemlichkeit, weil es ihnen leichter erscheint, das anzubieten, was sie schon können, als etwas Neues zu erlernen. Und manche spulen das ab, was sie schon kennen, weil sie nicht verstehen, was der Mensch möchte. Es ist wichtig, die Motivation des Pferdes zum Abspulen zu erkennen, um auf eine hilfreiche Weise reagieren zu können. 

Achtung: Ein Abspulen hat eine ganz andere Energie als wenn das Pferd von sich aus eigene Vorschläge macht oder Ideen einbringt – das gilt es, gut zu unterscheiden!

Und so können wir auf das Abspulen reagieren

Das Allerwichtigste beim Abspulen ist  zu verstehen, dass es sich dabei nicht um eine Widersetzlichkeit handelt. Das Pferd ist nicht stur und nicht bockig. Sein Ziel ist eigentlich, es uns recht zu machen, nur wählt es dafür eben manchmal einen Weg, der wie das genaue Gegenteil wirkt.

Ein Pferd, das an der Longe nicht mehr zu traben aufhört, gilt bei vielen als „unerzogen“, „wild“ oder „widersetzlich“, dabei kann es schlicht und einfach unsicher sein und Angst haben, dass es Ärger gibt, wenn es langsamer wird. Gleiches gilt für Pferde, die z.B. nur noch Travers laufen oder bei der Bodenarbeit ständig spanischen Schritt anbieten. Sie sind so sehr davon überzeugt, das Richtige zu tun, dass sie gar nicht mehr zuhören. Zuhören ist aber wichtig, damit das Training wieder eine gemeinsame Angelegenheit werden kann. 

Schritt 1 lautet also: erkennen und vor allem würdigen, dass das Pferd mit seinem Abspulen etwas „Gutes“ tun will. Ich sage in solchen Momenten zu meinem Pferd: „Das ist lieb, dass Du das jetzt machst, dankeschön, aber eigentlich möchte ich etwas anderes.“

Damit wir das Pferd aus seinem inneren Film heraushohlen können, damit es wieder auf uns achtet und uns zuhört, ist es unerlässlich, die Situation zu entstressen. Selbst Pferde, die vollkommen cool wirken, können innerlich stark gestresst sein und deshalb ins Abspulen kommen. Das sind z.B. Pferde, die einem im Schritt durchgehen. Sie laufen einfach weiter und lassen sich nicht mehr anhalten. Die meisten dieser Pferde sind meiner Erfahrung nach nicht „stur“, sondern vor allem verunsichert und versuchen, etwas Richtiges zu tun.

Schritt 2  besteht deshalb darin, für Ruhe und Entspannung zu sorgen. Dafür gilt es, die eigenen Erwartungen und Ansprüche loszulassen und erst einmal nur dafür zu sorgen, dem Pferd zu vermitteln, dass alles ok ist. Hier lautet meine Botschaft an mein Pferd: „Wenn Du mir gerade nicht zuhören kannst, dann lass uns eine Pause machen.“

Achtung: Bei sehr nervösen und unsicheren Pferden ist allein das schon eine schwierige Aufgabe! Doch ohne ein Grundmaß an innerer Ruhe ist jedes Training Stress. Wer clickert, kann hier gezielt Ruhe und Entspannung clickern.

Habe ich das Abspulen auf diese Weise ruhig und liebevoll stoppen können, überlege ich, wie ich sinnvoll weitermachen kann:

  • Vielleicht ist es nötig, das Training ganz anders aufzubauen?
  • Brauchen wir mehr Freude und Spaßmomente?
  • Mehr Pausen?
  • Vielleicht überfordere ich mein Pferd mit dem, was ich will?
  • Arbeite ich mit zu viel Druck und zu wenig Lob?
  • Reagiere ich unbewusst unwirsch und streng auf Fehler?
  • Vielleicht habe ich ihm noch nicht verständlich machen können, worum es mir eigentlich geht?
  • Vielleicht kann es mir einfach auch nicht geben, was ich möchte und bietet mir deshalb etwas anderes an? 

Mit all diesen Fragen setze ich bei mir an, denn das Abspulen sehe ich als menschengemachtes Problem, das auch nur von der Menschenseite her gelöst werden kann. 

Schritt 3 beginnt mit Überlegungen, wie ich es meinem Pferd ganz praktisch leichter machen kann und wie ich es schaffe, das Training so zu gestalten, dass es nicht mehr in sein Abspulmuster fallen muss. Dazu gehören für mich diese Punkte: 

  • Fehler zu machen ist erlaubt! Sie werden nicht bestraft und nur wenn nötig, sanft korrigiert. 
  • Pausen sind mindestens so wichtig wie die Arbeit selbst, ich belohne also auch das gemeinsame Nichtstun. 
  • Ich freue mich über jede eigene Idee vom Pferd und sei sie noch so zaghaft. 
  • Ich versuche nichts zu erwarten und nichts vorauszusetzen, sondern schaue jeden Tag neu, wie die Stimmung ist.
  • Mein Ziel ist eine liebe- und freudvolle, humorvolle Grundstimmung, in der auch gelacht werden darf und das Pferd Faxen machen kann. 

Ich bin fest davon überzeugt: kein Pferd spult freiwillig ab. Das Abspulen ist für mich im besten Fall eine Verlegenheitslösung, in den meisten Fällen aber ein Ausdruck von innerer Unsicherheit und oft sogar Not. Und ich sehe es so, dass es in meiner Verantwortung liegt, dafür zu sorgen, kein Pferd überhaupt erst in eine Situation zu bringen, in der es glaubt, abspulen zu müssen.

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24. Mai 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Clickertraining, Freiarbeit, Longieren, Reiten, Umgang, Verhalten 2 Kommentare »

Alles nur Dressur?

Das Clickertraining wird von Kritikern gerne als „Pudeldressur“ abgewertet. Auch ich hatte zu Beginn gedacht, dass man sich mit dem Clicker Lektionen nicht ehrlich erarbeitet, sondern ein Pferd durch Futter abrichtet, zu tun, was man will. Aber tatsächlich ist das Gegenteil der Fall!

Die Konditionierung auf den Click …

Es stimmt, dass beim Clickertraining eine Konditionierung erfolgt. Und zwar darauf, dass ein „Click“ (ob nun per Knack-Frosch oder per Zunge oder als Ton auf einer Pfeife) das bedeutet: „Das, was du gerade gemacht hast, war toll und dafür bekommst du was Leckeres.“ Dieser Teil ist Konditionierung oder im Kritikerjargon die „Dressur“.

… als Weg zum aktiven Lernen

Was aber dahintersteckt, ist Folgendes: Click + Futterlob (abgekürzt als C+B) bilden die Basis dafür, dass eine echte Kommunikation und selbstständiges Lernen möglich werden. Mit C+B habe ich die Möglichkeit, einem Pferd punktgenau zu vermitteln, welches Verhalten erwünscht ist, also richtig im Sinne einer auszuführenden Lektion oder einfach auch nur angenehm für mich (z.B. Höflichkeit im Umgang o.Ä.).

Mit dem Clickern wird ein Pferd also nicht dressiert, zu tun, was man will, sondern durch das Clickern kann es VERSTEHEN lernen, welches Verhalten gewollt ist (und damit für es selbst zum Erfolg führt, also zum C+B). Der Prozess des Verstehens ist das Entscheidende, was das Clickern auf der einen Seite so wirkungsvoll, aber auch so spannend macht. Im Gegensatz zu einer Dressur wird das Pferd nämlich zum Mitdenken angeregt. Petra hat in diesem Blogbeitrag ein sehr anschauliches Beispiel für dieses Mitdenken bei Nico gegeben. Das Pferd kann sogar eigene Vorschläge machen, also den Lernprozess aktiv mitgestalten und es liegt an uns Trainern, zu entscheiden, welche von den Vorschlägen wir annehmen möchten und welche lieber nicht.

Statt Hilfengebung findet Kommunikation statt

In der herkömmlichen Pferdeausbildung wird mit Hilfen gearbeitet. Man gibt eine Hilfe solange und ggf. auch immer stärker, bis das Pferd tut, was man möchte, wobei Fehlverhalten korrigiert oder sogar bestraft wird. Das Pferd lernt durch Versuch und Irrtum mehr oder weniger zuzuordnen, was es bei welcher Hilfe tun soll. Eigentlich soll es hierbei einfach nur tun, was man ihm mit der Hilfe zu vermitteln versucht… – und das ist doch ziemlich nah an dem dran, was man Dressur nennt, oder nicht?

Auch im Clickertraining gibt man Signale. Allerdings werden die erst eingeführt, NACHDEM das Pferd die eigentliche Lektion schon verstanden hat. Damit kann es die Beziehung herstellen zwischen dem erwünschten Verhalten und dem Zeichen, auf das es dann das Verhalten zeigen soll und muss nicht raten, was der Mensch nun eigentlich will. Hier bildet also das Verstehen die Grundlage. Darüber hinaus kann das Pferd auch jederzeit entscheiden, das Verhalten trotz des Signals nicht zu zeigen. Es wird dafür nicht korrigiert und nicht bestraft. Damit es das Verhalten zuverlässig zeigt, ist es die Aufgabe des Menschen, die Zusammenarbeit so interessant und motivierend zu gestalten, dass sie dem Pferd Freude macht. Nur dann wird es freiwillig tun, was wir möchten. Und das, so meinen wir, klingt doch alles andere als Dressur, oder was meinen Sie?

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12. Mai 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Clickertraining, Umgang 12 Kommentare »

  • Herzlich Willkommen im Themenbereich „Clickertraining“

    Das Clickertraining liegt uns sehr am Herzen, denn wir konnten die Erfahrung machen, dass auf diesem Weg das Verhältnis von Mensch und Tier grundlegend verändern kann. Hier finden Sie unsere aktuellen Tipps und Artikel zu diesem Thema. Hier findet Ihr unseren Clickerkurs, in dem wir Ihnen zeigen, wie Sie Ihr Pferd gewaltfrei bis zum Reitpferd ausbilden können. Mehr Infos zu uns finden Sie hier.

    NEU bei uns: Mit dem Herzen voran – der Reitkurs von "Wege zum Pferd":

    Und hier geht es zu unseren Büchern bei Kosmos:

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