Pferde brauchen Pferde!

Vor einigen Tagen hatten wir bei Facebook wieder eine Inspiration online gestellt, von der wir glauben, dass sie eine Art Grundgesetz für die Haltung von Pferden darstellt:

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Pferde sind Herdentiere

In der Natur leben Pferde in Herden. Selbst junge Hengste stromern so gut wie nie allein herum, sondern tun sich zu Junggesellenherden zusammen. In der Natur bedeutet für ein Pferd die Isolation von anderen Pferden fast immer den Tod, es ist also tief in der Natur des Pferdes verwurzelt, mit anderen Pferden zusammensein zu wollen.

Pferde brauchen deshalb idealerweise rund um die Uhr Sozialkontakte. Sie brauchen die Nähe anderer Pferde, müssen Fellpflege mit anderen Pferden betreiben können, brauchen die Möglichkeit zum Spielen oder zum gemeinsamen Dösen, sie müssen gemeinsam fressen und sich sonnen können, müssen gemeinsam in die Gegend schauen und miteinander um den besten Platz an der Raufe rangeln können.

Ja, Pferde brauchen den Kontakt zu Artgenossen fast genauso wie die Luft zum Atmen! 

… und nichts kann das ändern, vor allem nicht wir Menschen!

Leider scheint das aber vielen Pferdemenschen immer noch nicht wirklich klar zu sein und so werden viele Pferde den größten Teil des Tages allein in Boxen gestellt (allenfalls mit Schnupperkontakt zu anderen Pferden durch Gitter hindurch) oder im schlimmsten Fall sogar ganz allein gehalten. „Ich mach ja ganz viel mit ihm.“ oder „Dafür wird die auch ordentlich trainiert.“ heißt es dann. Das aber ist NICHT artgerecht und aus unserer Sicht sogar tierschutzrelevant.

Fakt ist: Kein Mensch kann einem Pferd die Gesellschaft anderer Pferde ersetzen, denn Pferde haben Pferde-Bedürfnisse. So, wie wir Menschen nicht in einer Pferdeherde leben können, können wir einem Pferd nicht einfach menschliches Sein aufzwingen und erwarten, dass es das auch noch gut findet. Deshalb gehen wir inzwischen so weit, dass Pferdehaltung nur dann erlaubt sein sollte, wenn sie den Grundbedürfnissen von Pferden entspricht – Einzelhaltung oder reine Boxenhaft gehören nicht dazu.

Aber mein Pferd versteht sich nicht mit anderen…

Immer wieder wird das Argument gebracht, dass sich manche Pferde nicht mit anderen verstehen, dass sie entweder selbst zu aggressiv sind oder in einer Herde von anderen Pferden gemobbt werden. „Mein Pferd ist halt ein Einzelgänger“ heißt es dann oft, was aber fast immer mehr über den Menschen aussagt als über das Pferd …

Es gibt Fälle, in denen es zugegebenmaßen schwieriger ist, dem Pferd ein Leben mit anderen Pferden zu ermöglichen, aber es ist nur in absoluten Ausnahmefällen wirklich unmöglich.Wenn ein Pferd in einer normalen Herde nicht klar kommt, ist es unser Job als Eigentümer, ihm eine Pferdegesellschaft zu suchen, in der sich auch dieses Pferd wohlfühlen kann (… und ruhig auch mal zu überprüfen, inwieweit wir es selbst dem Pferd vielleicht durch unser eigenes Verhalten oder durch unseren Umgang schwer machen, sich in einer Pferdegruppe einzuleben.).

Für eher hengstige Wallache kann das z.B. eine reine Wallachherde sein oder auch das Zusammenstellen nur mit Stuten. Sehr rangniedrige Pferde oder solche, die kein normales Sozialverhalten haben, fühlen sich oft in einer kleinen Gruppe von drei oder vier Pferden wohler als in einer großen Herde. In Ausnahmefällen kann auch eine Zweierhaltung sinnvoll sein, vielleicht dann wenigstens in Sichtweite anderer Pferde. Bei älteren Pferden muss abgewogen werden, inwieweit das Leben in einer altersgemischten Herde die Lebensgeister mobilisiert und das Pferd gleichsam jung gehalten wird oder ob es sinnvoll ist, es mit eher gleichaltrigen Pferden zusammen zu stellen, damit es einen ruhigen Lebensabend verbringen kann. Hier kann, wie letztlich in allen Fällen, immer nur individuell entschieden werden. In Krankheitsfällen gibt es fast immer Möglichkeiten ein Pferd, das allein stehen muss, wenigstens in Schnupper- und Sichtkontakt zu den anderen zu stellen, z.B. durch das Einrichten von Krankenpaddocks oder das wenigstens zeitweise Dazustellen eines Kumpels.

Lösungen gibt es so gut wie immer!

Ja, keine Frage, individuelle Lösungen für das eigene Pferd zu finden, kann aufwändig und unbequem sein und vielleicht ist es auch mit längeren Fahrzeiten zu einem passenden Stall verbunden oder mit einer Haltungsform, die uns mehr Arbeit als gewünscht abverlangt, aber aus unserer Sicht gibt es kaum eine Entschuldigung dafür, einem Pferd dauerhaft die Erfüllung eines Grundbedürfnisses zu verwehren. Mit dem Kauf des Tieres übernehmen wir Verantwortung für sein Wohl und die Gesellschaft anderer Pferde gehört schlicht und einfach dazu.

aundp

20. Oktober 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Gesundheit, Haltung, Verhalten 8 Kommentare »

 

8 Reaktionen zu “Pferde brauchen Pferde!”

 

Von Pferdeflüsterei • 20. Oktober 2015

Ihr Lieben, wie immer: Danke für diesen wichtigen und tollen Artikel. Ich verstehe es ehrlich gesagt auch nicht, wie man sich das schön reden kann. Nichts anderes ist es ja am Ende oft. Pferde sind Herdentiere und Bewegungstiere von Natur aus. Damit ist doch eigentlich schon klar, wie die Haltung aussehen sollte. Leider tut es das oft genug immer noch nicht. Aber ich hoffe und denke, dass es immer besser und besser wird – auch durch Artikel wie eure. Ganz lieben Dank dafür und viele Grüße, Petra

 

Von Pernika • 26. Oktober 2015

Vielen Dank, dass Ihr dieses Thema immer wieder aufgreift! In der Realität sieht es leider so aus, dass die Boxenhaltung mit Minipadocks vor der Box bzw. Boxenhaltung und ein paar Stunden pro Tag (allein!) auf einem Padock mit duch Zäunen abgetrennten Pferdenachbarn vorherrschend sind. Im Sommer ein kleines (abgetrenntes) Koppelstückchen mit maximal einem (!) Koppelpartner – wenn überhaupt. Begründet wird dies alles mit der Gefahr von Verletzungen der hochwertigen Sportpferde…naja. Mein erstes Pferd steht seit zwei Jahren ganzjährig in einer großen gemischten Herde (wird nicht mehr geritten) und ist durch die permanenten Sozialkontakte sichtlich aufgeblüht! Auf ein zweites (Reit)pferd verzichte ich derzeit, da die Haltung in meiner Umgebung leider nur wie beschrieben angeboten wird…

 

Von Birgit • 26. Oktober 2015

Ein sehr schwieriges Thema. Vor allem deshalb schwierig, weil es selbst mit viel gutem Willen nicht immer möglich ist, seinem Pferd die optimale Haltung zu ermöglichen. Deshalb bitte nicht einfach alle in die gleiche böse Ecke stellen!

Beispiel 1 : Unser Shettlandpony. Chronische Darmentzündung, Hufrehe, das volle Programm. Er darf nicht mehr auf die Weide. Der Rest der Herde geht natürlich raus. Ein junger Wallach aus der Herde mobbt ihn, er aber kann kaum ausweichen, weil er schlecht laufen kann. Wir müssen ihn separieren. Also hat er keinen Kontakt. Wir müssen die Haltung aber auch so gestalten, dass jeder aus dem Versorgungsteam das händeln kann. AUch die Ungeschicken.
Das war eine große Herausforderung, auch für mich als Selbstversorger. Wir haben den Stall geteilt, so dass das Shetty nachts mit einer älteren Stute zusammenstehen kann. Tagsüber steht das Shetty allein im gesamten Stall. Es scheint (meist) zufrieden. Nachteil für die Anderen: Alle haben weniger Platz und Bewegungsanreize. Der junge Wallach ist sauer, weil der Alte nachts eine eigene Stute hat…..Das bringt die Herdenstruktur durcheinander.

Beispiel 2: Pferd einer Freundin, 24 Stunden Weide mit Offenstallanschluss im Pensionsbetrieb. Nette Admosphäre, gute Verkehrsanbindung. Pferd bekommt hufreheähnlich sympthome. Kommt aus der Herde raus in eine Box. Kein Sozialkontakt mehr. Als es wieder besser laufen kann, bekommt es eine Paddockbox, doch der Frust bleibt. Nach ok von Tierarzt darf es stundenweise auf die Weide. Große Weide, min 3 weitere Pferde. Aber: Es hat nur eines im Sinn: Fressen! Es ignoriert die Weidepartner, Kontakt findet so gut wie gar nicht statt. Das Pferd ist weiterhin frustriert und ist sehr nervös geworden.Leider hat der Betrieb keine Fläche, auf der die Boxenpferde den Rest des Tages geminsam verbringen könnten. Hier versuchen die Besitzer den Spagat zwischen Gesunderhaltung und Sozialkontakt zu ziehen, aber es gelingt ihnen nicht, weil der Betrieb es nicht hergibt.

Ich wünsche niemandem, der schreibt „mein Pferd hat 24 Stunden Herde….“, dass er mal in den Konflikt kommt, ein krankes Pferd artgerecht unterbringen zu müssen.

 

Von Anja • 26. Oktober 2015

Toller Artikel. Zu ergänzen oder deutlich zu sagen wäre noch, dass Pferde ihre Bedürfnisse 24 Stunden haben und nicht nur von 9-17 Uhr. Also ist in meinen Augen nur eine permanente Herde eine Lösung. Aber leider glauben die Besitzer ja oft wirklich, dass das Pferd seine Box liebt, weil es abends freiwillig hineingeht :-(. „Es braucht seine Ruhe“ – heißt es dann…

Und auch kranke Pferde kann man artgerecht unterbringen. Das erfordert nur einfach ein paar Gedanken und etwas Mühe. Ich habe selber 2 chronisch kranke, die in meinem eigenen Offenstall leben.

 

Von Tanja • 26. Oktober 2015

Hallo,
genau diesen Satz „Pferde brauchen Pferde“ habe ich vor kurzem zu einer Pferdebesitzerin gesagt. Auf Gegenliebe bin ich damit sicher nicht gestoßen. Ich mag mein Pferd wirklich sehr – aber wenn er die Wahl hätte zwischen mir oder seinem Weidekumpel weiß ich doch zu 100 Prozent, für wen er sich entscheiden würde. Leider habe ich auch gesagt, dass der Mensch seine Bedürfnisse befriedigt indem er ein Pferd zuquatscht und betüddelt. Erwische ich mich doch selber dabei, wie ich meinem Wallach versuche zu erklären, dass er sich die Karotten nicht alleine aus dem Eimer fischen darf…

Ich lese Eure Beiträge sehr gern und bedanke mich für Euer Wissen,das Ihr mit uns Lesern teilt!

 

Von Annette • 13. Juni 2016

Hallo,

das Thema Haltung ist wirklich nicht so einfach, gerade in Ballungsgebieten.
Ich suche gerade einen Offenstall mit Koppelanschluss und moeglichst 24 Std Heu oder wenigstens 3 gute Portionen taeglich. Meiner hatte als ich ihn uebernahm Magengeschwuere und daraufhin 2 Koliken, daher ist mir das sehr wichtig…. Da er leider schon Fruehrentner ist, wegen einem Springunfallschaden im Hufrollenkomplex, suche ich eine kleine ruhige Herde, die ihn nicht permanent zum Rumtoben animiert.. 🙂

Die meisten Staelle haben Boxenhaltung mit tagsuebr Paddock oder Koppel. Es ist sooo schwierig was passendes zu finden, das frustriert mich sehr. Das war bis vor 2,5 Jahren auch der Grund warum ich eigentlich kein neues Pfer mehr wollte nach meinem 1. Pferd… das Problem der artgerechten Haltung und selbst auch sich wohl zu fuehlen in dem Stall.
Wen ich abends nach der Arbeit im Dunklen in einen kleinen Privatoffenstall komme, wo niemand mehr kst und ich dann ganz alleine in dem dunklen Stall rumwusel, dann fuehle ich mich auch nicht wohl.
Wie gesagt, suche ich gerade wieder, da ich aus einer Großgruppenhaltung in einem tollen Stall leider raus muss, da meiner dort zu viel rumtobt und das wiederum schlecht fuer sein Bein ist, da es nicht mehr sooo viel aushaelt. 😐
Es ist immer soooo schwierig…(:-(
Viele gehen halt wirklich immer die Kompromisse auf der Seite der Pferde ein, Hauptsache sie haben es bequem.
Ich stelle aber auch fest, dass immer mehr ein Umdenken stattfindet, auch dank solch toller Seiten wie Eurer, die die Pferdebesitzer immer mehr anregt ueber artgerechtet Pferdehaltung und – behandlung nachzudenken….
Vielen Dank fuer diese tolle Seite….
Annette

 

Von Gina • 23. Oktober 2017

Meine Stute kam vor einigen Jahren in eine siebenköpfige Stutenherde. Leider habe ich erst im Nachhinein erfahren, dass eine Stute dabei war, die eine Handaufzucht war, aggressiv und respektlos gegenüber Menschen und Pferden, die nie ein normales Pferde-Sozialverhalten gelernt hatte. Meine Stute wich diesem gestörten Pferd – im Gegensatz zu den anderen – nicht aus, sondern kämpfte immer wieder mit ihr. Die Folge war, dass sie immer wieder total verschrammte, blutende, dicke Hinterbeine hatte. Einmal gab es einen Tritt genau aufs Röhrbein – Knochenhautentzündung (das alles ohne Eisen). Ich habe leider erst recht spät erfahren, dass diese Stute gestört war und dass meine immer wieder mit ihr kämpfte. Ein gestörtes Pferd tritt eben so, dass es auch trifft. Im Gegensatz zu einem sozialen Pferd. Ich würde meine Stute nie wieder in eine „Herde“ stellen. Denn unsere „Herden“ sind keine. Es sind lediglich Ansammlungen von Pferden, die einander zunächst mal fremd sind und schon gar nicht miteinander verwandt sind. Dazu kommt noch Fluktuation. Eine richtige Herde ist ein Familienverband. Für mich kommt nur noch eine Haltung in Kleinstgruppen oder alleine mit vielen direkten Nachbarn in Frage. Ich mag es nicht, wenn mein Pferd von irgend einem anderen neuen, eventuell gestörten Pferd (sowas erfährt man immer erst hinterher) zusammengetreten wird. Im Übrigen konnte ich nie feststellen, dass mein Pferd in einer großen Gruppe glücklicher gewesen wäre als z.B. zu zweit. Es muss passen und es muss weitgehend Frieden herrschen, das ist das Wichtigste.

 

Von Tami • 31. August 2018

Der letzte Beitrag spricht mir aus der Seele. Die Fluktuation vergessen viele. Ich sehe das ganz genauso.

 

 

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