Pferde sind Egoisten und anderer Unfug

Es gibt Sätze, die machen mich auch nach all den Jahren, die ich nun schon mit Pferden (und deren Menschen) zu tun habe, sprachlos. Neulich erschien ein solcher Satz in den Kommentaren auf meiner Facebookseite: „Pferde sind Egoisten.“

Die Wirkung

Es gibt viele solcher Sätze und sie haben leider eine große Macht, denn sie bewirken Verschiedenes: 

  • Sie machen einen entweder stumm, weil man angesichts einer solch dummen wie falschen Aussage kaum noch etwas zu erwidern weiß oder
  • sie machen einen wütend und damit wird man gerade in einem Austausch oft viel zu emotional,
  • vor allem aber setzen sie sich, weil sie so schön griffig sind, in vielen Köpfen als Tatsache fest und das ist aus meiner Sicht das Schlimmste an der Sache… 

Es handelt sich hierbei um so genannte Killerphrasen oder Totschlagargumente. Zitat wikipedia: „Totschlagargumente sind inhaltlich nahezu leere Argumente, also Scheinargumente, bloße Behauptungen oder Vorurteile, von denen der Sprecher annimmt, dass die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer entweder mit ihm in der Bewertung übereinstimmt oder keinen Widerspruch wagt… haben das gleiche kommunikative Ziel, nämlich den Gegner mundtot zu machen und jedes lösungsorientierte Denken zu verhindern beziehungsweise zu unterbinden. Stattdessen soll der aktuelle Zustand aufrechterhalten werden…“

Ehrlich gesagt habe ich keinen guten Tipp, wie man konstruktiv mit solchen Killersätzen umgehen kann, da bin auch ich immer wieder aufs Neue gefordert. Provokationen dieser Art sind ja geradezu darauf angelegt, destruktiv zu sein, sprich: Personen, die solchen Unsinn sagen, haben gar kein Interesse an Argumenten, die solche Aussagen widerlegen oder einem echten Austausch.

Aber ist es deshalb gut, solche Aussagen einfach unkommentiert stehen zu lassen (was ich in diesem Fall getan habe)? Es fühlt sich für mich nicht so an und so tue ich das, was meine Art ist: ich schreibe darüber. 

Warum wird so etwas gesagt?

Ich frage mich nicht nur bei Pferden immer, was die Ursache für ein Verhalten ist, sondern ich versuche auch Menschen zu verstehen, die aus meiner Sicht etwas Falsches, Unsinniges oder auch Verwerfliches tun.

Als Ursache für solche Killerphrasen sehe ich vor allem die Tatsache, dass sie bestens dazu geeignet sind, das eigene Verhalten nicht hinterfragen zu müssen. Sie dienen dazu, nicht-pferdegerechtes Verhalten zu rechtfertigen. 

Selbstreflexion ist nicht jedermanns Sache, aber unbedingt nötig

Das eigene Verhalten zu hinterfragen, erfordert einen selbstkritischen Blick und die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die Bereitschaft, dazuzulernen. Und das kann unbequem und aufwühlend sein, da man sich, sofern man eigene Fehler erkennt, eventuell auch mit Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen befassen muss. Genau das aber sollten vor allem die haben, die sich eben nicht hinterfragen und nicht diejenigen, die gemachte Fehler erkennen und in Zukunft vermeiden wollen. Ein schlechtes Gewissen sollten Killerphrasen-Drescher haben, die nicht nur nicht bereit sind, das eigene Verhalten zu reflektieren, sondern mit solchen Aussagen auch noch dafür sorgen, dass andere sie übernehmen. 

Da ich Killerphrasen nicht verhindern kann, setze ich da an, wo ich hoffe, etwas bewirken zu können: Bei der Bitte, nicht alles zu glauben, was sich griffig und schmissig anhört und keinen Aussagen oder Ansätzen zu folgen, die nicht-pferdegerechtes Verhalten gutheißen. Bitte bewahrt oder entwickelt den Mut und die Bereitschaft, immer selbst zu denken und vor allem selbst zu fühlen – FÜR die Pferde.

Killerphrasen

28. Mai 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang 1 Kommentar »

Schon mal über’s Putzen nachgedacht?

Viele Auseinandersetzungen mit dem Pferd entstehen bei ganz alltäglichen Dingen und wir machen uns oft gar nicht klar, dass wir selbst die Auslöser für unerwünschtes Verhalten sind und dass uns das Pferd mit seinem Verhalten etwas sagen will

Zum Beispiel das Putzen

Wie oft ist beim Putzen zu beobachten, dass das Pferd nicht stillsteht, sondern herumhampelt und dabei auch den Menschen anrempelt. Manchmal wird auch das Hinterbein drohend gehoben oder das Pferd schnappt nach dem Menschen. Der wiederum reagiert dann unwirsch und straft das Pferd für das Fehlverhalten:

  • „Himmel, nun steh doch endlich mal still!“
  • „Du bist aber wieder nervig, heute!“
  • „Die Zicke spinnt heute wieder total…“

wird dann gerufen und nicht selten wird das Pferd gebufft, geklapst oder auch geschlagen.

Wie wäre es statt dessen einmal über das Putzen nachzudenken und was uns das Pferd vielleicht mit seinem Verhalten zeigen will? Denn eigentlich soll das Putzen ja etwas Schönes FÜR das Pferd sein und keine ständige Stressquelle… 

Eine Studie macht nachdenklich

Eine französische Studie fand heraus, das beim Putzen vieles falsch läuft (hier ist der ausführliche Artikel dazu nachzulesen) und dass es für viele Pferde eher eine Quelle von Unbehagen ist, als dass sie es genießen können. Aussagen von Dr. Lea Lansade: „Die Hälfte der Pferde benahm sich beim Pflegen aggressiv oder zeigte Schmerzreaktionen … Lediglich 5 % der Pferde zeigten ein positives Verhalten während der Pflege-Einheit, etwa indem sie ihrerseits versuchten, die „Körperpflege“ zu erwidern oder indem sie näheren Kontakt zum Reiter suchten.

Wenn also unser Pferd beim Putzen nicht stillsteht oder sogar deutlich abwehrend reagiert, könnten wir, statt das Pferd zu strafen, uns fragen: 

  • Ist meinem Pferd das, was ich tue, vielleicht unangenehm?
  • Tue ich ihm ungewollt weh oder kitzele ich es? 
  • Putze ich zu doll oder zu grob oder zu hektisch? 
  • Sollte ich einen anderen Striegel nutzen?
  • Womit und wie wird mein Pferd gerne berührt?
  • Ist ihm die Situation, in der ich es putze, vielleicht unangenehm?
  • Was bereitet ihm Stress?
  • Kommt es vielleicht mit dem Angebundensein nicht klar oder findet es bestimmte Sachen bedrohlich?
  • Muss es vielleicht äppeln oder pinkeln?
  • Hat es Hunger oder Durst?
  • Wie ist meine eigene Ausstrahlung beim Putzen? Bin ich vielleicht genervt und gestresst? 
  • Wie kann ich herausfinden, was mein Pferd wirklich mag und braucht, um das Putzen entspannt genießen zu können? 

Viele Faktoren spielen hinein

Jedes Pferd ist anders und jedes Pferd mag und braucht andere Sachen. Während der eine gerne ausgiebig geschrubbt wird, ist der anderen schon jedes sanfte Bürsten zu viel. Manche Pferde reagieren beim Putzen stark auf die Stimmungen des Menschen und viele haben Sorgen, weil sie angebunden sind oder fürchten sich vor einer groben Behandlung. Vielleicht hören sie den Kumpel auf der Weide rufen oder die Gerüche am Putzplatz sind seltsam. Auch das Geschehen rund um den Putzplatz hat Einfluss auf das Verhalten des Pferdes (andere Menschen und Pferde, Geräusche, Bewegungen usw.). Und so wird beim Beispiel Putzen sehr deutlich, dass jedes Miteinander mit dem Pferd durch viele Faktoren beeinflusst wird.

Ich denke, als Pferdemensch ist es unsere Aufgabe, das Miteinander möglichst immer so zu gestalten, dass es unser Pferd nicht nur über sich ergehen lässt, sondern es wirklich etwas Schönes für es darstellt. Herauszufinden, wie unser Pferd das Putzen genießen kann, ist eine tolle Chance, es besser kennen zu lernen und an der Beziehung zu arbeiten.

Da muss es eben durch?

Manch einer wird nun sagen: „Da müssen die durch.“, doch ist das wirklich so? Hat ein Pferd nicht das Recht zu zeigen, wenn ihm etwas unangenehm ist und ist es nicht unsere Aufgabe dafür zu sorgen, dass es das Putzen als etwas Angenehmes empfindet? Ein Pferd kann nicht sagen: „Hey, du tust mir gerade weh.“, sondern es wird entweder versuchen, der Berührung auszuweichen oder sie mit einer Gegenreaktion zu beantworten. Sollte es nicht in unserem Interesse liegen, das, was uns unser Pferd sagen will, zu verstehen, damit wir dem Pferd die Zeit mit uns so schön wie möglich machen können und nicht einfach von ihm zu verlangen, dass es auch das über sich ergehen lässt, was ihm Unbehagen oder gar Schmerzen bereitet? 

Für mich zeigt dieses Beispiel (und es ist nur eines von vielen) wieder einmal auf, dass es ungerecht ist, einfach das Pferd für sein Verhalten zu bestrafen, während wir doch diejenigen sind, die es (oft unbewusst) überhaupt erst in eine unangenehme Situation bringen. Also: Schon mal über’s Putzen nachgedacht?

Pferd putzen

Foto von Horst Streitferdt

1. Mai 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Sonstiges, Umgang, Verhalten 8 Kommentare »

Was will mir mein Pferd sagen?

Leute wie ich werden oft von Menschen gerufen und um Rat gefragt, die konkrete und zum Teil umfassende Probleme mit ihren Pferden haben. Meist suchen sie einen Weg, auf dem sie sich ihrem Pferd besser mitteilen können. Und schon an dieser Stelle muss ich das Bild korrigieren, denn für mich geht es in der Arbeit mit Pferden zunächst nicht darum, was wir Menschen dem Pferd sagen wollen, sondern viel wichtiger finde ich, was sie uns mitteilen wollen

Ein grundsätzlich anderer Zugang, der alles ändert

Dieser Ansatz unterscheidet sich ganz wesentlich vom herkömmlichen Umgang mit Pferden, der ja in der Regel so aussieht: Der Mensch entscheidet, was getan wird und das Pferd soll eben genau das dann tun. Die Skala geht dann von einem liebevoll-freundlichen Miteinander bis hin zu gewaltvollem Durchsetzen des eigenen Willens gegenüber dem Pferd mit allen Abstufungen dazwischen, je nachdem, wie das Pferd auf den Menschenwillen reagiert. 

Viele Mensch-Pferd-Paare finden auf dieser Basis auch durchaus ein mehr oder weniger gut funktionierendes Miteinander, bei dem, zumindest solange keiner dran rüttelt, alles wie gehabt läuft. Rüttelt aber doch mal jemand oder ändern sich die Umstände, dann zeigt sich oft plötzlich, dass das, was so verlässlich erschien, leider brüchiger ist als gedacht. 

  • Laura hat seit sechs Jahren eine Hannoveranerstute, mit der sie dreimal die Woche Dressur in der Halle reitet, an zwei Tagen wird das Pferd longiert und am Wochenende geht’s auch mal ins Gelände. Als sie mit der Stute nach einem langwierigen Hufgeschwür wieder das Training aufnehmen will, klappt gar nichts mehr – das Pferd verweigert die Arbeit in der Bahn genauso wie die an der Longe und im Gelände flippt sie regelrecht aus. 
  • Bodo ist mit seinem Araber-Wallach in einen anderen Stall gezogen. Vorher stand das Pferd nachts in einer Box und kam tagsüber auf einen Paddock. Nun hat Bodo einen gut geführten Laufstall gesucht, um seinem Pferd 24 Stunden Pferdegesellschaft zu bieten. Während sein Wallach im alten Stall schon wieherte, wenn er die Stallgasse betrat, scheint er sich nun kaum noch für seinen Menschen zu interessieren. Bodo hat sogar Schwierigkeiten, ihn einzufangen. 
  • Ulrike pflegt mit ihrem Isländer ein inniges Verhältnis. Als sie einen Mann kennen lernt, der sich auch für Pferde interessiert, beschließt sie, sich ein zweites Pferd zu kaufen, um auch mit ihm ihr Hobby teilen zu können. Von dem Tag an, an dem Ulrike den neu gekauften Tinker zum Stall bringt, verändert sich ihr Isländer und wird vom ruhigen Verlasspferd zu einem fahrigen Nervenbündel.  

Pferde kommunizieren über ihr Verhalten

Pferde können nicht sprechen, sondern sie kommunizieren über ihr Verhalten mit uns. Sie wollen uns natürlich nicht mit allem, was sie tun, etwas sagen (so wichtig sind wir meist gar nicht ;-), aber manches in ihrem Verhalten enthält ganz konkrete Aussagen. Und die müssen wir erkennen, um entscheiden zu können, wie sich auftretende Probleme lösen lassen. 

  • Lauras Stute stand wegen des Hufgeschwürs eine ganze Weile allein und von einem Tag auf den anderen wurde nichts mit ihr gemacht, da sie so stark lahmte. Während sich Laura nach dem Abheilen des Hufgeschwürs nun darauf freut, wieder mit ihrer Stute zu arbeiten, hat sich für diese in der Zwischenzeit die Welt geändert. Die starken Schmerzen haben sie misstrauisch werden lassen und die Isolation hat die Stute ängstlich gemacht. Es ist dem Pferd nicht möglich, so zu sein wie vorher, da sie erst wieder neues Vertrauen entwickeln muss. 
  • Dass Bodos Wallach nicht mehr zu ihm kommt, nimmt Bodo persönlich. Er erkennt nicht, dass sein Pferd durch die neue Situation nun erst einmal andere Prioritäten setzt. Für ihn ist die neue Herde eine große Herausforderung, denn er ist gerade dabei, sich seine Position zu erarbeiten und Freundschaften aufzubauen. Für Bodo hat der Wallach einfach keinen Kopf. 
  • Der sensible Isländer von Ulrike erfährt durch das neue Pferd Veränderungen, die Ulrike nicht bewusst sind. In der Herde ist der Tinker ranghöher und jagt den Isländer gerne weg. Viel von Ulrikes Aufmerksamkeit bekommt nun der Tinker, während sie mit ihrem eigenen Pferd aus Zeitmangel oft nur kurz etwas macht. All das verunsichert den sensiblen Isländer sehr.  

Die aufgeführten Beispiele zeigen, wie komplex das Verhalten unserer Pferde betrachtet werden kann. Wir, die wir meist nur für eine kurze Zeit am Tag zu unseren Pferden kommen, beachten oft weder die Wirkung unseres eigenen (vielleicht veränderten) Verhaltens unserem Pferd gegenüber, noch all die vielen anderen Einflussfaktoren. Wenn wir aber verstehen wollen, was uns unser Pferd sagen will, müssen wir den Blick weiten und mehr als nur das herausgelöste („Fehl-„)Verhalten sehen.

Ganz oft ist die Frage: „Wie kann ich mein Pferd zu XYZ bringen?“ oder „Wie erreiche ich, dass mein Pferd Verhalten XYZ sein lässt?“ der falsche Ansatz, denn wir müssen uns erst einmal fragen, WARUM unser Pferd etwas tut oder nicht mehr tut und was es damit möglicherweise ausdrückt

Keine Frage, hier können wir vieles auch missinterpretieren. Das aber sollte uns nicht davon abhalten, zu versuchen, unser Pferd zu verstehen. Die Alternative, nämlich unerwünschtes Verhalten einfach zu bestrafen oder auf Veränderungen beim Pferd nicht einzugehen, führt häufig zu einer Verschlimmerung der Situation, da die Gründe nicht abgestellt werden. Für mich geht es also viel weniger oft um die Frage „Wie?“ als um das „Warum?“.

Pferdeverhalten

24. April 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Erlernte Hilflosigkeit?

Seit einiger Zeit wird auch in der Pferdewelt immer wieder über „erlernte Hilflosigkeit“ gesprochen. Diese Formulierung stammt von den amerikanischen Psychologen Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier zur Erklärung von Depressionen. Beschrieben wird damit die Tatsache, dass ein Wesen (Mensch oder Tier) sein eigenes Verhalten einschränkt und unangenehme Zustände nicht verändert, obwohl er oder es das von außen betrachtet eigentlich können müsste. Ursache dafür ist die wiederholte Erfahrung von Machtlosigkeit. 

Bezeichnenderweise wurden für dieses Phänomen grausame Versuche an Hunden gemacht, durch die eines deutlich wurde: Wesen, die nichts gegen Leid machen können (also ihm z.B. nicht entfliehen können), geben irgendwann auf und lassen das Leid über sich ergehen.

Und damit kommen wir genau zu dem Punkt, um den es mir hier geht. Für mich ist der Begriff  „erlernte Hilflosigkeit“ sträflich irreführend. Er umschreibt nämlich auf eine viel zu harmlose Weise etwas sehr Schlimmes. 

Tatsache ist:

Hilflosigkeit wird
viel mehr erzeugt als erlernt.

Und verantwortlich dafür sind sehr oft wir Menschen. Überlegen wir doch einmal selbstkritisch und ehrlich, in wie vielen Situationen Pferde durch Menschen in eine hilflose Position gebracht werden. Mir fallen sehr, sehr viele ein…  

Hilflosigkeit ist eine schlimme Erfahrung

Hilflosigkeit, das wissen wir alle,  ist ein Zustand, der ausgesprochen unangenehm ist und das gilt ganz besonders für ein instinktiv reagierendes Wesen wie das Fluchttier Pferd.

Versetzt man ein Wesen immer wieder in diesen Zustand, dann lernt es Ohnmacht und reagiert mit (Selbst-)Aufgabe, es reagiert immer weniger um seine Situation zu verbessern, sondern es erträgt, was mit ihm gemacht wird. 

Was diese eh schon traurige Tatsache dann noch furchtbarer macht, ist dass dieses Nicht-Reagieren gerade in der Pferdewelt dann auch oft noch so interpretiert wird, dass das, was der Mensch macht, ja nicht so schlimm sein kann, weil sich das Pferd doch sonst wehren würde und weil die untereinander ja auch nicht zimperlich sind oder weil das Pferd einfach so „stur“ und „bockig“ ist… 

Ursachen von Hilflosigkeit

Die Ursachen für ein Gefühl von Hilflosigkeit bei Pferden können vielfältig sein und es sind so gut wie immer wir Menschen, die wir ein Pferd in diesen Zustand bringen, z.B. durch Folgendes:

  • Wir Menschen überfordern Pferde mit Anforderungen oder unklaren Zeichen und bestrafen sie dann durch aggressives Verhalten (Anbrüllen, Schlagen, andere körperliche Strafen) für unerwünschtes Verhalten, was das Pferd aber nicht verstehen und umsetzen kann. Es weiß oft nicht, wofür es bestraft wird und es hat keine Chance, herauszufinden, was der Mensch will oder nicht will —> die meisten Pferde resignieren dann irgendwann. 
  • Mit Hilfsmitteln wie scharfen Gebissen, Sporen, Hilfszügel & Co sorgen wir Menschen dafür, seine Einwirkung um ein Vielfaches erhöhen und damit enorm viel Kraft und Schmerzen ausüben zu können; je mehr sich das Pferd wehrt, desto stärker erfolgt der Einsatz –> irgendwann erlischt die Gegenwehr bei den meisten Pferden.  
  • Pferde werden oft systematisch auf eine Weise geritten, die sie in eine hilflose Postion bringt (Stichwort „Rollkur“ und vergleichbare Trainingsmethoden) –> sie resignieren irgendwann vollständig.
  • Nicht passendes Zubehör oder falsche Einwirkung von „Hilfen“ sorgen für dauerhafte Schmerzen, denen das Pferd nicht entkommen kann —> die meisten Pferde ertragen es irgendwann nur noch.
  • Das Pferd empfindet Angst, aber statt dass der Stressfaktor reduziert wird, wird das Pferd auch noch für sein Verhalten (Scheuen, Tänzeln etc.) bestraft oder der Stressreiz wird mit dem Ziel der Desensibilisierung erhöht, bis das Pferd versteht, dass es keine Angst haben muss —> tatsächlich gibt es aber nur auf.
  • Die Haltung des Pferdes ist nicht artgerecht: zu wenig Bewegung, keine Sozialkontakte, zu wenig Futter usw.) —> das Pferd verkümmert und gibt innerlich auf. 
  • Und anderes mehr. 

Ein hilfloses Pferd ist immer ein Pferd in Not

Um es ganz deutlich zu sagen: Ein hilfloses Pferd ist in den meisten Fällen (wenn wir nicht gerade von Unfällen o.ä. sprechen) ein Pferd, das nicht pferdegerecht, sondern falsch und schlecht behandelt wurde. Es lernt in diesem Fall nichts, sondern es wird durch das Fehlverhalten des Menschen in eine Notsituation gebracht – sei es, dass er es nicht besser weiß oder nicht anders kann oder auch noch der Meinung ist, dass er sich richtig verhält. 

Lernen muss in all diesen Fällen wir Menschen, denn für den Zustand der Hilflosigkeit gibt es immer Ursachen, die nicht das Pferd lösen kann, sondern nur wir. Nur, wenn wir bereit sind, unseren eigenen Teil in dem Ursache-Wirkung-Kreis zu erkennen, können wir unser Verhalten verändern und Pferde nicht immer wieder hilflos zu machen. 

 

Erlernte Hilflosigkeit

Zum Weiterlesen: 

17. April 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Praxistest Holzpellets – Alternative Einstreu für Huster

Eine für einen Huster geeignete Einstreu zu finden, ist gar nicht so einfach. Aber nach einigem Herumprobieren bin ich nun auf Holzpellets gestoßen. 

Erst konnte ich mir gar nichts darunter vorstellen, denn Holzpellets kannte ich bisher nur zum Heizen. Aber auf einen Tipp hin recherchierte ich ein bisschen und fand viel versprechende Berichte. Also probierten wir es aus. 

Die Holzpellets gibt es in 14-Liter-Säcken. Damit aus den kleinen harten Pellets eine gemütliche Einstreu wird, muss man sie wässern und wenn ich „wässern“ schreibe, meine ich das so. Es reicht nicht, mal eben eine große Kanne Wasser auf einen Sack zu gießen, sondern ich habe für die Ersterstellung der Ersteinstreu an die 100 Liter Wasser darauf gekippt! 

Holzpellets als Einstreu

Hier sieht man, wie die Pellets noch fast im Erstzustand sind, nur in der Mitte quellen sie schon ein bisschen auf. 

Holzpellets als Einstreu

Ich habe die Pellets zunächst in den Säcken nass gemacht, da sich das Wasser da besser hält und sie leichter quellen. Hier sieht man schon, wie viel mehr Fülle sie bekommen: 

Holzpellets als Einstreu

Dann ohne die Verpackung: 

Holzpellets als Einstreu

Und so sieht die Sache bezugsfertig aus: 

Holzpellets als Einstreu

Solange sie noch so aussehen, ist noch zu wenig Wasser dazugegeben worden: 

Holzpellets als Einstreu

So ist es gut: 

Holzpellets als Einstreu

Hier schaut sich Anthony die Sache zum ersten Mal an: 

Holzpellets als Einstreu

Prüft das Ganze… 

Holzpellets als Einstreu

… und befindet es für gut 🙂

Holzpellets als Einstreu

Am nächsten Tag sah die Box so aus – und nein, so ordentlich ist er nicht immer, inzwischen äppelt er auch rein, da man das wirklich nicht fressen kann 🙂

Holzpellets als Einstreu

Fazit nach einigen Wochen

Für mich ist faszinierend, dass bei dieser Einstreu kein Geruch entsteht. Es duftet gleichbleibend leicht nach Holz, aber nicht nach Urin. Die Pellets sind sehr saugfähig und die Box ist leicht zu misten. Von der Pinkel-Stelle nehmen wir immer ein bisschen was von dem Nassen heraus, aber es bildet sich ingesamt eine trittfeste Matratze. Hin und wieder müssen mal ein, zwei Säcke nach gefüllt werden. Ich empfinde den Verbrauch als recht sparsam und im Vergleich zu anderen Späne-Varianten ist sie meiner Einschätzung nach günstiger. Und das Beste: Sie wirkte sich bei uns sehr schnell deutlich positiv auf den Husten aus. 

Kleiner Minuspunkt: Zweistellige Minusgrade über mehrere Tage bringen die Einstreu an ihre Grenzen, denn dann ist das Wässern natürlich schwer bis unmöglich und die Einstreu wird staubig. Damit ist abzusehen, dass es im Hochsommer sicher nötig werden wird, die Einstreu öfter nachzuwässern, aber da ist der Einsatz von Wasser ja unproblematischer. 

Nach etlichen Wochen Einsatz kann ich sagen, dass das bisher die beste Einstreu ist, die ich bisher hatte. Holzpellets für Pferde gibt es von verschiedenen Anbietern, bei Interesse einfach mal im Netz danach recherchieren. 

10. April 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Gesundheit, Haltung 6 Kommentare »

Trauer und Tod dürfen keine Tabu-Themen sein

Am 31.3.18 jährte sich der Tod meines Pferdes Aramis zum ersten Mal. Ein Jahr ohne ihn liegt hinter mir. 

So ein Trauerjahr ist lang und kurz zugleich. Wenn wir trauern, fallen wir ein Stück weit aus der Zeit. Die Erde dreht sich weiter, während wir sehr viel Zeit brauchen, erst um überhaupt zu begreifen, dann um damit leben zu lernen. Dabei ist Trauer ein Wandelwesen. Es gibt viele verschiedene Stadien von Trauer. Trauer kann die Hölle sein und auch Glückseligkeit und alle Stufen dazwischen. Und Trauer kann leider auch einsam machen, dann, wenn Trauer zu einem Tabu-Thema wird. 

Immer noch da

Was mir in meiner Trauer am meisten hilft, ist dass Aramis für mich noch immer da ist. Fühlbar da. Seine Präsenz, vielleicht auch seine Essenz. Er begleitet und trägt mich noch immer. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke und das ist keineswegs nur schmerzlich, sondern oft wunderschön.  

Vielen Menschen fällt es schwer, mit Trauer und vor allem auch mit Trauernden umzugehen. Nicht nur die Unsicherheit darüber, wie man sich verhalten soll, ist groß, sondern hinzu kommen eigene Berührungsängste mit den Themen „Tod“ und „Verlust“. Die betretenen Mienen kennt sicher jeder, der auch nach der akuten Phase noch über das verstorbene Wesen reden möchte, und das ungute Gefühl, dass das Thema, ja, sogar der Name nach und nach auf eine merkwürdige Art tabu wird…  

Der Tod meines Pferdes ist kein Tabu-Thema für mich, ganz im Gegenteil. Sein Tod ist genauso Teil meines Lebens wie es sein Dasein war. So wie ich mit ihm lebte, lebe ich nun ohne ihn weiter, aber deshalb verdränge ich ihn nicht und vergessen tue ich ihn schon gar nicht. 

Auch wenn es stimmt, dass Trauer ein individueller Prozess ist, so sollte, denke ich, keiner ganz allein sein müssen damit. Für viele ist es sehr heilsam, nicht nur über den Verlust reden zu können, sondern vor allem auch über die schönen Erinnerungen – und das eben nicht nur für einige Wochen, sondern auch noch viel, viel später. 

Ich bin sehr dankbar, dass es um mich herum Menschen gibt, die meine Trauer einfach genau so sein lassen können, wie sie ist. Ich kann kleine Anekdoten erzählen und von den vielen, wundervollen Erlebnissen berichten. Ich kann Aramis in einem Nebensatz erwähnen oder auch einfach nur die Tränen laufen lassen, wenn er mir gerade besonders doll fehlt oder auch besonders nah ist. Meine Trauer darf sein und muss nicht verändert oder versteckt werden. Das ist sehr kostbar.

Feiern, was war

Aktive Trauer ist bei weitem nicht nur Schmerz, sondern ja, sie kann auch ein Fest sein. Indem ich an Aramis denke und über ihn rede, feiere ich das, was wir hatten, denn das kann mir keiner nehmen. Das ist, was bleibt.

Aramis
 

3. April 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Sonstiges 3 Kommentare »

Fragen zum Longenkurs: Wie lange und wie oft?

Heute gebe ich Antworten auf zwei Grundsatzfragen zum Longenkurs:

  • Wie lange soll eine Trainingseinheit dauern?
  • Wie oft sollte man an der Longe arbeiten?

Meine Antwort:

Die Dauer der Einheiten richtet sich nach verschiedenen Faktoren, wie zum Beispiel dem Alter und Trainingszustand des Pferdes. Bei einem jungen Pferd reichen 15 min. Bei einem Pferd, das erst langsam wieder ins Training genommen wird, arbeiten wir die meiste Zeit im Schritt und steigern das Training langsam.

30 Minuten sind eine grobe Richtlinie für ein Pferd, welches das 3. Lebensjahr erreicht hat oder älter ist. Dabei darf die Einheit an sich aber auch länger sein. Die 30 min sind dann die Arbeitszeit und was noch hinzuzurechnen ist, ist die Zeit, die wir uns nehmen sollten, um eventuell verspannte Muskeln zu massieren, passende Dehnübungen durchzuführen oder einfach nur mit dem Pferd zusammen zu sein und Qualitätszeit zu genießen, also z.B. in der Bahn zu stehen und das Pferd an seiner Lieblingsstelle zu kraulen oder einfach ohne Anforderung mit dem Pferd über den Platz zu spazieren. Diese Pausen sollte man regelmäßig in die Arbeit einstreuen.

Hier einmal ein Beispiel für die Gestaltung einer Longeneinheit:

  • 10-15 min wärmen wir das Pferd im ruhigen Tempo auf ( z.B. mit Führen in Stellung, Seitengängen, Anschraten, auf Distanz im Schritt und langsamen Trab auf kurzer Distanz von ca. 2-3 Metern Bahnfiguren wandern)
  • 5 Minuten Massage/Wellness/Dehnungen/Beziehungspflege
  • 5-10 Min. schwungvolles Vorwärts mit aktiver Hinterhand, Trab-Galoppübergänge, Zirkel verschieben, ganze Bahn mit großer Longendistanz, an der langen Seite zulegen lassen, Fokus auf Lauffreude, wach machen, gemeinsam Spaß haben.
  • 5 Minuten Massage/Wellness/Dehnungen/Beziehungspflege
  • 5-10 Minuten gymnastizierende Übungen an der Hand, alternativ für fortgeschrittene Pferde Seitengänge longiert im Wechsel mit Slalom, Volten –  Schwerpunkt auf Biegung und Lastaufnahme der Hinterhand.
  • 5 Minuten Aktivierung der Hinterhand, Galopp
  • 5-10 Minuten Cool-down-Phase im ruhigen Tempo, Dehnen, Massage

In diesem Beispiel wäre man mit dem Pferd 45-50 Minuten auf dem Platz, das Pferd würde aber „nur“ ca. 30-35 Min. arbeiten, davon max. 15 Minuten im höheren Tempo, der Rest in ruhiger Manier.

Zur Häufigkeit der Einheiten

Für mich gilt der Leitsatz: „Der Muskel wächst am Ruhetag“. Wir sollten also im Training die Anforderungen an das Pferd möglichst nicht an aufeinanderfolgenden Tagen gleich halten. Deswegen longiere ich die Pferde auch nicht täglich, abgesehen davon, dass dem Pferd dann sehr wahrscheinlich die Longenarbeit auch bald fad wird und es nicht mehr motiviert sein wird. Nehmen Sie Ihr Pferd also lieber maximal jeden 2. Tag an die Longe und nutzen Sie die Tage dazwischen, die Zeit mit Ihrem Pferd“anders“ zu verbringen, sei es mit einem schönen Ausritt oder Spaziergängen, mit Clickertraining, mit Bodenarbeit zur Verbesserung der Kommunikation, für ein bisschen Freispringen oder auch für das Training unter dem Sattel …

Hat Ihr Pferd an der Longe bereits eine gute Laufmanier entwickelt und steht es körperlich gut da, „muss“ man theoretisch nicht longieren. Ich empfehle das Longieren aber auch bei gut trainierten Pferden mindestens 1 x  die Woche, um den guten Zustand des Pferdes zu halten. Und ganz grundsätzlich kann das Training an der Longe für Abwechslung sorgen und das Pferd wieder lockern, sollte es nötig sein.

Ansonsten gilt: Sie können so oft an der Longe arbeiten, wie es Ihrem Pferd und Ihnen Spaß bereitet und es Ihrem Pferd gut tut.

27. März 2018 von Babette Teschen • Kategorie: Longieren 0 Kommentare »

Sie merken es eh…

Immer wieder kann man solche  Tipps lesen und hören:

  • „Du musst souverän sein, damit Dein Pferd Dich akzeptiert!“
  • „Du darfst keine Angst haben, Dein Pferd muss sich sicher bei Dir fühlen können.“
  • „Es ist wichtig, dass Du Gelassenheit ausstrahlst, wenn Dein Pferd nervös ist.“
  • „Lass Dir den Stress, den Du sonst hast, nicht anmerken.“
  • „Werde niemals wütend oder ungeduldig mit Deinem Pferd!“

Klingen alle gut und richtig, das Problem ist nur: sie funktionieren in der Regel nicht, weil wir damit gegen die Wirklichkeit ankämpfen, also gegen das was ist und gegen uns selbst. 

Und, mehr noch: Pferde merken eh alles.

Wir können einem Pferd Souveränität nicht vorspielen, genauso wenig wie wir uns gelassen geben können, wenn wir es nicht sind und unseren Stress können wir auch nicht verbergen. Pferde merken unsere Sorgen genauso wie unsere Ängste, sie spüren unsere Nervosität, unseren Frust und unsere Traurigkeit und sie spüren, wenn wir unzufrieden sind oder wütend oder aggressiv. 

Beispiel „Angst“

Ein sehr typisches Beispiel aus meinen Coachings ist das Thema „Angst“. Ich werde oft gerufen, weil der Mensch seine Angst besiegen will. Statt dann aber etwas gegen die Angst zu tun, gebe ich ihr erst einmal Raum. Angst, wie jedes Gefühl, hat Gründe und bevor wir uns nicht wenigstens ein Stück weit mit diesen Gründen befassen, können wir das Problem nicht lösen.

Wer Angst vor seinem Pferd hat, überfordert sich sehr oft selbst und verlangt von sich etwas, zu dem er eigentlich nicht bereit ist. Das zu erkennen und sich zu erlauben, eben im Moment zum Beispiel nicht zu galoppieren oder eben nicht auszureiten und statt dessen etwas zu tun, was sich gut und sicher anfühlt, schenkt Erleichterung und die Chance, Gutes zu erleben.

Wir sind so sehr darauf geeicht, ständig „an uns zu arbeiten“, dass wir ein Stück weit verlernt haben, auch Mitgefühl mit uns zu entwickeln. Keine Frage, Angst ist kein schönes Gefühl und der Impuls, sie einfach weghaben zu wollen, ist verständlich, aber nicht hilfreich. Sich selbst mit seiner Angst wirklich wahr- und ernstzunehmen, bedeutet, sich sich selbst zuzuwenden und für sich da zu sein. Gerade bei der Angst macht es Sinn, sich ernst zunehmen, denn Angst will uns vor etwas schützen. Im Kontakt mit der Angst können wir überhaupt erst unseren ganz eigenen Weg zu mehr Sicherheit und Selbstvertrauen finden; sie einfach überwinden zu wollen, sorgt in der Regel für ein Mehr an Angst. 

Mit unseren Gefühlen arbeiten und nicht gegen sie

Und das gilt für so ziemlich jedes Gefühl! Stress lässt sich genauso wenig wegwünschen wie Angst, Wut genauso wenig wie Ehrgeiz oder Ungeduld.

Für mich gilt für jedes „Problem“, das wir Menschen an uns weghaben wollen, dass wir es erst einmal wirklich wahrnehmen und so gut wie möglich verstehen sollten, damit wir dann damit und nicht dagegen arbeiten können. 

… und das gemeinsam mit dem Pferd!

Wenn wir dazu bereit sind, dann gewinnen wir in unserem Pferd fast immer einen echten Partner und Coach.

Je ehrlicher wir mit uns selbst sind, desto authentischer wird uns unser Pferd wahrnehmen und desto leichter wird es ihm fallen, den Prozess auf eine gute Art mitzugestalten. Pferde haben grundsätzlich kein Interesse daran, Stress zu erhöhen oder Angst zu verstärken. Sie wollen uns nicht ärgern oder noch unzufriedener machen, sondern viele von ihnen sind bestrebt, die Situation zu verbessern oder sie zumindest nicht noch zu verschlechtern. Nur oft senden wir so viele verschiedene Signale und sind in unserem Verhalten oft so unwirsch oder auch unfair, dass Pferde gar keine Chance haben, auf das eigentliche Problem zu reagieren.

Wir können nicht nur nichts vor Pferden verstecken, wir sollten es auch gar nicht versuchen, denn die auf diese Weise verzerrten, übertünchten und oft widersprüchlichen Signale sind es, die Pferden das Miteinander mit uns so schwer machen. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wenn wir uns hingegen ehrlich so zeigen, wie wir sind, Pferde oft auf eine ganz wundervolle und manchmal unerwartete Weise reagieren – dann können sie trösten oder aufmuntern, sie können mutig werden und uns Sicherheit schenken, sie können stark werden und über sich selbst hinauswachsen und vieles mehr. Vor allem aber wird dann überhaupt erst ein echtes Miteinander möglich.

Pferd

Foto von Horst Streitferdt

20. März 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 14 Kommentare »

Missverstandenes Anti-Scheu-Training

Sehr viele Konflikte zwischen Mensch und Pferd beruhen meiner Erfahrung nach auf der Tatsache, dass Pferde leider noch immer zum Teil von Grund auf missverstandene Wesen sind. Viele Interpretationen von Pferdeverhalten und aus diesen Interpretationen entwickelte Ausbildungsansätze oder Methoden stammen aus der menschlichen Erfahrenswelt und übersehen dabei oft gründlich das Wesen Pferd. Das führt zu viel Leid und Not. 

Missverstandenes Anti-Scheu-Training

Gerade am eigentlich so gut gemeinten „Anti-Scheu-Training“ lässt sich leider sehr anschaulich zeigen, wie doll Pferde oft missverstanden werden und wie viel leichter wir es ihnen machen könnten.

Beim Anti-Scheu-Training gehen viele von folgender Grundannahme aus: Das Pferd soll lernen, den Menschen so zu vertrauen, dass es auch bei Angst ruhig stehen bleibt. Also wird es so lange mit einem gruseligen Gegenstand konfrontiert und oft auch berührt, bis es still hält. Dann wird der Gegenstand entfernt, wodurch, so nehmen viele an, das Pferd lernt, dass wenn es still stehen bleibt, die unangenehmen Dinge verschwinden. 

Schauen wir aber einmal genauer hin. 

Die Natur eines Fluchttieres ist die Flucht

Es gibt zwei Faktoren, die wir hier beachten müssen: 

Bei einem Fluchttier ist es sozusagen sein „Job“ bei angstauslösenden Dingen mit einem Scheuen zu reagieren. Das ist genetisch eingebaut und gehört zum Pferd dazu. Es dafür zu schelten oder gar zu strafen, ist keine pferdegerechte Reaktion und wird die Angst des Tieres immer eher verstärken, und ein unbedingtes Stillstehen von ihnen zu erwarten, geht komplett gegen seine Natur.

Kein Pferd erschrickt oder scheut, um den Menschen zu ärgern oder weil es nicht vertraut, sondern weil es zunächst nicht anders kann. „Zunächst“ deshalb, weil dem Fluchtreflex andere natürliche Regungen ein Stück weit entgegenwirken können. Pferde sind nämlich von Natur aus auch neugierige und interessierte Wesen, weshalb sich fast alle Pferde nach dem ersten Scheuen umdrehen und schauen, was da eigentlich genau ist. 

Die Angst eines Pferdes sehen wir Menschen als Defizit, also etwas das nervig, unangenehm oder auch gefährlich sein kann, weshalb wir daran arbeiten wollen, dass das Pferd weniger Angst hat. Das ist auch sehr sinnvoll, aber wir sollten dafür auf die uns natürlicherweise zur Verfügung stehende Ressource der Neugier setzen, anstatt das Pferd „abhärten“ zu wollen.

Das Märchen von der Desensibilisierung

Immer wieder heißt es, dass Pferde „desensibilisiert“ werden müssen, indem man sie angstauslösenden Reizen aussetzt. Sie würden sich dann irgendwann daran gewöhnen. Das stimmt so aber einfach nicht.

Desensibilisierung funktioniert in den allerwenigsten Fällen, sondern führt fast immer zu einer Überreizung und damit zu mehr Stress = mehr Angst. Pferde lernen, dass sie angstauslösenden Situationen ohnmächtig ausgeliefert sind und dass Menschen ihnen nicht helfen, sondern im Gegenteil: dass sie durch Menschen in diese Situation kommen. Viele von ihnen lernen weiterhin, dass sie bestraft werden, wenn sie ihre Angst zeigen. 

Irgendwann geben die meisten Pferde tatsächlich auf und halten dann mehr oder weniger still. Damit machen sie aber eben NICHT die Erfahrung, dass sie aktiv etwas tun können, um mit Angst umzugehen, und auch nicht, dass erst bedrohlich wirkende Dinge interessant und lustig sein können. Im Gegenteil, sie erfahren, dass sie NICHTS tun können und dürfen. Was hier passiert ist, dass Pferde gebrochen werden und sie geraten in das, was man „erlernte Hilflosigkeit“ nennt. 

Tierschutzrelevante Trainingsansätze

Ein Pferd gezielt in eine aus seiner Sicht bedrohliche Situation zu bringen und das Pferd vorsätzlich zu zwingen, Nervosität und Angst auszuhalten oder gar zu verstärken, bedeutet für ein Pferd Leid und Qual. So etwas darf aus meiner Sicht nur in Notsituationen von einem Pferd gefordert werden, also in solchen Situationen, in denen es nicht anders geht, weil sonst Mensch und Tier in Gefahr geraten würden – aber das darf keinesfalls als Trainingsgrundlage gesehen werden!

Ansätze, die das so genannte Aussacken systematisch nutzen, sind für mich eh eindeutig tierschutzrelevant, da sie jedes Verständnis für das Wesen Pferd missen lassen. Aber auch die abgeschwächten, diversen Abhärtungsversuche, die herkömmlicherweise beim Anti-Scheu-Training erfolgen, sind für mich mehr als fragwürdig. Und vor allem meiner Erfahrung nach nicht zielführend!

Echte Vertrauensarbeit

Viel sinnvoller ist es, dem Pferd die Chance zu geben, in seinem eigenen Tempo Selbstbewusstsein und Mut zu entwickeln und seine natürlich Neugier zu aktivieren. Und das ist viel einfacher als die meisten annehmen und es führt zu echtem Vertrauen, nicht zu hilflosem Aufgeben. 

Vertrauen schafft niemals Abhängigkeit, sondern im Gegenteil: es schafft Unabhängigkeit.

Und das ist auch gut für uns Menschen, denn ein Pferd, das Selbstvertrauen gewinnt und vor allem Selbstsicherheit, ist ein Pferd, das auch mit neuen Situationen immer besser umgehen wird, als eines, das nur gelernt hat, auszuhalten, denn so ein Aushalten ist ja immer abhängig vom Grad der Intensität… 

Und so geht es pferdegerecht

Jedes Anti-Scheu-Training sollte immer den Fokus darauf legen, ein Pferd nicht zu überfordern oder in Not zu bringen. Stress und Angst sollten unbedingt vermieden werden und statt dessen mit viel Geduld, Zeit und Einfühlungsvermögen für gute Erfahrungen und das Wecken von Neugier gesorgt werden. 

Grundsätzlich haben sich meiner Erfahrung nach in für das Pferd bedrohlichen Situationen diese Schritte bewährt:

  1. Es ist unser Job, immer vorausschauend zu handeln und potentielle Angstfaktoren zu erkennen, wenn möglich vor dem Pferd, damit wir unser Verhalten auf das jeweilige Pferd abstimmen können. 
  2. Erschreckt sich ein Pferd, scheut es oder zeigt auf eine andere Weise Angst, dann dürfen wir es dafür nicht rügen, anbrüllen oder bestrafen, denn damit verstärken wir den Stress. Wir sollten selbst so ruhig wie möglich bleiben und dem Pferd vermitteln, dass wir die Sache auch sehen und erkennen, sie aber selbst nicht für gefährlich halten. 
  3. Dann ist immer im Einzelfall zu entscheiden, ob wir eine Situation, die unserem Pferd Angst macht, vermeiden wollen, also z.B. erst einmal weg von der bedrohlichen Situation zu gehen, oder ob wir uns annähern wollen und dem Pferd dann vermitteln können, dass wir auf es aufpassen. In manchen Fällen ist es besser, das Pferd nicht zu konfrontieren, sondern sich die Sache in Ruhe gemeinsam zu erarbeiten. Das immer wieder angeführte Argument, dass ein Pferd „dann gewinnt“, zeigt einmal mehr, wie wenig Pferde verstanden werden, denn ein ängstliches Pferd versucht nicht, „zu gewinnen“, es hat schlicht und einfach Angst. 

Bedrohliches erkunden lassen

Ein Pferd sollte also nie aktiv mit beängstigenden Objekten, wie zum Beispiel einer Plastikplane, einem Regenschirm o.ä. konfrontiert und so lange damit belästigt werden, bis es die Sache erträgt, sondern es soll die Möglichkeit haben, sich den Sachen von sich aus zu nähern und sie zu erkunden. Deshalb ist das Anti-Scheu-Training möglichst immer auf einem sicher eingezäunten Platz durchzuführen, auf dem wir das Pferd frei laufen lassen können und nicht am Strick halten müssen. Wir können dann beispielsweise die Plastikplane zunächst ganz klein und überschaubar zusammengefaltet weit weg vom Pferd auf den Boden legen. Am besten schon gleich ein Stück Möhre darauflegen und eine darin verstecken. Dann warten wir zunächst einfach ab und lassen das Pferd entscheiden.

Die meisten Pferde werden sich nach kurzer Zeit für das Objekt interessieren und hingehen. Manch eines forscher, manch eines braucht länger. Wir können dem Pferd gut zureden und es ermuntern, aber bitte nicht aktiv hinführen oder doch noch den Gegenstand zum Pferd holen. Der Impuls zur Auseinandersetzung soll immer vom Pferd ausgehen! 

Sollte ein Pferd so viel Angst haben, dass es überhaupt keinen Impuls zeigt, sich mit dem Gegenstand zu befassen, kann man selbst ein bisschen etwas damit tun, also es „beschnuppern“, mit dem Fuß berühren usw. Jedes Hinschauen können wir bereits freudig loben. Oft ist es gut, den Gegenstand ruhig noch weiter wegzulegen oder mit etwas zu beginnen, vor dem dieses Pferd keine Angst hat, damit es die Erfahrung machen kann, dass es eine tolle Sache ist, sich mit Dingen zu befassen. 

Das Ziel ist (Selbst-)Vertrauen

Durch diese Vorgehensweise entsteht das, was ich beim Anti-Scheu-Training anpeile: echtes (Selbst-)Vertrauen.

Ein Pferd mit (Selbst-)Vertrauen ist Neuem gegenüber viel aufgeschlossener als eines, das nur gelernt hat, Stressfaktoren zu ertragen. Pferde, die durch ein Anti-Scheu-Training innerlich wachsen konnten, sind verlässlicher auch in vollkommen neuen Situationen und die Chance, dass sie sich in wirklich brenzligen Situationen vom Menschen beruhigen lassen, ist deutlich größer. Mehr zu diesem Thema bietet auch unser Anti-Angst-Kurs.

Foto von Horst Streitferdt

13. März 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 6 Kommentare »

Fragen zum Longenkurs – Probleme beim Führen in Stellung

Heute mal wieder eine häufig gestellte Frage zum Longenkurs und meine Antwort mit Lösungsideen zu dem Problem:

Frage: Was mache ich, wenn das Führen in Stellung nur mit der Hand auf der Nase nicht aber mit Abstand klappt?

Ich arbeite seit einiger Zeit nach dem Longenkurs an Führen in Stellung. Soweit scheint es ganz gut zu gehen. Aber sobald ich versuche, etwas Abstand zu meiner Stute zu nehmen, fällt sie aus der Stellung heraus, also immer dann, wenn ich den Kontakt zum Kappzaum verliere. Sollte ich es erst mal dabei lassen und weiter am Kappzaum führen? Wie lange sollte man innerhalb einer Einheit machen? Das Führen in Stellung ist ja die Grundlage von allen weiterführenden Übungen, kann ich, auch wenn das noch nicht gut klappt, dennoch andere Übungen machen?  Allerdings können wir ja auch nicht eine halbe Stunde nur Führen in Stellung machen, oder? Die Stresspunkte habe ich auch schon massiert. Die hohle Seite geht natürlich besser als die händige Seite.
Wie soll ich weiter vorgehen. Was sollte ich ändern?

Meine Antwort:

Das Führen in Stellung ist eine Übung, die folgende Frage an das Pferd stellt: „Kannst Du Dich auf einen leichten, lockenden Impuls am Kappzaum im Genick stellen?“ Wir möchten mit ihr dem Pferd die Hilfe der Longe erklären und überprüfen, ob das Pferd im Genick locker ist und sich stellen kann. Dann versuchen wir die gleiche Frage auf Distanz zu stellen, indem wir an der Longe sanft lockende Impulse geben und beobachten, ob unser Pferd im Genick ebenfalls richtig reagiert. Bekommen wir auf Distanz noch keine Antwort wissen wir, dass das Pferd die „Brücke“ noch nicht verstanden hat. Wir müssen diese Erklärung für das Pferd noch mal wiederholen, was aber nicht in derselben Einheit passieren muss! 

Eine wichtige Grundregel bei meiner Arbeit mit dem Pferd lautet immer:

„Arbeite Dein Pferd so, dass es motiviert und
 im „Ja“ bleibt und durch das, was Du mit ihm tust,
nicht genervt und unleidlich werden muss.“

Aus dieser Grundregel folgt, dass man keine Übung zu lange und ausschließlich machen darf. Und nein, keine Übung muss erst perfekt sein, bevor ich andere Übungen mache. Die gute Laufmanier setzt sich ja aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Stellung und Biegung ist ein wichtiger Baustein, aber ebenso wichtig sind Takt, eine aktive Hinterhand, Balance usw.

In der Regel mache ich das Führen in Stellung auf jeder Hand für ein, zwei Zirkel und wechsele dann in eine der vielen anderen Übungen, die wir im Longenkurs beschreiben, auch wenn das Führen in Stellung noch nicht perfekt ist. So würde ich als nächstes vielleicht das Pferd etwas in der Quadratvolte longieren und dabei üben, den Zirkel zu vergrößern (also das Pferd hinter die Quadratvolte zu dirigieren und nach zwei, drei Runden den Zirkel zu verkleinern und mein Pferd wieder in die Quadratvolte zurückzuholen) oder ich gehe mit dem Pferd ganze Bahn und achte dabei auf fleißige, raumgreifende Bewegungen in einem gleichmäßigen Takt.  Oder ich longiere den Slalom, um an unserer gemeinsamen Kommunikation über die Körpersprache zu arbeiten. Auch würde ich mit dem Pferd schon das langsame Antraben in entspannter Haltung üben (das so genannte Anschraten) und schauen, ob mein Pferd schon ein paar Schritte Konterschulterherein gehen kann. 

Jede Übung dauert bei meiner Arbeit immer nur einige, wenige Minuten und jede Übung legt den Schwerpunkt auf einen anderen Baustein der Laufmanier, in der Hoffnung, dass sich das Puzzle „Gutes Laufen auf einer Kreisbahn“ immer weiter zusammensetzt.

Wichtig ist, dabei immer die Psyche des Pferdes, im Blick zu behalten und zu schauen, was dem Pferd leicht fällt, was ihm Spaß macht, um den Hauptteil der Zeit in diesem positiven Bereich zu arbeiten. Von da aus arbeiten wir uns immer mal kurz an die Themen heran, die noch schwierig sind und bei denen das Pferd noch Probleme zeigt. 

Es geht also nie darum, erst einmal nur bei der Übung „Führen in Stellung“ zu bleiben, sondern das Pferd soll abwechslungsreich und vor allem flexibel gearbeitet werden, damit es nach und nach mit Freude und Spaß an der Sache alle Hilfen und die Körpersprache sowie die korrekten Bausteine der guten Laufmanier erlernt.

27. Februar 2018 von Babette Teschen • Kategorie: Arbeit an der Hand, Longieren 1 Kommentar »

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