Das Dankbarkeitsexperiment

Ich denke in diesen Tagen viel über das Thema „Dankbarkeit“ nach. Immer noch unendlich traurig über den Verlust meines Aramis, schöpfe ich mit vollen Armen aus all den Erinnerungen und dem, was er mir schenkte. Ich bin sehr froh, dass ich schon all die letzten Jahre mit ihm sehr bewusst voller Dankbarkeit für jeden Augenblick war. Ich wusste das, was er mir schenkte genauso zu schätzen, wie das, was uns verband und vor allem ihn genauso wie er war. Und ich war mir auch immer klar darüber, dass unser Zusammensein, unser Miteinander und sein Tun für mich nicht selbstverständlich waren und diese Wertschätzung konnte ich ihn in den Jahren mehr und mehr spüren lassen. So wuchsen wir gerade in den letzten Jahren noch mehr zusammen. 

Wenn ich mich nun umschaue und so manche Mensch-Pferd-Paare sehe, möchte ich oft laut rufen: „Hey, statt Dich darüber zu ärgern, dass Dein Pferd falsch im Galopp anspringt, sag‘ doch danke dafür dass es Dich gerade trägt. Und hey, statt damit zu hadern, dass Du immer noch keinen runden Zirkel mit ihm hinbekommst, sag danke, dass Du Zeit mit ihm verbringen kannst! Und hey, statt zu schimpfen, wenn es sich mal wieder gar nicht konzentrieren kann, dann sag ihm doch: Schön, dass es Dich gibt!“ 

Dankbar zu sein verändert viel

Wer das nun für ein bisschen gefühlsduselig hält, hat natürlich recht, denn ich schreibe das aus meinem Schmerz heraus und weil mir mein Großer so sehr fehlt. ABER darüber hinaus steckt darin ein ganz wunderbar praktischer Tipp, der das Zusammensein mit unserem Pferd so viel schöner machen kann! 

Ich höre schon den Einwurf, dass man doch aber nicht einfach über alles hinweg gehen kann und dass man doch zusehen muss, dass man vorankommt… – und ich kann diese Gedanken verstehen. Immer mehr komme ich aber dazu, dass es doch vor allem die Freude an- und miteinander sein sollte, die unsere gemeinsame Zeit prägt und nicht Kritik, Hadereien oder Geschimpfe. 

Das Experiment

Wenn Ihr mutig seid, dann möchte ich Euch zu einem Experiment einladen – „mutig“ deshalb, weil meiner Erfahrung nach Dankbarkeit wie eine Portion Magie sein kann, die alles verändert – aber zum Guten!

Was würde wohl passieren, wenn wir immer dann, wenn wir merken, dass wir uns gerade über unser Pferd zu ärgern beginnen (möglichst nicht erst, wenn wir schon stinksauer sind, aber im Notfall eben auch erst dann) und selbst zurufen würden:

Wofür kann ich jetzt gerade
Danke! zu meinem Pferd sagen?

Spür doch mal hinein oder besser noch: Probiere es tatsächlich aus. Und wenn Du magst, schreib mir über Deine Erfahrungen. 

Dankbarkeit

Foto von Horst Streitferdt

5. Dezember 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang 14 Kommentare »

Buchtipp: Was denkt mein Pferd? von Ilja van de Kasteele

„Was denkt mein Pferd? Pferdeverhalten auf einen Blick“ von Ilja van de Kasteele
Stuttgart: Kosmos, 2017. – 96 S.
ISBN: 9783440143858
ca. 10,– EUR (broschiert, durchgehend farbige Fotos)

Dieser toll aufgemachte und reich illustrierte Ratgeber ist eine echte Wundertüte, denn es steckt so viel mehr darin, als man auf den ersten Blick vermuten sollte! Das Cover hatte mich annehmen lassen, dass in dem Buch vor allem die Mimik von Pferden gedeutet wird, aber tatsächlich geht es um sehr, sehr viel mehr.

Pferdetrainer Ilja van de Kasteele behandelt in „Was denkt mein Pferd“ eine enorme Fülle an Themen und zeigt konsequent auf, wie wir die Sachen aus der Sicht des Pferdes betrachten können. 

Da geht es darum,

  • was Pferde brauchen,
  • wie wir uns Pferden annähern sollte,
  • wie gute Führung aussieht,
  • wie Mensch und Pferd ein Team werden können und
  • wie sich Missverständnisse vermeiden lassen.

Für jedes einzelne Thema, wie z.B. „Nehmen Sie sich Zeit“, „Privatsphäre respektieren“, „Führen ohne Druck“, „Kommunikation lernen“, „Gewohnheiten durchbrechen“ und viele andere mehr gibt es eine Doppelseite mit einer exzellenten Zusammenfassung der wichtigsten Punkte und anschaulichen Fotos. Durchgehend finden sich hilfreiche Informationen, wichtige Denkanstöße und praktische Hinweise für ein gelungenes Miteinander. Wer dieses recht schmale Band liest, erfährt sehr viel mehr über Pferde als aus manch dickem Wälzer.

Eine schöne, kleine Besonderes ist, dass die Pferde auf den Fotos mit Namen genannt werden. Das macht das Buch nicht nur sehr persönlich, sondern zeigt auch den tiefen Respekt den Pferden gegenüber, der „Was denkt mein Pferd“ zugrunde liegt.

Fazit: Im allerbesten Sinne eine Art Gebrauchsanweisung und Sprachführer zugleich– eine dicke Leseempfehlung von mir!

Jetzt portofrei bestellen bei buecher.de

Oder direkt beim Kosmos-Verlag. 

28. November 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Buchtipps, Umgang, Verhalten 0 Kommentare »

Das Nein als Kurskorrektur

Mit dem Nein eines Pferdes umzugehen, ist für viele von uns sehr schwierig. Herkömmlicherweise wird Pferden ein Nein kaum zugestanden, es folgt dann meist mehr (Nach)Druck oder gar eine Bestrafung. Bei ausgeprägten Nein-Sagern kann das zu bösen Konflikten führen und nicht selten werden solche Pferde irgendwann „aussortiert“. Da ich mit meinem Anthony einen Meister im Nein-Sagen habe, komme ich nicht darum herum, mich immer wieder aufs Neue mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Wie viele Zweifel, wie viel Hadern und wie viele Tränen mich seine Neins schon gekostet haben… – und zu wie vielen Erkenntnissen, zu wie vielen Einsichten und Lernschritten sie mir verhalfen!

Aktuell bin ich wieder intensiv dabei, von ihm zu lernen. 

Ja zum Nein

Bisher versuchte ich vor allem, etwas zu verändern: das Nein, die Umstände, die Ausrüstung, die Anforderungen, die Erwartungen, die Zeiten, die Dauer, die Ansprache, die Kommunikation, die Motivation, die Stimmung, ihn und mich und so weiter und so fort. Einige dieser Aktionen bewirkten nicht viel, andere wirkten kurz und manches änderte tatsächlich etwas, … aber dann folgt sein Nein an anderer Stelle. 

Kurz und gut: Was immer ich tat, Anthonys Neins blieben ein Bestandteil unserer Beziehung und inzwischen bin ich an dem Punkt angekommen, sie als zu ihm gehörend zu sehen. Denn das war vielleicht von Beginn an die Aufgabe: Ja zu seinem Nein zu sagen. 

Das Nein als Leitplanke

Anthony hat mich über die Jahre gelehrt, ein Nein nicht automatisch persönlich gegen mich zu nehmen, sondern es vielmehr als eine Art Leitplanke in unserem Miteinander zu verstehen. Mit seinen Neins steckt Anthony sein Terrain ab. Ja zu seinem Nein zu sagen heißt also, ihn anzunehmen wie er ist und mit den Grenzen, die er setzt. 

Manchmal muss ich nur warten. 

Manchmal loslassen. 

Manchmal nach einem anderen Weg suchen. 

Und manchmal schlicht und einfach wieder nach Hause fahren.

Und das alles möglichst ohne zu hadern, ohne mir leid zu tun und vor allem, ohne dagegen zu kämpfen. Und in diesem „Es-so-sein-lassen-können“ öffnet sich gerade eine neue Tür.

Mut zu anderen Wegen

Durch mein Ja zu Anthonys Nein gehen wir nun immer mehr seinen Weg. Das Annehmen seines Neins fühlt sich immer mehr so an, als nähme er mich an die Hand (bzw. an den Huf 😉 ), um mir zu zeigen, worum es ihm geht. Mein Ja zu seinem Nein macht es mir möglich, Führung abzugeben.

Und in diesem Prozess wird mir klar, das es verdammt schwer sein kann, sich anzuvertrauen und einzulassen. Ich bin voller Vorstellungen, Erwartungen und Bilder, die ich erfüllt sehen oder erreichen will, und sie alle stehen mir im Weg, wenn ich mich von Anthony führen lassen will. Ich muss sie oft mühsam zur Seite schaffen, drüber steigen oder drum herumlaufen und scheitere daran auch manchmal immer noch. Aber immer öfter schaffe ich es, bei einem Nein von ihm ganz weich zu bleiben. Weich und offen. Dann lasse ich es zu und warte einfach. Manchmal passiert etwas und manchmal nicht. Beides ist ok. 

Wir sind damit auf einem neuen Weg – Anthonys Weg. 

Ja zum NeinFoto von Horst Streitferdt

 

21. November 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 14 Kommentare »

Ein Projekt der besonderen Art: Sehen lernen!

Babette und ich haben ja schon einige große Projekte gestemmt, nun folgt die Präsentation eines weiteren – und zwar von einem, das es wirklich in sich hatte! Gerade weil dieses Projekt uns einiges gekostet hat, freue ich mich ganz besonders, Euch diesen Leckerbissen nun endlich präsentieren zu können, denn soviel kann ich versprechen: Hier gibt es geballtes Babette-Wissen für alle! 🙂

Eine Idee…

Die Idee zu diesem Kurs entstand im Sommer letzten Jahres: Wäre es nicht toll, wenn wir die Arbeit nach dem Longenkurs auch mal über eine längere Zeit dokumentieren könnten? Also zeigen, welche Entwicklungen stattfinden, wenn Leute mit Babettes Hilfe und Impulsen mit ihren Pferden nach dem Longenkurs arbeiten? Und … könnten wir anhand solcher Entwicklungen nicht auch gleich wunderbar ein ganz wichtiges Thema behandeln: nämlich sehen zu lernen?

Ich gebe offen zu, dass ich nie eine Expertin in Sachen Biomechanik und Laufmanier war und ich schätze mich sehr glücklich, dass ich Babette all die Jahre bei ihrer Arbeit beobachten durfte, ihren Unterricht genießen konnte und ihr immenses Wissen und ihre Erfahrungen immer wieder in Texte fließen ließ und mir auf diese Weise ganz vieles selbst aneignen konnte. Ich kann also sehr gut nachempfinden, wie schwer es oft fällt, wirklich zu erkennen, wann ein Pferd gut läuft und wann nicht – und, ganz wichtig, wann es auf dem richtigen Weg zu einer guten Laufmanier ist! Das Thema ist komplex und die Unwissenheit oft groß, denn wo erklärt denn mal wirklich jemand anhand von verschiedenen Pferden mit unterschiedlichen Trainingsständen und Herausforderungen in unterschiedlichen Gangarten und Übungen, worauf es wirklich zu achten gilt? Nicht nur in Schlagworten alá „Der Rücken muss schwingen“ oder „Die Hinterhand muss aktiv sein“, sondern wirklich anschaulich und verständlich, so dass ich überhaupt weiß, woran ich das jeweils erkenne und vor allem auch, wie ich es verändern kann, wenn es nicht optimal läuft? 

Hier schwebte mir schon lange etwas vor, mit dem wir Babettes umfassendes Wissen greif- und nutzbarer für alle machen konnten. 

Die Umsetzung… 

Zum Herbst hin wurde die Idee dann konkret: Wir suchten auf unserer Seite nach Mensch-Pferd-Paaren, die Lust darauf hatten, sich im Abstand von jeweils vier Wochen dreimal Unterricht von Babette geben zu lassen und die Unterrichtseinheiten würden gefilmt werden. Babette würde Hausarbeiten verteilen und bis zum nächsten Drehtermin sollte dann entsprechend trainiert werden. So würden wir hoffentlich viel Material über die Praxis des gesunderhaltenden Longierens bekommen und hoffentlich auch viel anschauliches Material zum Thema „Sehen lernen“. Wir suchten dafür sehr bewusst ganz unterschiedliche Pferde und Menschen mit und ohne Vorerfahrung mit dem Longenkurs. 

Gesagt, getan – wir drehten an jeweils einem Tag im Oktober, November und Dezember und zwar mit folgenden Teilnehmern: Melanie mit der 11-jährigen Islandstute Vik, Henning mit dem 6-jährigen Hannoveranerwallach Losti, Heike mit dem 15-jährigen Haflingerwallach Flensburger, Carmen mit der 9-jährigen Hannoveranerstute Dalia, Sabine mit dem 9-jährigen Quarter-Horse-Wallach Dunnit und Sabrina mit der 10-jährigen Westfalenstute River Dance. Gefilmt wurde auf dem Heidehof Wolfsgrund, die Aufnahmen stammen von Thomas Vogel.

Sehen lernen

Und das Ergebnis… 

Ursprünglich sollte aus dem Projekt eine DVD werden, was sich im Nachhinein aber als nicht praktikabel herausstellte, da das vorhandene Material den Rahmen sprengte. Wir entschieden uns also dazu, aus dem Material einen eigenen Kurs zu erstellen. Herausgekommen ist unser Kurs Sehen lernen mit über neun Stunden Videomaterial:

  • 14 Lehrfilme inklusive kompakt aufbereiteter Skripte und
  • 6 umfangreiche Zusammenstellungen des jeweiligen Unterrichts und der Entwicklungen der einzelnen Pferde, die am Projekt teilgenommen haben.

Etwas ganz Besonderes

Ich freue mich riesig darüber, dass wir mit dem Kurs Sehen lernen Euch das bieten, was ich mir für ganz viele gewünscht habe: Babette und ihre Arbeit in einer Intensität erleben zu können, die sonst nur in Live-Kursen möglich ist.

Wir haben hier nicht nur Babettes Fachwissen so aufbereitet, dass Ihr Euch in überschaubaren Einheiten das Wissen aneignen könnt, das nötig ist, um die Laufmanier eines Pferdes beurteilen und auch verbessern zu können, sondern Ihr könnt Babette bei ihrem Unterricht erleben. Ich kenne kaum jemanden, der mit so viel Ruhe, Einfühlungsvermögen und liebevoller Führung Unterricht gibt und der so kompetent nicht nur sieht, sondern dann auch genau weiß, welche Übungen in der jeweiligen Situation dem Pferd helfen können. Egal, ob Ihr nach dem Longenkurs arbeitet oder nicht, Ihr werdet ganz sicher ganz viel Umsetzbares für Euer eigenes Training finden.

Ich habe jedenfalls durch die Erstellung dieses Projekts wieder sooo viel dazu gelernt, dass ich an dieser Stelle vor allem eines sagen möchte: Von Herzen danke, Babette für Deine Arbeit, Dein Wirken und für alles, was Du für die Pferdewelt tust. 

Und hier geht es direkt zum Kurs.

14. November 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Gesundheit, Jungpferdausbildung, Longieren, Sonstiges 3 Kommentare »

Großzügigkeit ist ein Zeichen von Stärke

Leider ist immer wieder zu hören, dass wir einem Pferd nichts durchgehen lassen dürfen, da wir sonst unsere „Führungsposition“ verlieren, oder dass wir unerwünschtes Verhalten immer sofort konsequent beantworten müssen, da uns das Pferd sonst auf der Nase herumtanzt. Diese Aussagen basieren auf irrigen Annahmen über die Rangfolge von Pferden und ihre Bedeutung. Demnach gibt es angeblich feste Positionen und wer ranghöher ist, kann die Rangniedrigen wegschicken bzw. muss es sogar tun, um ranghoch zu bleiben. Der Mensch soll nach diesen Konzepten immer den höchsten Rang haben und muss also Fehlverhalten sofort quittieren. In der Praxis besteht das dann zum Beispiel in einem mehr oder weniger deutlichen Wegschicken, in einem Ermahnen oder einem Anbrüllen, in einem Rucken am Strick oder gar in Schlägen oder Tritten.  

Ein Blick in die Natur

Wie gut, dass es Menschen wie Marc Lubetzki gibt, der Pferde in freier Wildbahn filmt und uns solche Filme zur Verfügung stellt, damit wir wirklich etwas über Pferdeverhalten lernen können und nicht nur glauben müssen, was uns manch‘ ein Trainingskonzept weismachen will. Ob ein Pferd auch mal nachgibt oder gar weicht, hat nämlich keineswegs immer etwas mit der Rangfolge zu tun, sondern ganz im Gegenteil: Es kann sogar ein Zeichen von Stärke sein, dass ein Pferd eine Auseinandersetzung meidet, indem es z.B. einfach geht! Ihm ist die Sache gerade keinen Streit wert, an seiner Position kratzt das deshalb aber kein bisschen. 

Tja, und genau da können wir doch sehr viel für unser eigenes Verhalten lernen! Wie verbissen reagieren wir oft auf kleinste „Fehltritte“ unseres Pferdes oder auf das, was wir als „anmaßend“ oder gar „dominant“ interpretieren und beantworten das dann mit großem Nachdruck (aus der Sicht des Pferdes ganz sicher oft vollkommen übertrieben…).

Kontrollsucht ist ein Zeichen von Unsicherheit

Es ist ein großer Irrtum, dass wir als Mensch jeden Schritt und jedes Verhalten unseres Pferdes kontrollieren müssen. Dieser Anspruch sorgt für viel Leid und zeigt eigentlich vor allem eines: unsere Unsicherheit und Angst. Souveräne Menschen haben kein Problem damit, ihrem Pferd auch mal einen Scherz oder eine Unachtsamkeit durchgehen zu lassen und sie werden auch bei Frechheiten oder Widersetzlichkeiten nicht gleich böse, sondern reagieren gelassen und mit Bedacht. Unsichere Menschen reagieren hingegen oft genau wie unsichere Pferde: überempfindlich und aggressiv. 

Interessanterweise wird ja oft das Argument angebracht, dass Pferde untereinander auch nicht zimperlich sind – nun sind es aber gerade meist unsichere Pferde und solche, die aufgrund einer ungünstigen Herdenzusammensetzung plötzlich einen höheren Rang einnehmen als er ihnen natürlicherweise entspricht, die wie Bullys reagieren und andere Pferde angehen. Souveräne Tiere sieht man selten wirklich aggressiv werden, bei ihnen reichen oft minimale Signale, damit die anderen wissen, wann man ihnen besser aus dem Weg geht. Pferde, die mit lautem Geschrei und aggressiven Gesten versuchen, sich Respekt zu verschaffen, sind nicht souverän. 

Reflexionsfrage:
Wollen wir wirklich das Verhalten
eines Pferdebullys als Entschuldigung für unsere
eigenen Aggressionen nehmen? 

Gewusst, wann es darauf ankommt!

Entscheidend ist, einschätzen zu können, in welchen Momenten es wichtig ist, dass das Pferd auf uns hört und nicht selbst entscheidet und in welchen wir ihm Freiheiten schenken können. Und genau dieses Einschätzungsvermögen macht für mich einen guten Pferdemenschen aus. 

Es gilt sich zu fragen: 

  • Warum tut mein Pferd das gerade bzw. warum tut es nicht, was ich möchte? 
  • Hat sein Verhalten oder seine Verweigerung unmittelbar mit mir zu tun oder vielleicht mit etwas anderem? Was könnte alles der Auslöser sein, was die Ursachen?
  • Achtet mein Pferd eigentlich überhaupt gerade auf mich und wenn nicht, was ist der Grund dafür?
  • Was braucht mein Pferd in diesem Moment, um überhaupt auf mich achten zu können?
  • Ist es in diesem Moment wirklich wichtig, meine Forderung durchzusetzen bzw. muss ich sein Verhalten sofort beantworten oder kann ich erstmal abwarten?

Um solche Fragen für sich beantworten zu können, braucht es darüberhinaus ein gutes Einschätzungsvermögen über die folgenden Punkte:

  • einmal über die Persönlichkeit des Pferdes, mit dem ich es zu tun habe,
  • dann über das Verhältnis, das ich mit diesem Pferd habe, 
  • über meine momentane Ausstrahlung und Wirkung (auch Stimmung),
  • und auch über die jeweiligen Situation, in der wir uns gerade befinden. 

Aus Prinzip immer auf sein (leider oft nur vermeintliches!) „Recht“ zu bestehen, lässt uns kleinlich, zickig, mürrisch und leider auch ganz oft unfair und aggressiv werden. Großzügigkeit und Nachsicht hingegen machen das Miteinander für alle viel angenehmer … und sind ein Zeichen von Stärke!

Nachsicht

7. November 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Freiarbeit ist Energiearbeit

Ich darf zur Zeit immer mal wieder mit einem Pferd arbeiten, von dem ich sehr viel über die Freiarbeit lerne – und zwar mit Dreamer von Maja Wolpers:

Freiarbeit

Dreamer ist ein ausgesprochen temperamentvolles und sensibles Pferd, bei dem, so darf ich das wohl sagen, Genie und Wahnsinn recht dicht beieinander liegen 😉 Für mich also durchaus ein ganz anderer Typ Pferd, als was ich so gewohnt bin, und genau das macht es so spannend!  

Eine Frage der Energie

Dreamer zeigt mir deutlicher als alle anderen Pferde bisher, das Freiarbeit Energiearbeit ist. Mein Job ist es, mit unserer Energie spielen zu lernen, wie mit einem Instrument. Es geht darum Stress (also Misstöne) zu vermeiden und Dreamer darin zu leiten, seinen meist sehr hohen Energielevel in Stärke und Schönheit präsentieren zu können. 

Bei einem Pferd wie Dreamer wird die eigene Körpersprache zu einer Gratwanderung, denn ein Hauch zu viel kann aus ihm einen fauchenden Drachen machen, der dann mit gefühlten drei Metern Körpergröße vor einem steht:

Freiarbeit

Hier kann man gut die trompetenartig aufgeblähten Nüstern sehen, durch die er in solchen Situationen eindrucksvoll laut stoßweise ausatmet:

FreiarbeitAuslöser für die Aufregung in diesem konkreten Fall: Ich hatte körpersprachlich einen kleinen Fehler gemacht, worauf Dreamer – vollkommen korrekt – abwendete und die Richtung wechselte. In der nächsten Runde achtete ich besser auf meine Körpersprache, aber er wendete dennoch an derselben Stelle ab, wohl davon ausgehend, dass ich das wieder wollen würde. Obwohl ich lachte merkte er sofort, dass nun er einen Fehler gemacht hatte und das ließ seinen Stresspegel sofort hochschnellen.

Dreamer reagiert oft extrem gestresst, wenn er das Gefühl hat, einen Fehler gemacht zu haben und das muss ich in der weiteren Zusammenarbeit mit ihm berücksichtigen. Ich versuche, „Fehler“ gar nicht mehr als solche wahrzunehmen, sondern meinen Fokus unmittelbar auf eine andere Aktivität zu richten. Würde ich meine Energie in die Korrektur des Fehlers investieren, würde ich seinen Stresspegel extrem erhöhen. Statt dessen nehme ich die Energie für den Moment ganz weg und erarbeite mir die Sache quasi nebenbei noch einmal in Ruhe. 

Interessant ist, dass auch begeistertes Lob bei diesem Pferd Stress auslösen kann, so dass ich selbst bei freudiger Energie aufgerufen bin, sie dem Nervenkostüm Dreamers anzupassen. Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt: Es geht darum zu lernen, unsere eigene Energie auf das jeweilige Pferd in der jeweiligen Situation abzustimmen.

Energiearbeit erfordert ein Hinfühlen

Um bewusst mit der eigenen Energie und der des Pferdes arbeiten zu können, brauchen wir die Bereitschaft und auch die Fähigkeit zum Hinfühlen.

Ich muss ein Gespür dafür bekommen, wie es dem Pferd gerade geht:

  • Nimmt das Pferd mich überhaupt wirklich wahr oder ist es ganz woanders?
  • Ist das Pferd gestresst oder fröhlich oder müde oder frustriert oder ängstlich usw.?
  • Will es zeigen, was in ihm steckt oder weißt es gerade nicht so recht, wo ihm der Kopf steht?
  • Was macht dem Pferd Sorgen, was erhöht seinen Stress?
  • Wann ist ein guter Moment für ein Verlangsamen und für mehr Ruhe und wann geht es darum, mehr Schwung in die Sache zu bringen?
  • Kann das Pferd jetzt überhaupt langsamer werden oder muss es noch ein paar Runden rennen? Kann es (in einem anderen Fall) überhaupt mehr Energie mobilisieren?
  • Wann kann und wann sollte ich mehr Energie hineingeben, die das Pferd auf eine positive Weise nutzen kann? 
  • Wann muss ich mich selbst zurücknehmen?
  • Braucht es in diesem Moment meine Nähe oder mehr Abstand?

Genauso muss ich mir meiner eigenen Ausstrahlung bewusst werden: 

  • Was strahle ich gerade aus? 
  • Wie viel Energie geht von mir aus?
  • Welche Qualität hat diese Energie? 
  • Wodurch zeigt sich meine Energie?
  • Kann ich in dieser Situation meine Energie beeinflussen oder merke ich, dass mir das nicht gelingt? Wie kann ich das, wenn nötig, lernen und üben?

Das Pferd als Spiegel der eigenen Energie

An einem Pferd wie Dreamer kann man den Energiezustand des Menschen sehr gut ablesen, denn solche Pferde nehmen meist die Energie des Menschen komplett in sich auf und vervielfältigen diese wie unter einem Vergrößerungsglas. 

Hier zwei Trab-Fotos, in denen sehr gut zu sehen ist, wie Dreamer auf mein Mehr an Energie reagiert. Auf dem ersten Bild sieht man Dreamer im flotten Vorwärts, ausgelöst durch ein recht dezentes Mehr an Vorwärtsenergie von meiner Seite (leichtes Vorbeugen meines Oberkörpers): 

Im zweiten Bild bin ich von der Körperhaltung eher aufgerichtet und nehme etwas Energie heraus, worauf er tatsächlich ruhiger trabt. Das nutze ich dazu, ihn mit einer zarten Peitschengeste behutsam an seine innere Schulter zu erinnern, was er durch meine reduzierte Energie auch wunderbar genau so versteht und nicht als treibende Hilfe (Dreamer hatte übrigens vor nicht allzu langer Zeit panische Angst vor Peitschen, es ist schön zu erleben, dass auch ein solches Pferd lernen kann, dass es Menschen gibt, die nichts Böses damit vorhaben):

Freiarbeit

Ein temperamentvolles Pferd wie Dreamer ist immer zum Galoppieren bereit. Die Kunst aber ist, mit ihm einen ruhigen und gesetzten Galopp zu erreichen (wovon er auch hier noch weit entfernt aber für seine Verhältnisse immerhin schon auf dem Weg dorthin ist) und dafür braucht es sehr viel innere Ruhe und Sammlung meinerseits. 

Freiarbeit

Und für einen ruhigen Schritt in korrekter Stellung und Biegung braucht es fast schon die Grundenergie eines Buddhas 🙂 

Freiarbeit

Die Energie unserer Gedanken

Sehr wichtig ist, sich darüber im Klaren zu sein, dass auch unsere Erwartungen Energie sind und dass wir gerade bei so sensiblen Pferden wie Dreamer nicht nur auf unsere Körpersprache achten müssen, sondern auch auf unsere Gedanken und inneren Bilder. Wir können körpersprachlich noch so ruhig wirken, wenn wir innerlich (ab)werten oder kritisieren, hadern oder fordern, merken sehr viele Pferde das sofort und werden darauf reagieren.

Weniger ist hier auf jeden Fall mehr, denn für mich besteht das Ziel guter Freiarbeit nicht in spektakulären Aktionen, sondern vielmehr dazu, dass sich auch ein Pferd wie Dreamer vertrauensvoll entspannen kann, um dann auf dieser Basis heraus zeigen zu können, was in ihm steckt. 

Freiarbeit

31. Oktober 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Freiarbeit, Umgang, Verhalten 14 Kommentare »

Ponys auf der Pferdwippe

Vor einiger Zeit veröffentlichte ich hier schon mal eine kleine Anleitung, wie man sich mit einem Pferd das Laufen über eine Wippe erarbeiten kann – hier nachzulesen. Nun hatte ich die Möglichkeit, mal eine Pferdewippe nach der Bauanleitung von Nina Steigerwald (die Anleitung findet Ihr hier) im Einsatz zu erleben und das ließ ich mir natürlich nicht entgehen! 

Hier erst einmal die Wippe: 

Wippe

Und nun zeigen uns Fraukes Ponys, wie man sie benutzt! 

Skrollan steigt nicht nur wie ein Profi auf die Wippe…

Wippe

Wippe

Wippe

… sondern sie wippt auch wie einer: 

Wippe

Wippe

Und schaut, wie stolz sie ist: 

Wippe

Joey hat viele gesundheitliche Probleme, aber auch er klettert beherzt auf die Wippe: 

Wippe

Wippe

Beim Wippen unterstützt ihn Frauke ein bisschen: 

Wippe

Wippe

Und er findet dann noch seinen ganz eigenen Nutzen an der Sache: 

Wippe

Die beiden Shettys passen übrigens auch nebeneinander auf die Wippe, es können also auch größere Pferde Freude damit haben. Eine tolle Sache!

Extra-Tipp

Um Freude und Spaß miteinander geht es auch in unserem Freudekurs

24. Oktober 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Ideen, Spiele & Co 3 Kommentare »

Wie finde ich den richtigen Trainer – eine Checkliste

Die meisten kommen wohl über Empfehlungen zu ihren Reitlehrern oder Trainern. Man nimmt meist zunächst den, den auch die Freundin oder der Miteinsteller hat oder geht zu der, die eh im Stall unterrichtet. Für Kurse sucht man dann vielleicht auch mal gezielter nach einem Ausbilder, zum Beispiel zu einem bestimmten Thema oder einer besonderen Reitweise. Und spätestens, wenn der Unterricht nicht so gut läuft, fragt man sich: Wie finde ich jemanden, der besser zu uns passt? 

Das Problem ist, dass viele erstmal gar nicht so recht wissen, worauf sie achten sollen, wenn es um die Auswahl eines geeigneten Trainers geht. Und dafür haben wir Euch mal eine Checkliste erstellt. Hier findet Ihr Reflexionsfragen zu den Punkten, die wir bei der Entscheidung, ob ein Reitlehrer oder eine Trainerin für Euch passt, für wichtig halten.

Wir hoffen, sie ist hilfreich für Euch!

Checkliste Trainerauswahl

17. Oktober 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Aus dem Reitunterricht und Coaching, Engagement und Pferdeschutz, Jungpferdausbildung, Sonstiges 3 Kommentare »

Mehr Mitsprache fürs Pferd – so geht’s!

Im herkömmlichen Umgang haben Pferde selten ein Mitspracherecht. Auf mehr oder weniger nette Art setzt der Mensch seinen Willen durch und wenn das Pferd aufmuckt, wird immer noch viel zu wenig gefragt, warum es das tut. Statt dessen werden nötigenfalls härtere Maßnahmen eingesetzt, um das Pferd eben doch zu dem zu bringen, was man von ihm will. Dabei gibt es viel schönere Wege, solche Herausforderungen gemeinsam MIT dem Pferd anzugehen und zu lösen. 

Wir möchten hier einen von diesen Wegen zeigen. Inspiriert wurde er von dem so genannten Initiatorsignal aus dem Clickertraining (wer mehr darüber wissen will, kann das in diesem Beitrag nachlesen) und abgewandelt für den Einsatz auch für Pferdeleute, die nicht klassisch clickern. 

Das ist Caruso: 

Initiatorsignal Fliegenspray(Fotos von Martin Paasch)

Caruso findet es ziemlich schrecklich, mit Anti-Fliegenspray eingesprüht zu werden (sein Blick hier zeigt sehr gut seine Skepsis). Da ihm aber Bremsen, Mücken und Fliegen das Leben im Sommer schwer machen, haben seine Menschen immer wieder versucht, ihn doch davon zu überzeugen, dass Fliegenspray gar nicht so schlimm ist. Caruso entzog sich aber immer und immer wieder deutlich dem Einsprühen, indem er auswich und den Kopf hochnahm. Selbst zu mehreren und mit viel liebevollem Zureden und Leckerlies war es oft so gut wie unmöglich, ihn einzusprühen.

Ich erzählte seiner Besitzerin Maja dann von dem Initiatorsignal und schickte ihr einen Videolink. Nun clickert Maja selbst nicht, übernahm aber die Grundidee, Caruso ein Mitspracherecht in der Sache zu geben. Und das hat sehr vieles geändert: Bis heute ist Caruso zwar noch immer kein großer Fan vom Fliegenspray – ABER: er lässt es sich inzwischen gefallen und zwar, weil er den Prozess aktiv mitgestalten kann.

Das Pferd entscheidet

Und so geht’s: Zunächst achtete Maja sehr genau darauf, was Caruso den größten Stress bei der Prozedur bereitet und fand auf diese Weise heraus, dass er einen mit dem Spray getränkten Schwamm etwas besser ertragen konnte als das Ansprühen. Und damit begann sie zu arbeiten. Allein das zeigt schon, was dieser Ansatz bewirkt: nämlich, dass wir achtsam für das Pferd und sein Problem werden und nicht einfach nur unsere Vorstellung durchziehen.

Carusos Reitbeteiligung Isabell zeigt hier, welchen Ablauf Carusos Menschen und er zusammen erarbeitet haben: Sie gibt das Spray auf einen Schwamm und hält Caruso diesen Schwamm hin, so dass er genau sehen und riechen kann, was das ist. Wenn Caruso den Schwamm berührt, darf der Mensch ihn ein Stück weit damit einreiben: 

Initiatorsignal Fliegenspray

Initiatorsignal Fliegenspray

Zeigt Caruso, dass es ihm zu viel wird, hört der Mensch sofort auf! 

Initiatorsignal Fliegenspray

Statt dessen wird wieder der Schwamm eingesprüht und Caruso hingehalten. Durch Berühren des Schwammes gibt er das Signal, wann weiter gemacht werden kann.

Initiatorsignal Fliegenspray

Auf diese Weise ist es inzwischen möglich, ihn relativ entspannt allein am ganzen Körper einzureiben, was noch zu Beginn des Sommers undenkbar war.

Initiatorsignal Fliegenspray

Gut investierte Zeit

Vielen, denen ich bei Problemen eine solche Vorgehensweise vorschlage, scheint der Zeitaufwand zu groß. Und ja, zu Beginn kann dieses Vorgehen, zugegebenermaßen, schon länger dauern. Aber der Einsatz lohnt sich, denn man bekommt auf diese Weise echte Freiwilligkeit. 

Dem Pferd ein Mitspracherecht zu geben, ist ein sehr respekt- und liebevoller Weg, die Meinung des Pferdes anzunehmen und MIT ihm zu arbeiten. Es geht nicht darum, dem Pferd komplett seinen Willen zu lassen, sondern Ziel ist, ein Problem GEMEINSAM mit dem Pferd zu lösen. 

Ganz wichtig: Schlägt man diesen Weg ein, darf man nicht zwischendurch, weil es mal schnell gehen soll, doch wieder in  einer Hauruck-Aktion das Pferd gegen seinen Willen einsprühen. Damit verspielt man sich das zuvor erarbeitete Vertrauen! Wenn mal keine Zeit ist, ist es besser, auf das Einsprühen zu verzichten und es sollten unbedingt auch alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

10. Oktober 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Gesundheit, Ideen, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Die Grenze zwischen Nutzung und Missbrauch

Wir werden nicht müde, immer wieder auch darauf hinzuweisen, dass vieles in der Pferdewelt falsch läuft und eine ständige Quelle von Missbrauch gegenüber Pferden ist aus unserer Sicht der Anspruch des Menschen, ein Pferd für seine eigenen Ziele und Vorhaben zu benutzen. Deshalb gehören wir aber nicht zu denen, die Arbeit mit Pferden gleich komplett ablehnen.

Wie so oft liegt die Wahrheit nicht in den Extremen, sondern in der Mitte und sie gestaltet sich sehr vielfältig. Es ist für uns keineswegs grundsätzlich falsch, ein Pferd zu „nutzen“, ganz im Gegenteil: Gemeinsame Erlebnisse mit Pferden sind etwas Wunderschönes! Aber – und das ist leider das, was oft schiefläuft – es soll für beide Seiten etwas Schönes sein. 

Es kommt immer darauf an…

Nun gibt es keine festen Regeln, an die man sich halten kann, wenn es darum geht, was man von einem Pferd verlangen kann und wann man über seine Grenzen geht, sondern es muss im Einzelfall, je nach Stimmung, Persönlichkeit und Situation immer wieder neu überprüft werden, ob die Erwartung und Forderung des Menschen etwas ist, das das Pferd einlösen mag und kann oder eben nicht. Um hier angemessene Entscheidungen treffen zu können, müssen wir uns freimachen von herkömmlichen Sprüchen wie „Pferde müssen geritten werden!“ genauso wie von den anderen Extremen alá „Jede Arbeit mit einem Pferd ist Gewalt.“, um wirklich hinschauen und vor allem hinspüren zu können. 

Es spielen viele Faktoren in die Frage hinein, ob mit einem Pferd etwas getan werden muss oder nicht, wie zum Beispiel: 

  • die Haltung (je pferdegerechter die Haltung ist, desto weniger zwingend ist eine Beschäftigung der Pferde),
  • die Rasse (bei manchen Rassen sind Leistungswille und Temperament Zuchtziele, diese Pferde brauchen eine andere Auslastung als Rassen bei denen vielleicht Gelassenheit und Ruhe Zuchtziele sind),
  • das Alter (sehr junge Pferde brauchen, sofern sie altersgerecht gehalten werden, noch keine Beschäftigung durch den Menschen, sondern sollten möglichst Pferd sein können, während zum Beispiel gerade ältere Pferde nicht einfach vorschnell in Rente geschickt werden sollten, denn für manche von ihnen bricht eine kleine Welt zusammen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden),
  • die Gesundheit (bei gesundheitlichen Problemen sollte noch genauer überlegt werden, was mit einem Pferd wirklich gemacht werden kann und was nicht, gleichzeitig können alternative Aktivitäten mit einem Pferd es gerade bei gesundheitlichen Problemen ablenken, für Freude sorgen und auch nötig für eine Genesung sein),
  • die Persönlichkeit (ein sehr wichtiger und oft entscheidender Punkt, der unbedingt zu berücksichtigen ist!),
  • die aktuelle Situation (wie die momentane Laune und Stimmung (bei Pferd und Mensch) oder besondere Vorkommnisse, die Einfluss auf die Bereitschaft des Pferdes haben, etwas mit uns zu machen)
  • und anderes mehr. 

Es gibt Pferde, die sehr glücklich und zufrieden damit sind, einfach nur Pferd zu sein und sich hin und wieder von ihrem Menschen betüddeln zu lassen. Wenn sie artgerecht in einem funktionierenden Herdenverband leben, nicht übergewichtig sind und kein Reitergewicht zu tragen haben, müssen viele Pferde nicht unbedingt systematisch gymnastiziert werden, um gesund zu bleiben – obwohl Bewegung natürlich grundsätzlich gut ist. Für manche Pferde hingegen ist ein Grundmaß an guter und angepasster Gymnastizierung notwendig, damit sie dauerhaft gesund bleiben. Dann gibt es Pferde, die sich selbst in einer artgerechten Haltung mit Pferdegesellschaft schnell langweilen und unterfordert sind und die einfach ein Stück weit körperliche Auslastung brauchen, um zufrieden und ausgeglichen zu sein. Und viele Pferde nehmen was kommt, sie genießen Ruhe aber es macht ihnen auch nichts aus, Dinge für uns zu tun, die sie sonst vielleicht nicht tun würden; in diesen Fällen ist es gut, immer wieder darauf zu achten, dass solche Pferde auch Freudemomente erleben und nicht nur Dienst nach Vorschrift machen. 

Wo beginnt der Missbrauch?

Die Nutzung eines Pferdes ist aus unserer Sicht vollkommen in Ordnung, wenn beide dazu ja sagen, keiner darunter leidet und beide im besten Fall etwas Positives daraus ziehen können. Missbrauch findet für uns dann statt, wenn einer der Beteiligten etwas nicht will und dann mit Gewalt und Druck gezwungen wird.

Wichtig für uns Pferdemenschen ist, immer achtsam für unser Pferd zu bleiben und wahrzunehmen,

  • was es tut, weil es das von sich aus gerne macht,
  • was es für uns tut, aber nicht aus eigenem Antrieb,
  • was es tut, weil wir es ihm schmackhaft machen
  • und was es aus Angst (wovor auch immer) tut oder weil es zu kämpfen aufgehört hat. 

Das Ziel ist Freiwilligkeit

Für uns ist freudige Freiwilligkeit immer das Ziel.

Tut ein Pferd etwas, das wir möchten oder für wichtig halten, nicht, so ist es unsere Aufgabe, Wege zu suchen, die dem Pferd ein Ja zu unseren Absichten möglich machen beziehungsweise müssen wir unsere Erwartungen und Forderungen anpassen.

Hin und wieder wird es im Miteinander von Mensch und Pferd auch Momente geben, in denen wir Menschen unser Pferd zu etwas bringen müssen, das vielleicht wichtig oder gar unerlässlich ist. Je nach Dringlichkeit (z.B. durch Gefahren) ist in solchen Ausnahmesituationen unter Umständen auch Druck angemessen (der ja auch in sehr unterschiedlicher Stärke eingesetzt werden kann).

Dauerhafter Druck hingegen, ein gewohnheitsmäßiger Einsatz von Zwangsmitteln und ständige Gewalt auch im Kleinen sind aus unserer Sicht immer als Missbrauch zu bewerten und damit abzulehnen. 

Nutzung oder Missbrauch

19. September 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

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