Ja zum Nein oder wozu sonst?
Wie alle, die schon länger mitlesen, wissen, ist mein Anthony ein Nein-Sager, wie er im Buche steht. Und da wird mir ziemlich oft die Frage gestellt, wie ich es eigentlich schaffe, mit seinem Nein umzugehen. Auf diese Frage möchte ich ganz ehrlich antworten: So sehr ich versuche, Ja zu seinem Nein zu sagen, so komme ich damit keineswegs immer gleich gut klar, sondern sehr unterschiedlich je nach meiner eigenen Tagesform oder auch nach dem Grad der Rotzigkeit, mit der er mir gegenübertritt.
Es gibt inzwischen viele Tage, an denen ich ehrlich schmunzeln oder auch herzlich lachen kann, wenn er mir mal wieder den Mittelhuf zeigt oder er komplett auf Krawall gebürstet ist. An anderen Tagen macht es mich traurig, weil alles so viel schöner sein könnte, wenn er etwas kooperativer wäre, und ich ihn nicht verstehe, und ich mich frage, was ich wieder falsch mache oder noch tun kann, aber keine Antwort finde. Und immer noch gibt es auch Tage, an denen es mich schlicht und einfach nervt, dass er so ist, wie er ist, und ich damit hadere, warum er nicht einfach ein bisschen unkomplizierter und netter sein kann.
Ich weiß, dass ich nicht umsonst ein Pferd wie ihn bekommen habe, und, wie schon öfter geschrieben, ich habe von Anthony durch seine Art mehr gelernt als von allen anderen Pferden, gerade auch über mich selbst. Gleichzeitig kostet er mich aber auch viel mehr als alle anderen Pferde, aber das liegt wohl in der Natur der Sache.
Gerade weil er mir auch immer wieder ganz berührende Momente schenkt, in denen er sich öffnet und dadurch buchstäblich die Sonne aufgeht, ist es dann umso härter, wenn er wieder dicht wie eine Auster macht. Da muss ich dann immer wieder feststellen, dass ich bis zum heutigen Tag nicht ganz erwartungsfrei bin und dass ich manches auch nach all den Jahren und Selbstreflexionen persönlich nehme. Es ist sein „Ich weiß zwar nicht, worum es geht, aber ich bin auf jeden Fall dagegen“, das mir besonders wehtut, da ich doch versuche, alles zu tun, um ihm ein gutes Leben zu ermöglichen, und noch immer mir die Schuld für sein Verhalten gebe, wenn ich das Gefühl habe, dass er unzufrieden ist. Wer auch ein Nein-Sager-Pferd hat, wird verstehen, was ich meine.
Mit Anthony umzugehen, heißt für mich immer wieder, ihm Grenzen zu setzen und auf diesen zu bestehen, denn in seinem Nein überschreitet er diese ständig. Und das macht es so schwer, Ja zu seinem Nein zu sagen, weil ich in der Praxis oft das Gefühl habe, Nein zu seinem Tun sagen zu müssen.
Ich ahne, dass viel in diesem Thema Grenzen steckt. Vielleicht geht es darum, meine eigenen Grenzen und Möglichkeiten zu erkennen und diese zu akzeptieren – also das, was ich geben und leisten und tun kann und was eben auch nicht. Ich sehne mich nach Harmonie mit ihm und danach, endlich mal das Gefühl zu haben, ihm gerecht zu werden, aber genau das erreiche ich irgendwie nie (nicht dauerhaft jedenfalls). Ich bin also mal wieder oder immer noch auf dem falschen Weg.
Vielleicht stelle ich auch immer wieder die falsche Frage. Vielleicht geht es nicht nur darum, wie ich Anthony und sein Nein annehmen kann, sondern auch darum, mich selbst in der Beziehung zu ihm? Wie ich ohne Schuldgefühle und schlechtes Gewissen akzeptieren kann, dass ich mit ihm nicht so sein kann, wie es eigentlich gerne sein würde, und ihm nicht das geben kann, was ich geben möchte? Vielleicht muss ich mehr Ja zu mir selbst sagen?
Wieder mal viel Stoff zum Nachdenken …
24. März 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang • 20 Kommentare »














