Nein? Ja!

Neulich bekam ich eine Mail von Inga Kock, die mir so gut gefiel, dass ich beschlossen habe, sie einfach hier im Blog zu veröffentlichen. Ich denke, dass das Spiel, das Inga beschreibt, fast ein Muss für alle Pferdeleute sein sollte. Lesen Sie selbst:

„Liebe Babette.

Heute habe ich Deinen Beitrag zum Thema Eine Verständnisfrage gelesen und möchte dir etwas erzählen, das mich vor vielen Jahren sehr zum Umdenken in Bezug auf mein Verhalten gegenüber Pferden gebracht hat.

Ich habe damals ein Seminar zum Thema „Psychologie des Pferdes“ besucht. Im Rahmen dieses Seminars haben wir das „Ja-Nein-Spiel“ gespielt. Eine Person (nenn wir sie einfach mal Inga) aus der Gruppe musste den Raum verlassen. Dann haben die anderen Gruppenmitglieder im Seminarraum sich eine ganz einfache Aufgabe ausgedacht, die Inga erledigen sollte, z.B. „Lege den Stift vom rechten Tisch auf den linken.“. Zudem wurde ein Trainer festgelegt (nennen wir sie doch spaßeshalber Babette). Babette sollte Inga helfen, die Aufgabe zu erfüllen, allerdings ausschließlich über das, was Inga nicht tun sollte. Also immer wenn sie etwas Falsches machte, sollte Babette „Nein“ sagen.

Inga wurde wieder hereingerufen und sollte nun herausfinden, was sie machen soll. Dabei durfte sie aber nicht verbal agieren, sondern nur ausprobieren – und erntete bei allen Fehlversuchen ein „nein“ von Babette. Ich war tatsächlich selbst der Mensch, der die Aufgabe erledigen sollte, und ich war nach kürzester Zeit total frustriert. Ich wusste überhaupt nicht, was ich machen sollte und wurde richtig wütend auf meine „Trainerin“. Ich habe aus lauter Frust auch Dinge wieder und wieder probiert, weil ich einfach nicht verstanden habe, was ich machen sollte und es hat wirklich lange gedauert, bis ich die Aufgabe erfüllen konnte.

Das gleiche Spiel haben wir dann noch einmal gespielt, allerdings mit dem Wort „Ja“, mit anderen Gruppenmitgliedern. Das ging zwar nicht viel schneller, aber die Person, die die Aufgabe erfüllen sollte, war deutlich weniger frustriert und immer noch sehr motiviert. Schließlich wurde das Ganze ein drittes Mal wiederholt – diesmal mit „ja“ und „nein“. Die Aufgabe wurde schnell und unkompliziert gelöst und alle Beteiligten waren zufrieden.

Ich war nachhaltig davon beeindruckt, WIE frustriert ich war, weil ich überhaupt keine Idee hatte, was ich tun sollte, dafür aber ständig verbal gestraft wurde. Ich habe eine richtige Wut im Bauch gehabt, und das passiert mir sonst nicht so schnell. Wenn ich mir jetzt überlege, wie viele Pferde immer wieder versuchen, die Aufgaben, die ihnen gestellt werden, zu erfüllen und für schlichtes „nicht verstehen“  immer wieder bestraft werden, dann wundert es mich immer wieder neu, dass die Pferde sich überhaupt noch so viel Mühe geben. Sie sind einfach wunderbare kooperative Wesen die so gern gefallen möchten, und so viele Menschen machen es ihnen aus Unwissenheit aber manchmal eben auch wider besseres Wissen so schwer.“

Ein herzliches Dankeschön an Inga für diese Mail!

Ja-Nein-Spiel

27. November 2012 von Babette Teschen • Kategorie: Umgang 8 Kommentare »

 

8 Reaktionen zu “Nein? Ja!”

 

Von no0815girl • 27. November 2012

Toller Beitrag und immer wieder erstaunlich, wie man sein eigenes Verhalten überdenkt, wenn man so etwas mal selbst erlebt. Dasselbe könnte man auch für vieles anderes machen, zB um einmal die Hilfen zu spüren (Zügel, Peitsche usw.) um festzustellen, wie wenig es braucht und wie viel falsch verstanden werden kann.

Also als Fazit könnte man daraus ableiten, dass man einem Pferd am besten etwas beibringen kann über Strafen/Korrekturen (Nein) und Belohnungen (Ja). Finde ich gut, denn genau so habe ich es bisher gehandhabt und das einzige Problem dabei war wahrscheinlich, dass mein Nein, bzw. meine Korrekturen nicht genau genug waren aufgrund körperlicher Unfähigkeit – insbesondere beim Reiten 😀
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Mit Deinem Fazit stimme ich nicht 100% ig überein, denn „Strafe“ würde ich raus nehmen. Für mich hat dieses Spiel viel mit dem Kinderspiel Topfschlagen gemeinsam. Stell´Dir vor, ein Kind krabbelt mit verbunden Augen durch den Raum auf der Suche nach dem Topf. Mit dem Kochlöffel schlägt es dabei die Dinge an, die ihm im Wege sind. Wenn wir jetzt gut mit „warm“/“ja“ oder „kalt“/“nein“ Feedback geben, hat das Kind gute Chancen bald ein Erfolgserlebnis zu haben, also den Topf zu finden. Es hätte mit Sicherheit Spaß an dem Spiel, wäre also motiviert und das „Nein“ würde keine Angst auslösen. Was aber wäre, wenn das Kind nun bei falschen Handlungen von den Umstehenden gestraft würde, z.B. mit einem Gertenhieb auf dem Po? Wie wäre wohl jetzt die Motivation und Freude des Kindes und sein Vertrauen in das Spiel?

So versuche ich auch im Umgang mit Pferden zu agieren. Ich gucke auf die kleinsten richtigen Ansätze und gebe Feedback „Ja, richtig“ (Click und Belohung). Wenn das Pferd eine komplett falsche Idee im Kopf hat und droht frustriert zu werden weil es nicht versteht was ich von ihm möchte, korrigiere ich das Fehlverhalten um das Verstehen zu erleichtern. Diese Korrektur ist aber keine Strafe und soll vom Pferd auch nicht als solche verstanden/empfunden werden.

Liebe Grüße,
Babette

 

Von Jochen • 27. November 2012

Liebe Babette,

schon seit langer Zeit bin ich davon überzeugt, daß es ohne 3 bis 5 Prozent „Nein“ nicht geht, weil sonst die Dinge irgendwann aus dem Ruder laufen oder Tabu-Brüche passieren. (Meine Schätzung beruht auf der Methode „Pi mal Auge“.) „Antiautoritäre Erziehung“ sollte nicht mit „gar keiner Erziehung“ verwechselt werden.
Umgekehrt bedeutet das allerdings, daß auf jedes „Nein“ innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums 20 bis über 30 „Ja“ folgen müssen; daß also der Ansatz überdacht werden muß, wenn die Proportion nicht mehr stimmen will (kleinschrittigeres Vorgehen, mentale Hygiene, Programmänderung falls man zu schlecht drauf ist usw).

Vielfach kann man beobachten, daß grob angeranzte Pferde plötzlich gehorchen, und daß die Interpretation lautet „Siehste, jetzt hat das Vieh verstanden“. Wobei allerdings dieser Gehorsam nur eine Weile vorhält, dann ist der nächste Anranzer fällig, und der Teufelskreis beginnt.

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach findet hier jedoch in Wirklichkeit Folgendes statt: Das Pferd versucht, so viele „Ja“ zu erwirken, daß sich die Proportion des „Nein“ wieder auf 3 bis 5 Prozent reduziert (weil der Mensch dazu ja ganz offensichtlich nicht in der Lage ist). Während dieser Zeit „hat das Vieh verstanden“.
Gelingt dem Pferd dieser Ansatz, so ist wieder alles normal (und bald ist der nächste Anranzer fällig). Und wenn das nicht gelingt, stumpft das Pferd ab – erstaunlich viel langsamer als Menschen (weshalb Pferde ja auch viel mehr leiden), nur halten eben auch Pferde nun doch nicht alles aus.

Nutzt man nun meine absurde Auffassung, um nach jedem Anranzer mit dem Pferd gemeinsam die Proportionen wieder auszugleichen, so erhält man nicht nur einen Lernerfolg (das erste der 20 bis über 30 „Ja“ bestätigt ja bereits das korrekte Verhalten) sowie ein 95 bis 97 Prozent großes Feld der Gemeinsamkeit mit 3 bis 5 Prozent Grenzen, sondern darüber hinaus auch einen gemeinsamen „inneren“ Weg dorthin.
Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, daß das zu ganz erstaunlichen Erfolgen führt (erstaunlich für Außenstehende – für einen selbst nur, wenn man für sowas dankbar bleibt, anstatt es für eine Selbstverständlichkeit zu halten)…

Liebe Grüße aus der Provence, Jochen

 

Von Akino • 27. November 2012

Ich finde man muss zwischen den verschiedenen „Neins“ differenzieren.

Das „Nein-du-machst-gerade-nicht-was-du-sollst“, ist eigentlich immer auch ein „Nein“ an sich selbst. Eigentlich sollte ein Pferd in eine Situation gebracht werden, in der es (fast) nur richtig handeln kann, und wenn es das nicht tut, ist das meistens ein Zeichen dafür, dass man sich unverständlich ausgedrückt hat, oder die Lektion nicht richtig vorbereitet hat. Ein „Nein“ bietet dem Pferd ja noch nicht einmal eine Handlungsanweisung. Besser wäre da schon das Kommando einfach nochmal zu wiederholen für den Fall, dass das Pferd nicht zugehört hat (soll ja vorkommen, hab ich mir sagen lassen).

Es gibt aber noch das „Nein-du-betrittst-gerade-verbotenes-Terrain-und-du-weißt-es-ganz-genau-und-wenn-ich-das-noch-einmal-mitkriege-verkauf-ich-dich-an-den-nächstbesten“. Dieses Nein hat wie ich finde schon eine gewisse Berechtigung, einfach weil den Menschen das Ohrenanlegen so schwer fällt 🙂 Dieses nein ist bei mir meistens ein „hey“ und kommt zum Beispiel zum Einsatz, wenn ich angerempelt werde. Ich hab da ein gewisses Nachsehen mit dem Einäugigen, aber er ist halt auch unabhängig von seiner Sehbehinderung manchmal ein rücksichtsloser Trampel 🙂

Und manchmal kriegt der Herr Pony von mir ein „Ja“ für ganz selbstverständliche Sachen (Hufegeben zum Beispiel, er ist in nem Alter, wo das selbstverständlich ist), weils gut für die Stimmung ist.

 

Von Judith • 29. November 2012

Hallo Babette,

dein Beitrag hat mich gerade zum Nachdenken gebracht, was mit dem Nein sagen und Ja sagen gemeint ist. Ich sage in den meisten Fällen nicht Nein, indem ich meinem Pony einen verbalen Anpfiff gebe oder sonstwie verbal hinweise. Sondern indem ich zurückweiche, oder nicht auf das eingehe was er anbietet. Beim Führen am Halfter z.B. wenn er anfrägt das er grasen möchte, reicht ein leichtes Zupfen als Nein. Eigentlich gibt es viele Möglichkeiten ein Nein auszudrücken stelle ich gerade fest… Ja sage ich z.B. durch verbales Loben, Leckerchen, streicheln, ermutigen weiterzumachen, ihn weitermachen lassen… auch sehr viele Möglichkeiten Ja zu sagen. Mein Pony benutzt auch in verschiedenen Situationen verschiedene Möglichkeiten Ja und Nein auszudrücken. Z.B. Zurückweichen, Weggucken, mehr wollen, bei mir bleiben…
Mal schauen wie ich ihn noch besser wahrnehmen kann und mich besser mitteilen 🙂

Liebe Grüße
Judith

 

Von Birgit • 3. Dezember 2012

Der Beitrag ist so klasse !!
Ich würde den Beitrag gerne kopieren und in unserem Reitverein aushängen.
Darf ich das ?
Falls – wenn – dann ?
Vielen Dank !!
_______________________________________________________
Hallo Birgit,
ja, Du darfst gerne den Beitrag in Deinem Reitverein aushängen. Bitte schreibe als Quelle unsere URL dazu, vielen Dank!
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Anne Goldammer • 3. Dezember 2012

Hallo Babette,

ich möchte mich Birgit anschließen und den Beitrag in meinem Blog und auf meiner Facebook Seite veröffentlichen, natürlich mit Verlinkung. Bist du einverstanden? Falls – wenn – dann?

LG Anne
____________________________________________________
Liebe Anne,
ja, wir freuen uns wenn Du den Beitrag mit Verlinkung auf Deiner Seite veröffentlichst :-),
liebe Grüße,
Babette

 

Von Heidrun • 3. Dezember 2012

Schöner Beitrag!! Ich möchte ergänzend dazu erzählen, dass ich – aus Lerngründen und zur Selbstreflexion – meinen Freund mehrmals „geklickert“, d.h. jede für mich in die gewünschte Richtung gehende Aktion oder Reaktion ( ich hatte mir vorher eine einfache Aufgabe ausgedacht, die er „erraten“ musste, also so in der Art, wie es unseren Pferden oft geht..) bekam er eine positive „Antwort“, ein “ ja… das möchte ich“ und eine „falsche“ Aktion wurde einfach ignoriert. Das funktionierte eigentlich sehr gut und machte Spass. Wir haben es auch umgekehrt gespielt und da er mit dem clickern eigentlich nicht so vertraut ist, tendierte er immer wieder zum Reagieren auf unerwünschte Reaktionen, mit Bemerkungen wie:.. „Das ist schon wieder falsch, das ist ja unlogisch… etc. DIESE Bemerkungen halfen mir nicht weiter und waren eher kontraproduktiv … Ich kann nur allen raten, das einfach mal auszuprobieren und dann selbst zu bei achten u spüren, wie es einem mit positiver Verstärkung und/ oder (nur) negativer Rückmeldung so geht..
Liebe Grüsse, Heidrun

 

Von Annika • 30. November 2018

Sehr toller Text,
regt zum nachdenken an. Ich bin begeistert von den Gedankengängen mancher Menschen. Grossartig!

 

 

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