Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 16: Können eigentlich alle Pferde sprechen?

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Als Monty mit mir zu sprechen begann, habe ich mich gefragt, wie das eigentlich mit den anderen Einstellern im Stall werden soll. Aber es fällt offenbar niemandem wirklich auf. Das mag daran liegen, dass ich schon früher viel mit meinem Pferd geredet habe und dass andere das ja auch machen. Irgendwie quatschen doch viele von uns ganz gerne unsere Pferde voll, die sich dann Wer-weiß-was dabei denken. Dass Monty nun tatsächlich sprechen kann, hört jedenfalls offenbar niemand außer mir und so wurde ich bisher noch nicht darauf angesprochen.

Da kommt mir allerdings eine Frage in den Sinn: Ob auch andere Pferde sprechen können? Wenn die anderen Monty nicht hören können, kann ich wiederum vielleicht die anderen Pferde nicht hören und weiß gar nicht, dass sprechende Pferde ganz normal sind? Na, das wär’ ja ein Ding! Das muss ich unbedingt mal Monty fragen.

Am nächsten Tag auf unserem Spaziergang platze ich gleich damit heraus: „Sag mal, Monty, können eigentlich alle Pferde reden?“

„Natürlich.“, sagt er schlicht.

Aha, natürlich also.

„Und warum tun sie es dann nicht?“, frage ich.

„Viele tun es ja.“

„Ach, echt?“ Da hatte ich also sogar Recht gehabt mit meinem Gedanken. „Und wie kommt es, dass man davon nichts mitbekommt?“, frage ich. „Ich habe noch nie ein Pferd reden hören außer dich.“

„Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“, erwidert mein Pferd.

„Aber, Monty, alle Pferde sollten sprechen! Ich bin mir sicher, dass die Pferdewelt eine deutlich bessere wäre, wenn Pferde reden würden.“

„Meinen Sie.“ Das ist keine Frage, sondern eine Aussage und sie gibt mir irgendwie das Gefühl, ein bisschen naiv zu sein.

„Ja, glaubst du das denn etwa nicht?“ Ich kann nicht fassen, dass Monty so ruhig bleibt, wo wir doch gerade dabei sind, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sich all die Probleme lösen lassen, die durch die Unwissenheit und Grobheit vieler Menschen entstehen. Ich führe aus, dass Mensch und Pferd sich endlich besser verstehen könnten. Und das würde bedeuten, dass es viel weniger Gewalt und Missbrauch geben würde. Menschen würden viel respektvoller mit Pferden umgehen, wenn sich diese mit Worten bemerkbar machen würden. Doch das sieht Monty anders.

„Ich wüsste nicht, wieso.“, sagt er.

„Na, Pferde könnten sagen, wenn es ihnen nicht gut geht, wenn ihnen etwas nicht gefällt oder wenn sie schlecht behandelt werden. Sie könnten sich beschweren. Sie könnten fluchen und den Menschen beschimpfen, wenn er sich mies verhält. Sie könnten andere Menschen um Hilfe bitten und sich sogar zusammentun, um ihrer Stimme mehr Kraft zu verleihen.“

„Und was, meinen Sie, würde sich dadurch ändern?“

„Na, alles würde sich ändern! Es würde es viel schwerer machen, euch schlecht zu behandeln! Es könnte eine Revolution in der Pferdewelt geben!“, rufe ich.

Monty rollt nur mit den Augen.

Wir kommen zum Stall, wo gerade Susanne versucht, ihrer Stute die Hufe auszukratzen. Die steht aber nicht still, sondern tritt immer zur Seite. Susanne wird wütend und haut ihrem Pferd auf den Hintern. Gerade als ich mich frage, ob sie vielleicht einfach nur äppeln muss, weil sie die ganze Zeit den Schweif hebt, tut sie genau das, während Susanne nun gerade ihren Hinterhuf auskratzt. Natürlich bekommt sie fast die Äppel ab. Dafür schimpft sie dann noch lauter und gibt ihr noch einen kräftigen Klaps auf den Hintern.

Monty schaut mich an.

„Na, wenn sie gesagt hätte, dass sie mal muss, hätte Susanne sicher anders reagiert.“, sage ich kleinlaut.

„Meinen Sie.“, sagt er wieder.

Als wir in der Halle sind, buckelt der junge Holsteiner von Miriam jedes Mal beim Angaloppieren und schlägt deutlich mit dem Kopf. Für mich sieht es aus, als hätte er Probleme mit dem Rücken oder mit dem Sattel, aber Miriam reißt nur am Zügel und bringt ihre Sporen zum Einsatz.

Wieder schaut mich Monty an.

„Sie kommt wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, dass der Sattel nicht passt.“, flüstere ich Monty zu und rufe dann: „Sag mal, Miriam, könnte es sein, dass der Sattel drückt?“

„Wie kommst du denn darauf?“, fragt sie ziemlich gereizt. Sie ist ganz offensichtlich nicht gerade begeistert darüber, dass ich mich einmische.

„Na, weil es so aussieht, als würde ihm etwas weh tun.“

„Ne, lass mal, der Sattel passt, ich hatte den Sattler gerade da. Der ist einfach nur mies drauf heute, dann benimmt der sich immer so. Kenne ich schon von ihm, dem muss ich nur klar machen, wer hier Chef ist.“, sagt Miriam und treibt ihr Pferd wieder energisch voran.

Ich trau’ mich kaum, zu Monty zu schauen.

„Man muss schon auch hören wollen, um etwas zu verstehen.“, sagt er und damit hat er wohl Recht.

–> Fortsetzung: Kapitel 17

 

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

21. Juli 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 16: Können eigentlich alle Pferde sprechen?

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