Alles hinschmeißen und Rosen züchten!? Vom Umgang mit Unrecht

Es gibt Momente, in denen möchte ich manchmal meine ganze Arbeit mit Pferden hinschmeißen und lieber Rosen züchten – …nein, natürlich nicht die Arbeit mit den Pferden, aber manchmal möchte ich zu gerne uns Menschen ausblenden oder wenigstens das ganze Unrecht, das passiert. Es sind die Momente, in denen ich wieder einmal mitbekomme, wie viele leidvolle Fehlentwicklungen es in der Pferdewelt gibt und entsetzt und einfach nur schockiert oder wütend bin über das, was Menschen Pferden alles antun.

Das Schlimmste dabei ist, mit welcher Selbstherrlichkeit das alles oft geschieht, wie vehement Unrecht als „richtig“ vertreten wird und wie wenig Selbstkritik es doch leider gibt. Ich fühle mich dann so ohnmächtig, dass ich tatsächlich denke, eigentlich könnte ich auch alles hinschmeißen… 

Aber Verstummen ist natürlich keine Option, denn stumm sind schon unsere Pferde. Sie erdulden und ertragen all den Blödsinn und Unfug, den wir mit ihnen machen, all die Ungerechtigkeiten und Brutalitäten, die ihnen widerfahren und all unsere Fehlgriffe und Irrwege. 

Nur: Wie geht man am besten um mit dem Unrecht in der Pferdewelt? Bissige Bemerkungen sind genauso wenig hilfreich wie das Lästern an der Bande. Sich aufregen, auf die Leute schimpfen oder sarkastisch werden, bringt den Pferden auch nichts und sorgt nur für ein vergiftetes Miteinander. Freundlich ansprechen und konstruktiv bleiben (obwohl man am liebsten in den Tisch beißen möchte), ist nicht jedem gegeben, zumal die andere Seite in der Regel auch oft gar nichts hören möchte.

Mein persönlicher Weg ist das Schreiben. Bei „Wege zum Pferd“, in unseren Kursen, auf meiner Facebook-Seite. Dort kann ich mit dem nötigen Abstand das ausdrücken, was ich für wichtig halte und versuche, es möglichst vielen in der Pferdewelt verfügbar zu machen. Und, ja, ich erreiche damit viele Leute. Nicht immer die, die ich gerne auch erreichen würde, und ich habe nur selten die Möglichkeit herauszufinden, welche meiner Texte und Anregungen was bewirken, in der Summe aber denke ich schon, dass meine Arbeit Sinn macht.

Vor Ort, also in den konkreten Situationen selbst, hilft mir das alles aber immer noch wenig. Da gerate ich leider immer wieder in die Betroffenheitsfalle, werde zu emotional, bin wenig konstruktiv – und ziehe mich dann einfach zurück. Ich sage mir dann, dass ich gar kein Recht habe, was zu sagen, schließlich ist es nicht mein Pferd und jeder muss seinen eigenen Weg gehen und ich selbst habe ja auch schon genug Mist gemacht usw. Aber es tut mir dann immer endlos leid, dass ich dem betreffenden Pferd nicht helfe, sondern es seinem Schicksal überlasse, aus Angst vor Konflikten oder Angriffen oder noch mehr Leid ansehen zu müssen. Und in diesen Momenten kommen dann die Zweifel an meiner Arbeit und meinem Tun auf und die Fragen danach, wie glaubwürdig ich eigentlich bin. Ich verurteile mich dann für meine Schwäche und meinen fehlenden Mut und ich wünschte, ich könnte eine viel bessere Arbeit machen, am liebsten eine, die möglich macht, dass so etwas erst gar nicht passiert. Das wäre zu schön, ist aber wohl eher unrealistisch…

Ich hoffe sehr, dass ich noch lernen werde, in Situationen, in denen Pferden Unrecht getan wird, einen Weg zum Menschen zu finden, um wenigstens zum Innehalten anzuregen. Damit wäre schon sehr viel erreicht, meint Ihr nicht? 

unrecht

11. Oktober 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang 26 Kommentare »

Ein bewegter Sommer – Neues von den Jungs

Für die Jungs und mich liegt ein bewegter Sommer hinter uns. Neben großen privaten Veränderungen bei mir gab es auch für die Jungs Veränderungen und wir drei durften wieder einmal die Erfahrung machen, dass Veränderungen lange nicht immer schlimm, sondern auch sehr positiv sein können! 

Die erste Veränderung setzte schon recht schnell nach dem Anweiden im Frühjahr ein: Ich musste Anthony aufgrund einer heftigen allergischen Reaktion von der Sommerweide zum Stall holen und stand an diesem Punkt vor der schwierigen Entscheidung, entweder auch für Aramis die Weidezeit zu beenden oder die beiden erst einmal zu trennen. Ich entschied mich dafür, nur Anthony von der Weide zu nehmen und so standen die beiden nach zehn Jahren zum ersten Mal allein. Das aber erwies sich nicht nur als problemlos, sondern in gewisser Hinsicht sogar als Geschenk, weil ich beide einzeln noch einmal ganz anders erleben durfte (Stoff für weitere Blogbeiträge 🙂 ). 

Anthony nahm die ersten Tage Boxenruhe vollkommen gelassen und freute sich über seine alte Bekannte, Fanny: 

sommer1

Etwas später konnte er auf den Paddock umziehen, wo er auch einen netten Nachbarn hatte: 

sommer2

Und wieder etwas später stellten wir dann Fanny und ihn zusammen, so dass er für einige Wochen seine ganz eigene Stute hatte und das sehr genoss. 🙂 

sommer4

Aramis brachte ich hin und wieder mal runter zum Stall. Die beiden begrüßten sich herzlich, aber es war auch nicht schlimm, wenn ich Aramis dann wieder hoch zur Wiese brachte – unkomplizierter hätte es nicht sein können. 

sommer3

Im September klärten sich dann bei mir privat einige Punkte und es stand ein Umzug an, der mich ein ganzes Stück weiter entfernt von den Jungs wohnen lassen würde. Recht kurzfristig ergab sich eine Möglichkeit, auch mit den Jungs umzuziehen, um sie doch wieder näher bei mir zu haben. Und so brachte ich dann Mitte September Aramis von der Sommerweide zu Anthony, um die beiden wieder zu vereinen. Das lief genauso problemlos wie alles andere zuvor, sie waren sofort wieder einfach zusammen und erkundeten die Umgebung: 

sommer5

Es war für mich so schön zu sehen, dass beide Pferde diese dicke Freundschaft verbindet, sie aber durchaus auch allein klar kommen. Das ist sehr beruhigend zu wissen. 

sommer6

Nur wenige Tage später ging es dann auch schon auf den Hänger und zum neuen Stall. Auch das hätte nicht besser laufen können. 

sommer7

In ihrem neuen Zuhause stehen die Jungs nun noch für ein Weilchen zu  zweit neben den anderen, werden aber bald in ihre neue, kleine Herde kommen. 

Wenn ich etwas aus diesem Sommer mitnehme, dann das: Selbst Sachen, die einem zunächst furchtbar erscheinen und große Sorgen bereiten, stellen sich oft als genau richtig und gut heraus. Gerade für mich als Sorgenmensch ist das eine heilsame und wohltuende Erfahrung. Dieser bewegte Sommer war ein sehr intensiver, in dem ich meine Pferde noch einmal ganz neu kennen lernen und erleben konnte und auch wieder viel über mich selbst gelernt habe. 

An dieser Stelle ein großes Dankeschön an allen, die uns durch diese nicht ganz einfache Zeit mit Betreuung, Hilfe, Zuspruch und Freundschaft begleitet haben, wie z.B. Jan von Klinges Landwiesenhof, Tierarzt Torsten Hohmann, Silke, Babette, Klaus, Petra, Maja und ihre Familie und andere. Ich schaue zusammen mit den Jungs fröhlich und gespannt nach vorne und freue mich auf das, was kommt. 

3. Oktober 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Sonstiges 14 Kommentare »

Nimm’s doch mit Humor!

Eine Sache vermisse ich sehr in der Pferdewelt und das ist der Humor. Wie verbissen wird da erzogen und trainiert, wie hart gearbeitet, wie ernst gesorgt und wie wütend und böse werden viele, wenn die gesetzten Ziele nicht erreicht oder das gewünschte Verhalten nicht gezeigt wird.

Himmel, möchte ich dann oft rufen, das Ganze soll doch Spaß machen! 

Warum sind wir nur so verbissen?

Wie kommt es nur, dass wir in dem, was doch unser Hobby ist, oft so schrecklich verbiestert sind? Warum können wir so selten darüber lachen, wenn unser Pferd seine eigenen Ideen zeigt oder über uns selbst, wenn wir zum hundertfünfzigsten Mal denselben Fehler machen? Warum reagieren wir bloß so streng, wenn unser Pferd herumkaspert oder eine Lektion nicht so zeigt, wie wir glauben, dass es das können muss? Warum sind Reitlehrer/innen oft so streng und kritteln an wirklich allem herum, obwohl es ganz viel zu loben gäbe? Warum neiden wir anderen ihren Spaß, indem wir fiese Blicke werfen oder gar gehässige Bemerkungen machen? 

Und ist Euch mal aufgefallen, dass wir oft vor allem mit uns selbst und mit unseren eigenem Pferd besonders humorlos sind? Bei anderen Pferden haben wir meist einen viel milderen Blick, finden deren Scherze witzig und sehen es auch gar nicht so eng, wenn das Angaloppieren oder das Anhalten mal nicht punktgenau funktioniert. Bei unserem eigenen Pferd und uns selbst hingegen kommt all das eher einem schweren Vergehen gleich… 

Wieder lachen lernen!

Ich wünsche mir ganz doll, dass im Pferdetraining nicht nur der Sitz geschult und die Hilfen vermittelt werden, sondern dass Pferdemenschen auch lernen, über sich selbst und ihr Pferd zu lachen. Denn im Reitunterricht wird leider meist das genaue Gegenteil vermittelt.

Statt Angst zu haben vor Fehlern und ständig unsere kritische Brille aufzuhaben, sollten wir alle erkennen, wie viel Humor Pferde haben. Ganz viele von ihnen sind echte Spaßvögel, aber den meisten ist das leider aberzogen worden.

Aber: Was ist die Welt ohne Lachen? 

Achtet doch mal darauf, wie oft in Eurem Umfeld beim Reiten oder der Arbeit mit dem Pferd gelacht wird. Wie viele strahlende Gesichter seht Ihr? Wie viel Spaß scheinen Mensch und Pferd zu haben? Oft nicht viel, oder?

Einfach anfangen!

Zugegeben, auch mir fiel es nicht gerade leicht, lockerer zu werden, wenn es um meine Pferde und mich ging. Irgendwann begann ich aber damit, ganz bewusst mehr zu lächeln und auch zu lachen. Und wenn ich ehrlich bin, dann kam das zu Beginn nicht immer von Herzen, aber das veränderte sich stetig.

Heute lache ich sehr viel mit und über meine Pferde, und zwar wirklich aus dem Bauch und Herzen heraus – über die kleinen und größeren Missgeschicke und Missverständnisse, die uns immer wieder passieren, und über ihre Scherze, die sie immer öfter machen, über die Ideen, die sie so haben und vieles andere mehr.

Ich bin fest davon überzeugt, dass hier viel Potential für einen anderen, schöneren Umgang mit Pferden ist. Schaut doch gleich heute mal selbst, worüber Ihr lachen oder wenigstens lächeln könnt!

humor

6. September 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Erkenntnisse, Umgang 14 Kommentare »

Bitte nicht das Beste wollen…

Die meisten von uns wollen natürlich immer das Beste für unser Pferd, nicht wahr? Unser Ziel ist, das Pferd optimal zu ernähren und zu pflegen, wir wollen es optimal trainieren und arbeiten, um es optimal gesund zu erhalten.

So verständlich und löblich das ist, so geht das leider an vielen Stellen in die falsche Richtung.

Ein hoher (Perfektions-)Anspruch führt nämlich fast immer unweigerlich zu einigen, ziemlich negativen Begleiterscheinungen:

  • Wir sind zu fixiert auf einzelne Ziele oder Details und sehen nicht mehr das Gesamtbild – z.B. achten wir nur noch darauf, ob die Muskeln, die wir fördern wollen, stärker werden, aber merken gar nicht, wie unglücklich unser Pferd durch das plötzlich verschärfte Training geworden ist.
  • Wir werden zu streng und zu verbissen, weil wir eine ganz genaue Vorstellung davon haben, wie sich das Pferd z.B. bewegen muss und wenn es das nicht tut, versuchen wir es um jeden Preis zu  erreichen, notfalls mit Hilfsmitteln, die mehr schaden als nützen („… weil es sein muss…“).
  • Wir versuchen alles über unseren Verstand zu lösen (über das, was wir wissen, was wir gelernt haben und was uns jemand geraten hat) und hören nicht mehr auf unser Bauchgefühl.
  • Wir geraten in die Angst und suchen überall nach Anzeichen für Fehlentwicklungen, Krankheiten usw.
  • Wir haben ein ständiges schlechtes Gewissen, weil wir eigentlich genau wissen, dass wir keine Chance haben, alles richtig zu machen oder erkennen, dass vieles ungut läuft, aber nicht wissen, wie wir es ändern können.
  • Wir sind zu hart zu uns selbst, weil wir unsere Fehler genau merken, sie aber nicht abstellen können und leben diese Härte unbewusst auch dem Pferd gegenüber aus.
  • Und anderes mehr… 

Die andere Seite der Medaille sind Menschen, die das Ganze etwas zu lax angehen, sich zu wenig informieren, zu wenig an sich arbeiten und sich zu wenig Gedanken machen – natürlich wollen wir nicht dorthin zielen.

Aber, und das weiß ich aus eigener Erfahrung: jeder Perfektionsanspruch führt schnell zu viel Druck und manchmal auch Leid bei einem selbst und auch beim Pferd.

Deshalb gilt für mich heute: Lieber nicht das Beste wollen, Gutes reicht vollkommen aus 😉 

dasgute

9. August 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang 9 Kommentare »

Buchtipp: „Selbstreflexion und Entspannung mit Pferden“ von Daniela Friedl

„Selbstreflexion & Entspannung mit Pferden“ von Daniela Friedl
Books on Demand; Auflage: 1 (6. Mai 2016) – 2oo S. 
ISBN:3844810374
ca. 24,99,– EUR (broschiert, durchgehend farbige und schwarz-weiße Fotos)

 

„Selbstreflexion und Entspannung mit Pferden“ ist ein sehr ansprechendes Buch für Menschen, die Pferde als Partner sehen. Die Autorin Daniela Friedl ist ausgebildete Wildnispädagogin, Entspannungstrainerin, Yogatrainerin und anderes mehr. Im ersten Teil des Buches beschreibt sie ihre Einstellung zum Umgang mit Pferden, zum Reiten, zum Thema Freiwilligkeit und ihren eigenen Weg mit ihren Pferden. Ich habe diesen Teil mit großer Freude gelesen und mich sehr in Daniela Friedls Zeilen wiedergefunden.

Der zweite Teil ist der praktische Teil. Hier findet der Leser eine Vielzahl an Übungen, Meditationen und Phantasiereisen, die zum Teil mit Pferd, aber viele auch ohne Pferd durchgeführt werden.

Abgerundet wird das Buch durch sehr schöne Bilder, Zitate und Praxisbeispiele.

Für mich ist „Selbstreflexion & Entspannung mit Pferden“ ein wunderschönes und tiefgründiges Buch für alle Pferdemenschen, die Sinn für Yoga und Spiritualität haben und die einen Weg zu sich und ihren Pferden suchen, weg von Dominanz und Alltagsstress. 

selbstreflexion_friedl

 

 

1. August 2016 von Babette Teschen • Kategorie: Buchtipps, Erkenntnisse, Umgang 2 Kommentare »

Was zählt, ist JETZT!

In meinen Coachings stoße ich immer wieder auf ein Phänomen, das für große Probleme zwischen Mensch und Pferd sorgt: Während das Pferd im Hier und Jetzt lebt, zieht der Mensch fast ständig Bezüge zu dem, was mal war. Und das hat Folgen. 

Mein Pferd ist so und so… 

Hier einige typische Äußerungen, die ich oft höre: 

  • Mein Pferd will immer Boss sein und ist dabei oft respektlos. Erst letzte Woche hat er …
  • Die Stute ist normalerweise sehr nervös, die können schon die kleinsten Sachen kirre machen. Neulich am Anbinder … 
  • Mein Pony ist vollkommen verfressen, da kann ich nicht mit Futterlob arbeiten. Erst gestern hing er mir wieder in der Tasche … 
  • Mein Wallach ist vollkommen cool, den bringt gar nichts aus der Ruhe …

Und hier die Situationen dazu, in denen die Besitzer/innen das jeweils sagten: 

  • Das Pferd wartete respektvoll in einem guten Abstand. 
  • Die Stute stand seelenruhig und fast gelangweilt am Anbinder. 
  • Das Pony schaute keck, aber machte keinerlei Anstalten näher zu kommen, obwohl ich meine Hand in meiner Jackentasche hatte. 
  • Der Wallach stand wie eine Statue, fast jeder Muskel war angespannt. 

Wir interpretieren die Welt aus dem heraus, was wir erleben

Ich will noch deutlicher machen, worum es mir geht: Für die meisten von uns ist es ganz normal, Erlebtes zu erinnern, und solche Erinnerungen sind für uns oft lange Zeit noch sehr präsent. Wir reden mit anderen über das, was uns passiert ist, erzählen subjektiv interpretierte Geschichten und wir ordnen aus unseren Erlebnissen heraus anderen Lebewesen (ob Menschen oder Tieren) Eigenschaften zu – und, und das ist das Entscheidende, gehen davon aus, dass unsere Schlüsse richtig sind. Denn natürlich kann jeder Besitzer aufgrund der vielen Erlebnisse sein eigenes Pferd doch am besten einschätzen, oder etwa nicht?

Tja, genau um dieses Fragezeichen geht es mir hier. 

Wenn ich zu einem Coaching komme, habe ich in der Regel kaum Vorwissen. Ich kenne Pferd und Mensch meist nicht und habe deshalb keine Vorgeschichte mit ihnen. So kann ich mich vollkommen unbelastet auf das einlassen, was gerade ist. Und interessanterweise weicht das IST, das ich wahrnehme, häufig von dem ab, was mir als IST erzählt wird. Denn die Besitzer/innen berichten von Erlebnissen, die sie mit ihrem Pferd hatten und, und auch das ist entscheidend: Sie erzählen von denen, an die sie sich erinnern! 

Unsere Erinnerung ist selektiv

Tatsächlich nämlich erinnern wir ja nie alles, sondern nur einen Teil. Denn so arbeitet das menschliche Gehirn: Es registriert vor allem das, was besonders ist, nicht das Gewohnte. Für den Umgang mit Pferden ist das leider nur bedingt nützlich, weil wir uns vor allem an die Sachen erinnern, die unschön waren.

Mal ganz ehrlich: Wir erinnern meist nicht die 95 Prozent, in denen unser Pferd brav alle vier Hufe gegeben hat, sondern wir erinnern die wenigen Momente, in denen es ein Bein weggezogen hat. Wir erinnern nicht die unzähligen Male, in denen unser Pferd in der Halle brav angetrabt ist, sondern wir erinnern die seltenen Momente, in denen es scheinbar aus dem Nichts losschoss. Und wir erinnern uns nicht an all die ungezählten Male, in denen sich unser Pferd auf der Weide problemlos aufhalftern ließ, sondern denken immer wieder an den einen Tag, an dem es weglief und sich nicht einfangen ließ.

Und weil das so ist, sind wir oft ziemlich nachtragend… 

Pferde ticken etwas anders

Pferde leben hingegen im Hier und Jetzt. Sie können sich zwar durchaus auch an Vergangenes erinnern, aber in der Regel zählt für sie der Moment, in dem wir zu ihnen kommen. Sie sind in der Lage, immer wieder gleichsam „neu zu starten“. Manchmal spüren wir das, wenn das Pferd plötzlich nichts mehr von dem zu wissen scheint, was es gestern noch prima konnte oder, wenn wir dachten, bei einer Sache endlich einen Durchbruch erreicht zu haben, am nächsten Tag aber doch wieder alles ist wie zuvor. Und wir erleben es immer wieder dann, wenn ein Pferd uns unsere Ungeduld  oder Ungerechtigkeiten vom Vortag komplett verziehen hat, denn Pferde können wie kaum ein anderes Lebewesen immer und immer wieder verzeihen. 

Hinweis: Natürlich gibt es auch Einzelfälle, in denen die Erlebnisse für das Pferd so schlimm waren, dass es z.B. menschenscheu geworden ist oder aggressiv usw., aber ich gehe hier jetzt mal von einem ganz normalen Pferd aus, nicht von den Extremfällen.

Die Fähigkeit zum Neustart

Diese in Pferden eingebaute Bereitschaft zum Neustart ist eine Herausforderung für uns Menschen und gleichzeitig eine ganz wundervolle Chance, viel zu lernen. Sie stellt uns vor die Aufgabe zu akzeptieren, dass wir, die wir doch so gerne alles sicher im Griff haben, uns auf nicht allzu viel verlassen können, weil sich unser Pferd jeden Tag ein bisschen oder manchmal auch vollkommen anders präsentieren kann. Wer z.B. die Idee hat, einem Pferd nur einmal zeigen zu müssen „wer der Boss“ ist und dann wird es ihm für immer folgen, hat einen ganz wichtigen Aspekt des Pferd-Seins nicht verstanden: neues Spiel, neues Glück. 

Pferde werden nie müde, Dinge zu hinterfragen. Für sie gibt es keine in Stein gemeißelten Regeln, sondern alles ist beweglich – so wie auch in einer Herde alles beweglich ist. Auch Leitstute und Leithengst werden in ihrer Position immer mal wieder in Frage gestellt und in der gesamten Rangfolge gibt es untereinander ständig kleinere und größere Verschiebungen. Genauso wie ein Zaun zwar grundsätzlich akzeptiert wird, was aber noch lange nicht bedeutet, dass nicht hin und wieder getestet wird, ob das Tor nicht vielleicht doch offen ist oder ob wirklich Strom drauf ist. 

Im Umgang heißt das, dass wir zwar natürlich die Persönlichkeit unseres Pferdes erkennen und einschätzen können, dass aber eben manchmal alles ganz anders sein kann – momenteweise, aber vielleicht auch grundsätzlich, dann nämlich, wenn wir zu sehr aus selektiven Erinnerungen heraus das Verhalten unseres Pferdes interpretieren und deshalb zu Fehleinschätzungen kommen. 

Ein offener Blick

Wenn ich zu einem Coaching komme, schaue ich mit offenen Blick hin und fühle mich in das ein, was ist. Deshalb gelingt es mir oft, das Pferd zumindest in diesem Moment etwas klarer zu erkennen als es sein Besitzer vermag, ganz einfach deshalb, weil ich nicht durch den Filter der vergangenen Erlebnisse schaue.  

Nun ist es sicher eine Illusion, sich als Mensch im Umgang mit Pferden vollkommen von vergangenen Erlebnissen lösen zu können, denn so funktioniert unser Gehirn einfach nicht. Aber wir können uns bemühen, es ein Stück weit zu üben. Eine Leitfrage, die ich deshalb jedem Pferdemenschen schenken möchte, ist diese: 

Was ist jetzt gerade in diesem Moment?

Es ist eine menschliche Schwäche, uns gegenseitig Sachen vorzuhalten und Vergangenes immer wieder hervorzuholen. Von anderen Menschen erwarten wir Entschuldigungen und Verhaltensveränderungen aufgrund von Einsicht. Und genau das übertragen wir dann leider oft auch auf unsere Pferde. Wir nehmen ihnen (manchmal ganz unbewusst) übel, was sie falsch gemacht haben, und setzen deshalb oft an diesen Erfahrungen an, obwohl sie mit der augenblicklichen Situation gar nichts mehr zu tun haben!

Ich glaube, es ist sehr wichtig, sich klar zu machen, dass wir ein Pferd nicht rückwirkend erziehen können. Ein Pferd wird nicht „einsehen“, dass es doof war, dass es sich gestern losgerissen hat oder dass es nicht hätte scheuen dürfen. Wir können einem Pferd nur immer wieder aufs Neue einen Rahmen bieten, in dem es sich wohl und sicher bei uns fühlt – das ist Aufgabe und Chance zugleich!

Es geht darum, ein Pferd als lebendiges und vielschichtiges Wesen mit seinen Eigenarten anzunehmen. Es geht darum, sich auf das einzulassen, was gerade ist, und nicht z.B. aus der Wut vom vergangenen Tag heraus zu handeln oder mit dem Stolz von gestern heute noch mehr zu erwarten. Pferdegerecht zu handeln heißt, jeden Tag aufs Neue zu schauen, worum es gerade in diesem Moment geht, um dann darauf angemessen zu reagieren.

pepe_guckt2

21. Juni 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

Das Thema „Sorgen“ mitten aus dem Leben…

In meinem letzten Beitrag schrieb ich darüber, wie destruktiv Sorgen um unsere Pferde manchmal sein können. Die Resonanz darauf war riesig: Sowohl als Kommentar auf den Beitrag als auch in Mails schrieben uns viele, denen es ganz ähnlich geht. Eigentlich wollte ich nun einen hilfreichen Text mit verschiedenen Tipps und Strategien zum Umgang mit Sorgen schreiben, aber da für mich das Thema selbst gerade wieder mehr als aktuell ist, habe ich gerade nicht genug Distanz für einen solchen „Ratgebertext“. Also tue ich, was ich in diesen Fällen am besten kann und schreibe einen weiteren Erfahrungsbericht. Und manchmal helfen einem solche Texte ja viel mehr als alle noch so praktischen Tipps zusammen… 

Nicht verzweifelt jeden um Rat fragen!

Ich habe leider konkret einen ordentlichen Anlass für Sorgen, mal wieder ist es mein Anthony. Ich schreibe aber ganz bewusst nicht, was er hat, und mache damit etwas anders als sonst.

Normalerweise neige ich dazu, jeden greifbaren Menschen um Rat zu fragen, wenn eines meiner Pferde krank ist. In der Folge davon bekam ich immer unzählige gute Ratschläge und Tipps und Ideen, von denen ich aber natürlich nie alle umsetzen konnte und von denen auch fast nie einer für uns so gut war, wie behauptet. Die Crux mit den guten Ratschlägen ist nämlich die: Sie setzen uns enorm unter Druck, da wir jedes Mal denken, dass wir nur genau DAS tun müssten oder DAS oder dass DAS helfen würde oder DAS… – und so nie zur Ruhe kommen, denn es gibt immer mindestens noch zwanzig Sachen, die wir noch nicht ausprobiert haben (die aber meist genauso wenig helfen würden…).

Ich habe mich mal gefragt, was eigentlich hinter meiner Suche nach Rat steht und habe erkannt, dass ich mich eigentlich danach sehne, einmal zu hören, dass ich GENUG mache, dass gut ist, was ich tue und dass es ausreicht…, aber das habe ich tatsächlich noch nie gehört, denn jeder, der um Rat gefragt wird, will natürlich auch etwas Hilfreiches dazu geben…

Die Antwort aus diesem Dilemma ist, dass ich BEI MIR selbst bleiben muss und mir zutraue, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich habe mir gut überlegt, wen ich in meine Entscheidungen einbinde und ich möchte es genau dabei belassen, um nicht wieder wie ein panisches Huhn hundert verschiedene Dinge gleichzeitig auszuprobieren. Mir selbst in meinen Entscheidungen zu vertrauen, ist ein Schritt, der mich zur Zeit enorm entlastet, weil ich mir nicht vorwerfen muss, nicht alles auszuprobieren, was möglich ist. 

Nicht andere fragen, sondern mein Pferd

Ein weiterer Punkt ist, dass ich im Moment möglichst darauf verzichte, andere um eine Einschätzung dazu zu bitten, wie es meinem Pferd geht. Der Wunsch dahinter ist natürlich die Bestätigung zu bekommen, dass es ihm doch gar nicht so schlecht geht und vor allem, dass alles wieder gut wird. Aber das kann mir keiner geben! Und mehr noch: andere reagieren oft in einer Weise, die mir selbst und auch meinem Pferd gar nicht guttut. Hier lerne ich langsam zu unterscheiden, mit wem ich darüber reden möchte und mit wem besser nicht. 

Stattdessen frage ich jetzt direkt mein Pferd, wie es ihm geht, und versuche dabei, nicht nur das Symptom, sondern sehr gezielt ihn als Ganzes wahrzunehmen. Anthony ist jeder Zeit ansprechbar und munter, er frisst, hat kein Fieber und reagiert auf die nötigen Behandlungsmaßnahmen ruhig und gelassen. Obwohl er „krank“ ist, geht es ihm also den Umständen entsprechend gut und genau darauf lege ich meinen Fokus. Damit lasse ich IHN mitentscheiden und nicht andere, die ihn weniger gut kennen und ich glaube, das tut uns beiden gut.  

Die Grenzen meiner Möglichkeiten akzeptieren

Im Moment gelingt es mir ganz gut, zu erkennen, dass es schlicht und einfach nicht möglich ist, mein Pferd vor allem zu bewahren. Pferde werden krank, anfällige Pferde werden häufiger krank und Anthony ist ein anfälliges Pferd. Das ist einfach so und Punkt.

Es liegt nicht in meiner Macht, Anthony vor seinem eigenen Leben zu bewahren. Ich tue, was ich kann, aber ich kann eben nicht alles – damit muss ich mich aussöhnen und letztlich auch LOSLASSEN, um weitermachen zu können. Die Portion Erleichterung, die mir dieser Gedanke schenkt, wird auch von Anthony wohlwollend quittiert, denn er reagiert zur Zeit sehr offen und zugewandt auf mich. 

Ich gehe im Moment sogar noch einen Schritt weiter und denke, dass ich letztlich nicht wissen kann, ob die ganze Sache nicht auch etwas Gutes haben kann. Vielleicht gehört das jetzt einfach zu seiner ganz eigenen Krank- und Gesundheitsgeschichte und hat seinen Sinn.

Und das Wichtigste: Ich nehme es an!

Und das bringt mich zum vielleicht Allerwichtigsten, das im Moment den Unterschied zu vielen anderen Situationen macht: Ich sage ja zu Anthony MIT dem, was er gerade hat.

In der Vergangenheit habe ich bei Erkrankungen ganz oft einfach nur weghaben wollen, was ist. Ich wollte ein gesundes Pferd, kein krankes und habe damit, ohne es zu merken, „nein“ zu ihm gesagt, weil ich gegen die Wirklichkeit kämpfte. Im Moment ist es mir möglich, ja zu ihm zu sagen MIT dem, was er hat. Und ich glaube, genau das kommt auch bei ihm an und ermöglicht ihm seinerseits anzunehmen, was ist.

So setze ich mir ein klares gedankliches Stopp-Schild, wann immer ich merke, dass ich ins Hadern komme und mir selbst mal wieder furchtbar leidtue (und versuche, das freundlich, aber bestimmt auch bei anderen zu stoppen, die uns mitleidig angucken).  Statt dessen mache ich ganz bewusst schöne und lockere Sachen mit Anthony, also z.B. unsere geliebte Freiarbeit, bei der ich ihn dann anfeuern und bewundern kann, oder wie hier auf dem Foto zu sehen, ein Spiel mit dem Wasserstrahl. 

Anthony

Noch weiß ich natürlich nicht, wie lange ich diesen neuen Umgang mit meinen Sorgen um Anthony durchhalten werde, aber ich bin fest entschlossen, auch hier alte Muster zu durchbrechen, da sie in der Vergangenheit für viel Leid sorgten und es für niemanden besser machten. Ich denke, ich bin nun auf einem besseren Weg. Wir bekommen das hin, mein Kleiner!

 

15. Juni 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Erkenntnisse, Gesundheit, Umgang 35 Kommentare »

Raus aus der Sorgenfalle

Weiterleitung zum neuen Artikel: „Raus aus der Sorgenfalle“ 

7. Juni 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Erkenntnisse, Gesundheit, Umgang 27 Kommentare »

Ronni erteilt Tania eine kleine Lektion

Wenn Babette für ihre Kurse unterwegs bin, füttere ich hin und wieder ihren Ronni. Neulich hat er mir eine nette, kleine Lektion erteilt, über die ich hier berichten möchte.

Ronni ist kein einfaches Pferd und als ich ihn zum ersten Mal zum Füttern vom Paddock holte, war ich ganz überrascht, wie offen, freundlich und zugewandt er auf mich reagierte. Schnell stand er schon am Tor, wenn ich kam, ja, wieherte mir sogar leise zu. Immer nimmt er den Kopf ganz tief runter für mich, damit ich es mit dem Halftern leichter habe (bei diesem Riesenross ist das mit meinem 1,55m eine sehr willkommene Serviceleistung 😉 ). 

Es reizte mich, mal zu schauen, ob Ronni nicht auch Lust auf ein bisschen Freiarbeit mit mir hätte, und mit Babettes Einwilligung beschloss ich dann neulich, mit ihm in die Halle zu gehen. Ich lief fröhlich voraus, Ronni am lockeren Strick hinter mir. Kurz vor der Halle rammte er dann die Vorderbeine in die Erde und riss den Kopf hoch, so dass mir der Strick recht schmerzhaft durch die Finger gezogen wurde. 

Ich drehte mich um und da stand Ronni mit hoch erhobenem Kopf, aufgerissenen Augen und einem klaren Nein! vor mir – und mir wurde sofort bewusst, wie unachtsam und respektlos  ich gewesen war!

Ganz klar MEIN Fehler!

Von außen betrachtet hätten viele vielleicht gesagt: „Boah, ist der bockig!“ oder „Na, dem würde ich schon zeigen, was mitkommen heißt.“ – tatsächlich aber lag der Fehler nicht bei Ronni, sondern ganz klar BEI MIR.

Ich hatte genau den Fehler gemacht, über den ich so oft schreibe: Ich hatte etwas als selbstverständlich genommen, was nicht selbstverständlich ist. Die Tatsache, dass Ronni mir vertraut, zum Futterplatz und wieder zurück zum Paddock zu gehen, ist eine Sache, deshalb habe ich mir aber noch lange nicht „verdient“, dass er auch in die Halle mit mir geht! Natürlich hätte ich ihn erst fragen und einladen sollen und ihm ausreichend Zeit geben müssen, damit er die Chance hat, sich zu entscheiden, mit mir zu gehen. Stattdessen lief ich einfach drauflos, ohne auf das Pferd zu achten. Ich entschuldigte mich sofort bei ihm und erklärte ihm, dass nichts Schlimmes passieren würde. Es dauerte nur wenige Momente und er senkte den Kopf, um mir in die Halle zu folgen. 

Ja, solche Fehler können leicht passieren, mir wie jedem anderen auch. Und sie sind auch nicht schlimm, solange wir sie als UNSERE Fehler erkennen.

Vertrauen ist leider schnell verspielt … 

In vielen Fällen würde ein Pferd für seine Weigerung in die Halle zu gehen, ausgeschimpft oder sogar bestraft werden, sein Verhalten würde als Widersetzlichkeit interpretiert werden, die schmerzende Hand würde oft zu einer wütenden Gegenreaktion führen, wie z.B. ein Rucken am Strick. Doch hätte ich so reagiert und hätte ich mich „durchsetzen“ wollen, hätte ich damit Ronni über alle Maßen enttäuscht bzw. ihn voll und ganz in seinen Ängsten bestätigt. Damit hätte ich sehr wahrscheinlich die kleine, schon vorhandene Portion Vertrauen verspielt und ich hätte wahrscheinlich sogar riskiert, dass er sich mit einer weiteren Kopfbewegung losgerissen hätte.

Indem ich mich aber sofort bei ihm entschuldigte, selbst erst einmal durchatmete und ihn dann respektvoll, höflich und achtsam fragte, ob er mitkommen würde, fühlte er sich in seinen Bedenken angenommen und schenkte mir das Vertrauen, mit mir in die Halle zu gehen. 

Danke, Ronni, dass Du mir gezeigt hast, dass ich nicht nur schlaue Dinge schreiben, sondern auch selbst befolgen sollte!

ronni_t

26. April 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 13 Kommentare »

„Einfach nur spazieren gehen …“ – warum dieser Gedanke oft kontraproduktiv ist

Immer wieder erreichen mich Anfragen per Mail, die verschiedene Probleme bei Spaziergängen oder Ritten im Gelände beschreiben: Die Pferde wollen nicht vorwärtsgehen, sind schreckhaft, scheuen und reißen sich manchmal auch los bzw. gehen mit ihrem Reiter auf dem Rücken durch.

Nicht so selbstverständlich, wie vielleicht gedacht

Beim Lesen der vielen Mails wird mir immer wieder klar: Die wenigsten Pferdemenschen machen sich bewusst, dass es für viele Pferde ganz und gar nicht selbstverständlich ist, mit einem Menschen ins Gelände zu gehen. Tatsächlich aber ist das eine große und wirklich schwierige Aufgabe, ganz besonders dann, wenn keine anderen Pferde dabei sind. 

So nett die Vorstellung für uns Menschen sein mag, fröhlich und entspannt mit unserem Pferd spazieren zu gehen oder auszureiten, so übersehen wir dabei oft ein ganz wesentliches Element: Pferde sind Herdentiere und in der freien Natur wäre ein Pferd allein leichte Beute. Die Angst eines einzelnen Pferdes im Gelände ist also keine „Spinnerei“ und auch kein „Ungehorsam“, sondern ein von der Natur eingebautes Überlebensprogramm. 

Natürlich gibt es viele Pferde, für die es kein Problem ist, alleine ins Gelände mit dem Menschen zu gehen, aber für junge Pferde, für eher unsichere Tiere oder für Pferde mit Trennungsangst (so genannte Kleber) oder schlechten Vorerfahrungen ist es wirklich eine riesige Herausforderung, alleine mit dem Menschen ins Gelände zu gehen. Und je unwirscher der Mensch wird, wenn das Pferd Angst oder Unwillen zeigt, desto mehr wird es sich darin bestätigt sehen, dass das Gelände keine gute Idee ist …

Ein Beispiel zur Veranschaulichung

Nun denken viele Pferdemenschen, dass ihre gute Beziehung zu ihrem Pferd doch ausreichen muss, um dem Pferd die Angst zu nehmen, und sie ihm allein durch ihre Anwesenheit Sicherheit geben können. Dazu einfach mal ein Gedanke von mir aus meiner eigenen Gefühlswelt:

Ich leide unter Flugangst. Wenn eine Person mit mir fliegt, der ich vertraue, wie z.B. meine ältere Schwester, sie meine Hand hält und mir sagt, dass alles gut ist, dann geht es mir auf jeden Fall besser. Es ist tröstlich und schön, wenn sie dabei ist. Aber: Angst habe ich trotzdem, sehr große sogar. Am liebsten würde ich einfach aussteigen oder im übertragenen Sinn: Wäre ich ein Pferd, würde ich mich bei jedem Luftloch loszureißen versuchen, um wegzulaufen – und dass, obwohl ich meiner Schwester vertraue …

An dieser Stelle ist übrigens auch sehr spannend, dass meine Schwester, die sonst keine Probleme im Flugzeug hat, auf dem Flug, bei dem ich mit feuchten Händen und klopfendem Herzen neben ihr saß, selbst auch Angst hatte. Meine Angst hatte sie angesteckt! Und so geht es uns Pferdemenschen doch in der Regel auch, wenn wir mit einem ängstlichen Pferd spazieren gehen, oder nicht? Diese Unsicherheit wiederum spürt unser Pferd ganz genau, was ihm die Sache natürlich noch schwerer macht. 

Angst verstehen und akzeptieren

Ich denke, wir müssen verstehen und akzeptieren, dass unser so vermeintlich „kleiner“ Wunsch, mit einem Pferd entspannt ins Gelände zu gehen, nicht mit jedem Pferd einfach so zu realisieren ist, sondern dass die Angst einfach manchmal stärker ist. Ein Stück weit kann man auch solche Pferde ans Gelände gewöhnen, aber man muss jederzeit damit rechnen, dass selbst kleine Auslöser (die manchmal für uns vielleicht nicht einmal zu erkennen sind), die Angst wieder aufkommen lassen.

Auch dazu noch einmal das Beispiel meiner Flugangst: Eine Weile bin ich oft geflogen, weil ich meine Flugangst überwinden wollte. Ich habe in dieser Zeit alle möglichen Übungen gemacht, Klopftechniken und Atemtechniken angewendet und Hörbücher zum Thema Flugangst gehört. All diese Maßnahmen haben erreicht, dass ich die Flüge besser überstanden habe. Es war nicht mehr der blanke Horror und zeitweise konnte ich auf den Flugstrecken sogar gut entspannen. War der Flug aber unruhiger, kam ein größeres Luftloch, veränderten sich die Motorengeräusche deutlich, war die Angst auch ganz schnell wieder da. Ich konnte zwar besser mit ihr umgehen, aber sie war trotzdem da.  

Spazieren gehen als Trainingsaufgabe

Es gilt, sich Spaziergänge im Gelände ganz kleinschrittig zu erarbeiten – unter Umständen deutlich kleinschrittiger als die meisten es vielleicht zunächst für nötig halten. Ich sehe es inzwischen so, dass die Übung alleine ins Gelände zu gehen, egal ob an der Hand oder unter dem Reiter, für unsichere Pferde in gewisser Hinsicht noch schwieriger ist als zum Beispiel das Erlernen der Piaffe oder fliegende Galoppwechsel. Bitte setzen Sie also Ihre Erwartungen extrem niedrig an und nehmen Sie dieses Training ernst. Geben Sie Ihrem Pferd die Zeit, die es braucht, um Sicherheit im Gelände erlangen zu können – und das kann bedeuten, dass Sie für den Anfang vielleicht wochenlang nur einmal kurz vor die Tür oder ein paar Meter gehen können!

Merke: „Mal eben eine entspannte Runde ins Gelände zu gehen“, kann bei unsicheren Pferden allenfalls das Endziel, nie aber der Anfangspunkt sein! 

Hier noch ein Wort zum Spazierengehen mit Fohlen: Oftmals möchten Pferdebesitzer auch schon mit ihren sehr jungen Pferden spazieren gehen, mit Pferden, die noch unter einem Jahr alt sind. Ich bin grundsätzlich dafür, dass junge Pferde, gerade in der Zeit, in der sie sich in der Sozialisierungsphase befinden, viel von der Welt zu sehen bekommen, aber bitte immer in Begleitung von einer ruhigen, sicherheitsgebenden Begleitung durch andere Pferde, denen das Jungtier vertraut und durch die es Sicherheit bekommen kann. Es ist nicht artgerecht, schon Fohlen an Spaziergänge allein gewöhnen zu wollen, und es kann zu heftigen Gegenreaktionen kommen, oft auch dann, wenn das Fohlen erst ganz ruhig erscheint. 

Denken Sie daran: Es geht hier sowohl um die Sicherheit Ihres Pferdes als auch um Ihre eigene. Pferde, die sich im Gelände losreißen bzw. durchgehen, sind eine große Gefahr. Wenn Sie die Angst Ihres Pferdes nicht ernst nehmen und Ihr Pferd überfordern, laufen Sie Gefahr, dass diese Angst immer größer und damit unter Umständen auch unkontrollierbarer wird.

Und so können Sie praktisch vorgehen

Am besten nutzen Sie für das Spaziertraining  einen weichen, gut gepolsterten und gut passenden Kappzaum. Dieser ermöglicht Ihnen, den Kopf des Pferdes gut zu kontrollieren, was wiederum mehr Sicherheit bedeutet.

Üben Sie zunächst auf einem sicher eingezäunten Platz das Führen des Pferdes, so dass Ihr Pferd die Grundkommandos zum Antreten und Anhalten sicher verstanden hat und sich brav, ohne zu drängeln oder zu überholen von Ihnen führen lässt.

Tipp: Üben Sie parallel kleine Lieblingsspiele mit Ihrem Pferd. Das könnte zum Beispiel die Übung Kopf tief,  das Tanzen oder Bein hoch sein.

Gehen Sie mit Ihrem Pferd dann einige Male einfach nur „vor die Tür“, also durch das Stalltor hindurch und lassen Sie es sich umgucken. Verwöhnen Sie es mit etwas Leckerem und achten Sie gut darauf, dass Ihr Pferd entspannt bleibt. Sollte es sich hier bereits gestresst und aufgeregt zeigen, gilt es, erst das so lange zu üben, bis das Pferd in dieser Situation gelassen sein kann. Hier kann die Anwesenheit eines ruhigen Pferdes, für das das Rausgehen bereits Routine ist, sehr helfen. 

Erst wenn das „Vor die Tür gehen“ eine lockere Angelegenheit ist, beginnen Sie mit den ersten „kleinen Spaziergängen“, die nur wenige Minuten dauern sollten! Je nach Unsicherheit des Pferdes können sogar schon einige Schritte vollkommen ausreichen. Schätzen Sie Ihr Pferd bitte gut ein, damit es möglichst erst gar nicht zu Stress und Angst kommt. Ein ruhiges Pferd als Begleitung kann bei diesen ersten kleinen Ausflügen für viel Ruhe und Sicherheit sorgen.

Gehen Sie also mit Ihrem Pferd ein kleines Stück vom Hof weg und machen Sie kurz ein paar Übungen, die Ihr Pferd gerne und zuverlässig ausführt. Loben Sie diese Übungen sehr, drehen Sie wieder um und gehen Sie gleich wieder nach Hause. Hat das gut geklappt, können Sie die Spaziergänge in kleinen (!) Schritten etwas verlängern. Wenn Ihr Pferd diese kleinen Spaziergänge als Routine empfindet und dabei wirklich gelassen ist, probieren Sie, auch mal ohne Begleitpferd ein kleines Stückchen zu gehen.

Wird Ihr Pferd zu unsicher und zeigt es Stress oder Angst, ist es noch nicht reif für Spaziergänge alleine ins Gelände. Dann probieren Sie es weiter erst einmal nur mit Begleitung. 

Wichtig: Gerade in der Pubertät oder auch im Frühling oder an stürmischen Tagen kann es leicht dazu kommen, dass Pferde, die eigentlich schon recht gelassen im Gelände waren, wieder in alte (Angst- und Stress-)Muster zurückfallen. Erspüren Sie deshalb möglichst vorher, ob der jeweilige Tag tatsächlich ein guter Tag fürs Gelände ist und verzichten Sie ggf. lieber einmal mehr auf den Spaziergang bzw. halten Sie ihn kurz, als dass es wieder zu heftigen Angst-Reaktionen kommt, die Sie im Training dann erst einmal wieder deutlich zurückwerfen. 

Tipp: In unserem Anti-Angst-Kurs erfahren Sie, wie Sie mit den Ängsten Ihres Pferdes besser umgehen können. Auf der Basis, die Sie sich im Anti-Angst-Kurs mit Ihrem Pferd erarbeiten, haben Sie sehr gute Chancen, ein gelassenes Gelände-Pferd zu bekommen.

Fazit

Ich glaube, dass wir die oft so angstbesetzte Aufgabe „Spaziergang“ auf eine Weise erarbeiten und trainieren können, durch die die meisten von unseren Pferden die Erfahrung machen können, dass ein Spaziergang im Gelände eigentlich eine tolle Sache ist. Die Pferde werden durch ein positives, kleinschrittiges Training sicherer und gelassener und damit auch selbstbewusster. Bei dem einen Pferd geht das schneller, bei vielen dauert es aber länger und letztlich gibt es immer auch Pferde, die leider nie wirklich ganz gelassen und angstfrei allein im Gelände sein werden. 

r_spaziergang

 

12. April 2016 von Babette Teschen • Kategorie: Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 37 Kommentare »

  • Reitkurs

  • Herzlich Willkommen im Archiv-Blog von „Wege zum Pferd“

    "Wege zum Pferd" wurde 2008 von Tania Konnerth und Babette Teschen gegründet und wird seit 2021 von Tania allein auf der neuen Seite weitergeführt.

    Dies hier ist das Archiv, in dem sich die vielen, vielen Blogbeiträge, die über die Jahre entstanden sind, finden. Neue Artikel gibt es im neuen Blog von "Wege zum Pferd".

    "Wege zum Pferd" und mich findet Ihr auch hier und hier bei Facebook und Instagram.

    Abonniert am besten gleich den kostenlosen Newsletter damit Euch nichts entgeht

    Mein neues Buch "Weil Du mich trägst" ist erschienen

    Entdecke "Tanias Freiraum-Training" – denn auch Freiarbeit geht anders!

    Und "Versteh Dein Pferd"

    Hier gibt es weitere Kurse und Webinare von "Wege zum Pferd" – alles für mehr Pferdefreundlichkeit:

    Und hier geht es zum "Praxiskurs Bodenarbeit", erschienen bei Kosmos:

  • Kategorien

  • Archiv