Der verantwortungsvolle Umgang mit Schmerzen und Beschwerden beim Pferd

In den letzten Beiträgen hier im Blog ging es darum, wie wichtig es ist, Schmerzen und Beschwerden bei unseren Pferden zu erkennen, damit wir sie nicht einfach nutzen, obwohl es ihnen nicht gut geht – siehe dazu Der hat nichts, der läuft doch und Schmerzen beim Pferd erkennen. Heute möchte ich hier noch einige meiner Gedanken auf die Frage, wie wir verantwortungsvoll und pferdegerecht mit Schmerzen und Beschwerden unserer Pferde umgehen können, teilen.

Manchmal gibt es einfache Lösungen

Manchmal gibt es klare und einfache Lösungen: 

  • Ein Pferd zeigt starke Schmerzen in seinem rechten Vorderbein. Es kann damit kaum auftreten und läuft mehr oder weniger auf drei Beinen. Die Diagnose lautet „Hufgeschwür“, das Pferd wird behandelt und erhält einen Angussverband. Nach einigen Tagen geht es ihm deutlich besser, nach einer Woche läuft es wieder lahmfrei. 
  • Ein anderes Pferd zeigt plötzlich beim Reiten Zungenspiele, sperrt das Maul auf und reißt den Kopf hoch. Seine Reiterin vermutet, dass es Probleme mit dem Gebiss hat. Der gerufene Tierarzt findet einen entzündeten Wolfszahn und zieht ihn. Nachdem die Wunde abgeheilt ist, läuft das Pferd wieder zufrieden unter dem Reiter. 

In beiden Fällen wurden die Signale des Pferdes richtig gedeutet und es wurden Maßnahmen eingeleitet, die dem Pferd helfen konnten, so dass es ihm nach kurzer Zeit wieder besser ging. 

… oft aber nicht

In vielen Fällen sieht es aber anders aus. 

  • Ein Pferd geht immer mal wieder lahm. Der gerufene Tierarzt macht Beugeproben, die mal negativ und mal positiv ausfallen. Der Schmied wird gewechselt und das Pferd bekommt einen Beschlag. Dennoch läuft es immer wieder unrund. Selbst das Röntgen der Beine bringt keine neuen Erkenntnisse.
  • Ein anderes Pferd mag sich immer weniger bewegen. Während es früher eher schnell und temperamentvoll war, verweigert es nun mehr und mehr die Mitarbeit. Es sind keine eindeutigen Zeichen für eine Erkrankung zu erkennen. 
  • Und noch ein anderes Pferd reagiert plötzlich aggressiv auf Artgenossen und auch auf Menschen. Keiner kann sich das Verhalten erklären, da das Pferd sonst gesund wirkt. Ein Tierarzt wird nicht gerufen, statt dessen wird das Pferd allein gestellt und das Drohen nach dem Menschen bestraft. 

Schmerzen und Beschwerden bei Pferden werden keineswegs immer gleich als solche erkannt. Sie können durchaus nur sporadisch auftreten, worauf viele dem Pferd unterstellen, dass es simuliert und es trotz Schmerzen weiter (be)nutzen und sich zur Not auch entsprechend „durchsetzen“. Manche Reaktionen oder Verhaltensweisen eines Pferdes werden gar nicht mit möglichen Schmerzen oder Erkrankungen in Beziehung gesetzt, wie z.B. Bewegungsunlust, die dann viel zu oft als „Faulheit“ oder „Sturheit“ gedeutet wird, obwohl vielleicht eine noch nicht erkannte Atemproblematik oder anderes ihm die Bewegung so schwer macht. Solange ein Pferd „nur“ sein Verhalten ändert, ohne dass klare Schmerzsignale zu erkennen sind, reagieren leider viele auf von den eigenen Wünschen abweichendes Verhalten eines Pferdes unwirsch und bestrafen solche „Unarten“ oder „Widersetzlichkeiten“. Dabei zeigt das Pferd so vielleicht nur auf seine Art, dass es nicht kann oder ihm etwas weh tut.

Wenn wir nicht erkennen, dass ein Pferd Schmerzen oder andere Beschwerden hat, können wir dadurch, dass wir es weiter „normal nutzen wollen“ und gegebenenfalls diese Nutzung mit Nachdruck oder gar Gewalt durchsetzen, das Vertrauen des Pferdes verspielen und die Beziehung vergiften. Hinzu kommt unser eigenes ungutes Gefühl, das schlechte Gewisse und die Tatsache, dass alles immer weniger Spaß macht…  

Den Weg MIT dem Pferd gehen

Ein verantwortungsvoller Umgang mit einem Pferd heißt für mich, den Weg immer MIT dem Pferd zusammen zu gehen und nicht gegen es. Das gilt ganz allgemein und eben auch für den Umgang mit Krankheiten, Schmerzen und Beschwerden. Natürlich sind wir Menschen es, die die Entscheidungen treffen, aber wir sollten das nie tun, ohne genau auf unser Pferd zu achten, auf seine Reaktionen, seine Signale, seine Stimmungen. Sie zeigen uns so viel, wenn wir bereit sind, hinzuschauen und hinzufühlen. 

Hier habe ich einmal einige Punkte zusammengestellt, die ich für wichtig halte, wenn das Pferd sich anders als gewohnt oder gewünscht verhält, wenn es krank wird oder Schmerzen hat: 

  • Wann immer sich etwas ändert im Verhalten unserer Pferde, sollten wir innehalten und hineinspüren: Was könnte uns das Pferd damit sagen wollen? Welche Ursachen kann sein Verhalten haben? Wen können wir um eine Einschätzung bitten, wenn wir selbst unsicher sind?
  • Wenn wir die Vermutung haben, dass es unserem Pferd nicht gut geht oder das es Schmerzen hat, sollten wir uns fachlichen Rat holen – und zwar nicht von irgendjemanden, sondern von Menschen, die wirklich Ahnung haben, also einem guten Tierarzt, einen guten Physiotherapeuten/Osteopathen, einem guten Hufpfleger, je nachdem in welchem Bereich die Beschwerden vermutet werden. 
  • Bei jeder Behandlung und Therapiemaßnahme gilt es ebenfalls, gut auf das Pferd und seine Reaktionen zu achten. Wenn das Pferd zu einer Behandlung deutlich nein sagt, wird sie nur schwer durchzuführen oder durchzuziehen sein. Auch hier gilt es, MIT dem Pferd zu arbeiten und nicht einfach blind Anweisungen zu folgen, selbst wenn sie eigentlich sinnvoll und richtig sind. Für Gesundwerdung und Heilung ist in gewissem Maße das Ja des Pferdes und seine Bereitschaft zur Mitarbeit nötig. 
  • So sehr wir auch wollen, dass unser Pferd möglichst schnell wieder beschwerdefrei ist, so sollten wir nicht alles, was möglich ist, auf einmal angehen. Zu viele Behandlungsansätze gleichzeitig schaden oft mehr als sie nutzen. Wichtig ist eine wirklich auf das jeweilige Pferd abgestimmte Behandlung, die den Körper, aber auch die Psyche des Pferdes berücksichtigt. Manchmal ist weniger mehr und oft braucht es vor allem Zeit und Geduld. 
  • Es gilt sich vor zu vielen „guten Ratschlägen“ zu schützen, denn davon kommen meist reichlich, wenn ein Pferd erkrankt. Jeder weiß dann genau, was wir tun sollten und jeder hat noch eine Methode parat, die wir noch nicht ausprobiert haben. So gut das gemeint sind, so basieren viele „Tipps“ leider oft auf Halbwissen, Einzelerfahrungen oder auch persönlichen Vorlieben und Interessen. Hier gilt es, besonnen zu sein und in Absprache mit den Menschen, denen man wirklich vertraut, Entscheidungen zu treffen, die sich rund und stimmig anfühlen. 
  • Die Frage, ob und wie ein Pferd, das Beschwerden oder Schmerzen hat, genutzt werden kann oder soll, ist nie leicht zu beantworten. Pauschalvorgaben wie „Bewegung tut immer gut“ können genauso falsch sein wie ein Pferd aufgrund gesundheitlicher Probleme abrupt zum Rentner zu erklären und aufs Abstellgleis zu schieben. Hier gilt es ganz besonders, gut auf das Pferd und seine Reaktionen zu achten. Sie können uns durchaus zeigen, ob ihnen Bewegung gut tut, ob sie auch mit Schmerzen Freude am Tun haben und ob sie die Aktivitäten mit uns schätzen oder nicht. Hier ist unser Einfühlungsvermögen genauso gefragt, wie ein zu schulendes Auge, um immer besser zu erkennen, was in der jeweiligen Situation angemessen ist und was nicht. 
  • Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich Beschwerden bei unseren Pferden nicht immer durch einfache Maßnahmen beheben lassen. Oft ist es schon schwer genug, die tatsächliche Ursache zu finden und selbst wenn das der Fall ist, gehen Heilungsprozesse von Krankheiten oft ihre eigene Wege und dauern viel länger als gedacht. Dann sind Geduld und starke Nerven gefragt. Oft gibt es auch keine klare Besserung, so dass das Pferd und sein Mensch mit den Schmerzen und Beschwerden leben lernen müssen. Das ist oft eine sehr schwierige Herausforderung, da hier Sorgen, Zweifel, Ängste, Frust und vieles mehr hineinspielt.
  • Ob und inwieweit ein Leben mit Schmerzen oder anderen Beschwerden lebenswert für ein Pferd ist, kann nur im Einzelfall entschieden werden. So wie auch wir Menschen mit Schmerzen leben lernen können, können auch Pferde fröhlich sein, obwohl ihnen etwas weh tut. Andere geben sich innerlich auf und wollen nicht mehr. Wenn wir hier bereit sind, sehr aufmerksam in unser Pferd fühlen und achtsam für das sind, was sie uns mitteilen, können wir auch hier eine Entscheidung MIT dem Pferd darüber treffen, was zumutbar ist und was nicht. Es kann zusätzlich sehr gut tun, sich mit jemanden auszutauschen, der selbst schon in einer ähnlichen Situation war und dem man vertrauen kann. Ein Blick von außen und auch Gedanken eines anderen können manchmal sehr hilfreich sein – allerdings nur in Maßen, wenn sich zu viele einmischen, schadet es fast immer mehr als dass es nutzt. 
  • Wichtig ist vor allem bei längeren Krankheitsprozessen oder chronischen Erkrankungen, dass wir auch immer wieder bei uns selbst bleiben und uns über unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusst werden. Ein krankes Pferd kann vieles auslösen: Sorgen, Angst, Frust, manchmal auch Hilflosigkeit, Ohnmacht,Wut und anderes mehr. All das ist menschlich und verständlich, nur sollten wir unsere Gefühle nicht unbewusst ungefiltert am Pferd auslassen, wie es leider immer wieder zu erleben ist. 
  • In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, sehr bewusst darauf  achten, dass wir unser Pferd nicht „krank gucken“ oder „krank denken“. Gerade wenn wir dazu tendieren, uns immer viele Sorgen zu machen, liegt unser Fokus oft zu sehr auf dem, was nicht ok ist und wie verlieren das Gesamtbild aus den Augen. Pferde können, genau wie wir Menschen, trotz einer Erkrankung oder Beschwerden ein fröhliches und zufriedenes Leben führen, sofern sie entsprechend der Problematik behandelt werden. Je besser wir selbst ja zu der Situation sagen können, desto weniger belasten wir unser Pferd mit unseren eigenen Sorgen und Ängsten.

Keiner kann wissen, was kommt

Indem wir uns ein Pferd anschaffen, übernehmen wir eine Verantwortung, derer wir uns zwar vom Kopf her meist bewusst sind, aber deren Tragweite sich nie wirklich erfassen lässt. 20 Jahre lang ein kerngesundes Pferd zu haben, das einem nichts krumm nimmt und das von Natur aus ein Sonnenschein ist, ist eine ganz andere Nummer als zum Beispiel einen starken Ekzemer, einen chronischen Huster oder ein Pferd mit regelmäßig wiederkehrenden Koliken zu haben… 

So sehr wir uns alle ein gesundes Pferd wünschen, so entwickeln sich die Dinge in der Realität oft anders. Wenn wir uns ein Pferd anschaffen, haben wir oft viele schöne Vorstellungen: Wir träumen vielleicht von langen Ausritten, von Tuniersiegen, Kutschfahrten oder Vorführungen von Zirkuslektionen. Wird unser Pferd mal krank oder verletzt es sich, geben wir ihm gerne eine Pause und warten, bis es ihm wieder gut geht. Doch dann kommt es vielleicht zu einer langwierigen Erkrankung oder einem Unfall, wodurch unser Pferd dauerhaft nicht geritten oder gearbeitet werden kann. Vielleicht erreicht es nie wieder seine volle Einsatzfähigkeit, sondern, im Gegenteil, sein Zustand wird immer schlechter. Auf diese Weise werden Ziele, Träume und Hoffnungen durch Angst, Frust und Geldsorgen abgelöst. Und damit müssen wir leben lernen – je bewusster wir das tun, desto besser wird es uns gelingen. 

Der Verantwortung gerecht werden

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Schmerzen und Beschwerden bei unseren Pferden ist eine große Aufgabe und eine nicht immer einfache Herausforderung.

  • Es geht um die Bereitschaft, sich intensiv mit dem Wesen Pferd zu befassen, um es immer besser zu verstehen und ihm gerecht zu werden.
  • Es geht darum zu verstehen, dass Pferde keine Sportgeräte sind und dass wir kein Recht auf Nutzung haben, nur weil wir viel Geld für sie bezahlen. 
  • Es geht darum, eigene Erwartungen und Bedürfnisse manchmal nicht nur für eine gewisse Zeit zurückzustellen, sondern vielleicht auch ganz loszulassen.
  • Es geht darum, dem Pferd auch trotz Beschwerden die Möglichkeit zu geben, ein lebenswertes Pferdeleben zu führen – einerseits indem wir die dafür nötigen Voraussetzungen schaffen (das betrifft die Haltung, Fütterung, Behandlungen u.a.) und andererseits daran arbeiten, dass nicht die Beschwerden und unsere Sorgen im Mittelpunkt stehen, weil wir sonst ausbrennen, sondern die gemeinsame Beziehung und das, was trotz allem noch Schönes zusammen gemacht und erlebt werden kann, damit wir daraus immer wieder Kraft schöpfen können. 
  • Es geht in manchen Fällen darum, zu lernen mit immer wieder aufkeimenden und enttäuschten Hoffnungen umzugehen, wenn Therapien erst zu greifen scheinen, aber es dann doch wieder zu Verschlechterungen kommt, obwohl man viel Geld für Tierärzte und Behandlungen ausgibt; und manchmal steht auch eine endgültige Entscheidung an.
  • Und so gut wie immer geht es auch darum, sich mit persönlichen Schlüsselthemen zu befassen, wie zum Beispiel Verlustängste, Ehrgeiz, Umgang mit Frust, Selbstfürsorge und anderes mehr.

Es geht auch um uns selbst

Ich weiß aus eigener Erfahrung nur allzu gut, wie schwer die Verantwortung wiegen kann, die wir mit dem Kauf eines Pferdes übernehmen. Wir dürfen dabei aber nicht die Verantwortung vergessen, die wir für uns selbst haben. Nur wenn wir wenigstens halbwegs gut für uns selbst sorgen, können wir auch gut für ein anderes Wesen sorgen.

Es ist wichtig, dass wir uns zwar immer wieder selbst hinterfragen, aber gleichzeitig müssen wir uns auch bewusst machen, unser Bestes zu geben. Manches können wir beeinflussen und aufhalten, aber nicht alles verhindern. Ich denke, es ist eine Aufgabe, dass wir lernen ja zu sagen zu dem, was ist, also zu akzeptieren, dass es nicht so gekommen ist, wie wir es uns gewünscht haben, aber dass wir tun, was wir können. Es ist ganz wichtig, bei allem nicht die Freude am Miteinander zu verlieren. Und genauso dürfen auch mal einfach nur traurig oder frustriert sein darüber – das alles gehört dazu.

Tipp: Für alle, die sich hier berührt fühlen, kann mein Freudekurs eine gute Unterstützung sein. 

Wenn wir merken, dass uns die Sache aufzufressen beginnt, steht an, dass wir uns Hilfe suchen – Hilfe bei der Betreuung und Versorgung unseres Pferdes, aber vielleicht auch Hilfe dabei, mit den Sorgen umzugehen, mit der Angst um unser Pferd, mit den Ansprüchen, die wir an uns selbst haben oder mit der Wut in uns oder der Ohnmacht. Eine Erkrankung unseres Pferdes kann uns sehr klar zu einem Punkt führen: und zwar zu uns selbst.  

Verantwortung Pferd

17. Juli 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Gesundheit 5 Kommentare »

Der hat nichts, der läuft doch… 

Darf man ein lahmendes Pferd reiten? Darf man sich auf ein Pferd setzen, das Rückenschmerzen hat? Darf man ein Pferd mit Gebiss reiten, das Zahnprobleme hat? Mit diesen Fragen, die man eigentlich für rhetorische halten sollte, legen wir einmal mehr den Finger in eine Wunde in der Pferdewelt: Es geht um das Thema Schmerzen beim Pferd und da liegt leider einiges im Argen. 

Ist doch nicht so schlimm!?

Einige Beispiele aus der ganz normalen Pferdewelt: 

  • Da ist der schon etwas betagte Wallach, der seine jugendliche Reiterin mehrfach in der Woche eine Stunde in der kleinen Halle herumträgt. Er tickt dabei auffällig, aber weist man das Mädchen oder deren Mutter darauf hin, dass das Pferd lahmt, sagen die nur: „Ja, der ist schon alt und hat Arthrose. Aber Bewegung ist gut für ihn und so lange er noch läuft, ist alles ok.“ 
  • Oder nehmen wir die junge Stute, die beim Aufsteigen beharrlich solange ausweicht, bis ihre Reiterin irgendwie doch raufkommt und die dann die gesamte Zeit mit durchgedrückten Rücken läuft. Darauf hingewiesen, dass dem Pferd der Sattel vielleicht nicht passt, wird abgewunken: „Doch, der passt, das hat ein Sattler im letzten Jahr gecheckt.“ 
  • Wir können auch einen Blick auf den Spanier werfen, der zu Beginn jeder Reitstunde und jedes Ausritts von sich aus keinen Schritt vorwärts gehen mag. „Ach, der fragt immer nur, wer der Boss ist. Setzt man sich durch, macht er auch alles mit“, ruft seine Besitzerin, während sie ihm eins mit der Gerte auf den Hintern gibt. 
  • Und noch ein Beispiel: Da ist der Haflinger, der seinen Besitzer durchs Gelände trägt, aber dabei sichtlich klamm läuft. Darauf angesprochen, wird erklärt, dass der Schmied gerade da war und der habe wohl etwas zu viel weggenommen, das gibt sich schon wieder. Und in der Herde laufe er prima mit, also könne es ja nicht so schlimm sein. 

In all diesen und leider vielen anderen Fällen zeigen Pferde deutlich, dass sie Schmerzen haben, doch die verantwortlichen Menschen wischen diese mit verschiedenen Aussagen einfach weg. Der gemeinsame Nenner ist der, dass solange das Pferd läuft, es ja auch nicht so schlimm sein kann.

Tja, und genau damit können wir ganz, ganz gewaltig falsch liegen. 

Verstehen, was das Wesen Pferd ausmacht

Dass Pferde Herden- und Fluchttiere sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Was aber aus diesen Tatsachen folgt, leider nicht: 

  • Als Herdentier wird jedes Pferd instinktiv versuchen, Anschluss zu halten – auch unter Schmerzen. Stehen zu bleiben bedeutet zurückzubleiben und das kann sich kein Pferd erlauben. 
  • Als Fluchttiere müssen Pferde auch unter Schmerzen laufen können, denn davon hängt im Ernstfall ihr Überleben ab. Während Raubtiere sich bei Schmerzen eher in eine geschützte Ecke zurückziehen, können Schmerzen bei Pferden gerade erst recht zu Unruhe und vermehrte Energie führen, da sie instinktiv wissen, durch die Schmerzen vielleicht gehandicapt zu sein. 
  • Als Fluchttiere verfügen Pferde darüber hinaus über keinen Schmerzlaut, denn dieser würde sie einem potentiellen Jäger verraten. Sie leiden deshalb still.
  • Und ein weiterer, ganz wichtiger Faktor: Pferde sind als soziale (Herden-)Tiere in der Lage, Gefühle und Erwartungen nicht nur von anderen Pferden, sondern auch von uns Menschen wahrzunehmen (siehe dazu auch diesen Text). Sehr viele Pferde wollen ihren Besitzern/innen gefallen, wollen deren Erwartungen erfüllen oder haben Angst vor negativen Folgen, wenn sie nicht tun, was von ihnen verlangt wird, und reißen sich deshalb in ihrer Gegenwart zusammen. So kommt es nicht selten vor, dass der Stallbesitzer den Pferdebesitzer über eine Lahmheit oder Bauchschmerzen informiert, das Pferd aber „ok“ wirkt, wenn sein Mensch auftaucht beziehungsweise, dass es dann „funktioniert“. Daraus kann aber eben nicht einfach geschlossen werden, dass dem Pferd wirklich nichts fehlt oder wehtut, sondern es ist sehr wichtig, die Schilderungen des Stallbesitzers oder andere Personen, die das eigene Pferd über längere Zeiträume sehen, ernst zu nehmen und der Sache auf den Grund zu gehen. 

Für die konkreten Beispiele von weiter oben folgt daraus:

  • Den älteren Wallach mit seiner Arthrose stumpf in der Halle auf engen Wendungen zu reiten, grenzt an Tierquälerei. Ein Pferd mit Arthrose braucht ein einfühlsames und seinem Krankheitszustand entsprechendes Training, wie z.B. ruhige Schrittausritte im Gelände oder Spaziergänge und behutsames Aufbautraining an der Hand. Nur weil sich ein solches Pferd nicht wehrt, heißt es nicht, dass es keine Schmerzen hat, wer das annimmt, ist ignorant und unfair. 
  • Ein Sattel, der bei einem jungen Pferd angepasst wurde, kann schon nach kurzer Zeit wieder unpassend sein, denn gerade junge Pferde verändern sich muskulär oft sehr stark. Aber auch bei allen anderen Pferden darf nie vorschnell davon ausgegangen werden, dass ein Sattel wirklich passt. Veränderungen im Training, in der Haltung oder durch die Jahreszeiten mit dem Wechsel von der Weide zum Paddock können Veränderungen in Bezug auf das Gewicht und die Muskeln mit sich bringen und dazu führen, dass ein einmal passender Sattel schmerzhaft zu drücken beginnt. Pferde können nicht sagen: „Du, der Sattel drückt ganz doll.“, sondern sie zeigen es eben genau durch die beschriebenen Verhaltensweisen: Sie weichen beim Aufsteigen aus und drücken den Rücken weg. Werden die Schmerzen stärker, weil der Mensch nichts tut, um das Übel abzustellen, können irgendwann auch Buckeln und Abwerfen des Reiters folgen – das aber eben nicht, wie so oft behauptet, aus Böswilligkeit, sondern weil die Schmerzen zu groß werden. 
  • Wenn ein Pferd nur unter Druck oder mit Gewalt vorwärts läuft, dann gibt es dafür immer eine Ursache, und die liegt ganz sicher nicht darin, dass diesem Pferd erst gezeigt bekommen muss, wer das Sagen hat. Andauernde Bewegungsunlust kann neben psychischen Ursachen auch konkrete körperliche Gründe haben, wie z.B. Verspannungen oder Schmerzen unterschiedlichster Art. Auch eine Atemproblematik oder Erkrankungen des Stoffwechsels, ein Mangel an Mineralien oder Spurenelementen, kann die Bewegungslust hemmen. Ein solches Pferd mit Sporen oder Gerte zum Vorwärts zu zwingen, ist grob und brutal.
  • Bei dem Wallach mit dem klammen Gang sollte zunächst die Arbeit des Schmieds kritisch überprüft und ggf. über einen Wechsel entschieden werden, denn es ist keinesfalls in Ordnung, dass ein Pferd nach dem Ausschneiden so fühlig ist. Ein klammer Gang sollte immer ein klares Warnsignal für uns sein, denn hier zeigt das Pferd deutlich, dass ihm etwas weh tut. Im schlimmsten Fall ist nicht nur die Hufbehandlung Schuld, sondern es kann sich auch um eine nicht erkannte Erkrankung, wie z.B. eine Entzündung der Hufrolle, oder um eine schleichende, nicht erkannte Hufrehe o.a. handeln. Ein Pferd, das so deutlich zeigt, dass ihm die Füße weh tun, braucht Hilfe und es darf nicht einfach „darüber hinweggeritten werden“. 

Und das sind nur einige Beispiele von typischen Schmerzen, die Pferde haben. Denken wir ruhig auch an Wirbelprobleme, Magengeschwüre, Zahnschmerzen, alte Verletzungen, noch nicht erkannte Chips und vieles andere mehr, das Pferden Beschwerden bereiten kann. 

Wir dürfen die Bereitschaft unserer Pferde nicht ausnutzen

Leider neigen viele Menschen dazu, die Tatsache, dass viele Pferde ihrer Natur entsprechend bei Schmerzen die Zähne zusammenbeißen und trotzdem ihren Job machen, so zu interpretieren, dass es ok ist, sie auch mit Beschwerden nach unseren Vorstellungen zu nutzen. Und mehr noch: Wir schimpfen auch noch auf sie, wenn sie in der Leistung nachlassen oder ab einem bestimmten Punkt tatsächlich den Dienst quittieren – das nämlich wird ihnen dann als Ungehorsam ausgelegt.

Es ist aus unserer Sicht dringend nötig, sich darüber bewusst zu werden, wie oft das überall in der Pferdewelt passiert und sich auch selbstkritisch zu prüfen. Uns macht es sehr traurig, dass so vielen die Nutzung ihrer Pferde so wichtig ist, dass viele nicht bereit sind, ihre Pferde als fühlende Wesen zu sehen und auf Schmerzen und Beschwerden angemessen zu reagieren. Aber ist das nicht eigentlich das Mindeste, wenn wir behaupten, Pferde zu lieben?

Tipp: Hier erfahrt Ihr, wie Ihr Schmerzen beim Pferd erkennen könnt.

3. Juli 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Gesundheit, Verhalten 11 Kommentare »

Pferde können unsere Gefühle erkennen

Ich freu mich mich immer aufrichtig darüber, wenn es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die bestätigen, wovon ich schon lange ausgehe. Das war vor einiger Zeit zum Beispiel die klare Aussage, dass Dominanz nicht pferdegerecht ist und jetzt wurde von Forschern nachgewiesen, dass Pferde in der Lage sind, unsere Gefühle zu erkennen (hier gibt es einen Artikel in der Süddeutschen dazu und hier geht’s zur Originalstudie). 

Was die Forscher erkundeten

Pferde nutzen nach den Erkenntnissen der Forscher verschiedene Aspekte, um unsere Gefühlslage einzuordnen, wie unsere Körperhaltung und -ausstrahlung, Mimik und Stimme. Normalerweise stimmen diese Elemente überein, ein wütender Mensch hat eine entsprechende Körperhaltung, spricht auf eine bestimmte Art und auch seine Mimik spiegelt Wut. Die Forscher prüften nun, was geschieht, wenn etwas davon abweicht.

Was passiert also, wenn das Pferd eine wütende Stimme hört, aber einen freundlichen Menschen sieht? Die Forscher nahmen verschiedene Faktoren in die Wertung, wie „Blickdauer des Pferdes“, „Reaktion“, „Rate des Herzschlags“ und konnten nachweisen, dass sich das Verhalten der Pferde deutlich unterschied, wenn Bild und Stimme widersprüchlich waren als wenn sie übereinstimmten, vor allem dann, wenn ihnen der Mensch vertraut war. Ein solches Verhalten wurde bisher vor allem bei Hunden beobachtet. Aus ihren Beobachtungen leiten die Forscher die Schlussfolgerung ab, dass Pferde in der Lage sind, aufgrund des Gesichtsausdrucks menschliche Emotionen zu erkennen.  

 Was das für den Umgang mit Pferden bedeutet

Wir schreiben ja immer wieder, für wie wichtig wir es im Umgang mit Pferden halten, dass wir uns über unsere eigene Ausstrahlung bewusster werden und sehen uns nun in unseren Anregungen bestätigt, denn für uns ist ganz klar: Wenn sie schon, wie in der Studie nachgewiesen, eindeutig unsere Mimik lesen können, können sie erst recht unsere Körpersprache und -ausstrahlung interpretieren. 

Unsere Erfahrung ist: Pferde reagieren ständig auf uns und werden durch unser Verhalten wesentlich beeinflusst. Tun sie also etwas, was wir nicht wollen oder unschön finden oder reagieren sie anders, als wir es erwartet hätten, gilt es sich zunächst zu fragen, ob wir vielleicht selbst die Ursache für das Verhalten sind:

  • Wie wirke ich in diesem Moment auf mein Pferd?
  • Was strahle ich gerade aus – und was macht das mit meinem Pferd?
  • Welche vielleicht widersprüchlichen Botschaften sende ich?
  • Wodurch könnte mein Pferd verwirrt werden?

Tipp: Hier kann es ausgesprochen nützlich sein, sich selbst zu filmen und das später in Ruhe anzuschauen. Da wird einem manches sichtbar gemacht, von dem man keine Ahnung hatte. Auch ein wohlwollender Blick einer vertrauten Person kann hilfreich sein, aber Vorsicht: Die Anwesenheit andere kann uns angespannt und verkrampft werden lassen, so dass wir dann wieder ganz anders wirken als normalerweise. Eine Kamera, die einfach mitläuft, während wir mit unserem Pferd zusammen sind, zeigt unser gewöhnliches Verhalten oft besser auf. 

Der Vorwurf der Vermenschlichung

Viel zu oft hört man noch immer, dass man „Pferde nicht vermenschlichen“ soll und rechtfertigt damit Ignoranz, einen groben Umgang und ein unfaires Verhalten. Dabei wird aber leider übersehen, dass „vermenschlichen“ und „menschlich sein“ zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind…

Wir vermenschlichen ein Pferd keineswegs, wenn wir seine hoch entwickelten Sozialfähigkeiten anerkennen und begreifen, wie empfindsam sie sind – im Gegenteil, nur dann können wir wirklich pferdegerecht reagieren. 

Pferde können Gefühle lesen

26. Juni 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 2 Kommentare »

Blinde Flecken – wer hat sie nicht?

Wisst Ihr, was ein so genannter blinder Fleck ist? Nein, keine Augenkrankheit des Pferdes, sondern hier geht es mal wieder um uns selbst. Als „blinden Fleck“ bezeichnet man Teile der eigenen Person oder auch Verhaltensweisen, derer wir uns nicht bewusst sind. Die gibt es in allen Lebensbereichen, aber gerade in der Pferdewelt lassen sie sich besonders anschaulich aufzeigen, denn die ist leider voll davon. Und weil blinde Flecken oft zu krassen Widersprüchen zwischen Tun und Handeln führen, halte ich es für wichtig, sich einmal genauer damit zu befassen.  

Ein anschauliches Beispiel

Vor einiger Zeit fand ich ein inspirierendes Foto mit sehr klugen Aussagen, wie zum Beispiel die, dass Pferde nicht dafür da sind, unser Ego zu befriedigen. Als ich dann aber auf die Quelle klickte wurde mir dort ein Foto von der Verfasserin mit einem sehr jungen Fohlen gezeigt, das mit Showhalfter, Siegesschärpe und Gewinnerrosette zu sehen war… 

Ist doch nicht so schlimm? So etwas kann ein Fohlen schon mal ab? 

Tja, mag sein, … aber wenn ich das tue, kann ich meiner Ansicht nach nicht schreiben, dass Pferde nicht dafür da sind, unser Ego zu befriedigen, denn die Teilnahme mit einem vielleicht einige Wochen (!) alten Fohlen an einer Show hat aus meiner Sicht vor allem etwas mit Ego-Befriedigung zu tun und nichts mit art- und altersgerechter Fürsorge. Nur, und das ist der Punkt, könnte es gut sein, dass die Verfasserin sich kein bisschen darüber bewusst ist, dass sie selbst genau das tut, wogegen sie vorher geschrieben hat. Das ist ein sehr gutes Beispiel für einen blinden Fleck, der zu einem krassen Widerspruch führt und die Frau tun lässt, was sie eigentlich ablehnt.

Was wir bei anderen schnell sehen… 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass fast jede/r von uns solche Beispiele parat hat: 

  • Da ist die Miteinstellerin, die sagt, dass sie ihr Pferd so doll lieb hat und ständig neue Decken, glitzernde Stirnbänder, säckeweise Möhren und dergleichen mehr kauft, aber wenn das Pferd aus ihrer Sicht einen Fehler macht, wird es grob bestraft. 
  • Da ist der Pferdebesitzer, der viel Geld in den tollen Westerntrainer investiert, damit sein Pferd eine gute Ausbildung bekommt, dem aber im Falle bei einer ungeklärten Erkrankung das Rufen eines zweiten Tierarztes oder eine alternative Behandlung seines Pferdes zu teuer ist. 
  • Da sind die Trainer, die auf ihren Webseiten mit „Pferdegerechter Ausbildung“ werben, aber in der Praxis noch immer der längst überholten Dominanztheorie folgen.
  • Da sind all die vielen Leute, die in den Social Media schon fast wie die Hyänen auf andere Pferdebesitzer losgehen, wenn sie etwas wittern, was nicht ok ist, aber selbst den Sperrriemen noch ein Loch enger ziehen, damit sie ihr Pferd kontrollieren können oder den wochenlang klammen Gang ihres Pferdes mit einem „Ach, der simuliert nur!“ abtun.
  • Und so weiter und so fort.  

… erkennen wir bei uns selbst oft nicht

Mal ganz ehrlich: Erkennen wir solche Widersprüche auch bei uns selbst?

  • Greife ich andere vielleicht genau für solche Fehler an, die ich selbst mache? 
  • Kritisiere ich andere vielleicht genau für die Schwächen, die ich selbst habe? 
  • Predige ich vielleicht oft genau das, was ich selbst falsch mache? 
  • Lästere ich vielleicht genau darüber, was ich bei mir selbst doof finde? 

Tatsächlich nämlich provozieren uns unbewusst nämlich oft genau die Sachen, die wir bei uns selbst für falsch halten und es kann sehr hilfreich sein, sich bei jedem Impuls, andere anzugehen, erst einmal zu fragen: 

Was hat das vielleicht mit mir selbst zu tun? 

Der Schlüssel ist Selbstreflexion

Und damit sind wir wieder einmal bei einem der wichtigsten Punkte im Zusammensein mit Pferden: nämlich der Bereitschaft, das eigene Verhalten selbstkritisch zu hinterfragen. 

Selbstreflexion ist eine Übungssache und die Herausforderung besteht darin, das auf eine konstruktive Weise zu tun. Immer mal wieder tief in ein schlechtes Gewissen zu versinken, bringt nämlich leider gar nichts. Es geht darum, auch tatsächlich etwas zum Guten zu verändern

Und so möchte ich diesen Beitrag als Einladung und vielleicht auch Aufforderung verstanden wissen, dass jeder von uns einmal sehr bewusst nach den krassen und vielleicht auch weniger krassen, dafür aber trotzdem unschönen Widersprüchen im eigenen Verhalten sucht, also nach Widersprüchen

  • zwischen dem, was wir sagen oder wofür wir uns ereifern und 
  • dem, was wir tatsächlich selbst tun (und mit ach so guten Gründen entschuldigen, denn bei uns ist ja aaaaalles ganz anders…).

So bekommen wir Anhaltspunkte dafür, wo wir an uns selbst arbeiten können, anstatt immer nur mit den Fingern auf andere zu zeigen. Ja…, das kann ganz schön unbequem sein, wie ich aus eigener Erfahrung nur allzu gut weiß, aber es ist unerlässlich, wenn wir wirklich pro Pferd handeln und nicht nur darüber reden wollen. 

 

Blinde Flecken

5. Juni 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse 4 Kommentare »

Pferde sind Egoisten und anderer Unfug

Es gibt Sätze, die machen mich auch nach all den Jahren, die ich nun schon mit Pferden (und deren Menschen) zu tun habe, sprachlos. Neulich erschien ein solcher Satz in den Kommentaren auf meiner Facebookseite: „Pferde sind Egoisten.“

Die Wirkung

Es gibt viele solcher Sätze und sie haben leider eine große Macht, denn sie bewirken Verschiedenes: 

  • Sie machen einen entweder stumm, weil man angesichts einer solch dummen wie falschen Aussage kaum noch etwas zu erwidern weiß oder
  • sie machen einen wütend und damit wird man gerade in einem Austausch oft viel zu emotional,
  • vor allem aber setzen sie sich, weil sie so schön griffig sind, in vielen Köpfen als Tatsache fest und das ist aus meiner Sicht das Schlimmste an der Sache… 

Es handelt sich hierbei um so genannte Killerphrasen oder Totschlagargumente. Zitat wikipedia: „Totschlagargumente sind inhaltlich nahezu leere Argumente, also Scheinargumente, bloße Behauptungen oder Vorurteile, von denen der Sprecher annimmt, dass die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer entweder mit ihm in der Bewertung übereinstimmt oder keinen Widerspruch wagt… haben das gleiche kommunikative Ziel, nämlich den Gegner mundtot zu machen und jedes lösungsorientierte Denken zu verhindern beziehungsweise zu unterbinden. Stattdessen soll der aktuelle Zustand aufrechterhalten werden…“

Ehrlich gesagt habe ich keinen guten Tipp, wie man konstruktiv mit solchen Killersätzen umgehen kann, da bin auch ich immer wieder aufs Neue gefordert. Provokationen dieser Art sind ja geradezu darauf angelegt, destruktiv zu sein, sprich: Personen, die solchen Unsinn sagen, haben gar kein Interesse an Argumenten, die solche Aussagen widerlegen oder einem echten Austausch.

Aber ist es deshalb gut, solche Aussagen einfach unkommentiert stehen zu lassen (was ich in diesem Fall getan habe)? Es fühlt sich für mich nicht so an und so tue ich das, was meine Art ist: ich schreibe darüber. 

Warum wird so etwas gesagt?

Ich frage mich nicht nur bei Pferden immer, was die Ursache für ein Verhalten ist, sondern ich versuche auch Menschen zu verstehen, die aus meiner Sicht etwas Falsches, Unsinniges oder auch Verwerfliches tun.

Als Ursache für solche Killerphrasen sehe ich vor allem die Tatsache, dass sie bestens dazu geeignet sind, das eigene Verhalten nicht hinterfragen zu müssen. Sie dienen dazu, nicht-pferdegerechtes Verhalten zu rechtfertigen. 

Selbstreflexion ist nicht jedermanns Sache, aber unbedingt nötig

Das eigene Verhalten zu hinterfragen, erfordert einen selbstkritischen Blick und die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die Bereitschaft, dazuzulernen. Und das kann unbequem und aufwühlend sein, da man sich, sofern man eigene Fehler erkennt, eventuell auch mit Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen befassen muss. Genau das aber sollten vor allem die haben, die sich eben nicht hinterfragen und nicht diejenigen, die gemachte Fehler erkennen und in Zukunft vermeiden wollen. Ein schlechtes Gewissen sollten Killerphrasen-Drescher haben, die nicht nur nicht bereit sind, das eigene Verhalten zu reflektieren, sondern mit solchen Aussagen auch noch dafür sorgen, dass andere sie übernehmen. 

Da ich Killerphrasen nicht verhindern kann, setze ich da an, wo ich hoffe, etwas bewirken zu können: Bei der Bitte, nicht alles zu glauben, was sich griffig und schmissig anhört und keinen Aussagen oder Ansätzen zu folgen, die nicht-pferdegerechtes Verhalten gutheißen. Bitte bewahrt oder entwickelt den Mut und die Bereitschaft, immer selbst zu denken und vor allem selbst zu fühlen – FÜR die Pferde.

Killerphrasen

28. Mai 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang 9 Kommentare »

Schon mal über’s Putzen nachgedacht?

Viele Auseinandersetzungen mit dem Pferd entstehen bei ganz alltäglichen Dingen und wir machen uns oft gar nicht klar, dass wir selbst die Auslöser für unerwünschtes Verhalten sind und dass uns das Pferd mit seinem Verhalten etwas sagen will

Zum Beispiel das Putzen

Wie oft ist beim Putzen zu beobachten, dass das Pferd nicht stillsteht, sondern herumhampelt und dabei auch den Menschen anrempelt. Manchmal wird auch das Hinterbein drohend gehoben oder das Pferd schnappt nach dem Menschen. Der wiederum reagiert dann unwirsch und straft das Pferd für das Fehlverhalten:

  • „Himmel, nun steh doch endlich mal still!“
  • „Du bist aber wieder nervig, heute!“
  • „Die Zicke spinnt heute wieder total…“

wird dann gerufen und nicht selten wird das Pferd gebufft, geklapst oder auch geschlagen.

Wie wäre es statt dessen einmal über das Putzen nachzudenken und was uns das Pferd vielleicht mit seinem Verhalten zeigen will? Denn eigentlich soll das Putzen ja etwas Schönes FÜR das Pferd sein und keine ständige Stressquelle… 

Eine Studie macht nachdenklich

Eine französische Studie fand heraus, das beim Putzen vieles falsch läuft (hier ist der ausführliche Artikel dazu nachzulesen) und dass es für viele Pferde eher eine Quelle von Unbehagen ist, als dass sie es genießen können. Aussagen von Dr. Lea Lansade: „Die Hälfte der Pferde benahm sich beim Pflegen aggressiv oder zeigte Schmerzreaktionen … Lediglich 5 % der Pferde zeigten ein positives Verhalten während der Pflege-Einheit, etwa indem sie ihrerseits versuchten, die „Körperpflege“ zu erwidern oder indem sie näheren Kontakt zum Reiter suchten.

Wenn also unser Pferd beim Putzen nicht stillsteht oder sogar deutlich abwehrend reagiert, könnten wir, statt das Pferd zu strafen, uns fragen: 

  • Ist meinem Pferd das, was ich tue, vielleicht unangenehm?
  • Tue ich ihm ungewollt weh oder kitzele ich es? 
  • Putze ich zu doll oder zu grob oder zu hektisch? 
  • Sollte ich einen anderen Striegel nutzen?
  • Womit und wie wird mein Pferd gerne berührt?
  • Ist ihm die Situation, in der ich es putze, vielleicht unangenehm?
  • Was bereitet ihm Stress?
  • Kommt es vielleicht mit dem Angebundensein nicht klar oder findet es bestimmte Sachen bedrohlich?
  • Muss es vielleicht äppeln oder pinkeln?
  • Hat es Hunger oder Durst?
  • Wie ist meine eigene Ausstrahlung beim Putzen? Bin ich vielleicht genervt und gestresst? 
  • Wie kann ich herausfinden, was mein Pferd wirklich mag und braucht, um das Putzen entspannt genießen zu können? 

Viele Faktoren spielen hinein

Jedes Pferd ist anders und jedes Pferd mag und braucht andere Sachen. Während der eine gerne ausgiebig geschrubbt wird, ist der anderen schon jedes sanfte Bürsten zu viel. Manche Pferde reagieren beim Putzen stark auf die Stimmungen des Menschen und viele haben Sorgen, weil sie angebunden sind oder fürchten sich vor einer groben Behandlung. Vielleicht hören sie den Kumpel auf der Weide rufen oder die Gerüche am Putzplatz sind seltsam. Auch das Geschehen rund um den Putzplatz hat Einfluss auf das Verhalten des Pferdes (andere Menschen und Pferde, Geräusche, Bewegungen usw.). Und so wird beim Beispiel Putzen sehr deutlich, dass jedes Miteinander mit dem Pferd durch viele Faktoren beeinflusst wird.

Ich denke, als Pferdemensch ist es unsere Aufgabe, das Miteinander möglichst immer so zu gestalten, dass es unser Pferd nicht nur über sich ergehen lässt, sondern es wirklich etwas Schönes für es darstellt. Herauszufinden, wie unser Pferd das Putzen genießen kann, ist eine tolle Chance, es besser kennen zu lernen und an der Beziehung zu arbeiten.

Da muss es eben durch?

Manch einer wird nun sagen: „Da müssen die durch.“, doch ist das wirklich so? Hat ein Pferd nicht das Recht zu zeigen, wenn ihm etwas unangenehm ist und ist es nicht unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass es das Putzen als etwas Angenehmes empfindet? Ein Pferd kann nicht sagen: „Hey, du tust mir gerade weh.“, sondern es wird entweder versuchen, der Berührung auszuweichen oder sie mit einer Gegenreaktion zu beantworten. Sollte es nicht in unserem Interesse liegen, das, was uns unser Pferd sagen will, zu verstehen, damit wir dem Pferd die Zeit mit uns so schön wie möglich machen können und nicht einfach von ihm zu verlangen, dass es auch das über sich ergehen lässt, was ihm Unbehagen oder gar Schmerzen bereitet? 

Für mich zeigt dieses Beispiel (und es ist nur eines von vielen) wieder einmal auf, dass es ungerecht ist, einfach das Pferd für sein Verhalten zu bestrafen, während wir doch diejenigen sind, die es (oft unbewusst) überhaupt erst in eine unangenehme Situation bringen. Also: Schon mal über’s Putzen nachgedacht?

Pferd putzen

Foto von Horst Streitferdt

1. Mai 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Sonstiges, Umgang, Verhalten 12 Kommentare »

Was will mir mein Pferd sagen?

Leute wie ich werden oft von Menschen gerufen und um Rat gefragt, die konkrete und zum Teil umfassende Probleme mit ihren Pferden haben. Meist suchen sie einen Weg, auf dem sie sich ihrem Pferd besser mitteilen können. Und schon an dieser Stelle muss ich das Bild korrigieren, denn für mich geht es in der Arbeit mit Pferden zunächst nicht darum, was wir Menschen dem Pferd sagen wollen, sondern viel wichtiger finde ich, was sie uns mitteilen wollen

Ein grundsätzlich anderer Zugang, der alles ändert

Dieser Ansatz unterscheidet sich ganz wesentlich vom herkömmlichen Umgang mit Pferden, der ja in der Regel so aussieht: Der Mensch entscheidet, was getan wird und das Pferd soll eben genau das dann tun. Die Skala geht dann von einem liebevoll-freundlichen Miteinander bis hin zu gewaltvollem Durchsetzen des eigenen Willens gegenüber dem Pferd mit allen Abstufungen dazwischen, je nachdem, wie das Pferd auf den Menschenwillen reagiert. 

Viele Mensch-Pferd-Paare finden auf dieser Basis auch durchaus ein mehr oder weniger gut funktionierendes Miteinander, bei dem, zumindest solange keiner dran rüttelt, alles wie gehabt läuft. Rüttelt aber doch mal jemand oder ändern sich die Umstände, dann zeigt sich oft plötzlich, dass das, was so verlässlich erschien, leider brüchiger ist als gedacht. 

  • Laura hat seit sechs Jahren eine Hannoveranerstute, mit der sie dreimal die Woche Dressur in der Halle reitet, an zwei Tagen wird das Pferd longiert und am Wochenende geht’s auch mal ins Gelände. Als sie mit der Stute nach einem langwierigen Hufgeschwür wieder das Training aufnehmen will, klappt gar nichts mehr – das Pferd verweigert die Arbeit in der Bahn genauso wie die an der Longe und im Gelände flippt sie regelrecht aus. 
  • Bodo ist mit seinem Araber-Wallach in einen anderen Stall gezogen. Vorher stand das Pferd nachts in einer Box und kam tagsüber auf einen Paddock. Nun hat Bodo einen gut geführten Laufstall gesucht, um seinem Pferd 24 Stunden Pferdegesellschaft zu bieten. Während sein Wallach im alten Stall schon wieherte, wenn er die Stallgasse betrat, scheint er sich nun kaum noch für seinen Menschen zu interessieren. Bodo hat sogar Schwierigkeiten, ihn einzufangen. 
  • Ulrike pflegt mit ihrem Isländer ein inniges Verhältnis. Als sie einen Mann kennen lernt, der sich auch für Pferde interessiert, beschließt sie, sich ein zweites Pferd zu kaufen, um auch mit ihm ihr Hobby teilen zu können. Von dem Tag an, an dem Ulrike den neu gekauften Tinker zum Stall bringt, verändert sich ihr Isländer und wird vom ruhigen Verlasspferd zu einem fahrigen Nervenbündel.  

Pferde kommunizieren über ihr Verhalten

Pferde können nicht sprechen, sondern sie kommunizieren über ihr Verhalten mit uns. Sie wollen uns natürlich nicht mit allem, was sie tun, etwas sagen (so wichtig sind wir meist gar nicht ;-), aber manches in ihrem Verhalten enthält ganz konkrete Aussagen. Und die müssen wir erkennen, um entscheiden zu können, wie sich auftretende Probleme lösen lassen. 

  • Lauras Stute stand wegen des Hufgeschwürs eine ganze Weile allein und von einem Tag auf den anderen wurde nichts mit ihr gemacht, da sie so stark lahmte. Während sich Laura nach dem Abheilen des Hufgeschwürs nun darauf freut, wieder mit ihrer Stute zu arbeiten, hat sich für diese in der Zwischenzeit die Welt geändert. Die starken Schmerzen haben sie misstrauisch werden lassen und die Isolation hat die Stute ängstlich gemacht. Es ist dem Pferd nicht möglich, so zu sein wie vorher, da sie erst wieder neues Vertrauen entwickeln muss. 
  • Dass Bodos Wallach nicht mehr zu ihm kommt, nimmt Bodo persönlich. Er erkennt nicht, dass sein Pferd durch die neue Situation nun erst einmal andere Prioritäten setzt. Für ihn ist die neue Herde eine große Herausforderung, denn er ist gerade dabei, sich seine Position zu erarbeiten und Freundschaften aufzubauen. Für Bodo hat der Wallach einfach keinen Kopf. 
  • Der sensible Isländer von Ulrike erfährt durch das neue Pferd Veränderungen, die Ulrike nicht bewusst sind. In der Herde ist der Tinker ranghöher und jagt den Isländer gerne weg. Viel von Ulrikes Aufmerksamkeit bekommt nun der Tinker, während sie mit ihrem eigenen Pferd aus Zeitmangel oft nur kurz etwas macht. All das verunsichert den sensiblen Isländer sehr.  

Die aufgeführten Beispiele zeigen, wie komplex das Verhalten unserer Pferde betrachtet werden kann. Wir, die wir meist nur für eine kurze Zeit am Tag zu unseren Pferden kommen, beachten oft weder die Wirkung unseres eigenen (vielleicht veränderten) Verhaltens unserem Pferd gegenüber, noch all die vielen anderen Einflussfaktoren. Wenn wir aber verstehen wollen, was uns unser Pferd sagen will, müssen wir den Blick weiten und mehr als nur das herausgelöste („Fehl-„)Verhalten sehen.

Ganz oft ist die Frage: „Wie kann ich mein Pferd zu XYZ bringen?“ oder „Wie erreiche ich, dass mein Pferd Verhalten XYZ sein lässt?“ der falsche Ansatz, denn wir müssen uns erst einmal fragen, WARUM unser Pferd etwas tut oder nicht mehr tut und was es damit möglicherweise ausdrückt

Keine Frage, hier können wir vieles auch missinterpretieren. Das aber sollte uns nicht davon abhalten, zu versuchen, unser Pferd zu verstehen. Die Alternative, nämlich unerwünschtes Verhalten einfach zu bestrafen oder auf Veränderungen beim Pferd nicht einzugehen, führt häufig zu einer Verschlimmerung der Situation, da die Gründe nicht abgestellt werden. Für mich geht es also viel weniger oft um die Frage „Wie?“ als um das „Warum?“.

Pferdeverhalten

24. April 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Erlernte Hilflosigkeit?

Seit einiger Zeit wird auch in der Pferdewelt immer wieder über „erlernte Hilflosigkeit“ gesprochen. Diese Formulierung stammt von den amerikanischen Psychologen Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier zur Erklärung von Depressionen. Beschrieben wird damit die Tatsache, dass ein Wesen (Mensch oder Tier) sein eigenes Verhalten einschränkt und unangenehme Zustände nicht verändert, obwohl er oder es das von außen betrachtet eigentlich können müsste. Ursache dafür ist die wiederholte Erfahrung von Machtlosigkeit. 

Bezeichnenderweise wurden für dieses Phänomen grausame Versuche an Hunden gemacht, durch die eines deutlich wurde: Wesen, die nichts gegen Leid machen können (also ihm z.B. nicht entfliehen können), geben irgendwann auf und lassen das Leid über sich ergehen.

Und damit kommen wir genau zu dem Punkt, um den es mir hier geht. Für mich ist der Begriff  „erlernte Hilflosigkeit“ sträflich irreführend. Er umschreibt nämlich auf eine viel zu harmlose Weise etwas sehr Schlimmes. 

Tatsache ist:

Hilflosigkeit wird
viel mehr erzeugt als erlernt.

Und verantwortlich dafür sind sehr oft wir Menschen. Überlegen wir doch einmal selbstkritisch und ehrlich, in wie vielen Situationen Pferde durch Menschen in eine hilflose Position gebracht werden. Mir fallen sehr, sehr viele ein…  

Hilflosigkeit ist eine schlimme Erfahrung

Hilflosigkeit, das wissen wir alle,  ist ein Zustand, der ausgesprochen unangenehm ist und das gilt ganz besonders für ein instinktiv reagierendes Wesen wie das Fluchttier Pferd.

Versetzt man ein Wesen immer wieder in diesen Zustand, dann lernt es Ohnmacht und reagiert mit (Selbst-)Aufgabe, es reagiert immer weniger um seine Situation zu verbessern, sondern es erträgt, was mit ihm gemacht wird. 

Was diese eh schon traurige Tatsache dann noch furchtbarer macht, ist dass dieses Nicht-Reagieren gerade in der Pferdewelt dann auch oft noch so interpretiert wird, dass das, was der Mensch macht, ja nicht so schlimm sein kann, weil sich das Pferd doch sonst wehren würde und weil die untereinander ja auch nicht zimperlich sind oder weil das Pferd einfach so „stur“ und „bockig“ ist… 

Ursachen von Hilflosigkeit

Die Ursachen für ein Gefühl von Hilflosigkeit bei Pferden können vielfältig sein und es sind so gut wie immer wir Menschen, die wir ein Pferd in diesen Zustand bringen, z.B. durch Folgendes:

  • Wir Menschen überfordern Pferde mit Anforderungen oder unklaren Zeichen und bestrafen sie dann durch aggressives Verhalten (Anbrüllen, Schlagen, andere körperliche Strafen) für unerwünschtes Verhalten, was das Pferd aber nicht verstehen und umsetzen kann. Es weiß oft nicht, wofür es bestraft wird und es hat keine Chance, herauszufinden, was der Mensch will oder nicht will —> die meisten Pferde resignieren dann irgendwann. 
  • Mit Hilfsmitteln wie scharfen Gebissen, Sporen, Hilfszügel & Co sorgen wir Menschen dafür, seine Einwirkung um ein Vielfaches erhöhen und damit enorm viel Kraft und Schmerzen ausüben zu können; je mehr sich das Pferd wehrt, desto stärker erfolgt der Einsatz –> irgendwann erlischt die Gegenwehr bei den meisten Pferden.  
  • Pferde werden oft systematisch auf eine Weise geritten, die sie in eine hilflose Postion bringt (Stichwort „Rollkur“ und vergleichbare Trainingsmethoden) –> sie resignieren irgendwann vollständig.
  • Nicht passendes Zubehör oder falsche Einwirkung von „Hilfen“ sorgen für dauerhafte Schmerzen, denen das Pferd nicht entkommen kann —> die meisten Pferde ertragen es irgendwann nur noch.
  • Das Pferd empfindet Angst, aber statt dass der Stressfaktor reduziert wird, wird das Pferd auch noch für sein Verhalten (Scheuen, Tänzeln etc.) bestraft oder der Stressreiz wird mit dem Ziel der Desensibilisierung erhöht, bis das Pferd versteht, dass es keine Angst haben muss —> tatsächlich gibt es aber nur auf.
  • Die Haltung des Pferdes ist nicht artgerecht: zu wenig Bewegung, keine Sozialkontakte, zu wenig Futter usw.) —> das Pferd verkümmert und gibt innerlich auf. 
  • Und anderes mehr. 

Ein hilfloses Pferd ist immer ein Pferd in Not

Um es ganz deutlich zu sagen: Ein hilfloses Pferd ist in den meisten Fällen (wenn wir nicht gerade von Unfällen o.ä. sprechen) ein Pferd, das nicht pferdegerecht, sondern falsch und schlecht behandelt wurde. Es lernt in diesem Fall nichts, sondern es wird durch das Fehlverhalten des Menschen in eine Notsituation gebracht – sei es, dass er es nicht besser weiß oder nicht anders kann oder auch noch der Meinung ist, dass er sich richtig verhält. 

Lernen muss in all diesen Fällen wir Menschen, denn für den Zustand der Hilflosigkeit gibt es immer Ursachen, die nicht das Pferd lösen kann, sondern nur wir. Nur, wenn wir bereit sind, unseren eigenen Teil in dem Ursache-Wirkung-Kreis zu erkennen, können wir unser Verhalten verändern und Pferde nicht immer wieder hilflos zu machen. 

 

Erlernte Hilflosigkeit

Zum Weiterlesen: 

17. April 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Trauer und Tod dürfen keine Tabu-Themen sein

Am 31.3.18 jährte sich der Tod meines Pferdes Aramis zum ersten Mal. Ein Jahr ohne ihn liegt hinter mir. 

So ein Trauerjahr ist lang und kurz zugleich. Wenn wir trauern, fallen wir ein Stück weit aus der Zeit. Die Erde dreht sich weiter, während wir sehr viel Zeit brauchen, erst um überhaupt zu begreifen, dann um damit leben zu lernen. Dabei ist Trauer ein Wandelwesen. Es gibt viele verschiedene Stadien von Trauer. Trauer kann die Hölle sein und auch Glückseligkeit und alle Stufen dazwischen. Und Trauer kann leider auch einsam machen, dann, wenn Trauer zu einem Tabu-Thema wird. 

Immer noch da

Was mir in meiner Trauer am meisten hilft, ist dass Aramis für mich noch immer da ist. Fühlbar da. Seine Präsenz, vielleicht auch seine Essenz. Er begleitet und trägt mich noch immer. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke und das ist keineswegs nur schmerzlich, sondern oft wunderschön.  

Vielen Menschen fällt es schwer, mit Trauer und vor allem auch mit Trauernden umzugehen. Nicht nur die Unsicherheit darüber, wie man sich verhalten soll, ist groß, sondern hinzu kommen eigene Berührungsängste mit den Themen „Tod“ und „Verlust“. Die betretenen Mienen kennt sicher jeder, der auch nach der akuten Phase noch über das verstorbene Wesen reden möchte, und das ungute Gefühl, dass das Thema, ja, sogar der Name nach und nach auf eine merkwürdige Art tabu wird…  

Der Tod meines Pferdes ist kein Tabu-Thema für mich, ganz im Gegenteil. Sein Tod ist genauso Teil meines Lebens wie es sein Dasein war. So wie ich mit ihm lebte, lebe ich nun ohne ihn weiter, aber deshalb verdränge ich ihn nicht und vergessen tue ich ihn schon gar nicht. 

Auch wenn es stimmt, dass Trauer ein individueller Prozess ist, so sollte, denke ich, keiner ganz allein sein müssen damit. Für viele ist es sehr heilsam, nicht nur über den Verlust reden zu können, sondern vor allem auch über die schönen Erinnerungen – und das eben nicht nur für einige Wochen, sondern auch noch viel, viel später. 

Ich bin sehr dankbar, dass es um mich herum Menschen gibt, die meine Trauer einfach genau so sein lassen können, wie sie ist. Ich kann kleine Anekdoten erzählen und von den vielen, wundervollen Erlebnissen berichten. Ich kann Aramis in einem Nebensatz erwähnen oder auch einfach nur die Tränen laufen lassen, wenn er mir gerade besonders doll fehlt oder auch besonders nah ist. Meine Trauer darf sein und muss nicht verändert oder versteckt werden. Das ist sehr kostbar.

Feiern, was war

Aktive Trauer ist bei weitem nicht nur Schmerz, sondern ja, sie kann auch ein Fest sein. Indem ich an Aramis denke und über ihn rede, feiere ich das, was wir hatten, denn das kann mir keiner nehmen. Das ist, was bleibt.

Aramis
 

3. April 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Sonstiges 3 Kommentare »

Sie merken es eh…

Immer wieder kann man solche  Tipps lesen und hören:

  • „Du musst souverän sein, damit Dein Pferd Dich akzeptiert!“
  • „Du darfst keine Angst haben, Dein Pferd muss sich sicher bei Dir fühlen können.“
  • „Es ist wichtig, dass Du Gelassenheit ausstrahlst, wenn Dein Pferd nervös ist.“
  • „Lass Dir den Stress, den Du sonst hast, nicht anmerken.“
  • „Werde niemals wütend oder ungeduldig mit Deinem Pferd!“

Klingen alle gut und richtig, das Problem ist nur: sie funktionieren in der Regel nicht, weil wir damit gegen die Wirklichkeit ankämpfen, also gegen das was ist und gegen uns selbst. 

Und, mehr noch: Pferde merken eh alles.

Wir können einem Pferd Souveränität nicht vorspielen, genauso wenig wie wir uns gelassen geben können, wenn wir es nicht sind und unseren Stress können wir auch nicht verbergen. Pferde merken unsere Sorgen genauso wie unsere Ängste, sie spüren unsere Nervosität, unseren Frust und unsere Traurigkeit und sie spüren, wenn wir unzufrieden sind oder wütend oder aggressiv. 

Beispiel „Angst“

Ein sehr typisches Beispiel aus meinen Coachings ist das Thema „Angst“. Ich werde oft gerufen, weil der Mensch seine Angst besiegen will. Statt dann aber etwas gegen die Angst zu tun, gebe ich ihr erst einmal Raum. Angst, wie jedes Gefühl, hat Gründe und bevor wir uns nicht wenigstens ein Stück weit mit diesen Gründen befassen, können wir das Problem nicht lösen.

Wer Angst vor seinem Pferd hat, überfordert sich sehr oft selbst und verlangt von sich etwas, zu dem er eigentlich nicht bereit ist. Das zu erkennen und sich zu erlauben, eben im Moment zum Beispiel nicht zu galoppieren oder eben nicht auszureiten und statt dessen etwas zu tun, was sich gut und sicher anfühlt, schenkt Erleichterung und die Chance, Gutes zu erleben.

Wir sind so sehr darauf geeicht, ständig „an uns zu arbeiten“, dass wir ein Stück weit verlernt haben, auch Mitgefühl mit uns zu entwickeln. Keine Frage, Angst ist kein schönes Gefühl und der Impuls, sie einfach weghaben zu wollen, ist verständlich, aber nicht hilfreich. Sich selbst mit seiner Angst wirklich wahr- und ernstzunehmen, bedeutet, sich sich selbst zuzuwenden und für sich da zu sein. Gerade bei der Angst macht es Sinn, sich ernst zunehmen, denn Angst will uns vor etwas schützen. Im Kontakt mit der Angst können wir überhaupt erst unseren ganz eigenen Weg zu mehr Sicherheit und Selbstvertrauen finden; sie einfach überwinden zu wollen, sorgt in der Regel für ein Mehr an Angst. 

Mit unseren Gefühlen arbeiten und nicht gegen sie

Und das gilt für so ziemlich jedes Gefühl! Stress lässt sich genauso wenig wegwünschen wie Angst, Wut genauso wenig wie Ehrgeiz oder Ungeduld.

Für mich gilt für jedes „Problem“, das wir Menschen an uns weghaben wollen, dass wir es erst einmal wirklich wahrnehmen und so gut wie möglich verstehen sollten, damit wir dann damit und nicht dagegen arbeiten können. 

… und das gemeinsam mit dem Pferd!

Wenn wir dazu bereit sind, dann gewinnen wir in unserem Pferd fast immer einen echten Partner und Coach.

Je ehrlicher wir mit uns selbst sind, desto authentischer wird uns unser Pferd wahrnehmen und desto leichter wird es ihm fallen, den Prozess auf eine gute Art mitzugestalten. Pferde haben grundsätzlich kein Interesse daran, Stress zu erhöhen oder Angst zu verstärken. Sie wollen uns nicht ärgern oder noch unzufriedener machen, sondern viele von ihnen sind bestrebt, die Situation zu verbessern oder sie zumindest nicht noch zu verschlechtern. Nur oft senden wir so viele verschiedene Signale und sind in unserem Verhalten oft so unwirsch oder auch unfair, dass Pferde gar keine Chance haben, auf das eigentliche Problem zu reagieren.

Wir können nicht nur nichts vor Pferden verstecken, wir sollten es auch gar nicht versuchen, denn die auf diese Weise verzerrten, übertünchten und oft widersprüchlichen Signale sind es, die Pferden das Miteinander mit uns so schwer machen. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wenn wir uns hingegen ehrlich so zeigen, wie wir sind, Pferde oft auf eine ganz wundervolle und manchmal unerwartete Weise reagieren – dann können sie trösten oder aufmuntern, sie können mutig werden und uns Sicherheit schenken, sie können stark werden und über sich selbst hinauswachsen und vieles mehr. Vor allem aber wird dann überhaupt erst ein echtes Miteinander möglich.

Pferd

Foto von Horst Streitferdt

20. März 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 14 Kommentare »

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