So könnt Ihr Neugier und Interesse bei Euren Pferden wecken

Wenn ich Beiträge zum Vertrauenstraining veröffentliche, in denen sich Pferde mit Spielzeug oder Gegenständen auseinandersetzen, kommt hin und wieder die Frage auf, was man denn machen kann, wenn ein Pferd so gar kein Interesse zum Beispiel an Bällen, Poolnudeln und Ähnlichem zeigt. Oft kann man beobachten, wie bei solchen Pferden dann immer heftiger mit Gegenständen gewedelt wird oder Pferde mit den Gegenständen mehr oder weniger drängend berührt werden. Darauf reagieren dann manche Pferde, andere verharren aber selbst dann still. „Coole Socke“ oder „Voll der Langweiler“ heißt es dann … 

Wie immer: Erstmal das Warum verstehen!

Ich setze hier, wie eigentlich immer, erstmal beim Verstehen-wollen an. Wenn sich ein Pferd auffällig wenig oder gar nicht für Spielzeug oder neue Gegenstände interessiert, ist das für mich nicht automatisch ein Zeichen von besonderer Gelassenheit und auch nicht von Ignoranz oder Langeweile. Im Normalfall sind Pferde neugierig und befassen sich mit allem, was ungewöhnlich ist. Interessiert sich ein Pferd ausdrücklich nicht dafür, dreht es sich weg oder geht es, dann gibt es dafür Gründe, die wir erst einmal verstehen müssen, damit wir angemessen reagieren können.

Mögliche Gründe können zum Beispiel diese sein: 

  • Zu hohe oder falsche Erwartungen und Ungeduld auf unserer Seite – Wir haben oft sehr genaue Vorstellungen davon, wie unsere Pferde reagieren sollen. Tun sie es nicht so oder anders, empfinden wir das als „falsch“, obwohl es eben einfach nur anders ist. Ganz grundsätzlich haben Pferde zum Beispiel ein anderes Zeitempfinden als wir. Wir möchten am liebsten immer sofortige Reaktionen und interpretieren ein Zögern schnell als Desinteresse, während das Pferd sich die Sache einfach erst einmal in Ruhe anschaut. 
  • Das Pferd ist unsicher und/oder hat Angst – Angst bei Pferden zeigt sich nicht immer in großen Augen, Schnauben und Scheuen, sondern oft im genauen Gegenteil: Pferde, die zum so genannten passiven Stresstypen gehören, ignorieren zunächst das, was ihnen unheimlich ist, und lassen sich ihre Furcht nicht anmerken (siehe dazu auch diesen Artikel zum Thema „Stresstypen“).
  • Das Pferd erlebt unsere Art des Spielens als zu wenig „lohnend“ – Pferde haben oft andere Vorstellungen als wir davon, was Spaß macht. So erkunden sie Sachen gerne mit dem Maul, beißen auch mal in Gegenstände oder werfen etwas mit dem Huf um. In vielen Fällen reagieren Menschen dann korrigieren, ermahnend oder gar schimpfend, statt sich über die Aktivität zu freuen. Verständlicherweise haben diese Pferde dann meist keine Lust zu dieser Art des Spiels.
  • Das Pferd hat ungute Erfahrungen mit Spielzeug und Gegenständen gemacht – Häufig werden Pferde im herkömmlichen Anti-Scheu-Training überfordert, indem sie schnell mit sehr vielen Gegenständen konfrontiert werden, also mit mehr oder weniger Druck an sie herangeführt und damit berührt werden. Für solche Pferde sind neue Gegenstände dann nichts, worüber sie sich freuen, sondern etwas, das sie mit neuem Stress verbinden. Sie ziehen sich dann in sich zurück und hoffen gleichsam, dass die Sache schnell vorbeigeht.
  • Dem Pferd wurden Neugier und Eigeninitiative aberzogen – Sehr viele Pferde erleben schon im jungen Alter Maßregelungen und sogar Strafen, wenn sie etwas erforschen oder Eigeninitiative zeigen. In der Folge reagieren sie nicht mehr aus einem Eigenantrieb heraus, sondern warten ab, was gefordert wird oder verlieren auch grundsätzlich das Interesse an vom Menschen initiierten Aktionen. 

Je nachdem, was die Ursache dafür ist, dass ein Pferd sich scheinbar nicht für Gegenstände oder Spielideen interessiert, braucht es andere Herangehensweisen, um seine Neugier zu wecken. Ein wesentlicher Bestandteil des Spielens ist, dass es beiden Seiten Spaß machen muss, hier kommen wir also mit der herkömmlichen Einstellung „Pferd hat zu tun, was Mensch will“ wieder einmal nicht weiter, sondern erreichen nur, dass sich das Pferd noch mehr verweigert und immer weniger Lust darauf hat.

Wenn wir uns eine aktive Teilnahme unseres Pferdes wünschen,

  • sollten wir sehr achtsam in Bezug auf die Themen „Stress“ und Überforderung sein und in viel kleineren Schritten denken, als wir es vielleicht gewohnt sind,
  • eine lockere und freudvolle Atmosphäre ohne Stress, Druck und Erwartungen schaffen (und hier gut auf unsere Ausstrahlung achten),
  • dafür sorgen, dass die Sache eben vor allem auch dem Pferd Spaß macht, es also wirklich Freude dabei hat, und
  • wir sollten nicht alles vorgeben und planen, sondern auch bereit sein, das Pferd wirklich mitgestalten und eigene Ideen einbringen zu lassen. 

Ganz wichtig: Bei Pferden die scheinbar „gar nicht“ auf Neues reagieren, müssen wir immer auch an die erlernte Hilflosigkeit denken. Pferde, die sich im Zustand der erlernten Hilflosigkeit befinden haben sich in sich zurückgezogen. Sie ertragen, was man mit ihnen macht, ohne aktiv dabei zu sein. Wenn Ihr diese Vermutung habt, dann versucht bitte nicht, das Pferd über mehr Aktion zum Mitmachen zu bringen, damit verstärkt ihr nur seine Not. Solche Pferde brauchen ein ganz behutsames, liebevolles und ermutigendes Umfeld, um sich überhaupt zu trauen, mal aus dem inneren Schneckenhaus herauszuschauen (geschweige denn, herauszukommen…). 

Sechs Tipps für mehr Mut und  Interesse

Und hier noch ein paar praktische Tipps, mit denen Ihr das Interesse und den Mut von Pferden fördern könnt:

Tipp 1: Verteilt ein paar Gegenstände auf einem eingezäunten Platz und lasst dann die Pferde – am besten zu zweit oder in einer kleinen Gruppe – sich die Sache erst einmal selbst anschauen und erforschen: 

Neugierige Pferde

Eigentlich sind sie alle neugierig, auch ganz unabhängig vom Alter! Hans, der auf dem folgenden Foto seinen Kopf in die Tonne steckt, war zu diesem Zeitpunkt stolze 36 Jahre alt:

Mutige Pferde

Tipp 2: Statt mit den Gegenständen zum Pferd zu gehen, ladet sie ein, zu Euch zu kommen, und gebt ihnen dabei die Zeit die sie brauchen. 

Geduld mit Pferden

Die junge Ally auf dem folgenden Bild war erst sehr unsicher, was den Ball anging, hier wollte sie eigentlich schon gleich wieder gehen. Ich hockte mich dann einfach hin und wartete ab, ohne etwas zu wollen. Sie blieb und beschnupperte den Ball ganz in Ruhe. Diese Zeit sollten wir jedem Pferd geben!

Ängstliche Pferde

Tipp 3: Gebt nicht alles vor, sondern seid selbst auch Spielende. Oft haben wir genaue Vorstellungen davon, was unsere Pferde machen oder lernen sollen, was automatisch die Stimmung verändert. Viel schöner für alle ist es, sich selbst das Spielen und Spontanität zu erlauben.

Mit Pferden spielen

Dani hatte sich hier mit ihrem Regenschirm auf das Podest gestellt, das besonders ihr Skjöran liebt. Der stieg gleich mit drauf und war so natürlich der Größte. Anthony und Mucki fanden das höchst spannend und wären am liebsten auch noch mit aufs Podest geklettert. 

Spielen mit Pferden

Tipp 4: Bewegt Gegenstände immer erst einmal weg vom Pferd, nicht auf das Pferd zu. Gegenstände, die sich wegbewegen, sind für die meisten Pferde viel weniger beängstigend, sondern werden auf diese Weise schnell interessant!

Pferdeneugier fördern

Auch auf dem folgenden Foto könnt Ihr dieses Prinzip sehen: Ally von weiter oben folgt hier höchst interessiert dem  (zu Beginn für sie gruseligen) Ball, den ich von ihr wegbewege: 

Mit Pferden spielen

Tipp 5: Lasst Euch Übungen und Spiele einfallen, die Euer Pferd richtig gern mag. Anthony liebt zum Beispiel die Übung „Spanischer Gruß“ – also habe ich ihn spontan gefragt, ob er die Poolnudel mit seinem Huf berühren kann, was er prompt mit einem klaren „Ja, klar!“ beantwortete. Solche kleinen Aufgaben machen Pferden Spaß und lassen sie dann richtig stolz mit sich sein.

Spielen mit Pferden

Tipp 6: Freut Euch über Eure Pferde und lobt sie ganz viel! Ich selbst arbeite ja gezielt mit dem Prinzip der positiven Verstärkung, das heißt, dass ich Verhalten, das ich an meinem Pferd toll finde, lobe und belohne. Das kann man sehr gut gerade auch beim Spielen und im Vertrauenstraining einsetzen, in dem man schon das Hinschauen zu den Gegenständen, das Hingehen, das Beschnuppern und jede weitere Beschäftigung damit freudig lobt. Lob und Freude tun jedem Pferd gut, seid hier also großzügig!

Mit Pferden spielen

 

Lesetipps: Der Anti-Angst-Kurs und Der Clickerkurs.

8. März 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Spiele & Co, Verhalten, Vertrauenstraining 1 Kommentar »

So geht Vertrauenstraining – wie Pferde kreativ werden

Ich schreibe ja immer wieder darüber, dass ich statt des herkömmlichen „Anti-Scheu-Trainings“ lieber das „Vertrauenstraining“ einsetze. Im Vertrauenstraining besteht das Ziel nicht darin, etwas am Pferd „weghaben“ zu wollen (zum Beispiel das Scheuen), sondern es geht darum, dass das Pferd Vertrauen und Selbstvertrauen entwickelt. Dazu gab es bereits diese kleine Video-Reihe von meinem Anthony zu sehen und hier in diesem Beitrag möchte ich noch einmal anhand eines anderen Pferdes verdeutlichen, worin sich dieser Ansatz vom herkömmlichen Anti-Scheu-Training unterscheidet und wie er dafür sorgt, dass Pferde ganz eigene Lösungswege entwickeln können.

Mucki und der Bogen

In diesem Beispiel geht es um den sechsjährigen Mucki. Der junge Wallach ist ein aufgeschlossener und aufgeweckter kleiner Kerl, der gerne gefallen will. Er ist bereits mit vielem vertraut und zeigt sich auch im Gelände mutig und unerschrocken. Gerade deshalb passt diese kleine Begebenheit so gut. zum Thema. Wir hatten einiges an Spielzeug aufgebaut und die Ponyherde frei auf den Reitplatz gelassen, so dass jedes der Pferde sich alles in Ruhe anschauen konnte. Einige waren forsch und probierten allerhand aus, andere ließen sich mit ihren Menschen darauf ein, kleine Übungen zu machen. Nun wollte Dani mit ihrem Mucki durch einen Bogen aus Poolnudeln zu gehen:

Vertrauenstraining

(Alle Fotos von Martin Paasch)

Obwohl wir alle annahmen, dass Mucki das sofort tun würde, zeigte er, dass ihm die Sache nicht ganz geheuer ist. Er reagierte nicht sichtbar ängstlich, aber er blieb vor dem Konstrukt stehen. Nun wäre es ein Leichtes gewesen, ihm ein Halfter aufzuziehen und ihn durchzuführen, aber genau das wollte Dani nicht tun. Stattdessen ging sie selbst hindurch und fragte ihn von der anderen Seite, ob er ihr folgen mag. Aber Mucki ging nicht mit. Man kann auf dem Foto schön sehen, dass er ganz auf Dani gerichtet ist, aber er bleibt ganz klar stehen:

Vertrauenstraining

Nun ist Mucki ein Pferd, das gerne genau zuschaut und von anderen lernt. Deshalb lud ich meinen Anthony ein, mit mir durch den Bogen aus Poolnudeln zu gehen, damit Mucki sehen kann, worum es geht und dass es ungefährlich ist:

Vertrauenstraining

Mucki schaute zu, aber selbst danach war ihm die Sache noch immer nicht geheuer. Auch nicht, als wir die Quer-Nudeln wegnahmen:

Vertrauenstraining

Spätestens an dieser Stelle hätten sicher viele zu einem Halfter gegriffen. Das wäre bei Mucki auch kein „Drama“ gewesen, denn Mucki vertraut Dani. Aber es hätte den Ausgang dieser kleinen Geschichte deutlich verändert. Dani entschied sich nämlich dazu, ihn mit seiner Unsicherheit anzunehmen und ihm einfach Zeit zu geben. Sie wartete auf der anderen Seite. Und dann passierte etwas Zauberhaftes: Mucki ging zwar nicht durch den Bogen, aber er fand eine eigene Lösung, um zu seiner Dani zu kommen – schaut selbst: 

Vertrauenstraining

Und weil Dani dann genau richtig reagierte – nämlich sich freute! – war Mucki danach bollestolz mit sich selbst.

Für mich ist das ein Ideal-Beispiel für Vertrauenstraining, denn so kann ein Pferd ganz wichtige Erfahrungen machen: 

  • Seine Bedenken werden achtsam wahrgenommen und dürfen sein. 
  • Es wird nicht vom Menschen gedrängelt oder gezwungen, etwas zu tun, für das es noch nicht bereit ist. 
  • Es bekommt Zeit und darf eigene Lösungen finden.

… und, nein, man muss keine Angst haben, dass Mucki auf diese Weise nie durch den Bogen gehen wird. Er wird es tun, da bin ich mir sicher, aber aus einem eigenen Antrieb heraus und nicht, weil ein Mensch für ihn entscheidet, dass er es muss. Und das ist so viel wertvoller!

Lesetipp zum Thema: Der Anti-Angst-Kurs.

 

8. Februar 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Jungpferdausbildung, Spiele & Co, Umgang, Verhalten, Vertrauenstraining 2 Kommentare »

Echtes Vertrauen ist oft unspektakulär

Wenn es um das Thema „Vertrauen“ geht, dann werden oft spektakuläre Dinge gezeigt:

  • Pferde, die durch Feuerreifen springen. 
  • Pferde, die mit unzähligen Gegenständen behangen oder konfrontiert werden. 
  • Pferde, die nicht mal mit der Wimper zucken, wenn Peitschen laut neben ihnen geknallt werden.
  • Reiter/innen, die auf dem blanken Rücken steigender Pferde sitzen. 
  • Reiter/innen, die im rasenden Galopp über Felder fliegen. 
  • Reiter/innen, deren Pferde monströse und gefährliche Hindernisse überwinden und dergleichen mehr… 

Nun mache ich mir wahrscheinlich nicht nur Freunde, wenn ich sage: Ja, solche Bilder können auch etwas mit Vertrauen zu tun haben, aber leider ist genau das aus meiner Erfahrung heraus oft nicht der Fall! Häufig wird es so dargestellt, dass vieles nur möglich ist, weil das Pferd seinem Menschen „ach so sehr vertraut“ und dann sind natürlich alle beeindruckt von dem Trainer oder der Reiterin. Meine Erfahrung ist aber die: Man kann Pferde zu unglaublichen Sachen bringen und das unabhängig davon, ob sie dem Menschen vertrauen oder nicht. Die meisten Pferde lassen sich mit genug Druck (also Krafteinsatz durch Sitz, Schenkel, Sporen und Gerte, aber auch psychischen Druck) über kurz oder lang durch ein Feuer treiben, an allen möglichen gruseligen Dingen vorbei oder auch über bedrohlich wirkende Sprünge, und viele Pferde lernen, alle möglichen Dinge zu ertragen, auch wenn sie innerlich am liebsten einfach nur weglaufen würden. Leider hat all das nichts mit Vertrauen zu tun, sondern mit einer Reaktion auf Druck und Zwang – siehe dazu auch meinen Text zur erlernten Hilflosigkeit

Meine große Bitte an Euch „ganz normale“ Pferdebesitzer/innen: Lasst Euch nichts von schönen Worten und tollen Aufnahmen vormachen, sondern seid bereit, immer einfühlsam auf die Pferde zu achten. Stress und Angst äußern sich bei Pferden oft sehr subtil (siehe dazu auch „So unterschiedlich zeigen Pferde Stress„). Fotoaufnahmen, im richtigen Moment gemacht, können den Eindruck von Vertrauen vermitteln, obwohl sie eigentlich in einer stressvollen und sogar angstbesetzten Atmosphäre entstanden sind. Videos, die beweisen wollen, dass man mit dem Mittel der Desensibilisierung auch Pferde, die sich stark gegen einen Reiz wehren, „zum Vertrauen bringen kann“, zeigen leider in Wahrheit oft das Gegenteil: nämlich Pferde, die aufgeben (siehe dazu auch „Missverstandenes Anti-Scheu-Training„). „Wilde Pferde“ zu zähmen, macht in den Social Media natürlich mehr her, als ein wirklich vertrauensvolles, entspanntes Pferd… Und deshalb ist sehr wichtig, dass wir hier viel genauer hinschauen und lernen, die Anzeichen für Stress und Angst bei Pferden erkennen, um nicht mitzujubeln, wenn ein Pferd eigentlich in Not ist. 

Echtes Vertrauen

Vertrauen zeigt sich für mich nicht darin, ob ich es schaffe, ein Pferd meinem Willen zu unterwerfen und es bereit ist, für mich großen Stress auszuhalten, sondern echtes Vertrauen führt dazu,

  • dass sich ein Pferd bei mir wohl und sicher fühlt,
  • dass es Gutes erwartet, 
  • dass es weiß, dass ich gut aufpassen werde, dass es nicht überfordert wird und
  • dass es sich deshalb aus sich heraus immer mehr zuzutrauen beginnt.

Und um das zu erreichen, finde ich es ganz wichtig, ein Gefühl dafür bekommen, wo die jeweilige Grenze eines Pferdes ist. Und zwar eben genau nicht, um dann alles daran zu setzen, diese aktiv verschieben zu wollen, sondern um ihm zu beweisen, dass ich achtsam genug bin, sie zu respektieren und es so annehme, wie es ist. Tja, und das ist ein grundsätzlich anderer Ansatz als er oft im Anti-Scheu-Training verfolgt wird.

Fazit

Echtes Vertrauen ist oft ganz unspektakulär, denn es führt zu einer entspannten und gelassenen Basis, auf der Mensch und Pferd gemeinsam auch schwierige Situationen gut bewältigen können. Das gibt vielleicht nicht die aufregendsten Fotomotive, ist aber für mich ein sehr viel erstrebenswerteres Ziel. Was mein Ihr?

Lesetipp: Der Anti-Angst-Kurs

23. November 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Vertrauenstraining 2 Kommentare »

Anthony und das Schaf: So kann Vertrauen wachsen

Mein Anthony gehört zu den eher unsicheren Pferden. Ich habe ihn von Beginn an immer dazu ermutigt, sich Gruseliges anzuschauen, was ihn neugierig und auch etwas selbstbewusster gemacht hat (siehe dazu auch diesen Text), aber er neigt nach wie vor zu Angst und Angespanntheit, wenn er etwas gruselig findet. Das gehört einfach zu ihm. Seinen inneren Stress zeigt er fast gar nicht (siehe auch diesen Blogbeitrag zu den unterschiedlichen Stresstypen), so dass er von außen betrachtet auf viele ruhig und gelassen wirkt. Tatsächlich aber gleicht er einem Dampfkessel, in dem sich immer mehr Druck aufbaut, der sich, wenn man die Situation nicht entschärft, irgendwann unkontrollierbar entlädt – sprich: er flieht dann kopflos. 

Leider ist es in der Pferdewelt immer noch weit verbreitet, ängstlichen Pferde durch die so genannte Desensibilisierung „beibringen zu wollen“, dass sie keine Angst zu haben brauchen (Babette hat dazu schon vor vielen Jahren diesen Text geschrieben und siehe dazu auch diesen Blogbeitrag). Für mich ist das ein unsensibler, ja oft sogar grausamer Irrweg, denn weder eine hohe Sensibilität noch Angst lassen sich mit Druck verringern, im Gegenteil: Ein solches Vorgehen kann zu unvorhersehbaren Gegenreaktionen führen, die Unsicherheit des Pferdes noch erhöhen oder zu einer inneren Aufgabe und dem führen, was man erlernte Hilflosigkeit nennt. Ich möchte Euch hier einmal zeigen, wie Anthony und ich uns gruselige Sachen erarbeiten (wer darüber mehr wissen will, schaut am besten einmal in unseren Anti-Angst-Kurs). 

Anthony und das Schaf

Eine Miteinstellerin hatte ein geschorenes Schaffell mit zum Stall gebracht und es am Reitplatz über den Zaun gelegt. Mir war klar gewesen, dass das Anthony beunruhigen würde, aber ich hatte doch mal wieder unterschätzt, wie stark seine Angst werden kann. Ich hatte ursprünglich vorgehabt, ihn, wie ich es immer mache, behutsam zu dem Schaf zu führen, ihn die Sache beschnuppern und erkunden zu lassen und mit viel Lob ein gutes Erlebnis daraus zu machen. Tatsächlich aber konnte ich bei dem ersten Versuch eigentlich nur zusehen, dass ich nicht von ihm über den Haufen gerannt werde, denn er war kaum noch in der Lage, mich wahrzunehmen, geschweige denn auf mich zu hören, so besorgt war er. Jedes Schimpfen oder Strafen wäre in diesem Moment vollkommen kontraproduktiv und unangemessen gewesen, denn er war nicht „unartig“, er hatte Angst. Also nahm ich das zum Anlass, daraus ein kleines Projekt zu machen und einmal mein Vorgehen bei der Vertrauensarbeit mit Videos zu dokumentieren. Das Ergebnis sind die folgenden vier Videos aus insgesamt drei Einheiten, die Ihr Euch mit einem Klick auf die Fotos bei Youtube anschauen könnt: 

Einheit 1: Wir nähern uns dem Schaf

In dieser Einheit ging es mir allein darum, dass es Anthony möglich wird, sich in der Nähe des Schafs wenigstens ein bisschen zu entspannen. Man muss schon ziemlich genau hinschauen, um zu erkennen, wie stark seine Anspannung ist, als passiver Stresstyp wirkt er viel ruhiger als er es tatsächlich war. Ich hätte ihm am Ende der Einheit gerne noch etwas lockerer gehabt und wahrscheinlich hätte ich das früher auch mehr forcieren wollen. Heute aber weiß ich, dass Druck gar nichts bringt, sondern den Stress noch verstärkt. Es war an diesem Tag einfach so und genau so war es auch okay. Wir waren eine gute Viertelstunde mit dem Schaf beschäftigt, eine Verlängerung hätte nur dazu geführt, dass er irgendwann komplett überfordert gewesen wäre. In Sachen Angst ist weniger ganz oft mehr!

VertrauenstrainingHier geht es zum Video (Link führt zu youtube).

Einheit 2: Anthony findet Mut und hat sogar Spaß

Zur zweiten Einheit habe ich zwei Videos erstellt. Zunächst setze ich genau da an, wo die erste Einheit aufhörte. Ich ließ Anthony wieder alle Zeit, die er brauchte und nach und nach konnte er sich etwas besser entspannen – auch wenn es vielleicht nicht spektakulär aussieht, so empfand ich es als einen großen Erfolg! 

Vertrauenstraining

Hier geht es zum Video (Link führt zu youtube)

Aus dem Bauch heraus beschloss ich dann noch, das Schaf auf den Boden zu legen und von Anthony wegzubewegen. Daraus entwickelte sich eine ganz wundervoll verspielte Sequenz, in der Anthony das Schaf gar nicht mehr gruselig fand und immer gelöster wurde. Es war mir dann sogar möglich, ihn damit zu berühren, wobei ich sehr gut aufpasste, ihn damit nicht zu überfallen und zu überfordern. Ich holte mir seine Einwilligung darüber, dass ich ihn erst ein stationäres Target berühren ließ und das als Signal nahm, weitermachen zu können (mehr dazu hier und hier). 

VertrauenstrainingHier geht es zum Video (Link führt zu youtube)

Einheit 3: Wir reiten zum Schaf

Ich hatte keine konkreten Pläne für die dritte Einheit, wäre Anthony wieder ängstlich gewesen, hätten wir genauso weitergemacht, wie Ihr es in den ersten Videos sehen konntet. Da er aber dieses Mal beim Heranführen ein ganzes Stück gelassener und mutiger wirkte, probierte ich aus, ob wir vielleicht auch zum Schaf hin und vielleicht sogar am Schaf vorbereiten können würden. Hier könnt Ihr sehen, wie ich da vorging und wie Anthony diese Herausforderung meisterte:

Vertrauenstraining

Hier geht es zum Video (Link führt zu youtube)

Das Ziel für mich ist mehr (Selbst-)Vertrauen!

Abschließen möchte ich mit einem Foto, das Anthony als stolzes Pferd zeigt, als ein Pferd, der die Zeit bekommen hat, Mut aus sich heraus zu entwickeln und der gewachsen ist durch die Einheiten. Vergleicht seine Ausstrahlung einmal mit den Pferden, die mittels „Desensibilisierung“ dazu gebracht werden, neben einem angstauslösenden Gegenstand zu stehen …

Vertrauensförderung

Nachtrag – ein Wiedersehen mit dem Schaf

Recht kurz nachdem die Videos aufgenommen worden waren, kam Anthony mit seinen Kumpels auf die Sommerweide. In der Zeit gab es keine neuen Einheiten mit „dem Schaf“. Als er dann wieder zurück zum Stall kam, war ich sehr gespannt, wie bei einem Wiedersehen mit dem Schaf reagieren würde. Ich hätte mir seine Reaktion im Traum nicht ausmalen können – schaut selbst in diesem Video, das für mich nicht schöner zeigen könnte, dass Geduld und Einfühlungsvermögen ängstlichen Pferden zu Selbstvertrauen und vor allem Freude verhelfen können. 

Vertrauenstraining – Wege zum Pferd

Hier geht es zum Video (Link führt zu youtube)

 

27. Juli 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten, Vertrauenstraining 3 Kommentare »

Missverstandenes Anti-Scheu-Training

Sehr viele Konflikte zwischen Mensch und Pferd beruhen meiner Erfahrung nach auf der Tatsache, dass Pferde leider noch immer zum Teil von Grund auf missverstandene Wesen sind. Viele Interpretationen von Pferdeverhalten und aus diesen Interpretationen entwickelte Ausbildungsansätze oder Methoden stammen aus der menschlichen Erfahrenswelt und übersehen dabei oft gründlich das Wesen Pferd. Das führt zu viel Leid und Not. 

Missverstandenes Anti-Scheu-Training

Gerade am eigentlich so gut gemeinten „Anti-Scheu-Training“ lässt sich leider sehr anschaulich zeigen, wie doll Pferde oft missverstanden werden und wie viel leichter wir es ihnen machen könnten.

Beim Anti-Scheu-Training gehen viele von folgender Grundannahme aus: Das Pferd soll lernen, den Menschen so zu vertrauen, dass es auch bei Angst ruhig stehen bleibt. Also wird es so lange mit einem gruseligen Gegenstand konfrontiert und oft auch berührt, bis es still hält. Dann wird der Gegenstand entfernt, wodurch, so nehmen viele an, das Pferd lernt, dass wenn es still stehen bleibt, die unangenehmen Dinge verschwinden. 

Schauen wir aber einmal genauer hin. 

Die Natur eines Fluchttieres ist die Flucht

Es gibt zwei Faktoren, die wir hier beachten müssen: 

Bei einem Fluchttier ist es sozusagen sein „Job“ bei angstauslösenden Dingen mit einem Scheuen zu reagieren. Das ist genetisch eingebaut und gehört zum Pferd dazu. Es dafür zu schelten oder gar zu strafen, ist keine pferdegerechte Reaktion, sondern es wird die Angst des Tieres immer eher verstärken. Trotzdem ein unbedingtes Stillstehen von ihm zu erwarten, geht komplett gegen seine Natur.

Kein Pferd erschrickt oder scheut, um den Menschen zu ärgern oder weil es nicht vertraut, sondern weil es zunächst nicht anders kann. „Zunächst“ deshalb, weil dem Fluchtreflex andere natürliche Regungen ein Stück weit entgegenwirken können. Pferde sind nämlich von Natur aus auch neugierige und interessierte Wesen, weshalb sich fast alle Pferde nach dem ersten Scheuen umdrehen und schauen, was da eigentlich genau ist. 

Die Angst eines Pferdes sehen wir Menschen als Defizit, also etwas, das nervig, unangenehm oder auch gefährlich sein kann, weshalb wir daran arbeiten wollen, dass das Pferd weniger Angst hat. Das ist auch sehr sinnvoll, aber wir sollten dafür auf die uns natürlicherweise zur Verfügung stehende Ressource der Neugier setzen, anstatt das Pferd „abhärten“ zu wollen.

Das Märchen von der Desensibilisierung

Immer wieder heißt es, dass Pferde „desensibilisiert“ werden müssen, indem man sie angstauslösenden Reizen aussetzt. Sie würden sich dann irgendwann daran gewöhnen. Das stimmt so aber einfach nicht.

Desensibilisierung funktioniert in den allerwenigsten Fällen, sondern führt fast immer zu einer Überreizung und damit zu mehr Stress = mehr Angst. Pferde lernen, dass sie angstauslösenden Situationen ohnmächtig ausgeliefert sind und dass Menschen ihnen nicht helfen, sondern im Gegenteil: dass sie durch Menschen in diese Situation kommen. Viele von ihnen lernen weiterhin, dass sie bestraft werden, wenn sie ihre Angst zeigen. 

Irgendwann geben die meisten Pferde tatsächlich auf und halten dann mehr oder weniger still. Damit machen sie aber eben NICHT die Erfahrung, dass sie aktiv etwas tun können, um mit Angst umzugehen, und auch nicht, dass zunächst bedrohlich wirkende Dinge interessant und lustig sein können. Im Gegenteil, sie erfahren, dass sie NICHTS tun können und dürfen. Was hier passiert ist, dass Pferde gebrochen werden und sie geraten in das, was man „erlernte Hilflosigkeit“ nennt. 

Tierschutzrelevante Trainingsansätze

Ein Pferd gezielt in eine aus seiner Sicht bedrohliche Situation zu bringen und das Pferd vorsätzlich zu zwingen, Nervosität und Angst auszuhalten oder gar zu verstärken, bedeutet für ein Pferd Leid und Qual. So etwas darf aus meiner Sicht nur in Notsituationen von einem Pferd gefordert werden, also in solchen Situationen, in denen es nicht anders geht, weil sonst Mensch und Tier in Gefahr geraten würden – aber das darf keinesfalls als Trainingsgrundlage gesehen werden!

Ansätze, die das so genannte Aussacken systematisch nutzen, sind für mich eh eindeutig tierschutzrelevant, da sie jedes Verständnis für das Wesen Pferd missen lassen. Aber auch die abgeschwächten, diversen Abhärtungsversuche, die herkömmlicherweise beim Anti-Scheu-Training erfolgen, sind für mich mehr als fragwürdig. Und vor allem meiner Erfahrung nach nicht zielführend!

Echte Vertrauensarbeit

Viel sinnvoller ist es, dem Pferd die Chance zu geben, in seinem eigenen Tempo Selbstbewusstsein und Mut zu entwickeln und seine natürlich Neugier zu aktivieren. Und das ist viel einfacher, als die meisten annehmen, und es führt zu echtem Vertrauen, nicht zu hilflosem Aufgeben. 

Vertrauen schafft niemals Abhängigkeit, sondern im Gegenteil: Es schafft Unabhängigkeit.

Und das ist auch gut für uns Menschen, denn ein Pferd, das Selbstvertrauen gewinnt und vor allem Selbstsicherheit, ist ein Pferd, das auch mit neuen Situationen immer besser umgehen wird, als eines, das nur gelernt hat, auszuhalten, denn so ein Aushalten ist ja immer abhängig vom Grad der Intensität… 

Und so geht es pferdegerecht

Jedes Anti-Scheu-Training sollte immer den Fokus darauf legen, ein Pferd nicht zu überfordern oder in Not zu bringen. Stress und Angst sollten unbedingt vermieden werden und stattdessen mit viel Geduld, Zeit und Einfühlungsvermögen für gute Erfahrungen und das Wecken von Neugier gesorgt werden. 

Grundsätzlich haben sich meiner Erfahrung nach in für das Pferd bedrohlichen Situationen diese Schritte bewährt:

  1. Es ist unser Job, immer vorausschauend zu handeln und potentielle Angstfaktoren zu erkennen, wenn möglich vor dem Pferd, damit wir unser Verhalten auf das jeweilige Pferd abstimmen können. 
  2. Erschreckt sich ein Pferd, scheut es oder zeigt auf eine andere Weise Angst, dann dürfen wir es dafür nicht rügen, anbrüllen oder bestrafen, denn damit verstärken wir den Stress. Wir sollten selbst so ruhig wie möglich bleiben und dem Pferd vermitteln, dass wir die Sache auch sehen und erkennen, sie aber selbst nicht für gefährlich halten. 
  3. Dann ist immer im Einzelfall zu entscheiden, ob wir eine Situation, die unserem Pferd Angst macht, vermeiden wollen, also z.B. erst einmal weg von der bedrohlichen Situation zu gehen, oder ob wir uns annähern wollen und dem Pferd dann vermitteln können, dass wir auf es aufpassen. In manchen Fällen ist es besser, das Pferd nicht zu konfrontieren, sondern sich die Sache in Ruhe gemeinsam zu erarbeiten. Das immer wieder angeführte Argument, dass ein Pferd „dann gewinnt“, zeigt einmal mehr, wie wenig Pferde verstanden werden, denn ein ängstliches Pferd versucht nicht, „zu gewinnen“, es hat schlicht und einfach Angst. 

Bedrohliches erkunden lassen

Ein Pferd sollte also nie aktiv mit beängstigenden Objekten, wie zum Beispiel einer Plastikplane, einem Regenschirm o.Ä. konfrontiert und so lange damit belästigt werden, bis es die Sache erträgt, sondern es soll die Möglichkeit haben, sich den Sachen von sich aus zu nähern und sie zu erkunden. Deshalb ist das Anti-Scheu-Training möglichst immer auf einem sicher eingezäunten Platz durchzuführen, auf dem wir das Pferd frei laufen lassen können und nicht am Strick halten müssen. Wir können dann beispielsweise die Plastikplane zunächst ganz klein und überschaubar zusammengefaltet weit weg vom Pferd auf den Boden legen. Am besten schon gleich ein Stück Möhre darauflegen und eine darin verstecken. Dann warten wir zunächst einfach ab und lassen das Pferd entscheiden.

Die meisten Pferde werden sich nach kurzer Zeit für das Objekt interessieren und hingehen. Manch eines forscher, manch eines braucht länger. Wir können dem Pferd gut zureden und es ermuntern, aber bitte nicht aktiv hinführen oder doch noch den Gegenstand zum Pferd holen. Der Impuls zur Auseinandersetzung soll immer vom Pferd ausgehen! 

Sollte ein Pferd so viel Angst haben, dass es überhaupt keinen Impuls zeigt, sich mit dem Gegenstand zu befassen, kann man selbst ein bisschen etwas damit tun, also es „beschnuppern“, mit dem Fuß berühren usw. Jedes Hinschauen können wir bereits freudig loben. Oft ist es gut, den Gegenstand ruhig noch weiter wegzulegen oder mit etwas zu beginnen, vor dem dieses Pferd keine Angst hat, damit es die Erfahrung machen kann, dass es eine tolle Sache ist, sich mit Dingen zu befassen. 

Das Ziel ist (Selbst-)Vertrauen

Durch diese Vorgehensweise entsteht das, was ich beim Anti-Scheu-Training anpeile: echtes (Selbst-)Vertrauen.

Ein Pferd mit (Selbst-)Vertrauen ist Neuem gegenüber viel aufgeschlossener als eines, das nur gelernt hat, Stressfaktoren zu ertragen. Pferde, die durch ein Anti-Scheu-Training innerlich wachsen konnten, sind verlässlicher auch in vollkommen neuen Situationen und die Chance, dass sie sich in wirklich brenzligen Situationen vom Menschen beruhigen lassen, ist deutlich größer. Mehr zu diesem Thema bietet auch unser Anti-Angst-Kurs.

Foto von Horst Streitferdt

13. März 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten, Vertrauenstraining 9 Kommentare »

Das Initiatorsignal – eine Möglichkeit der Mitsprache

In der Arbeit für unseren Clickerkurs habe ich ein Video zum sogenannten „Initiatorsignal“ gesehen (bitte hier klicken, das Video ist auf Englisch). Dieses Video hat mich zu Tränen gerührt.

Dem Pferd ermöglichen, sich mitzuteilen

Bei dem Initiatorsignal geht es darum, dass das Pferd lernt, dem Menschen ein Zeichen zu geben, wenn es bereit ist, an einer Lektion weiterzuarbeiten. Es eignet sich sehr gut dazu, Pferden unangenehme Situationen oder beängstigende Dinge näher zu bringen. In dem Film ist z.B. ein Pony zu sehen, dem gezeigt wird, dass es vor einer Peitsche keine Angst zu haben braucht. Die Peitsche wird in die Luft geschlagen und das Pony erhält einen Click + Belohnung, wenn es still stehen bleibt.

Entscheidend dabei ist aber, dass es dem Menschen zuvor ein Zeichen gibt (es berührt dazu die Hand des Menschen mit der Nase), mit dem es vermitteln kann, in welchem Abstand und auch in welcher Position es bereit ist, die schlagende Peitsche zu dulden. Dieses Pferd wird also befähigt, mit dem Menschen zu kommunizieren! Ein anderes Pferd vermittelt dem Menschen durch das Zeichen, wann es bereit ist, mit einem Sattelgurt berührt zu werden, ohne nervös auf der Stelle treten zu müssen, und wieder ein anderes teilt mit, wann es bereit ist, dass der Mensch sich auf seinen Rücken schwingt.

Noch nie zuvor habe ich ein so eindrückliches Beispiel von beidseitiger Kommunikation zwischen Mensch und Pferd gesehen.

Bereit, um Erlaubnis zu fragen?

Mich haben die Szenen in diesem Video tief getroffen, denn mir wurde klar, wie oft ich über Pferde hinweggegangen bin und auch noch immer hinweggehe. Wann habe ich mir wirklich die Zeit genommen, mein Pferd zu fragen, ob es mir die Erlaubnis für all die vielen Dinge gibt, die ich von ihm will? Wie so viele von uns habe ich diese Behutsamkeit leider immer nur in den Anfängen konsequent gelebt (z.B. beim Kennenlernen, beim Erarbeiten neuer Dinge, bei der Vertrauensarbeit oder beim Einreiten), aber im Alltag habe ich es dann einfach vergessen.

Und so bin ich mal wieder einen Schritt weiter in meiner Selbstreflexion, denn ich habe mich beim Anschauen des Videos geschämt. Geschämt, dass ich, obwohl ich es inzwischen besser weiß, viel zu oft über meine Pferde hinweggehe, weil ich „mal eben schnell“ was machen will oder weil ich viel zu vieles als selbstverständlich annehme.

Sicher kann man nicht jeden Handgriff beim Pferd erfragen und das ist wohl auch nicht nötig. Aber mir fallen viele Momente ein, in denen ich das durchaus tun könnte und sollte, um meinen Pferden Respekt entgegenzubringen. Ich nehme mir vor, in Zukunft noch achtsamer sein!

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26. August 2014 von Tania Konnerth • Kategorie: Clickertraining, Umgang, Vertrauenstraining 9 Kommentare »

Vertrauensarbeit in der Praxis

Vor einigen Tagen konnte ich mal wieder erleben, wie wichtig eine einfühlsame Vertrauensarbeit mit unseren Pferden ist (und die Betonung liegt auf einfühlsam). Wir zeigen auf unserer Seite (z.B. hier, hier und hier) und in unseren Kursen ja immer wieder, wie wir unsere Pferde z.B. mit Planen vertraut machen, mit Luftballons, mit großen Plastik-Tieren, mit Gymnastikbällen, Klappersäcken und allen möglichen „Monstern“, auf die Pferde so treffen können. Manch einer mag sich vielleicht fragen, wofür all der Aufwand, schließlich dürfte einem im Wald wohl kaum ein Plastik-Wal begegnen oder ein Gymnastikball entgegen gehüpft kommen. Aber manchmal erlebt man so seine Überraschungen…

Wir haben ganz in der Nähe eine Biogas-Anlage. Und für diese Biogas-Anlage werden enorme Berge aufgehäuft und dann mit Folien abgedeckt. Das geschieht normalerweise eher in der Nähe der Anlage, aber in diesem Jahr hat man sich dafür einen neuen Platz ausgesucht: und zwar unmittelbar an dem Weg, der bei uns in den Wald führt. Tja, und was macht man, wenn man mit seinem Pferd gerne in den Wald möchte und dort in vielleicht 20m Abstand nun diese überdimensional großen Folien über die Berge gezogen werden? Man reitet einfach trotzdem los! 🙂

Schon von weitem sah Aramis, dass da reges Treiben auf dem Feld war:

IMG_7291Aufmerksam, aber gelassen lief er darauf zu und schaute sich interessiert an, was die Menschen da trieben. Auf dem Hinweg wurde eine dünne, durchsichtige Folie gezogen, die knisterte und raschelte. Dass Aramis das vollkommen kalt ließ, wäre übertrieben, aber es war ganz deutlich zu spüren, wie er meinem guten Zureden nach dem Motto „Ist alles ok, ganz ehrlich.“ vertraute.

Denn darum ging es: um Vertrauen. Um jahrelang gewachsenes Vertrauen. Hier zahlte sich all die Arbeit mit den Planen aus und auch, dass ich ihn, wann immer wir etwas Gruseliges draußen fanden, das anschauen ließ. So ließen wir den Planenberg hinter uns und genossen unsere Runde.

Auf dem Rückweg folgte dann Teil 2 der Vertrauensarbeit und der dürfte, wenn auch unspektakulärer, viel wichtiger gewesen sein! Denn da war es an mir gewesen, Aramis‘ Vertrauen in mich nicht zu enttäuschen und vor allem nicht auszunutzen. Als wir nämlich nun zum Feld kamen, wurde gerade eine zweite Plane über den Berg gezogen. Nun war es eine dunkelgrüne, feste Plane, die deutlich mehr Lärm machte und eindrucksvoll im Wind flatterte. Ich merkte, wie der Große sich immer mehr anspannte. Obwohl ich mir sicher war, dass wir auch so an dem Planenmonster vorbei gekommen wären, stieg ich ab und führte ihn vorbei.

Warum tat ich das, was doch so verpönt ist, obwohl es wahrscheinlich ein Leichtes gewesen wäre, ihn mit etwas Nachdruck daran vorbeizureiten (ich höre in meinem Kopf den herkömmlichen Rat: „Beine zu und dann vorbei da!“)? Weil ich merkte, dass er sich Sorgen machte und ich ihm die Sicherheit geben wollte, die er brauchte. Ich denke, viele hätten gedacht: „Hey, vorhin hatte er keine Angst vor der Folie und nun plötzlich doch, der veräppelt mich bestimmt!“ Aber genau das halte ich für eine glatte Fehleinschätzung. Die grüne Folie war deutlich anders als die durchsichtige und aus Pferdesicht offenbar deshalb gruselig. Er hatte mich nicht veralbern wollen, sondern er hatte Angst. An der Hand entspannte er sich fast sofort, was mir zeigte, dass meine Einschätzung richtig gewesen war. Es wäre, wie gesagt, kein Thema gewesen, ihn mit entsprechenden Hilfen vorbeizureiten, aber es wäre ein Problem für unser Vertrauensverhältnis geworden. Denn wenn ich mich an dieser Stelle „durchgesetzt“ hätte, hätte ich zwar Macht bewiesen, wäre aber über seine (aus seiner Sicht vollkommen berechtigten!) Bedenken hinweggegangen. Wir wären dann nicht zusammen an der Plane vorbeigegangen, sondern ich hätte ihn dazu gebracht. Indem ich abstieg und ihn führte, bewältigten wir die Situation aber dann gemeinsam.

Ich weiß, dass ich in diesem Moment die Chance hatte, meinem Pferd zu beweisen, dass ich sein Vertrauen verdient habe und ich bin sehr froh, dass ich ihm genau das zeigen konnte.

15. Oktober 2013 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Vertrauenstraining 17 Kommentare »

Vertrauensarbeit in der Praxis

Für viele Reiter/innen ist das freie Reiten, also das Reiten ohne Sattel und Kopfstück ein scheinbar unerreichbarer Traum. Ich habe hier schon einmal darüber geschrieben, dass ich mir das mit Aramis inzwischen erarbeitet habe (hier nachzulesen). Da ich oft darauf angesprochen werde, möchte ich heute ein bisschen von meiner aktuellen Vertrauensarbeit mit Anthony berichten, mit dem ich mir Ähnliches erarbeiten möchte.

Ich habe ja erst vor kurzem dargestellt, wie bei uns das erste Aufsteigen ablief. Auf der Basis dieses Starts habe ich immer mal wieder die Chance genutzt, mich in einem sicheren Raum (also in der Halle oder auf einem gut eingezäunten Platz) für kurze Momente nur mit Halfter oder mit Halsring auf Anthony zu setzen und ihn dann auch mal ein Stückchen so zu reiten. Inzwischen haben wir uns auf diese Weise bereits ein hübsches Repertoire an Reitübungen ohne alles erarbeitet.

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Bitte beachten: Dieses und die folgenden Bilder sind das Ergebnis von vielen, vielen kleinen Einzelschritten, mit denen ich mein Pferd Stück für Stück immer besser kennen gelernt habe sowie von einer umfassenden und vielfältigen Vertrauensarbeit. Ich habe hier nie etwas überstürzt, sondern ich habe immer sehr genau auf die Stimmung meines Pferdes und auf mein Bauchgefühl geachtet. Man kann ein solches Vertrauen nicht aus dem Nichts erwarten und erst recht nicht erzwingen, sondern nur ganz behutsam entwickeln.
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18. Juni 2009 von Tania Konnerth • Kategorie: Reiten, Vertrauenstraining 12 Kommentare »

Wie Sie Ihrem Pferd stressfrei das Spielen mit dem Klappersack beibringen können

Nachdem ich Ihnen die Methode des Aussackens als nicht empfehlenswert vorgestellt habe, möchte ich Ihnen hier nun einen Weg zeigen, wie Sie Ihr Pferd auf eine stressfreie Art mit Neuem, in diesem Fall mit einem Klappersack, vertraut machen können. Beim Klappersack handelt es sich um einen Jutesack, den Sie mit leeren, sauberen Blechdosen füllen und zunähen. Befestigen Sie einen Strick an den Klappersack.

Legen Sie den Klappersack in einem sicher umzäunten Areal auf den Boden und streuen Sie reichlich Körnerfutter (Müsli, Hafer o.Ä.) darauf. Gehen Sie nun mit Ihrem Pferd auf dem Platz spazieren (ich arbeite auch hier am liebsten mit einem freilaufenden Pferd) und belohnen Sie jede Aufmerksamkeit Ihres Pferdes Richtung Klappersack. Lassen Sie Ihrem Pferd selbst die Entscheidung, wann die Neugier bzw. der Hunger siegt, und es sich an den Sack herantraut.

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Wenn Ihr Pferd zu große Angst vor dem Sack hat und sich nicht in dessen Nähe traut, stellen Sie einen Futtereimer in die Nähe des Sackes und lassen Sie Ihr Pferd etwas daraus fressen. Am nächsten Tag stellen Sie den Eimer etwas dichter an den Sack und so arbeiten Sie sich Stück für Stück an den Sack heran.
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26. Juni 2008 von Babette Teschen • Kategorie: Jungpferdausbildung, Spiele & Co, Vertrauenstraining 6 Kommentare »

Das Aussacken oder: Wie man Pferde besser nicht an Neues gewöhnt

Wenn es um die Ausbildung eines jungen Pferdes geht, hört man häufig den Begriff „Aussacken“. Mit dem Aussacken sollen Pferde an ihnen bisher unbekannte Dinge gewöhnt werden. So weit klingt das ja ganz gut. Was sich aber wirklich hinter dem Begriff „Aussacken“ verbirgt, ist eine Ausbildungsmethode, bei der das Pferd an einen stabilen Pfosten gebunden wird und solange mit angstauslösenden Gegenständen (Gerte mit angebundener Plastiktüte, Stangen, Autoreifen…, was die Phantasie des Menschen so hergibt) abgeklatscht wird, bis das Pferd resigniert und das, was der Mensch macht, stillstehend erträgt.

Ich lernte diese Ausbildungsmethode erstmalig durch ein Video kennen, das mir zu einem Pferd, das mir geschenkt wurde, mitgegeben wurde. Auf diesem Video ist ein peruanischer Pferdeausbilder zu sehen, der sich selber als „Pferdeflüsterer“ bezeichnet. Später bekam ich heraus, dass mein Peruanischer Paso Mariscal bei demselben Trainer seine Grundausbildung „genossen“ hat und alles, was auf dem Video den anderen Pferden angetan wurde, auch meinem Mariscal passiert war. Ich weiß, dass viele Pferdemenschen von diesem Trainer und seinen Methoden sehr angetan sind und ihm viel Geld für seine Arbeit bezahlen. Ich kann das nicht begreifen!

Auf diesem Video sind ununterbrochen Pferde in großen Angstzuständen zu sehen. Sie hängen sich in ihre Halfter und versuchen, sich mit aller Macht zu befreien. Sie schwitzen stark, die Atmung jagt, sie beben und zittern. Sie galoppieren panisch auf einem Minikreis von circa sechs Metern Durchmesser in steilster Schieflage.
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24. Juni 2008 von Babette Teschen • Kategorie: Jungpferdausbildung, Spiele & Co, Umgang, Verhalten, Vertrauenstraining 7 Kommentare »

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