Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 40: Ich soll springen? 

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

 

„Hey, Monty, was hältst du eigentlich vom Freispringen?“

Mein Pferd schaut mich an und sagt nichts, was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass er meinen Vorschlag doof findet.

„Hast du das schon mal gemacht?“, frage ich ihn.

„Ich bin mir nicht sicher.“, sagt er in seinem Ich-sage-nichts-ohne-meinen-Anwalt-Ton, den ich inzwischen gut kenne. „Frei klingt ganz gut, aber das mit dem Springen …“

„Du ewiger Skeptiker.“, lache ich. „Pass auf, wir schauen uns das mal in der Halle an, ja? Da haben nämlich gestern welche ein paar Sprünge aufgebaut und für uns andere stehen lassen. Ist ja immer recht aufwändig, so ein Parcours, deshalb macht man das eben auch nicht so oft.“

„Sprünge. Aufwändig. Parcours.“ So, wie mein Pferd das gerade sagt, klingen diese Wörter wie etwas Ekliges, das er im Maul hat.

„Ach, jetzt sei nicht wieder so. Lass dich doch einfach mal darauf ein und schau, ob es dir gefällt. Wenn nicht, sagst du es und wir lassen es.“

„Eigentlich bin ich mir sehr sicher, dass ich das schon jetzt weiß.“

„Boah, du kannst einem manchmal aber auch die Laune verderben, Monty. Ich möchte es gerne mal probieren und deshalb kommst du jetzt mit und versuchst es wenigstens mal.“

„So viel zum Thema ‚Du musst es nur sagen, Monty‘.“, meckert mein Pferd.

Ich ignoriere diese Bemerkung und zwinge mich zu einem aufmunternden Lächeln, aber meine eigene Lust ist jetzt auch schon geringer geworden. Das ist so typisch Monty: bloß nie was Neues versuchen.

Wir kommen in die Halle und Monty bleibt stocksteif in der Tür stehen.

„Hey, Monty, mach dir keine Sorgen. Ich hab doch gesagt, dass hier ein bisschen was aufgebaut ist.“

„Ich möchte da lieber nicht rein.“

„Komm schon, schau es dir in Ruhe an. Das sind nur ein paar kleine Sprünge.“

„Es sieht furchtbar aus!“

„Das ist nur das Flatterband, schau, das ist eine Gasse, damit du den Weg leichter findest.“

„Damit ich den Weg leichter finde?“ Mein Pferd klingt fassungslos.

„Ja, weil du doch frei bist. So weißt du dann, wo du lang laufen musst, um über die Hindernisse zu springen.“

„Frei sein heißt, soweit ich weiß, freie Entscheidungen treffen zu können.“

„Na ja, ich führ dich da halt nicht rüber, sondern du kannst frei hier in der Halle herumtoben, fädelst dich dann in der Gasse ein und hüpfst über die Sprünge. Komm, schau es dir doch wenigstens mal an.“

„Sie haben sehr seltsame Vorstellungen von Freiheit… Moment mal, da sind mehrere Sprünge?“

„Wir können erst nur einen nehmen, bei den anderen lege ich die Stangen einfach auf den Boden.“

„Da liegen die dann aber im Weg.“, bemerkt Monty.

„Na, du musst dann halt hinschauen und darüber traben. Darum geht es doch.“

„Darum, dass Sie mir Stangen in den Weg legen?“

„Nein, Monty, darum, dass du lernst, ein bisschen mehr auf deine Füße zu achten.“ 

„Pffft.“, macht mein Pferd und folgt mir skeptisch. Er wirkt ganz schön angespannt. Ich hätte nicht gedacht, dass ihm der Aufbau so zu schaffen macht. Irgendwie ist Monty doch oft nicht so cool, wie ich immer denke.

„Na, was sagst du?“

„Ich weiß nicht.“

„Einfach mal probieren?“

„Ich bin kein Springpferd.“

„Musst du auch gar nicht sein. Gestern haben die das mit den Shettys gemacht und die hatten richtig viel Spaß daran.“

„Dann holen Sie doch einfach die Shettys und lassen mich zurück auf den Auslauf.“

„Boah, du Spaßbremse. Ich will das nicht mit den Ponys machen, sondern mit dir. Du bist doch mein Pferd!“

„Sie verlangen manchmal ganz schön viel, wissen Sie.“

Das trifft mich. Ist das so? Ist es wirklich zu viel verlangt, Monty zu bitten, locker über ein paar kleine Sprünge zu gehen? Eigentlich glaube ich das nicht, er muss ja nicht mal mich dabei tragen. Ich hatte sogar gedacht, dass ihm so etwas Spaß machen könnte, und jetzt wirft er mir praktisch Schikane vor. Manchmal, denke ich mal wieder, wäre es wirklich einfacher, wenn er nicht reden würde.

 

–> Weiter mit Kapitel 41

 

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Bleckede. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de.

26. April 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 40: Ich soll springen? 

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