Pferde sind vielschichtige Wesen

Ich stelle immer wieder fest, wie viele Menschen annehmen, dass Pferde eher einfach gestrickt sind, ja, gar nicht wenige halten Pferde sogar für dumme Tiere. Das macht mich traurig, denn ich habe ganz andere Erfahrungen mit diesen wundervollen Tieren gemacht. 

Labels greifen zu kurz

Man mag die Vielschichtigkeit der oft stark ausgeprägten Persönlichkeiten von Pferden nicht immer auf den ersten Blick erkennen. Wenn man ein Pferd zum Beispiel nur aus dem Stall holt, um eine Reitstunde zu absolvieren und es dann wieder zurückstellt, kann man durchaus einen eher eindimensionalen Eindruck von dem Pferd bekommen. Da ist dann vielleicht „der Brave“, der immer macht, was man von ihm will oder „die Zicke“, die schon beim Putzen ausschlägt und keine anderen Pferde mag oder „der Faule“, den man im Unterricht kaum vorwärts bekommt oder „die Dominante“, bei der man aufpassen muss, sich nichts gefallen zu lassen.

Keines solcher Etiketten wird einem Pferd gerecht – und doch sind die wenigsten davon frei, Pferden ein Label aufzudrücken.

Tipp: Überprüft Euch da doch gleich einmal selbst: Habt Ihr auch Schubladen, in denen Ihr Pferde steckt? 

Wir sehen Pferde oft durch die Augen anderer

Wenn wir mit Pferden zu tun haben, dann schauen wir sie oft beeinflusst durch verschiedene Faktoren an, derer wir uns nicht immer bewusst sind.

Zum Beispiel beeinflusst uns das,

  • was andere uns über Pferde allgemein oder auch über ein bestimmtes Pferd erzählt haben,
  • was wir über Pferde gelesen haben, 
  • was wir in Workshops vermittelt bekommen haben. 
  • unsere eigenen Erfahrungen, die wir mit Pferden in der Vergangenheit gemacht haben,
  • das, was wir in einem Pferd sehen wollen,
  • der aktuelle Fokus, den wir gerade haben,
  • unsere Wünsche und Erwartungen,
  • unsere blinden Flecken, die uns nicht alles wahrnehmen lassen, obwohl es da ist,
  • unsere Ängste
  • und vieles mehr.

Die Filter, mit denen wir auf ein Pferd schauen, sorgen dafür, dass wir Pferde oft ziemlich schablonenhaft sehen: der faule Haflinger, der durchgeknallte Araber, der ehrgeizige Hannoveraner und so weiter. So sind wir leider nicht immer offen dafür, die Eigenheiten und Besonderheiten an jedem einzelnen Pferd zu erkennen und zu würdigen. Wir sind es gewohnt, nur auf bestimmte Sachen zu achten oder interpretieren ein Verhalten immer auf eine bestimmte Art. Manchmal wollen wir etwas auch gar nicht wahrnehmen und denken uns die Welt, wie sie uns gefällt, weil wir nicht von unseren eigenen Vorstellungen und Wünschen ablassen wollen.

Vereinfachung hat negative Folgen

Die Tendenz, Pferde schablonenhaft zu sehen, hat negative Folgen. Ein sehr anschauliches Beispiel ist die inzwischen länge überholte, aber leider immer noch weiter propagierte Dominanztheorie. Danach werden verschiedenste, ganz unterschiedlich motivierte Verhaltensweisen als so genanntes „dominantes“ Verhalten gedeutet und so gut wie immer mit Härte beantwortet. Es wird nicht erkannt, dass ein Pferd vielleicht aus ganz anderen Gründen schlägt, zum Beispiel weil es kitzlig ist oder überfordert oder Schmerzen hat oder dass ein Pferd nicht aufdringlich ist, weil es ein Bully ist, sondern weil es unsicher ist.

Verallgemeinerungen und Pauschalannahmen geben uns das Gefühl, die Welt besser ordnen zu können. Indem wir Pferde in bestimmte Schubladen stecken, glauben wir zu wissen, wie wir mit ihnen umgehen müssen, was uns ein (in der Regel irrtümliches) Gefühl von Kontrolle gibt. Wir sind dann oft nicht nur in unserem Umgang mit dem Pferd auf dem Holzweg, wir versäumen auch, das Pferd mit seiner ganz eigenen Persönlichkeit kennen zu lernen. Und das ist schade! Pferde haben so viel zu schenken und wir können endlos viel von ihnen lernen, wenn wir bereit sind, sie in ihrem tatsächlichen Wesen zu erkennen. Für mich sind es zunehmend die Vielschichtigkeit und Tiefe von Pferdepersönlichkeiten, die mich begeistern und verzaubern. 

Und so möchte ich laut in die Pferdewelt rufen: Habt mehr Mut, ein Pferd wirklich kennen zu lernen! Gesteht ihnen eine eigene Persönlichkeit zu und lasst Euch davon überraschen, wie vielschichtig sie sind.

Pferde sind vielschichtig

14. Mai 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Verhalten 3 Kommentare »

Die Gerte – wie sie zu einem Kommunikationsmittel werden kann

Immer mal wieder werde ich darauf angesprochen (und manchmal auch dafür kritisiert), dass man mich immer mit Gerte bei den Pferden sieht. Eine Gerte ist leider mit Recht ein Gegenstand, der mit Gewalt verbunden wird und ist deshalb bei vielen, die einen alternativen Umgang mit Pferden möchten, verpönt. Ich selbst bin ein großer Freund von Differenzierung und möchte gerne aufzeigen, dass eine Gerte zum einen tatsächlich hilfreiches und sinnvolles Werkzeug und zum anderen vor allem auch eine Chance sein kann. 

Den Missbrauch an der Wurzel packen

Ja, mit einer Gerte kann man schlagen und es wird oft genug gemacht. Trotzdem ist nicht die Gerte das Problem, sondern die Hand, die sie hält, bzw. der Mensch, zu dem die Hand gehört. Es wäre natürlich toll, wenn wir das Problem mit der Gewalt einfach lösen könnten, indem wir keine Gerte mehr mitnehmen, aber genau das ist leider nicht der Fall. Eine Hand, die mit einer Gerte schlägt, ist auch eine Hand, die selbst schlägt oder eine, die grob an Zügeln reißt – vielleicht weil sie es nicht besser weiß, weil sie es so gelernt hat und weil es immer noch salonfähig ist, Pferde zu schlagen. Gewalt hat immer Ursachen und solange wir nicht an die Wurzel des Problems gehen, werden wir das Problem nicht lösen können, denn z.B. Hilflosigkeit oder unkontrollierbare Gefühle, wie Wut u.ä. gehen nicht weg, nur weil man die Gerte weglegt. Im Gegenteil! 

Wir müssen also tiefer gehen – und genau darin sehe ich eine große Chance. Schon in meinen ersten Reitstunden als 10jährige hatte ich gelernt, eine Gerte zum Strafen und Treiben zu nutzen, also als Mittel von Gewalt. Leider habe ich das in meinen jungen Jahren nicht hinterfragt und fühle mich deshalb bis heute mies. Vielleicht habe ich gerade deswegen für mich versucht, einen anderen, einen besseren Weg zu finden, ein Werkzeug wie eine Gerte zu nutzen und hier ein Stück weit auch eine Vorbildfunktion zu haben.

Ich werde im Folgenden darstellen, WIE ich eine Gerte nutze und auch, WARUM ich sie für sinnvoll im Umgang mit Pferden halte. 

Es geht um Respekt und Achtung

Für mich ist der gute Einsatz einer Gerte eine Schule in Sachen Respekt und Achtung. Damit ich auch in emotionalen Momenten, also wenn ich mich zum Beispiel über mein Pferd ärgere, weil es mich gerade angerempelt hat oder mir auf den Fuß getreten hat oder wenn ich Angst habe, weil mein Pferd neben mir wild zu schnauben und zu tänzeln beginnt, die Gerte nicht, wie gelernt, als Strafinstrument einsetze, braucht es eine große Portion Selbstbewusstheit. Die erreiche ich nur durch Selbstreflexion. Selbstreflexion ermöglicht es mir, meine Gefühle so früh wie möglich zu erkennen und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Die Bereitschaft dazu ist eine Voraussetzung dafür, ein Werkzeug wie eine Gerte (oder alternativ einen Strick oder Zügel oder ähnliches) nicht zu missbrauchen. 

Es geht nur ohne Angst

Das Allerwichtigste: Die Gerte darf einem Pferd keine Angst machen. Wenn ein Pferd Angst vor einer Gerte hat, kann ich sie nicht so einsetzen wie ich es möchte, also ist der erste Schritt, dem Pferd zu vermitteln, dass es keine Angst vor der Gerte in meiner Hand haben muss. Und das geht tatsächlich in den meisten Fällen viel leichter als gedacht. Bis auf wirklich schwer traumatisierte Pferde lernen die meisten sehr schnell zu unterscheiden (sonst müssten sie ja auch permanente Angst vor unseren Händen haben, mit denen so oft geschlagen wird…). 

Anthony hebt mir sogar regelmäßig meine Gerte auf, wenn sie heruntergefallen ist, für ihn ist sie ein Gegenstand wie jeder andere: 

Gerte

Pferde können exzellent differenzieren, denn sie sind Meister darin, unsere inneren Befindlichkeiten wahrzunehmen. Der Großteil der Pferde erspürt sehr schnell, ob der Mensch eine aggressive Absicht mit einer Gerte verfolgt oder nicht. Selbst sehr ängstliche Pferde mit schlechten Erfahrungen nehmen sie schnell kaum noch als „eigentlich bedrohliche“ Gerte wahr, wenn wir sie spielerisch heranführen und ihnen keinen Grund zur Sorge geben. Und das finde ich wundervoll, denn es ermöglicht mir, einem Pferd zu zeigen und auch dauerhaft zu „beweisen“, dass ich nichts Böses möchte, ja, dass es mir vertrauen kann.

Aber, Achtung: Hier ist sehr leicht viel Porzellan zu zerschlagen, denn das Vertrauen ist ganz schnell verloren, wenn die Gerte dann doch wieder als Gewaltmittel eingesetzt wird und sei es auch nur „aus Versehen“. Das Bewusstsein darüber, wie viel auf dem Spiel steht, hat mir enorm dabei geholfen, immer achtsam in der Selbstreflexion zu bleiben, damit genau das nicht passiert. 

Warum ich eine Gerte nutze

Kommen wir zu der Frage, warum ich überhaupt eine Gerte nutze. Und meine Antwort dürfte manch einen verblüffen: weil sie mir, wie kein anderes Hilfsmittel ermöglicht, für ein respektvolles und entspanntes Miteinander mit Pferden zu sorgen.

Im Miteinander von Mensch und Pferd gibt für mich drei ganz wichtige Aspekte, die noch viel zu wenig beachtet werden, zwei davon sind anatomischer Art und diese beiden wirken sich ganz entscheidend auf den dritten aus, der etwas mit dem zu tun hat, wie Pferde ticken. 

Ein Pferd ist waagerecht, ein Mensch ist senkrecht

Ein Pferd ist vor allem eines: es ist lang. Es hat einen langen Körper und an diesem Körper ist ein langer Hals. Wenn ein Pferd Kontakt vermeiden will, dann kann es sich so stellen und bewegen, dass ich allenfalls mit seinem Maul zu tun habe. Es kann mich also sehr einfach auf einen ordentlichen Abstand halten.

Ich als Mensch bin gleichsam ein senkrechter Strich. Ich habe zwar zwei Arme, aber die sind kurz. Was passiert nun, wenn ein Pferd auf mich zukommt, Nase vorausgestreckt und ohne Tendenz anzuhalten? Die allermeisten Menschen weichen reflexartig aus oder gehen zurück. Und selbst wenn wir stehenbleiben und vielleicht unserer Arme heben oder uns stimmlich bemerkbar machen, ist es das Pferd, das über einen körperlichen Kontakt entscheiden kann, indem es uns zum Beispiel mit der Nase berührt oder bufft oder den Kopf zur Seite nimmt und uns mit der Schulter touchiert oder rammt (je nach Pferdepersönlichkeit). 

Das Pferd steht auf vier Beinen, der Mensch auf zwei

Ein weitere Punkt ist dieser: Ein Pferd steht auf seinen vier Beinen ziemlich stabil. Selbst bei massivem Körperkontakt durch ein Anrempeln mit der Schulter durch ein anderes Pferd, fällt ein Pferd nicht um.

Wir Menschen dagegen stehen sehr wackelig auf unseren zwei Beinen und sind schon durch minimale Berührungen aus der Balance zu bringen – das gilt übrigens auch für die breitbeinig Dastehenden, die der festen Überzeugung sind, dass sie nicht weichen, achtet mal ganz bewusst darauf. Ein Stupser mit der Nase lässt uns einen Schritt zurück machen, ein Rempler – und wir liegen auf dem Boden. 

Das beliebte Spiel „Wer bewegt wen?“

Nun gibt es ein Spiel, das alle Pferde beherrschen (es sei denn, sie sind verhaltensgestört) und das heißt: Wer bewegt wen? Dieses Spiel bildet eine entscheidende Basis des pferdischen Miteinanders und wenn wir dieses Spiel nicht verstehen, nicht durchschauen und auch nicht selbst spielen können, wird es immer wieder zu Problemen in der Kommunikation und im Umgang mit Pferden kommen. Beherrschen wir es hingegen, macht das das Miteinander mit jedem Pferd leichter. 

Achtung: Fehlinterpretation!

Leider ist dieses Spiel auch schon sehr missinterpretiert worden, so dass vollkommen falsche Schlussfolgerungen daraus gezogen wurden. Die gesamte und längst überholte Dominanztheorie basiert auf der Annahme, dass Pferde, die uns bewegen wollen, dominant sind, und dass wir als Menschen eben dominanter sein müssen, um Chef zu sein. Aus meiner Sicht ist das eine sträfliche Fehlinterpretation des Verhaltens und des Wesens von Pferden und führt einmal mehr zu groben und unangemessenen Handlungen, wie z.B. dem forcierten Rückwärtsschicken von vermeintlich respektlosen Pferden oder dem druckvollen Weichenlassen, um dem Pferd klarzumachen, dass es „rangniedriger als der Mensch ist. 

Der Sinn des „Wer-bewegt-wen?“-Spiels

Fragen wir uns doch einmal, warum das „Wer bewegt wen?“-Spiel eigentlich so wichtig für Pferde ist: Ganz sicher nicht, damit ein paar Bullys anderen Pferden klarmachen können, dass sie nichts zu melden haben. Es sichert viel mehr, dass die Abläufe in der Herde für alle Herdenmitglieder verständlich geregelt sind und dient dazu, dass das Miteinander in einer Herde verlässlich funktioniert.

Wenn im Notfall Flucht angesagt, kann es sich keine Herde leisten, dass sich die einzelnen Tiere anrempeln oder nicht zur Seite gehen, das würde Zeit und Kraft kosten und könnte bei echter Panik zu schlimmen Stürzen führen. Es ist entscheidend, dass jeder auf jeden achtet und dass jedes Pferd flüchten kann. Eine Herde muss im Notfall fast funktionieren, als handele es sich um einen einzigen Organismus. Das „Wer bewegt wen“-Spiel ist quasi ein Dauertraining in Sachen gegenseitiger Aufmerksamkeit und Zwiesprache und sorgt dafür, dass alle immer aufeinander achten.

Bei unseren mehr oder weniger in Sicherheit und damit eben manchmal auch eher in Langeweile lebenden Pferden hat das Spiel „Wer bewegt wen?“ zusätzlich einen Unterhaltungswert. Viele Pferde finden es lustig, uns beim Abäppeln zu helfen, indem sie sich uns in den Weg stellen, uns anstupsen, ihre Köpfe an uns reiben oder was ihnen noch so mit uns einfällt. Die meisten Menschen finden das zu Beginn auch lustig und wir lachen und streichen ihnen über den Kopf und merken gar nicht, dass wir ständig ausweichen – zur Seite oder nach hinten, mal nur ein Stück, mal mehr. Irgendwann wird es uns dann meist zu nervig und wir wollen in Ruhe weiterarbeiten, aber die Pferde stehen uns inzwischen fast auf den Füßen oder ziehen an unserer Jacke. Und spätestens das ist dann der Moment, wo die meisten unfair werden, denn dann wird ermahnt, geschimpft und wenn das nichts bringt, erfolgen physische Maßnahmen. „Was soll ich machen, die buffen mich ja auch!“ wird dann ein Schlag mit der Hand gerechtfertigt.

Mit einer Gerte bin ich im Spiel

Und jetzt kommt die Gerte ins Spiel, denn sie ermöglicht es mir, das Spiel „Wer bewegt wen?“ auf eine respektvolle und aus meiner Sicht durch und durch pferdegerechte Weise mitzuspielen. Ich kann mit einer Gerte einem Pferd auf eine vollkommen unaggressive Weise vermitteln, dass ich möchte, dass es meinen Individualraum respektiert, in dem ich, wenn ich merke, dass ein Pferd auf mich zukommt, die Gerte leicht anhebe und zwischen mit und das Pferd bringt, quasi als Abstandshalter. 

Wichtig: Mein Ziel ist grundsätzlich, kein Pferd mit einer Gerte überhaupt berühren zu müssen. Bei etwas dickfelligeren Pferden, die mein zartes Tippen ignorieren, überlege ich, wie ich deutlicher werden kann, indem ich z.B. ein kleines Stück Folie an das Gertenende binde, mit dem ich dann knisternd wedeln kann. Damit bekomme ich die Aufmerksamkeit von so ziemlich jedem Pferd. Und das ist das, worum es mir geht: Ich möchte, dass das Pferd meine Zeichen, in diesem Fall die Bitte, mit etwas Abstand stehen zu bleiben und mir nicht zu nahe zu kommen, wahrnimmt und respektvoll reagiert.  Ich überprüfe auch immer mal wieder, ob als Zeichen irgendwann auch meine Hand oder meine Ausstrahlung ausreicht, aber oft provoziere ich damit, dass das Pferd mir – ohne es böse zu meinen! – doch zu nahe kommt. Die Gerte ist ein Hilfsmittel, dass es mir ermöglicht, meinen Indivdualraum so groß zu beschreiben, dass das Pferd anhält, ohne das es mich berühren kann. Bei Handzeichen werden die meisten Pferde so nah kommen, dass sie mindestens unsere Hand mit der Nase berühren können, nutze ich eine Gerte, gewinne ich genau die Gertenlänge als zusätzlichen Abstand. 

Warum ist Abstand so wichtig?

Nun mag manch einer sich fragen, warum ich denn nicht vom Pferd berührt werden will. Es geht nicht darum, nicht grundsätzlich vom Pferd berührt zu werden, aber ich möchte eine Möglichkeit haben, die Berührungen mitzugestalten und zwar auf eine respektvolle und freundliche Art.

Gehe ich zum Beispiel zum Abäppeln in eine Herde, kann es mir gut passieren, dass einige der kontaktfreudigen oder forschen Kandidaten auf mich zukommen. Ich stehe dann zwischen drei, viel Pferden, von denen ich alle mehr oder weniger sanft berührt werde, sprich: sie haben sozusagen Vollkontakt mit mir, da ich ihnen ja mit meinem gesamten (senkrechten) Körper zur Verfügung stehe. Sie selbst sind fein raus, da ihre Körper für mich unerreichbar sind. Was wir Menschen dann in diesem Fall meist machen um uns zu befreien, ist uns entweder durch die Pferdenasen hindurchzudrängeln (was meist wenig Erfolg hat, denn die Nasen werden uns einfach verfolgen, wenn sie uns interessant genug finden) oder wir heben die Arme hoch und wedeln oder klatschen und rufen, um uns etwas Raum zu schaffen. Kommen die Pferde dieser Bitte nicht nach, werden viele auch massiver und es wird geschimpft, geklapst oder geschlagen. 

Habe ich eine Gerte dabei, kann ich das Geschehen von Beginn an ganz anders gestalten. Mit einer Gerte kann ich den forschen Pferden auf eine ganz freundliche Art vermitteln, dass sie bitte erst einmal nicht näher kommen sollen. Das lernen auch die aufdringlichsten Pferde ganz schnell. Schenkt mir das Pferd den Respekt, mich nicht zu bedrängen, kann nun ich zum Pferd gehen, es begrüßen und auch mit ihm kuscheln. Das ist dann aber meine Entscheidung und das ist der Entscheidende Punkt: Ich werde nicht bewegt, sondern ich bewege mich selbst und ich bewege das Pferd (bzw. lasse es Abstand halten, was Teil des Spiels ist). 

Wichtig!

Die Gerte allein hilft mir unter Umständen gar nichts, wenn ich nicht wirklich bereit bin, das „Wer bewegt-wen?“-Spiel zu spielen, sprich: Ich muss tatsächlich Abstand wollen! Sehr viele von uns genießen den Körperkontakt mit Pferden so sehr, dass sie innerlich ausstrahlen, dass das Pferd ganz nah kommen kann und Pferde, die das Spiel gerne spielen, ignorieren dann auch eine Gerte. Hier ist die Antwort nun natürlich nicht, die Gerte doller einzusetzen, sondern hier muss der Mensch für sich klären, was er will. Für mich persönlich ist der körperliche Kontakt mit Pferden sehr viel schöner und entspannter, wenn er respektvoll und achtsam erfolgt, deshalb sorge ich sehr konsequent dafür, das Pferde mich nicht bedrängen oder gar anrempeln.  

Eine Gerte kann tatsächlich Gutes bewirken

Dieses Prinzip lässt sich auf alle Bereiche des Umgang mit Pferden am Boden übertragen und je konsequenter wir es befolgen, desto respektvoller, achtsamer und feinfühliger wird das Miteinander. Das jedenfalls ist meine Erfahrung. Natürlich würde ich noch ein bisschen lieber davon berichten können, dass ich allein durch meine Ausstrahlung in der Lage bin, aufdringliche oder aufgeregte Pferde nicht zu nahe an mich herankommen zu lassen, aber, das gebe ich offen zu: das schaffe ich nicht. Also nutze ich eine Gerte und freue mich darüber, sie sinnvoll und pferdegerecht einsetzen zu können. 

Ein Beispiel

Zum Abschluss noch ein Beispiel: Auf dem folgenden Foto bin ich mit Dreamer zu sehen. Dreamer ist ein Pferd, das sich sehr aufregen kann und mit all dem Energieüberschuss, der dann in ihm ist, einem dann auch deutlich zu nahe kommt. Um mit ihm entspannt umgehen zu können, brauche ich gerade dann ausreichend Abstand. Dieses Pferd hatte in der Vergangenheit Schlimmes mit Gerten und Peitschen erlebt, aber ich habe ihm vermitteln können, dass ich nichts Böses damit vorhabe. Ich kann die Bogenpeitsche dazu nutzen, ihn wie in dieser Situation, in der er zuvor sehr aufregt war, zu bitten, nicht näher zu kommen. Die leicht angehobene Peitsche macht Dreamer, wie deutlich zu sehen ist, keine Sorgen, im Gegenteil, er kann sogar etwas entspannen. Würde ich mich bedrängt fühlen oder hätte ich Angst, umgerannt zu werden, könnte ich selbst in einer solchen Situation nie die Ruhe ausstrahlen, die er braucht. Er akzeptiert die Gerte voll und ganz als Abstandhalter und mit ihr können wir gemeinsam zur Ruhe kommen. Im nächsten Schritt kann ich dann auf ihn zugehen, ohne dass ich in Gefahr gerate, umgerannt zu werden. Das ist ein Beispiel dafür, wie eine Gerte tatsächlich Gutes bewirken kann, sofern sie verantwortungsvoll und mit Bedacht genutzt wird. 

Gerte

Ja, ich rate tatsächlich auch in meinen Coachings dazu, eine Gerte zu nutzen und zeige, wie ich sie einsetze. In eben genau der hier geschilderten Weise kann sie wesentlich zu einem harmonischen, vertrauensvollen und achtsamen Miteinander beitragen. 

16. April 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang 3 Kommentare »

Probleme beim Clickertraining: Übermotiviert und unter Stress

Wir beide arbeiten ja begeistert mit dem Clickertraining. Leider gibt es aber noch immer viele Vorbehalte gegen diese Art der Ausbildung, die unserer Einschätzung nach vor allem auf Unsicherheiten, Ängsten und Unwissenheit beruhen. Vielleicht können wir hier ein bisschen Abhilfe schaffen, indem wir uns einmal einem sehr typischen Problem widmen, auf das viele stoßen, die mit dem Clickern beginnen und das nicht selten dazu führt, dass das Clickertraining wieder abgebrochen wird, obwohl sich gerade darin eine große Chance für ein harmonisches Miteinander bietet. Es geht um den Übereifer beim Pferd.

Der Übereifrige –
„Clickern macht mein Pferd ganz wuschig“

Das Problem: Isa hat mit ihrem jungen Haflingerwallach zu clickern begonnen, da sie ihn möglichst gewaltfrei ausbilden möchte. Der Einstieg klappt auch gut, der Youngster lernt schnell. Es dauert aber nicht lang und es zeigt sich ein Problem: Isas Haflinger ist vom Clickern so begeistert, dass er bald damit beginnt, hektisch alles Mögliche anzubieten und gar nicht mehr auf Isas Signale achtet. Sie ist seinem Übereifer nicht gewachsen und überlegt, mit dem Clickern wieder aufzuhören. 

Begeisterung ist etwas Gutes

Schauen wir uns einmal an, was hier passiert: Isa hat mit dem Clickertraining eine Möglichkeit gefunden, mit ihrem Pferd so zu arbeiten, dass es mit Feuereifer dabei ist. Diese Freude und Begeisterung sind etwas Gutes, denn genau darum geht es doch: unsere Pferde zur Mitarbeit zu motivieren. 

Wie aber bei so vielen, kann etwas Gutes auch ins Gegenteil umschlagen, wenn es zu extrem wird. Pferde, die sich sehr für das Clickertraining begeistern, entwickeln oft zu viel Energie und achten im Übereifer nicht mehr auf den Menschen. 

… Stress aber nicht

Bei übereifrigen Pferden schlägt die Begeisterung schnell in Stress um. Sie wollen um jeden Preis alles richtig machen und schießen dabei über das Ziel hinaus. Das ist sowohl für das Tier als auch für den Menschen unangenehm und macht ein Lernen schwer bis unmöglich. 

Hier liegen die Ursachen aber weniger im Clickertraining selbst, sondern sind zum einen in der Persönlichkeit des Pferdes oder aber noch mehr  in der Beziehung zwischen Mensch und Pferd zu suchen. 

Das Problem an sich ist leicht zu lösen: Ruhe als Übung

Das Problem des Übereifers lässt sich meist gut in den Griff bekommen, indem man von Beginn an systematisch Pausen und Ruhemomente konsequent als Übungen einbaut und auch diese clickert.

Wichtig ist, dass man eine so genannte „Null-Position“ bestimmt, also z.B. das entspannte Stehen. Immer wieder gilt es, auch diese Null-Position zu clickern, also die Pausen-Momente, in denen nichts zu tun ist, genauso attraktiv zu gestalten, wie die Lernphasen. 

Schwieriger ist, an der eigenen Einstellung zu arbeiten

Interessanterweise tun sich viele Menschen recht schwer damit, Nichts-Tun zu belohnen. Hier zeigt sich der weitverbreitete Ansatz, dass nur Leistung ein Lob verdient und das wiederum deckt eine Strenge auf, die viele von uns in sich haben und so unbewusst auch ausstrahlen. 

Die meisten von uns lernen das Reiten in herkömmlichen Reitschulen und entwickeln auf diese Weise die Einstellung, dass Pferde tun müssen, was der Mensch will. Der eigene Wille wird mit mehr oder weniger Druck durchgesetzt und Fehlverhalten des Pferdes wird vom Menschen mehr oder weniger freundlich korrigiert oder auch bestraft. 

In einem Pferdeleben geht es naturgemäß nicht um Leistungen oder darum, Dinge zu erreichen oder gut zu machen. Pferde wollen ihr Überleben sichern, Zugang zu Ressourcen wie Futter und Wasser haben und innerhalb ihres Sozialsystems möglichst stressfrei und harmonisch leben. Sie wollen vor allem eines: sich wohl fühlen.

Nun bringen wir Menschen, in dem wir mit Pferden arbeiten, etwas Neues in ihr Leben: nämlich Erwartungs- und Leistungsdruck. Wir Menschen haben bestimmte Vorstellungen davon, was Pferde tun und können sollen, wir stellen Forderungen und Aufgaben, die wir erfüllt sehen wollen und wir geben mehr oder weniger nette „Befehle“, die wir befolgt sehen wollen. Damit bauen wir, oft unbewusst und vielleicht sogar ungewollt Druck auf, den Pferde mit ihrer feinen Wahrnehmung spüren, egal wie sehr wie ihn auch verbergen wollen.

Manche Pferde reagieren auf Druck mit Entzug oder Verweigerung, andere wollen unbedingt ungute Erlebnisse vermeiden und setzen darauf, alles richtig machen zu wollen. Genau diese zeigen dann oft Übereifer. Da aber Pferde oft gar nicht genau wissen, was wir eigentlich von ihnen erwarten, bieten sie unter Stress oft alles Mögliche an.

Und hier müssen wir Menschen ihnen helfen, indem wir ihnen deutlich machen, dass gar nicht immer etwas getan werden muss, sondern dass es genauso gut und richtig ist,  auch einfach mal entspannt beieinander zu stehen. 

Unsere Tipps für alle anderen mit übereifrigen Pferden

  • Von Beginn an eine Null-Position einführen, in der es nur um Ruhe und Pause geht und diese nicht erst bei Übereifer, sondern auch schon zwischendurch genauso wie eine Lektion clickern und loben, um dem Pferd deutlich zu machen, dass es nicht ständig Leistung bringen muss. 
  • Die eigene Ausstrahlung, die Ansprüche und Erwartungen an das Pferd überprüfen:
    • Bin ich ungewollt zu streng?
    • Erwarte ich vielleicht zu viel von meinem Pferd?
    • Bin ich zu hart in meiner Ausstrahlung? 
    • Wie reagiere ich bei Fehlern meines Pferdes?
    • Wie geht es mir, wenn ich selbst Fehler mache?
    • Kann ich selbst auch einmal nichts tun?
    • Wie kann ich für mehr Leichtigkeit und Freude in unserem Miteinander sorgen? (Tipp: Speziell dazu gibt es viele Tipps in unserem Freudekurs.)

Und noch ein wichtiger Punkt

Manchmal müssen wir die Ursachen für ein (Fehl-)Verhalten auch außerhalb der eigentlichen Situation suchen. Wirkt ein Pferd im Training sehr fahrig, nervös und überaktiv, so kann das auch daran liegen, dass wichtige Grundbedürfnisse unerfüllt sind. Viel mehr Pferde, als man denken sollte, haben z.B. permanent Hunger, weil sie zu wenig Raufutter bekommen. Kommt nun durch das Clickertraining Futterlob ins Spiel, ist vollkommen verständlich, dass der Erregungslevel steigt! Ähnliches gilt für Pferde, die Durst haben, nicht genug Bewegung bekommen, keinen ausreichenden Kontakt zu Artgenossen haben, nicht genug Ruhe oder Schlafmöglichkeiten haben und vieles mehr. Also bitte auch immer auf das Gesamtbild schauen. 

 

 

2. April 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Clickertraining, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Aus der Sicht des Pferdes…

Inzwischen glaube ich, dass ein Kernproblem im Umgang von Mensch und Pferd der Punkt ist, dass wir Menschen oft nicht bereit oder vielleicht auch manchmal nicht in der Lage sind, uns in ein Pferd hineinzuversetzen. Wir gehen in ganz vielen Aspekten von unserem eigenen Sein aus und vergessen, dass für ein Pferd vieles grundlegend anders ist als für uns. 

Hier einige Beispiele: 

  • Luisa möchte Langzügelarbeit mit ihrem Norweger Sam machen. Die beiden sind seit vielen Jahren ein gutes Team und Sam macht für Luisa alles, naja, fast alles, denn bei der Langzügelarbeit verweigert er sich komplett. 
  • Andreas hat seine dreijährige Stute bereits seit anderthalb Jahren. Er hat früh damit begonnen, mit dem Fohlen kleine Spaziergänge zu machen und das ging auch schon richtig gut. Seit letzter Woche ist die Stute aber wie ausgewechselt. Sie tänzelt und steigt an der Hand, an einen Spaziergang ist kaum noch zu denken. Andreas findet das Verhalten ungezogen. 
  • Sarah hat sich einen jungen Wallach aus Spanien kommen lassen. In der Verkaufsanzeige wurde er als brav beschrieben. Nun steht er seit einer Woche im neuen Stall, lässt sich aber nicht anfassen, kaum aufhalftern und nicht führen. Sarah versteht sein Verhalten nicht und traut sich nicht an ihn heran.

Schauen wir uns die drei Situation doch einmal aus Pferdesicht an: 

  • Sam mag seine Luisa. Sie behandelt ihn gut und vieles, was sie mit ihm macht, gefällt ihm. Früher ist er für Fehler bestraft worden und genau das möchte er bei Luisa nicht erleben. Wenn er etwas nicht versteht, macht er lieber gar nichts. Neuerdings steht Luisa öfter mal hinter ihm und er hat keine Ahnung, was das Ganze soll. Er spürt, dass Luisa etwas von ihm will, das er nicht begreift und er spürt auch ihren Frust. Das verunsichert ihn sehr und so fällt er in sein altes Muster und macht einfach gar nichts mehr. 
  • Die kleine Stute von Andreas fand das, was er mit ihr bisher gemacht hat, ganz ok, aber in letzter Zeit mag sie einfach nicht ruhig laufen und kann sich nicht konzentrieren. Die Hormone in ihr kochen hoch, der  Energielevel steigt, Bewegungsfreude und viel Temperament möchten sich entladen – wer hat da schon Lust auf einen ruhigen Spaziergang? Und so ärgert sie der Strick und Andreas und alles, was sie einengt, denn am liebsten möchte sie einfach nur losrennen – das wäre toll! 
  • Der junge Wallach von Sarah hat eine nicht einfache Pferdejugend in Spanien gehabt. Er wurde irgendwann aus der Junghengstherde geholt und lernte Menschen als Wesen kennen, die ihm Schmerzen zufügen können. Unter dem Einfluss von Serrata und hartem Einsatz von Zügeln und Beinen wurde er gefügig gemacht und eingeritten. Eines Tages wurde er mit viel Druck verladen, fuhr etliche Stunden in einem Hänger und kam in einer vollkommen neuen Welt an. 

Indem wir uns in ein Pferd hineinversetzen, können wir Gründe und Ursachen für ein Verhalten finden, das uns ärgert oder das wir nicht möchten. Und damit können wir auch Ansätze finden, wie wir die Problemsituation MIT dem Pferd lösen können. Schauen wir uns das noch einmal für die drei Beispiele an: 

  • Als Luisa erkennt, dass Sam nicht bockig, sondern verunsichert ist, bittet sie ihre Freundin um Hilfe. So erklären die beiden dem Wallach ganz in Ruhe worum es geht. Dafür läuft Luisa erst wie von der Handarbeit gewohnt vorne am Kopf mit, während ihre Freundin an der hinteren Position mitläuft. Sie geben beide die Hilfen und loben Sam für jeden richtigen Schritt. Dann lässt sich Luisa langsam nach hinten fallen, während die Freundin Sam vorne immer wieder zum Antreten ermutigt. Beide loben sehr viel und freuen sich über jeden richtigen Impuls. Sam entspannt sich und begreift nach und nach, was Luisa möchte. 
  • Andreas erkennt, dass seine Stute in die Pubertät kommt und sich gerade ganz viel in ihr verändert. Er beschließt, ihr einige Zeit Pause zu geben, in der sie einfach nur Pferd in ihrer Herde sein kann. Er besucht und füttert sie und hält so den Kontakt, aber stellt keine Anforderungen an sie. Nach einer ganzen Weile schaut er mal wieder, ob sie Lust darauf hat, etwas mit ihm zu machen und sie reagiert offen und freundlich. 
  • Sarah begreift, dass der junge Spanier ein komplett entwurzeltes Pferd ist, ängstlich und verwirrt. Er muss erst einmal in seiner neuen Welt ankommen können. Das Wichtigste für ihn sind in dieser Phase andere Pferde, die ihm Sicherheit und Geborgenheit geben können. Allein in einer Box fühlt er sich verloren und ausgeliefert. Sarah kann selbst im Moment wenig für ihn tun, da sie eher Angst vor ihm hat. Sie gliedert ihn in eine Offenstallherde ein, die ihn schnell annimmt, und lässt ihn erst einmal in Ruhe. Sie fährt allerdings zu ihm, spricht mit ihm, bringt ihm etwas Leckeres mit und erarbeitet sich so nach und nach sein Interesse. Damit legt sie die Basis für wachsendes Vertrauen. 

Beispiele dieser Art wirken natürlich immer etwas holzschnittartig, da die Wirklichkeit ja komplexer ist. Aber sollte deutlich werden, worauf es mir ankommt: Es geht darum, Pferdeverhalten nie nur aus unserer eigenen Sicht, sondern immer auch aus der Perspektive des Pferdes zu sehen. Nur so können wir unser Pferd überhaupt verstehen und nur so lassen sich sinnvolle Schritte finden, mit denen wir einen gemeinsamen Weg beschreiten können. 

Aus Sicht des Pferdes

19. März 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Was brauchen wir Pferdemenschen?

Heute mal wieder ein Beitrag, in dem es vor allem um uns Pferdemenschen geht. Eigentlich sollen das Reiten und unsere Pferde unser Hobby sein, also etwas, das uns Freude macht, etwas, wo wir auftanken können und mit dem wir uns rundum wohl fühlen. In vielen Fällen ist es ja glücklicherweise auch so, aber einige von uns kennen auch Phasen, in denen es nicht so rosig aussieht:

  • Vieles rund ums Pferd kann uns große Sorgen bereiten: drohende oder bestehende Krankheiten, Gefahren für unser Pferd, Unsicherheiten über Haltung, Ernährung oder Behandlungen und etliches mehr.
  • Wir tragen viel Verantwortung und müssen ständig Entscheidungen in allen möglichen Fragen und Bereichen treffen, mit denen wir manchmal schlicht und einfach überfordert sein können. 
  • Viele von uns sind auch frustriert, weil wir immer und immer wieder an bestimmten Sachen scheitern (wie z.B. Leichtraben, Angaloppieren usw.) oder weil unser Pferd trotz aller möglichen teuren Behandlungen einfach nicht gesund wird. So etwas kann entmutigen oder auch wütend machen.
  • Bei zu viel Selbstreflexion und Selbstkritik können manche auch das Gefühl bekommen, immer alles falsch zu machen und geraten in eine Lähmung.
  • Viele Menschen, die mit Pferden zu tun haben, haben – oft auch ohne es sich eingestehen zu können – Angst zum Beispiel vor dem Reiten, vor den Pferden, vor Unfällen usw. Das kann sehr belasten.
  • Dann haben es etliche von uns auch immer mal wieder mit Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen zu tun, denn es läuft leider noch vieles falsch im Umgang mit Pferden. 
  • Manche von uns haben vielleicht auch das Gefühl, dass uns unser Pferd nicht mag oder dass wir keinen richtigen Draht zu ihm finden und sind traurig darüber, keine echte Beziehung mit dem Pferd zu führen. 
  • Viele leiden auch unter einem schlechten Stallklima, Mobbing und anderen Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Pferdemenschen oder fühlen sich, wenn sie ihre Pferde selbst halten, in vielem sehr allein. 
  • Und dann kommen noch die Vergleiche mit all denen dazu, bei denen alles so leicht und toll und happy aussieht, während wir bei uns selbst das Gefühl haben, so etwas nie erreichen zu können. 

Es gibt also einiges, was uns ganz schön belasten kann … 

Nicht immer braucht es Tipps und Ratschläge

Nun überlegen wir mal, wie wir normalerweise reagieren, wenn wir mitbekommen dass ein anderer Pferdemensch Probleme hat. Wie schnell sind wir da mit zahlreichen Tipps und Ratschlägen dabei und glauben genau zu wissen, was der andere mit einem Pferd machen soll, welche Ausbildungs- oder Behandlungsmethode er ausprobieren soll, oder wie ein Problem ganz sicher zu lösen ist!

So gut gemeint das auch immer sein mag, dabei übersehen wir schnell, wie viel zusätzlichen Druck genau das für die Person bedeuten kann und wie wenig hilfreich es möglicherweise gerade in dieser Situation ist. Vielleicht wissen wir gar nicht viel über die Person oder das Pferd und können uns eigentlich gar kein wirkliches Urteil erlauben?  Vielleicht haben wir keine Ahnung davon, welchen langen Weg diese Person schon gegangen ist, wie viel sie möglicherweise schon ausprobiert hat und wie viel sie auch schon selbst weiß. Und ja, vielleicht braucht sie etwas ganz anderes, als wir gerade geben wollen (oder auch aufdrängen).

Manchmal muss es gar nicht um Lösungen gehen, sondern manchmal sollte ein Problem oder eine schwierige Phase einfach nur gesehen und mit Verständnis gewürdigt werden, damit der andere ein bisschen Trost findet, durchatmen und wieder neuen Mut schöpfen kann.  

Was vieles verändern könnte

Eine simple Frage könnte die Welt für uns Pferdemenschen ganz erheblich verändern, wenn wir sie stellen, bevor wir all unsere Ideen, Tipps und Ratschläge verteilen, und das ist diese: 

Sag mal, wie geht es Dir gerade? 

Idealerweise sollten wir dann auch bereit sein, einfach mal nur verständnisvoll und emphatisch zuzuhören, denn: 

  • Manchmal braucht man einfach nur ein offenes Ohr, ohne gleich 20 praktische Tipps geliefert zu bekommen.
  • Manchmal brauchen wir einen Menschen, der die eigene Not oder auch einfach nur Unsicherheit versteht, also jemanden, der für diesen Moment da ist, damit man sich nicht so allein fühlt.. 
  • Manchmal braucht man jemanden, der nur so etwas sagt,wie: „Hey, das geht mir auch oft so.“
  • Und manchmal tut es endlos gut zu hören, dass man sein Bestes gibt, dass also jemand sieht, wie viel man macht und tut, wie viel man nachdenkt und sich bemüht, wie viel man schon gelernt und geschafft hat. 

Das alles können wir aber nur dann geben, wenn wir nicht einfach davon ausgehen, dass wir wissen, was gut für den anderen und sein Pferd ist. Und dafür können wir uns öfter einmal selbst eine Frage stellen, die im Miteinander unter Pferdeleuten (und natürlich nicht nur da) vieles zum Positiven verändern kann. Und diese lautet:

Was braucht dieser Mensch wohl gerade wirklich?

 

Pferdemenschen

Foto von Horst Streitferdt

5. März 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Sonstiges 6 Kommentare »

Wer muss hier was lernen?

Wenn es um das Thema „Lernen“ geht, dann denken die meisten Menschen vor allem daran, was ein Pferd alles lernen muss, denn schließlich sind ja wir es, die das Tier ausbilden. Tatsächlich aber müssen wir Menschen meist viel mehr lernen als die Pferde – und das hört nie auf, egal wie fortgeschritten wir auch zu sein glauben. Und dabei geht es nicht nur um Wissen und Technik, sondern auch um Erfahrungen, Einfühlungsvermögen und Bauchgefühl.

Das Lernen hört nie auf

Ich selbst habe jetzt seit rund 40 Jahren mit Pferden zu tun. Was für eine unglaublich lange Zeit. Zahlreiche Bücher habe ich in Sachen Haltung und Gesundheit gelesen, Unterricht genommen, Seminare besucht und Fachleuten gelauscht. Ich habe in diesen Jahrzehnten so unendlich viel gelernt und dennoch habe ich noch immer viele Fragezeichen und lerne täglich dazu. Wann immer ich glaubte, etwas verstanden zu haben, konnte ich sicher sein, dass neue Herausforderungen mir zeigen würden, dass es noch viel, viel mehr zu begreifen gibt.

Ich habe mir viel Wissen und viele Techniken angeeignet und habe sowohl meinen Geist als auch meinen Körper trainiert, dennoch bin ich lange nicht „fertig“. Von Natur aus war ich nie besonders begabt für das Reiten und habe viele, viele Unterrichts- und Trainingsstunden gebraucht, um einen halbwegs brauchbaren Sitz zu entwickeln. Eine Zeitlang war ich in Sachen Dressur ganz passabel, aber ich hatte nie das Gefühl, wirklich reiten zu „können“, denn schließlich ist mit jedem Pferd alles unter Umständen wieder ganz anders. Immer wieder muss Neues ausprobiert, gelernt und vor allem auch geübt werden, damit einem das bereits Erarbeitete auch weiter verfügbar bleibt (zum Beispiel allein in Bezug auf Beweglichkeit, Flexibilität, Gleichgewicht, aber auch vielem anderen mehr).

Noch komplexer ist die Sache mit dem Umgang mit Pferden. Bei all dem, was ich schon über Pferde gelernt habe, weiß ich im Großen und Ganzen was ich tue. Aber auch ich bin nicht davor gefeit, mich in Situationen zu wieder zu finden, in denen ich rat- und manchmal auch hilflos bin, weil mir all mein Wissen nichts nützt – und das ganz besonders oft bei meinem eigenen Pferd. Manchmal scheint es mir, als hätte Anthony den Job übernommen, mich demütig zu halten, denn er bringt mich immer wieder an die Grenzen meines Vermögens.

Was bedeutet das nun ganz konkret?

Für mich ist der Umgang mit Pferden eine lebenslange Entwicklungsmöglichkeit, denn ich werde immer wieder auf allen Ebenen gefordert. Das mag nun alles mühsam und anstrengend klingen und ja, manchmal ist es das auch. Meist aber ist es vor allem das: spannend und unendlich gewinnbringend.

Ich habe Euch hier einmal eine kleine Checkliste für unsere eigene Lernbereitschaft erstellt. Sie besteht aus fünf Fragen, die wir uns immer wieder stellen können und auch sollten:  

Frage 1: Was sagt mein Pferd? 

Selbst erfahrene Pferdemenschen können auf Pferde treffen, die ihnen den Dienst verweigern und die deutlich zeigen, dass sie nicht wollen, was dieser Mensch mit ihnen vorhat. Darauf zu beharren, da man ja weiß, was man tut, und mehr vom Gleichen zumachen, bringt einen in der Regel nicht weiter, sondern führt zu Gewalt. Wenn ein Pferd zum Beispiel die gegebenen Hilfen nicht versteht oder auf die Art, wie mit ihm umgegangen wird, mit Stress reagiert, nützt es nichts, die Hilfen zu verstärken, da das Pferd sie dann auch nicht besser verstehen wird und ihm das auch noch mehr Stress bereiten wird. In solchen Fällen müssen wir bereit sein, unserem Pferd zuzuhören und seine Signale ernst zu nehmen. Wenn wir immer wieder an dieselben Grenzen mit unserem Pferd stoßen oder immer wieder dieselben Probleme mit ihm haben, ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass wir etwas anders tun sollten als bisher – und dann müssen erst einmal wir lernen, nicht das Pferd.

Frage 2: Was sollte ich lernen?

Wenn wir dazulernen wollen, geht es darum, realistisch einzuschätzen, in welchen Bereichen wir vielleicht noch zu wenig Wissen haben oder an welchen Fähigkeiten es uns mangelt, um flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren oder auch, um es unserem Pferd leichter mit uns zu machen. Videos von uns selbst, wie wir mit dem Pferd umgehen oder wie wir reiten, können sehr entlarvend sein, wenn es darum geht, Lernbedarf bei uns zu ermitteln. Und ein liebevoll-ehrlicher Blick einer Person, der wir vertrauen, kann ebenfalls sehr hilfreich sein. 

Frage 3: Wie lerne ich am besten?

Es ist nützlich, herauszufinden wie man selbst am besten lernt – manch einer lernt gut aus Büchern, eine andere besser durch praktische Demonstrationen, wieder andere durch Ausprobieren. Je besser wir unser eigenes Lernverhalten verstehen, desto optimaler können wir unser Wissen und unsere Kenntnisse erweitern.

Frage 4: Von wem will ich lernen?

Das Angebot von Möglichkeiten, sich in Sachen Pferde weiterzubilden, ist schier unendlich. Es gibt zahllose Ausbildungsansätze, die sich oft allerdings widersprechen, so dass man am Ende gar nicht mehr weiß, wem man nun glauben und folgen soll. Ähnliches gilt für alle Fragen rund um die Haltung oder Gesundheit von Pferden. Es ist wichtig, gut zu prüfen, wem man vertrauen und ein Stück weit folgen will, wohl wissend, dass man niemanden blind folgen sollte.

Frage 5: Was will ich für mich übernehmen?

Wenn wir ein Buch lesen, Unterricht nehmen oder einen Kurs besuchen, heißt das nicht, dass wir immer auch alles daraus übernehmen müssen und dem Gesagten strikt folgen müssen. Viel sinnvoller ist es aus meiner Sicht, sich aus verschiedenen Ansätzen alles Mögliche für den ganz persönlichen Weg zusammenzusuchen. Ansätze, die genau davon abraten, sind für mich kritisch zu bewerten. Hören wir lieber auf unser Pferd, das meist recht deutlich zeigt, wie es unsere neuen Ideen findet.

Und zu guter Letzt…

Bei all dem sollten wir eines nicht vergessen: Es geht immer nur um die Bereitschaft, nie um Perfektion! Perfekt sein muss niemand, das erwartet auch unser Pferd nicht von uns. 

 

Vom Pferd lernen

19. Februar 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Sonstiges 6 Kommentare »

Wie geht es eigentlich Pepe, Ronaldo und Buddy?

Sehr häufig werde ich gefragt „Hast du eigentlich noch Pferde?“ und „Wer arbeitet deine Pferde, wenn du unterwegs bist?“ und „Wie viele Pferde hast du noch?“ Da das doch viele zu interessieren scheint, möchte ich Euch in diesem Beitrag zeigen, wie meine Pferde heute leben und erzählen, wie es ihnen geht.

Als ich 2014 die Entscheidung traf meinen Hof aufzugeben, bedeutete diese Entscheidung nicht nur für mich eine große Veränderung in meinem Leben, auch für meine Pferde. Auch sie zogen aus ihrem langjährigen Zuhause aus und bekamen eine neue Heimat, mit neuen Kumpels und neuen Aufgaben bzw. „Nicht-Aufgaben“. 

Buddy

Buddy ist ja das Shetty meiner Tochter. Da sie nach Hannover zum Studieren ging, suchten wir für ihn einen Platz, wo er wieder eine Aufgabe hat. Buddy ist ein Pferd, das etwas tun will, er wird unglücklich, wenn er nicht „bespaßt“ wird. Und wir hatten das große Glück, eine tolle Pferdefrau zu kennen, die einen kleinen Stall hat, auf dem sie mit Kindern und Ponys arbeitet. Ihre Pferde werden optimal gehalten, behandelt und versorgt und ich könnte mir keinen besseren Platz für Buddy wünschen. Dort darf er regelmäßig sein gesamtes Arsenal an Kunststückchen und Spielereien zeigen, die wir ihm beigebracht haben und die er so sehr liebt.

Er gehört nach wie vor uns und wir besuchen ihn regelmäßig, auch wenn die Abstände dazwischen manchmal schon sehr lang sind. Was einfach wunderschön ist: Auch wenn ich mal zwei Monate nicht zu Besuch war, reicht ein Ruf und Buddy kommt! Er erkennt uns immer sofort, er vergisst uns in keinster Weise. 

Wenn Lena Buddy besucht, ist die Freude bei Beiden riesengroß

Zusammenfassend kann ich sagen: Buddy geht es rundum gut 🙂 und so möchte ich an dieser Stelle ein riesengroßes Danke sagen an Marita, dass sie so gut für unseren Buddy sorgt und er ein so glückliches Leben bei ihr führen darf!

Pepe

Pepe ist im Juli 2016 gemeinsam mit Ronaldo auf einen wunderschönen Paddock-Trail in der Nähe von Lüneburg gezogen.


Foto: Maren O´Sullivan

Foto: Maren O´Sullivan

Foto: Maren O´Sullivan

Pepe hatte 2013 einen Tritt ans Karpalgelenk bekommen, welches daraufhin stark anschwoll, und er deutlich lahmte. Leider hat sich aus dieser Verletzung eine Arthrose gebildet, die sich im Verlauf der Jahre weiter verschlechterte. Dadurch ist Pepe nicht mehr „belastbar“. Ich habe eine tolle Pflege-/Reitbeteiligung, die sich um Pepe kümmert und auch ab und an noch kleine Schrittrunden mit ihm ins Gelände geht. Ich selber reite ihn nicht mehr. 

Neues Leben, neue Freunde

Abgesehen von der Arthrose im Karpalgelenk geht es Pepe sehr gut. Er fühlt sich auf dem Trail sehr wohl und macht einen rundum zufriedenen Eindruck. Wir haben in diesem Stall eine sehr nette, hilfsbereite Gemeinschaft und ich habe zwei liebe Miteinstellerinnen, die Pepe mit füttern wenn ich „on Tour“ bin. Diese werden sehr gut angenommen und so werden, selbst wenn ich da bin und die Versorgung meiner Pferde erledige, Kathrin und Anette gerne gefragt, ob nicht vielleicht noch ein Futtereimer „drin“ ist. Das sieht dann so aus:

 

Ronaldo

Auch Ronaldo lebt seit 2016 auf dem Paddock-Trail und genießt sein Pferdeleben. Ich habe ihn ja schon mit deutlichen körperlichen Handicaps übernommen (wie und warum Ronaldo zu mir kam könnt Ihr hier nachlesen) und außer einigen Malen zu Zeiten der Korrekturausbildung bin ich ihn nie wirklich geritten. Ich reite ihn auch heute nicht und Ronaldo führt ein sehr entspanntes, sorgenfreies Leben auf dem Trail. Wie Pepe freut auch er sich, wenn ich komme, und holt sich seinen bis zum Rand gefüllten Eimer ab, denn nach wie vor ist Ronnie sehr schwerfuttrig und es ist geht viel Futter ins Pferd, damit er überhaupt ein bisschen was auf den Rippen hat.

Auch Ronaldo wird von meinen Stallkolleginnen mit gefüttert und ich möchte mich an dieser Stelle sehr bei Christiane, Kathrin und Anette bedanken <3 ! Und bei meiner Stallchefin Maren, die einen so schönen Platz für Pferde erschaffen hat und immer ein wachsames Auge auf alle ihr anvertrauten Pferde hat.

So bin ich also heute nur noch die Futterlieferantin für meine Pferde, die sich freut, wenn sie ihren Pferden über ihre zufriedenen Nasen streicheln darf. Ja, manchmal vermisse ich die Ausritte mit Pepe und die Zeiten, in denen ich noch so intensiv mit ihnen „gearbeitet“ hatte, dass sie gut bemuskelt waren und wunderschön liefen. Und es war nicht einfach, die Ansprüche, die ich an mich selbst als „gute“ Pferdebesitzerin stelle, so deutlich herunterzufahren.

Aber, die Dinge ändern sich … Heute ist mir am wichtigsten, das meine Pferde ein glückliches Leben in einer schönen Herde führen können und ich dadurch nur ein kleines schlechtes Gewissen habe, nicht mehr so für sie da zu sein, wie ich es früher war und wie es auch immer mein eigener Anspruch an mich gewesen ist. Das Leben ist Veränderung. Und dazu gehört halt manchmal auch das Loslassen von etwas, was schön und intensiv war. Mir geht es in meinem neuen Leben sehr gut. Und ich spüre, meinen drei Pferden geht es in ihrem neuen Leben auch sehr gut. Und somit ist alles anders, aber gut 🙂

Und wer möchte, kann sich hier noch ein paar bewegte Bilder den Dreien anschauen.

5. Februar 2019 von Babette Teschen • Kategorie: Sonstiges 2 Kommentare »

Fragen zum Longenkurs: Mehr Tempo bereitet Probleme

Heute befassen wir uns wieder einmal mit einem typischen Problem, das bei der Arbeit nach dem Longenkurs auftaucht, und ich zeige Euch meine Lösungsideen zu dem Problem:

Mein Pferd läuft mittlerweile im ruhigen Tempo losgelassen und in guter Balance, aber sobald ich die Hinterhand aktivieren möchte, verschlechtert sich die Haltung meines Pferdes. Soll ich also weiterhin im ruhigen Tempo bleiben? Auch dann, wenn ich mein Pferd galoppieren lassen möchte, ist die Haltung des Pferdes schlecht. Soll ich den Galopp noch weglassen?

Meine Antwort:

Eine meiner Leitlinien lautet: Fokussiere immer nur auf ein Detail der Laufmanier zur Zeit. Das bedeutet, dass wenn man am Thema „Aktivierung der Hinterhand“ arbeitet, man in der ersten Lernphase in Kauf nehmen muss, dass sich die bisher erarbeiteten Elemente, wie Losgelassenheit, Balance oder Biegung erstmal verschlechtern dürfen. 

Es ist wichtig, sich zu trauen, „über die Klippe zu springen“. So nenne ich die Bereitschaft, eben auch eine kurzfristige Verschlechterung zu akzeptieren, um weiterzukommen. Sobald die Hinterhand aktiv ist, kümmern wir uns sogleich wieder um die Verbesserung der Losgelassenheit, Balance und Biegung – aber wir brauchen zunächst eine aktive Hinterhand, um das Puzzle überhaupt weiter zusammensetzen zu können. 

Die Aktivierung der Hinterhand ist ein sehr wichtiger Baustein, der nicht zu spät mit ins Programm genommen werden darf. Die Pferde verlieren sonst immer mehr die Hinterhand, die Lauffreude und geraten ins „Latschen“.

Um die Hinterhand zu aktivieren sind Galopp-Trab-Wechsel eine gute Möglichkeit. Deswegen nehme ich den Galopp schon relativ früh mit ins Programm.

Aber: Wichtig ist, das Pferd im Galopp nicht einfach laufen zu lassen, wenn der Galopp noch zu schlecht ist! Mit Pferden, die deutliche Probleme mit dem Galopp haben, übe ich zunächst nur das Angaloppieren. Also im Trab behutsam etwas mehr Energie hineingeben und das Pferd zum Angaloppieren ermuntern und schon nach wenigen Sprüngen, die Energie wieder sanft herausnehmen, mit der Stimme beruhigen und es wieder in den Trab durchparieren. Ganz wichtig: dabei bitte NIE mit der Longe bremsen! 

Sobald das Pferd im Trab ist, lasse ich ihm Zeit, wieder zu einer guten Balance zu finden und arbeite wie zuvor mit gefühlvollen Hilfen an einer Verbesserung der Losgelassenheit und Haltung (dichter herangehen, beruhigen, Tempo rausnehmen, vorsichtig Volten einbauen und dabei darauf achten, das Pferd nicht über die Longe auf die Volten zu ziehen). Wenn es wieder in guter Losgelassenheit und Haltung läuft, lasse ich es noch einmal vorsichtig und so ruhig wie möglich angaloppieren.

Sowie das Pferd im Angaloppieren sicherer wird, kann ich den Galopp verlängern. Tritt eine Verschlechterung auf, gehe ich zurück zum Angaloppieren. Als Richtlinie würde ich sagen: pro Einheit das Angaloppieren maximal sechs- bis achtmal üben (jede Hand drei- bis viermal). Sollte der Galopp das Pferd noch sehr stressen, übe ich dies nicht in jeder Longeneinheit, sondern je nach Pferd nur in jeder dritten bis sechsten Einheit. Und das allerwichtigste: Belohnen Sie jedes Bemühen Ihres Pferdes sehr!

Aktive Hinterhand

22. Januar 2019 von Babette Teschen • Kategorie: Jungpferdausbildung, Longieren 1 Kommentar »

Pferdemimik deuten – Positives erkennen

Nachdem wir vor einiger Zeit ausführlich aufgezeigt haben, wie sich Schmerzen beim Pferd erkennen lassen, möchte wir in diesem Beitrag Beispiele von zufriedenen Pferdegesichtern vorstellen, denn es lassen sich auch Freude und Wohlgefallen deutlich an der Mimik eines Pferdes ablesen. 

Positive Aufmerksamkeit

Das folgende Bild von Caruso zeigt ein positiv aufmerksames Pferd: Gespitzte Ohren, kullerrunde Augen mit einem ganz weichen Blick, kaum hervortretende Adern. Die Nüstern sind in diesem Moment zwar sichtbar gebläht, aber nicht aus Stress, was sich an seinem entspannten Blick erkennen lässt. So zeigt sich einfach seine Vorfreude (denn es wurde gerade ein neuer Futtersack gebracht :-). 

Und noch ein Bild von einem entspannt-aufmerksamen Pferd. Aramis‘ gesamte Maul- und Nüsternpartie ist locker und ohne Fältchen, sein Auge ohne Stresskuhle. Dass die Augen dreieckiger wirken als die von Caruso auf dem Bild zuvor, liegt daran, dass er wegen der blendenden Sonne auf dem Schnee die Augen etwas geschlossener hält.

Und in einem ähnlichen Gemütszustand ist auch Tizon auf dem folgenden Bild. Ich habe es ausgesucht, weil Tizon auf diesem Bild 32 Jahre alt war, sein Kopf deshalb etwas knochiger wirkt, was aber den entspannten Ausdruck nicht mindert. 

Dösende und schlafende Gesichter

Hier einige Bilder von noch entspannteren Pferden, also schlafend oder dösend 🙂

Newsletter Wege zum Pferd

Auf dem folgenden Bild wird wohl jeder die tiefe Entspannung erkennen können: 

Newsletter Wege zum Pferd

Etwas schwieriger ist vielleicht, das Gesicht beim Dösen im Stehen zu deuten, denn tatsächlich ist dieser Gesichtsausdruck nicht immer ganz so leicht von der Apathie bei Schmerzen abzugrenzen. Das Auge ist halb oder ganz geschlossen. Die Ohren sind meist seitlich gestellt. Diese Merkmale können auch auf das Schmerzgesicht zutreffen. Entscheidend für das Erkennen des entspannten Dösens ist neben dem Gesamtbild vor allem die Maulpartie. Sie ist bei einem wirklich entspannten Pferd locker: 

Bei Anthony auf dem folgenden Bild kann man gut sehen, dass da noch eine Reihe von Fältchen auf der Oberlippe zu sehen sind und dass eine Unterlippe zwar zu hängen beginnt, aber noch nicht vollkommen locker hängt. Er ist hier auf dem Weg zum Eindösen. 

Dösgesicht

Das Putz- und Genussgesicht

Die vielleicht schönste Mimik zeigen Pferde, wenn sie etwas so richtig genießen, wie z.B. Nico, der auf dem Folgenden Bild gerade gekrault wird: Die Augen sind genüsslich geschlossen, die bewegliche Oberlippe macht den charakteristischen „Rüssel“, die Ohren sind in-sich-horchend nach hinten gerichtet: 

Genussgesicht beim Pferd

Auch Dreamer ist ein Experte darin, zu zeigen, wie sehr er das Gekrault-Werden genießt – er wird hier gerade am Unterhals gekratzt und hebt seinen Kopf mit genüsslich geschlossenen Augen weit hoch: 

Genussgesicht beim Pferd

Und das geht durchaus auch noch deutlicher: 

Genussgesicht beim Pferd

Angelegte Ohren sind also, wie man bei vielen dieser Bilder sehen kann, durchaus nicht immer negativ zu deuten, sondern sie sind oft nur ein Zeichen dafür, dass ein Pferd in sich selbst horcht. Das ist auch bei Caruso schön zu sehen, der auf dem folgenden Bild Fellpflege mit Dreamer macht. Sein Blick ist dazu in sich gekehrt und drückt Wohlgefallen aus: 

Putzgesicht beim Pferd

Spiel und Spaß

Hier noch ein Foto von Anthony, der gerade mit einem Laubsack spielt – das Weiße im fast schon aufgerissen wirkenden Auge drückt hier keine Angst aus, sondern er schaut keck, ob wir auch sehen, was er da gerade Tolles macht 🙂 

Spielgesicht beim Pferd

Und zum Abschluss noch ein Bild vom so genannten Flehmen beim Pferd, das sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann. Durch das Flehmen können Pferde Gerüche intensiver wahrnehmen. Man sieht es häufig bei Hengsten oder Wallachen, wenn eine Stute rossig ist, aber grundsätzlich auch bei allen Pferden, wenn sie etwas Ungewohntes riechen. Manchmal wird das Flehmen auch bei Schmerzen gezeigt, hier muss man dann den Gesamteindruck des Pferdes zur Interpretation beachten. Und dann gibt es noch Spezialisten wie Anthony, für die das Flehmen zur Lieblings-Quatsch-Mach-Übung geworden ist 🙂 

Flehmen

8. Januar 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Anatomie und Körper, Gesundheit, Verhalten 4 Kommentare »

Unser Bild vom Pferd

Ich komme so gut wie täglich an einem Reiterdenkmal vorbei. Es ist ein ungewöhnliches Denkmal, denn es stellt Pferd und Mensch ganz anders dar als gewohnt. Sonst werden Pferde fast immer in spektakulären Posen gezeigt, stürmend und steigend, man kann ihr scharfes Ausatmen förmlich hören und ihr erhitztes Gemüt spüren. Der Mensch auf ihrem Rücken kontrolliert das überschäumende Temperament mit Zügeln, scharfen Gebissen und Sporen und wird als Sieger über das Biest dargestellt. Er macht aus dem Wildfang einen gezähmten Untertan, weil er es will und weil er es kann.

Das Denkmal, an dem ich so oft vorbei komme, ist ein ganz anderes. Es zeigt ein gelassen dastehendes Pferd, das den Kopf erhoben trägt und in die Ferne schaut. Auf seinem blanken Rücken sitzt ein nackter Reiter und er hat keine Zügel in der Hand. Seine linke Hand ruht auf dem Mähnenkamm des Pferdes. Das Maul und der ganze Gesichtsausdruck des Pferdes ist weich und entspannt, sein Auge ist rund, es hat keine Stresskuhlen. Hier ist kein Kampf zu sehen, sondern ein Miteinander. Auch wenn der Mensch auf dem Pferd sitzt, so steht er nicht über ihm und hat es nicht gebrochen. Er wird mit dem Einverständnis des Pferdes getragen, das sich seiner entledigen könnte, wenn es wollte. Das tut es aber nicht, denn es wirkt einverstanden. Es sagt ja.Unser Bild vom Pferd

Für mich handelt es sich bei diesem Denkmal um eine der schönsten Darstellungen von Pferd und Mensch, die ich kenne, und ich habe bisher nichts Vergleichbares gesehen. Wenn ich in die Pferdewelt schaue, dann wird mir immer wieder deutlich, wie weit verbreitet dort noch immer das andere Bild ist – der Mensch im Kampf gegen das Pferd mit verbissenen Mienen, Zwangsmitteln und einem alles andere als pferdegerechten Umgang. Aber, so wie es das Denkmal gibt, das ein anderes Miteinander von Pferd und Mensch zeigt, so gibt es überall in der Pferdewelt auch immer mehr Menschen, die das Pferd als Mitgeschöpf sehen und nicht als Sportgerät. Die nicht kämpfen und nicht siegen wollen, sondern die bereit sind, sich in das Wesen Pferd einzufühlen und denen ein gemeinsamer Weg wichtig ist. Ein Weg, zu dem beide Ja sagen und der nur so zu einem echten Wir führen kann. 

Fragt Euch doch mal, welche Bilder Ihr von Pferd und Mensch im Kopf habt und ob Euch diese als energievolles Leitbild für den Weg dienen können, den Ihr Euch mit Eurem Pferd wünscht.

Ein inneres Leitbild kann einem Kraft für den eigenen Weg geben, wenn einem andere raten, sich doch „durchzusetzen und dem Pferd zu zeigen, wer das Sagen hat“. Kampf, Gewalt und Zwang können nie zu Harmonie führen, das können nur Achtung, Respekt und Einfühlungsvermögen.

Welches Bild vom Pferd hilft Euch dabei, das anzustreben? 

Unser Bild vom Pferd

4. Dezember 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Sonstiges 8 Kommentare »

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