Vom Umgang mit schwierigen Pferden

Leider haben viele Pferde schon sehr schlechte Erfahrungen mit uns Menschen machen müssen. Diese Pferde sind dann oftmals schwer zu händeln, unsicher und widersetzlich. Als „normaler“ Hobbypferdemensch ist man mit so einem schwierigen Pferd schnell überfordert und nicht selten wird das alltägliche Miteinander stressig und gar gefährlich für Mensch und Tier. Oft werden solche Pferde dann wieder verkauft und so summieren sich die schlechten Erfahrungen, bis es manchmal ganz zu spät ist, weil das Pferd sich entschieden hat, dass von Menschen nichts Gutes zu erwarten ist …

Solche Fälle machen mich sehr traurig und ich möchte hier ein bisschen etwas von meinen eigenen Erfahrungen mit Ihnen teilen, denn ich habe schon mit vielen so genannten gestörten Pferden gearbeitet. In allen Fällen galt: Nie war das Pferd das Problem, sondern immer war erst der Mensch das Problem für das Pferd. Und deshalb muss auch der Mensch dieses Problem lösen.

Was wie ein Wortspiel klingt, ist eine grundlegende Sichtweise, die ich für nötig halte, um gemeinsam mit einem Pferd, das schlechte Erfahrungen gesammelt hat an einem neuen Vertrauen zu arbeiten: Nicht das Pferd muss etwas tun, nicht das Pferd muss sich ändern, nicht das Pferd ist falsch, sondern ich als Mensch bin gefordert, dem Pferd zu beweisen, dass ich vertrauenswürdig bin.

Chef sein?

Wie oft hört man bei schwierigen Pferden einen Rat, wie „Du musst ihm zeigen, dass du der Chef bist. Dann kann er sich in deiner Gegenwart sicher fühlen und entspannen.“

Grundsätzlich ein naheliegender Gedanke, aber wie sieht genau das dann häufig in der Praxis aus? Unsichere Pferdebesitzer scheuchen ihr verängstigtes Pferd im Round Pen im Kreis mit der Absicht herum, dass es sich ihnen durch dieses Gehetze anschließt und ihnen von da an wie ein treuer Dackel folgt und alle Problem sich in Wohlgefallen auflösen. Oder man sieht junge Pferdemädchen, die heftig mit einem Strick schlenkern, um durch „Weichen lassen“ dem Pferd zu vermitteln, dass sie ja ach so ranghoch sind und das Pferd ihnen deswegen bitte vertrauen soll. Kein Wunder: So haben wir es ja bei Pferdeflüsterer XY auf dem Video oder auf der Messe gesehen und das war ja sooo beeindruckend!

Natürlich gibt es sehr erfahrende Pferdemenschen, die hervorragend mit ihrer Körpersprache mit Pferden kommunizieren können und die eine Ausstrahlung von Ruhe und Sicherheit haben, so dass unsichere Pferde sich in ihrer Gegenwart entspannen können. Und ja, das ist beeindruckend, keine Frage! Nur: Die Wahrscheinlichkeit, dass auch Sie diese Art der Körpersprache beherrschen, dass auch Sie diese Ausstrahlung auf Ihr Pferd haben, ist leider nicht so groß… Denn eine solche Ausstrahlung wächst, wenn überhaupt, in jahrelanger Arbeit und täglichen Umgang mit Pferden (tatsächlich gibt es etliche Menschen, die seit Ewigkeiten mit Pferden zu tun haben, die aber dennoch leider andere als souverän sind… ).

Nötig ist dafür eine innere Stärke, die schlicht und einfach nicht jedem in die Wiege gelegt wird. Wer hingegen einfach nur wild mit dem Strick fuchtelnd wie ein Hampelmännchen mit seinem Pferd im Round Pen rumhüpft, wird mit großer Wahrscheinlichkeit noch sehr viel mehr versauen, anstatt positive Ergebnisse zu erzielen. Und da liegt in meinen Augen eine sehr große Gefahr darin, diese „Ich bin der Boss-Spiele“ auf eigene Faust bei seinem Pferd auszuprobieren. Auch ich habe diese Erfahrung hinter mir…

Kleine Brötchen backen

Ist es dann also für Normalsterbliche nicht möglich, das Vertrauen eines schwierigen Pferdes zu gewinnen?

Doch! Aber wir müssen aus meiner Sicht dafür einen anderen Weg einschlagen. Einen Weg der kleinen Schritte, auf dem wir uns das Vertrauen des Pferdes ehrlich verdienen müssen.

Ich glaube, dass uns Vertrauen nur geschenkt werden kann, wir können es nicht erzwingen. Lassen Sie also am besten als Erstes die Vorstellung einer schnellen Lösung los und lassen Sie sich ein auf einen vielleicht sehr langen, aber auch sehr gewinnbringenden Entwicklungsprozess oder, wenn Sie so wollen, auf eine gemeinsame Reise mit dem Pferd.

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18. Februar 2014 von Babette Teschen • Kategorie: Umgang 25 Kommentare »

Schlecht gelaunt, na und?

Neulich war ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne schien, das Laub leuchtete in allen Farben und es war nicht mal kalt. Spontan entschied ich mich, statt mit Aramis allein eine Schrittrunde im Wald zu machen, auch Anthony mitzunehmen und einen Spaziergang zu machen. Sicher würde es auch dem Kleinen guttun, ein bisschen rauszukommen, dachte ich.

Falsch gedacht.

Denn Anthony fand meine Idee doof. Oder zumindest langweilig. Auf jeden Fall begann er schnell damit, mich provozieren zu wollen: biss in den Strick, schnappte nach meiner Jacke, versuchte, Gras zu fressen, ließ sich zurückfallen oder überholte und drängelte. Na, fein, dachte ich, also mal wieder so ein Spaziergang, denn ich kenne das ziemlich gut: dass ich mir etwas Nettes ausdenke, was Anthony nur doof findet, worauf ich dann selbst schlechte Laune bekomme, aus Frust unfair werde und alles richtig blöde wird. 

Aber es kam anders. Und zwar weil ICH anders mit der Situation umging als sonst.

Ich ließ mich nämlich einfach nicht darauf ein. Sein Schnappen beantwortete ich mit einem klaren, aber freundlichen „Nein“, dafür durfte er seinen Strick tragen 🙂 Seine kleinen Rempeleien wurden von mir sanft korrigiert, aber ich ließ mich nicht provozieren. Oder anders gesagt: Ich spielte das Spiel „Wer bewegt wen?“ nicht mit, denn darum geht es fast immer bei den kleinen Rotzereien unserer lieben Samtnasen. Sie versuchen, uns zu bewegen, körperlich oder mental. Und wie oft habe ich mich schon bewegen lassen? Wie oft wurde ich ungehalten oder sauer, wie oft war ich hinterher mieser gelaunt als er und verfluchte den Spaziergang.

Dieses Mal nicht. Dieses Mal ließ ich nicht zu, dass sich meine Laune veränderte. Ich nahm seine Quengelei nicht persönlich. Ich ging einfach weiter und genoss die Sonne. Anthony hörte deshalb zwar nicht auf (bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die beiden in den Auslauf zurückbrachte, spielte er weiter Nervensäge), aber die Qualität des Spaziergangs war eine andere als sonst in solchen Fällen: Ich hatte mir seine schlechte Laune nicht aufdrücken lassen. Also nahm ich es ihm auch nicht übel, dass er so drauf gewesen war, sondern konnte beide zum Abschied liebevoll knuddeln und über meinen Mr. Grumpy lachen. Wie oft zuvor hatte ich mich nach einem solchen Spaziergang nur mies gefühlt, weil ich aggressiv geworden bin und ich ein Pferd habe, das „immer alles verderben muss“. Tja, und genau das ist aus meiner Sicht ein Vermenschlichen, mit dem wir weder unserem Pferd noch uns einen Gefallen tun. Wenn mein Pferd schlecht gelaunt ist, muss ich das akzeptieren, aber ich muss deshalb selbst noch lange nicht auch muffelig werden 🙂

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Später am Tag fiel mir dann übrigens noch ein, dass Anthony durchaus einen Grund hatte, keine Lust auf einen Waldspaziergang zu haben: Ich war ca. eine Stunde bevor sich das Tor zum Heu öffnete gekommen. Tja, und so konnte ich dann durchaus nachvollziehen, dass er meine Idee, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt loszugehen, an dem es doch so bald ans Fressen gehen sollte, so doof gefunden hatte 🙂

26. November 2013 von Tania Konnerth • Kategorie: Umgang 17 Kommentare »

Vertrauensarbeit in der Praxis

Vor einigen Tagen konnte ich mal wieder erleben, wie wichtig eine einfühlsame Vertrauensarbeit mit unseren Pferden ist (und die Betonung liegt auf einfühlsam). Wir zeigen auf unserer Seite (z.B. hier, hier und hier) und in unseren Kursen ja immer wieder, wie wir unsere Pferde z.B. mit Planen vertraut machen, mit Luftballons, mit großen Plastik-Tieren, mit Gymnastikbällen, Klappersäcken und allen möglichen „Monstern“, auf die Pferde so treffen können. Manch einer mag sich vielleicht fragen, wofür all der Aufwand, schließlich dürfte einem im Wald wohl kaum ein Plastik-Wal begegnen oder ein Gymnastikball entgegen gehüpft kommen. Aber manchmal erlebt man so seine Überraschungen…

Wir haben ganz in der Nähe eine Biogas-Anlage. Und für diese Biogas-Anlage werden enorme Berge aufgehäuft und dann mit Folien abgedeckt. Das geschieht normalerweise eher in der Nähe der Anlage, aber in diesem Jahr hat man sich dafür einen neuen Platz ausgesucht: und zwar unmittelbar an dem Weg, der bei uns in den Wald führt. Tja, und was macht man, wenn man mit seinem Pferd gerne in den Wald möchte und dort in vielleicht 20m Abstand nun diese überdimensional großen Folien über die Berge gezogen werden? Man reitet einfach trotzdem los! 🙂

Schon von weitem sah Aramis, dass da reges Treiben auf dem Feld war:

IMG_7291Aufmerksam, aber gelassen lief er darauf zu und schaute sich interessiert an, was die Menschen da trieben. Auf dem Hinweg wurde eine dünne, durchsichtige Folie gezogen, die knisterte und raschelte. Dass Aramis das vollkommen kalt ließ, wäre übertrieben, aber es war ganz deutlich zu spüren, wie er meinem guten Zureden nach dem Motto „Ist alles ok, ganz ehrlich.“ vertraute.

Denn darum ging es: um Vertrauen. Um jahrelang gewachsenes Vertrauen. Hier zahlte sich all die Arbeit mit den Planen aus und auch, dass ich ihn, wann immer wir etwas Gruseliges draußen fanden, das anschauen ließ. So ließen wir den Planenberg hinter uns und genossen unsere Runde.

Auf dem Rückweg folgte dann Teil 2 der Vertrauensarbeit und der dürfte, wenn auch unspektakulärer, viel wichtiger gewesen sein! Denn da war es an mir gewesen, Aramis‘ Vertrauen in mich nicht zu enttäuschen und vor allem nicht auszunutzen. Als wir nämlich nun zum Feld kamen, wurde gerade eine zweite Plane über den Berg gezogen. Nun war es eine dunkelgrüne, feste Plane, die deutlich mehr Lärm machte und eindrucksvoll im Wind flatterte. Ich merkte, wie der Große sich immer mehr anspannte. Obwohl ich mir sicher war, dass wir auch so an dem Planenmonster vorbei gekommen wären, stieg ich ab und führte ihn vorbei.

Warum tat ich das, was doch so verpönt ist, obwohl es wahrscheinlich ein Leichtes gewesen wäre, ihn mit etwas Nachdruck daran vorbeizureiten (ich höre in meinem Kopf den herkömmlichen Rat: „Beine zu und dann vorbei da!“)? Weil ich merkte, dass er sich Sorgen machte und ich ihm die Sicherheit geben wollte, die er brauchte. Ich denke, viele hätten gedacht: „Hey, vorhin hatte er keine Angst vor der Folie und nun plötzlich doch, der veräppelt mich bestimmt!“ Aber genau das halte ich für eine glatte Fehleinschätzung. Die grüne Folie war deutlich anders als die durchsichtige und aus Pferdesicht offenbar deshalb gruselig. Er hatte mich nicht veralbern wollen, sondern er hatte Angst. An der Hand entspannte er sich fast sofort, was mir zeigte, dass meine Einschätzung richtig gewesen war. Es wäre, wie gesagt, kein Thema gewesen, ihn mit entsprechenden Hilfen vorbeizureiten, aber es wäre ein Problem für unser Vertrauensverhältnis geworden. Denn wenn ich mich an dieser Stelle „durchgesetzt“ hätte, hätte ich zwar Macht bewiesen, wäre aber über seine (aus seiner Sicht vollkommen berechtigten!) Bedenken hinweggegangen. Wir wären dann nicht zusammen an der Plane vorbeigegangen, sondern ich hätte ihn dazu gebracht. Indem ich abstieg und ihn führte, bewältigten wir die Situation aber dann gemeinsam.

Ich weiß, dass ich in diesem Moment die Chance hatte, meinem Pferd zu beweisen, dass ich sein Vertrauen verdient habe und ich bin sehr froh, dass ich ihm genau das zeigen konnte.

15. Oktober 2013 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Vertrauenstraining 17 Kommentare »

Eine Portion Selbstreflexion

Auch das dürften mal wieder viele von Euch auch gut kennen: Wenn man eh schon einen stressigen Tag hat, wenig Zeit oder Kopfweh, genau dann müssen unsere lieben Samtnasen fröhlich unsere Knöpfe drücken, indem sie an diesem Tag natürlich ununterbrochen in den Führstrick beißen, uns anrempeln, auf die Füße treten oder plötzlich alle gelernten Lektionen auf einmal vergessen haben.

Zufall? Nein, ich glaube fest daran, dass sie damit einfach nur beantworten, WIE WIR zu ihnen kommen. Pferde haben extrem feine Antennen für uns und unsere Befindlichkeiten. Wenn wir gestresst, genervt, traurig oder in welcher Stimmung auch immer zum Pferd kommen, wissen die das meist schon, bevor wir auch nur ihre Nase gestreichelt haben. Einige Pferde halten die Bälle tief, wenn dicke Luft ist und sind besonders brav. Die meisten aber reagieren dann so, wie man es auch bei Kindern oft beobachten kann: sie scheinen „erst recht“ zu provozieren. Oder zumindest empfinden wir es so. Und leider knallt es dann an solchen Tagen oft zwischen Mensch und Pferd, was für beide Seiten unschön ist. 

Ich habe mir deshalb angewöhnt, mich im Auto, wenn ich zu den Pferden fahre, mir einige Fragen zu stellen:

  • Wie geht es mir gerade?
  • Wie bin ich drauf?
  • Was erhoffe ich mir von der Zeit bei den Pferden?
  • Ist es eine gute Idee, heute etwas mit ihnen zu machen oder sollte ich vielleicht nur füttern?

Es hat ein bisschen Selbstdisziplin gebraucht, um diesen kleinen Selbst-Check zur Gewohnheit zu machen, aber inzwischen weiß ich bei der Ankunft am Stall meist ziemlich genau, wie ich drauf bin (und was ich in dieser Stimmung dann von meinen Pferden zu erwarten habe 😉 ). Diese kleine Portion Selbstdisziplin erspart mir und meinen Pferden viele unnötige und oft auch unfaire Auseinandersetzungen, weil ich mich ihnen nicht mehr ungefiltert mit meinen Stimmungen zumute. Und manchmal bin ich erstaunt, wie liebevoll sie mich aufnehmen, obwohl ich gestresst bin und ihnen genau das sage. Klingt vielleicht ein bisschen schräg, aber es kommt mir oft vor, als bekäme ich ein Lob von ihnen, wenn ich sage: „Sorry Jungs, aber mein Tag heute war so bescheiden, dass ich Euch nur kurz über die Nase streicheln werde. Morgen bin ich sicher wieder lockerer drauf.“

Und wieder einmal haben sie mich ein gutes Stück erzogen, die beiden.

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17. September 2013 von Tania Konnerth • Kategorie: Umgang 9 Kommentare »

Hilfe, mein Pferd ist alt?

Mein Aramis ist in diesem Jahr 21 geworden. Schon immer hatte er eine stark ausgeprägte Fehlstellung in beiden Vorderhufen und mir war klar, dass das irgendwann Probleme in Sachen Arthrose bringen könnte. Tatsächlich fing er dann im Sommer 2011 an, mal mehr, mal weniger zu lahmen. Wochen- und monatelang war alles wieder gut, aber im letzten Jahr lahmte er dann irgendwann kontinuierlich, erst im Trab, dann auch im Schritt. Auf dem Röntgenbild waren klare Veränderungen zu erkennen, die laut Tierarzt eindeutig zu den Schmerzen führten, die er erst nur im Trab, dann aber auch im Schritt immer deutlicher zeigte.

Da war also es gekommen: Mein Großer wird alt, mein Großer ist nicht mehr gesund.

Und nun?

Ich war wie gelähmt und wusste damit erst gar nicht umzugehen. Natürlich konnte ich ihn nun nicht mehr arbeiten! Wer würde sich auf ein lahmendes Pferd setzen, wer etwas von einem Pferd, das so viel in seinem Leben geleistet hat, verlangen, wenn es nicht fit ist. Er sollte seine Rente bekommen, keine Frage. Also holte ich ihn zwar noch immer täglich raus, clickerte mal ein bisschen mit ihm oder ging ein Stück spazieren. Aber  auch etwas mit ihm tun? Nein, das war gestrichen.

Eine Zeitlang war er zufrieden und ich war rund damit, nun eben einen Senior zu haben. Aber dann gefiel mir zunehmend sein Blick nicht mehr, er baute ab und irgendwie fühlte sich alles immer weniger rund an. Litt der Große? Hatte er dolle Schmerzen? Musste ich doch über Schmerzmittel nachdenken?

Ich holte mir Rat bei Pat, die gerade selbst in letzter Zeit viel mit älteren Pferden arbeitet. Ich wünschte mir, dass sie Aramis einmal gründlich durchchecken und mir sagen würde, was ich tun soll, denn ich war inzwischen einfach traurig und hilflos.

Ein anderer Blick

Pat tat dann etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Sie forderte mich auf, mit Aramis ein bisschen etwas zu tun: Arbeit an der Hand – Antreten, Seitengänge, Rückwärtsrichten. Sie gab mir einige Tipps für seine Haltung, für das Tempo und was ihm an Übungen gut tun würde. Am Ende gab es ein bisschen Massage für den Großen und es wurden noch einige Akupunkturpunkte behandelt, aber es war deutlich: Nicht die Behandlung war das Wesentliche, sondern einmal mal mehr ging es mein Verhalten beziehungsweise um meine Einstellung.

Es ging darum, zu erkennen, WIE ich immer öfter auf mein Pferd geschaut hatte:

  • wie ich seinen Blick als niedergeschlagen deutete, obwohl sich ein Pferdeblick im Alter einfach verändert und das gar nicht schlimm sein muss,
  • wie ich seine verschwundene Muskulatur als Zeichen für seinen schlechten Zustand deutet, obwohl sich bei jedem Pferd, das nicht arbeitet, die Muskulatur zurückbildet,
  • wie ich jede kleine Gegenreaktion von ihm als Signal interpretierte, dass er nicht kann,
  • wie ich mein Pferd mit jedem Tag um Jahre älter guckte …

Ich war dabei gewesen, mein zwar nicht mehr junges und auch nicht mehr ganz gesundes Pferd zu einem alten und kranken Pferd zu machen. Vor lauter Angst hatte ich mich mehr und mehr in die kleinen Dinge gesteigert, die sich verändert hatten – die aber nichts weiter sind als der ganz normale Lauf der Dinge. Ältere Pferde sehen anders aus als junge, sie laufen anders, sie lahmen öfter mal, sie gucken anders, bauen auch mal ab – aber: Sie sind deshalb nicht todkrank!

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2. Juli 2013 von Tania Konnerth • Kategorie: Gesundheit, Umgang, Verhalten 22 Kommentare »

Eine Einladung

Es ist immer wieder faszinierend, wie manche Themen unmittelbare Resonanz finden. Vor kurzem schrieb ich noch über meine momentane Unsicherheit in Bezug auf das, was mit meinen Pferden gerade alles nicht „funktioniert“ und Babette griff danach das Thema auch noch einmal in einem Beitrag auf. Und dann passierte das, worüber ich heute schreiben will.

In den letzten Wochen war Anthony quasi unreitbar. Auf der linken Hand zog er so stark nach außen, dass ich Angst um meine Kniescheibe hatte. Nicht nur deshalb ließ ich das Reiten erst einmal sein, sondern vor allem, weil sein Nein so klar und deutlich war. Ich kenne solche Phasen von ihm und oft helfen da Pausen. Also ließ ich ihn erst einmal in Ruhe. Das änderte aber nichts. Dann holte ich den Pferdezahnarzt, denn in der Vergangenheit hatte er auf diese Art häufig gezeigt, dass er Beschwerden hatte. Doch dieses Mal gab es nichts in seinem Maul zu tun. Ich probierte Verschiedenes aus, nichts brachte mich weiter.

Nach einer weiteren Pause entschied ich mich, unsere Osteopathin Maike zu rufen. Die schlug vor, erst einmal ein Blutbild zu machen und das fand ich eine gute Entscheidung, da der Kleine in verschiedener Hinsicht kränkelte. Es kam auch ein bisschen was dabei heraus, so dass er Zusatzmittel verordnet bekam. Die dann folgende Osteopathie-Behandlung brachte ein Lösen der stark verhärteten Muskulatur und ein liebevolles Verordnen von „Sport“ für Anthony.

Ermutigt durch die Tatsache, dass dem Pferd nichts Ernsthaftes fehlte, änderte sich meine eigene Energie bei der Arbeit. Ich entschied mich zunächst für die Freiarbeit, da ich damit immer noch den besten Zugang zu ihm bekomme. Wir hatten einige ganz wundervolle Einheiten, in denen er richtig wieder Spaß am Laufen bekam. Zwischendurch nahm ich auch das Longieren hinzu, etwas gegen dass er sich auch gewehrt hatte. Ich ignorierte sein kleinen Proteste liebevoll und sie hörten dann ganz schnell von allein auf.

Und dann kam der Tag, an dem ich eine Einladung erhielt. Eine Einladung von Anthony. Zum ersten Mal seit gefühlten Monaten schien die Sonne. Es war immer noch eisig kalt, aber der Himmel strahlte blau und ich entschied, dass wir spazieren gehen. Als wir losgingen, kam dieser kleine Impuls von Anthony, den ich fast übersehen hätte, der dabei aber so klar war: Er wollte zur Aufstieghilfe!

Lud er mich tatsächlich ein, ihn zu reiten? Mag manch einer nun zweifelnd den Kopf schütteln, ich bin mir sicher, dass es genau so war.

Ich folgte diesem Impuls und setzte mich auf ihn. Wohlgemerkt seit Wochen zum ersten Mal. Ohne Sattel nur mit Halfter. An einem ersten vorfrühlingshaften Tag. Ich ließ mich von ihm zum Wald tragen und es war wunderschön. Ich war sehr gerührt und vor allem glücklich über das Geschenk. Es hat mir wieder einmal gezeigt, dass es sich lohnt, auf das Ja eines Pferdes zu warten und nicht einfach seinen Willen durchzusetzen. Das ist der Unterschied zu dem, wie ich es früher gemacht habe und ich hoffe, ich kann noch viel öfter geduldig auf solche Einladungen warten.

19. März 2013 von Tania Konnerth • Kategorie: Umgang 14 Kommentare »

Umgang mit Beißern

Ich bekomme ziemlich regelmäßig Mails, in denen ich gefragt werde, wie man am besten mit Beißern umgehen kann. Der normale Rat ist meist der, das Pferd für das Beißen zu strafen. Ich sehe das, wie so oft, ein bisschen anders. 🙂

Ganz klar: Ein Pferd, das beißt, ist nicht wirklich lustig. In leichteren Fälle tut es weh, vom Pferd gekniffen zu werden, in ernsteren Fällen wird es aber sogar sehr gefährlich. Und gerade weil das so ist, halte ich wenig davon, ein beißendes Pferd zu schlagen. Denn bei manchen Pferden kann ein solches Abstrafen die Gefahr noch deutlich vergrößern, nämlich dann, wenn es daraufhin erst recht zurückbeißt. Aber auch bei weniger aggressiven Pferden führt meiner Erfahrung nach Strafe selten dazu, dass ein Pferd nicht mehr beißt. Im Gegenteil: Oft kommt es leider zu einer endlosen Schleife von Beißen – Strafe – Beißen – Strafe usw.

Schritt 1: Ursachenforschung

Für mich steht zunächst immer die Frage an: Warum beißt das Pferd?

Pferde können nicht mit Worten reden, aber sie können sehr wohl ihren Unmut, ihre Angst oder auch Schmerzen u.Ä. zeigen. Wir müssen nur bereit sein, ihr Verhalten als Kommunikationsversuch zu deuten, um in einem Beißen z.B. nicht nur die „unschöne Tat“ zu sehen, sondern vielleicht den verzweifelten Versuch, uns etwas mitzuteilen.

Bei einem beißenden Pferd frage ich mich also:

  • Was könnte der Grund für das Verhalten sein?
  • Hat das Pferd Angst? Wovor?
  • Hat es schon schlechte Erfahrungen gemacht? Welche?
  • Erwartet das Pferd vielleicht etwas Schlechtes und will sich durch die Attacke davor schützen? Was könnte das sein? Erwartet es z.B. Schmerzen o.Ä.?
  • Wie lebt das Pferd? Wird es artgerecht gehalten und ernährt? Hat es ausreichend Freilauf, Kontakt zu Artgenossen und bekommt es genug Raufutter?
  • Hat das Pferd vielleicht Schmerzen, z.B. an den Zähnen? Oder andere Beschwerden?
  • Was könnte sonst noch zu dem Verhalten führen? Ist es genervt? Wodurch?
  • Tritt das Verhalten vielleicht zu bestimmten Zeiten vermehrt auf (bei Stuten z.B. in der Rosse)?
  • Usw.

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26. Februar 2013 von Babette Teschen • Kategorie: Umgang, Verhalten 63 Kommentare »

Funktioniert nicht mehr …

Muss ein Pferd funktionieren? Ja, ich wähle ganz bewusst diese mechanistische Wortwahl, denn das ist das, was ich immer wieder in der Pferdewelt erlebe und was mich auch selbst geprägt hat: unsere Anspruchshaltung unseren Pferden gegenüber, dass sie zu erfüllen haben, was wir von ihnen erwarten. Ein Pferd ist zum Reiten da (wahlweise noch zum Fahren), basta.

Tja, und genau das funktioniert bei mir nicht mehr.

Meine Pferde zeigen mir inzwischen freundlich, aber dabei sehr deutlich, dass sie sich nicht mehr benutzen lassen, denn ihre Eignung zum Nutztier habe ich mir durch den Umgang, den ich mit ihnen pflege, gründlichst versaut. Für viele sicher ein Alptraum, für mich nur eine vollkommen logische Folge des Weges, den ich mit meinen Pferden eingeschlagen habe. Wenn ich meinen Pferden eigene Ideen zugestehe, wenn ich bereit bin, zuzuhören, wenn ich sie als eigenständige Wesen akzeptiere, muss ich auch dafür offen sein, dass meine Pferde „Nein“ sagen. Und dass sie eigene Vorstellungen entwickeln.

Ich weiß, ich rühre damit an Grundfesten der Pferdewelt, denn Pferden einen eigenen Willen zuzugestehen, ist ja immer noch geradezu ein Tabu. Darf man tatsächlich so weit gehen?  Wo kämen wir denn schließlich hin, wenn Pferde plötzlich nicht mehr zu tun bräuchten, was wir von ihnen wollen?

Tja, … wo kämen wir hin?

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19. Februar 2013 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang 17 Kommentare »

Nein? Ja!

Neulich bekam ich eine Mail von Inga Kock, die mir so gut gefiel, dass ich beschlossen habe, sie einfach hier im Blog zu veröffentlichen. Ich denke, dass das Spiel, das Inga beschreibt, fast ein Muss für alle Pferdeleute sein sollte. Lesen Sie selbst:

„Liebe Babette.

Heute habe ich Deinen Beitrag zum Thema Eine Verständnisfrage gelesen und möchte dir etwas erzählen, das mich vor vielen Jahren sehr zum Umdenken in Bezug auf mein Verhalten gegenüber Pferden gebracht hat.

Ich habe damals ein Seminar zum Thema „Psychologie des Pferdes“ besucht. Im Rahmen dieses Seminars haben wir das „Ja-Nein-Spiel“ gespielt. Eine Person (nennen wir sie einfach mal Inga) aus der Gruppe musste den Raum verlassen. Dann haben die anderen Gruppenmitglieder im Seminarraum sich eine ganz einfache Aufgabe ausgedacht, die Inga erledigen sollte, z.B. „Lege den Stift vom rechten Tisch auf den linken.“. Zudem wurde ein Trainer festgelegt (nennen wir sie doch spaßeshalber Babette). Babette sollte Inga helfen, die Aufgabe zu erfüllen, allerdings ausschließlich über das, was Inga nicht tun sollte. Also immer wenn sie etwas Falsches machte, sollte Babette „Nein“ sagen.

Inga wurde wieder hereingerufen und sollte nun herausfinden, was sie machen soll. Dabei durfte sie aber nicht verbal agieren, sondern nur ausprobieren – und erntete bei allen Fehlversuchen ein „nein“ von Babette. Ich war tatsächlich selbst der Mensch, der die Aufgabe erledigen sollte, und ich war nach kürzester Zeit total frustriert. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte, und wurde richtig wütend auf meine „Trainerin“. Ich habe aus lauter Frust auch Dinge wieder und wieder probiert, weil ich einfach nicht verstanden habe, was ich machen sollte, und es hat wirklich lange gedauert, bis ich die Aufgabe erfüllen konnte.

Das gleiche Spiel haben wir dann noch einmal gespielt, allerdings mit dem Wort „Ja“, mit anderen Gruppenmitgliedern. Das ging zwar nicht viel schneller, aber die Person, die die Aufgabe erfüllen sollte, war deutlich weniger frustriert und immer noch sehr motiviert. Schließlich wurde das Ganze ein drittes Mal wiederholt – diesmal mit „ja“ und „nein“. Die Aufgabe wurde schnell und unkompliziert gelöst und alle Beteiligten waren zufrieden.

Ich war nachhaltig davon beeindruckt, WIE frustriert ich war, weil ich überhaupt keine Idee hatte, was ich tun sollte, dafür aber ständig verbal gestraft wurde. Ich habe eine richtige Wut im Bauch gehabt, und das passiert mir sonst nicht so schnell. Wenn ich mir jetzt überlege, wie viele Pferde immer wieder versuchen, die Aufgaben, die ihnen gestellt werden, zu erfüllen und für schlichtes „nicht verstehen“  immer wieder bestraft werden, dann wundert es mich immer wieder neu, dass die Pferde sich überhaupt noch so viel Mühe geben. Sie sind einfach wunderbare kooperative Wesen, die so gern gefallen möchten, und so viele Menschen machen es ihnen aus Unwissenheit aber manchmal eben auch wider besseres Wissen so schwer.“

Ein herzliches Dankeschön an Inga für diese Mail!

Ja-Nein-Spiel

27. November 2012 von Babette Teschen • Kategorie: Übungen, Umgang 8 Kommentare »

Die Bereitschaft zuzuhören

Neulich gab es eine hübsche, kleine Begebenheit bei der Hufpflege mit Anthony:

Anthony ist zwar nicht immer 100%ig brav bei der Hufpflege, aber er gibt seine Hufe immer freiwillig. Plötzlich aber schien er den linken Hinterhuf einfach nicht geben zu wollen. Nicht auf Ansprache, nicht auf Berührung, nicht einmal auf ein zartes Klopfen.

Klarer Fall von Ungehorsam? So hätten es wohl die meisten interpretiert und den Huf dann mit Druck (oder sogar Gewalt) gefordert, schließlich kann man dem Pferd das nicht durchgehen lassen, oder? Nun hatte ich Anthony aber aufmerksam beobachtet und hatte eine Ahnung von dem, was da los war. Er hatte nämlich seinen Hinterhuf auf die Spitze gestellt und dabei leicht nach außen gedreht. Es war nicht viel an Bewegung, aber wenn man sie wahrnahm, durchaus deutlich. Da Pferde nicht sprechen können, zeigen sie ihre Bedürfnisse anders und Anthonys Körperhaltung legte mir diese Aussage nahe: „Bitte kratz mich mal am Bein, es juckt so doll.“ Also bat ich meinen Hufpfleger, kurz zu warten, und kratzte Anthony an der Fessel. Seine Nase wurde lang und länger und er verdrehte genüsslich die Augen. Danach war er zufrieden und gab seinen Huf wie gewohnt vollkommen freiwillig.

Mein Hufpfleger stand da und schmunzelte: „Da habe ich wohl mal wieder nicht zugehört.“ Und genau wegen diesem Satz schreibe ich diesen Blog! Denn, ja, es geht um das Zuhören. Es geht immer wieder darum, nicht vorschnell davon auszugehen, dass man die Situation richtig einschätzt, sondern dass man offen bleibt für das, was wirklich ist.

Die meisten Menschen unterstellen Pferden automatisch Ungehorsam und ein ständiges Aufbegehren (warum das so ist, darüber könnte man noch viele Blogbeiträge schreiben). Und aus dieser Vorannahme heraus wird schnell geschimpft und gemaßregelt. Dabei übersehen wir aber ganz oft, dass unser Pferd uns einfach nur etwas zu sagen versucht. Dass es gar nicht sein Anliegen ist, „frech“ zu sein oder „ungezogen“, sondern dass es manchmal (vielleicht sogar fast immer?) solch banale Dinge sind, wie ein juckender Fuß, der das Pferd nicht tun lässt, was wir gerade wollen. Und mal ganz ehrlich, wäre es nicht schreiend ungerecht gewesen, wenn wir Anthony in dieser Situation gestraft hätten?

20. November 2012 von Tania Konnerth • Kategorie: Umgang 7 Kommentare »

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