Mund aufmachen!
Nach unseren grundsätzlichen Überlegungen, was man gegen die Ohnmacht machen kann, die einen oft überkommt, wenn man mit Missständen in der Haltung von und im Umgang mit Pferden konfrontiert wird, sind wir dabei, nach und nach auch praktische Anregungen gegen genau diese Ohnmacht zu bieten. Dazu haben wir uns schon dem Thema Unwissenheit gewidmet und in diesem Beitrag möchten wir dazu ermutigen, uns öfter mal zu Wort zu melden.
Hier einige Beispiele (und die Liste ließe sich noch deutlich verlängern):
- Melden Sie bei einem Turnier, wenn Sie sehen, dass Pferde gerollkurt oder mit Gerte und Sporen malträtiert werden.
- Informieren Sie den Stallbesitzer, wenn Pferde geschlagen oder misshandelt werden.
- Sprechen Sie Leute darauf an, dass ihre Pferde zu dick (oder ggf. auch zu dünn sind).
- Machen Sie auf Lahmheiten oder andere Schmerzäußerungen aufmerksam, die offenbar ignoriert werden.
- Informieren Sie Stallbesitzer oder Reitschulleiter, wenn Pferde dort von unbeaufsichtigten Schüler/innen schlecht oder falsch behandelt werden.
- Sprechen Sie Trainer darauf an, wenn Sie Strafmaßnahmen für falsch und / oder zu hart halten.
- Stellen Sie in Workshops und Seminaren und bei Messen oder Vorträgen kritische Fragen.
- Sprechen Sie Eltern an, deren Kinder Pferde misshandeln.
- Sprechen Sie Miteinsteller darauf an, wenn scharfe Gebisse, spitze Sporen oder Hilfszügel mit Flaschenzug-Wirkung verwendet werden und machen Sie darauf aufmerksam, dass einem Pferd damit Schmerzen zugefügt werden.
- Suchen Sie das Gespräch zu Pferdebesitzern/innen die zulassen, dass ihre Pferde z.B. beim Schmiedtermin oder im Beritt geschlagen werden.
- Schreiben Sie an die Redaktionen von Pferdezeitschriften, wenn Ihnen Fotos oder Berichte sauer aufstoßen.
- Melden Sie tierquälerische Filme bei Youtube & Co.
- usw.
Wer will schon gerne petzen oder streiten…
Schon beim Aufführen all der genannten Punkte muss ich zugeben, habe ich die Lähmung gespürt, die einen oft überkommt, wenn man weiß, dass man was sagen müsste, aber das Gefühl hat, es bringe alles doch eh nichts und auch die Angst vor den Konsequenzen spürt, die man dann vielleicht ausbaden muss. Aber genau WEIL es fast jedem schwerfällt, andere auf Unrecht anzusprechen, ist es so wichtig, darüber zu schreiben, denke ich!
Keine Frage, es kann schon auch unangenehm sein, den Mund aufzumachen, schließlich ist keiner gerne eine Petze. Schnell gerät man dadurch auch in einen Konflikt mit anderen und wird manchmal selbst massiv angegriffen. Aber vieles, was mit Pferden getan wird, wird deshalb getan, weil keiner etwas sagt. Weil keiner etwas meldet. Weil die meisten lieber wegschauen, als sich in die Nesseln zu setzen.
Und auf diese Weise bleibt alles beim Alten oder wird sogar noch schlimmer.
… aber Pferde brauchen eine Stimme
Pferde können selbst nicht zu Richtern gehen und sagen, dass man ihnen wehtut. Sie können keine Anzeige erstatten, wenn man sie quält. Sie können nicht erklären, wie sie behandelt werden möchten. Pferde leiden meist still. Sie haben keinen Schmerzlaut und sie ertragen viel, bis sie sich wirklich wehren. Wenn sie es tun, werden sie schnell als gefährlich bezeichnet, als ungezogen oder widersetzlich. Dann ist natürlich das Pferd Schuld, nicht etwa der Mensch.
Und deshalb brauchen Pferde Menschen, die bereit sind, etwas zu sagen.
Üben Sie sich darin, konstruktiv zu bleiben
Das Problem, das die meisten (auch ich!) haben, wenn es darum geht, etwas gegen eine schlechte Behandlung von Pferden zu sagen ist, dass wir dabei zu emotional werden. Wir motzen oft einfach los, pöbeln, sind unsachlich oder werden auch verletzend und beleidigend. So verständlich das angesichts der teilweise wirklich traurigen Vorkommnisse ist, damit tun wir meist nichts Gutes. Wir sollten uns deshalb darin üben, so konstruktiv wie möglich zu sein:
- sachlich beschreiben, was falsch läuft,
- so wenig persönlich wie möglich werden,
- sich nicht durch Gegenangriffe provozieren lassen,
- Argumente vorbringen, warum das, was geschieht, schlecht ist
- und wenn möglich Lösungsvorschläge, Alternativen oder auch Hilfeangebote anfügen.
Konstruktiv zu bleiben ist bei dem, was Pferden im ganz normalen Alltag angetan wird, nicht leicht, vor allem wenn die Motive für das Missverhalten wie so oft aus niederen Gründen erfolgt, also z.B. durch zu großen Ehrgeiz, Dummheit oder Achtlosigkeit. Aber wer respektiert werden will, muss im ersten Schritt selbst respektvoll sein. Damit öffnet man Türen eher, als man sie schließt, und das ist in dem Anliegen, andere zum Nachdenken zu bringen, entscheidend.
Ein guter Weg: Fragen zu stellen
Ich habe festgestellt, dass freundlich Fragen zu stellen, oft ein guter Weg sein kann, auf Missstände aufmerksam zu machen, ohne andere anzugreifen. Ich stelle mich manchmal gerne dumm und frage z.B. wie ein Hilfszügel oder ein Gebiss wirkt oder wofür ein Pferd gerade bestraft wird oder ob das Pferd schon länger so verspannt läuft. Nicht jeder geht darauf ein, aber ich habe es immer wieder erlebt, dass relativ schnell zur Sprache kommt, dass Leute etwas machen, was ihnen geraten wurde und eigentlich selbst unsicher sind. Das ist dann oft eine Gelegenheit, andere Anregungen zu geben.
Auch ermöglichen mir meine eigenen Fehler einen ganz guten Zugang zu manch einen, der genau das tut, was ich heute für falsch halte. Denn ich stelle mich dann nicht hin und verurteile, sondern ich erzähle, dass ich das früher auch so gemacht habe, heute aber einen anderen Weg gehe. So entsteht manch ein öffnendes Gespräch.
Veränderungen anstoßen
Tatsache ist, dass man nicht jeden erreichen und nicht von heute auf morgen alles ändern kann. Aber Tatsache ist auch, dass wenn wir alle den Mund halten, Pferde weiterhin die Leidtragenden sein werden. Damit sich Unrecht ändert, braucht es ein Unrechtsverständnis und meiner Ansicht nach haben wir da alle ein Stück weit die Aufgabe uns gegenseitig zumindest aufmerksam und vielleicht auch nachdenklich zu machen. Leider wird oft auch schon den Kleinsten vieles vermittelt, was im Umgang mit Pferden zu Ungerechtigkeiten und Gewalt führt. Deshalb ist es wichtig, dass auch andere Ansichten geäußert werden. Nur so können gerade Kinder und Jugendliche beginnen, sich ein eigenes Urteil zu entwickeln und müssen nicht nur das nachahmen, was ihnen herkömmlicherweise vorgelebt wird.
Ich will mit diesem Artikel nicht dazu auffordern, zum penetranten Moralapostel zu werden und ab sofort aus jedem Fehler, den wir bei anderen wahrzunehmen glauben, eine große Sache zu machen. Das ist weder angemessen, noch nötig. Es reicht völlig aus, wenn sich jeder von uns hin und wieder den Ruck gibt, bei Unrecht gegen Pferden nicht einfach zu schlucken, sondern etwas zu sagen. Freundlich, aber klar. Damit ließe sich wahrscheinlich schon einiges an Veränderung anstoßen, zumindest möchte ich daran glauben. Denn eigentlich verbindet uns doch alle eines: die Liebe zum Pferd.
17. Juni 2014 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz • 24 Kommentare »




















