Über Gratwanderungen, oder: Die Pferdewelt ist bunt

In der letzten Zeit gab es eine Reihe von, sagen wir mal, „schwierigen“ Blogbeiträgen bei uns, zum Beispiel solche, in denen es um Schmerzen bei Pferden ging darum, was nicht gut läuft in der Pferdewelt und darum, was es besser zu machen gilt. Diese Texte zu schreiben, war wahrscheinlich genauso wenig leicht, wie es ist sie zu lesen, denn sie rühren vieles an, mit dem sich keiner von uns gerne beschäftigen mag. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, genau dazu wieder einmal etwas sehr Persönliches, weil ich glaube, es geht hier um eine ganz wichtige Gratwanderung, die uns alle verbindet.

Das Ziel ist gemeinsame Freude

Ganz klar: Wir alle wollen Freude mit unseren Pferden haben, deshalb schaffen wir uns Pferde an und verbringen so viel Zeit mit ihnen, wie möglich. Mit Pferden zusammensein zu können, ist doch das Schönste, was es gibt! Und es ist vollkommen verständlich, dass wir uns diese Freude nur ungern durch erhobene Zeigefinger oder Hinweise auf Unrecht trüben lassen – das geht uns nicht anders als Euch…

Wir haben“Wege zum Pferd“ immer sehr bewusst als ein Angebot geführt, das Wege zu einem freudvollen Miteinander aufzeigen will, und gerade mir war es immer extrem wichtig, gezielt einen positiven Fokus einzunehmen. Negatives haben wir zum Teil sehr bewusst ausgeblendet, weil wir glauben, dass es wichtig ist, vor allem Energie in das zu geben, was man erreichen möchte und nicht in den Kampf gegen etwas.

So habe ich mich auch lange innerlich gewehrt, Schmerzbilder rauszusuchen und Ungutes anzuprangern, weil mir die Auseinandersetzung damit selbst ins Herz schneidet. Doch auch wir leben nicht in einem Elfenbeinturm. Wir bekommen täglich mit, was in der Pferdewelt los ist und fragen uns manchmal wirklich, was all unser Einsatz eigentlich bringt, wenn sich in der Summe so wenig zu ändern scheint. Die letzten Texte sind aus aktuellen, persönlichen Erlebnissen heraus entstanden und damit aus meiner eigenen Ohnmacht heraus, vor Ort mitansehen zu müssen, was Pferde alles erleiden müssen, ohne dass ich real und praktisch etwas tun kann. Und bei mir ist das so: Wenn ich praktisch nichts tun kann, schreibe ich eben darüber, denn das Schreiben ist mein Weg. Zugegeben, dabei kann durchaus auch mal etwas ins Negative kippen,  … ganz einfach weil es das Negative eben auch tatsächlich gibt. 

Das aber heißt wiederum nicht, dass ALLES negativ ist! Schaut Euch in unserem Blog um, all die vielen positiven Ansätze überwiegen bei Weitem und das wird auch so bleiben! Wir wollen niemanden lähmen, wollen nicht frustrieren und nicht ohnmächtig machen, aber um nicht selbst in ein Gefühl der Ohnmacht und Lähmung zu kommen, müssen wir hin und wieder unser Angebot auch dafür nutzen, ein bisschen wachzurütteln. Leider ist es dann so, dass sich meist vor allem diejenigen angesprochen fühlen und in Frage stellen, die eh schon zu viel über sich selbst grübeln, aber deshalb gar nichts mehr anzusprechen, ist auch keine Lösung, weil uns unser Angebot die Möglichkeit gibt, eben auch die zu erreichen, die einfach noch ein bisschen zu wenig nachdenken und fühlen.

Letztlich geht es immer wieder darum, Vielfalt zu erkennen. Die (Pferde-)Welt ist bunt. Es gibt alle Farben, nie nur eine. Manchmal ist einem allerdings eine Farbe besonders nah, je nachdem, was man gerade selbst erlebt oder wie man sich fühlt, und in diese Farbe wird dann erstmal alles getaucht, das kenne ich von mir selbst nur allzu gut. Um bei Frust nicht alles schwarz zu malen, fordert das Schreiben von Texten für so ein Blog also immer auch ähnlich viel Selbstreflexionsvermögen wie die Arbeit mit Pferden 😉 

Bestätigung ist wichtig, Aufklärung aber auch

Ich persönlich weiß sehr genau, wie wichtig ein positiver Fokus im Leben ist und dass Ermutigung und Bestätigung die entscheidenden Energien für positive Veränderungen sind. Das gilt für alle Bereiche im Leben. Deshalb werden wir uns unsere positive Ausrichtung auf jeden Fall bewahren – einmal für uns selbst, aber natürlich vor allem auch für Euch, um all diejenigen weiter zu nähren und zu stützen, die auf guten Wegen unterwegs sind – Ihr seid diejenigen, die Pferde brauchen!

Gleichzeitig ist aber auch Wissensvermittlung nötig, denn Unwissenheit ist ganz oft eine Quelle von unschönen Dingen. Wie sollen Leute Schmerzen bei Pferden erkennen, wenn man ihnen nicht zeigt, wie Schmerz beim Pferd aussieht? Nein, es ist nicht schön, Fotos von leidenden Pferden zu sehen, aber sie sind wichtig, weil immer noch viele einfach nicht wissen, wie sie überhaupt Schmerzen erkennen können! Ein Stück weit halten wir es tatsächlich für unsere Pflicht, unsere Präsenz dafür zu nutzen, klar zu sagen, wo es hakt, denn die Unwissenheit und Ignoranz ist in vielen Bereichen immens. Deshalb bewegen sich unsere Texte zwangsläufig zwischen warmen Wohlgefühl und bohrender Unbequemlichkeit. 

Mein Traum…  

Nach wie vor ist unser Motto „Es geht auch anders!“. Wie es anders gehen kann, zeigen die meisten unserer Blogbeiträge und vor allem auch unsere Kurse, in denen wir ganz viele praktische, schöne und freudvolle Wege auffächern. Aber hin und wieder ist es aus unserer Sicht auch nötig, Klartext zu reden, um Augen zu öffnen, sonst wird uns zu Recht das Tragen einer rosaroten Brille vorgeworfen.  Rückmeldungen darüber, dass dann tatsächlich der eine oder die andere durch einen Artikel bei uns wachgerüttelt wurde und erst durch die Anstöße etwas geändert hat, machen mir Mut, dass es richtig ist, auch dafür zu schreiben – keinesfalls nur, aber eben auch.

Und nun verrate ich Euch noch etwas: Meine ganz persönliche Traumvorstellung ist die, dass die Pferdewelt irgendwann gar kein „Wege zum Pferd“ mehr braucht – wäre das nicht wundervoll?

Bis es soweit ist, denke ich, sind aber unsere Impulse – positive, wie aber auch die unbequemen – wichtig und berechtigt. Ich ganz persönlich fühle mich dabei immer wieder auf’s Neue gefordert, diese Impulse konstruktiv zu setzen, sodass sie annehm- und verarbeitbar bleiben und werde dafür weiterhin mein Bestes geben. Eure vielen schönen Geschichten und all die tollen Beispiele, wie es tatsächlich anders geht, helfen uns sehr dabei! 

Gradwanderung

Foto von Horst Streitferdt für Kosmos

6. November 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Sonstiges 6 Kommentare »

10 Jahre Longenkurs oder: Neue Wege sind nicht immer leicht

Arbeit nach dem Longenkurs

Babettes Longenkurs gibt es jetzt seit 10 Jahren.

Zu diesem Jubiläum haben wir unsere Leserschaft nach Erfahrungsberichten zur Arbeit nach dem Longenkurs gefragt und dazu sind uns ganz wundervolle Texte und Fotos geschickt worden. Dafür ein dickes Dankeschön für alle Einsendungen und Gratulationen, wie beispielsweise die von Daniela und ihrer Stute links auf dem Foto 🙂 

Aus einigen Erfahrungsberichten werden wir noch extra Blogbeiträge machen, doch an dieser Stelle möchten wir schon mal ein paar Ausschnitte und Bilder mit Euch teilen. Wir hoffen, dass diese Euch Mut machen, wenn es mal nicht so gut vorangeht, oder auch neugierig, falls Ihr diese Arbeit selbst noch nicht kennt. 

Als erstes möchten wir Victorias Video mit Euch teilen. Ihre Geschichte hat uns sehr berührt und sie zeigt, was für ein wunderschöner Weg die Arbeit nach dem Longenkurs sein kann. Klickt hier oder direkt auf das folgende Bild, um Euch den kleinen Film bei Youtube anzuschauen:

Video 10 Jahre Longenkurs

Henrikje hat uns dann mit einer sehr berührenden Offenheit geschrieben, was sie mit dem Longenkurs verbindet: „Die Frage ist schwierig zu beantworten, tatsächlich würde ich sagen, der Longenkurs ist unbequem. Denn er ist für mich wirklich unbequem gewesen, diese Selbstreflexion, das ständige Hinterfragen und dann hat auf einmal auch das Pferd eine Meinung. Eiieiieii, ich sag euch, das war schockierend. Denn mein Training war bis dato schockierend … „ –  und damit trifft sie wohl einen der entscheidendsten Punkte: Der Longenkurs ist keine reine „Trainingsmethode“, sondern er ist eine Einladung und auch eine Aufforderung, unser eigenes Tun zu prüfen und zu hinterfragen. Er ist für die allermeisten ein neuer Weg.

Arbeit nach dem LongenkursAm einfachsten haben es sicher diejenigen, die schon in jungen Jahren eine „andere“ als die herkömmliche Herangehensweise im Umgang mit Pferden kennen lernen konnten und deshalb gleich neu- und weniger um-lernen mussten, wie zum Beispiel Carina, die unseren Longenkurs mit 15 entdeckte, hier rechts in der Anfangsphase zu sehen. 

Für diejenigen von uns, die in normalen Reitschulen groß geworden sind, ist der Weg oft schwieriger. Und das kann unter Umständen zu  Unsicherheit und Frust führen, denn rückwirkend zu erkennen, dass manches nicht so gut war, was man gemacht hat, kann auch lähmen. Die meisten treffen irgendwann auf die Frage, wie man denn nun damit umgehen soll, wenn ein Pferd nicht mitmachen will und man eben keine Gewalt anwenden will. Bisher schien die Antwort klar: man setzt sich durch, … aber genau das will man ja nicht mehr tun. Da fragt sich manch‘ einer möglicherweise sogar, ob man überhaupt noch etwas mit Pferden tun sollte und stellt für den Moment vielleicht alles in Frage. Ja, ein neuer Weg wirft immer auch viele Fragezeichen auf…

Unsere Antwort darauf war nie, Pferde einfach in Ruhe zu lassen, wenn sie nicht mitmachen wollen, sondern unsere Anregungen zielen konsequent darauf, ein freudvolles Miteinander von Mensch und Pferd zu erreichen, also ein Training, das beiden Spaß macht. Das ist und bleibt auch eines der Hauptziele der Arbeit nach dem Longenkurs. Denn: Es gibt sie, die schönen Wege, das echte Miteinander und die Freude am gemeinsamen Tun! Und wer Babette in ihren Kursen mit den Pferden erlebt, kann immer wieder sehen, wie sie auch solche Pferde wieder ins „aktive“ Leben holen kann, die eigentlich schon dicht gemacht haben. 

Also, ja, der Longenkurs kann anstrengend sein, für Körper, Geist und Seele – aber er ist bei weitem NICHT NUR anstrengend, sondern im Gegenteil: Diese Arbeit ist in der Folge dann eben auch gewinnbringend für Körper, Geist und Seele zusammen – und das bei Mensch und Pferd.

Ein neuer Weg kann zu viel Wundervollem führen, das man sonst nie erlebt hätte! 

Arbeit nach dem LongenkursFeedbacks, wie das von Beate: „Du mit deinem Training, Babette, damals noch auf deinem Hof, ganz für mich allein ;-), ganz intensiv und Tania mit ihren Gesprächen, Ihr habt mich im Laufe der Zeit völlig umgekrempelt.“ oder von Helen: „… Irgendwas fehlte da noch für die gute Laufmanier, ich wusste einfach nicht weiter, bis der Tag X kam, ich las einen Bericht von Babette (…), wie die Pferde gesund laufen lernen, an der Longe (…) Ich war sehr begeistert, verschlang buchstäblich alles von ihr und dann probierte ich es aus, und die Pferde liefen einfach viel schöner, auch gerade in der Volte (und nicht mehr auf der Vorhand wie ein Motorrad) konstanter an der Longe, es war kaum zu beschreiben.“ zeigen, dass sich das Umlernen und Dranbleiben wirklich lohnt. 

Claudia  geht noch auf einen weiteren Punkt ein: „Für mich tat sich eine neue Welt auf und ich begriff, wie viel Spaß es macht, mit dem Pferd gemeinsam vom Boden aus zu arbeiten.“ Tatsächlich liegt für viele der Fokus des Zusammenseins mit Pferden vor allem beim Reiten, aber nicht alle Pferde können oder wollen geritten werden, manchmal nur phasenweise nicht, manchmal auch dauerhaft. Und auch uns Menschen tut es oft gut, nicht nur auf das Reiten fixiert zu sein, vor allem dann, wenn wir immer mal wieder auch mit Ängsten zu tun haben oder merken, dass unser Ehrgeiz nicht immer kontrollierbar ist. Der Longenkurs bietet ein sinnvolles, gesundheitserhaltendes und fitness-förderndes Miteinander, das Freude macht – und führt letztlich durchaus oft auch wieder zurück zum Reiten und zwar auf eine für beide Seiten gute Art.

Ganz besonders freuen uns auch immer wieder die vielen Geschichten, in denen die Arbeit nach dem Longenkurs kranken Pferden helfen konnte. Stellvertretend dafür  ein Foto von Katharinas Aramis, bei dem kurz nach dem Kauf das Kissing-Spines-Syndrom diagnostiziert wurde. Heute schreibt sie: „Nicht nur Aramis, sondern auch mir hat unser anfangs oft steiniger Weg geholfen, da ich heute deutlich selbstbewusster und strukturierter an unser Training gehe und wir eine gute und abwechslungsreiche Mischung haben, unsere Zeit miteinander zu gestalten. Wir haben uns gemeinsam weiterentwickelt, sind zusammen durch Höhen und Tiefen gegangen und genießen heute endlich unbeschwert und ohne viele Gedanken an das KSS unsere gemeinsame Zeit.“

Arbeit nach dem Longenkurs

Und zum Abschluss haben wir noch ein tolles Gedicht, das uns Carolin geschickt hat: 

Als der Longenkurs 2008 erschien,
dachte ich sofort: “Das ist was für ihn!“

Ihr fragt euch, für wen? Wofür?
Na, für meinen Islandwallach Birtingür!

2002 lernte ich diese gute Seele kennen,
ab 2005 durfte ich ihn mein Eigen nennen.

Wir waren beide in den besten Jahren,
sind von Turnier zu Turnier und von Kurs zu Kurs gefahren.

Aber schon nach kurzer Zeit hab ich kapiert,
mein Pferd braucht etwas andres, damit es wieder fröhlich galoppiert!

Der arme Kerl war ganz tief in sich gekehrt,
hat sich schon bald gegen nichts mehr gewehrt.
Hat sich bei allem nur noch fest gemacht,
und Frauchen hat kaum noch gelacht.

Reiten war keine Freude mehr,
also musste eine Alternative her.

Der Longenkurs kam gerade zur rechten Zeit,
das damalige Forum dazu hat uns befreit!

Anfangs taten wir uns schwer,
wir kannten nichts Entspanntes mehr.
Doch als ich das Clickern noch begann,
war es für uns der Neuanfang!

Birtingur lernte sich zu freuen,
sagte endlich JA zu allem Neuen!
Konnte traben wie ein großer Held,
aus dem Kopf war der feste Tölt!

Auch neue Freunde traf ich beim LK,
die wohnten sogar ganz nah!

Aber nicht nur Birtingur durfte profitieren,
auch mein Jungpferd konnte ich inspirieren!
Mit dem Longenkurs begann er seine Karriere,
– ob er ohne ihn auch schon so weit wäre?!

Meine eigene Persönlichkeit hat sich ebenfalls sehr entfaltet,
die Arbeit mit dem Pferd habe ich vollkommen neu gestaltet.
Wir sagen sehr oft ja zueinander,
gehen alle Wege MITeinander.

Lieber Longenkurs, wir danken dir so sehr!
Das Leben gibt uns mit dir so viel mehr!

10 Jahre Longenkurs

In diesem Sinne: Auf die nächsten 10 Jahre Longenkurs! 

16. Oktober 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Longieren 3 Kommentare »

Pferdeschutz beginnt bei uns selbst

Im Großteil unserer Beiträge hier bei „Wege zum Pferd“ geht es – natürlich – um Pferde. Vielleicht verlieren wir da manchmal ein bisschen uns Menschen aus dem Blick. Heute will ich deshalb einmal bewusst die Seite wechseln und etwas für und über uns Pferdeleute schreiben. 

Warum es wichtig ist, auch mal an uns zu denken

Im Miteinander von Mensch und Pferd kommt es immer wieder zu einem Phänomen, das auf den ersten Blick verblüffen mag: Alle, die Pferde lieben, möchten, dass es Pferden gut geht – und doch kommt es im Umgang, beim Reiten und in Pferdeställen ganz allgemein immer wieder zu unschönen Szenen, in denen wir Menschen Pferde nicht nur unfair behandeln, sondern es leider oft auch zu Gewalt kommt. Es gibt leider nur wenige Ställe, in denen es nicht vollkommen normal ist, dass Pferde mit Gerten geschlagen oder mit Sporen gestochen werden, dass an Stricken oder Zügeln gerupft wird, dass gebrüllt, gebufft oder gehauen wird. Und immer wieder fragt man sich, wieso gerade an einem Ort, wo Menschen mit ihren Lieblingstieren doch eigentlich nur eine gute Zeit verbringen wollen, so viel Mist passiert. 

Um zu verstehen, was da genau geschieht – denn die wenigsten von uns handeln vorsätzlich und bewusst so – und auch wie sich die Sache zum Positiven verändern lässt, müssen wir einen kleinen Ausflug in die Psychologie machen. 

Wie wir mit uns selbst umgehen, bestimmt, wie wir mit anderen umgehen

Aus der Psychologie ist bekannt, dass wir andere nur dann lieben und annehmen können, wenn wir uns selbst lieben und annehmen, dass wir anderen gegenüber nur dann respektvoll sein können, wenn wir uns selbst respektieren, und dass wir erst dann für andere gut sorgen können, wenn wir gut für uns selbst sorgen. 

Nun einmal Hand aufs Herz: Wie viele von uns sind sich selbst wirklich nah? Wie viele von uns nehmen sich an und mögen sich selbst? Und wie viele von uns sorgen wirklich gut für sich? 

Hadern nicht viel mehr ganz viele mit sich, finden sich selbst zu dick, zu doof, zu hässlich, zu unfähig und so weiter und so fort? Beschimpfen wir uns oft nicht selbst in Gedanken und auch laut („Ich bin so dämlich!“ oder „Was bin ich nur für eine doofe Kuh!“)? Vergleichen wir uns nicht immer und immer wieder mit anderen und stellen fest, dass die viel besser reiten können, viel toller aussehen und die viel besseren Pferde haben? Kurz und gut: Behandeln wir uns selbst nicht oft so, wie wir niemals wollen würden, dass jemand, der uns nahe steht, behandelt wird? 

Und was soll daraus entstehen? Wie wollen wir einfühlsam, verständnisvoll und geduldig mit unseren Pferden sein, wenn wir uns selbst nur fertig machen? Wie fair glauben wir anderen im Stall gegenüber sein zu können, wenn wir uns selbst gegenüber so mies behandeln? Wie wollen wir überhaupt etwas geben können, wenn wir uns selbst nichts gönnen? 

Das Leben ist leider oft genau wie auf dem Ponyhof

Pferdeställe werden gerne vollkommen verklärt dargestellt: lauter nette Mädels mit lauter netten Pferden, alle haben Freude, alle haben Spaß. Und so mag das, was ich hier schreibe, für viele überzogen klingen, aber meiner Erfahrung nach sieht die bittere Realität leider so aus, dass in vielen Reitställen sehr viele wirklich unschöne menschliche Charakterzüge gelebt werden. Ja, es gibt auch Gegenbeispiele (und das ist wundervoll!), die aber sind zumindest meiner Einschätzung nach leider noch immer die Ausnahmen.

Überlegen wir einmal: Der Großteil von uns kommt zu den Pferden, wenn wir kurz vor oder schon in der Pubertät sind – eine der schwierigsten Zeiten überhaupt. Wir treffen mit unserer Unsicherheit und unserem Weltfrust auf Tiere, die durchaus nicht immer leicht zu handhaben sind und die allein schon durch ihre Kraft und Körpergröße Angst machen können. In vielen Reitställen wird dann den meisten von uns vermittelt, dass man sich durchsetzen muss und wer das am besten kann, wird bewundert. Schleifen bekommen leider auch nicht die, die pferdegerecht handeln, sondern oft ausgerechnet die, die in Rollkur-Manier trainieren und kein Problem damit haben, Sporen und Gerte zu nutzen. 

Hinzu kommt noch die Tatsache, dass Mädchen (und Frauen) untereinander extrem fies sein können. In Pferdeställen geht es letztlich immer um eine ebenso begehrte wie auch begrenzte Ressource, denn nicht jede, die gerne ein Pferd hätte, darf auch eines haben, also wird oft mit allem gekämpft, was zur Verfügung steht.  Wie gesagt, es gibt Ausnahmen, aber was ich hier skizziere ist leider noch immer „ganz normal“ …

Keine konstruktiven Energien in Sicht

Nur selten gibt es in den Ställen Erwachsene, die bereit oder in der Lage sind, die vielen Emotionen, die in Pferdeställen aus den unterschiedlichsten Gründen hochkochen, überhaupt zu erkennen, geschweige denn in halbwegs vernünftige Bahnen zu leiten. Zu oft sind wir alle selbst viel zu sehr emotional verstrickt und selbst wenn jemand versucht etwas zu verändern, wird nicht selten genau diese Person gemeinschaftlich gemobbt. 

Die Leidtragenden in dem Spiel sind nicht nur wir selbst, sondern eben immer auch die Pferde, denn der Frust, die Wut, die Angst, der Ärger, die Traurigkeit und viele andere negative Gefühle, die in Reitställen einen leider perfekten Nährboden finden, entladen sich fast immer auch im Umgang mit den Tieren. So kommt es, dass selbst Kinder und Jugendliche schon tierschutzrelevantes Verhalten zeigen – niemand hat ihnen vermittelt, dass das falsch ist und niemand hat ihnen gezeigt, wie es anders geht. Und als Erwachsene machen wir dann oft weiter, weil wir es nicht besser wissen und können. 

Wir müssen lernen, anders mit uns selbst und mit anderen umzugehen

Einmal mehr geht es darum, bei uns selbst anzusetzen – und das im denkbar besten Sinne! 

Ich weise ja oft darauf hin, wie wichtig Selbstreflexion ist, also die Bereitschaft, das eigene Tun immer wieder zu hinterfragen. Dabei geht es aber keinesfalls nur um Selbstkritik, ganz im Gegenteil: es geht auch um Selbstversöhnung, Selbstannahme und Selbstfürsorge. Denn all das ist wichtig, damit wir überhaupt in der Lage sind, etwas zu geben – anderen Menschen, anderen Wesen. 

Selbstreflexion ermöglicht uns zu erkennen, wenn es uns nicht gut geht, also dass wir zum Beispiel traurig sind, frustriert, wütend, gereizt, müde oder erschöpft. Selbstreflexion ermöglicht uns herauszufinden, was wir brauchen, damit es uns wieder besser geht, und was wir uns Gutes tun können, damit wir wieder zu Kräften kommen. Selbstreflexion ist auch die Basis dafür, im Miteinander mit anderen Menschen klare Grenzen setzen zu können und konstruktive Beziehungen zu gestalten.

Damit es unseren Pferden gut geht, muss es auch uns selbst gut gehen – das ist eine Lektion, die ich selbst über viele Jahre und leidvolle Irrwege begriffen habe. Mit Artikeln wie diesen möchte ich Euch dazu ermutigen, Euch selbst besser kennen zu lernen und zu entdecken, wie Ihr seid, wenn Ihr in Eure Kraft kommt und was Ihr zu geben habt, wenn es Euch gut geht. Ich bin fest davon überzeugt, dass es diese Kräfte sind, die Reitställe zu den Oasen machen können, die wir uns doch eigentlich alle wünschen – denn: Die Pferde warten schon auf uns, um genau das mit uns zu leben!

Pferdeschutz beginnt bei uns selbst

2. Oktober 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse 8 Kommentare »

Buchtipp: Was fühlt das Reitpferd? von Marlitt Wendt

„Was fühlt das Reitpferd? Signale richtig deuten – Partnerschaft verbessern“ von Marlitt Wendt
Stuttgart: Kosmos, 2018. – 158 S.
ISBN:9783440158623
ca. 27,– EUR (gebunden, durchgehend farbige Fotos)

Endlich wieder in neues Buch von Marlitt Wendt! Und noch dazu ein ausgesprochen Wichtiges, denn es kann eine klaffende Lücke im Wissen vieler Pferdemenschen schließen.  

Die Verhaltensbiologin arbeitet in „Was fühlt das Reitpferd?“ sehr detailliert heraus, woran sich Stress, Schmerzen, Angst und andere Gefühle bei Pferden erkennen lassen, ganz allgemein und speziell unter dem Sattel. Dazu werden zahlreiche Fotos, aber auch Zeichnungen genutzt, anhand derer man seinen Blick effektiv schulen kann. Leider sind von denen, die mit Pferden zu tun haben, immer noch viel zu wenige überhaupt in der Lage zu erkennen, wann es einem Pferd nicht gut geht, wann es besorgt oder gestresst ist und wann es sogar Schmerzen hat – ein Manko, das zu viel vermeidbaren Leid führt. Die subtile Mimik wird oft nicht einmal wahrgenommen und Verhalten fehl interpretiert. Da werden Pferde schnell als „ungehorsam“, „bockig“ oder „stur“ bezeichnet, dabei stehen sie in Wahrheit vielleicht unter einem enormen Stress, haben Angst oder sogar Schmerzen. Das muss sich ändern und dieses Lehrbuch bietet genau dazu wichtiges Grundlagenwissen.

Indem wir ein Pferd reiten, verlangen wir von ihm etwas, für das es natürlicherweise nicht gemacht ist. Das wissen zwar viele, aber leider sind lange nicht so viele bereit, daraus auch Konsequenzen zu ziehen: Dazu gehört vor allem auch, die eigene Reitweise und das eigene Können immer wieder selbstkritisch zu hinterfragen, bewusst und achtsam auf die Signale des Pferdes zu achten und angemessen darauf zu reagieren. Es ist wichtig, Pausen zu machen, wenn das Pferd Stress zeigt oder abzusteigen, wenn das Pferd Angst hat. Weiterhin lässt sich mittels eines belohnungsbasierten Trainings eine viel effektivere Kommunikation mit dem Pferd verwirklichen als mit herkömmlichen Ansätzen, die mit Druck und Strafen arbeiten. Wer pferdegerecht reiten und trainieren will, sollte das beachten.

Ganz am Ende des Buches spricht Marlitt Wendt von „den Opfern unseres Freizeitvergnügens“ und meint damit diejenigen Pferde, die abgestumpft und depressiv innerlich aussteigen und zu „seelenlosen Hüllen“ werden. Leider betrifft das keine Minderheit. Wer mit dem Wissen aus diesem Buch, einem offenen Herzen und auch mit dem Mut zur Selbstkritik in die Pferdewelt schaut, wird sie leider überall finden – auf Turnierplätzen genauso wie in Freizeitreiterkreisen, unter Dressurreitern wie unter Spring-, Western- oder Distanzreitern, unter Kutsch- wie unter Showpferden, also überall und das rasseübergreifend.  Damit sich das ändert, braucht es ein wachsendes Bewusstsein über die Bedürfnisse von Pferden und die Bereitschaft, nicht länger konventionellen Wegen zu folgen, sondern mit echtem Mitgefühl das zu leben, von dem wir alle doch behaupten, dass wir es haben: eine Liebe zum Pferd. „Was fühlt das Reitpferd?“ sensibilisiert eindringlich dafür, wie wichtig es ist, die eigenen Nutzungsansprüche zugunsten eines pferdegerechten, fairen und verständnisvollen Umgangs mit dem Pferd loszulassen.

Fazit: Ein sehr wichtiges Buch, das klar benennt, dass das, was wir als Freizeitvergnügen sehen – nämlich das Reiten eines Pferdes – sehr oft auf Kosten der Tiere geht und für sie nicht selten mit Stress und Schmerzen verbunden ist. Das kann jeder erkennen, der bereit ist, Pferdemimik und Körpersprache zu lesen. Dieses Buch macht auch deutlich, dass es möglich ist, sehr vieles zum Guten zu ändern, indem wir besser auf unsere Pferde achten und das Miteinander von Mensch und Pferd zu etwas Freudvollem für beide Seiten zu gestalten. 

Was fühlt das Reitpferd

Direkt beim Kosmos-Verlag bestellen. 

 

18. September 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Buchtipps, Reiten 1 Kommentar »

Reite ich mein Pferd schmerzfrei?

Die Überschrift zu diesem Blogbeitrag stellt eine Frage, die für viele von uns ziemlich unangenehm ist. Unangenehm deshalb, weil bekannt ist, dass Pferde eigentlich nicht dazu gemacht sind, unser Gewicht zu tragen. Unangenehm, weil wir nicht immer sicher sein können, dass die Art, wie wir reiten, gut für das Pferd ist. Und vielleicht auch unangenehm, weil viele von uns Reiter/innen schon manches getan haben (und tun), von dem wir wissen, dass es nicht richtig war (und ist). Mir geht es jedenfalls so.

Aber, so unangenehm sie ist, so sollte sie uns präsent sein, zumindest immer mal wieder. Denn nur, wenn wir unser Tun (in diesem Fall unsere Reiterei) selbstkritisch hinterfragen, können wir erkennen, ob wir unserem Pferd vielleicht ungewollt Schmerzen bereiten (s. zu diesem Thema auch unsere Artikel Der hat nichts, der läuft doch und Schmerzen beim Pferd erkennen) und damit die Freude am Miteinander nehmen.

Ist Reiten denn etwas Schlimmes? 

Grundsätzlich kann Reiten etwas Wundervolles sein. Wenn Pferd und Mensch als Paar einen gemeinsamen Weg finden, kann Reiten zum Tanz und zur Quelle von Freude von beiden werden.

Damit das aber möglich wird, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: 

  • Das Pferd muss in der Lage sein, den Menschen schmerzfrei und schadlos zu tragen; zu beachten sind hier insbesondere das Alter des Pferdes, sein Gesundheitszustand, sein Ausbildungsstand und anderes.
  • Der Mensch muss einen Weg der Kommunikation finden, in dem er dem Pferd seine Wünsche mitteilen kann, ohne ihm dabei wehzutun oder es einzuschüchtern. 
  • Das Pferd muss den Menschen freiwillig tragen und nicht, weil es Angst vor Strafen und Schmerzen hat. 
  • Das Pferd muss dem Menschen vertrauen.
  • Das Reiten muss in dem Maße stattfinden, in dem das jeweilige Pferd in der jeweiligen Situation ihm sowohl körperlich als auch seelisch gewachsen ist. 

Zeichen für Schmerzen bei gerittenen Pferden

Wenn Pferde beim Reiten Schmerzen haben, dann kann sich das sehr unterschiedlich äußern: 

  • Sie ticken oder lahmen deutlich. 
  • Sie drücken den Rücken weg. 
  • Sie stürmen oder schleichen. 
  • Sie schlagen mit dem Kopf oder verkriechen sich hinter dem Zügel. 
  • Im schlimmsten Fall buckeln oder steigen sie, um den Menschen (also den Schmerzauslöser) loszuwerden. 

Wodurch können wir Schmerzen beim Reiten auslösen?

Hier sind die Möglichkeiten leider vielfältig: 

  • Durch tierschutzrelevante Ausbildungs- und Reitmethoden, wie z.B. die Rollkur,
  • wenn das Pferd uns auf eine ungute Weise zu tragen versucht,
  • wenn wir es mit zu viel Gewicht belasten,
  • wenn wir ein junges Pferd zu früh reiten oder ein altes Pferd zu lange, 
  • durch eine harte Hand oder grobe Zügeleinwirkung und/ oder einen zügelabhängigen Sitz („an den Zügeln festhalten“), sowie durch ein Strafen durch Zügelzug oder gar ein Reißen an den Zügeln, 
  • durch einen unausbalancierten Sitz, durch den wir dem Pferd in den Rücken fallen, 
  • durch eine zu starken Schenkeleinwirkung, auch Bolzen genannt, 
  • wenn wir mit der Gerte schlagen,
  • wenn wir mit Sporen pieksen oder gar zustechen,   
  • durch scharfe Gebisse, vor allem solche, die durch eine Hebelwirkung unsere Kraft verstärken (und Pferden im Schlimmsten Fall den Kiefer oder das Nasenbein brechen), 
  • durch Hilfszügel, die unsere Kraft verstärken, wie z.B. Schlaufzügel, 
  • durch unpassendes Zubehör, insbesondere unpassende Sättel, aber auch kneifende oder zu eng geschnallte Zäumungen
  • und anderes mehr.

Schmerzen unter dem Reiter erkennen lernen

Wir möchten hier ein bisschen dafür sensibilisieren, wie es aussieht, wenn ein Pferd einen Reiter auf eine ungute und eben auch schmerzhafte Weise trägt.

Anregung: Vergleicht die folgenden Bilder einmal mit dem, was Ihr landauf, landab in Reitbahnen oder auf Turnieren sehr, leider selbst auf Weltsport-Veranstaltungen. 

Auf dem folgenden Foto ist ein Pferd zu sehen, dass unter seinem Reiter deutlich den Rücken weg- und den Unterhals herausdrückt. Die eingezeichneten Linien und Pfeile verdeutlichen die entscheidenden Punkte und weist darüber hinaus auf den vor Anspannung und/oder Schmerz abgestellten Schweif und den riesigen Abstand von Hinterbein zum Vorderbein. Das Pferd kann auf diese Weise kein Gewicht auf der Hinterhand aufnehmen.

Dieses Pferd trägt seinen Reiter in diesem Moment auf die denkbar ungünstigste Art. Wir müssen davon ausgehen, dass ihm das nicht nur unangenehm ist, sondern Schmerzen bereitet. Wird ein Pferd oft oder gar dauerhaft so geritten, wird es davon erhebliche Verspannungen und Schmerzen und sehr wahrscheinlich auch gesundheitliche Schäden davon tragen. So sollte kein Pferd unter dem Sattel aussehen! 

Schmerzen durch das Reiten

Wichtig: Diesem Pferd nun einfach mit Hilfszügeln den Kopf herunterzwingen, würde NICHTS an der Situation ändern, sondern den Schmerz, die Verspannungen und das Unvermögen, das Reitergewicht auf eine gute Art tragen zu können, noch verstärken. Hier muss an der Basis neu und behutsam aufgebaut werden, damit das Pferd lernen kann, das Reitergewicht auf eine gute Art zu tragen – und das gilt für Pferd und Reiter. 

Auf dem folgenden Bild lassen sich anhand der Mimik und des Halses des Pferdes viele Details benennen, die zeigen, dass sich dieses Pferd nicht wohl fühlt und sehr sicher Schmerzen hat. Gekennzeichnet sind hier im Uhrzeigersinn:

  • der in sich gekehrte Blick,
  • der viel zu eng verschnürte Sperrriemen, der es dem Pferd unmöglich macht, dem Schmerz, der durch den harten Zügeleinsatz ausgelöst wird, Ausdruck zu verleihen (es würde in dieser Situation das Maul weit aufreißen!),
  • die geblähten Nüstern,
  • die durch den Zug am Zügel und den eng zugeschnürten Sperrriemen eingeklemmten Maulwinkel,
  • der herausgedrückte Unterhals
  • und die eingequetschte Ohrspeicheldrüse durch den vom Reiter ausgelösten Ganaschenzwang

Schmerzen durch das Reiten

Und zum Schluss noch ein Bild von einem Pferd, dessen Blick uns alles sagen sollte. Die leider noch immer „moderne“ und verbreitete Reitweise des „Deep and Low“ oder auch Hyperflexion oder Rollkur genannt, zwingt Pferde durch schmerzhaften Zügelzug in eine vollkommen unnatürliche Haltung, die es ihm unmöglich macht, das Reitergewicht auf eine gesunderhaltende oder entspannte Weise zu tragen. Zu den körperlichen Beschwerden, die diese Reitweise auslöst, kommt auch noch die psychische Komponente, denn Pferde, die so geritten werden, werden ihres natürlichen Sichtfeldes beraubt, was unter anderem zur so genannten erlernten Hilflosigkeit führt. Eine solche Art zu reiten ist schlicht und einfach Tierquälerei, auch wenn damit leider noch immer Medaillen gewonnen werden…

Schmerzen durch das Reiten

Hinweis: Auf all diesen Fotos sind noch nicht einmal Hebelgebisse oder Schlaufzügel zu sehen, mit denen Pferden in einem vielfachen Maß Schmerzen zugefügt werden können. Leider ist Reitsportzubehör, welches physikalische Prinzipien nutzt, um die Kraft, die wir ausüben können, um ein Vielfaches zu erhöhen, noch immer frei käuflich. Die Schmerzen, die wir Pferden mit Stangengebissen, Schlaufzügeln & Co gewollt oder ungewollt zufügen können, sind immens und können zu schweren Verletzungen wie Kieferbrüchen oder Wirbelverletzungen führen. Hilfsmittel dieser Art gehören nicht einmal in „Profihände“, sondern schlicht und einfach verboten.

Bitte schaut hin und schenkt Pferden Eure Stimme

Reiten, das so aussieht, wie auf den hier gezeigten Bildern, ist Reiten, das Pferden Schmerzen und Qualen bereitet. Kein verantwortungsvoller Reiter, der von sich behauptet, Pferde zu lieben, sollte sein Pferd so reiten oder von einem „Ausbilder“ reiten lassen. Und wir alle sollten auch nicht länger zuschauen, wenn Pferde so geritten werden, sondern hier müssen wir eingreifen und zur Stimme unserer Pferde werden, denn sie leiden stumm. 

Pferdeleid ansprechen

 

Tipp: Wer dieses Thema vertiefen möchte, dem sei das neue Buch von Marlitt Wendt empfohlen, dass wir nächste Woche ausführlich vorstellen werden: „Was fühlt das Reitpferd?“

4. September 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Gesundheit, Reiten 4 Kommentare »

Was Pferde bei großer Hitze brauchen

Wir erleben gerade einen Sommer, wie wir ihn schon lange nicht mehr hatten: anhaltend heiß und trocken. Während im Winter viele schnell besorgt um ihre Lieblinge sind und dafür Sorge tragen, dass sie nicht frieren oder nass werden, macht sich manch einer an heißen Tagen ein bisschen zu wenig Gedanken…

Tatsächlich können die meisten Pferde nämlich Kälte besser ab als große Hitze (… Ausnahmen bestätigen die Regel). Ab 25 °C wird es vielen Pferden zu warm und Pferde können, genau wie wir Menschen, einen Sonnenstich oder einen Hitzschlag bekommen. Auch wenn Pferde sich durch Schwitzen ein Stück weit an Hitze anpassen können, können sie nur 30% des Schweißes zur Kühlung nutzen (bei uns Menschen sind es 50%). Noch schwieriger wird es für sie bei schwüler Feuchte: dann verschafft der Schweiß kaum noch Kühlung und sie fühlen sich, als ständen sie in einer heißen Blase. Die Körpertemperatur von Pferden kann bei starker Hitze bis zu 41°C, in den Muskeln sie sogar bis 43°C ansteigen. In der Folge beginnen Proteine, sich zu zersetzen und es kann zu fallendem Blutdruck, Koliken und einem Versagen der Nieren kommen. Zu starke Hitze ist also nicht zu unterschätzen. Aber, bitte auch keine Panik bekommen, solange die folgenden Punkte beachtet werden, kommen fast alle Pferde bestens durch den Sommer:

Was Pferde im Hochsommer brauchen

Bei großer Hitze brauchen Pferde vor allem drei Dinge:

  • ausreichend Wasser,
  • die Möglichkeit, sich in den Schatten zu stellen,
  • und ein dem Wetter angepasstes Training. 

Pferde müssen ausreichend trinken

Wasser sollte grundsätzlich immer frei zur Verfügung stehen. Bei Selbsttränken ist der Punkt eigentlich abgehakt, aber es gibt Pferde, die von sich auch nicht ausreichend trinken. Hier ist angeraten bei sehr heißer Witterung bewusst darauf zu achten, welche Pferde wirklich trinken.

Wer aus Bottichen tränkt, sollte bedenken, dass Pferde an sehr heißen Tagen durchaus mehr trinken, so dass immer eingerechnet werden sollte, dass das Wasser schneller alle sein kann als gewohnt. Auch kann es immer mal sein, dass ein Bottich umgeworfen wird, also lieber einen mehr hinstellen (das wäre allerdings auch grundsätzlich sinnvoll, nicht nur bei Hitze). 

Pferde brauchen Schatten

Mit dem Schatten ist es oft nicht so leicht.

Ideal ist natürlich, wenn die Pferde Möglichkeit haben, jederzeit Schatten aufzusuchen, also zum Beispiel in einen Unterstand zu gehen oder wenn es ausreichend Bäume gibt, die natürlichen Schatten spenden. 

Pferde Hitze

Gibt es keine Bäume oder reicht der Schattenplatz nicht für alle aus, müssen wir nachhelfen. Da aber liegen uns einige Steine im Weg, denn es ist in den meisten Fällen nicht erlaubt, feste Unterstände auf Weiden oder Paddocks zu errichten. Aber auch hier gibt es inzwischen trickreiche Alternativen, wie z.B. so genannte „Event-Zelte“, wie wir nun auch eines für unsere Pferde haben:

Hitze Pferd

Mit einer Grundfläche von 42qm bietet ein solches Zelt bei praller Mittagssonne Schutz direkt darunter und sonst durch Schattenwurf auch drum herum. Diese Zelte sind leicht aufzubauen, gut zu fixieren und sollen einiges aushalten – kleiner Tipp gleich dazu: Am besten von Beginn an die Beine mit festen Pfosten verstärken und sie bei schweren Gewittern abbauen. Finanziell sind sie zwar nicht billig, aber zumindest günstiger als die meisten festen Alternativen, mit dem Vorteil, dass sie bei Bedarf schnell ab- und wieder aufgebaut werden können. Für manche Pferde sind solche Zelte vielleicht zunächst eine Herausforderung, aber mit etwas Geduld und gutem Zureden werden die meisten sicher zu überzeugen sein, dass die Sache ungefährlich ist. Ist erstmal einer mutig, folgen die anderen meist auch.

Besteht auch diese Möglichkeit nicht, sollte darüber nachgedacht werden, die Pferde tagsüber in den Stall zu holen und nachts rauszulassen. Das wissen viele Pferde nicht nur wegen der Hitze, sondern auch wegen der lästigen Bremsen zu schätzen. 

Das Training anpassen

Heißes Wetter ist für jeden Organismus eine Herausforderung und nur weil wir selbst vielleicht erst ab 25°C so richtig munter werden, sollten wir davon nicht auch bei unseren Pferden ausgehen. Im Gegenteil: In heißen Phasen sollte das Training unbedingt angepasst werden und auf sportliche Hochleistungen, wie z.B. auf Turnierprüfungen oder gar Rennen oder Distanzritte u.ä. verzichtet werden.

Beachtet bitte auch, dass die Motivation und der Eifer möglicherweise geringer ist als sonst und seid in dem Fall nachsichtig mit Euren Pferden. Vielleicht ist auch einfach mal eine Pause angesagt? Auch Pferde freuen sich über Ferien. 

Extra-Tipp: Wenn es heiß ist, denken viele, sie tun ihrem Pferd mit einer kalten Dusche etwas Gutes. Lest dazu bitte auch noch diesen Artikel, denn nicht alle Pferde sind Fans davon. 

24. Juli 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Gesundheit, Haltung 4 Kommentare »

Der verantwortungsvolle Umgang mit Schmerzen und Beschwerden beim Pferd

In den letzten Beiträgen hier im Blog ging es darum, wie wichtig es ist, Schmerzen und Beschwerden bei unseren Pferden zu erkennen, damit wir sie nicht einfach nutzen, obwohl es ihnen nicht gut geht – siehe dazu Der hat nichts, der läuft doch und Schmerzen beim Pferd erkennen. Heute möchte ich hier noch einige meiner Gedanken auf die Frage, wie wir verantwortungsvoll und pferdegerecht mit Schmerzen und Beschwerden unserer Pferde umgehen können, teilen.

Manchmal gibt es einfache Lösungen

Manchmal gibt es klare und einfache Lösungen: 

  • Ein Pferd zeigt starke Schmerzen in seinem rechten Vorderbein. Es kann damit kaum auftreten und läuft mehr oder weniger auf drei Beinen. Die Diagnose lautet „Hufgeschwür“, das Pferd wird behandelt und erhält einen Angussverband. Nach einigen Tagen geht es ihm deutlich besser, nach einer Woche läuft es wieder lahmfrei. 
  • Ein anderes Pferd zeigt plötzlich beim Reiten Zungenspiele, sperrt das Maul auf und reißt den Kopf hoch. Seine Reiterin vermutet, dass es Probleme mit dem Gebiss hat. Der gerufene Tierarzt findet einen entzündeten Wolfszahn und zieht ihn. Nachdem die Wunde abgeheilt ist, läuft das Pferd wieder zufrieden unter dem Reiter. 

In beiden Fällen wurden die Signale des Pferdes richtig gedeutet und es wurden Maßnahmen eingeleitet, die dem Pferd helfen konnten, so dass es ihm nach kurzer Zeit wieder besser ging. 

… oft aber nicht

In vielen Fällen sieht es aber anders aus. 

  • Ein Pferd geht immer mal wieder lahm. Der gerufene Tierarzt macht Beugeproben, die mal negativ und mal positiv ausfallen. Der Schmied wird gewechselt und das Pferd bekommt einen Beschlag. Dennoch läuft es immer wieder unrund. Selbst das Röntgen der Beine bringt keine neuen Erkenntnisse.
  • Ein anderes Pferd mag sich immer weniger bewegen. Während es früher eher schnell und temperamentvoll war, verweigert es nun mehr und mehr die Mitarbeit. Es sind keine eindeutigen Zeichen für eine Erkrankung zu erkennen. 
  • Und noch ein anderes Pferd reagiert plötzlich aggressiv auf Artgenossen und auch auf Menschen. Keiner kann sich das Verhalten erklären, da das Pferd sonst gesund wirkt. Ein Tierarzt wird nicht gerufen, statt dessen wird das Pferd allein gestellt und das Drohen nach dem Menschen bestraft. 

Schmerzen und Beschwerden bei Pferden werden keineswegs immer gleich als solche erkannt. Sie können durchaus nur sporadisch auftreten, worauf viele dem Pferd unterstellen, dass es simuliert und es trotz Schmerzen weiter (be)nutzen und sich zur Not auch entsprechend „durchsetzen“. Manche Reaktionen oder Verhaltensweisen eines Pferdes werden gar nicht mit möglichen Schmerzen oder Erkrankungen in Beziehung gesetzt, wie z.B. Bewegungsunlust, die dann viel zu oft als „Faulheit“ oder „Sturheit“ gedeutet wird, obwohl vielleicht eine noch nicht erkannte Atemproblematik oder anderes ihm die Bewegung so schwer macht. Solange ein Pferd „nur“ sein Verhalten ändert, ohne dass klare Schmerzsignale zu erkennen sind, reagieren leider viele auf von den eigenen Wünschen abweichendes Verhalten eines Pferdes unwirsch und bestrafen solche „Unarten“ oder „Widersetzlichkeiten“. Dabei zeigt das Pferd so vielleicht nur auf seine Art, dass es nicht kann oder ihm etwas weh tut.

Wenn wir nicht erkennen, dass ein Pferd Schmerzen oder andere Beschwerden hat, können wir dadurch, dass wir es weiter „normal nutzen wollen“ und gegebenenfalls diese Nutzung mit Nachdruck oder gar Gewalt durchsetzen, das Vertrauen des Pferdes verspielen und die Beziehung vergiften. Hinzu kommt unser eigenes ungutes Gefühl, das schlechte Gewisse und die Tatsache, dass alles immer weniger Spaß macht…  

Den Weg MIT dem Pferd gehen

Ein verantwortungsvoller Umgang mit einem Pferd heißt für mich, den Weg immer MIT dem Pferd zusammen zu gehen und nicht gegen es. Das gilt ganz allgemein und eben auch für den Umgang mit Krankheiten, Schmerzen und Beschwerden. Natürlich sind wir Menschen es, die die Entscheidungen treffen, aber wir sollten das nie tun, ohne genau auf unser Pferd zu achten, auf seine Reaktionen, seine Signale, seine Stimmungen. Sie zeigen uns so viel, wenn wir bereit sind, hinzuschauen und hinzufühlen. 

Hier habe ich einmal einige Punkte zusammengestellt, die ich für wichtig halte, wenn das Pferd sich anders als gewohnt oder gewünscht verhält, wenn es krank wird oder Schmerzen hat: 

  • Wann immer sich etwas ändert im Verhalten unserer Pferde, sollten wir innehalten und hineinspüren: Was könnte uns das Pferd damit sagen wollen? Welche Ursachen kann sein Verhalten haben? Wen können wir um eine Einschätzung bitten, wenn wir selbst unsicher sind?
  • Wenn wir die Vermutung haben, dass es unserem Pferd nicht gut geht oder das es Schmerzen hat, sollten wir uns fachlichen Rat holen – und zwar nicht von irgendjemanden, sondern von Menschen, die wirklich Ahnung haben, also einem guten Tierarzt, einen guten Physiotherapeuten/Osteopathen, einem guten Hufpfleger, je nachdem in welchem Bereich die Beschwerden vermutet werden. 
  • Bei jeder Behandlung und Therapiemaßnahme gilt es ebenfalls, gut auf das Pferd und seine Reaktionen zu achten. Wenn das Pferd zu einer Behandlung deutlich nein sagt, wird sie nur schwer durchzuführen oder durchzuziehen sein. Auch hier gilt es, MIT dem Pferd zu arbeiten und nicht einfach blind Anweisungen zu folgen, selbst wenn sie eigentlich sinnvoll und richtig sind. Für Gesundwerdung und Heilung ist in gewissem Maße das Ja des Pferdes und seine Bereitschaft zur Mitarbeit nötig. 
  • So sehr wir auch wollen, dass unser Pferd möglichst schnell wieder beschwerdefrei ist, so sollten wir nicht alles, was möglich ist, auf einmal angehen. Zu viele Behandlungsansätze gleichzeitig schaden oft mehr als sie nutzen. Wichtig ist eine wirklich auf das jeweilige Pferd abgestimmte Behandlung, die den Körper, aber auch die Psyche des Pferdes berücksichtigt. Manchmal ist weniger mehr und oft braucht es vor allem Zeit und Geduld. 
  • Es gilt sich vor zu vielen „guten Ratschlägen“ zu schützen, denn davon kommen meist reichlich, wenn ein Pferd erkrankt. Jeder weiß dann genau, was wir tun sollten und jeder hat noch eine Methode parat, die wir noch nicht ausprobiert haben. So gut das gemeint sind, so basieren viele „Tipps“ leider oft auf Halbwissen, Einzelerfahrungen oder auch persönlichen Vorlieben und Interessen. Hier gilt es, besonnen zu sein und in Absprache mit den Menschen, denen man wirklich vertraut, Entscheidungen zu treffen, die sich rund und stimmig anfühlen. 
  • Die Frage, ob und wie ein Pferd, das Beschwerden oder Schmerzen hat, genutzt werden kann oder soll, ist nie leicht zu beantworten. Pauschalvorgaben wie „Bewegung tut immer gut“ können genauso falsch sein wie ein Pferd aufgrund gesundheitlicher Probleme abrupt zum Rentner zu erklären und aufs Abstellgleis zu schieben. Hier gilt es ganz besonders, gut auf das Pferd und seine Reaktionen zu achten. Sie können uns durchaus zeigen, ob ihnen Bewegung gut tut, ob sie auch mit Schmerzen Freude am Tun haben und ob sie die Aktivitäten mit uns schätzen oder nicht. Hier ist unser Einfühlungsvermögen genauso gefragt, wie ein zu schulendes Auge, um immer besser zu erkennen, was in der jeweiligen Situation angemessen ist und was nicht. 
  • Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich Beschwerden bei unseren Pferden nicht immer durch einfache Maßnahmen beheben lassen. Oft ist es schon schwer genug, die tatsächliche Ursache zu finden und selbst wenn das der Fall ist, gehen Heilungsprozesse von Krankheiten oft ihre eigene Wege und dauern viel länger als gedacht. Dann sind Geduld und starke Nerven gefragt. Oft gibt es auch keine klare Besserung, so dass das Pferd und sein Mensch mit den Schmerzen und Beschwerden leben lernen müssen. Das ist oft eine sehr schwierige Herausforderung, da hier Sorgen, Zweifel, Ängste, Frust und vieles mehr hineinspielt.
  • Ob und inwieweit ein Leben mit Schmerzen oder anderen Beschwerden lebenswert für ein Pferd ist, kann nur im Einzelfall entschieden werden. So wie auch wir Menschen mit Schmerzen leben lernen können, können auch Pferde fröhlich sein, obwohl ihnen etwas weh tut. Andere geben sich innerlich auf und wollen nicht mehr. Wenn wir hier bereit sind, sehr aufmerksam in unser Pferd fühlen und achtsam für das sind, was sie uns mitteilen, können wir auch hier eine Entscheidung MIT dem Pferd darüber treffen, was zumutbar ist und was nicht. Es kann zusätzlich sehr gut tun, sich mit jemanden auszutauschen, der selbst schon in einer ähnlichen Situation war und dem man vertrauen kann. Ein Blick von außen und auch Gedanken eines anderen können manchmal sehr hilfreich sein – allerdings nur in Maßen, wenn sich zu viele einmischen, schadet es fast immer mehr als dass es nutzt. 
  • Wichtig ist vor allem bei längeren Krankheitsprozessen oder chronischen Erkrankungen, dass wir auch immer wieder bei uns selbst bleiben und uns über unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusst werden. Ein krankes Pferd kann vieles auslösen: Sorgen, Angst, Frust, manchmal auch Hilflosigkeit, Ohnmacht,Wut und anderes mehr. All das ist menschlich und verständlich, nur sollten wir unsere Gefühle nicht unbewusst ungefiltert am Pferd auslassen, wie es leider immer wieder zu erleben ist. 
  • In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, sehr bewusst darauf  achten, dass wir unser Pferd nicht „krank gucken“ oder „krank denken“. Gerade wenn wir dazu tendieren, uns immer viele Sorgen zu machen, liegt unser Fokus oft zu sehr auf dem, was nicht ok ist und wie verlieren das Gesamtbild aus den Augen. Pferde können, genau wie wir Menschen, trotz einer Erkrankung oder Beschwerden ein fröhliches und zufriedenes Leben führen, sofern sie entsprechend der Problematik behandelt werden. Je besser wir selbst ja zu der Situation sagen können, desto weniger belasten wir unser Pferd mit unseren eigenen Sorgen und Ängsten.

Keiner kann wissen, was kommt

Indem wir uns ein Pferd anschaffen, übernehmen wir eine Verantwortung, derer wir uns zwar vom Kopf her meist bewusst sind, aber deren Tragweite sich nie wirklich erfassen lässt. 20 Jahre lang ein kerngesundes Pferd zu haben, das einem nichts krumm nimmt und das von Natur aus ein Sonnenschein ist, ist eine ganz andere Nummer als zum Beispiel einen starken Ekzemer, einen chronischen Huster oder ein Pferd mit regelmäßig wiederkehrenden Koliken zu haben… 

So sehr wir uns alle ein gesundes Pferd wünschen, so entwickeln sich die Dinge in der Realität oft anders. Wenn wir uns ein Pferd anschaffen, haben wir oft viele schöne Vorstellungen: Wir träumen vielleicht von langen Ausritten, von Tuniersiegen, Kutschfahrten oder Vorführungen von Zirkuslektionen. Wird unser Pferd mal krank oder verletzt es sich, geben wir ihm gerne eine Pause und warten, bis es ihm wieder gut geht. Doch dann kommt es vielleicht zu einer langwierigen Erkrankung oder einem Unfall, wodurch unser Pferd dauerhaft nicht geritten oder gearbeitet werden kann. Vielleicht erreicht es nie wieder seine volle Einsatzfähigkeit, sondern, im Gegenteil, sein Zustand wird immer schlechter. Auf diese Weise werden Ziele, Träume und Hoffnungen durch Angst, Frust und Geldsorgen abgelöst. Und damit müssen wir leben lernen – je bewusster wir das tun, desto besser wird es uns gelingen. 

Der Verantwortung gerecht werden

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Schmerzen und Beschwerden bei unseren Pferden ist eine große Aufgabe und eine nicht immer einfache Herausforderung.

  • Es geht um die Bereitschaft, sich intensiv mit dem Wesen Pferd zu befassen, um es immer besser zu verstehen und ihm gerecht zu werden.
  • Es geht darum zu verstehen, dass Pferde keine Sportgeräte sind und dass wir kein Recht auf Nutzung haben, nur weil wir viel Geld für sie bezahlen. 
  • Es geht darum, eigene Erwartungen und Bedürfnisse manchmal nicht nur für eine gewisse Zeit zurückzustellen, sondern vielleicht auch ganz loszulassen.
  • Es geht darum, dem Pferd auch trotz Beschwerden die Möglichkeit zu geben, ein lebenswertes Pferdeleben zu führen – einerseits indem wir die dafür nötigen Voraussetzungen schaffen (das betrifft die Haltung, Fütterung, Behandlungen u.a.) und andererseits daran arbeiten, dass nicht die Beschwerden und unsere Sorgen im Mittelpunkt stehen, weil wir sonst ausbrennen, sondern die gemeinsame Beziehung und das, was trotz allem noch Schönes zusammen gemacht und erlebt werden kann, damit wir daraus immer wieder Kraft schöpfen können. 
  • Es geht in manchen Fällen darum, zu lernen mit immer wieder aufkeimenden und enttäuschten Hoffnungen umzugehen, wenn Therapien erst zu greifen scheinen, aber es dann doch wieder zu Verschlechterungen kommt, obwohl man viel Geld für Tierärzte und Behandlungen ausgibt; und manchmal steht auch eine endgültige Entscheidung an.
  • Und so gut wie immer geht es auch darum, sich mit persönlichen Schlüsselthemen zu befassen, wie zum Beispiel Verlustängste, Ehrgeiz, Umgang mit Frust, Selbstfürsorge und anderes mehr.

Es geht auch um uns selbst

Ich weiß aus eigener Erfahrung nur allzu gut, wie schwer die Verantwortung wiegen kann, die wir mit dem Kauf eines Pferdes übernehmen. Wir dürfen dabei aber nicht die Verantwortung vergessen, die wir für uns selbst haben. Nur wenn wir wenigstens halbwegs gut für uns selbst sorgen, können wir auch gut für ein anderes Wesen sorgen.

Es ist wichtig, dass wir uns zwar immer wieder selbst hinterfragen, aber gleichzeitig müssen wir uns auch bewusst machen, unser Bestes zu geben. Manches können wir beeinflussen und aufhalten, aber nicht alles verhindern. Ich denke, es ist eine Aufgabe, dass wir lernen ja zu sagen zu dem, was ist, also zu akzeptieren, dass es nicht so gekommen ist, wie wir es uns gewünscht haben, aber dass wir tun, was wir können. Es ist ganz wichtig, bei allem nicht die Freude am Miteinander zu verlieren. Und genauso dürfen auch mal einfach nur traurig oder frustriert sein darüber – das alles gehört dazu.

Tipp: Für alle, die sich hier berührt fühlen, kann mein Freudekurs eine gute Unterstützung sein. 

Wenn wir merken, dass uns die Sache aufzufressen beginnt, steht an, dass wir uns Hilfe suchen – Hilfe bei der Betreuung und Versorgung unseres Pferdes, aber vielleicht auch Hilfe dabei, mit den Sorgen umzugehen, mit der Angst um unser Pferd, mit den Ansprüchen, die wir an uns selbst haben oder mit der Wut in uns oder der Ohnmacht. Eine Erkrankung unseres Pferdes kann uns sehr klar zu einem Punkt führen: und zwar zu uns selbst.  

Verantwortung Pferd

17. Juli 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Gesundheit 5 Kommentare »

Schmerzen beim Pferd erkennen

Im letzten Blogbeitrag ging es darum, dass Pferde oft trotz Schmerzen genutzt werden. Dabei taucht schnell die Frage auf, wie man eigentlich Schmerzen beim Pferd erkennt. Wir haben hier einmal eine ganze Reihe von Verhaltensauffälligkeiten und körperlichen Anzeichen für mögliche Schmerzen zusammengetragen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Schmerzen sind immer individuell und können sich deshalb auch sehr unterschiedlich zeigen.

Mögliche Anzeichen von Schmerzen anhand des Verhalten des Pferdes

Pferde zeigen durch vielfältige Reaktionen, dass ihnen etwas unbehaglich ist oder Schmerzen bereitet. Einige sind als Schmerzäußerungen allgemein bekannt, viele von ihnen werden aber leider noch immer als „Unarten“ interpretiert und sogar bestraft: 

Als Schmerzäußerung weitestgehend bekanntes Verhalten: 

  • Lahmen (von leichtem Humpeln bis hin zu einem Stehen auf drei Beinen, das schmerzende Bein wird nicht mehr aufgesetzt, sondern hochgehalten),
  • Entlastungshaltung, wie z.B. dem Nach-Hinten-Lehnen eines an Rehe erkrankten Pferdes,
  • ein auffälliges und wiederholtes Zum-Bauch-Schauen bei Bauchschmerzen und Koliken, 
  • eine „aufgezogene“ Atmung, bei der es aussieht, als würde das Pferd den Bauch einziehen (siehe dazu auch weiter unten), 
  • Zittern.

Mögliche Schmerzanzeichen, die weniger bekannt sind: 

  • Rücken wegdrücken, 
  • Kopf hochreißen oder Kopfschlagen,
  • wiederholtes Stolpern vorne und/oder hinten,
  • ein Wegsacken der Hinterhand, 
  • Flehmen,
  • auffällig häufiges Gähnen,
  • Zungenspiele oder Aufreißen des Mauls, 
  • Unruhe, Nervosität und Stress, 
  • Schwitzen.

Mögliche Schmerzanzeichen, die viel zu oft als Unarten oder Widersetzlichkeiten interpretiert werden:

  • Scharren,  
  • Losstürmen oder Verweigerung vorwärts zu gehen, 
  • ein Ausweichen bei Berührungen durch die Hand des Menschen oder durch Gegenstände, wie Sattel & Co,
  • Unruhe und Zappeligkeit beim Satteln oder Aufsteigen, beim Putzen, bei der Hufpflege usw., 
  • Schnappen und Beißen,
  • mit der Hinterhand drohen und auch ausschlagen,
  • ungewohntes, aggressives Verhalten in der Herde,
  • Desinteresse an Futter oder anderen Dingen, die dem Pferd eigentlich Freude machen,
  • bei manchen Pferden auch apathisches Herumstehen und „Totalverweigerung“ (was leider häufig als „Ungehorsam“ oder „Sturheit“ interpretiert wird), 
  • plötzliche Verhaltensänderungen.

Es wird anhand dieser Liste deutlich, dass es sehr viele mögliche Anzeichen für Schmerzen gibt und bevor wir ein Pferd rügen oder strafen, sollten wir uns immer nach der Ursache für sein Verhalten fragen. Deshalb ist es wichtig, das eigene Pferd so gut zu beobachten und kennen zu lernen, dass man in der Lage ist Abweichungen im Verhalten zuzuordnen und sie nicht einfach vorschnell als „unerwünscht“ zu bestrafen oder zu übergehen. 

Darüber hinaus werden manche Schmerzäußerungen durch gezielte Maßnahmen unterbunden. So wird z.B. das Maulaufreißen als Schmerzausdruck bei zu starkem Zügelzug oder Beschwerden durch das Gebiss durch Sperrriemen verhindert, indem dem Pferd das Maul zugeschnürt wird. Oder Zungenspiele als Reaktion auf zu groben Zügeleinsatz oder durch Zahnschmerzen werden durch Spezialgebisse verhindert u.ä. Auch hier gilt: Wir müssen die Signale des Pferdes als Anlass nehmen, nach der Ursache zu suchen und dürfen nicht einfach dem Pferd seine Ausdrucksmittel nehmen.  

Das Schmerzgesicht

Neben dem Verhalten gibt auch die Mimik eines Pferdes oft deutlichen Aufschluss über mögliche Schmerzen. Man spricht hier von einem Schmerzgesicht beim Pferd. Wie das aussieht, kann man gut auf den beiden folgenden Fotos einer Stute in den Wehen sehen: Der Blick ist in sich gekehrt, die Adern treten deutlich hervor, die Nüstern sind zusammengezogen, die Kaumuskulatur ist fest angespannt und tritt hervor. 

Schmerzgesicht

Schmerzgesicht

An der Augenpartie sieht man Schmerzen bei Pferden ganz besonders, wie auf dem folgenden Bild deutlich wird: 

Schmerzgesicht beim Pferd

Die Augen können auch tränen oder geschlossen gehalten werden. Bei sehr starken Schmerzen kann das Weiße im Auge sichtbar werden. Der Blick des Pferdes kann aber auch stark in sich gekehrt und wie „abgeschaltet“ wirken, das ist oft bei chronischen Schmerzen der Fall.

Und auch am Maul kann sich zeigen, dass es einem Pferd nicht gut geht: 

Schmerzgesicht beim Pferd

Die Nüstern können auch deutlich hochgezogen sein (sichtbar an den Falten darüber), sehr klein oder auch stark gebläht sein. Oft wirkt auch das Kinn spitz, da die Unterlippe fest angespannt ist.  

Die Ohren hat ein Pferd mit Schmerzen fast immer nach hinten gerichtet oder auch deutlich angelegt. 

Wichtig! Bei akuten Schmerzen sind Schmerzreaktionen und Schmerzgesicht meist ausgeprägter und deutlicher zu erkennen als bei Pferden, die unter chronischen Schmerzen leiden oder denen immer wieder aufs Neue Schmerzen z.B. durch grobes Reiten oder unpassendes Zubehör zugefügt wird. Solche Pferde resignieren und ziehen sich oft in sich selbst zurück. Ein geschultes Auge kann aber das Leid eines Pferdes auch dann noch erkennen und ein offenes Herz kann es fühlen.

Der aufgezogene Bauch

Hier haben wir noch ein Foto von einem Pferd mit einer akuten Stresskolik. Deutlich zu sehen ist die aufgezogene Bauchmuskelpartie, markiert durch die drei Pfeile in der Mitte des Bildes. Der Pfeil links oben zeigt eine stark abgekippte Kruppe, das Pferd zieht regelrecht den Hintern ein. 

Schmerzbauch beim Pferd

Darüber hinaus treten oft auch deutlich die Adern am Oberschenkel des Hinterbeins hervor, was man allerdings beim Winterfell meist nicht so gut sieht. Werft auch einen Blick auf die After-Partie, diese kann durch die Anspannung tief eingezogen sein. 

Hier noch einmal die vor Schmerzen aufgezogene Bauchpartie ohne Pfeile, es sieht aus, als würde das Pferd den Bauch einziehen: 

Kolik

Ein Pferd, das so aussieht, braucht einen Tierarzt

Verantwortung übernehmen aus Liebe zum Pferd

Das Thema Schmerz ist ein trauriges, schwieriges und unbequemes Thema. Es ist verbunden mit Sorgen und der Unsicherheit, was man tun soll, mit Entscheidungen, die getroffen werden müssen und Kosten, die sie verursachen. Es ist auch damit verbunden, dass wir ein Pferd nicht so nutzen können, wie wir das gerne würden, für’s Erste, vielleicht aber auch dauerhaft. Und oft ist es auch verbunden mit Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen. So ist es durchaus nachvollziehbar, dass wir manchmal am liebsten gar nicht so genau hinschauen würden.

Aber wir haben es mit lebendigen Wesen zu tun und damit haben wir eine Verantwortung für dieses Wesen.

Bitte trainiert Euren Blick und lernt, Schmerzen beim Pferd zu erkennen. Sie haben keine Stimme, aber sie „sprechen“ mit uns auf vielfältigste Weise. Es ist unsere Pflicht zu lernen, ihre Signale zu verstehen und ihnen zu helfen.

10. Juli 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Anatomie und Körper, Engagement und Pferdeschutz, Gesundheit, Verhalten 10 Kommentare »

Der hat nichts, der läuft doch… 

Darf man ein lahmendes Pferd reiten? Darf man sich auf ein Pferd setzen, das Rückenschmerzen hat? Darf man ein Pferd mit Gebiss reiten, das Zahnprobleme hat? Mit diesen Fragen, die man eigentlich für rhetorische halten sollte, legen wir einmal mehr den Finger in eine Wunde in der Pferdewelt: Es geht um das Thema Schmerzen beim Pferd und da liegt leider einiges im Argen. 

Ist doch nicht so schlimm!?

Einige Beispiele aus der ganz normalen Pferdewelt: 

  • Da ist der schon etwas betagte Wallach, der seine jugendliche Reiterin mehrfach in der Woche eine Stunde in der kleinen Halle herumträgt. Er tickt dabei auffällig, aber weist man das Mädchen oder deren Mutter darauf hin, dass das Pferd lahmt, sagen die nur: „Ja, der ist schon alt und hat Arthrose. Aber Bewegung ist gut für ihn und so lange er noch läuft, ist alles ok.“ 
  • Oder nehmen wir die junge Stute, die beim Aufsteigen beharrlich solange ausweicht, bis ihre Reiterin irgendwie doch raufkommt und die dann die gesamte Zeit mit durchgedrückten Rücken läuft. Darauf hingewiesen, dass dem Pferd der Sattel vielleicht nicht passt, wird abgewunken: „Doch, der passt, das hat ein Sattler im letzten Jahr gecheckt.“ 
  • Wir können auch einen Blick auf den Spanier werfen, der zu Beginn jeder Reitstunde und jedes Ausritts von sich aus keinen Schritt vorwärts gehen mag. „Ach, der fragt immer nur, wer der Boss ist. Setzt man sich durch, macht er auch alles mit“, ruft seine Besitzerin, während sie ihm eins mit der Gerte auf den Hintern gibt. 
  • Und noch ein Beispiel: Da ist der Haflinger, der seinen Besitzer durchs Gelände trägt, aber dabei sichtlich klamm läuft. Darauf angesprochen, wird erklärt, dass der Schmied gerade da war und der habe wohl etwas zu viel weggenommen, das gibt sich schon wieder. Und in der Herde laufe er prima mit, also könne es ja nicht so schlimm sein. 

In all diesen und leider vielen anderen Fällen zeigen Pferde deutlich, dass sie Schmerzen haben, doch die verantwortlichen Menschen wischen diese mit verschiedenen Aussagen einfach weg. Der gemeinsame Nenner ist der, dass solange das Pferd läuft, es ja auch nicht so schlimm sein kann.

Tja, und genau damit können wir ganz, ganz gewaltig falsch liegen. 

Verstehen, was das Wesen Pferd ausmacht

Dass Pferde Herden- und Fluchttiere sind, hat sich inzwischen herumgesprochen. Was aber aus diesen Tatsachen folgt, leider nicht: 

  • Als Herdentier wird jedes Pferd instinktiv versuchen, Anschluss zu halten – auch unter Schmerzen. Stehen zu bleiben bedeutet zurückzubleiben und das kann sich kein Pferd erlauben. 
  • Als Fluchttiere müssen Pferde auch unter Schmerzen laufen können, denn davon hängt im Ernstfall ihr Überleben ab. Während Raubtiere sich bei Schmerzen eher in eine geschützte Ecke zurückziehen, können Schmerzen bei Pferden gerade erst recht zu Unruhe und vermehrte Energie führen, da sie instinktiv wissen, durch die Schmerzen vielleicht gehandicapt zu sein. 
  • Als Fluchttiere verfügen Pferde darüber hinaus über keinen Schmerzlaut, denn dieser würde sie einem potentiellen Jäger verraten. Sie leiden deshalb still.
  • Und ein weiterer, ganz wichtiger Faktor: Pferde sind als soziale (Herden-)Tiere in der Lage, Gefühle und Erwartungen nicht nur von anderen Pferden, sondern auch von uns Menschen wahrzunehmen (siehe dazu auch diesen Text). Sehr viele Pferde wollen ihren Besitzern/innen gefallen, wollen deren Erwartungen erfüllen oder haben Angst vor negativen Folgen, wenn sie nicht tun, was von ihnen verlangt wird, und reißen sich deshalb in ihrer Gegenwart zusammen. So kommt es nicht selten vor, dass der Stallbesitzer den Pferdebesitzer über eine Lahmheit oder Bauchschmerzen informiert, das Pferd aber „ok“ wirkt, wenn sein Mensch auftaucht beziehungsweise, dass es dann „funktioniert“. Daraus kann aber eben nicht einfach geschlossen werden, dass dem Pferd wirklich nichts fehlt oder wehtut, sondern es ist sehr wichtig, die Schilderungen des Stallbesitzers oder andere Personen, die das eigene Pferd über längere Zeiträume sehen, ernst zu nehmen und der Sache auf den Grund zu gehen. 

Für die konkreten Beispiele von weiter oben folgt daraus:

  • Den älteren Wallach mit seiner Arthrose stumpf in der Halle auf engen Wendungen zu reiten, grenzt an Tierquälerei. Ein Pferd mit Arthrose braucht ein einfühlsames und seinem Krankheitszustand entsprechendes Training, wie z.B. ruhige Schrittausritte im Gelände oder Spaziergänge und behutsames Aufbautraining an der Hand. Nur weil sich ein solches Pferd nicht wehrt, heißt es nicht, dass es keine Schmerzen hat, wer das annimmt, ist ignorant und unfair. 
  • Ein Sattel, der bei einem jungen Pferd angepasst wurde, kann schon nach kurzer Zeit wieder unpassend sein, denn gerade junge Pferde verändern sich muskulär oft sehr stark. Aber auch bei allen anderen Pferden darf nie vorschnell davon ausgegangen werden, dass ein Sattel wirklich passt. Veränderungen im Training, in der Haltung oder durch die Jahreszeiten mit dem Wechsel von der Weide zum Paddock können Veränderungen in Bezug auf das Gewicht und die Muskeln mit sich bringen und dazu führen, dass ein einmal passender Sattel schmerzhaft zu drücken beginnt. Pferde können nicht sagen: „Du, der Sattel drückt ganz doll.“, sondern sie zeigen es eben genau durch die beschriebenen Verhaltensweisen: Sie weichen beim Aufsteigen aus und drücken den Rücken weg. Werden die Schmerzen stärker, weil der Mensch nichts tut, um das Übel abzustellen, können irgendwann auch Buckeln und Abwerfen des Reiters folgen – das aber eben nicht, wie so oft behauptet, aus Böswilligkeit, sondern weil die Schmerzen zu groß werden. 
  • Wenn ein Pferd nur unter Druck oder mit Gewalt vorwärts läuft, dann gibt es dafür immer eine Ursache, und die liegt ganz sicher nicht darin, dass diesem Pferd erst gezeigt bekommen muss, wer das Sagen hat. Andauernde Bewegungsunlust kann neben psychischen Ursachen auch konkrete körperliche Gründe haben, wie z.B. Verspannungen oder Schmerzen unterschiedlichster Art. Auch eine Atemproblematik oder Erkrankungen des Stoffwechsels, ein Mangel an Mineralien oder Spurenelementen, kann die Bewegungslust hemmen. Ein solches Pferd mit Sporen oder Gerte zum Vorwärts zu zwingen, ist grob und brutal.
  • Bei dem Wallach mit dem klammen Gang sollte zunächst die Arbeit des Schmieds kritisch überprüft und ggf. über einen Wechsel entschieden werden, denn es ist keinesfalls in Ordnung, dass ein Pferd nach dem Ausschneiden so fühlig ist. Ein klammer Gang sollte immer ein klares Warnsignal für uns sein, denn hier zeigt das Pferd deutlich, dass ihm etwas weh tut. Im schlimmsten Fall ist nicht nur die Hufbehandlung Schuld, sondern es kann sich auch um eine nicht erkannte Erkrankung, wie z.B. eine Entzündung der Hufrolle, oder um eine schleichende, nicht erkannte Hufrehe o.a. handeln. Ein Pferd, das so deutlich zeigt, dass ihm die Füße weh tun, braucht Hilfe und es darf nicht einfach „darüber hinweggeritten werden“. 

Und das sind nur einige Beispiele von typischen Schmerzen, die Pferde haben. Denken wir ruhig auch an Wirbelprobleme, Magengeschwüre, Zahnschmerzen, alte Verletzungen, noch nicht erkannte Chips und vieles andere mehr, das Pferden Beschwerden bereiten kann. 

Wir dürfen die Bereitschaft unserer Pferde nicht ausnutzen

Leider neigen viele Menschen dazu, die Tatsache, dass viele Pferde ihrer Natur entsprechend bei Schmerzen die Zähne zusammenbeißen und trotzdem ihren Job machen, so zu interpretieren, dass es ok ist, sie auch mit Beschwerden nach unseren Vorstellungen zu nutzen. Und mehr noch: Wir schimpfen auch noch auf sie, wenn sie in der Leistung nachlassen oder ab einem bestimmten Punkt tatsächlich den Dienst quittieren – das nämlich wird ihnen dann als Ungehorsam ausgelegt.

Es ist aus unserer Sicht dringend nötig, sich darüber bewusst zu werden, wie oft das überall in der Pferdewelt passiert und sich auch selbstkritisch zu prüfen. Uns macht es sehr traurig, dass so vielen die Nutzung ihrer Pferde so wichtig ist, dass viele nicht bereit sind, ihre Pferde als fühlende Wesen zu sehen und auf Schmerzen und Beschwerden angemessen zu reagieren. Aber ist das nicht eigentlich das Mindeste, wenn wir behaupten, Pferde zu lieben?

Tipp: Hier erfahrt Ihr, wie Ihr Schmerzen beim Pferd erkennen könnt.

3. Juli 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Gesundheit, Verhalten 11 Kommentare »

Pferde können unsere Gefühle erkennen

Ich freu mich mich immer aufrichtig darüber, wenn es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die bestätigen, wovon ich schon lange ausgehe. Das war vor einiger Zeit zum Beispiel die klare Aussage, dass Dominanz nicht pferdegerecht ist und jetzt wurde von Forschern nachgewiesen, dass Pferde in der Lage sind, unsere Gefühle zu erkennen (hier gibt es einen Artikel in der Süddeutschen dazu und hier geht’s zur Originalstudie). 

Was die Forscher erkundeten

Pferde nutzen nach den Erkenntnissen der Forscher verschiedene Aspekte, um unsere Gefühlslage einzuordnen, wie unsere Körperhaltung und -ausstrahlung, Mimik und Stimme. Normalerweise stimmen diese Elemente überein, ein wütender Mensch hat eine entsprechende Körperhaltung, spricht auf eine bestimmte Art und auch seine Mimik spiegelt Wut. Die Forscher prüften nun, was geschieht, wenn etwas davon abweicht.

Was passiert also, wenn das Pferd eine wütende Stimme hört, aber einen freundlichen Menschen sieht? Die Forscher nahmen verschiedene Faktoren in die Wertung, wie „Blickdauer des Pferdes“, „Reaktion“, „Rate des Herzschlags“ und konnten nachweisen, dass sich das Verhalten der Pferde deutlich unterschied, wenn Bild und Stimme widersprüchlich waren als wenn sie übereinstimmten, vor allem dann, wenn ihnen der Mensch vertraut war. Ein solches Verhalten wurde bisher vor allem bei Hunden beobachtet. Aus ihren Beobachtungen leiten die Forscher die Schlussfolgerung ab, dass Pferde in der Lage sind, aufgrund des Gesichtsausdrucks menschliche Emotionen zu erkennen.  

 Was das für den Umgang mit Pferden bedeutet

Wir schreiben ja immer wieder, für wie wichtig wir es im Umgang mit Pferden halten, dass wir uns über unsere eigene Ausstrahlung bewusster werden und sehen uns nun in unseren Anregungen bestätigt, denn für uns ist ganz klar: Wenn sie schon, wie in der Studie nachgewiesen, eindeutig unsere Mimik lesen können, können sie erst recht unsere Körpersprache und -ausstrahlung interpretieren. 

Unsere Erfahrung ist: Pferde reagieren ständig auf uns und werden durch unser Verhalten wesentlich beeinflusst. Tun sie also etwas, was wir nicht wollen oder unschön finden oder reagieren sie anders, als wir es erwartet hätten, gilt es sich zunächst zu fragen, ob wir vielleicht selbst die Ursache für das Verhalten sind:

  • Wie wirke ich in diesem Moment auf mein Pferd?
  • Was strahle ich gerade aus – und was macht das mit meinem Pferd?
  • Welche vielleicht widersprüchlichen Botschaften sende ich?
  • Wodurch könnte mein Pferd verwirrt werden?

Tipp: Hier kann es ausgesprochen nützlich sein, sich selbst zu filmen und das später in Ruhe anzuschauen. Da wird einem manches sichtbar gemacht, von dem man keine Ahnung hatte. Auch ein wohlwollender Blick einer vertrauten Person kann hilfreich sein, aber Vorsicht: Die Anwesenheit andere kann uns angespannt und verkrampft werden lassen, so dass wir dann wieder ganz anders wirken als normalerweise. Eine Kamera, die einfach mitläuft, während wir mit unserem Pferd zusammen sind, zeigt unser gewöhnliches Verhalten oft besser auf. 

Der Vorwurf der Vermenschlichung

Viel zu oft hört man noch immer, dass man „Pferde nicht vermenschlichen“ soll und rechtfertigt damit Ignoranz, einen groben Umgang und ein unfaires Verhalten. Dabei wird aber leider übersehen, dass „vermenschlichen“ und „menschlich sein“ zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind…

Wir vermenschlichen ein Pferd keineswegs, wenn wir seine hoch entwickelten Sozialfähigkeiten anerkennen und begreifen, wie empfindsam sie sind – im Gegenteil, nur dann können wir wirklich pferdegerecht reagieren. 

Pferde können Gefühle lesen

26. Juni 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 2 Kommentare »

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