Die große Frage nach dem Warum

Häufig werde ich gefragt, wie man erreichen kann, dass ein Pferd beim Training motivierter und engagierter mitmacht. Um eine Antwort darauf zu finden, ist für mich persönlich eine Frage besonders interessant, die sich leider offenbar nicht alle Pferdemenschen stellen, und die lautet:

„Warum sollte ein Pferd eigentlich überhaupt mitmachen?“

Viele scheinen ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass Pferde tun, was wir von ihnen wollen, und reagieren überrascht, oft aber sogar verärgert, wenn das nicht so ist. Machen wir doch aber mal einen Schritt zurück und fragen uns:

  • Warum sollte ein Pferd sich für uns anstrengen?
  • Warum sollte es uns tragen, für uns springen oder uns in einer Kutsche ziehen?
  • Warum sollte es kleine Kringel für uns laufen, über Plastikplanen gehen oder das Kompliment zeigen?
  • Warum sollte es trotz Unwohlsein (ausgelöst vielleicht zum Beispiel durch eine grobe Behandlung, zu starke Hilfen, unpassendes und schmerzauslösendes Zubehör usw.) brav und gehorsam sein?
  • Und besonders Mutige fragen sich vielleicht sogar: Warum sollte ein Pferd überhaupt von der Weide und weg von seiner Herde gehen, um mit uns zu kommen?

Diese Fragen sind nicht rhetorisch gemeint, sondern sehr praktisch. Ich denke, dass jeder, der mit Pferden zu tun hat, sie sich immer wieder stellen muss, grundsätzlich, aber auch im konkreten Einzelfall. Es geht hier nämlich um das wichtige Thema „Motivation“ (siehe dazu auch diesen Blogbeitrag).

Zwei Grundmotivationen

Es gibt im Wesentlichen zwei Gründe, warum ein Pferd tut, was der Mensch will: 

  1. Weil es damit etwas Ungutes vermeiden kann: Das Pferd macht die Erfahrung, dass es negative Folgen hat, wenn es nicht tut, was der Mensch will, sprich: Es wird am Strick oder Zügel gezogen, wenn es nicht richtig reagiert, es wird mit der Gerte angeschnickt oder auch gehauen, wenn es nicht vorwärts oder weichen will, es wird mit Sporen gepikst, wenn es auf den Schenkel nicht reagiert und Ähnliches mehr. 
  2. Weil es etwas Gutes davon hat: Das Pferd empfindet die gemeinsamen Aktivitäten mit dem Menschen als willkommene Abwechslung. Es empfindet Freude, fühlt sich körperlich wohl und erlebt etwas Spannendes. 

Diese beiden Grundmotivationen könnten kaum unterschiedlicher sein: Bei der ersten haben wir ein Pferd, das im Zweifelsfall froh ist, wenn keiner kommt, und das im schlimmsten Fall Angst vor uns hat. Im zweiten Fall haben wir ein fröhliches und interessiertes Pferd, das aktiv etwas mit uns machen will. Eigentlich sollte doch auf der Hand liegen, welche der beiden wir als Mensch nutzen, oder nicht? 

Sollte man denken … Und doch sieht es immer noch in den meisten Fällen so aus, dass Menschen den ersten Weg wählen, wenn sie etwas mit Pferden machen wollen, denn so wird es leider immer noch herkömmlicherweise gelehrt und ganze Erziehungssysteme basieren auf dem Prinzip „Druck machen und nachlassen, wenn die gewünschte Reaktion erfolgt“. Die Antwort auf die Frage „Warum soll mein Pferd eigentlich mitmachen?“ lautet hier dann letztlich immer in der einen oder anderen Form: „Damit ihm nicht wehgetan wird.“

Ist das nicht traurig? 

Wie viel schöner ist es, Folgendes antworten zu können:

  • „Weil mein Pferd Freude daran hat!“ 
  • „Weil es meinem Pferd Spaß macht!“
  • „Weil sich mein Pferd dabei gut fühlt!
  • „Weil unser Zusammensein eine Bereicherung in seinem Leben ist!“

Und es gibt ja inzwischen andere Wege als die herkömmlichen, die das ermöglichen: Das Prinzip der positiven Verstärkung basiert genau darauf, dass Pferde angenehme und freudvolle Erfahrungen machen und sich deshalb aktiv von sich aus zur Arbeit mit uns entscheiden. Dafür brauchen wir nur das:

  • Die Bereitschaft, Vorstellungen loszulassen wie die, dass Pferde „einem nichts schenken“ und dass wir „dafür sorgen müssen, dass sie tun, was wir wollen“ und dass wir das Recht haben, Pferde ggf. auch zu zwingen,
  • und statt sich zu fragen „Wie bringe ich mein Pferd dazu?“, immer zu überlegen, was es braucht, damit es von sich aus das tut, was ich mir wünsche, einfach weil es motiviert ist und Freude am gemeinsamen Tun hat. 

Wann wird die Pferdewelt endlich bereit sein, von alten Ansätzen abzulassen und sich auf neue, so viel schönere Wege zu begeben, durch die Pferde Freude empfinden und motiviert sind, wenn es doch das ist, was sich so viele Menschen wünschen? 

Warum arbeitet ein Pferde mit?

29. März 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Reiten, Umgang 0 Kommentare »

Lerne dazu! – Inspiration des Monats

Mit unserer  Rubrik Inspiration des Monats nehmen wir uns jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das wir Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Lange Texte gibt es bei uns genug, aber gerade bei Basis-Themen denken wir, ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. 

Unser Tipp: Zieht Euch jeweils unsere Inspiration des Monats auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße  für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können. 

Thema des Monats:
Lerne stetig dazu

Als Anfänger/innen in einem Gebiet sind die meisten von uns wie ein Schwamm: Wir saugen alles an Informationen und Wissen auf, das wir bekommen können, sind interessiert und neugierig und wollen so viel wie möglich lernen. Wenn wir dann aber schon einiges wissen und auch können, lässt leider bei vielen sowohl die Lernbereitschaft nach und als auch die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Und das ist nicht nur schade, sondern sogar schädlich!

Der Umgang mit Pferden, ihre Haltung und das Training sind nicht nur sehr komplexe Thema, sondern wir haben es hier ja auch mit lebendigen Wesen mit einer jeweils eigenen Persönlichkeit zu tun. Da kann die Tendenz, lernfaul zu werden und einmal Gelerntes nicht mehr zu hinterfragen, dazu führen, dass wir alle auftauchende Probleme eben mit den erarbeiteten Werkzeugen und Instrumentarien lösen wollen. Klappt das nicht, neigen wir dazu, unser Tun zu verstärken, statt etwas Neues auszuprobieren. Und da sind unsere Pferde die Leidtragenden.

Pferdefreundlichkeit braucht die Offenheit und die Bereitschaft, das eigene Tun, bestehende Annahmen und Überzeugungen, erlernte Techniken und Methoden zu hinterfragen und immer wieder dazuzulernen – von anderen Menschen, aber vor allem auch von den Pferden selbst.

Hier ein paar einfache Leitfragen für Deine Lernbereitschaft im Umgang und im Training mit Pferden, die für mehr Offenheit sorgen:

  • In welchen Bereichen möchtest Du mehr wissen und erfahren?
  • Was verstehst oder beherrscht Du noch nicht?
  • Wo und von wem kannst Du etwas dazulernen, das Dir und Deinem Pferde guttut und Euch weiterbringt?

 

Lernen

22. März 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Aus dem Reitunterricht und Coaching, Erkenntnisse, Inspiration des Monats, Jungpferdausbildung, Reiten 0 Kommentare »

Natürlich positiv – Longieren mit positiver Verstärkung: Das Pferd bewegen

Hier kommt der zweite Teil zum Thema „Bewegung“ im Rahmen dieser kleinen Serie zur Umsetzung unseres Longenkurses nur mit positiver Verstärkung (das Grundwissen über das Clickertraining vermittelt unser Clickerkurs). Im ersten Teil ging es um die Grundlagen – hier nachzulesen und im zweiten Teil um das Führen in Stellung rein mit positiver Verstärkung. Dann haben wir uns mit der Laufmanier befasst und im vorherigen Beitrag mit den verschiedenen Bewegungstypen.

Wichtig!

In der letzten Folge ging es darum, dass es eine Reihe von Problemen geben kann, die wir angehen müssen, bevor wir unser Pferd wirklich trainieren können,  denn wenn es einem Pferd gesundheitlich nicht möglich ist, sich frei zu bewegen, wenn es Schmerzen oder andere Beschwerden hat, wenn es extrem unter Stress steht oder Angst hat, dann muss es immer erst einmal darum gehen, die Ursachen dafür zu finden und zu beseitigen. Solltet Ihr also ein Pferd haben, dass sich freiwillig kaum bewegt oder viel zu viel, dann schaut bitte zuerst in den Artikel zu den Bewegungstypen.

Kommen wir jetzt aber zu der Frage, wie wir denn nun mit der positiven Verstärkung ganz praktisch Bewegung erreichen und das Maß der Bewegung auch etwas steuern können. Bei Pferden, die sich gerne bewegen und von sich aus motiviert sind, ist es meist recht einfach, ihnen mit Hilfe gezielter positiver Verstärkung zu vermitteln, auf ein Zeichen hin antraben oder auch angaloppieren oder das Tempo zu verringern. Solche Pferde laufen, auf dem Platz oder in der Halle freigelassen, oft bereits von sich aus los und man muss das eigentlich nur geschickt positiv verstärken und nach und nach unter Signalkontrolle bringen. Was aber tun, wenn das Pferd zwar fröhlich vor einem steht, aber von sich aus kein Loslaufen anbietet? 

Treiben ist tabu!?

Herkömmliche Hilfen, um ein Pferd antreten, antraben oder angaloppieren zu lassen, bestehen in verschiedenen Formen des Treibens. Wer zu 100% konsequent nach dem Prinzip der positiven Verstärkung arbeiten will, wird auf jede Art des Treibens verzichten wollen, denn auch ein sanftes Treiben zählt hier als negative Verstärkung (ich ganz persönlich sehe es etwas differenzierter, dazu gibt es auch noch mal einen eigenen Beitrag). Beim Treiben wird ein Reiz eingesetzt (Achtung: man spricht hier von einem positiven Reiz, obwohl er für das Pferd subjektiv durchaus negativ sein kann, das führt oft zu einiger Verwirrung). Diesen Reiz kann das Pferd vermeiden oder beenden, indem es das gewünschte Verhalten zeigt. Man touchiert also zum Beispiel mit der Gerte, bis das Pferd losläuft. 

Wer also ausschließlich positiv verstärken möchte, muss sich überlegen, wie das jeweilige Pferd motiviert werden kann, sich tatsächlich von sich aus zu bewegen, also eben z.B. den ersten Vorwärtsimpuls zu entwickeln, der sich dann positiv verstärken lässt.

Vorsicht Falle: Bitte nicht bestechen!

Gerade Neueinsteigern in die positive Verstärkung passiert es schnell (oft sogar unbewusst), das Pferd bestechen zu wollen, es also durch Futter ins Vorwärts zu locken. Das sollte meiner Ansicht nach unbedingt vermieden werden. Damit erziehen wir uns nämlich recht wirkungsvoll penetrante Bettler heran. Und bei Pferden, die wirklich ein Problem haben, sich zu bewegen (ob psychisch oder physisch) kommen wir damit eh nicht weiter. Click und Futter gibt es bei mir nie, damit ein Pferd losläuft, sondern nur, weil es losgelaufen ist, denn das ist immer mein Ziel im Training: die Bewegung aus einem eigenen Antrieb heraus.

So gehe ich vor

Eigenständige Bewegung lässt sich in den meisten Fällen gut über das Targettraining erarbeiten. Im ersten Teil dieser Serie bin ich ja schon auf das Antreten im Schritt mit Hilfe eines Targets eingegangen und darauf können wir nun aufbauen.

Hier seht Ihr die dreijährige Ally, in einer der ersten Einheiten. Da es in diesem Fall zunächst darum ging, dass Ally das Antreten beim Führen versteht, hatte ich Ally am Strick und nutzte ich ein kurzes Target. Ich clicke zu Beginn hochfrequent und lobe viel und begeistert, denn das Pferd soll die Erfahrung machen, dass Loslaufen eine richtig tolle Sache ist. Ist das Antreten selbst vom Pferd verstanden, etabliere ich ein Stimmsignal bzw. ein Schnalzen und versuche, immer weniger das Target zu nutzen, sondern das Losgehen per Signal auszulösen.
Targettraining
Tipp: Beginnt gleich damit, auch in der Bewegung zu füttern, denn im weiteren Training ist es sinnvoll, dass das Pferd beim Click nicht immer sofort stehenbleibt. Übt es es erstmal im Schritt, denn das Füttern in der Bewegung ist gar nicht so einfach! Die Sache will körperlich koordiniert werden und in der Regel muss hier noch einmal sehr gründlich an den Spielregeln für die Höflichkeit gearbeitet werden, damit die Finger heil bleiben.  
Im nächsten Schritt nutze ich dann ein längeres Target, womit ich das Laufen auf Abstand und auch das Antraben erarbeitet, hier zu sehen mit Anthony:
Targettraining
Wann immer möglich, erarbeite ich mir die Bewegung möglichst ohne Strick, also frei, wie auf den folgenden Bildern mit Anthony an einem guten Tag auf der Wiese. Ich bin hier nah am Pferd, weil ich in der Bewegung füttere (was im Trab auch gleich noch ein nettes Fitness-Training für uns Menschen ist!).
Clickertraining
Was wir dann jeweils verstärken und wie hochfrequent wir clickern, hängt vom Pferd beziehungsweise der jeweiligen Situation ab: Je nach bereits vorhandener Bewegungsfreude clicke ich bei eher inaktiven Pferden viel, bei aktiven Pferden freue ich mich einfach sichtlich über die tolle Mitarbeit und bewundere sie für ihre Aktionen und bei zu eifrigen Pferden verstärke ich gezielt ruhigere Bewegungen.
Das Zielbild ist dann ein Pferd, dass sich von sich aus und mit Freude am Tun bewegt, ohne dass ich aktiv treiben muss: 
Motiviertes Pferd
Und noch ein Tipp: „Protected contact“
Es kann sehr sinnvoll und hilfreich sowohl für uns Menschen als auch für das Pferd sein, eine Begrenzung in Kreisform aufzubauen, also einfach ein paar Steckpfähle mit einem Band verbinden. Der Mensch läuft dann innen, das Pferd außen, wie es hier bei Finn und Mable zu sehen ist:
Protected Contact
Man spricht in diesem Fall von „protected contact“. Durch diese kleine Schutzzone lässt sich vermeiden, dass einen das Pferd nach innen wegdrängelt oder wir umgerannt werden, sollte die Bewegung zu heftig ausfallen. Bei sehr ängstlichen oder durch zu viel Druck frustrierten Pferden, kann der Abstand dazu führen, dass sie sich leichter auf das neue Miteinander einlassen.

1. März 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Clickertraining, Jungpferdausbildung, Longieren 0 Kommentare »

Pferdetraining lieber effektiv als effizient! – Inspiration des Monats

Mit unserer  Rubrik Inspiration des Monats nehmen wir uns jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das wir Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Lange Texte gibt es bei uns genug, aber gerade bei Basis-Themen denken wir, ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen, um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. 

Unser Tipp: Zieht Euch jeweils unsere Inspiration des Monats auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße  für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können. 

Thema des Monats:
Pferdetraining lieber effektiv als effizient!

Manchmal klingen Begriffe sehr ähnlich, obwohl sie aber von der Bedeutung her sehr verschieden sind. So liegen Welten zwischen einem „effektiven“ und einem „effizienten“ Pferdetraining, mit dem zunehmend geworben wird, denn das passt zu unserer erfolgsorientierten Leistungsgesellschaft. Dabei aber ist „Effektivität“ so viel wichtiger … 

  • Man spricht von Effizienz, wenn die Dinge „richtig“ getan werden, und zwar im Sinne von „schnell und ohne viel Aufwand“ = Maß für Wirtschaftlichkeit.
  • Effektivität hingegen bedeutet, dass wir die richtigen Dinge tun, und zwar bezogen auf die im Idealfall individuell angepassten Ziele = Maß für Wirksamkeit. 

Eine „effiziente“ Ausbildung richtet sich auf allgemein herrschende Vorstellungen und Richtlinien aus und ist das, was man im herkömmlichen Umgang mit Pferden findet. Effizienz im Pferdetraining sorgt zum Beispiel dafür, dass junge Pferde in kürzester Zeit ausgebildet und „vorführfähig“ gemacht werden oder zielt darauf, möglichst schnell und einfach Muskeln aufzubauen. Eine „effektive“ Ausbildung hingegen schaut zunächst, welche Ziele mit dem jeweiligen Pferd überhaupt sinnvoll erreichbar sind, und geht dann angepasst und angemessen vor. So würde in den Beispielen von oben erstmal geschaut werden, wie weit das jeweilige junge Pferd überhaupt schon in seiner Entwicklung ist und welche Ausbildungsziele dafür angemessen sind (und nicht, welche sich besser verkaufen lassen) und in Bezug auf die Muskulatur würde geschaut werden, wie sich diese so aufbauen lässt, dass der Traininingsdruck nicht zu hoch wird, welche Maßnahmen in der Haltung unterstützend eingesetzt werden können und Ähnliches. 

Wenn Du Dir mit Deinem Pferd ein harmonisches und partnerschaftliches Miteinander wünschst, wenn Du pferdefreundlich handeln möchtest und wenn Du Freude und Leichtigkeit, dann sollte nie „Effizienz“ Deinen Weg bestimmen. Effizienz lässt kaum Raum für achtsame Empathie, für geduldiges Abwarten, für langsames Wachsen und Reifen und schon gar nicht für so etwas wie Qualitätszeit. Achte also immer gut darauf, wofür ein Ausbilder, ein Trainingskonzept oder eine Methode steht, bevor Du Dich entscheidest und ob sie dem, was Du Dir für Dich und Dein Pferd wünschst, überhaupt entspricht.

 

Effektives Pferdetraining

22. Februar 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Aus der Bereiterpraxis, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Longieren, Reiten 1 Kommentar »

So geht Vertrauenstraining – wie Pferde kreativ werden

Ich schreibe ja immer wieder darüber, dass ich statt des herkömmlichen „Anti-Scheu-Trainings“ lieber das „Vertrauenstraining“ einsetze. Im Vertrauenstraining besteht das Ziel nicht darin, etwas am Pferd „weghaben“ zu wollen (zum Beispiel das Scheuen), sondern es geht darum, dass das Pferd Vertrauen und Selbstvertrauen entwickelt. Dazu gab es bereits diese kleine Video-Reihe von meinem Anthony zu sehen und hier in diesem Beitrag möchte ich noch einmal anhand eines anderen Pferdes verdeutlichen, worin sich dieser Ansatz vom herkömmlichen Anti-Scheu-Training unterscheidet und wie er dafür sorgt, dass Pferde ganz eigene Lösungswege entwickeln können.

Mucki und der Bogen

In diesem Beispiel geht es um den sechsjährigen Mucki. Der junge Wallach ist ein aufgeschlossener und aufgeweckter kleiner Kerl, der gerne gefallen will. Er ist bereits mit vielem vertraut und zeigt sich auch im Gelände mutig und unerschrocken. Gerade deshalb passt diese kleine Begebenheit so gut. zum Thema. Wir hatten einiges an Spielzeug aufgebaut und die Ponyherde frei auf den Reitplatz gelassen, so dass jedes der Pferde sich alles in Ruhe anschauen konnte. Einige waren forsch und probierten allerhand aus, andere ließen sich mit ihren Menschen darauf ein, kleine Übungen zu machen. Nun wollte Dani mit ihrem Mucki durch einen Bogen aus Poolnudeln zu gehen:

Vertrauenstraining

(Alle Fotos von Martin Paasch)

Obwohl wir alle annahmen, dass Mucki das sofort tun würde, zeigte er, dass ihm die Sache nicht ganz geheuer ist. Er reagierte nicht sichtbar ängstlich, aber er blieb vor dem Konstrukt stehen. Nun wäre es ein Leichtes gewesen, ihm ein Halfter aufzuziehen und ihn durchzuführen, aber genau das wollte Dani nicht tun. Stattdessen ging sie selbst hindurch und fragte ihn von der anderen Seite, ob er ihr folgen mag. Aber Mucki ging nicht mit. Man kann auf dem Foto schön sehen, dass er ganz auf Dani gerichtet ist, aber er bleibt ganz klar stehen:

Vertrauenstraining

Nun ist Mucki ein Pferd, das gerne genau zuschaut und von anderen lernt. Deshalb lud ich meinen Anthony ein, mit mir durch den Bogen aus Poolnudeln zu gehen, damit Mucki sehen kann, worum es geht und dass es ungefährlich ist:

Vertrauenstraining

Mucki schaute zu, aber selbst danach war ihm die Sache noch immer nicht geheuer. Auch nicht, als wir die Quer-Nudeln wegnahmen:

Vertrauenstraining

Spätestens an dieser Stelle hätten sicher viele zu einem Halfter gegriffen. Das wäre bei Mucki auch kein „Drama“ gewesen, denn Mucki vertraut Dani. Aber es hätte den Ausgang dieser kleinen Geschichte deutlich verändert. Dani entschied sich nämlich dazu, ihn mit seiner Unsicherheit anzunehmen und ihm einfach Zeit zu geben. Sie wartete auf der anderen Seite. Und dann passierte etwas Zauberhaftes: Mucki ging zwar nicht durch den Bogen, aber er fand eine eigene Lösung, um zu seiner Dani zu kommen – schaut selbst: 

Vertrauenstraining

Und weil Dani dann genau richtig reagierte – nämlich sich freute! – war Mucki danach bollestolz mit sich selbst.

Für mich ist das ein Ideal-Beispiel für Vertrauenstraining, denn so kann ein Pferd ganz wichtige Erfahrungen machen: 

  • Seine Bedenken werden achtsam wahrgenommen und dürfen sein. 
  • Es wird nicht vom Menschen gedrängelt oder gezwungen, etwas zu tun, für das es noch nicht bereit ist. 
  • Es bekommt Zeit und darf eigene Lösungen finden.

… und, nein, man muss keine Angst haben, dass Mucki auf diese Weise nie durch den Bogen gehen wird. Er wird es tun, da bin ich mir sicher, aber aus einem eigenen Antrieb heraus und nicht, weil ein Mensch für ihn entscheidet, dass er es muss. Und das ist so viel wertvoller!

Lesetipp zum Thema: Der Anti-Angst-Kurs.

 

8. Februar 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Jungpferdausbildung, Spiele & Co, Umgang, Verhalten, Vertrauenstraining 2 Kommentare »

Natürlich positiv – Longieren mit positiver Verstärkung: Bewegungs-Typen

Weiter geht’s mit dieser kleinen Serie, die sich damit befasst, wie sich das Longieren nach unserem Longenkurs auch nur mit positiver Verstärkung umsetzen lässt (das Grundwissen über das Clickertraining vermittelt unser Clickerkurs). Im ersten Teil ging es um die Grundlagen – hier nachzulesen und im zweiten Teil um das Führen in Stellung rein mit positiver Verstärkung erarbeiten lässt. Und in der letzten Folge war die Laufmanier das Thema.

Um an der Laufmanier arbeiten zu können, brauchen wir ein Pferd, das sich bewegt und um dieses Thema geht es in den nächsten beiden Folgen. Hier im ersten Teil schauen wir mal, was Bewegung eigentlich bei unterschiedlichen Pferdetypen bedeutet und welche Konsequenzen das wiederum für das Training hat. Im zweiten Teil geht es dann um die Frage, wie wir Bewegung mit positiver Verstärkung erreichen können. 

Bewegung ist nicht gleich Bewegung!

Was das Thema „Bewegung“ angeht, gibt es unter Pferden im Wesentlichen diese drei Typen (in unterschiedlicher Ausprägung): 

  • Pferde, die sich gerne und mit einer guten Grundenergie bewegen.
  • Pferde, die zu viel Bewegungsdrang mitbringen, die also zu schnell und hektisch sind.
  • Pferde, die sich von sich aus wenig bewegen und die im Training kaum oder gar nicht vorwärtsgehen.

Ohne Verständnis kein Zugang

Es ist für mich für jede Art von Training unerlässlich, zunächst achtsam zu schauen, mit welchem Bewegungsverhalten ich es gerade zu tun habe und bei Problemen die möglichen Gründe dafür herauszufinden. Nur so kann ich individuell auf das jeweilige Pferd eingehen und ihm gerecht werden. Weder die herkömmlichen Ansätze, die leider zum Teil mit Druck und „Durchsetzen“ arbeiten (sowohl beim Ausbremsen von zu viel Tempo als auch beim Antreiben der vermeintlich „faulen“ Exemplare), noch ein so pferdefreundliches Prinzip wie die positive Verstärkung können zu einer guten und gesunden Bewegung führen, wenn es tiefere Probleme gibt. Da muss man erstmal an der Wurzel ansetzen.

Der Idealfall: freiwillige und freie Bewegungen

Am einfachsten für jede Art von Training sind natürlich solche Pferde, die von Natur aus gerne laufen. Sie sind aktiv dabei, aber nicht überdreht. Sie sind leicht dazu zu motivieren, loszutraben oder anzugaloppieren, sie lassen sich gerne auf Laufspiele ein und haben einfach Freude an der Bewegung und präsentieren sich oft auch gern. Ihre Bewegungen sind meist spielerisch und leicht und/oder kraft- und energievoll.

Bei solchen Pferden muss man eigentlich nur aufpassen,

  • dass man ihre Bewegungslust erhält und sie weder durch ein ungutes Training oder unangebrachte Hilfsmittel (wie z.B. Hilfszügel) frustriert
  • und/oder dass man sie, weil sie so vieles anbieten, überfordert.

Bei solchen Pferden können wir mittels positiver Verstärkung sehr schnell damit beginnen, ihnen zu vermitteln, wie sie die Kreislinie noch besser bewältigen können (darum geht es dann im nächsten Teil der Serie). 

Problemfall „Ständig unter Strom“

Pferde, die so unter Strom stehen oder so viel Angst haben, dass sie aus einem inneren Stress heraus losstürmen, sowie sie die Möglichkeit haben, erleben leider oft, dass sie mit verschiedenen Mitteln gebremst werden, wie z.B. durch eine harte Hand, scharfe Zäumungen, Hilfszügel und Ähnliches. Diese Pferde sind meist hochgradig spannig. Ihre Bewegungen sind oft schnell, aber nicht frei.

Mit dieser Art der Bewegung, die eher ein innerer Zwang ist als eine bewusste Bewegung, kann man kaum sinnvoll arbeiten, denn der hohe Stresspegel verhindert jede Aufnahmefähigkeit oder Konzentration. Selbst ein so pferdefreundliches Prinzip, wie das der positiven Verstärkung, kann hier an seine Grenzen kommen, so dass zunächst geschaut werden muss, was die tatsächlichen Ursachen sind, wie zum Beispiel:

  • Angst und Stress durch frühere Erlebnisse,
  • ein zu hartes Training, das auf Druck und Gewalt basiert, 
  • eine nicht pferdegerechte Haltung, in der das Pferd zu wenig Bewegungsmöglichkeiten hat oder unter Dauerstress steht, 
  • eine falsche Ernährung,
  • Erkrankungen,
  • Schmerzen,
  • hormonelle Probleme
  • und anderes mehr. 

Ein aus Angst oder Stress rennendes Pferd kann in keine gute Laufmanier finden. Deshalb ist es wichtig, auf so vielen Ebenen wie möglich dafür zu sorgen, dass das Pferd wieder mehr in eine innere Balance und Entspannung finden kann. Es braucht hier oft viel Einfühlungsvermögen von uns Menschen, damit diese Pferde nicht sofort wieder in Stress geraten, sondern wieder ein gutes Bewegungsverhalten entwickeln können.

Problemfall: „Nicht vorwärtszubekommen“

Herkömmlicherweise werden Pferde, die nicht von sich aus laufen, als „stur“ oder „faul“ bezeichnet und in der Folge durch mehr oder weniger Druck zum Schnellerlaufen gebracht. Fehlt der fordernde Mensch, sind sie lieber langsam unterwegs oder bleiben im Training auch komplett stehen. Die Bewegungen dieser  Pferde wirken meist etwas steif, ungelenk, gehalten und schwer.

Nicht nur im Rahmen der positiven Verstärkung, in der wir ja nicht mit Druck treiben wollen, sondern ganz grundsätzlich sollte auch bei einem Pferd, das sich nicht bewegen mag, immer erst einmal gefragt werden, was dafür die Ursachen sind. Denn auch diese können vielfältig sein:  

  • eine unzureichende oder unpassende Ernährung und ihre Folgen; also zu viel oder zu wenig Futter, falsche oder fehlende Nährstoffe und Mineralien usw.,

  • körperliche Beschwerden, wie Schmerzen, Atemprobleme oder andere Erkrankungen (hier immer bedenken, dass viele Pferde Schmerzen oder Beschwerden nicht deutlich zeigen, deshalb bitte nie einfach nur von „Sturheit“ ausgehen…)

  • psychische Themen, wie schlechte Erfahrungen, Frust durch eine unpassende Haltung, Über- oder Unterforderung, Trauer usw.,

  • ein für dieses Pferd unpassendes Training, also beispielsweise mit Hilfen, die das Pferd nicht versteht oder in einer Grundstimmung, die es demotiviert, ihm Stress macht oder die sogar Angst vor Strafen auslöst

  • und anderes mehr.

Das Bedürfnis, gerade solche Pferde, die sich von sich aus ungern bewegen, notfalls auch mit Druck vorwärtszutreiben, ist meist groß, denn nicht selten sind solche Pferde auch tendenziell übergewichtig. Grundsätzlich würde ihnen Bewegung auf allen Ebenen gut tun, aber wir sollten nie vergessen: Druck erzeugt Frust und je mehr Druck wir nutzen, desto mehr Frust lösen wir aus. Wir können so zwar vielleicht Bewegung erzwingen, aber keine Freude. Ohne zumindest eine Bereitschaft zur Bewegung kann ein Training keinen dauerhaft positiven Effekt haben, denn Pferde, die nur mit Gewalt vorangetrieben werden, sind immer verspannte Pferde. 

Fazit

Auch wenn die positive Verstärkung ganz viel Gutes in Hinblick auf Entspannung, Freude und Motivation bewirken kann, kommen wir bei Problemen in Bezug auf das Bewegungsverhalten nicht darum herum, nach den Ursachen zu suchen und diese, soweit wie möglich, zu beheben. Das Training ist immer nur ein Teil im Leben eines Pferdes und noch dazu der zeitlich kleinste. Wenn die Lebensumstände nicht passen oder das Pferd unter etwas leidet, nützt auch der beste Trainingsansatz nicht. Hierzu kann es auch nötig sein, Hilfe bei entsprechenden Experten zu suchen, also bei Tierärzten, Physiotherapeuten, Ernährungsexperten und/oder ggf. auch über einen Stallwechsel nachzudenken. 

Bewegungstypen bei Pferden

Weiter in der Serie.

1. Februar 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Anatomie und Körper, Clickertraining, Gesundheit, Jungpferdausbildung, Longieren 0 Kommentare »

Natürlich positiv – Longieren mit positiver Verstärkung: Die Laufmanier

Hier kommt ein weiterer Teil dieser kleinen Serie, die sich damit befasst, wie sich das Longieren nach unserem Longenkurs auch nur mit positiver Verstärkung umsetzen lässt (das Grundwissen über das Clickertraining vermittelt unser Clickerkurs). Im ersten Teil ging es um die Grundlagen – hier nachzulesen und im zweiten Teil habe ich gezeigt, sie sich eine der Basislektionen, nämlich das Führen in Stellung rein mit positiver Verstärkung erarbeiten lässt. Bevor ich weiter einzelne Lektionen vorstelle, möchte ich in diesem Teil ein grundsätzliches Problem beleuchten, das nicht nur, aber eben auch vor allem, wenn man mittels positiver Verstärkung vorgeht, schnell auftritt. 

Das Ganze ist mehr als seine Teile

Etwas, das durch das Lesen eines Selbstlernkurses oder auch einer solchen Serie, wie dieser hier, ganz leicht passiert, ist, dass man sich zu sehr auf einzelne Übungen und Lektionen oder Körperhaltungen konzentriert und dabei das große Ganze aus den Augen verliert. Wer sich zum Beispiel mit seinem Pferd gerade das „Führen in Stellung“ erarbeitet, neigt dazu, nur die Kopfhaltung im Blick zu haben und darüber den Rest des Pferdes zu vergessen. Allein die korrekte Stellung hilft uns beziehungsweise dem Pferd ja aber nur bedingt weiter, denn sie ist ja nur ein Baustein im Gesamtbild „Gute Laufmanier“. 

Das Prinzip der positiven Verstärkung macht das Problem meist noch etwas deutlicher: Da man ja ganz konzentriert den richtigen Moment für den Click sucht, schaut man mit einem sehr engen Fokus auf sein Pferd. Damit das Pferd verstehen kann, welche Genickbewegung im Sinne einer korrekten Stellung die Richtige ist, braucht man eben genau diese kleine Bewegung, um das dann zu clickern. Gleichzeitig aber kann das Pferd dabei vielleicht gerade den Rücken wegdrücken, sich verspannen, den Takt verloren haben und anderes mehr – und doch erhält es die Botschaft: Das, was Du jetzt machst, ist richtig. Und dieser Tücke sollten wir uns immer gut bewusst sein!

Merke: Bewegung ist immer eine Kombination
aus vielen Einzelelementen. Fokussieren wir zu sehr
auf eine einzelne Sache, vernachlässigen wir andere
und
verhindern damit ein harmonisches Ganzes. 

Ziel unserer Trainingsarbeit mit dem Pferd ist eine gute und gesunde Laufmanier – und das sollte immer hinter allem stehen, was wir gerade tun. Es sind viele kleine Details, die unser Pferd dorthin bringen, aber nur, wenn sie alle harmonisch ineinandergreifen, kann das Pferd wirklich in eine gute Laufmanier finden. 

Gute Bewegungen positiv verstärken

Um zu verhindern, dass wir zu stark auf Einzelheiten fokussieren und damit auch ein Stück weit zu verbissen an einem Detail arbeiten und unser Pferd damit frustrieren, ist es wichtig, im Training nicht nur von der Detail-Seite her zu kommen, sondern immer auch von der Bewegung, so wie sie ist. Wir müssen das Pferd also auch einfach mal selbst machen lassen!

Ganz praktisch lasse ich Pferde in einer Trainingseinheit immer auch einfach laufen, auch solche, bei denen die Laufmanier noch nicht gut ist. Ich arbeite hier am liebsten frei mit dem Pferd, denn so kann ich gut sehen, was schon da ist und wo es noch hakt. Im freien Laufen zeigt fast jedes Pferd auch schon Details, die wir suchen, manche mehr, manche weniger. Aber wenn wir diese positiv verstärken, können wir auf diese Weise schon manches etablieren, ohne es aktiv (und manchmal doch eher mühsam) über Lektionen zu erarbeiten. 

Hier seht Ihr einige Aufnahmen von Anthony im freien Laufen an einem guten Tag – überlegt, mal welche Elemente einer guten Laufmanier hier schon positiv verstärkt werden könnten: 

Freiarbeit

Na, habt Ihr welche entdeckt? Da sind zum Beispiel:

  • eine gute Halshaltung,
  • die Nase leicht vor der Senkrechten
  • ein Treten des Hinterbeins Richtung Schwerpunkt, 
  • ein Aufwärtsgalopp mit weit Richtung Schwerpunkt greifendem Hinterbein
  • ein Abwenden, ohne nach innen zu kippen, 
  • mehr Aufrichtung und eine Rahmenverkürzung,
  • eine Schwebephase im Trab. 

Ich habe Euch diese Elemente hier mal mit Linien und Pfeilen markiert, um das zu verdeutlichen (eine ausführliche Blickschulung gibt es in unserem Kurs „Sehen lernen„):

Gute Laufmanier

Wechsele immer wieder zwischen Detailarbeit und Gesamtbild

Ich empfehle sehr, die Feinarbeit an den Details und das Feilen an einzelnen Lektionen immer gut und häufig mit dem freien Laufen und der Bewegung als Ganzes abzuwechseln. Wenn ein Pferd beim freien Laufen eine gute Haltung einnimmt und wir das positiv verstärken, bekommt es sehr viel schneller und besser eine Idee dafür, was wir eigentlich genau erreichen möchten. Darüber hinaus verstärkt es die guten Bewegungen dann sogar ein Stück weit selbst positiv, denn eine gute Laufmanier ist für das Pferd etwas Angenehmes – sie schenkt ihm Kraft, Geschmeidigkeit, Energie und Lust am Laufen. Faktoren, die leider, wenn wir uns zu sehr auf einzelne Details konzentrieren, schnell verloren gehen.

Pferde sind Lauftiere, sich zu bewegen liegt in ihrer Natur und macht ihnen Freude. Vor lauter Kleinigkeiten, auf die wir zu achten lernen, sollten wir ihm diese Freude am Laufen nie nehmen oder verderben, sondern im Gegenteil, sie immer wieder einladen, fördern und uns an ihr freuen! Gibt es etwas Schöneres, als ein Pferd zu erleben, das sich selbst in seinem Bewegungsmöglichkeiten ausprobiert und über sich hinauswächst?

Freiarbeit

16. November 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Clickertraining, Freiarbeit, Gesundheit, Jungpferdausbildung, Longieren, Reiten 0 Kommentare »

Typische Probleme mit Pferden: Mein Pferd beißt in den Strick

In dieser Kategorie widme ich mich ganz typischen Problemen mit Pferden, zu denen mich immer mal wieder Mails erreichen oder die in Gesprächen über Pferde auftauchen. Besonders soll es hier um Probleme gehen, bei denen herkömmlicherweise oft Druck oder Strafen angewendet werden, damit das Pferd etwas tut oder lässt. Ich möchte zeigen, wie es anders gehen kann. Wenn Ihr auch so eine Frage habt, schreibt sie gerne an tania@wege-zum-pferd.de

„Mein Pferd beißt in den Strick oder Zügel“

Ein sehr häufig geäußertes Ärgernis für viele Pferdemenschen ist, wenn das Pferd beim Führen in den Strick oder Zügel beißt. Ich wähle diese Formulierung bewusst, denn wir haben es hier fast immer nicht nur mit einem (für den Menschen) problemhaften Verhalten zu tun, also das Beißen in den Strick, sondern Teil des Problems ist in den meisten Fällen unsere emotionale Reaktion auf das Verhalten. Ich kenne nur wenige Dinge, über die sich Pferdemenschen so ärgern, wie darüber, wenn das Pferd in den Strick oder Zügel beißt, und ich erlebe hier, dass selbst solche, die sonst Strafe und Gewalt ablehnen, dieses Verhalten rügen oder sogar mit einem Klaps auf die Nase abzustellen versuchen.

Verstehen, worum es geht

Schauen wir uns einmal genauer an, worum es hier genau geht – und zwar von beiden Seiten her: 

  • Die Seite des Menschen – Wer mit Pferden zu tun hat, erfährt über kurz oder lang, dass es ziemlich schmerzhaft sein kann, wenn das Pferd seine Zähne einsetzt. Selbst ein kurzes Kneifen tut ganz schön weh, von einem richtigen Biss mal ganz abgesehen. Die Angst vor Bissen ist also durchaus verständlich, führt aber leider zu Maßnahmen, die das Problem nicht lösen, sondern oft eher verstärken. Was nämlich die allermeisten von uns lernen, ist, schon das Schnappen eines Pferdes zu rügen und zu bestrafen und bei einem Beißen durchaus auch richtig zuzuhauen. „Das darf man denen nicht durchgehen lassen, dann werden die zu richtigen Beißern“, hört man dann als Argument. Ich habe in dem Artikel Das Schnappen und wie man damit umgehen kann das Problem schon einmal ausführlich behandelt, hier für diesen Beitrag ist es mir wichtig, dass wir uns bewusst darüber werden, dass die allermeisten von uns emotional auf das Schnappen und Beißen von Pferden reagieren. Wir interpretieren es als „Unart“ oder „Frechheit“ und nicht wenige nehmen es höchst persönlich, wenn ihr Pferd nach ihnen schnappt. In der Folge empfinden wir dann fast immer Frust, Ärger und/oder Wut. 
  • Die Seite des Pferdes – Pferde sind Tiere, die die Welt zu einem großen Teil mit ihrem Maul erkunden. Das Pferdemaul ist sehr sensibel und wenn Pferde Gegenstände mit den Lippen ertasten, gewinnen sie darüber viele Informationen. Gleichzeitig ist das Maul mit dem überlebensnotwendigen Fressen verbunden, mit der gegenseitigen Fellpflege innerhalb einer Herde und auch mit Klärungen von Beziehungen untereinander und mit dem Spielen. Das Maul ist also für ein Pferd ein sehr wichtiger Körperteil und es nutzt diesen Körperteil vielseitig und instinktiv – und das je nach Persönlichkeit, Lebensphase und Typ dann entsprechend mehr oder weniger intensiv auch im Zusammensein mit Menschen. Hier ist aus meiner Sicht ganz entscheidend zu verstehen, dass Pferde das nicht tun, um uns zu ärgern, sondern es ist schlicht und einfach Teil ihres ganz „normalen Pferdseins“. 

Zusammengefasst: Wenn ein Pferd in den Strick beißt, reagieren die meisten von uns auf ein für das Pferd ganz natürliches Verhalten emotional negativ gefärbt – und genau daraus entsteht das Problem! 

Die Lösung beginnt bei uns

Wenn mich jemand um Rat fragt, dessen Pferd ständig in den Strick beißt, dem rate ich als erstes, den Fokus weg vom Pferd hin zu den eigenen Gefühlen zu richten. Da so ziemlich jeder das In-den-Strick-beißen eines Pferdes „abstellen“ will, ist die Sache in den allermeisten Fällen bereits sehr negativ aufgeladen und es hat sich eine ungute Spirale entwickelt: Pferd angelt nach dem Strick –> Mensch nimmt es wahr, ärgert sich und droht vielleicht auch –> Pferd beißt in den Strick –> Mensch versucht das durch Schimpfen oder Strafe zu beenden –> Pferd erlebt Stress und beißt erst recht in den Strick –> Mensch schimpft und straft noch mehr –> und so weiter.

Dazu, wie Ihr mit dem Schnappen und Beißen am besten umgehen könnt, findet Ihr in dem oben schon genannten Artikel viele Anregungen und Tipps. Für das spezielle Problem, dass viele Pferde auf dem Strick herumkauen, ist mein Rat vor allem dieser:

Nehmt den Stress aus der Situation!

Ich selbst habe in der Vergangenheit sehr viel Energie darauf verwendet, meine sehr maulaktiven Pferde so zu erziehen, dass sie nicht in den Strick beißen. Das ist mir tatsächlich aktiv nicht gelungen, aber ich habe dabei viel gelernt über Pferde, aber vor allem auch über mich und mein Verhalten.

Manchmal muss etwas auch einfach sein dürfen

Mein Anthony beißt bis heute immer mal wieder in den Strick und ich weiß inzwischen, dass er damit Stress ausdrückt, Angst zeigt oder Unsicherheit. Das sind Gefühle, die ich ihm, wie ich heute auch weiß, einfach nicht grundsätzlich nehmen kann. Indem ich das versucht habe, habe ich ihm letztlich damit immer die Botschaft gegeben, dass er anders sein sollte und damit, dass er also „nicht richtig“ ist, wie er ist. Das zu begreifen, war ein Schlüsselmoment für mich und von da an löste sich viel Spannung zwischen uns. Hier seht Ihr zur Illustration einen schnappenden Anthony auf einem Spaziergang – ich hatte schauen wollen, ob ich mich vielleicht für ein Stück auf seinen Rücken setzen kann, und er reagierte sehr prompt mit In-den-Zügel-beißen und Schnappen nach mir: 

Pferd beißt in den Strick

Früher hat mich so etwas geärgert und ich habe geschimpft. Heute nehme ich das einfach als „Nein, jetzt nicht“ und ich versuche nicht weiter, aufzusteigen. Irgendwann später klappt es vielleicht … oder eben auch nicht. Beides ist okay. Und das folgende Foto zeigt, wie Anthony auf einem Spaziergang die Holzkugel meiner Gerte ins Maul genommen hatte. Ich hatte sie ihm angeboten, als er wieder einmal nach dem Strick zu schnappen begann, weil er unsicher wurde:

Pferd beißt in den Strick

Während er auf dieser Kugel herumlutschte und nuckelte, wie ein Fohlen, berührte mich das sehr. Es wurde mir klar, dass es eben nicht Aggressionen oder Frechheiten sind, die ihn nach dem Strick angeln lassen, sondern die Ursache ist Stress. Er will mich nicht ärgern, nicht provozieren und nicht angreifen, sondern es ist seine Art, mit Stress umzugehen. 

Immer der wichtigste Punkt: Das Pferd verstehen!

Hier sind wir wieder einmal am entscheidenden Punkt für einen pferdefreundlichen Umgang, und zwar bei der Bereitschaft, unser Pferd zu erkennen und anzunehmen. Stress, Unsicherheit und auch die Schwankungen von Gefühlen gehören zu meinem Anthony (wie es bei vielen Pferden der Fall ist), so wie eben auch das Beißen in den Strick. Seitdem ich dieses Verhalten einfach auch mal sein lassen kann, ist es kein „Problem“ mehr und er hört ganz von selbst wieder damit auf. Solange ich es aber gezielt „weg haben“ wollte, erhöhte ich den Stress und verstärkte damit das Problem. 

Meine Erfahrung ist, dass es sehr wichtig ist, Pferdeverhalten erst einmal innerlich anzunehmen, auch dann, wenn es uns nicht gefällt oder uns Angst macht. Wichtig: „Annehmen“ heißt nicht, dass wir es gut finden oder uns darüber freuen müssen, sondern mit „annehmen“ meine ich, dass wir es nicht sofort negativ bewerten und darauf reagieren, indem wir es ändern wollen. Es geht darum, es so gut wie möglich zu verstehen

Aber, was wenn … 

Nun höre ich im Geiste schon viele Abers, denn natürlich gibt es noch andere Gründe, wie zum Beispiel Provokation oder Aggression. Aber auch (oder gerade) dann ist es meiner Erfahrung nach wichtig, nicht emotional aus dem Ärger oder Genervtsein darüber heraus zu reagieren, sondern gut hinzuspüren,

  • ob dem Pferd vielleicht gerade langweilig ist,
  • ob es überfordert ist,
  • ob das vielleicht einfach nicht der richtige Moment für das ist, was ich vorhabe,
  • ob ich in der letzten Zeit nicht genug darauf geachtet habe, dass die Höflichkeitsregeln eingehalten werden,
  • ob ich vielleicht selbst respektlos war,
  • ob es vielleicht Hunger hat oder Zahn- oder Magenprobleme, 
  • welche schlechten Erfahrungen es zuvor gemacht hat und so weiter und so fort … 

Ich bleib dabei:

Für jedes Verhalten gibt es einen Grund
und ich kann nur dann pferdefreundliche Entscheidungen treffen,
wenn ich zumindest versuche,
die Seite meines Pferdes ein Stück weit zu verstehen,
anstatt einfach nur das Verhalten weghaben zu wollen

2. November 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 6 Kommentare »

Natürlich positiv – Longieren mit positiver Verstärkung: Das Wangentarget

Dies ist der zweite Teil der kleinen Serie, in der ich zeigen möchte, wie sich das Longieren nach unserem Longenkurs auch nur mit positiver Verstärkung umsetzen lässt. Im ersten Teil ging es um die Grundlagen – hier nachzulesen. In diesem Teil soll es nun darum gehen, wie sich das Stellen erarbeiten lässt. Das grundsätzliche Wissen über das Clickertraining gibt es in unserem Clickerkurs

Die korrekte Stellung oder die Übung „Das Führen in Stellung“

Eine Schlüsselübung des Longenkurses ist die Übung „Führen in Stellung“. Mit ihr vermitteln wir dem Pferd, wie es in korrekter Stellung im Schritt antreten soll. Die korrekte Stellung ist der erste Baustein der guten Laufmanier, denn es gilt: „Ohne Stellung keine Biegung“.

Im Longenkurs gehen wir dafür so vor, dass wir unsere Hand direkt auf das Kappzaum-Eisen legen und das Pferd sanft dabei unterstützen, sich korrekt im Genick zu stellen. Für uns geht dieses Vorgehen nicht gegen unseren Wunsch, mit positiver Verstärkung zu arbeiten, da hier kein Zwang ausgeübt werden soll, sondern es vielmehr dem gleicht, was man im Yoga „Adjustment“ nennt oder was zum Beispiel auch gute Reit- oder Tanzlehrer machen: durch Berührung und sanfter Führung Impulse für die richtigen Bewegungen und Haltungen zu geben. 

Wollen wir uns aber das nur über die positive Verstärkung erarbeiten, bietet sich dafür das sogenannte Wangentarget an.

Das Wangentarget

Beim normalen Targettraining berührt das Pferd das Target mit der Nase. Genauso gut kann ein Pferd aber auch lernen, ein Ziel mit anderen Körperteilen zu berühren. Beim Wangentarget lernt es, das Ziel, also meist die Hand, mit seiner Wange zu berühren.

Nico lernt hier gerade, seine Wange ruhig gegen Petras Hand zu legen:

Wangentarget

Wenn das Pferd verstanden hat, dass es darum geht, dass es mit seiner Wange die Hand berühren soll, kann man diese nun etwas von der Wange weghalten, so dass es den Kopf leicht wenden muss, um die Hand mit der Wange zu berühren. 

Wangentarget

Wir können damit erreichen, dass das Pferd im Genick den Kopf leicht zu uns hindreht, ohne gleich den ganzen Hals mitzunehmen.

Wenn das Pferd erst einmal nicht versteht, was es tun soll, kann man ihm mit dem gewohnten Target helfen. Auf den folgenden Fotos ist zu sehen, dass Anthony auf der rechten Seite nicht wirklich weiß, was er tun soll. Ich halte ihm das gewohnte Target hin, das er sonst mit der Nase berührt, damit er auf die richtige Idee kommt. Ich clicke dann genau in dem Moment, in dem er den Kopf korrekt zu mir stellt. 

Achtung: Hier muss man wachsam und schnell mit dem Click sein, damit die Nase nicht zu weit rumkommt, denn die korrekte Stellung besteht nur in einer sehr kleinen Bewegung im Genick (nicht schon im Hals), die korrekt ausgeführt werden sollte. Auch wenn es nicht um Perfektion geht,solltet Ihr doch gut darauf achten, dass sich das Pferd wirklich korrekt stellt und Ihr auch nur das clickt, damit es sich nicht etwas angewöhnt, was nachher nur schwer zu korrigieren ist.

Die korrekte Stellung ist keine Biegung des Halses, sondern nur eine kleine seitliche Bewegung im Genick. Auf diesen beiden Bildern ist zu sehen, wie es nicht aussehen soll. Auf dem ersten Bild ist die Abstellung zu stark und auf dem zweiten Foto verwirft Anthony sich:

Das Verwerfen ist ein häufiger Fehler sowohl beim Longieren als auch beim Reiten. Dabei kippt das Pferd den Kopf nur, stellt sich aber nicht. Die Ohren müssen auf gleicher Höhe bleiben, so wie hier zu sehen: 

Wangentarget

So sieht das schon ganz gut aus:

Wenn das Wangentarget  im Stand gut klappt, lässt sich das mit dem Signal zum Antreten im Schritt verbinden, und zwar auf einem eher kleinen Kreis. Auf einem großen Kreis ist weniger Stellung nötig als auf einer kleinen Volte und um dem Pferd deutlich zu machen, worum es geht, ist der kleine Kreis hilfreicher als ein großer Zirkel. Hier könnt Ihr sehen, wie ich Anthony mit dem bekannten Target den Weg weise und ihn mit dem Wangentarget an die Stellung erinnere. Auf dem dritten und vierten Bild verliert er die Stellung, auf dem fünften ist er wieder gut gestellt.

Wichtig: Geht immer weit genug vorne auf Kopfhöhe mit! Wenn Ihr zu weit nach hinten kommt, wird sich das Pferd zu stark im Hals biegen. 

Tipp: Wenn Euer Pferd das Wangentarget verstanden hat, ist es sehr nützlich dafür ein gesprochenes Signal einzuführen, also zum Beispiel „Stell dich“. Dann könnt Ihr Euer Pferd ohne Handzeichen an die Stellung erinnern.

Später kann man das Wangentarget dann auch in höheren Gangarten nutzen, um an der Stellung zu arbeiten – mit dem Handzeichen oder eben mit dem akustischen Signal: 

Aber das ist dann schon wieder eine andere Übung. 🙂 
Weiter mit Teil 3: Die Laufmanier.

28. September 2021 von Tania Konnerth • Tags: , , • Kategorie: Clickertraining, Jungpferdausbildung, Longieren 0 Kommentare »

Natürlich positiv – Longieren mit positiver Verstärkung: Basisbausteine

Hier im Blog von „Wege zum Pferd“ und in unseren Kursen findet Ihr immer wieder den Begriff „positive Verstärkung“, denn wir arbeiten schon lange mit diesem sehr pferdefreundlichen Trainingsprinzip (siehe auch unseren Clickerkurs und unsere Blogbeiträge).

Die positive Verstärkung

Was genau ist eigentlich mit „positiver Verstärkung“ gemeint?

Positive Verstärkung bedeutet, dass statt
aktiv Hilfen zu geben, um ein Verhalten zu erreichen,
gewünschtes Verhalten konsequent belohnt wird,
damit das Pferd motiviert wird, genau das
von sich aus weiter oder öfter zu tun.

Der entscheidende Punkt ist also der,

  • dass wir nicht mehr mittels mehr oder weniger subtiler Hilfen vorgeben, was das Pferd tun soll, und entsprechend deutlicher werden oder gar strafen, wenn das Pferd nicht tut, was wir wollen,
  • sondern dass das Pferd lernt, die Dinge selbstständig und aus einer eigenen Motivation heraus zu tun (siehe dazu auch hier).

Und das ändert das Miteinander mit dem Pferd ganz entscheidend. Wir empfinden eine Kombination aus positiver Verstärkung und einer sanften, freundlichen Hilfengebung als einen wundervollen Weg, mit Pferden zu kommunizieren und mit ihnen zu arbeiten. 

Nun kommen immer häufiger Anfragen dazu, ob es unseren Longenkurs auch mit Anleitung für eine rein positive Verstärkung gibt. Was für eine tolle Entwicklung, denn das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Das freut uns sehr! Natürlich möchten wir das Thema deshalb hier auch aufgreifen und hier im Blog mal ganz praktisch zu zeigen, wie sich die Elemente des Longenkurses auch allein mittels positiver Verstärkung erarbeiten lassen.  

Die Grundbausteine für das Longieren mit positiver Verstärkung

Wenn wir ein Pferd über die positive Verstärkung nach dem Longenkurs arbeiten wollen, brauchen wir zunächst die Grundbausteine für die positive Verstärkung – in diesem Fall:

  • die Konditionierung auf den Click oder ein Lobwort (siehe dazu auch hier) und
  • das Targetraining als Möglichkeit, ein Pferd ohne negative Verstärkung in die Bewegung zu bekommen (siehe dazu auch hier).

Wer von Euch schon mit der positiven Verstärkung arbeitet, kennt diese Grundbausteine bereits. Aber für diejenigen, die hier neugierig auf diesen Weg geworden sind, möchte ich sie kurz vorstellen. Bitte beachten: Ich gehe hier nur auf die Basiselemente in Hinblick auf das Longieren ein, natürlich gibt es im Rahmen der Ausbildung eines Pferdes nach den Prinzipien der positiven Verstärkung viele weitere tolle und spannende Lernaufgaben und auch viele weitere Dinge zu beachten – dazu findet Ihr mehr in unserem Clickerkurs

Nehmt Euch bitte Zeit, die Basisbausteine in aller Ruhe (also in mehreren kleinen Einheiten) und mit viel Entspannung zu erarbeiten. Ein häufiges Problem, das oft dazu führt, dass das Clickertraining wieder aufgeben wird, ist dass die Pferde zu hibbelig und drängelnd werden. Das aber liegt ganz oft daran, dass der Mensch zu schnell vorgeht und nicht auf eine entspannte Grundatmosphäre achtet. Hier könnt Ihr dazu einen Blogbeitrag lesen.

Das Grundprinzip: Click = super!

Die positive Verstärkung basiert darauf, dass wir einem Pferd (oder einem anderen Tier) mit einem bestimmten Geräusch oder einem Lobwort punktgenau sagen können: „Das, was Du jetzt gerade gemacht hast, ist toll.“ Auf dieses Geräusch oder das Lobwort hin erhält das Pferd klassischerweise ein Futterlob. Bei Pferden, die es lieben, gekratzt zu werden, kann auch das Kratzen der Lieblingsstelle als Belohnung genutzt werden. Entscheidend ist, dass wir eine Belohnung wählen, die das Pferd als so attraktiv empfindet, dass es davon gerne mehr möchte. Es reicht nicht, dass wir Menschen das Lob toll finden, es muss wirklich vom Pferd als eine erstrebenswerte Sache erlebt werden, damit es motiviert ist, darauf zu achten, welches Verhalten den Click auslöst und es damit eine Belohnung verdienen kann. Das Zauberhafte an diesem kleinen Prinzip ist, dass wir damit die Basis für sehr komplexe Kommunikationsmöglichkeiten schaffen. Denn auch wenn die Belohnung an sich für das Pferd natürlich ein Anreiz ist, so verstehen die meisten Pferde sehr schnell, dass sie durch die Arbeit mit dem Click sehr viel schneller erkennen können, was genau von ihnen gewünscht ist, statt wie im herkömmlichen Umgang mittels Versuch und Irrtum (der leider oft Strafen nach sich zieht), erraten zu müssen, was der Mensch will. Und das motiviert viele Pferde sehr.

Das Geräusch wird häufig mit einem so genannten Knack-Frosch erzeugt, also mit diesem Kinderspielzeug, das das typische „Click-Geräusch“ macht (daher kommt auch die Bezeichnung Clicker-Training).  Ich persönlich nutze lieber den so genannten „Zungen-Click“, da mir der Knack-Frosch zu laut ist und ich ihn auch nicht in der Hand halten möchte. Ich mache also mit der  Zunge einen Click-Laut, der sich aber deutlich von meinem Schnalzen unterscheidet. Grundsätzlich geht jedes Geräusch, das wir wiederholt und ohne Schwierigkeiten erzeugen können, das wir ausschließlich für diesen Zweck nutzen und das dem Pferd natürlich nicht unangenehm sein darf. Man kann auch ein Lobwort nehmen, nur habe ich festgestellt, dass es kaum einem Menschen möglich ist, ein Wort zuverlässig in jeder Situation gleich zu sprechen, also unabhängig von den eigenen Emotionen. Das aber ist wichtig.

Die Konditionierung auf den Click

Als Erstes müssen wir dem Pferd die Bedeutung des Clicks vermitteln. Dafür können wir gleich den zweiten Grundbaustein nutzen, nämlich das Targettraining. Hierfür soll ein Pferd ein Zielobjekt (= Target) mit der Nase berühren. Da die meisten Pferde Dinge naturgemäß gerne neugierig mit der Nase erforschen, braucht man meist nur das Target vor die Nase des Pferdes zu halten und ein bisschen zu warten.

Hier seht Ihr ein paar Fotos aus der allerersten Einheit, die ich mit dem zu diesem Zeitpunkt vierjährigen Norwegerwallach Mucki gemacht habe. Als Target nutze ich eine Fliegenklatsche. Zuerst hat Mucki noch keine Idee, was ich von ihm möchte und interessiert sich mehr für mich. Ich warte einfach, bis er – zufällig oder bewusst – zum Target schaut und mache bei dem ersten Ansatz  meinen Zungenclick und gebe ihm etwas Futter. Die meisten Pferde brauchen nicht lange, um zu verstehen, dass es um das Target geht. Je nach Persönlichkeit werden sie es neugierig berühren und das clicke ich natürlich sofort, worauf wieder die Belohnung folgt. Mucki hatte innerhalb kürzester Zeit verstanden, dass eine Berührung der Fliegenklatsche Click + Futter bedeutet. 

Positive Verstärkung

Noch eine kleine Extra-Erklärung: Auf dem Boden steht eine Futterschüssel, in die ich das Futter für Mucki werfe. Mucki hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelernt, Futter ruhig aus der Hand zu nehmen; im Eifer erwischte er deshalb auch mal die Hand. Um das Futter überhaupt erstmal ins Spiel zu bringen und um selbst gelassen zu bleiben, warf ich es nach dem Click einfach in die Futterschüssel. 

Wichtig: Da die meisten Pferde das Prinzip des Clickertrainings fast schneller verstehen als wir Menschen, berühren sie dann das Target immer wieder von sich aus, worauf der Mensch begeistert sein Click-Geräusch macht und das Pferd belohnt. Und damit clickert das Pferd dann Euch 🙂 Damit geht Ihr am besten um, indem Ihr ein Signal zum Berühren des Targets einführt. Ich benutze dafür das Wort „Touch“ (englisch für „Berühre“). Ich halte das Target hin und sage „Touch“ und clicke, wenn das Pferd es berührt. Berührt es das Target ohne mein Signal gibt es keinen Click (aber auch keine Strafe!). Das übe ich, bis es zuverlässig sitzt. Hier spricht man davon, ein Verhalten unter Signalkontrolle zu stellen. Damit kann man eher übereifrige Pferde sanft bremsen und dazu anhalten, aufmerksam zu sein. 

Kopf- und Halsposition beeinflussen

Mit dem Target habe ich nun schon tolle Möglichkeiten, mein Pferd aufzuwärmen und zu dehnen, denn ich kann das Target und damit auch den Pferdekopf und Hals in ganz unterschiedliche Positionen bringen. Das ist hier bei Anthony prima zu sehen: 

Positive Verstärkung

Der Clou ist, dass das Pferd alle Bewegungen von sich aus ausführt. 

In die Bewegung kommen 

Beim Longieren geht es ja aber nicht ums Stillstehen, sondern um Bewegung, also müssen wir uns nun noch das Vorwärtslaufen mit der positiven Verstärkung erarbeiten. Hierfür können wir ebenfalls bestens das Targetraining nutzen. 

Auf den folgenden Fotos könnt Ihr die dreijährige Haflingerstute Ally sehen, der ich da gerade das Antreten mit dem Target erkläre. Nachdem sie verstanden hatte, dass sie das Target berühren soll, fing ich an, das Target etwas weiter weg zu halten, bis sie den ersten Schritt vorwärts machte. Da folgte natürlich gleich ein Click und reichlich Lob. Und so war es ganz einfach, ihr zu vermitteln, dass es nun darum geht, dem Target zu folgen. Auch hier kann ich dann ein Stimmkomando einführen, wie z.B. ein Schnalzen oder ein „Und Scheritt“ oder Ähnliches.

Targettraining

Damit haben wir nun also ein Pferd, das wir nur durch positive Verstärkung im Schritt antreten und vorwärtsgehen lassen können und dessen Kopf- und Halshaltung wir beeinflussen können. Auf dem dritten Bild ist gut zu sehen, wie schön sich die noch vollkommen untrainierte und unausgebildete Jungstute bereits etwas stellt und biegt. Die ersten Schritte zum guten Laufen auf dem Kreis sind damit gemacht! 

Tipp: Gewöhnt Euch gleich an, auch mal in der Bewegung zu füttern, damit das Pferd bei einem Click nicht immer automatisch stehenbleibt. So habt Ihr die Möglichkeit, auch in der Bewegung weiterzuarbeiten.

Noch ein Hinweis: Für alle, die die positive Verstärkung noch gar nicht kennen: Es ist natürlich nicht so gedacht, dass man nun ständig nur clickt und füttert. Wenn ein Lernschritt sitzt, schleicht man das Clicken und Füttern dafür sanft aus, in dem man variabel clickt und ein Verlaufslob nutzt. Wenn ich mir zum Beispiel das Antreten im Schritt erarbeite, clicke ich nicht mehr das bloße Berühren des Targets, wie zu Beginn, sondern ich clicke erst nach ein oder zwei Schritten, dann nach drei oder vier Schritten usw. 

Weiter mit Teil 2: Das Wangentarget.

31. August 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Clickertraining, Jungpferdausbildung, Longieren, Übungen 0 Kommentare »

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