Wir brauchen eine Streitkultur in unseren Ställen: 3 hilfreiche Regeln

Ich kaue weiter auf dem schwierigen Thema herum, wie man mit Unrecht gegenüber Pferden umgehen soll. Die zahlreichen Reaktionen, die wir auf den letzten Artikel dazu bekommen haben, zeigen, dass sich sehr viele hilflos fühlen, wenn sie etwas sehen, unter dem Pferde leiden und dass die wenigsten wissen, wie man damit am besten umgehen kann, sowohl im eigenen Stall als auch draußen. Was ich glaube, was uns allen fehlt, ist eine konstruktive Streitkultur oder wenigstens eine Handvoll Regeln für die Kommunikation, denn Kommunikation ist der Schlüssel zum Verstehen. 

Vielleicht bin ich mal wieder hoffnungslos naiv, aber ich habe ein Bild im Kopf von einem anderen, einem besseren Umgang miteinander, von dem wir Menschen und damit auch die Pferde profitieren würden.

Für den Anfang habe ich hier mal drei Regeln zusammengestellt, die meiner Einschätzung nach sehr vieles verändern könnten: 

Regel 1: Es geht um die PFERDE!

Diese Regel scheint leider sehr schwer zu vermitteln zu sein, aber sie könnte Grundlegendes zum Guten verändern. 

Aus meiner Sicht liegt das Hauptproblem in der Kommunikation in Ställen darin, dass sich jeder sofort persönlich angegriffen fühlt. Selbst eine neutrale Nachfrage wird oft sofort als Kritik aufgefasst, die Äußerung einer anderen Idee als Affront und auch konstruktive Kritik geradezu als Kriegserklärung.

Aber muss das wirklich so sein? Es sollte doch eben gerade nicht um UNS gehen, sondern um die Pferde und genau das müsste doch im Interesse aller Pferdemenschen sein! Wenn wir die Pferde konsequent in den Fokus stellen, wird vielleicht möglich, auch in Ställen Gespräche zu führen, von denen alle profitieren.

Lassen wir uns doch für den Moment einmal auf diese Vision ein: Was würde wohl passieren, wenn wir alle davon ausgehen würden, dass für jeden im Stall das Wohl der Pferde oberste Priorität hat. Das würde bedeuten, dass wir annehmen können, dass also jeder, der etwas sagt, seinen Blick konsequent auf dem Pferd hat und dass er oder sie vielleicht tatsächlich etwas sieht und wahrnimmt, für das ich in diesem Moment vielleicht blind bin?

Wow, würde ich dann vielleicht nicht ganz anders damit umgehen, wenn mir jemand etwas sagt? Schließlich will ich doch das Beste für mein Pferd, oder etwa nicht?

Ja, diese Regel fordert von uns, unser Ego zurückzunehmen und verletzte Gefühle und Eitelkeiten, eigene Erwartungen, Schuldgefühle und dergleichen mehr, wenigstens für einen Moment hinter die Frage zu stellen: 

Ist das, was ich gerade tue oder entscheide,
wirklich gut für mein Pferd?

Es geht bei dieser Idee nur um dieses Innehalten, nicht darum, dass man seinen eigenen Weg und seine eigenen Ansichten komplett über den Haufen werfen soll, nur weil mal jemand etwas sagt. Es geht allein um die kleine Pause, die ermöglicht, einen Schritt zur Seite zu machen und das eigene Tun zu reflektieren – was uns direkt zur zweiten Regel bringt:

Regel 2: Ständige Bereitschaft zur Selbstreflexion

Pferdeställe sind leider Orte, an denen die wenigsten bereit sind, voneinander zu lernen, sondern in denen die meisten (aus welchen Gründen auch immer) davon ausgehen, genug zu wissen und alles richtig zu machen. Nun gibt es aber niemanden, wirklich niemanden, der keine Fehler macht und es gibt niemanden, der nichts mehr dazulernen kann (wenn wir ehrlich sind, wissen wir das auch ganz genau). 

Für mich gehört inzwischen die Bereitschaft und auch die Fähigkeit, das eigene Tun zu hinterfragen, nicht nur, aber gerade in Pferdeställen zu dem Wichtigsten, was vermittelt werden kann. In vielen Lernsituationen herrscht immer noch das Lehrerprinzip: Einer sagt, was richtig ist und alle müssen es übernehmen – genauso wird es traurigerweise immer noch oft im Reitunterricht praktiziert. Wir brauchen aber eine offene Lernatmosphäre, in der Fragen erlaubt sind, in der Fehler eingestanden, in der wir ausprobieren dürfen und Verhalten geändert werden kann. 

Gerade Reitlehrer müssten Vorbilder in Sachen Selbstreflexion sein, denn sie ist der einzige Garant dafür, dass wir Fehler nicht ständig wiederholen, dass wir fair bleiben und auf unser Gegenüber (also unser PFERD) eingehen können. Wer nicht bereit ist, sich selbst zu reflektieren, wird sehr schnell selbstherrlich – und diese Selbstherrlichkeit ist aus meiner Sicht eines der größten Probleme in Pferdeställen und vor allem die Aggression, die aus ihr entsteht, wenn jemand an ihr zu kratzen wagt. Denn, wenn uns jemand auf unser Verhalten anspricht und wir nicht bereit sind, kurz nachzuspüren, ob vielleicht etwas an dem Gesagten dran sein könnte, sondern uns nur angegriffen fühlen, reagieren viele von uns reflexartig und schlagen zurück – oft ohne überhaupt genau verstanden zu haben, was gesagt und gemeint wurde. Wenn wir aber versuchen würden, erst einmal zu verstehen, was die Person uns sagen will, würden wir die automatische Reaktion unterbrechen können und wir würden unser Verhalten zu reflektieren beginnen. 

Es geht, wie schon gesagt, überhaupt nicht darum, dass man all das, was man gelernt hat, weiß und tut, über den Haufen werfen muss. Aber es geht darum, offen zu bleiben für die Anregungen und Ansichten andere, für Feedback und Rückmeldungen und vor allem für Weiterentwicklung und Dazulernen. Und dafür braucht es eine viel vertrauensvollere Umgebung, als sie bisher in der Regel in Reitställen herrscht. Die vielleicht entscheidendste Ursache dafür führt mich zu Regel Nummer drei:

Regel 3: Nicht über- sondern MITeinander reden

Diese Regel ist aus meiner Sicht ebenfalls unerlässlich, weil sie überhaupt erst so etwas wie Offenheit und ja, im Idealfall sogar Vertrauen ermöglicht. Und zwar geht es darum, dass wir nicht über andere reden, sondern MIT ihnen.

Keine Frage, es ist oft viel leichter, anderen von dem „Mist“ zu erzählen, den jemand verzapft und wie „doof“ jemand ist oder wie brutal – aber, und darüber sind sich viele leider nicht wirklich bewusst: das Reden über andere vergiftet alles.

Aus meiner Sicht ist es nur dann angemessen und unter Umständen auch sinnvoll, über jemanden zu reden, wenn mehrere sich zusammen tun wollen, um aktiv (und hoffentlich konstruktiv) gegen jemanden vorzugehen, der unbelehrbar immer wieder Schlimmes tut. Eine solche Absprache hat aber nichts mit Lästern zu tun. Lästern sollte immer tabu sein, denn Lästern ist der Nährboden für Angst, Misstrauen, Missgunst und vieles mehr. Und darunter leiden alle. 

Ich habe mich immer gefragt, was dieser Spruch „Das Leben ist kein Ponyhof“ eigentlich bedeuten soll, denn er suggeriert, dass Ponyhöfe eine heile Welt sind. Jeder, der normale Reitställe von innen kennt, weiß, dass in den meisten Fällen genau das Gegenteil der Fall ist: Lästereien, Missgunst und Mobbing gehören häufig zur Tagesordnung und das ganz sicher, weil immer eher über andere und eben nicht MITEINANDER geredet wird. Wie sollen da konstruktive Gespräche zustande kommen, wie soll man da voneinander lernen und offen für Anregungen sein? Nur wenn wir mutig werden, auf andere Pferdemenschen zuzugehen und etwas von uns selbst zu zeigen, nämlich z.B., was in uns vorgeht, was wir denken und fühlen und ja, auch unsere eigenen Fehler und Unsicherheiten und Fragen, werden sich auch andere öffnen können. 

Um diese Regel umsetzen zu können, brauchen wir alle eine gute Portion Kommunikations-Knowhow, denn viele von uns wissen nicht wirklich, wie man überhaupt Gespräche konstruktiv führen kann. So etwas wird natürlich nicht im Reitunterricht gelehrt (und leider eben oft auch nicht in der Schule oder daheim). Sich hier gewisse Schwächen einzugestehen, ist der erste Schritt, sich mit der Frage zu befassen, was Kommunikation eigentlich ausmacht und wie man konstruktiv und respektvoll mit anderen Menschen reden kann. Es gibt dazu viele Modelle und Anregungen und es wird dazu auch bei „Wege zum Pferd“ noch den einen oder anderen Beitrag zu lesen geben. 

Und gerade was diesen Punkt angeht, also mehr über das zu lernen, was eine gute Kommunikation ausmacht und achtsamer im Umgang mit anderen Menschen zu werden, das ist genau das, was sich meiner Ansicht nach auch unmittelbar positiv auf unser Verhalten gegenüber Pferden auswirken wird. 

Was meint Ihr, wollen wir es versuchen? 

kommunkation

25. Oktober 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Sonstiges 5 Kommentare »

Alles hinschmeißen und Rosen züchten!? Vom Umgang mit Unrecht

Es gibt Momente, in denen möchte ich manchmal meine ganze Arbeit mit Pferden hinschmeißen und lieber Rosen züchten – …nein, natürlich nicht die Arbeit mit den Pferden, aber manchmal möchte ich zu gerne uns Menschen ausblenden oder wenigstens das ganze Unrecht, das passiert. Es sind die Momente, in denen ich wieder einmal mitbekomme, wie viele leidvolle Fehlentwicklungen es in der Pferdewelt gibt und entsetzt und einfach nur schockiert oder wütend bin über das, was Menschen Pferden alles antun.

Das Schlimmste dabei ist, mit welcher Selbstherrlichkeit das alles oft geschieht, wie vehement Unrecht als „richtig“ vertreten wird und wie wenig Selbstkritik es doch leider gibt. Ich fühle mich dann so ohnmächtig, dass ich tatsächlich denke, eigentlich könnte ich auch alles hinschmeißen… 

Aber Verstummen ist natürlich keine Option, denn stumm sind schon unsere Pferde. Sie erdulden und ertragen all den Blödsinn und Unfug, den wir mit ihnen machen, all die Ungerechtigkeiten und Brutalitäten, die ihnen widerfahren und all unsere Fehlgriffe und Irrwege. 

Nur: Wie geht man am besten um mit dem Unrecht in der Pferdewelt? Bissige Bemerkungen sind genauso wenig hilfreich wie das Lästern an der Bande. Sich aufregen, auf die Leute schimpfen oder sarkastisch werden, bringt den Pferden auch nichts und sorgt nur für ein vergiftetes Miteinander. Freundlich ansprechen und konstruktiv bleiben (obwohl man am liebsten in den Tisch beißen möchte), ist nicht jedem gegeben, zumal die andere Seite in der Regel auch oft gar nichts hören möchte.

Mein persönlicher Weg ist das Schreiben. Bei „Wege zum Pferd“, in unseren Kursen, auf meiner Facebook-Seite. Dort kann ich mit dem nötigen Abstand das ausdrücken, was ich für wichtig halte und versuche, es möglichst vielen in der Pferdewelt verfügbar zu machen. Und, ja, ich erreiche damit viele Leute. Nicht immer die, die ich gerne auch erreichen würde, und ich habe nur selten die Möglichkeit herauszufinden, welche meiner Texte und Anregungen was bewirken, in der Summe aber denke ich schon, dass meine Arbeit Sinn macht.

Vor Ort, also in den konkreten Situationen selbst, hilft mir das alles aber immer noch wenig. Da gerate ich leider immer wieder in die Betroffenheitsfalle, werde zu emotional, bin wenig konstruktiv – und ziehe mich dann einfach zurück. Ich sage mir dann, dass ich gar kein Recht habe, was zu sagen, schließlich ist es nicht mein Pferd und jeder muss seinen eigenen Weg gehen und ich selbst habe ja auch schon genug Mist gemacht usw. Aber es tut mir dann immer endlos leid, dass ich dem betreffenden Pferd nicht helfe, sondern es seinem Schicksal überlasse, aus Angst vor Konflikten oder Angriffen oder noch mehr Leid ansehen zu müssen. Und in diesen Momenten kommen dann die Zweifel an meiner Arbeit und meinem Tun auf und die Fragen danach, wie glaubwürdig ich eigentlich bin. Ich verurteile mich dann für meine Schwäche und meinen fehlenden Mut und ich wünschte, ich könnte eine viel bessere Arbeit machen, am liebsten eine, die möglich macht, dass so etwas erst gar nicht passiert. Das wäre zu schön, ist aber wohl eher unrealistisch…

Ich hoffe sehr, dass ich noch lernen werde, in Situationen, in denen Pferden Unrecht getan wird, einen Weg zum Menschen zu finden, um wenigstens zum Innehalten anzuregen. Damit wäre schon sehr viel erreicht, meint Ihr nicht? 

unrecht

11. Oktober 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang 26 Kommentare »

Was ist Gewalt, die zweite – psychische Gewalt gegen Pferde

Vor einiger Zeit hatten wir uns mit der Frage, was Gewalt ist, befasst. Dabei hatten wir einen Bereich ausgespart, da er so vielschichtig ist, dass wir ihm einen Extra-Beitrag widmen wollten: und zwar geht es um die psychische Gewalt.

Psychische Gewalt ist selten offensichtlich

Gewalt gegen Pferde findet nicht nur statt, wenn geschlagen, am Zügel gerissen oder getreten wird. Sehr häufig wird Gewalt gegen Pferde viel subtiler angewandt, oft sogar so subtil, dass viele nicht erkennen, dass das Pferd in Not ist. Bei einem Fluchttier ist es leider relativ einfach, psychische Gewalt anzuwenden, weil es von Natur aus vor vielem Angst hat.

Das große Problem beim Thema psychische Gewalt ist dieses: sie lässt sich noch weniger fassen als körperliche Gewalt, da sie schwer zu definieren, dafür umso leichter zu tarnen ist, was dazu führt, dass sie viel schwieriger zu erkennen ist. Während man in der Diskussion darüber, was Gewalt gegenüber Pferden ist, bei körperlicher Gewalt zumindest ab einem gewissen Grad kaum noch Widerspruch erhält, wird man bei der Beurteilung von psychischer Gewalt kaum einheitlich akzeptierte Maßstäbe finden, sondern man gerät statt dessen sehr schnell in erbitterte und meist hoch emotionale Diskussionen.

Wir denken, dass auch hier wieder nur jeder für sich seinen eigenen Standpunkt finden muss, und zwar auf der Grundlage dieser Faktoren: 

  • unser Wissen über das Wesen von Pferden,
  • unseren persönlichen ethisch-moralischen Grundsätzen,
  • unseren gesunden Menschenverstand und
  • vor allem auch unserem Bauchgefühl.

Viel zu oft lassen wir uns durch blumige Worte, spektakuläre Aktionen oder durch eine charismatische Persönlichkeit beeinflussen, anstatt selbst hinzuschauen, selbst zu denken und vor allem selbst zu fühlen

Wir möchten an dieser Stelle nicht unsere eigene Ansicht schildern, sondern einige Situationen aufführen und Sie dazu anregen, diese gleich einmal nachdenkend, reflektierend und fühlend zu nutzen:

Das erste Aufsteigen

Ein junges Pferd, vielleicht dreieinhalb Jahre alt, wird in seiner Box gesattelt und gezäumt. Es stehen drei Helfer bereit, damit ein Reiter das Pferd in der Box (3x4m) erstmals besteigen kann. Zwei halten das Pferd am Kopf, einer hilft dem Reiter hinauf. Das Pferd wird dabei nicht geschlagen oder grob behandelt. Es kann allenfalls einen oder zwei Schritte zur Seite oder nach hinten machen.

Psychische Gewalt oder nicht?

Den Blick nehmen

Ein Pferd wird so trainiert, dass es den Kopf so tief tragen muss, dass die Nase Richtung Brust geht (dieser Akt dürfte für die meisten von uns durchaus unter körperliche Gewalt fallen, andere sehen aber bereits das anders…). Das Pferd hat keinerlei Möglichkeit mehr, seine Umwelt in der für es gewohnten Weise wahrzunehmen. Pferde können durch ihre seitlich liegenden Augen normalerweise fast alles um sich herum sehen und das auch in weiten Entfernungen. Ein Pferd, das mit der Nase an seiner Brust klebt, sieht fast nichts mehr.

Zusätzlich zur physischen auch psychische Gewalt oder nicht?

Alleinhaltung

Ein Pferd wird in einem privaten Stall in einer Box gehalten. Es hat keinen Kontakt zu Artgenossen und kommt auch nicht heraus. Ihm stehen rund 12 Quadratmeter zur Verfügung. Hin und wieder wird es zum Reiten herausgeholt.

Neben der physischen Gewalt auch psychische oder nicht?

Futterentzug

Ein Pferd macht bei der abendlichen Kraftfuttergabe im Boxenstall Randale. Es tritt gegen die Box und giftet aggressiv nach Mensch und Pferd. Deshalb wird ihm kein Kraftfutter gegeben. Dadurch soll es lernen, sich zu benehmen.

Psychische Gewalt?

Das Laufen im Kreis

Ein Pferd wird auf einer Messe vor tausenden Menschen unter Flutlicht in einen Round Pen gebracht, also in einen eingezäunten Kreis mit ca. 16-20m Durchmesser. In der Mitte des Round Pens steht ein Mensch mit einem Seil. Das Pferd befindet sich also in einer für ihn fremden Umgebung, es gibt unzählige von Lichtreizen und Geräuschen, nichts ähnelt seinem gewohnten Leben. Es sind keine anderen Pferde da, nur ein dem Pferd unbekannter Mensch. Der Raum, den das Pferd zur Verfügung hat, ist ein Kreis, es gibt keine Ecken, in die es sich stellen kann, keine Ausweichmöglichkeit. Natürlicherweise rennt das Pferd los, vor allem dann, wenn z.B. ein Seil nach ihm geworfen wird. Es wird vielleicht wiehern und es wird rennen und rennen. Irgendwann wird das Pferd müde werden oder es begreift, dass es nicht wegkommt, egal wie lange es noch weiterrennt. Dann wird es tun, was seine einzige Möglichkeit in dieser Situation ist: sich dem Menschen in der Mitte zuzuwenden. Das Pferd wird nicht angefasst, es erlebt kein Ziehen am Halfter oder Zaumzeug, es wird nicht geschlagen.

Psychische Gewalt oder nicht?

Das Aussacken

Ein Pferd soll lernen, dass ein Klappersack nichts ist, vor dem es Angst haben muss. Der Mensch zeigt dem Pferd den mit leeren Blechdosen gefüllten Sack und versucht, es damit zu berühren. Das Pferd weicht vor dem Sack, aber es kommt nicht weit, da der Mensch es am Strick festhält. Der Mensch geht solange auf das Pferd zu, bis es die Berührung duldet.

Psychische Gewalt oder nicht?

Wir möchten die Frage jeweils bewusst offen lassen, damit Sie hier in der Kommentarfunktion Ihre Gedanken dazu äußern und diskutieren können. Wir sind gespannt auf Ihre Reaktionen. (Bitte bleiben Sie konstruktiv. Destruktive oder unangemessene Beiträge werden umgehend entfernt).

entaeuscht

24. November 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Umgang 17 Kommentare »

Die Sache mit dem schlechten Gewissen

In der letzten Woche hatten wir diese Inspiration bei Facebook eingestellt:

inspiration_wegezumpferd4k

Es geht um ein, zugegeben, unbequemes Thema, aber um ein sehr wichtiges, denn das schlechte Gewissen scheint ein fester Bestandteil der Pferdewelt.

Die meisten von uns haben wegen allem Möglichen ein schlechtes Gewissen: Weil wir zu wenig mit unserem Pferd machen oder zu viel, weil wir es zu hart behandeln oder zu nachlässig, weil wir zu schlecht reiten oder zu viel wiegen, weil wir unser Pferd über- oder unterfordern, weil wir Zubehör benutzen, von dem wir wissen, dass es dem Pferd Unbehagen oder gar Schmerzen bereitet, weil wir genau merken, dass wir gerade unfair oder zu ungeduldig oder zu emotional sind, weil wir ahnen, dass wir uns eigentlich einen anderen Stall suchen müssten, damit es unserem Pferd besser geht, es aber nicht tun – und so weiter und so weiter und so weiter …

Eigentlich etwas Gutes …

Ein schlechtes Gewissen ist eigentlich eine gute Sache, denn es ermahnt uns, unser eigenes Verhalten zu hinterfragen. Ein schlechtes Gewissen entsteht, weil wir moralische Vorstellungen und Grundsätze haben, und das ist etwas Gutes.

Nun fühlt sich so ein schlechtes Gewissen aber oft einfach nur mies an. Wir schämen uns und fühlen uns schlecht. Wir wollen dieses unangenehme Gefühl möglichst schnell weghaben und (er-)finden deshalb Gründe für unser Tun, schauen auf andere, die noch schlimmer sind und rechtfertigen das, weswegen wir eigentlich das schlechte Gewissen haben. Das hilft kurzfristig, weil wir uns dann etwas besser fühlen, aber schon mittelfristig haben wir genau deshalb ein noch größeres schlechtes Gewissen. Und weil das noch unangenehmer ist, schieben wir auch das gleich wieder mit den entsprechenden Argumenten von uns weg und, ja, machen oft genau das, was wir falsch finden, erst recht, wie um uns zu beweisen, dass es ok ist oder nicht anders geht.

Obwohl es also eigentlich dafür da ist, dass wir unser Tun in Hinblick auf „richtig oder falsch“ prüfen, verhindert ein schlechtes Gewissen oft leider, dass wir etwas an unserem falschen Verhalten ändern. Es scheint absurd, aber dennoch ist genau das oft der Fall: je schlimmer unser schlechtes Gewissen ist, desto stärker halten wir oft an genau dem fest, was das schlechte Gewissen auslöst.

Warum das so ist? Weil uns ein schlechtes Gewissen zu einem „Opfer“ und damit immer ohnmächtiger macht. Es geht uns nicht gut mit einem schlechten Gewissen, ja, wir leiden darunter oft sogar sehr. Dieses Leid lässt uns um uns selbst kreisen und übersehen dabei, dass wir selbst die Ursache für unser Leid sind. Wir tun (oder unterlassen) etwas, das uns Schuldgefühle macht. Diese Schuldgefühle schwächen uns und verstärken unser Gefühl von Hilflosigkeit. Dann haben wir den Eindruck, „… ja sowieso nichts ändern zu können, weil es ja eh schon passiert ist und immer wieder passiert“, wodurch wir uns noch schlimmer fühlen – eine Endlos-Spirale!

Ein schlechtes Gewissen hält uns also oft in unseren Mustern gefangen und macht es uns manchmal fast unmöglich, sie zu durchbrechen.

Wie man da herauskommt? Indem wir unsere moralischen Vorgaben nicht nur als Lippenbekenntnisse sehen, sondern bereit sind, sie tatsächlich zu leben und uns an sie zu halten! Oder anders gesagt: Ein schlechtes Gewissen hört erst auf, wenn wir das, was wir für falsch halten, sein lassen und unser Verhalten ändern.

… aber nur dann, wenn wir auch etwas ändern!

Ein schlechtes Gewissen ist gut, wenn es uns zu der Erkenntnis bringt, dass wir etwas ändern müssen. Dafür aber müssen wir aus dem (Selbstmit-)Leid heraus und hin zur Bereitschaft, aktiv an uns selbst zu arbeiten. Dazu sind drei Schritte nötig:

  • Im ersten Schritt müssen wir bereit sein zu erkennen, WAS wir eigentlich genau tun. Das erfordert den Mut, ehrlich mit sich selbst zu sein, und zwar ohne, uns mit einem „Was bin ich doch nur für ein schlechter Mensch“ selbst zu zerfleischen – genau das ist nämlich das, was uns keinen Schritt weiterbringt.
  • Im zweiten Schritt müssen wir bereit sein, uns das, was wir getan haben, zu verzeihen. Jeder Mensch macht Fehler und manchmal machen wir auch schlimme Fehler. Aber kein Fehler wird dadurch besser, dass wir uns selbst deswegen fertigmachen (eben mit einem schlechten Gewissen). Fehler sind wichtig, denn ohne sie kann es keine Entwicklung und kein Lernen geben. Aber dafür dürfen wir nicht im Schuldgefühl hocken bleiben, sondern wir müssen erkennen, was falsch gelaufen ist und uns damit aussöhnen, um es dann loszulassen zu können, um Neues möglich zu machen.
  • Denn darum geht es im dritten Schritt: uns für etwas Neues zu öffnen. Wenn wir erkannt haben, etwas falsch gemacht zu haben, gilt es unser Verhalten zu verändern. Manchmal können wir einfach etwas anders machen oder aufhören etwas zu tun, manchmal aber schaffen wir es nicht aus eigener Kraft oder es fehlt uns an Wissen oder Möglichkeiten. In diesem Fall steht an, uns Hilfe zu suchen und diese anzunehmen. Dieser dritte Schritt ist unerlässlich, damit unser schlechtes Gewissen das bewirken kann, wofür es eigentlich in uns eingebaut ist: tatsächlich etwas zum Guten zu verändern.

Ich sehe mein schlechtes Gewissen inzwischen als genau das, wofür es da ist: als ein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft und ich etwas ändern muss. Dass ich manchmal keine Ahnung habe, wie ich die Sache tatsächlich ändern kann, darf kein Grund sein, einfach weiter klagend die Hände zu ringen und mich schlecht zu fühlen, sondern es ist dann mein Job, eine Antwort auf die Frage nach dem Wie zu finden und dazu bereit zu sein, einen anderen Weg als den bisherigen einzuschlagen.

Schlechtes Gewissen

3. November 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang 11 Kommentare »

Pferde brauchen Pferde!

Vor einigen Tagen hatten wir bei Facebook wieder eine Inspiration online gestellt, von der wir glauben, dass sie eine Art Grundgesetz für die Haltung von Pferden darstellt:

inspiration_wege-zum-pferd_2

Pferde sind Herdentiere

In der Natur leben Pferde in Herden. Selbst junge Hengste stromern so gut wie nie allein herum, sondern tun sich zu Junggesellenherden zusammen. In der Natur bedeutet für ein Pferd die Isolation von anderen Pferden fast immer den Tod, es ist also tief in der Natur des Pferdes verwurzelt, mit anderen Pferden zusammensein zu wollen.

Pferde brauchen deshalb idealerweise rund um die Uhr Sozialkontakte. Sie brauchen die Nähe anderer Pferde, müssen Fellpflege mit anderen Pferden betreiben können, brauchen die Möglichkeit zum Spielen oder zum gemeinsamen Dösen, sie müssen gemeinsam fressen und sich sonnen können, müssen gemeinsam in die Gegend schauen und miteinander um den besten Platz an der Raufe rangeln können.

Ja, Pferde brauchen den Kontakt zu Artgenossen fast genauso wie die Luft zum Atmen! 

… und nichts kann das ändern, vor allem nicht wir Menschen!

Leider scheint das aber vielen Pferdemenschen immer noch nicht wirklich klar zu sein und so werden viele Pferde den größten Teil des Tages allein in Boxen gestellt (allenfalls mit Schnupperkontakt zu anderen Pferden durch Gitter hindurch) oder im schlimmsten Fall sogar ganz allein gehalten. „Ich mach ja ganz viel mit ihm.“ oder „Dafür wird die auch ordentlich trainiert.“ heißt es dann. Das aber ist NICHT artgerecht und aus unserer Sicht sogar tierschutzrelevant.

Fakt ist: Kein Mensch kann einem Pferd die Gesellschaft anderer Pferde ersetzen, denn Pferde haben Pferde-Bedürfnisse. So, wie wir Menschen nicht in einer Pferdeherde leben können, können wir einem Pferd nicht einfach menschliches Sein aufzwingen und erwarten, dass es das auch noch gut findet. Deshalb gehen wir inzwischen so weit, dass Pferdehaltung nur dann erlaubt sein sollte, wenn sie den Grundbedürfnissen von Pferden entspricht – Einzelhaltung oder reine Boxenhaft gehören nicht dazu.

Aber mein Pferd versteht sich nicht mit anderen…

Immer wieder wird das Argument gebracht, dass sich manche Pferde nicht mit anderen verstehen, dass sie entweder selbst zu aggressiv sind oder in einer Herde von anderen Pferden gemobbt werden. „Mein Pferd ist halt ein Einzelgänger“ heißt es dann oft, was aber fast immer mehr über den Menschen aussagt als über das Pferd …

Es gibt Fälle, in denen es zugegebenermaßen schwieriger ist, dem Pferd ein Leben mit anderen Pferden zu ermöglichen, aber es ist nur in absoluten Ausnahmefällen wirklich unmöglich. Wenn ein Pferd in einer normalen Herde nicht klar kommt, ist es unser Job als Eigentümer, ihm eine Pferdegesellschaft zu suchen, in der sich auch dieses Pferd wohlfühlen kann (… und ruhig auch mal zu überprüfen, inwieweit wir es selbst dem Pferd vielleicht durch unser eigenes Verhalten oder durch unseren Umgang schwer machen, sich in einer Pferdegruppe einzuleben.).

Für eher hengstige Wallache kann das z.B. eine reine Wallachherde sein oder auch das Zusammenstellen nur mit Stuten. Sehr rangniedrige Pferde oder solche, die kein normales Sozialverhalten haben, fühlen sich oft in einer kleinen Gruppe von drei oder vier Pferden wohler als in einer großen Herde. In Ausnahmefällen kann auch eine Zweierhaltung sinnvoll sein, vielleicht dann wenigstens in Sichtweite anderer Pferde. Bei älteren Pferden muss abgewogen werden, inwieweit das Leben in einer altersgemischten Herde die Lebensgeister mobilisiert und das Pferd gleichsam jung gehalten wird oder ob es sinnvoll ist, es mit eher gleichaltrigen Pferden zusammen zu stellen, damit es einen ruhigen Lebensabend verbringen kann. Hier kann, wie letztlich in allen Fällen, immer nur individuell entschieden werden. In Krankheitsfällen gibt es fast immer Möglichkeiten ein Pferd, das allein stehen muss, wenigstens in Schnupper- und Sichtkontakt zu den anderen zu stellen, z.B. durch das Einrichten von Krankenpaddocks oder das wenigstens zeitweise Dazustellen eines Kumpels.

Lösungen gibt es so gut wie immer!

Ja, keine Frage, individuelle Lösungen für das eigene Pferd zu finden, kann aufwändig und unbequem sein und vielleicht ist es auch mit längeren Fahrzeiten zu einem passenden Stall verbunden oder mit einer Haltungsform, die uns mehr Arbeit als gewünscht abverlangt, aber aus unserer Sicht gibt es kaum eine Entschuldigung dafür, einem Pferd dauerhaft die Erfüllung eines Grundbedürfnisses zu verwehren. Mit dem Kauf des Tieres übernehmen wir Verantwortung für sein Wohl und die Gesellschaft anderer Pferde gehört schlicht und einfach dazu.

aundp

20. Oktober 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Gesundheit, Haltung, Verhalten 9 Kommentare »

Selbstreflexion, ja bitte!

Wir hatten in der letzte Woche diese Inspiration bei Facebook veröffentlicht:

inspiration_wege-zum-pferd_1_2

Die Reaktionen darauf waren einfach unglaublich! Das Bild wurde in einem Ausmaß geliked und geteilt, den wir nicht für möglich gehalten hätten. Wir waren tatsächlich ein bisschen wie im Rausch, so sehr begeisterte uns die Resonanz. Herzlichen Dank an alle, die da beteiligt waren!

Mit diesem Bild wollten wir nachdenklich machen und zur Selbstreflexion anregen und hoffen, dass uns das auch ein bisschen gelungen ist. Wir selbst empfinden die auf dem Bild gestellte Frage durchaus als ernst und unbequem, wenn wir sie konsequent aus Pferdesicht beleuchten. Und wir persönlich müssen zugeben: Es gab Zeiten und Momente, in denen wir die Frage ehrlicherweise mit einem Nein hätten beantworten müssen…

Natürlich hatten wir, wie die meisten, immer „das Beste“ für unser Pferd im Sinn, aber wir sind dabei auch manchen Irrweg gegangen. Wir haben zum Teil abstruse Methoden angewandt und Zubehör verwendet, das wir heute ablehnen. Manchmal hat unser Ehrgeiz überhandgenommen und oft genug haben wir unsere Stimmungen an unseren Pferden ausgelassen und wurden ungerecht. Auch was die Haltung angeht oder in Fragen der Ernährung und Gesundheit haben wir Fehler gemacht und zum Teil schlechte Entscheidungen getroffen.

Waren wir uns all dieser Sachen bewusst? Nein, wohl nicht. Vielleicht hätte uns eine ehrliche und selbstkritische Auseinandersetzung mit der Frage auf dem Bild manches Mal schneller erkennen lassen, dass wir auf einem Holzweg waren, vielleicht auch nicht. Mit dem Blick auf unsere gemachten Fehler sind wir jedenfalls heute bereit, uns diese Frage selbstkritisch immer und immer wieder aufs Neue zu stellen: 

  • Lebt unser Pferd so artgerecht wie möglich? –> Hier geht es um Punkte wie Platz, Sozialkontakte, Möglichkeiten zum Pferd-Sein, Bewegungsanreize, pferdegerechte Ernährung, die es nicht krank macht, sinnvolle Beschäftigung, förderndes Training usw.
  • Haben wir Erwartungen und Ansprüche an unser Pferd, die es nicht erfüllen kann? –> Hier schauen wir auf Leistungen, die wir von unserem Pferd fordern und stellen in Frage, ob wir wirklich erwarten können, dass unser Pferd so „funktioniert“, wie wir es gern hätten. Und wir fragen uns auch, ob unser Pferd vielleicht Löcher in uns stopfen soll, die wir eigentlich anders heilen sollten usw.
  • Was müssen wir selbst noch lernen oder an uns trainieren, um unserem Pferd gerecht zu werden? –> Hier denken wir an reiterliche Mankos, aber auch fehlendes Wissen u.ä.
  • Sind wir im Umgang mit unserem Pferd fair und respektvoll? –> Oder fallen wir doch wieder in alte Muster und werden aus Ungeduld ungerecht oder unwirsch?
  • Nehmen wir unser Pferd in seiner ganz eigenen Persönlichkeit an? –> Oder versuchen wir ständig, es zu ändern?

Das Ziel kann sicher nicht Perfektion sein, aber für uns gehört eine tägliche Portion Selbstreflexion inklusive der Bereitschaft, wenn nötig auch Konsequenzen zu ziehen, dazu. Letztlich geht es darum, immer wieder neu dazuzulernen, um nicht vorschnell anzunehmen, alles sei schon gut, wie es ist – und genau dafür empfinden wir eine Frage wie auf dem Bild als sehr hilfreich.

6. Oktober 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse 2 Kommentare »

Ideen, um die Welt der Pferde zu verbessern

Wir hatten Anfang September in einer Aktion dazu aufgerufen, uns Ideen zu schicken, mit denen sich die Welt der Pferde verbessern lässt. Und es sind viele gute Ideen zusammen gekommen! Wir haben ein Weilchen überlegt, was wir mit den tollen Gedanken und Ansätzen machen. Fürs Erste stellen wir im Folgenden eine gut gemischte Auswahl an Ideen zu allen möglichen Bereichen vor und die eher konkreten und praktischen Ideen veröffentlichen wir dann immer mal wieder als Tipps zwischendurch.

Nun besteht bei solchen Listen das Problem, dass viele Ideen nicht wirklich neu sind und auch woanders schon zu lesen sind, aber dennoch wenig passiert, weil keiner so recht weiß, wo man beginnen soll.  Gleichzeitig sind solche Listen aber auch sinnvoll, weil gar nicht oft genug darauf hingewiesen werden kann, wo noch Handlungsbedarf und vor allem auch erst einmal Diskussionsbedarf besteht. Denn eines ist klar: so gut eine Idee erstmal klingt, so müssen immer auch ganz verschiedene Aspekte beachtet werden, so dass sich manches bei genauerem Hinsehen dann doch wieder als kritisch erweist. Aber genau darum geht es ja: Im Austausch Ideen zu entwickeln, die tatsächlich etwas Gutes bewirken und die vielfältige Sammlung unserer Leser-Einsendungen kann genau dafür eine gute Grundlage bieten.

Wir werden in der nächsten Zeit immer mal wieder einige Punkte in anderer Form zur Diskussion stellen (sei es als einzelne Artikel, als Aufrufe oder Inspirationen) und hoffen so, immer wieder zum Umsetzen anzuregen. Teilt auch Ihr die Ideen mit anderen und werdet nicht müde, immer wieder neu anzusetzen – es braucht viele, viele aktive Menschen, damit sich wirklich etwas ändert! 

Eine exzellente Frage!

Am allerbesten hat uns der Denkanstoß von Daniela gefallen. Sie regte an, sich immer wieder selbst in den unterschiedlichsten Situationen zu fragen:

Würde ich mein eigenes Pferd sein wollen?

Bei einer ehrlichen Beantwortung dürfte das wohl zu so mancher Änderungen führen…

Grundsätzliches

Am häufigsten kam der Vorschlag, einen Pferdeführerschein einzuführen, und zwar zusätzlich zum bereits bestehenden Basispass Pferdekunde. Diesen Pferdeführerschein müsste dann jeder machen, der sich ein Pferd anschaffen will. Damit soll sichergestellt werden, dass wenigstens die wichtigsten Fakten darüber bekannt sind, was ein Pferd braucht, wie es gehalten werden soll und wie mit ihm umzugehen ist. Hier wurde immer wieder die Wichtigkeit von Infos über die Gesunderhaltung von Pferden betont (vor allem Ernährung). Aus unserer Sicht gäbe es hier noch viel Klärungsbedarf z.B. darüber, wer wie über die Inhalte und Infos für einen solchen Führerschein entscheidet, durch wen dann die Prüfungen abgenommen werden sollen usw. Wir alle wissen ja, dass die Ansichten darüber, was gut für Pferde ist, doch sehr weit auseinandergehen  und es dürfte eine große Herausforderung sein, hier wirklich etwas im Sinne der Pferde zu bewegen (und nicht zum Beispiel einfach nur Bestehendes zu festigen, weil es eben immer schon so „richtig“ war…).

Alternativ könnte eine Beratungsstelle für Menschen eingerichtet werden, die sich ein Pferd anschaffen wollen, bei der es Infos und Antworten zu allen möglichen Themen und Fragen gibt (Kosten, Versicherungen, Ernährung, Gesundheit, Training usw.).

Ein weiterer Vorschlag war der, eine überregionale, unabhängige Internetseite aufzubauen, auf der Dienstleister rund ums Pferd seriös bewertet werden, so dass Pferdeleute eine Chance haben, gute Leute zu finden. Und hierzu noch eine originelle Idee: Die jährliche Kür des unnötigsten Produkts in der Pferdewelt (denn es gibt tatsächlich haarsträubende Erfindungen).

Angeregt wurde auch, bestimmtes Pferdezubehör nur mit einer Beratung verkäuflich zu machen, in letzter Konsequenz zu allem, was geeignet ist, Pferden Schmerzen zuzufügen.

Tierärzte sollten verpflichtet werden, Missstände zu benennen, also nicht nur die gerufene Verletzung oder Krankheit behandeln, sondern z.B. auch auf Übergewicht und andere Gesundheitsaspekte hinweisen. Hier wurde auch gefordert, dass Tierärzte für die Kontrolle von nötigen Veränderungen eingesetzt werden könnten.

Und es wurde ein Verbot des Einsatzes von Pferden auf Jahrmärkten, Kirmessen und als touristische Attraktionen gefordert.

Ein sehr wichtiger Aspekt war dann noch die Forderung, für mehr Miteinander unter Pferdeleuten zu sorgen, also die Grabenkriege zu beenden, weniger aus Neid und Missgunst zu handeln, sondern einander zu helfen und offen zu sein für unterschiedliche Gedanken und verschiedene Ansätze im Umgang mit Pferden.

Unterricht

Für den Reitunterricht gab es viele gute Ideen, wie z.B.:

  • Hinterfragen von alten Traditionen,
  • vermehrtes Einfließenlassen von neueren Erkenntnissen und Ansätzen,
  • im Reitunterricht auch Wissen über Anatomie vermitteln, damit die Auswirkungen von falschem Training klar werden,
  • zusätzliche „Pferdestunden“ statt „Reitstunden“ einführen, in denen es um das Wesen Pferd geht und um ein harmonisches Miteinander, nicht um das Nutzen des Tieres,
  • mehr Sitzlongenstunden
  • anderes mehr.

Umgang und Miteinander

Für den alltäglichen Umgang gefielen uns vor allem folgende Denkanstöße:

  • Pferde nicht länger als Sportgeräte zu sehen,
  • positive Verstärkung als Basis für den Umgang mit Pferden durchsetzen,
  • mehr Zeit im Miteinander und vor allem auch in der Ausbildung,
  • Abschied vom Perfektionszwang,
  • Bereitschaft vom Pferd zu lernen,
  • Selbstreflexion und 
  • Ähnliches.

Haltung

Diese Ideen kamen in Bezug auf die Haltung von Pferden:

  • Genehmigung und Führung von Pferdeställen sollte nicht mehr der Gewerbeordnung oder landwirtschaftlicher Regelungen unterliegen, sondern mehr dem Umweltschutz – das könnte zu deutlich artgerechteren Anlagen führen,
  • unabhängige Kontrollen von Ställen in Hinblick auf eine artgerechte Haltung,
  • reine Boxenhaltung verbieten bzw. grundsätzlich gute Lauf- und Offenstallkonzepte einführen,
  • Bewegungsanreize durch Trails und Hügel schaffen,
  • flächendeckend Extra-Gruppen für rehegefährdete, übergewichtige und kranke Pferde einrichten,
  • umfassender und gezielter über Giftpflanzen und deren Beseitigung informieren (z.B. Jakobskreuzkraut),
  • Trinkwasser für Pferde testen lassen.

Sport- und Turnierreiten

Und noch einige Ideen zum Sportreiten:

  • Reform des Dressursports (was gilt als richtig usw.),
  • Berücksichtigung des psychischen und physischen Zustands der vorgestellten Pferde (zu nervös, zu ängstlich, zu jung, zu schlecht bemuskelt, zu klein für den Reiter usw.),
  • bei den Bewertungen mehr Gewicht auf das gesunderhaltende Reiten legen anstatt auf spektakuläre Bewegungen,
  • strengere Kontrolle des Zubehörs (z.B. zu enge Sperr- und Nasenriemen abstrafen usw.),
  • Kameras auf Abreitplätzen und Sichtung des Materials, bei tierquälerischen Aktionen Disqualifikation,
  • grundsätzlich auch alternatives Zubehör wie z.B. gebisslose Zäumungen und baumlose Sättel zulassen,
  • Einsatz von Gewalt konsequent ahnden,
  • Rollkur, Low-and-deep und ähnlich tierquälerische Trainingsmethoden verbieten und jeden Verstoß ahnden,
  • Preisgelder reduzieren, um damit dafür zu sensibilisieren, dass es um die Pferde gehen muss, nicht ums Geld.

Ihr könnt die Kommentar-Funktion hier gerne dazu nutzen, nicht nur Eure Gedanken zu diesen Ideen, sondern auch weitere Einfälle zu veröffentlichen – wir sind gespannt!

 trail3

 

29. September 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Sonstiges 8 Kommentare »

Die Sache mit der Sicherheit

Ein Hauptargument für das harte Durchgreifen bei Pferden und auch für den Einsatz von Gewalt ist immer wieder der Aspekt der Sicherheit: Pferde seien große und kräftige Tiere und auch nicht gerade zimperlich und wenn man sich da nicht durchsetzt, wird es gefährlich. Und damit wird der Einsatz von allen möglichen Hilfs- und Gewaltmitteln gerechtfertigt, genauso wie das Strafen und Schlagen.

Gut, befassen wir uns also mit dem Thema „Sicherheit“ und fragen uns, wie sich Sicherheit tatsächlich am besten erreichen lässt.  

Typische gefährliche Situationen und leider ganz normale Reaktionen darauf

Keine Frage, der Umgang mit Pferden und das Reiten von Pferden kann gefährlich sein. Darin sind wir uns einig. Fragwürdig finden wir allerdings, wodurch immer noch so viele glauben, die Risiken minimieren oder gar ausschalten zu können:

  • Ein ängstliches Pferd wird angebrüllt und gebufft, weil es einen sonst über den Haufen rennt…
  • Ein am Anbinder hampelndes Pferd bekommt eine übergezogen, damit es einen nicht an die Wand drückt…
  • Ein schnappendes Pferd bekommt eins auf die Nase, damit es lernt, nicht mehr zu beißen…
  • Ein buckelndes Pferd wird mit der Gerte verdroschen, damit es damit aufhört…
  • Ein durchgehendes Pferd bekommt ein scharfes Gebiss mit Anzügen ins Maul, damit man es halten kann…

… um nur einige Beispiele zu nennen.

Macht irgendetwas davon die Sache sicherer?

Schauen wir uns einmal an, wie diese Szenarien weitergehen könnten:

  • Das ängstliche Pferd, das angebrüllt und gebufft wurde, hat nun noch mehr Grund Angst zu haben, einmal, weil es die Aggressivität des Menschen spürt und weil es Angst vor weiteren Strafmaßnahmen hat. Ob es das wirklich ruhiger und händelbarer machen wird?
  • Das am Anbinder hampelnde Pferd, das eine übergezogen bekommt, war vielleicht deshalb so unruhig, weil es sich durch das Angebundensein (und damit durch das Ausgeliefertsein) unsicher fühlte oder weil es das Geputztwerden als unangenehm empfand oder weil es spürte, wie gestresst der Mensch neben ihm ist… Wird ein Schlag mit der Gerte sicherstellen, dass es danach ruhig und gelassen stehen bleibt?
  • Wird das schnappende Pferd, das einen Schlag auf die Nase bekommen hat, tatsächlich nicht weiterschnappen oder wird es vielleicht versuchen, beim nächsten Mal einfach schneller zu sein, um einem Schlag auszuweichen?
  • Das buckelnde Pferd, das Schläge mit der Gerte bekam, damit es mit dem Buckeln aufhört, hatte eigentlich nur zum Ausdruck gebracht, dass sein viel zu enger Sattel schmerzhaft auf seine Wirbelsäule drückt – werden die Schläge es ruhiger und kooperativer machen?
  • Wird das scharfe Gebiss das zum Durchgehen neigende Pferd tatsächlich dazu bringen, nicht zu rasen oder werden es die Schmerzen im Maul vielleicht erst recht davonstürmen oder gar steigen lassen?

In all diesen (und vielen, vielen anderen) Fällen wird ein unerwünschtes Verhalten des Pferdes mit Gewalt beantwortet, damit das Pferd mit seinem Verhalten aufhört oder sich anders benimmt. Aber in keinem dieser Fälle wird einmal überlegt, WARUM das Pferd tut, was es tut, und in keinem Fall wird versucht, etwas an der Situation zu ändern, damit das Pferd sich anders verhalten kann.

Sicherheit entsteht durch Verstehen

Sicherheit entsteht unserer Ansicht nach durch Verstehen, also durch Pferdewissen, Einfühlungsvermögen und kreative Lösungsansätze. In Hinblick auf Sicherheit würden wir in den obigen Beispielen so vorgehen:

  • Bei dem ängstlichen Pferd würden wir herauszufinden versuchen, was genau dem Tier Angst macht. Sind es äußere Reize? Wenn ja, wie kann man dem Pferd diese auf eine gute Weise nahe bringen, damit es sich davon überzeugen kann, dass ihm nichts passiert? Reagiert das Pferd auf die Menschen um ihn herum und hat es vielleicht Angst vor ihnen? Dann gilt es daran zu arbeiten, dass das Pferd Vertrauen gewinnen kann. Ist das Pferd in sich unsicher? Dann können ihm vielleicht Übungen helfen, die sein Selbstbewusstsein fördern. Will das Pferd nicht von seiner Herde weg, weil es sich allein fürchtet? Dann gilt es den Ablöseprozess so behutsam zu gestalten, dass das Pferd in seinem eigenen Tempo genug Sicherheit und Vertrauen entwickeln kann, um dem Menschen angstfrei auch von der Herde weg zu folgen.
  • Bei dem am Anbinder hampelnden Pferd würden wir erst einmal hinterfragen, ob das Pferd je auf eine positive Weise gelernt und erfahren hat, dass das angebundene Stehen etwas Tolles sein kann, wenn nicht, würden wir das aufbauen. Wir würden weiterhin achtsam herauszufinden versuchen, was dem Pferd dort an dem Ort Unbehagen bereitet und die Ursachen entweder beheben oder das Pferd damit vertraut machen. Reagiert das Pferd unwirsch auf das Putzen, würden wir überprüfen, ob es vielleicht Schmerzen hat oder auf eine andere Art geputzt werden möchte, die ihm angenehmer ist. Sollte der Mensch, der das Pferd putzt, die Nervosität durch seine eigene Stimmung auslösen, würden wir versuchen, dem Menschen zu vermitteln, wie er beruhigender auf das Pferd wirken kann.
  • Bei dem schnappenden Pferd würden wir davon ausgehen, dass dieses Tier Gründe für seine Aggressivität hat (z.B. schlechte Vorerfahrungen, Überforderung, Stress, Schmerzen usw.) und diese, wenn möglich, beseitigen. Je nach Pferdepersönlichkeit würden wir versuchen, das Schnappen umzuleiten (z.B. indem wir ihm beibringen, ein Wandtarget zu berühren, wenn es aggressiv wird) oder zu ignorieren (viele Pferde hören nach kürzester Zeit mit dem Schnappen auf, wenn dem keinerlei Bedeutung beigemessen wird).
  • Bei einem buckelnden Pferd würden wir akribisch auf Ursachensuche gehen: Sattel untersuchen, Reiterhilfen, Reitergewicht und Reiterhaltung ins Auge fassen, körperliche Beschwerden in Betracht ziehen (Kissing Spines, andere Rückenprobleme), die Haltung anschauen (steht das Pferd den ganzen Tag in der Box?) usw. Auch das Verhältnis zwischen Reiter und Pferd ist hier zu analysieren: Gehen beide achtsam und respektvoll miteinander um? Gibt es andere Probleme, in denen das Pferd seinen Unwillen so deutlich zeigt u.ä.? Auch das Alter und der Ausbildungsstand spielen hier eine große Rolle, denn ein Buckeln kann auch einfach Ausdruck von Lebensfreude sein oder aus der Not geschehen, wenn das Pferd die Balance verliert.
  • Auch bei einem Durchgeher würden wir uns an die Ursachensuche machen: Gibt es körperliche Gründe, wie Beschwerden oder Schmerzen? Passt die Ausrüstung und bereitet sie dem Pferd keine Schmerzen? Gibt es Reiterfehler? Hat der Reiter Angst? Welche Vorgeschichte hat das Pferd? Verbindet es z.B. das Gelände mit Rasen? Hat es je gelernt, dem Menschen zuzuhören? Gibt es genug Anreize dafür, mit dem Menschen zu arbeiten und nicht gegen ihn?

Unser Fazit: Sicherheit entsteht niemals durch Gewalt, sondern ganz im Gegenteil: Gewalt sorgt für Gegenwehr und eine Verschärfung der Gefahr. Die meisten wirklich gefährlichen Probleme mit Pferden entstehen, weil der Mensch sich nicht die Mühe macht, das Pferd und seine Signale zu verstehen, sondern es zu dem, was er will, zu zwingen versucht. Wer aber mit einem Pferd zu kämpfen beginnt, sollte sich klar darüber sein, dass Pferde stärker sind. Dass sie diese Stärke so selten wirklich gegen uns ausspielen, ist ihr Geschenk, aber wenn sie es einmal doch tun, haben wir Menschen kaum eine Chance. Und dann wird es wirklich gefährlich. Wer Sicherheit anstrebt, muss sich mit dem Wesen Pferd auseinandersetzen, ganz allgemein und im Speziellen mit der jeweiligen Pferdepersönlichkeit, mit der er es zu tun hat. Nur so kann ein gemeinsames Miteinander entwickelt werden, bei dem ein gegenseitiger Respekt und eine wechselseitige Achtsamkeit für einen sicheren Umgang sorgen.

sicherheit

22. September 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Umgang, Verhalten 12 Kommentare »

Pferde sind ja auch so…

In der Diskussion darüber, ob und wie viel Gewalt Pferden gegenüber angewendet werden darf, ist immer wieder Folgendes zu hören: „Pferde untereinander sind auch nicht gerade zimperlich. Da wird ordentlich gekämpft, gebissen und getreten“. Und diesem Gedanken folgt dann die Argumentation, dass wenn wir Menschen „ranghoch“ sein wollen, uns nicht nur entsprechend verhalten dürfen, sondern es sogar müssen. 

Dazu unsere Gedanken:

  • Grundsätzlich ist der Mensch NIEMALS Teil der Rangordnung in einer Pferdeherde, schlicht und einfach weil er kein Pferd ist (kein Pferd würde auf die Idee kommen, einen Menschen für ein Pferd zu halten!) und weil er nicht mit Pferden lebt. Der Mensch kommt hin und wieder dazu, holt das Pferd aus dem Herdenverband und macht dann etwas mit ihm. Das findet außerhalb des Herdenlebens statt und hat also nichts mit der Rangordnung in einer Herde zu tun.
  • Und auch die Behauptung, dass Mensch und Pferd eine „Mini-Herde“ bilden (in der er sich dann angeblich „auf Pferdeart“ durchsetzen muss), halten wir für fragwürdig. In einer Pferdeherde bringen Pferde andere Pferde nicht zu den Dingen, die wir Menschen von Pferden wollen. Pferde kämpfen naturgemäß um Ressourcen wie Futter, Wasser, Schatten, andere Pferde und Ähnliches, aber sie bringen sich nicht dazu, pferdeuntypische Dinge zu tun, etwas, das der Mensch durchweg tut. Damit bewegt sich der Mensch mit seinen Anforderungen an Pferde außerhalb des natürlichen Verhaltens und außerhalb des Gefüges einer Pferdeherde und kann nicht beanspruchen, sich „ja nur wie ein Pferd zu verhalten“.
  • Auch wenn es immer wieder behauptet wird, so stimmt es einfach nicht, dass Mensch und Pferd auf jeden Fall miteinander kämpfen müssen, wenn der Mensch etwas mit dem Pferd machen will. Pferde sind im Normalfall sehr kooperative, offene und neugierige Tiere, die zu sehr vielem bereit sind, wenn man ihnen die Zeit und die Möglichkeit gibt, zu verstehen, was man von ihnen will. Auf der Basis von Vertrauen und einer pferdegerechten Kommunikation erreicht man viel mehr als durch Kampf und Durchsetzen.
  • Die „Gewalt“ unter Pferden, die immer wieder so gerne als Rechtfertigung für menschliche Gewalt herangezogen wird, hat nicht selten etwas mit den durch den Menschen geschaffenen Strukturen zu tun: So werden Pferde künstlich zu Herden zusammengefügt, ob sie einander mögen oder nicht und das oft noch auf einem sehr beschränkten Platz. Durch die oft nicht pferdegerechte Haltung, wie Boxenhaft, eingeschränkte Futterzeiten und dergleichen mehr wird Stress geschaffen, der sich dann in Aggressionen äußern kann. Pferde in freier Wildbahn sind darauf bedacht, Energie zu sparen und das soziale Gefüge innerhalb einer Herde nicht zu gefährden, denn davon hängt das Überleben aller ab. Pferde kämpfen also nicht sinnlos miteinander. Das Ziel einer jeden Pferdeherde ist ein friedliches Miteinander.
  • Körperliche Übergriffe von Pferden gegenüber Menschen z.B. durch Rempeln oder Umrennen haben ihre Ursache viel weniger in der Persönlichkeit des Pferdes, als viel mehr fast immer in Verhaltensfehlern oder in der Unaufmerksamkeit des Menschen. Durch Unwissenheit, Unachtsamkeit und fehlende Selbstreflexion laden viele Menschen Pferde geradezu dazu ein, räumliche Grenzen zu überschreiten und auf ein spielerisches Kumpel-Niveau zu gehen. Da Pferde größer und kräftiger sind, sind auch ihre Spiele grober – sie sind deshalb aber nicht gewalttätig.
  • Die meisten Angriffe von Pferden, also z.B. Beißen, Treten oder Steigen, entstehen aus einer echten Not, ausgelöst beispielsweise durch Schmerzen, Frust, Angst oder Wut. Hier ist so gut wie immer der Mensch die Ursache, der über die ersten Anzeichen für ein Unwohlsein oder eine Überforderung hinweggeht und nicht bereit ist, sich auf das Pferd einzustellen.
  • In freier Natur kämpfen nur Hengste wirklich ernsthaft miteinander und da geht es um die Übernahme einer Herde. Hier wird unter Umständen bis zum Tod gekämpft. Das kann wohl niemand ernsthaft als Rechtfertigung für das Schlagen von Pferden sehen oder gar anstreben, einen solchen Kampf gewinnen zu wollen?

Die Rechtfertigung menschlicher Gewalt durch das Verhalten der Pferde selbst, ist unserer Ansicht nicht nur Unfug, sondern auch moralisch mehr als fragwürdig. Wir Menschen haben die Möglichkeit, unser Verhalten zu reflektieren und zu hinterfragen. Wir können dazulernen und neue Wege beschreiten.  Und es gibt ethische Grundsätze und Maßstäbe, die eben auch für Pferde gelten müssen.

Aus dem Kampfgedanken entsteht nicht nur viel Leid

Schon die zugrunde liegende Annahme, dass Mensch und Pferd darum kämpfen müssen, wer das Sagen hat, führt zu viel Leid und Fehlern im Umgang mit Pferden. Wer wirklich davon ausgeht, mit einem Pferd darum kämpfen zu müssen, z.B. ranghöher zu sein, begibt sich in einen ungleichen Kampf. Ein Mensch kann nicht als Pferd handeln, weil er eben kein Pferd ist. Er ist dem Pferd körperlich unterlegen und muss auf Hilfsmittel zurückgreifen, wie Stricke, Gerten, Sporen usw. Es handelt sich also nie um einen „Kampf zwischen ebenbürtigen Gegnern“, sondern es wird mit ungleichen Waffen gekämpft – und der Mensch hat, was die Konstruktion von Waffen angeht, dem Pferd einiges voraus…

Der entscheidende Punkt aber ist doch der, dass man eben gar NICHT mit Pferden kämpfen muss, wenn man ihr Vertrauen gewinnt und sich pferdegerecht und für sie verständlich verhält. Damit ist aus unserer Sicht schon die allererste Annahme in der Argumentationskette falsch.

… sondern auch Gefahren

Und wie ist das mit dem Kampf als Antwort auf die Gefahr, die von Pferden ausgeht? Hier scheint uns die Argumentation genau umgedreht: Viele der Gefahren, die immer wieder im Umgang mit Pferden beschworen werden, entstehen gerade erst DURCH Ausbildungsansätze, die GEGEN das Pferd arbeiten (und damit oft am Wesen des Pferdes vorbeigehen) – und ja, dann können Pferde ausgesprochen gefährlich werden. Diese Gefahren aber werden genau durch den Kampfgedanken überhaupt erst geschürt und sie lassen sich niemals mit Gewalt sicher in den Griff bekommen, ganz im Gegenteil: Sehr häufig werden Pferde auf ihre Chance warten, um irgendwann zurückzuschlagen. Ihnen das als bösen Willen zu unterstellen, ist so dumm wie unfair, denn es ist der Mensch, der den Kampf begonnen hat.

Pferde dann nur noch anschauen?

Nein, die Alternative ist nicht, dann gar nichts mehr mit Pferden zu machen, wie so oft provozierend gerufen wird. Die Alternative besteht darin, pferdegerechte Wege zu einem Miteinander einzuschlagen, und ja, die gibt es.

Gewalt gegen Pferde entsteht aus leider sehr menschlichen Quellen wie z.B. Angst, Machtstreben, Geltungssucht, Wut, Hilflosigkeit und dergleichen mehr – und um die Gewalt zu rechtfertigen, verweist der Mensch dann darauf, wie Pferde sich untereinander verhalten. Dass Pferde in funktionierenden Herden den größten Teil ihres Lebens vollkommen friedlich und in einem harmonischen Miteinander leben, tiefe Freundschaften und komplexe soziale Systeme bilden, in denen auf vielfältige und oft feinste Weise kommuniziert wird, wird genauso ausgeblendet, wie die Tatsache, dass so viele Pferde bereit sind, Schmerzen und Missstände zu ertragen, ohne sich je gegen den Menschen zu wehren (obwohl das mehr als verständlich wäre). Pferde werden viel lieber auf primitive, potentiell gefährliche Tiere reduziert, denn damit kann man Einsatz von Peitschen, scharfen Gebissen, Sporen und dergleichen mehr rechtfertigen und muss das eigene Tun nicht hinterfragen oder gar umdenken. Und das stinkt zum Himmel.

Begeben wir uns endlich auf pferdegerechte Wege und seien wir bereit dazuzulernen!

Da man inzwischen sehr viel mehr über Pferde weiß und darüber, was sie ausmacht, ist es aus unserer Sicht nicht nur fragwürdig, sondern verwerflich, immer noch barbarische Ausbildungsmethoden anzuwenden. Es GIBT andere Wege, die sich bewähren und die für ein Miteinander von Mensch und Pferd sorgen, ohne Gewalt. Diese Wege führen sehr oft zu einem deutlich sicheren Umgang mit Pferden, so dass die vielbeschworene „Gefährlichkeit“ von Pferden als Argument blass wird.

Fazit: Anstatt sich weiter an längst überholten Argumenten festzuhalten, um Gewalt dem Pferd gegenüber zu rechtfertigen, sollten wir unser – menschliches – Verhalten reflektieren und den Mut haben, dazuzulernen. Fehler zu machen, ist eines, an ihnen festzuhalten und sie auch noch mit fadenscheinigen Argumenten rechtfertigen zu wollen, etwas ganz anderes.

g2

25. August 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Umgang, Verhalten 19 Kommentare »

Was ist Gewalt?

Auf unseren offenen Brief hin haben wir viele tolle Reaktionen bekommen – und wir haben damit an vielen Stellen Diskussionen zum Laufen gebracht. In diesen Diskussionen taucht immer wieder ein Punkt auf, der uns bitter aufstößt: und zwar der Einwand, man müsse ja erstmal definieren, was Gewalt eigentlich ist…

Muss man das wirklich? Sollte nicht eigentlich ziemlich klar sein, was Gewalt ist und was nicht? Tja, und damit sind wir bei einem ganz entscheidenden Punkt: In der Pferdewelt scheint sich nämlich leider der Gewaltbegriff auf eine sehr ungute Art verschoben zu haben und das mit all den schlimmen Folgen, die man tagaus, tagein in der Reiterwelt sehen kann. Während wohl jeder von Gewalt gegen das Tier sprechen würde, wenn jemand ein Kaninchen schlägt, eine Katze tritt oder einem Hund mit einem Metallteil im Maul den Kopf auf die Brust ziehen würde, sind das bei Pferden ganz normale Vorgänge…

Nun werden viele rufen: Das kann man doch nicht vergleichen! Aber genau das ist der entscheidende Punkt: Warum kann man das nicht vergleichen?

Es geht uns hier nicht um Polemik, sondern wir halten die folgenden Fragen für unerlässlich in der Diskussion um den Gewaltbegriff:

  • Warum sollen bei Pferden andere Maßstäbe und Regeln gelten als sonst?
  • Warum soll es „erlaubter“ oder moralisch weniger verwerflich sein, Gewalt einem Pferd gegenüber anzuwenden als anderen Tieren?
  • Warum finden es fast alle normal, dass Reitanfängern im Reitunterricht oft regelrecht beigebracht wird, wie man zuschlägt, damit „ein Gaul vorwärts geht“ (und dergleichen mehr), obwohl so ziemlich jeder, der das die ersten Male sieht, das als brutal und falsch empfindet?
  • Warum gewöhnen wir uns so schnell an Gewalt und finden uns in Pferdeställen mit einer Gewaltpräsenz ab, die in Tierheimen zu Skandalen und Schließungen führen würden?
  • Warum lassen wir zu, dass unsere eigene Definition von Gewalt im Zusammensein mit Pferden plötzlich zum Gummi-Begriff wird und wir mehr und mehr abstumpfen?

Weil Pferde größer sind? Weil Pferde „gefährlicher“ sind? Weil Pferde oft nicht tun, was wir wollen? Weil man ja „Gründe“ hat, das zu tun, denn man bezweckt schließlich etwas damit? Weil man es „eigentlich“ gut meint und Pferde doch „eigentlich“ liebt? Weil wir „ein Recht“ darauf haben, dass Pferde tun, was wir wollen? Weil es (angeblich) „nicht anders geht“?

All das sind Gründe, die immer wieder für den Einsatz von Gewalt angeführt werden. Und alle liegen beim Pferd. Unsere Ansicht dazu ist, dass die Gründe aber vor allem bei uns selbst liegen: Hinter all den vielen Entschuldigungen oder Begründungen für den Einsatz von Gewalt an Pferden steckt ganz oft unsere Hilflosigkeit. Oder unsere Unwissenheit. Oder unsere Emotionen. Oder unser verdammt schlechtes Gewissen. Und meistens sogar alles zusammen (… und ja, wir wissen leider aus eigener Erfahrung, wovon wir sprechen).

Interessanterweise sind die meisten Menschen viel schneller bereit, Gewalt bei anderen zu erkennen und zu benennen als bei sich selbst – spätestens das sollte nachdenklich machen, oder nicht?

Fehler zu machen und auf Irrwege zu geraten, ist menschlich und im Affekt etwas zu tun, das wir später bereuen, ist auch menschlich. Aber Fehler, wie wiederholte und systematische Gewalt und Misshandlungen an Tieren damit entschuldigen zu wollen, dass man das ja „tun muss“, ist aus unserer Sicht unmenschlich, denn das zeugt nicht nur von einem Unvermögen zur Selbstreflexion, sondern auch von fehlender Empathie und mangelnder Ethik.

Hören wir doch endlich damit auf, den Gewaltbegriff bei Pferden anders zu definieren als sonst, damit auch in Pferdeställen die „normalen“ moralischen Maßstäbe greifen können. Denn die sind nötig, damit Pferde nicht länger misshandelt werden, nur damit sie tun, was wir wollen. Gestehen wir uns endlich ein, dass wir oft überfordert und hilflos sind, weil wir einfach nicht gelernt haben, wie man gewaltfrei mit Pferden kommunizieren und umgehen kann. Stellen wir uns unseren Schuldgefühlen und unserer Scham mit dem Ziel, es in Zukunft besser zu machen. Seien wir bereit, dazuzulernen, damit wir nicht länger behaupten müssen, dass Pferde mit Gewalt behandelt werden „müssen“, denn es gibt viele Alternativen zum Einsatz von Gewalt. Ja, es geht auch anders! Gewalt ist und bleibt Gewalt, ob Pferd oder nicht, und Gewalt ist und bleibt falsch.

Ganz praktisch heißt das:

  • Inne halten, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es wollen und nicht einfach automatisch so reagieren, wie immer.
  • Nicht einfach von anderen übernehmen, wie ein Pferd angeblich behandelt werden muss, sondern einen eigenen Weg finden, der den persönlichen Vorstellungen und vor allem auch Moralansprüchen entspricht.
  • Uns immer fragen, was die Ursache sein kann, wenn ein Pferd nicht tut, was wir wollen, denn Pferde haben immer einen Grund für ihr Verhalten.
  • Den Fehler nicht grundsätzlich beim Pferd suchen, sondern immer erstmal bei uns selbst, also das eigene Verhalten, Wissen und Können selbstkritisch hinterfragen.
  • Rat und Hilfe bei Menschen suchen, die einen gewaltfreien Umgang mit Pferden leben.
  • Pferde verstehen lernen und eine pferdegerechte Kommunikation finden.
  • Und immer wieder neu: dazulernen, dazulernen, dazulernen.

choaching2

11. August 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Umgang 18 Kommentare »

  • Reitkurs

  • Herzlich Willkommen im Archiv-Blog von „Wege zum Pferd“

    "Wege zum Pferd" wurde 2008 von Tania Konnerth und Babette Teschen gegründet und wird seit 2021 von Tania allein auf der neuen Seite weitergeführt.

    Dies hier ist das Archiv, in dem sich die vielen, vielen Blogbeiträge, die über die Jahre entstanden sind, finden. Neue Artikel gibt es im neuen Blog von "Wege zum Pferd".

    "Wege zum Pferd" und mich findet Ihr auch hier und hier bei Facebook und Instagram.

    Abonniert am besten gleich den kostenlosen Newsletter damit Euch nichts entgeht

    Mein neues Buch "Weil Du mich trägst" ist erschienen

    Entdecke "Tanias Freiraum-Training" – denn auch Freiarbeit geht anders!

    Und "Versteh Dein Pferd"

    Hier gibt es weitere Kurse und Webinare von "Wege zum Pferd" – alles für mehr Pferdefreundlichkeit:

    Und hier geht es zum "Praxiskurs Bodenarbeit", erschienen bei Kosmos:

  • Kategorien

  • Archiv