Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 36: Ich bekomme ein Lob

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Montys Wunde ist fast verheilt, aber ich will ihn noch nicht reiten. Also gehen wir gerade viel spazieren, so wie auch heute. Wir sind im kleinen Wäldchen unterwegs und ich gehe so meinen eigenen Gedanken nach, als Monty plötzlich stehen bleibt und den Kopf zu mir dreht.

„Alles klar, Monty?“, frage ich etwas erstaunt, denn normalerweise bin ich es, die ein Gespräch beginnt, nicht er.

„Wissen Sie, ich würde Ihnen gerne etwas sagen.“

„Na klar, Monty, raus damit.“, sagte ich und versuche, nicht so unsicher zu klingen, wie ich mich gerade fühle. Wer weiß schon, was jetzt kommt.

„Es ist viel angenehmer mit Ihnen geworden ohne den Stress.“

„Oh, das freut mich zu hören, Dankeschön.“, sage ich und werde sogar ein bisschen rot. „Was genau meinst du denn mit Stress?“, hake ich nach, weil ich die Kritik darin natürlich auch höre.

„Ach, früher musste oft alles sehr zackig und schnell gehen. Wissen Sie, Menschen sind immer so hektisch. Alles folgt Schlag auf Schlag.“ Dann fügt schnell hinzu: „Aber, das meine ich bei Ihnen jetzt natürlich nicht wörtlich.“, sagt er und lacht über seinen eigenen Witz.

Im ersten Moment will ich mich verteidigen, denn ich hatte oft gedacht, dass ich Monty geradezu endlos viel Zeit lassen würde. Seine Tendenz zum Herumtrödeln hatte mich oft gereizt, aber ich war eigentlich ganz stolz auf mich gewesen, dass es mir immer besser gelungen war, ihm Zeit zu lassen, und jetzt sagte er mir, ich sei immer so zackig gewesen? Ich hielt mich aber zurück und ließ seine Worte erst einmal in mir nachklingen.

„Tja, ich glaube, du hast Recht, Monty. Ich bin oft viel zu hektisch, das fällt mir jetzt selbst auf. Eigentlich ist das hier doch meine Freizeit, die ich genießen sollte, und ich dachte auch, ich wäre entspannt, wenn ich herkomme. Aber es ist oft nicht so einfach, aus dem Stress herauszukommen, den man so mitbringt, von der Arbeit und dem Leben draußen.“

Ich denke weiter nach.

„Du hast tatsächlich ein ganz anderes Tempo als ich. Jedenfalls wenn du nicht gerade eilig zu deinen Kumpels willst oder wenn nicht gerade ein Grasbüschel vollkommen unwiderstehlich ist, nicht wahr?“, lache ich.

„Na, das ist etwas ganz anderes.“, sagt Monty.

„Schon klar.“ Ich zwinkere ihm zu. „Aber, im Ernst: Bevor du gesprochen hast, habe ich dich sicherlich viel zu oft überrumpelt, das tut mir leid. Da habe ich viel mehr automatisch gemacht, ohne über alles nachzudenken. Manches sollte einfach zacki-zacki funktionieren, weil ich mir das in den Kopf gesetzt hatte. Und das geht jetzt nicht mehr, zumindest nicht mehr so leicht. Siehst du, und das meinte ich am Anfang, als ich sagte, dass nun alles anders ist. Für mich ist tatsächlich vieles anders geworden. Aber ich weiß, hektisch bin ich manchmal trotzdem noch. Das kannst du mir dann ruhig sagen, ich versuche, es zu ändern, ja?“

Wir stehen noch für ein Weilchen mitten auf dem Weg in dem kleinen Wäldchen und atmen tief ein und aus. Die Vögel zwitschern in den Bäumen über uns und das Herbstlaub riecht feucht und erdig.

„Schön ist das.“, sage ich. „Wie gut es tut, auch einfach mal nur dazustehen.“

Statt einer Antwort schnaubt Monty zufrieden ab und wir gehen ganz gemütlich zurück.

 

–> Fortsetzung folgt

 

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Bleckede. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de.

6. Dezember 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 36: Ich bekomme ein Lob

Sag ja zu Deinem Weg! – Inspiration des Monats

Mit der  Rubrik Inspiration des Monats nehme ich mir jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das ich Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Lange Texte gibt es bei uns genug, aber gerade bei Basis-Themen denke ich, ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. 

Tipp: Zieht Euch jeweils unsere Inspiration des Monats auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße  für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können. 

Thema des Monats:
Sag ja zu Deinem Weg!

Wir haben Pferde, weil wir sie lieben und weil sie uns glücklich machen. Doch nicht immer läuft alles glatt, im Gegenteil: Sorgen um unser Pferd können uns das Leben genauso schwer machen, wie auftretende Probleme, Fehler, die wir machen, zunehmende Ratlosigkeit, Überforderung und anderes mehr.

Oft verlieren wir gerade in den schwierigen Phasen viel kostbare Energie dadurch, dass wir hadern – mit der Situation, mit dem Pferd, mit uns selbst. Wir wünschen uns dann alles anders und kämpfen ein Stück weit gegen die Wirklichkeit, statt das anzunehmen, was ist: und zwar als Teil unseres Weges.

Auch wenn sich das natürlich keiner wünscht, so sind es oft die holprigen Wegstücke und auch die Irrtümer und Irrwege, die uns im Nachhinein weitergebracht haben. Sie tun das dann, wenn wir bereit sind, aus ihnen zu lernen und sie zu nutzen, um zu wachsen und uns weiterzuentwickeln. Den Weg als solchen zu genießen, egal wie er verläuft, und immer wieder bewusst dankbar für das zu sein, was ist, kann viel Hoffnung, Kraft und Trost in schwierigen Zeiten schenken. Und unserem Pferd können wir auf diese Weise vermitteln, dass wir es trotz allem lieben, und es nicht vor allem eine Belastung ist … 

Deshalb: Schau mit ganz viel Liebe, Nachsicht und Dankbarkeit auf Dich und Dein Pferd und nimm Deinem Weg mit Deinem Pferd ganz bewusst an –  er ist einzigartig.

Ja zum eigenen Weg

30. November 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Inspiration des Monats, Sonstiges, Umgang 1 Kommentar »

Echtes Vertrauen ist oft unspektakulär

Wenn es um das Thema „Vertrauen“ geht, dann werden oft spektakuläre Dinge gezeigt:

  • Pferde, die durch Feuerreifen springen. 
  • Pferde, die mit unzähligen Gegenständen behangen oder konfrontiert werden. 
  • Pferde, die nicht mal mit der Wimper zucken, wenn Peitschen laut neben ihnen geknallt werden.
  • Reiter/innen, die auf dem blanken Rücken steigender Pferde sitzen. 
  • Reiter/innen, die im rasenden Galopp über Felder fliegen. 
  • Reiter/innen, deren Pferde monströse und gefährliche Hindernisse überwinden und dergleichen mehr… 

Nun mache ich mir wahrscheinlich nicht nur Freunde, wenn ich sage: Ja, solche Bilder können auch etwas mit Vertrauen zu tun haben, aber leider ist genau das aus meiner Erfahrung heraus oft nicht der Fall! Häufig wird es so dargestellt, dass vieles nur möglich ist, weil das Pferd seinem Menschen „ach so sehr vertraut“ und dann sind natürlich alle beeindruckt von dem Trainer oder der Reiterin. Meine Erfahrung ist aber die: Man kann Pferde zu unglaublichen Sachen bringen und das unabhängig davon, ob sie dem Menschen vertrauen oder nicht. Die meisten Pferde lassen sich mit genug Druck (also Krafteinsatz durch Sitz, Schenkel, Sporen und Gerte, aber auch psychischen Druck) über kurz oder lang durch ein Feuer treiben, an allen möglichen gruseligen Dingen vorbei oder auch über bedrohlich wirkende Sprünge, und viele Pferde lernen, alle möglichen Dinge zu ertragen, auch wenn sie innerlich am liebsten einfach nur weglaufen würden. Leider hat all das nichts mit Vertrauen zu tun, sondern mit einer Reaktion auf Druck und Zwang – siehe dazu auch meinen Text zur erlernten Hilflosigkeit

Meine große Bitte an Euch „ganz normale“ Pferdebesitzer/innen: Lasst Euch nichts von schönen Worten und tollen Aufnahmen vormachen, sondern seid bereit, immer einfühlsam auf die Pferde zu achten. Stress und Angst äußern sich bei Pferden oft sehr subtil (siehe dazu auch „So unterschiedlich zeigen Pferde Stress„). Fotoaufnahmen, im richtigen Moment gemacht, können den Eindruck von Vertrauen vermitteln, obwohl sie eigentlich in einer stressvollen und sogar angstbesetzten Atmosphäre entstanden sind. Videos, die beweisen wollen, dass man mit dem Mittel der Desensibilisierung auch Pferde, die sich stark gegen einen Reiz wehren, „zum Vertrauen bringen kann“, zeigen leider in Wahrheit oft das Gegenteil: nämlich Pferde, die aufgeben (siehe dazu auch „Missverstandenes Anti-Scheu-Training„). „Wilde Pferde“ zu zähmen, macht in den Social Media natürlich mehr her, als ein wirklich vertrauensvolles, entspanntes Pferd… Und deshalb ist sehr wichtig, dass wir hier viel genauer hinschauen und lernen, die Anzeichen für Stress und Angst bei Pferden erkennen, um nicht mitzujubeln, wenn ein Pferd eigentlich in Not ist. 

Echtes Vertrauen

Vertrauen zeigt sich für mich nicht darin, ob ich es schaffe, ein Pferd meinem Willen zu unterwerfen und es bereit ist, für mich großen Stress auszuhalten, sondern echtes Vertrauen führt dazu,

  • dass sich ein Pferd bei mir wohl und sicher fühlt,
  • dass es Gutes erwartet, 
  • dass es weiß, dass ich gut aufpassen werde, dass es nicht überfordert wird und
  • dass es sich deshalb aus sich heraus immer mehr zuzutrauen beginnt.

Und um das zu erreichen, finde ich es ganz wichtig, ein Gefühl dafür bekommen, wo die jeweilige Grenze eines Pferdes ist. Und zwar eben genau nicht, um dann alles daran zu setzen, diese aktiv verschieben zu wollen, sondern um ihm zu beweisen, dass ich achtsam genug bin, sie zu respektieren und es so annehme, wie es ist. Tja, und das ist ein grundsätzlich anderer Ansatz als er oft im Anti-Scheu-Training verfolgt wird.

Fazit

Echtes Vertrauen ist oft ganz unspektakulär, denn es führt zu einer entspannten und gelassenen Basis, auf der Mensch und Pferd gemeinsam auch schwierige Situationen gut bewältigen können. Das gibt vielleicht nicht die aufregendsten Fotomotive, ist aber für mich ein sehr viel erstrebenswerteres Ziel. Was mein Ihr?

Lesetipp: Der Anti-Angst-Kurs

23. November 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Vertrauenstraining 2 Kommentare »

Natürlich positiv – Longieren mit positiver Verstärkung: Die Laufmanier

Hier kommt ein weiterer Teil dieser kleinen Serie, die sich damit befasst, wie sich das Longieren nach unserem Longenkurs auch nur mit positiver Verstärkung umsetzen lässt (das Grundwissen über das Clickertraining vermittelt unser Clickerkurs). Im ersten Teil ging es um die Grundlagen – hier nachzulesen und im zweiten Teil habe ich gezeigt, sie sich eine der Basislektionen, nämlich das Führen in Stellung rein mit positiver Verstärkung erarbeiten lässt. Bevor ich weiter einzelne Lektionen vorstelle, möchte ich in diesem Teil ein grundsätzliches Problem beleuchten, das nicht nur, aber eben auch vor allem, wenn man mittels positiver Verstärkung vorgeht, schnell auftritt. 

Das Ganze ist mehr als seine Teile

Etwas, das durch das Lesen eines Selbstlernkurses oder auch einer solchen Serie, wie dieser hier, ganz leicht passiert, ist, dass man sich zu sehr auf einzelne Übungen und Lektionen oder Körperhaltungen konzentriert und dabei das große Ganze aus den Augen verliert. Wer sich zum Beispiel mit seinem Pferd gerade das „Führen in Stellung“ erarbeitet, neigt dazu, nur die Kopfhaltung im Blick zu haben und darüber den Rest des Pferdes zu vergessen. Allein die korrekte Stellung hilft uns beziehungsweise dem Pferd ja aber nur bedingt weiter, denn sie ist ja nur ein Baustein im Gesamtbild „Gute Laufmanier“. 

Das Prinzip der positiven Verstärkung macht das Problem meist noch etwas deutlicher: Da man ja ganz konzentriert den richtigen Moment für den Click sucht, schaut man mit einem sehr engen Fokus auf sein Pferd. Damit das Pferd verstehen kann, welche Genickbewegung im Sinne einer korrekten Stellung die Richtige ist, braucht man eben genau diese kleine Bewegung, um das dann zu clickern. Gleichzeitig aber kann das Pferd dabei vielleicht gerade den Rücken wegdrücken, sich verspannen, den Takt verloren haben und anderes mehr – und doch erhält es die Botschaft: Das, was Du jetzt machst, ist richtig. Und dieser Tücke sollten wir uns immer gut bewusst sein!

Merke: Bewegung ist immer eine Kombination
aus vielen Einzelelementen. Fokussieren wir zu sehr
auf eine einzelne Sache, vernachlässigen wir andere
und
verhindern damit ein harmonisches Ganzes. 

Ziel unserer Trainingsarbeit mit dem Pferd ist eine gute und gesunde Laufmanier – und das sollte immer hinter allem stehen, was wir gerade tun. Es sind viele kleine Details, die unser Pferd dorthin bringen, aber nur, wenn sie alle harmonisch ineinandergreifen, kann das Pferd wirklich in eine gute Laufmanier finden. 

Gute Bewegungen positiv verstärken

Um zu verhindern, dass wir zu stark auf Einzelheiten fokussieren und damit auch ein Stück weit zu verbissen an einem Detail arbeiten und unser Pferd damit frustrieren, ist es wichtig, im Training nicht nur von der Detail-Seite her zu kommen, sondern immer auch von der Bewegung, so wie sie ist. Wir müssen das Pferd also auch einfach mal selbst machen lassen!

Ganz praktisch lasse ich Pferde in einer Trainingseinheit immer auch einfach laufen, auch solche, bei denen die Laufmanier noch nicht gut ist. Ich arbeite hier am liebsten frei mit dem Pferd, denn so kann ich gut sehen, was schon da ist und wo es noch hakt. Im freien Laufen zeigt fast jedes Pferd auch schon Details, die wir suchen, manche mehr, manche weniger. Aber wenn wir diese positiv verstärken, können wir auf diese Weise schon manches etablieren, ohne es aktiv (und manchmal doch eher mühsam) über Lektionen zu erarbeiten. 

Hier seht Ihr einige Aufnahmen von Anthony im freien Laufen an einem guten Tag – überlegt, mal welche Elemente einer guten Laufmanier hier schon positiv verstärkt werden könnten: 

Freiarbeit

Na, habt Ihr welche entdeckt? Da sind zum Beispiel:

  • eine gute Halshaltung,
  • die Nase leicht vor der Senkrechten
  • ein Treten des Hinterbeins Richtung Schwerpunkt, 
  • ein Aufwärtsgalopp mit weit Richtung Schwerpunkt greifendem Hinterbein
  • ein Abwenden, ohne nach innen zu kippen, 
  • mehr Aufrichtung und eine Rahmenverkürzung,
  • eine Schwebephase im Trab. 

Ich habe Euch diese Elemente hier mal mit Linien und Pfeilen markiert, um das zu verdeutlichen (eine ausführliche Blickschulung gibt es in unserem Kurs „Sehen lernen„):

Gute Laufmanier

Wechsele immer wieder zwischen Detailarbeit und Gesamtbild

Ich empfehle sehr, die Feinarbeit an den Details und das Feilen an einzelnen Lektionen immer gut und häufig mit dem freien Laufen und der Bewegung als Ganzes abzuwechseln. Wenn ein Pferd beim freien Laufen eine gute Haltung einnimmt und wir das positiv verstärken, bekommt es sehr viel schneller und besser eine Idee dafür, was wir eigentlich genau erreichen möchten. Darüber hinaus verstärkt es die guten Bewegungen dann sogar ein Stück weit selbst positiv, denn eine gute Laufmanier ist für das Pferd etwas Angenehmes – sie schenkt ihm Kraft, Geschmeidigkeit, Energie und Lust am Laufen. Faktoren, die leider, wenn wir uns zu sehr auf einzelne Details konzentrieren, schnell verloren gehen.

Pferde sind Lauftiere, sich zu bewegen liegt in ihrer Natur und macht ihnen Freude. Vor lauter Kleinigkeiten, auf die wir zu achten lernen, sollten wir ihm diese Freude am Laufen nie nehmen oder verderben, sondern im Gegenteil, sie immer wieder einladen, fördern und uns an ihr freuen! Gibt es etwas Schöneres, als ein Pferd zu erleben, das sich selbst in seinem Bewegungsmöglichkeiten ausprobiert und über sich hinauswächst?

Freiarbeit

16. November 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Clickertraining, Freiarbeit, Gesundheit, Jungpferdausbildung, Longieren, Reiten 0 Kommentare »

Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 35: Der Verbandwechsel

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Ich gebe es zu, mir graut davor, dass ich heute Montys Verband wechseln muss. Am liebsten hätte ich ja einfach den Tierarzt dafür gerufen, aber Montys Reaktion war erst ein „Das ist nicht nötig.“ und als ich betonte, dass das aber sehr wichtig sei und auf jeden Fall gemacht werden müsste und ich es mir eigentlich nicht zutraue, kam ein klares „Auf keinen Fall der Tierarzt!“ von ihm. Bei dem Theater, das er vor zwei Tagen gemacht hat, nehme ich das sehr ernst. Also werde ich es nun erst einmal selbst versuchen. Er musste mir allerdings versprechen, dass er mitarbeitet, sonst würde ich sofort den Tierarzt rufen, ohne Wenn und Aber, schauen wir mal, ob er sich daran hält. 

„Na, Monty.“, begrüße ich mein Pferd. „Was macht dein Fuß?“

„Alles bestens, danke.“, antwortet Monty und er läuft tatsächlich etwas besser.

„Du weißt, was heute ansteht?“, frage ich vorsichtig. 

„Natürlich.“, sagt er.

 „Und du erinnerst dich noch an unsere Abmachung, ja?“ 

„Selbstverständlich.“ 

„Gut, dann wollen wir mal.“, sage ich zuversichtlicher, als ich mich fühle und führe ihn zum Anbinder. 

„Monty, gibt es irgendwas, womit ich uns die ganze Sache leichter machen kann? Brauchst du etwas? Soll ich erklären, was ich tue? Sonst irgendwas?“

„Na, nun machen Sie sich mal keine Sorgen.“

„Leicht gesagt, Monty. So wie du dich beim Tierarzt aufgeführt hast, traue ich mich ja kaum, an dein Bein zu fassen.“

„Sie übertreiben mal wieder maßlos.“, sagt Monty ziemlich von oben herab. 

Ich hole Luft, aber entscheide mich dann, nicht in diese Diskussion zu gehen, sondern mich einfach auf das zu konzentrieren, was ich nun zu tun habe, nämlich den Verband abzumachen. 

„Also, ich löse jetzt erstmal den äußeren Verband. Dafür schneide ich eine Schicht davon mit der Schere ab, ja? Das dürftest du kaum merken, in Ordnung?“ 

„In Ordnung.“, sagt Monty. 

Als ich sein Bein berühre, springt er zur Seite und ich erschrecke mich furchtbar. „Mensch, Monty!“, rufe ich laut und hüpfe selbst ein Stück zurück. „Das kann doch nicht wahr sein, dass du schon zickst, bevor ich anfange.“, schimpfe ich und schaue ihn böse an. 

Mein Pferd steht da und grinst. „Kleiner Scherz.“, sagt er und kichert ein bisschen. Mein Pferd kann kichern.

„Sehr witzig, wirklich witzig.“, fauche ich und finde es kein bisschen witzig. Jetzt bin ich nicht nur nervös, sondern habe auch noch weiche Knie. Nichts anmerken lassen, sage ich zu mir, nichts anmerken lassen. 

Beim nächsten Versuch, sein Bein zu berühren, ruft er ein kurzes „Buh!“ direkt in mein Ohr und wieder erschrecke ich heftig. „Monty, hör auf damit. Heb dir deinen blöden Humor für später auf, ja? Ich will die Sache jetzt hinter uns bringen.“ Mein Ton ist scharf.

„Na, na, Sie sind wohl etwas angespannt, was?“, schmunzelt er und scheint sich prächtig zu amüsieren.

„Ja, Monty, ich bin angespannt, verdammt angespannt sogar. Und es wäre wirklich toll, wenn du jetzt einfach nur still hältst, damit ich den Verband abmachen kann. Geht das? Bitte?“, zische ich mit zusammengebissenen Zähnen.

„Selbstverständlich.“, sagt Monty. 

Ein paar Minuten später habe ich es tatsächlich geschafft, den Verband abzumachen. Ich bin schweißgebadet. Aber wenigstens sieht die Wunde gut aus. 

„Sehr schön, das ist doch schon prima geheilt, Monty. Da brauchen wir nicht mal einen kompletten Hufverband zu machen. Es reicht, nochmal die Salbe draufzumachen und das leicht zu verbinden. Ist ja auch nicht matschig im Moment.“ Ich schaue mein Pferd an. „Schaffen wir das?“ 

„Selbstverständlich.“ 

Ich lege mir alles zurecht, was ich brauche, und bitte Monty um seinen Huf. Den gibt er mir und ich lege los. Eine Miteinstellerin kommt vorbei und sagt: „Wow, hast du ein braves Pferd! Meiner spielt immer komplett verrückt, wenn er behandelt werden muss. Ich wünschte, meiner wäre auch so cool.“ 

„Tja.“, höre ich mein Pferd sagen und ich schaffe es tatsächlich, den Verband anzulegen. 

„Na, das ging ja doch einfacher als gedacht, Monty.“ 

„Haben Sie etwa an mir gezweifelt?“ 

„Na ja, … ich denke nur an vor drei Tagen … “ 

„Sie sind aber nachtragend. Wollen Sie mir das jetzt für den Rest meines Lebens vorwerfen? Sie haben doch gehört, andere wünschten, ihr Pferd wäre so wie ich. So cool.“ Er lässt das Wort auf seiner Zunge schmelzen wie ein Stück Schokolade. „Sie dürfen es ruhig zugeben: Ich bin ein cooles Pferd. Cool, cool, cool.“, singt er vor sich her.

Und da muss ich dann selbst grinsen. „Ja, Mr. Cool, dann können wir ja demnächst den Tierarzt zum Impfen holen, nicht wahr?“ 

Monty tut, als hätte er das nicht gehört. 

–> Fortsetzung Kapitel 36

 

Monty Wege zum Pferd

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Bleckede. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de.

9. November 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 35: Der Verbandwechsel

Typische Probleme mit Pferden: Mein Pferd beißt in den Strick

In dieser Kategorie widme ich mich ganz typischen Problemen mit Pferden, zu denen mich immer mal wieder Mails erreichen oder die in Gesprächen über Pferde auftauchen. Besonders soll es hier um Probleme gehen, bei denen herkömmlicherweise oft Druck oder Strafen angewendet werden, damit das Pferd etwas tut oder lässt. Ich möchte zeigen, wie es anders gehen kann. Wenn Ihr auch so eine Frage habt, schreibt sie gerne an tania@wege-zum-pferd.de

„Mein Pferd beißt in den Strick oder Zügel“

Ein sehr häufig geäußertes Ärgernis für viele Pferdemenschen ist, wenn das Pferd beim Führen in den Strick oder Zügel beißt. Ich wähle diese Formulierung bewusst, denn wir haben es hier fast immer nicht nur mit einem (für den Menschen) problemhaften Verhalten zu tun, also das Beißen in den Strick, sondern Teil des Problems ist in den meisten Fällen unsere emotionale Reaktion auf das Verhalten. Ich kenne nur wenige Dinge, über die sich Pferdemenschen so ärgern, wie darüber, wenn das Pferd in den Strick oder Zügel beißt, und ich erlebe hier, dass selbst solche, die sonst Strafe und Gewalt ablehnen, dieses Verhalten rügen oder sogar mit einem Klaps auf die Nase abzustellen versuchen.

Verstehen, worum es geht

Schauen wir uns einmal genauer an, worum es hier genau geht – und zwar von beiden Seiten her: 

  • Die Seite des Menschen – Wer mit Pferden zu tun hat, erfährt über kurz oder lang, dass es ziemlich schmerzhaft sein kann, wenn das Pferd seine Zähne einsetzt. Selbst ein kurzes Kneifen tut ganz schön weh, von einem richtigen Biss mal ganz abgesehen. Die Angst vor Bissen ist also durchaus verständlich, führt aber leider zu Maßnahmen, die das Problem nicht lösen, sondern oft eher verstärken. Was nämlich die allermeisten von uns lernen, ist, schon das Schnappen eines Pferdes zu rügen und zu bestrafen und bei einem Beißen durchaus auch richtig zuzuhauen. „Das darf man denen nicht durchgehen lassen, dann werden die zu richtigen Beißern“, hört man dann als Argument. Ich habe in dem Artikel Das Schnappen und wie man damit umgehen kann das Problem schon einmal ausführlich behandelt, hier für diesen Beitrag ist es mir wichtig, dass wir uns bewusst darüber werden, dass die allermeisten von uns emotional auf das Schnappen und Beißen von Pferden reagieren. Wir interpretieren es als „Unart“ oder „Frechheit“ und nicht wenige nehmen es höchst persönlich, wenn ihr Pferd nach ihnen schnappt. In der Folge empfinden wir dann fast immer Frust, Ärger und/oder Wut. 
  • Die Seite des Pferdes – Pferde sind Tiere, die die Welt zu einem großen Teil mit ihrem Maul erkunden. Das Pferdemaul ist sehr sensibel und wenn Pferde Gegenstände mit den Lippen ertasten, gewinnen sie darüber viele Informationen. Gleichzeitig ist das Maul mit dem überlebensnotwendigen Fressen verbunden, mit der gegenseitigen Fellpflege innerhalb einer Herde und auch mit Klärungen von Beziehungen untereinander und mit dem Spielen. Das Maul ist also für ein Pferd ein sehr wichtiger Körperteil und es nutzt diesen Körperteil vielseitig und instinktiv – und das je nach Persönlichkeit, Lebensphase und Typ dann entsprechend mehr oder weniger intensiv auch im Zusammensein mit Menschen. Hier ist aus meiner Sicht ganz entscheidend zu verstehen, dass Pferde das nicht tun, um uns zu ärgern, sondern es ist schlicht und einfach Teil ihres ganz „normalen Pferdseins“. 

Zusammengefasst: Wenn ein Pferd in den Strick beißt, reagieren die meisten von uns auf ein für das Pferd ganz natürliches Verhalten emotional negativ gefärbt – und genau daraus entsteht das Problem! 

Die Lösung beginnt bei uns

Wenn mich jemand um Rat fragt, dessen Pferd ständig in den Strick beißt, dem rate ich als erstes, den Fokus weg vom Pferd hin zu den eigenen Gefühlen zu richten. Da so ziemlich jeder das In-den-Strick-beißen eines Pferdes „abstellen“ will, ist die Sache in den allermeisten Fällen bereits sehr negativ aufgeladen und es hat sich eine ungute Spirale entwickelt: Pferd angelt nach dem Strick –> Mensch nimmt es wahr, ärgert sich und droht vielleicht auch –> Pferd beißt in den Strick –> Mensch versucht das durch Schimpfen oder Strafe zu beenden –> Pferd erlebt Stress und beißt erst recht in den Strick –> Mensch schimpft und straft noch mehr –> und so weiter.

Dazu, wie Ihr mit dem Schnappen und Beißen am besten umgehen könnt, findet Ihr in dem oben schon genannten Artikel viele Anregungen und Tipps. Für das spezielle Problem, dass viele Pferde auf dem Strick herumkauen, ist mein Rat vor allem dieser:

Nehmt den Stress aus der Situation!

Ich selbst habe in der Vergangenheit sehr viel Energie darauf verwendet, meine sehr maulaktiven Pferde so zu erziehen, dass sie nicht in den Strick beißen. Das ist mir tatsächlich aktiv nicht gelungen, aber ich habe dabei viel gelernt über Pferde, aber vor allem auch über mich und mein Verhalten.

Manchmal muss etwas auch einfach sein dürfen

Mein Anthony beißt bis heute immer mal wieder in den Strick und ich weiß inzwischen, dass er damit Stress ausdrückt, Angst zeigt oder Unsicherheit. Das sind Gefühle, die ich ihm, wie ich heute auch weiß, einfach nicht grundsätzlich nehmen kann. Indem ich das versucht habe, habe ich ihm letztlich damit immer die Botschaft gegeben, dass er anders sein sollte und damit, dass er also „nicht richtig“ ist, wie er ist. Das zu begreifen, war ein Schlüsselmoment für mich und von da an löste sich viel Spannung zwischen uns. Hier seht Ihr zur Illustration einen schnappenden Anthony auf einem Spaziergang – ich hatte schauen wollen, ob ich mich vielleicht für ein Stück auf seinen Rücken setzen kann, und er reagierte sehr prompt mit In-den-Zügel-beißen und Schnappen nach mir: 

Pferd beißt in den Strick

Früher hat mich so etwas geärgert und ich habe geschimpft. Heute nehme ich das einfach als „Nein, jetzt nicht“ und ich versuche nicht weiter, aufzusteigen. Irgendwann später klappt es vielleicht … oder eben auch nicht. Beides ist okay. Und das folgende Foto zeigt, wie Anthony auf einem Spaziergang die Holzkugel meiner Gerte ins Maul genommen hatte. Ich hatte sie ihm angeboten, als er wieder einmal nach dem Strick zu schnappen begann, weil er unsicher wurde:

Pferd beißt in den Strick

Während er auf dieser Kugel herumlutschte und nuckelte, wie ein Fohlen, berührte mich das sehr. Es wurde mir klar, dass es eben nicht Aggressionen oder Frechheiten sind, die ihn nach dem Strick angeln lassen, sondern die Ursache ist Stress. Er will mich nicht ärgern, nicht provozieren und nicht angreifen, sondern es ist seine Art, mit Stress umzugehen. 

Immer der wichtigste Punkt: Das Pferd verstehen!

Hier sind wir wieder einmal am entscheidenden Punkt für einen pferdefreundlichen Umgang, und zwar bei der Bereitschaft, unser Pferd zu erkennen und anzunehmen. Stress, Unsicherheit und auch die Schwankungen von Gefühlen gehören zu meinem Anthony (wie es bei vielen Pferden der Fall ist), so wie eben auch das Beißen in den Strick. Seitdem ich dieses Verhalten einfach auch mal sein lassen kann, ist es kein „Problem“ mehr und er hört ganz von selbst wieder damit auf. Solange ich es aber gezielt „weg haben“ wollte, erhöhte ich den Stress und verstärkte damit das Problem. 

Meine Erfahrung ist, dass es sehr wichtig ist, Pferdeverhalten erst einmal innerlich anzunehmen, auch dann, wenn es uns nicht gefällt oder uns Angst macht. Wichtig: „Annehmen“ heißt nicht, dass wir es gut finden oder uns darüber freuen müssen, sondern mit „annehmen“ meine ich, dass wir es nicht sofort negativ bewerten und darauf reagieren, indem wir es ändern wollen. Es geht darum, es so gut wie möglich zu verstehen

Aber, was wenn … 

Nun höre ich im Geiste schon viele Abers, denn natürlich gibt es noch andere Gründe, wie zum Beispiel Provokation oder Aggression. Aber auch (oder gerade) dann ist es meiner Erfahrung nach wichtig, nicht emotional aus dem Ärger oder Genervtsein darüber heraus zu reagieren, sondern gut hinzuspüren,

  • ob dem Pferd vielleicht gerade langweilig ist,
  • ob es überfordert ist,
  • ob das vielleicht einfach nicht der richtige Moment für das ist, was ich vorhabe,
  • ob ich in der letzten Zeit nicht genug darauf geachtet habe, dass die Höflichkeitsregeln eingehalten werden,
  • ob ich vielleicht selbst respektlos war,
  • ob es vielleicht Hunger hat oder Zahn- oder Magenprobleme, 
  • welche schlechten Erfahrungen es zuvor gemacht hat und so weiter und so fort … 

Ich bleib dabei:

Für jedes Verhalten gibt es einen Grund
und ich kann nur dann pferdefreundliche Entscheidungen treffen,
wenn ich zumindest versuche,
die Seite meines Pferdes ein Stück weit zu verstehen,
anstatt einfach nur das Verhalten weghaben zu wollen

2. November 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 6 Kommentare »

Regendecken-Tipp

Wer ein Pferd hat, das eine Regendecke braucht, kennt meist auch das Problem, dass Regendecken nach einem rasanten Spiel mit den Kameraden Risse oder Löcher haben. Es gibt natürlich spezielle Deckenkleber und Reparatur-Sets, aber so etwas hat man meist nicht da und wirklich günstig sind die auch nicht gerade.

Einfacher und billiger geht es so: Alles, was Ihr braucht, ist Panzertape (dieses silberne Klebeband, was eh fast jeder im Stall hat) und eine Heißkleber-Pistole, wie man sie zum Basteln nutzt (ich habe einfach eine billige für den Stall gekauft, die vor Ort bleibt und immer greifbar ist): 

Regendecken reparieren

Ihr schneidet Euch von dem Panzertape passende Stücke zu, um die Risse oder Löcher zu bedecken, und klebt das einfach mit dem Heißkleber fest (Vorsicht, nicht am Kleber verbrennen!).

Die folgenden Bilder sind von einer Decke mit einem großen Riss innen und außen. So sieht die reparierte Stelle dann innen aus:

Regendecken reparieren

Und so außen: 

Hält super und ist zuverlässig wasserdicht.  

26. Oktober 2021 von Tania Konnerth • Tags: , , • Kategorie: Ausrüstung, Ideen 4 Kommentare »

Typische Probleme mit Pferden: „Mein Pferd steht beim Aufsteigen nicht still“

Beim Reiten gibt es ein Problem, das zwar viele haben, über das aber wenig geschrieben oder gesprochen wird: und zwar geht es um das ruhige Stehenbleiben an der Aufstieghilfe. In unserem Reitkurs „Mit dem Herzen voran“ gibt es zu diesem Thema ein ganzes Kapitel, denn für uns ist ein entspanntes und ruhiges Aufsteigen unerlässlich für das pferdefreundliche Reiten. Meist aber sieht man leider noch immer das:

  • Pferde, die an der Aufstieghilfe nicht stillstehen oder erst gar nicht hingehen wollen,
  • Reiter die ungehalten werden und schimpfen,
  • Leute, die das Pferd festhalten, damit überhaupt aufgestiegen werden kann.

Für viele ist es „normal“, dass der Anfang der Reitstunde so beginnt, aber genau so sollte und so muss es auch nicht sein.

Beim Aufsteigen hat das Pferd die Möglichkeit, uns sehr klar zu zeigen, ob es geritten werden möchte oder nicht und es ist an uns, das Signal unseres Pferdes wahr und ernst zu nehmen. Ein Pferd, das beim Aufsteigen nicht still steht, ist vor allem eines: eine Chance, wirklich pferdefreundlich zu handeln. Aus meiner Sicht ist es falsch und unfair, das Pferd dafür zu bestrafen oder zu versuchen, trotzdem irgendwie in den Sattel zu kommen, „weil man dem Pferd das nicht durchgehen lassen darf“. Pferde können nicht mit Worten reden, aber sie sprechen durch ihr Verhalten mit uns und zeigen uns oft sehr klar, wenn etwas nicht stimmt. Da für ein gutes und pferdefreundliches Reiten Kooperation unerlässlich ist, müssen wir uns hier konstruktiv mit der Aussage des Pferdes auseinandersetzen. Wenn wir sie hingegen ignorieren oder übergehen, handeln wir nicht pferdegerecht. 

Mögliche Ursachen erkennen

Ein Pferd, das nicht an eine Aufstieghilfe treten will oder dort unruhig und zappelig wird, macht deutlich, dass ihm das Aufsteigen Stress bereitet. Das kann ganz unterschiedliche Gründe haben, wie zum Beispiel diese: 

  • Das Pferd hat nie auf eine positive Weise gelernt, ruhig und entspannt an der Aufstieghilfe zu stehen.
  • Das Aufsteigen selbst ist unangenehm für das Pferd, zum Beispiel wenn ohne Aufstieghilfe aufgestiegen wird, wenn die Zügel zu fest aufgenommen werden, wenn der Mensch das Pferd unachtsam mit den Füßen bufft oder sich zu hart und schwer in den Sattel plumpsen lässt. 
  • Das Pferd nimmt ein unter Umständen unbewusstes Gefühl wie Unsicherheit oder Angst beim Menschen wahr oder spürt Wut oder Aggression und reagiert darauf.
  • Das Pferd verbindet Ungutes mit einem Menschen auf seinem Rücken, wie zum Beispiel ein zu grobes Reiten oder ein zu hartes Training, zu viel Gewicht, einen unpassenden Sattel oder Ähnliches.
  • Das Pferd ist abgelenkt oder wegen irgendetwas besorgt, es ist hungrig oder vielleicht nicht auf dem rechten Posten oder es will an diesem Tag einfach lieber nicht geritten werden.

Je nach Ursache gilt es dann gegebenenfalls, zunächst auf das Reiten zu verzichten und gemeinsam an dem Problem zu arbeiten.

Das Aufsteigen als Lektion

Wenn ich ein Pferd reiten möchte, dann soll es damit einverstanden sein. Ich möchte mich eingeladen fühlen, auf seinen Rücken zu steigen und es nicht erzwingen. Deshalb steige ich nicht auf ein Pferd, dass mich nicht ruhig und entspannt aufsteigen lässt.

Ich sehe das Aufsteigen bereits als eine „Lektion“, die ich mir gemeinsam mit dem Pferd erarbeite. Ich übe das zunächst frei, denn damit stelle ich sicher, dass ich das Pferd nicht unbewusst dazu bringe, stehen zu bleiben, obwohl es eigentlich gar nicht will. Viele Pferde, die gerne zeigen würden, dass sie nicht möchten, dass der Reiter aufsteigt, trauen sich genau das gar nicht mehr, da sie grob dazu gebracht wurden, still zu stehen. 

Hier seht Ihr eine kleine Sequenz mit meinem Anthony, wie ich das freie Aufsteigen angehe und auch immer wieder übe, oft  auch ohne dann tatsächlich zu reiten: 

Freies Aufsteigen

Zunächst geht es dabei nur um ein ruhiges Stehen an der Aufstieghilfe. Erst wenn das der Fall ist, probiere ich, ob ich auch aufsteigen darf. Anthony  kann mir jederzeit zeigen, ob er einverstanden ist, dass ich mich auf seinen Rücken setze oder nicht. Manchmal tut er das schon, wenn ich nur an der Aufstieghilfe stehe, während er an anderen Tagen vollkommen selbstverständlich stehen bleibt und deutlich einverstanden ist. Da es auch Tage gibt, an denen er sich die Sache erst überlegen muss, frage ich immer ein paar Mal freundlich nach, wenn er nicht stehen bleibt und zum Beispiel rückwärts geht oder seitwärts tritt. 

Auch wenn ich ein anderes Pferd reite, steige ich nur auf, wenn es damit einverstanden ist. Hier seht Ihr Skjöran, der meiner Stallbesitzerin gehört und den ich für unseren Reitkurs reiten durfte: 

Aufsteigen

Wie Ihr sehen könnt, nehme ich die Zügel zum Aufsteigen nicht auf, sondern lasse sie locker auf dem Hals liegen. Ich möchte ehrlich wissen, ob das Pferd ruhig stehen bleibt oder eben nicht. Mir dieses Ja zu Beginn einer Reiteinheit abzuholen, gehört für mich so selbstverständlich dazu, wie man beim Tanzen einen Partner fragt und nicht einfach auf die Tanzfläche zerrt. Äußert mein Pferd Bedenken oder Abwehr, dann schaue ich, was nötig ist, damit mich mein Pferd gerne auf seinen Rücken lässt.

Fazit

Für mich gilt: Wir sollten immer eine klare Einwilligung von unserem Pferd zum Aufsteigen bekommen und es nicht erzwingen wollen. Für mich gilt:

Wenn ein Pferd nicht möchte,
dass ich aufsteige, dann lasse ich es und
frage mich stattdessen, warum es das wohl nicht will.

(Und nein, ich habe nicht ein einziges Mal die Erfahrung gemacht, dass Pferde so etwas „ausnutzen“, ganz im Gegenteil: Pferde, die die Erfahrung machen, dass man auf sie und ihre Bedürfnisse eingeht, sind viel motivierter und freudvoller dabei, etwas für uns zu tun.)

19. Oktober 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Aus dem Reitunterricht und Coaching, Reiten 4 Kommentare »

Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 34: Nur ein Verband

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Es ist immer wieder spannend, wie sehr man sich doch in seinem eigenen Pferd täuschen kann, spannend und manchmal erschreckend. Ich hätte schwören können, dass mein höflicher, gut erzogener und alles in allem ziemlich cooler Monty beim Tierarzt keine Probleme machen würde.

Weit gefehlt.

Sehr weit gefehlt.

So weit gefehlt, dass ich jetzt darauf warten darf, dass die Narkose nachlässt, denn Monty musste sediert werden. Wofür? Für eine Kolik-Operation? Für eine Zahnbehandlung? Nein, nur für einen dämlichen Verband am Huf. Ich kann es immer noch nicht fassen.

„Was ist nur in dich gefahren?“, frage ich mein schlafendes Pferd. „Nie hätte ich für möglich gehalten, dass du dich so aufführen kannst.“

Als Antwort schnarcht er leise.

Ich könnte heulen. Heute hat sich mehr als deutlich gezeigt, dass Monty mir nicht vertraut. Es geht um viel mehr als um das doofe „Sie“ oder um Freundschaft, es geht darum, dass ich meinem Pferd genug Sicherheit geben möchte, damit er mir glaubt, wenn ich ihm versichere, dass nichts Schlimmes passieren wird. Und das kann ich nicht. 

Ich hatte ihm doch genau erklärt, warum ich den Tierarzt rufen musste und was der machen würde, aber es hatte nichts genützt. Von dem Moment an, als der Tierarzt auftauchte, war es, als würde mein Pferd kein einziges Wort mehr verstehen, mehr noch, als wäre ich überhaupt nicht sein Mensch. Dass ich dabei war, half ihm gar nicht, letztlich war ich genauso Feind wie der Tierarzt. Und das tut richtig weh.

Ja, zugegeben, ich steigere mich da gerade ein bisschen hinein. Aber wenn man sein sonst so braves Pferd erlebt, wie es nach dem Tierarzt schlägt und das Halfter sprengt, weil es sich losreißen will, dann darf man schon schockiert sein. Aber es hatte doch sein müssen! Der Ballentritt war wirklich tief gewesen und die Wunde hatte sich tatsächlich schon leicht entzündet.

Warum konnte ich Monty so gar nicht mehr erreichen? Und warum, verdammt noch mal, nutzt es einem oft gar nichts, dass man mit seinem Pferd sprechen kann?

„Wollen wir es mit einer Nasenbremse probieren oder gleich sedieren?“, fragte mich der Arzt. 

„Sedieren.“, seufzte ich. Wenigstens die Nasenbremsenfolter wollte ich ihm ersparen.

Allein die Spritze zu setzen war dann schon Herausforderung genug. Da ich Monty noch nicht so lange habe, musste ich ihn bisher auch noch nicht impfen lassen, wusste also nicht, wie er überhaupt beim Tierarzt ist. Ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm werden würde. Mit Leckerlis ließ er sich keinen Moment lang ablenken. Ich dachte schon, er beißt mir in die Hand. Wir hielten ihn dann zu dritt fest und ich redete mit Engelszungen auf ihn ein, sodass es dem Tierarzt gelang, die Spritze zu geben.

Dann ging alles ganz schnell. Montys Hals sank tiefer, die Augenlider wurden schwer und die Gegenwehr ließ nach. Er stand nur noch leicht schwankend da. Der Tierarzt konnte die Wunde in Ruhe säubern, entfernte gleich noch etwas loses Fleisch und legte einen Hufverband an. Ich ließ ihn bei der Gelegenheit noch ins Maul schauen und er fand einen Haken hinten rechts, denn er abschliff. Wenigstens dafür war die Sedierung gut, so muss ich über den Zahnarzt erstmal nicht nachdenken. Aber trotzdem, ich fühle mich mies. Saumäßig mies. Mein Pferd vertraut mir nicht.

„Wie kann ich nur dein Vertrauen gewinnen?“, frage ich mein schlafendes Pferd und erhalte natürlich keine Antwort.

Als er eine Stunde später wieder halbwegs wach ist, schaut er sich seinen Huf mit dem Verband an. Vorsichtig testet er, ob er damit laufen kann, und sieht dabei aus wie ein Storch im Salat. Unwillkürlich muss ich grinsen.

„Na, wird’s denn gehen, Monty?“

„Muss ja.“, sagt er.

„Du hast ja eine ganz schöne Show gemacht, vorhin.“ Ich kann mir einen Kommentar nicht verkneifen.

„Ich weiß gar nicht, was Sie meinen.“, erwidert er und betrachtet weiter seinen eingepackten Huf.

„Schon klar, Monty. Aber du weißt, dass wir das jetzt üben werden, das mit den Verbänden und den Spritzen und dem Tierarzt und so?“

Monty zieht es vor, einige Schritte von mir wegzugehen und in den Sand zu pinkeln.

„Ich weiß, dass du gehört hast, was ich gesagt habe, und glaub mir, ich meine das ernst.“

Mein Pferd gibt mal wieder eines seiner verächtlichen „Pfffts“ von sich, aber das wird ihm nicht helfen.

„Na komm, ich bring dich zurück, für heute war das mehr als genug.“ Und wir gehen schweigend zusammen zur Weide.

 

–> Fortsetzung Kapitel 35

 

Monty – Wege zum Pferd

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Bleckede. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de.

12. Oktober 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 34: Nur ein Verband

Sieh Dein Pferd im Ganzen! – Inspiration des Monats

Mit unserer  Rubrik Inspiration des Monats nehmen wir uns jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das wir Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Gerade bei Basis-Themen denken wir, ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen, um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. 

Unser Tipp: Zieht Euch jeweils unsere Inspiration des Monats auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße  für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können. 

Thema des Monats:
Sieh Dein Pferd im Ganzen!

Schon als Kinder haben die meisten von uns (hoffentlich!) gelernt, dass es nicht ausreicht, ein Pferd einfach nur „süß“ zu finden und seine Mähne zu striegeln, sondern dass viel mehr dazu gehört, wenn es ihm gut gehen und es gesund bleiben soll. Also lesen wir und lernen wir, besuchen Seminare und Vorträge und wollen alles möglichst gut und richtig machen. Wir entwickeln uns dann vielleicht zu einem Experten in Sachen Hufrehe, weil unser Pferd gefährdet ist, daran zu erkranken, oder wir verschlingen alles, was wir zum Thema Hufstellung finden können oder wir lernen alles über die Anatomie und Biomechanik des Pferdes oder kennen uns bestens in allen Varianten von Zäumungen aus.

Fundiertes Wissen ist eine tolle Sache, aber selbst dabei gibt es ein „Aber“… Je tiefer wir in ein Thema einsteigen, desto größer wird die Gefahr, dass wir etwas ganz Entscheidendes verlieren: nämlich einen ganzheitlichen Blick auf unser Pferd. Ein Pferd ist nie nur ein Rücken, der uns tragen soll, ist nicht nur ein Hals, der gut bemuskelt sein soll und ist nicht nur ein Set aus vier Beinen, die möglichst spektakulär tanzen sollen. Ein Pferd ist auch nicht nur ein Darm, der möglichst reibungslos arbeiten soll, oder eine Lunge, die gut atmen soll, oder ein Set aus vier Hufen, die möglichst korrekt stehen sollen. Und ein Pferd ist erst recht nicht nur dafür da, unsere Wünsche und Erwartungen brav zu erfüllen, was immer wir auch von ihm wollen…

Allem voran ist ein Pferd ein Lebewesen mit komplexen Grundbedürfnissen, die nicht immer ganz einfach zu erfüllen sind, und körperlichen Gegebenheiten, die unseren menschlichen Erwartungen durchaus auch entgegenstehen können. Ein Pferd ist ein Tier, das soziale Bedürfnisse hat, einmal in Bezug auf Artgenossen, aber auch uns gegenüber, mit denen es gesehen und verstanden werden möchte. Und jedes Pferd bringt eine eigene Persönlichkeit mit, die selten in allen Facetten unserer Traumvorstellung entspricht.

Die große Komplexität und Verantwortung, mit der wir es als Pferdebesitzer/innen zu tun haben, kann manchmal ganz schön überfordern. Ein typischer Weg damit umzugehen, ist der, sich ganz auf einige Details zu konzentrieren, die man als „besonders wichtig“ auswählt. Sie erscheinen uns dann so bedeutungsvoll, dass wir mehr und mehr unseren Fokus darauf legen und so immer mehr von den anderen Aspekten vernachlässigen. Dann haben wir zwar vielleicht ein super gut bemuskeltes Pferd, das aber nur Dienst nach Vorschrift macht, weil ihm die Freude am Training fehlt. Oder unser Pferd bekommt die bestmögliche Futterkombi, weiß aber nicht, wie es vernünftig auf einer Kreislinie laufen soll. Oder unser Pferd erhält die beste Hufbehandlung, leidet aber zunehmend an Übergewicht… 

Der entscheidende Punkt ist: Einseitigkeit ist nie gut, selbst wenn die Intention dahinter gut ist. Viel wichtiger als einzelne Details perfekt haben zu wollen, ist immer ein möglichst breiter und ganzheitlicher Blick auf Euren Liebling. 

5. Oktober 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Inspiration des Monats, Reiten, Umgang, Verhalten 0 Kommentare »

  • Über Tania Konnerth

    Ich bin Tania Konnerth und habe seit meinem zehnten Lebensjahr mit Pferden zu tun. Die meisten kennen mich zusammen mit meinen beiden Haflingern Aramis und Anthony. Aramis musste ich mit fast 25 Jahren gehen lassen, nun sind also Anthony und ich übrig.

    In diesem Blog berichte ich über das Lernen mit und von Pferden, über meine Erkenntnisse und Entwicklung.

    Ich bin Autorin und habe zusammen mit Babette verschiedene Selbstlernmedien erstellt.

    Was ich sonst noch mache, ist auf www.taniakonnerth.de und www.mein-achtsames-ich.de nachzulesen.

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