Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 13: Dann mal ganz praktisch gefragt

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Nachdem ich mit den großen Fragen bei Monty nicht wirklich weitergekommen bin, beschließe ich, dann wenigstens all die vielen kleinen zu stellen, die ich so habe. Endlich kann ich herausfinden, was mein Pferd mag und was nicht, was ich richtig mache und was falsch und was ich alles ändern kann, damit es ihm gut geht.

Theoretisch.

Denn praktisch sieht es so aus, dass ich eigentlich immer nur dieselbe, nicht wirklich hilfreiche Antwort bekomme:

„Sag mal, Monty, drückt eigentlich der Sattel irgendwo?“

„Der Sattel ist okay.“

„Ist er nur okay oder sitzt er wirklich gut? Du kannst mir das ruhig sagen. Wir können ihn umpolstern lassen. Oder wir suchen einen anderen, wenn der nicht gut ist.“

„Der Sattel ist okay.“

„Hm, ist dir denn die Satteldecke angenehm? Es gibt auch solche Polster, die man unterlegen kann, vielleicht wäre so etwas gut?

„Die Decke ist okay.“

„Hm, aber du sagst, wenn was drückt, ja? Und … , magst du dein Gebiss eigentlich oder willst du lieber ohne geritten werden? Oder mit einem anderen?“

„Es ist okay mit dem Gebiss.“

„Aber wäre es besser ohne?“

„Es ist in okay mit Gebiss.“

„Sitze ich denn eigentlich gut genug oder ist das für dich unangenehm, wenn ich dich reite?“

„Es ist okay, wie Sie sitzen.“

„Ich denke, ich bin etwas schief und komme auch hin und wieder ganz schön aus dem Gleichgewicht. Aber, ich arbeite dran, das verspreche ich.“

„Es ist okay so.“

„Monty, ist diese Bürste besser oder diese hier?“

„Die Bürsten sind okay.“

„Aber, wenn du dir eine aussuchen könntest?“

„Sie sind beide okay.“

„Monty, gehst du lieber Trab oder Galopp?“

„Ist beides okay.“

„Wir können gerne mehr von dem machen, was dir besser gefällt. Galopp ist sicher anstrengend, oder?“

„Ist beides okay.“

„Monty, …“

Da unterbricht mich mein Pferd: „Sagen Sie mal, hört das auch mal wieder auf?“

„Was denn, Monty?“

„Na, dass Sie so viele Fragen stellen.“

„Aber ich möchte doch, dass es dir gut geht!“

„Mir geht es gut.“

„Ich möchte, dass dir gefällt, was ich mache.“

„Ich bin zufrieden.“

„Ich möchte dich kennen lernen.“

„Sie kennen mich doch.“

„Ich möchte einfach mit dir reden.“

„Na, das tun wir doch mehr als genug.“

Da weiß ich mal wieder nichts mehr zu sagen und seufze. Ganz ehrlich: mit einem Pferd zu sprechen, ist viel schwieriger, als ich das je für möglich gehalten hätte.

 

–> Fortsetzung folgt

 

 

*******************************************************

 

Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

2. Juni 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 13: Dann mal ganz praktisch gefragt

Was wir als Pferdemenschen verstehen müssen

Zum Erscheinen der 500. Ausgabe unseres Newsletters hatten wir mal wieder zu einer Mitmach-Aktion eingeladen. Dafür hatten wir unseren Monty, das sprechende Pferd, als Anlass genommen, um Euch diese Frage zu stellen: 

„Wenn Pferde sprechen könnten,
welchen Satz sollten wir Menschen
– als Reiter/innen oder auch ganz allgemein –
am dringendsten von ihnen hören?“

Wir haben 200 Einsendungen erhalten, von denen uns viele sehr berührt haben. Es ist wundervoll, wie viele tief gehende und mitfühlende Gedanken Ihr Euch gemacht habt und wie oft wir nicken mussten, weil wir auch denken, dass uns genau das Pferde sagen wollen würden.

Wir haben hier eine kleine Auswahl als Video aufbereitet, von dem wir hoffen, dass es möglichst viele Pferdemenschen erreicht und vielleicht noch viel mehr Verständnis schaffen kann. In unserem Newsletter werden wir immer wieder noch weitere Sätze veröffentlichen.  Klickt auf das Bild, um das Video anschauen: 

Pferde verstehen

(Ein Klick auf das Bild führt zu unserem Youtube-Kanal.)

26. Mai 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 2 Kommentare »

Dran bleiben ist die Devise – ein Erfahrungsbericht zum Longenkurs

Von Heike Kocherscheidt-Riemann
zum 10jährigen Jubiläum des Longenkurses

Longieren ist für Pferde gesund, das war mir schon lange klar, aber wer erklärt es mir richtig, zeigt mir Tricks und unterstützt mich sinnvoll und zwar so, dass es kein reines Zentrifugieren um mich herum wird?

Erfahrungsbericht zum LongenkursIrgendwann schenkte mir eine liebe Freundin den Longenkurs von Babette Teschen und Tania Konnerth zum Geburtstag und dadurch bekam ich langsam einen Plan vom Longieren, zumindest theoretisch. Bald darauf zog ich mit meinem steifen, dickköpfigen, viel zu dicken, mitunter buckelnden Haflinger Flensburger los, um das Longieren in der Praxis bei Babette zu vertiefen.

Anstrengend war es nicht nur für Flensburger, auch ich kam total ins Schwitzen und wir sind erschöpft, aber zufrieden nach Hause gefahren. Wir hatten viel über das Longieren und uns gelernt und Flensburger, der Streber, lief nach 2 Tagen Kurs viel lockerer, schien Gefallen an der Arbeit zu finden und zeigte sich kooperativ.

Aber wie so oft im Leben ist man zunächst hoch motiviert, weiß, dass die Arbeit funktionieren könnte, aber findet keine Zeit zur Fortführung. Auch ich hatte andere Dinge im Kopf und verschob das Longieren von einen Tag auf den nächsten.

Dann suchte Babette Teilnehmerpaare für ihr Projekt Sehen lernen. Ich hab mich mit Flensburger beworben, es schien mir genau das Richtige für uns zu sein. Dadurch hätte ich die Möglichkeit, endlich den Longenkurs dauerhaft in die Praxis umzusetzen und das unter kompetenter Anleitung.

Groß war die Freude, als wir tatsächlich ausgewählt wurden, um an diesem tollen Projekt teilnehmen zu können. Die Paare trafen sich etwa alle sechs Wochen mit Babette. Wir bekamen Unterricht, Anleitungen und Tipps und fuhren mit neuen Anregungen und Hausaufgaben nach Hause.

Erfahrungsbericht zum Longenkurs

Bis zu jedem nächsten Treffen habe ich konsequent mit dem Haflinger gearbeitet. Er wurde dreimal wöchentlich longiert, dreimal wöchentlich leicht geritten und an einem Tag hatte er Pause. Ich weiß immer noch nicht, wie ich das so konsequent durchhalten konnte, schließlich haben wir noch einige andere Ponys hier, die auch bewegt werden mussten. Aber wir haben es geschafft!

Bei allen Treffen wurden Videoaufnamen gemacht, um die Entwicklung der Pferde im Lauf der Zeit zu dokumentieren. Die Aufnahmen dienten auch zur Verwirklichung des Selbstlernprogrammes Sehen lernen. Ich war sehr stolz, an dem Projekt teilhaben zu können, aber noch viel glücklicher, dass ich den faulen, steifen Haflinger und mich in Bewegung gebracht habe. Es hat unendlich viel Spaß gemacht, vor allem, wenn man den Erfolg auch per Videoaufnahmen nachvollziehen kann. Flensburger hat seine Hinterhand aktiviert, tritt unter, hebt die Schultern und sein Rücken schwingt wunderbar mit.

Erfahrungsbericht Longenkurs

Nach 3 Monaten konnte jeder die Veränderung sehen und auch beim Reiten spüren. Seine zwischenzeitliche Buckelei verschwand und aus dem dicken, trägen Haflinger wurde eine kleine Sportskanone. Seit dieser Erfahrung arbeite ich mit allen unseren Pferden nach dem Longenkurs!

Ich kann ihn wärmstens weiter empfehlen. Gebt aber bitte nicht so schnell auf, wie ich bei den ersten Anläufen! Dran bleiben ist die Devise! Von nix kommt nix und von jedem Tag ein bisschen kommt ganz viel!

19. Mai 2020 von Gastautor • Kategorie: Longieren 1 Kommentar »

Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 12: Große Fragen, kleine Antworten

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Je bewusster mir wird, dass ich tatsächlich ein sprechendes Pferd habe, desto mehr begreife ich, was das doch für eine unglaubliche Chance ist, ja, mehr noch: es ist geradezu ein Wunder! Endlich kann ich all die Fragen loswerden, mit denen ich mich schon so lange befasse – Fragen über das Pferd-Sein, darüber, wie Pferde die Welt sehen und welche Botschaften sie für uns haben – und ich bekomme Antworten von einem Pferd darauf, erfahre also, wie sie wirklich ticken und was sie denken. Wer weiß, vielleicht werde ich ein Buch darüber schreiben und zwischen Menschen und Pferden vermitteln können, wäre das nicht großartig?

Theoretisch wäre es das …,  aber in der Realität läuft das alles ein bisschen anders, als ich es mir vorgestellt habe. Jetzt, da Monty tatsächlich spricht, komme ich mir irgendwie immer blöder vor mit meiner Naivität. Denn Monty geht das alles ziemlich ab.

Neulich fragte ich ihn zum Beispiel: „Monty, was denkt Ihr eigentlich über uns Menschen?“

„Nicht viel.“, war seine Antwort.

„Das kann nicht sein. Ihr macht euch doch sicher Gedanken über uns? Wie wir mit euch umgehen, wie wir uns verhalten und so etwas.“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Das glaube ich dir nicht! Du denkst doch sicher nach über unsere Reiteinheiten oder Spaziergänge oder was ich mit dir gemacht habe, oder?“

„Nein, ich wüsste nicht, wieso.“, sagt mein Pferd.

Ich schaue ihn mit offenem Mund an und lasse es gut sein.

 

Bei der nächsten Gelegenheit fragte ich ihn: „Sag mal, was würdest du dir eigentlich für die Pferdewelt wünschen, Monty?“

„Mehr Gras.“, antwortete er.

„Nein, ich meine das anders, mehr so in Richtung, wie ein Pferdeleben idealerweise aussehen würde?“

„Mit mehr Gras.“

„Ach Monty, denk doch mal über ein ideales Miteinander von Mensch und Pferd nach, wie würdet Ihr behandelt werden wollen in einer idealen Pferdewelt?“

„Wir bekämen mehr Gras.“

Ja, genauso laufen diese Gespräche …

 

Heute versuche ich es nochmal und frage Monty: „Gibt es etwas, das du als Pferd mir als Mensch sagen möchtest?“

„Ich verstehe die Frage nicht.“, sagt Monty

„Na, was ist deine Botschaft als Pferd an mich oder an uns Menschen im Allgemeinen?“

„Ist das eine Trick-Frage?“, fragt er.

„Nein, Monty, das ist keine Trick-Frage, sondern echtes Interesse. Ich habe ein sprechendes Pferd, da kann ich doch endlich die Fragen stellen, über die ich schon so lange nachdenke. Ich bin immer überzeugt davon gewesen, dass Ihr Pferde uns Menschen etwas vermitteln und beibringen wollt. Viele sagen das, weil Ihr so weise wirkt. ‚Die Botschaft der Pferde‘ und so weiter, ich glaube, da gibt es sogar ein Buch mit diesem Titel und viele schreiben darüber, was wir alles von euch lernen können. Und ich kann nun direkt nachfragen, was für eine Chance! Also, Monty: Hast du eine Botschaft für mich?“

„Nein.“, erwidert mein Pferd.

Tja, Gespräche mit Monty sind manchmal wirklich ziemlich ernüchternd, muss ich sagen.

Fortsetzung: Kapitel 13

 

Monty - Wege zum Pferd

 

*******************************************************

 

Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

12. Mai 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 12: Große Fragen, kleine Antworten

Schau immer auf das Gute – Inspiration des Monats

Mit unserer  Rubrik Inspiration des Monats nehmen wir uns jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das wir Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Lange Texte gibt es bei uns genug, aber gerade bei Basis-Themen denken wir, ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. 

Unser Tipp: Zieht Euch jeweils unsere Inspiration des Monats auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße  für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können. 

Thema des Monats:
Schau auf das Gute!

Die meisten von uns sind – nicht nur, aber vor allem eben auch – bei der Arbeit mit Pferden mehr oder weniger ausgeprägte Fehlergucker. Damit meint es natürlich kaum jemand böse, denn wir alle zielen auf Verbesserung und darauf, sich weiterzuentwickeln. Unseren Pferden tun wir damit oft aber gar nicht gut und uns selbst auch nicht. Ob nun beim Reiten, beim Longieren oder anderen Dingen, die wir mit unseren Pferden machen: Wenn wir im Training immer vor allem das wahrnehmen, was noch nicht gut oder nicht gut genug ist, sind wir ständig am Kritisieren, am Korrigieren und am Fordern. Und das frustriert viele Pferde ganz enorm und gibt uns selbst ein Gefühl von Unvermögen. 

Genau deshalb lieben wir das Prinzip der positiven Verstärkung, bei dem das Training konsequent auf Lob und positive Bestätigung aufbaut. Es verändert sich wirklich alles, wenn wir unseren Blick immer mehr auf das legen, was super ist und gut klappt und vor allem, wenn wir das Training gezielt dahingehend verändern, dass es ganz viel und immer mehr zu loben gibt – es verändert die Stimmung, das Miteinander, es verändert uns selbst und die Pferde blühen regelrecht auf! 

Viele befürchten, dass ein Fokus nur noch auf das Gute zum Nachlassen von Leistung führt oder dazu, sich etwas schön zu reden. Das aber ist unserer Erfahrung nach ganz und gar nicht der Fall, im Gegenteil: Zu erkennen, was alles schon gut läuft und mit ganz viel Lob und Freude zu arbeiten, ist ein regelrechter Motiviationsbooster für Mensch und Pferd! 

 

Schau auf das Gute

5. Mai 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Inspiration des Monats, Jungpferdausbildung, Longieren, Reiten, Umgang 0 Kommentare »

Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 11: Es ist genau richtig, wie es ist

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Monty und ich sind auf dem Reitplatz. Es ist einer dieser Tage, an denen die Sonne nicht so genau weiß, ob sie scheinen mag oder nicht und sich deshalb hinter einer leichten Decke aus Wolken versteckt. So ist es nicht wirklich warm und nicht wirklich kalt. Alles fühlt sich irgendwie so zwischendrin an… – und damit genauso wie ich mich gerade auf meinem Pferd fühle.

Ich reite Monty und obwohl es mein eigenes Pferd ist, auf dem ich sitze, fühlt sich nichts mehr vertraut oder bekannt an. Seit Monty spricht, ist es, als ob alles neu beginnt. Monty sagt zwar immer, dass alles einfach bleiben kann, wie es war, aber das geht einfach nicht, denn: Es IST anders, jetzt.

Ganz ehrlich, ich habe das Reiten bisher nie in Frage gestellt. Seit ich fünf bin, liebe ich Pferde. Pferde und Reiten, das gehörte für mich immer zusammen. Klar, später habe ich dann natürlich auch gelernt, dass Pferde eigentlich gar nicht dafür gemacht sind, uns auf ihrem Rücken zu tragen. Das hört man als Reiterin natürlich nicht gerne. Und die Gewalt, mit der so viele Pferde zu dem gezwungen werden, was Menschen von ihnen wollen, finde ich einfach schrecklich, aber irgendwie glaubt man ja doch immer, dass man es selbst besser macht. Und damit gibt man sich dann zufrieden.

Sind wir Menschen nicht echte Meister im Verdrängen (… und das nicht nur, wenn es um Pferde geht)? Aber in gewisser Hinsicht hat das auch seinen Sinn, stelle ich jetzt fest. Denn nicht ständig über alles nachzudenken und alles in Frage zu stellen, macht uns oft überhaupt erst handlungsfähig. Genau das ist mir durch die Tatsache, dass mein Pferd sprechen kann, ein ganzes Stück verloren gegangen und ich schätze, ich muss es mir erst wieder zurückerobern. Denn, wenn ich ehrlich bin, reite ich eigentlich gerade gar nicht, sondern ich sitze nur auf dem Rücken meines Pferdes. Ich traue mich kaum, zu atmen, geschweige denn einen Mucks zu machen. Bei jedem Handwechsel, den ich gerne reiten würde, bei jeder Hilfe, die ich geben will, bei jedem Wechsel der Gangart möchte ich vorher fragen, ob er das überhaupt möchte und ob es für ihn okay ist, das für mich zu machen. Dadurch verliert die Sache jeden Fluss und jede Natürlichkeit. Ich bin nur noch im Kopf und damit ein einziges Fragezeichen.

Und dann frage ich mich, ob es aber so nicht eigentlich sein sollte?

Natürlich nicht die quälende Unsicherheit, die mich fast handlungsunfähig macht, und nicht das schlechte Gewissen, das zu nichts führt, aber was ist mit der Behutsamkeit, mit der ich nun meine Hilfen gebe? Oder was ist mit dem Bewusstsein darüber, dass nichts selbstverständlich ist? Und was ist mit dem Respekt, der zusammen mit der Tatsache, dass mein Pferd sprechen kann, nun einen ganz neuen Stellenwert bekommen hat? Sollte genau das alles nicht die Basis jeden Miteinanders von Mensch und Pferd sein: Behutsamkeit, Bewusstsein und Respekt?

Ich war immer der Ansicht, dass ich eine von denen bin, die schon vieles ziemlich gut machen, aber jetzt wird mir klar, dass ich doch in vielem zu gedankenlos war. Man ist so schnell dabei, andere dafür zu verurteilen, was sie mit Tieren machen, nur bei sich selbst schaut man oft nicht so genau hin. Und wenn, dann hat man ein schlechtes Gewissen und schiebt das schnell wieder weg. Vielleicht gewöhnt man sich über die Zeit auch einfach an so vieles, was eigentlich nicht okay ist, einfach weil es alle machen und weil man es auch so vermittelt bekommen hat …

Aber letztlich haben wir doch in jedem Moment die Möglichkeit, uns neu zu entscheiden. Wir können grob werden oder wir können inne halten. Wir können automatisch reagieren oder nachdenken. Wir können uns durchsetzen oder auf Verständigung zielen. Sind das Gedanken, die mir auch gekommen wären, wenn mein Pferd nicht sprechen würde? Immerhin habe ich mich auch schon mal geweigert, Dinge zu machen, zu denen ich angeleitet wurde. Ich habe nein gesagt, als ich ein Pferd mit der Gerte schlagen sollte, das nicht vorwärts gehen wollte, und ich bin von einer Stute abgestiegen, die ich nicht anders im Schritt halten konnte, als den Zügel so kurz zu nehmen, dass mir die Arme weh taten. So wollte ich nie reiten: mit Kraft und Gewalt. Ich sehe aber genau das immer wieder im Stall. Es ist normal. Unnormal bin eher ich, die nun auch noch Gespräche mit ihrem Pferd führt.

Und das ist gut so, denke ich. Normal ist oft gar nicht gut, wir machen nur immer so weiter, weil Gewohnheiten einfacher sind als Neues anzugehen. Weil wir nicht auffallen wollen. Weil wir keine Ahnung haben, wie das Andere aussehen kann und uns das hilflos und ratlos macht. So wie ich mich gerade fühle, da ich nach wie vor nicht weiß, wie es nun mit mir und meinem sprechenden Pferd weitergehen wird. Alles ist offen, alles ist neu und unbekannt.

Aber ich will mich darauf einlassen. Ich möchte lernen. Ich möchte zu einem Menschen werden, den sein Pferd duzen mag. Ich möchte mir die Zuneigung meines Pferdes verdienen.

„Monty, halt mal an.“, sage ich und schlinge meine Arme um seinen Hals.

„Ach, sind Sie wieder anwesend?“, fragt er ein etwas spöttisch.

„Ja, das bin ich. Und es ist schön, dass du da bist.“, sage ich.

„Haben Sie mal wieder gegrübelt?“

„Ja, schon … Aber das ist genau richtig so.“ Ich richte mich wieder auf und fühle mich eigentlich ganz gut.

„Na, wenn Sie meinen.“

„Was hältst du von ein bisschen Bewegung?“

„Wie Sie wünschen.“, sagt mein Pferd und trabt so schwungvoll an, so dass ich zusehen muss, nicht nach hinten über zu kippen.

„Hey, das hast du doch voll absichtlich gemacht, Monty!“

„Selbstverständlich.“, sagt mein Pferd und ich lache.

–> Fortsetzung Kapitel 12

 

Monty Wege zum Pferd

 

*******************************************************

 

Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

28. April 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 11: Es ist genau richtig, wie es ist

Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 10: Die Sache mit dem „Sie“

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Ok, Monty hat natürlich recht, dass man sicher nicht aus allem ein Problem machen muss, aber es gibt Dinge, die wurmen einen doch so sehr, dass man sie nicht einfach ignorieren kann. Genau so ist es mit der Tatsache, dass Monty mich siezt. Ich finde das ziemlich schräg und irgendwie verunsichert es mich, nein, ehrlich gesagt kränkt es mich sogar.

Als Monty und ich nach der Reiteinheit am Tor zum Weidepaddock stehen, entscheide ich mich, das anzusprechen:

„Du Monty, … darf ich dich noch etwas fragen?“

„Selbstverständlich.“

„Warum siezt du mich eigentlich?“

Er schaut mich wieder nur an. Diesmal halte ich den Blick. Ich möchte eine Antwort, denn dieses Sie verunsichert mich doch sehr.

„Ach, wissen Sie“, sagt er dann „ich bevorzuge klare Verhältnisse auf der Arbeit.“

„Oh.“, sage ich, weil mir nichts anderes einfällt. Mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet.

„Ja, Sie wissen schon, es ist nicht ratsam, das Berufs- und das Privatleben allzu sehr zu vermischen, das schafft meist nur Probleme.“

„Ach so?“

„Duzen Sie denn Ihren Chef?“

„Äh, … nein.“

„Na, sehen Sie.“

„Aber, manche machen das durchaus, … dass sie ihren Chef duzen, meine ich, ist doch eigentlich auch ganz schön, … viel lockerer, vertrauter, aber … hm, … also gut“, stottere ich, nachdem ich seine unerschütterliche Miene sehe und frage beklommen: „Und …, also, dann sollte ich dich wohl auch besser siezen, oder?“

„Ach, nein, das ist nicht nötig. Wissen Sie, das war ja immer schon so, damit kann ich gut leben. Es kann einfach so bleiben, wie es ist.“

Monty wendet seinen Kopf in Richtung der anderen Pferde und tritt unruhig von einem Bein auf das andere.

„Ach, da bin ich aber sehr froh, weil das würde mir doch ziemlich schwer fallen, Monty.“, sage ich und schaue ihn liebevoll an. Doch mein Pferd starrt weiter zu den anderen Pferden und bekommt das gar nicht mit. Er macht einige Schritte nach rechts, dann nach links und wirkt immer angespannter.

„Du willst zu den anderen, richtig?“

„Ja, das wäre sehr freundlich.“, antwortet er.

„Na, dann.“ Ich öffne das Tor, er dreht den Kopf zu mir und ich nehme ihm das Halfter ab und sage: „Dann hab’ einen schönen Feierabend.“ Eigentlich meinte ich das als Scherz, aber Monty bedankt sich artig und trabt davon.

Mein Pferd sieht mich als Arbeitgeber und will mich nicht duzen …, das klingt irgendwie ziemlich verrückt, oder? Und, ehrlich gesagt, fühlt sich doof an. So bekommt die Tatsache, dass mein Pferd mit mir redet, ein bisschen so etwas wie einen schalen Nachgeschmack. Ich lasse es für diesen Moment gut sein, aber nehme mir vor, das bei Gelegenheit noch einmal anzusprechen. Da kann das letzte Wort noch nicht gesprochen sein.

Fortsetzung: Kapitel 11

 

 

*******************************************************

 

Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

3. April 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 10: Die Sache mit dem „Sie“

Frag‘ Babette: Warum fasst Du bei der Übung „Führen in Stellung“ direkt am Kappzaum an?

„Frag‘ Babette“ ist eine neue Kategorie bei uns und der Titel ist Programm, denn hier nimmt sich Babette Fragen vor, die ihr häufig gestellt werden. Wer ebenfalls eine Frage an Babette hat, schreibt einfach eine Mail an team@wege-zum-pferd.de. Und für alle, die uns noch nicht so gut kennen: Babette arbeitet seit über 20 Jahren als Pferdetrainerin und hat sich als vor allem als Spezialistin für das gesundheitsfördernde Longieren und dem Longenkurs einen Namen gemacht. Zusammen mit Tania gibt sie seit 2008 den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ und weitere Selbstlernkurse wie Der Aufbaukurs zum Longenkurs, Sehen lernen und andere mehr heraus. 

 

Wieso ist es wichtig, bei der Übung „Führen in Stellung“ direkt am Kappzaum anzufassen?

Viele Anwender/innen unseren Longenkurses finden es gewöhnungsbedürftig, die Pferde mit der Hand direkt am Kappzaum zu führen. Doch dieses Vorgehen hat gute Gründe.

Welche das sind, erklärt Babette ausführlich und anschaulich in diesem Video:

(Link führt zu youtube)

 

31. März 2020 von Babette Teschen • Kategorie: Arbeit an der Hand, Longieren 0 Kommentare »

Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 9: Und Reiten ist doch ein Problem

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

So schön mein Spaziergang gestern mit Monty war, so habe ich mich aber letztlich damit nur um das Thema Reiten herumgedrückt. Es ist immer noch ein Problem für mich, wie ich feststellte, als ich nach Hause fuhr.

Das Einfachste wäre wohl, nicht mehr zu reiten. Aber diesen Gedanken finde ich richtig furchtbar. Gar nicht mehr zu reiten? Reiten ist einfach so schön und es gehört zu mir und ich wollte immer ein eigenes Pferd! Ich, ich, ich… Ich höre mich an, wie ein Kleinkind und fühle mich auch ein bisschen so, aber ich will das Reiten nicht aufgeben.

Monty hat gesagt, dass es ok ist, wenn ich ihn reite. Kann man sich denn mehr wünschen, als eine ausdrückliche Zustimmung von seinem eigenen Pferd? Eigentlich nicht, oder? Und doch bin ich so verdammt unsicher. Ich frage mich warum. Ich meine, ich mache die Sache doch halbwegs anständig: Ich habe Monty nie verdroschen, ich mute ihm keine scharfen Gebisse zu, keine Hilfszügel und ich reite nicht mit Sporen. Aber, klar, ich habe ihn schon so manches Mal ordentlich getrieben, wenn er nicht vorwärts ging oder an einer Sache im Gelände nicht vorbei wollte, weil mich das irgendwie wütend gemacht hatte. Und meine Hände sind arg unruhig im Galopp und seinen Trab kann ich eigentlich gar nicht aussitzen. Und im Umgang war ich oft auch ganz schön ungeduldig…

Aber ich könnte doch jetzt versuchen, einfach alles besser zu machen. Eigentlich habe ich die größte Chance überhaupt, denn ich kann mein Pferd jederzeit fragen, was es gut findet und was nicht. Ich muss nicht mehr raten. Ich kann fragen und er antwortet. Ich muss ihm nur noch glauben.

Und so nehme ich mir heute fest vor, dass wir eine kleine Runde in der Halle reiten. Ich wäre lieber ins Gelände gegangen, aber es schüttet wie aus Eimern.

„Hey Monty, was hältst du von einer kleinen Reiteinheit in der Halle?“, frage ich mein Pferd, als ich ihn vom Auslauf hole. Seltsam, wie flatterig meine Stimme klingt.

„In Ordnung.“, antwortet er.

„Muss nicht sein, wenn du nicht magst.“, sage ich schnell, denn so richtig überzeugend klang das ja nicht.

„Ist in Ordnung.“, wiederholt er und ich zwinge mich dazu, mich damit zufrieden zu geben und es nicht weiter zu interpretieren.

Beim Putzen merke ich, dass meine Knie wieder weicher werden. Mist. Ich hatte mir doch so fest vorgenommen, kein Problem daraus zu machen.

„Du, Monty, du sagst mir aber einfach, wenn du zu irgendwas keine Lust hast, ja?“

„Ok.“

„Das meine ich ganz ernst. Jetzt, da du reden kannst, kannst du jederzeit sagen, was du nicht möchtest. Ich will nichts tun, was du nicht willst.“

„Ok.“

Boah, er könnte es mir ja ein bisschen leichter machen.

„Ist alles gut mit dir?“, frage ich.

„Ja, alles in Ordnung.“

Es fühlt sich nicht so an, aber ich halte den Mund.

Ich sattele Monty und zäume ihn und wir gehen in die Halle. Ungefähr hundertmal muss ich mich zwingen, nicht wieder nachzufragen, ob es ok ist, dass ich ihn heute reite. Dabei vergesse ich ständig das Atmen und bin schon fertig, bevor ich auf dem Pferd sitze. Dann führe ich ihn an die Aufstieghilfe.

„Also, pass auf, ich stelle jetzt meinen Fuß in den Steigbügel.“, sage ich.

„Ok.“, sagt Monty.“

„Und jetzt steige ich auf, ja?“

„Ja.“

„So, nun sitze ich auf dir, ist das ok, Monty, oder bin ich zu schwer, sitze ich doof, soll ich was anders machen?“

„Sagen Sie mal, soll das jetzt so weitergehen?“

„Was genau, Monty? Ich kann auch wieder absteigen, wenn es dir nicht recht ist!“ Ich bin bestürzt.

„Na, diese endlose Fragerei.“

„Ich meine es doch nur gut. Ich will nichts falsch machen. Ich will, dass du einverstanden bist.“

„Das habe ich doch schon gesagt.“

Ich sage nichts, sondern kämpfe mit den Tränen. Monty steht ruhig und wartet.

„Ich kann das nicht, Monty.“

„Was können Sie nicht?“, fragt mein Pferd.

„Dich reiten.“

„Bisher konnten Sie das ganz gut.“

„Ja, und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil es irgendwie nicht richtig ist.“

„Mich zu reiten ist nicht richtig? Wen wollen Sie denn sonst reiten? Bisher war doch alles gut mit mir?“

Jetzt missversteht er mich auch noch! „Ach, Monty, mit dir ist alles bestens! Du bist ein supertolles Pferd und ich möchte kein anderes außer dir reiten. Aber, … ich kann dich doch jetzt nicht einfach herumkommandieren und dir sagen, was du machen sollst.“

„Naja, Sie müssen ja nicht kommandieren. Wissen Sie, eigentlich würde ich mich jetzt wirklich gerne bewegen. So herumzustehen ist etwas langweilig und mir schlafen die Hufe ein. Also, könnten wir vielleicht…?“

Ich muss lachen und bin meinem Pferd sehr dankbar für diesen Anstupser.

„Na klar, dir schlafen die Hufe ein, wo du ja sonst auch niiieee einfach so herumstehst, nicht wahr? Also gut.“, sage ich und ich gebe reflexartig die Hilfe zum Antreten.

„Na also, geht doch.“ sagt Monty fröhlich und tritt an. Die ersten Schritte sind gemacht: Ich reite mein nun sprechendes Pferd.

Fortsetzung: Kapitel 10

 

Monty - Wege zum Pferd

 

*******************************************************

 

Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

24. März 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 9: Und Reiten ist doch ein Problem

Wie wirke ich auf mein Pferd?

Wenn wir mit Pferden arbeiten, dann beobachten wir sie meist sehr genau. Dabei übersehen wir aber oft, welche große Bedeutung unsere eigene Ausstrahlung hat. 

Die Pferde fest im Blick

Pferde gut sehen und spüren zu lernen, ist im Umgang und Training sehr wichtig, damit wir jederzeit bedarfsgerecht reagieren können. Wir achten dabei sowohl auf die Mimik des Pferdes als auch auf den Körper, darauf, ob unser Pferd gestresst wirkt oder entspannt, wie es sich bewegt, was ihm Probleme macht und vieles mehr. So können wir uns idealerweise jederzeit ein Bild davon machen, ob unser Pferd gerade losgelassen ist, wie es sich fühlt, ob seine Hinterhand aktiv und seine Haltung gut ist, um es dann mit passenden Übungen darin zu unterstützen, immer besser und freudvoller zu laufen und mitzuarbeiten. Soweit so gut.

… aber was ist mit uns selbst?

Wir wünschen uns ein Pferd, welches möglichst vom Genick bis hin zur Schweifrübe losgelassen und zufrieden ist. Aber was ist mit uns? Oftmals übersehen wir, dass wir so in unserer Konzentration versunken sind, dass wir gar nicht merken, wie verkniffen wir starren, wie fest wir unseren Po anspannen, wie sehr wir die Schultern hochziehen. Und genau deshalb ist es ganz wichtig, den Fokus hin und wieder auch mal weg vom Pferd hin zu sich selbst zu lenken und darauf zu achten, mit welcher Ausstrahlung wir auf unser Pferd einwirken – innerlich und äußerlich.

Sie merken alles

Pferde sind naturgemäß sehr sensibel und empathisch. Sie spüren unsere Anspannung sehr genau und bekommen sogar unsere inneren Bilder mit und reagieren oft sehr stark darauf. Und das macht es uns nicht immer ganz so leicht. Wer kennt es nicht, dass wir beim Reiten so etwas denken, wie „Hoffentlich erschrickt sich mein Pferd nicht vor dem komischen Gegenstand dort …“ und prompt scheut das Pferd? Oder dass man nur ans Antraben denkt und schon trabt das Pferd? 

Ich erlebe immer wieder, wie wenig sich viele von uns eigentlich ihrer eigenen Ausstrahlung bewusst sind. Zum Beispiel glauben viele, eigentlich ganz ruhig zu wirken, tatsächlich aber gehen sie mit einer sehr hohen Körperspannung zum Pferd, worauf dieses bereits in eine Hab-Acht-Stellung gerät. Weit verbreitet ist auch ein geradezu böse wirkender Gesichtsausdruck, obwohl wir nur sehr konzentriert sind. Auf unser Pferd wirken wir aber dadurch unter Umständen sogar bedrohlich. Genauso merken viele von uns nicht, wie unzufrieden wir wirken, denn obwohl wir eigentlich ganz stolz auf unser Pferd sind, reden wir nur über das, was noch nicht klappt … 

Wenn es uns gelingt, mit einer sanften, liebevollen Energie und positiven Ausstrahlung ans Pferd zu gehen, erhöht das unsere Chance für ein harmonisches und entspanntes Miteinander sehr und dem Pferd wird die Arbeit mit uns viel mehr Freude bereiten. 

Kleiner Selbst-Check mit Tipps

Dieser kleine Selbst-Check für eine gute Ausstrahlung eignet sich unabhängig davon, ob wir nun longieren, reiten, unser Pferd putzen oder führen wollen. Richtet hin und wieder Euren Fokus mal ganz auf Euch selbst und achtet auf die folgenden Punkte: 

  • Fließt mein Atem ruhig? Atme ich tief und ruhig? Wenn Ihr merkt, dass Ihr oberflächlich und hektisch atmet, dann versucht Euch bewusst zu entspannen und verlängert Eure Atemzüge: erst für zwei Schritte ein- und für zwei Schritte ausatmen, dann für drei, für vier und für fünf… 
  • Ist mein Blick sanft?  Ein konzentriertes (und dabei oft auch kritisches) Anstarren empfinden viele Pferde als sehr unangenehm. Außerdem verkürzt ein starrer Blick unsere Atmung und macht uns insgesamt „fester“. Übt Euch deshalb in einem weiten, weichen Blick, mit dem Ihr nicht nur einen einzelnen Punkt fixiert, sondern auch die Umgebung sehen könnt. Versucht immer, Euer Pferd mit ganz sanften Augen anzuschauen, habt, wie ich es immer nenne, „Herzchen in den Augen“ und lächelt mindestens innerlich, am besten aber auch sichtbar. 
  • Ist mein Gesicht entspannt? Wenn wir sehr konzentriert oder angespannt sind, neigen wir dazu, die Kiefer zusammenzupressen und die Stirn zu runzeln. Wenn Ihr das bei Euch merkt, dann löst bewusst die Zunge vom Gaumen, macht leichte Kaubewegungen, so als wenn Ihr ein Kaugummi kauen würdet, und lockert die Kiefergelenke. Entspannt auch die Stirn und die Augenbrauen. Und lächelt 🙂
  • Sind meine Schultern locker? Sehr häufig ziehen wir unbewusst die Schultern hoch und werden dabei im ganzen (Ober-)Körper fest. In meinen Longenkursen kann ich häufig beobachten, dass diese meist unbewusste Haltung bei sensiblen Pferden schon ausreicht, um sie z.B. antraben zu lassen. Oftmals versteht der Longenführer gar nicht, warum sein Pferd plötzlich losläuft, aber es hat nur auf die Spannung seines Menschen reagiert. Ähnliches gilt für das Reiten. Deshalb rate ich Euch, immer mal wieder in die Schultern zu spüren und sie genüsslich nach hinten kreisen und dann sanft nach hinten-unten sinken zu lassen. 
  • Lasse ich meine Oberarme entspannt am Körper fallen? Wenn wir angespannt sind, sind unsere Oberarme oftmals ganz fest, obwohl wir eigentlich nur unsere Unterarme brauchen, um z.B. die Bewegungen an der Longe auszuführen oder die Zügel zu halten. Wir tragen die Arme oft auch viel höher als nötig oder spannen auch den Arm an, der gerade gar nichts tun muss. Auch hier immer mal wieder hineinspüren und ganz bewusst die Spannung loslassen – keine Sorge: die Arme fallen nicht ab, wenn man sie lockert 😉
  • Ist meine Bauchdecke weich? Gerade Frauen ziehen oft unbewusst dauerhaft den Bauch ein, wodurch eine hohe Körperspannung entsteht. Eine gewisse Aufrichtung für eine gute Körperhaltung brauchen wir natürlich, aber achtet mal darauf, was passiert, wenn Ihr beim Reiten oder Longieren, bewusst die Bauchdecke an- und dann entspannt. Nicht selten schnauben Pferde ab, wenn wir Spannungen bei uns lösen. Findet hier das richtige Maß. 
  • Ist mein Po entspannt? Das ist besonders beim Reiten ein ganz wichtiger Punkt, denn ein angespanntes Gesäß macht es dem Pferd sehr schwer, im Rücken loszulassen und Euch, die Bewegungen weich zu sitzen. Hier deshalb immer mal wieder ganz bewusst die Pobacken in den Sattel schmelzen lassen. 
  • Klemmen meine Beine? Auch dieser Punkt ist für das Reiten wichtig. Mit klemmenden Beinen kann man keine feinen Schenkelhilfen geben. Wir blockieren damit auch in der Hüfte und können die Bewegungen des Pferdes nicht weich mitgehen. Mit so einer Kralle auf seinem Rücken können Pferde nur schwer loslassen und manche reagieren auch mit deutlichem Stress. Also: immer wieder die Beine lösen. Ein sicherer Sitz entsteht nicht dadurch, dass wir unser Pferd mit unseren Beinen einklemmen, sondern durch das flexible und weiche Mitgehen in den Bewegungen. 
  • Kann ich Bewegung in meinen Gelenken zulassen? Die Gelenke in unserem Körper ermöglichen uns Bewegung. Blockieren wir ein Gelenk, entsteht sowohl ein Bewegungs- als auch ein Energiestau. Beides nehmen Pferde deutlich wahr und reagieren manchmal sehr stark darauf. Nicht umsonst können wir mit einem einfachen Abkippen des Beckens ein Pferd durchparieren. Geht deshalb immer mal wieder bewusst alle entscheidenden Gelenke durch: Seid Ihr zum Beispiel beim Reiten beweglich in der Hüfte, kann das Becken frei mit der Bewegung des Pferdes mitgehen? Sind Eure Fußgelenke locker, so dass sie die Bewegungen gut auffangen können? Sind Eure Handgelenke geschmeidig, damit sie die Bewegungen der Zügel oder der Longe ganz weich ausführen und durchlassen können?
  • Welche Bilder habe ich im Kopf? Oftmals sehen wir vor unserem inneren Bild genau das, was wir nicht wollen, also das, was wir befürchten, was alles passieren könnte. Diese negativen Bilder oder zumindest die Stimmung daraus kann sich auf unser Pferd übertragen. Versucht statt dessen immer das zu sehen, was Ihr haben oder erreichen möchtet: also zum Beispiel ein entspanntes Pferd, auch wenn es gerade noch aufgeregt ist, ein Pferd, welches loslässt, auch wenn es gerade noch angespannt ist, ein Pferd, welches ruhig durchpariert, auch wenn es gerade noch hektisch um Euch herumläuft. Und das tiefe, ruhige Atmen dabei nicht vergessen – und, ja genau: immer schön lächeln 🙂
  • Wie ist meine Erwartungshaltung? Oftmals gehen wir mit sehr hohen Erwartungen in die Arbeit mit unserem Pferd und übersehen dabei, dass unser Pferd in diesem Moment noch nicht in der Lage ist, diese zu erfüllen, sei es aus körperlichen oder psychischen Gründen. Es spürt aber genau, dass wir eigentlich mehr von ihm wollen, und kann deshalb verunsichert oder gestresst werden. Versucht, möglichst immer frei von Erwartungen zu sein. Ihr könnt schöne Zielbilder im Kopf formen, aber seht immer auch den Weg dorthin ganz positiv und liebevoll und nehmt ohne Groll oder Frust das an, was gerade möglich ist.
  • Welche persönlichen Themen belasten mich im Moment? Auch was wir von außen mit in den Stall bringen, ist für viele Pferde spürbar. Sie reagieren zum Teil sehr sensibel auf unseren Stress auf der Arbeit, unsere Sorge um ein Familienmitglied, unsere Krise mit unserem Partner. Hier ist es wichtig, sich immer wieder zu prüfen, ob man diese Themen vielleicht für die Trainingseinheit loslassen kann und wenn nicht, die Arbeit mit dem Pferd entsprechend zu gestalten, zum Beispiel lieber mit einer Spiel- und Kraulstunde als mit konzentriertem Training.

Ein Grundsatz

Für mich gibt es einen simplen Grundsatz für die Arbeit mit Pferden: Ich versuche immer das auszustrahlen, was ich mir von meinem Pferd wünsche. 

  • Möchte ich ein freundliches, entspanntes Pferd? Dann strahle ich Freundlichkeit und Entspannung aus!
  • Möchte ich ein fröhliches und motiviertes Pferd? Dann bringe ich mich mit meinen eigenen fröhlichen und motivierten Anteilen in Kontakt!
  • Möchte ich, dass mein Pferd in einer guten Haltung läuft, achte ich auch auf meine eigene Haltung!

Es gibt einen schönen Spruch der die Kindererziehung betrifft: „Wie erziehen keine Kinder, sie machen uns eh nach“. Das gilt für mich auch für den Umgang mit Pferden 🙂

Ausstrahlung bei der Arbeit mit dem Pferd

17. März 2020 von Babette Teschen • Kategorie: Arbeit an der Hand, Aus dem Reitunterricht und Coaching, Longieren, Reiten, Umgang, Verhalten 3 Kommentare »

  • Herzlich Willkommen im Blog von „Wege zum Pferd“

    Hier finden Sie unser Blog und können ganz in Ruhe stöbern. Oder Sie suchen gezielt in einer der Themen-Kategorien hier weiter unten im Seitenbalken. Alternativ können Sie auch in dem Suchfeld ein Stichwort eingeben.

    Alles zum Thema Longieren finden Sie hier und unsere Beiträge zum Clickertraining hier. Eine Übersicht über unsere Kurse, E-Books und Bücher finden Sie hier.

    Und wer sind wir? Wir sind Babette Teschen und Tania Konnerth, Betreiberinnen dieser Seite seit 2008 – einen Artikel zu unserem 10-jährigen Bestehen gibt es hier. Wir teilen in diesem Blog unsere persönlichen Erfahrungen und unser Wissen mit Ihnen und Euch und freuen uns auf Kommentare und Rückmeldungen.

    Und hier geht es zu unseren Büchern bei Kosmos:

  • Kategorien

  • Neue Beiträge

  • Neue Kommentare

  • Archive

  • Diese Seite verwendet nur Cookies, die für den Betrieb der Webseite nötig sind. Personenbezogene Daten werden zum Beispiel bei den Kommentaren gespeichert. Mehr erfahren

    Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

    Schließen