Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 38: Das große Thema „Vertrauen“

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

 

Als ich im Auto sitze, denke ich über das Thema „Vertrauen“ nach. Montys Verhalten hat mich irgendwie getroffen.

Wünschen wir uns nicht alle das Vertrauen unseres Pferdes? Es gibt „Vertrauensübungen“ und „Vertrauenstrainings“, mit denen wir am Vertrauen unserer Pferde arbeiten, ja es gibt sogar „Vertrauensprüfungen“, in denen man dann zeigen kann, wie gut ein Pferd einem in verschiedenen Situationen vertraut. Klingt doch alles gut, oder?

So manches Mal habe ich aber auch schon den Eindruck gehabt, dass Pferde aus Angst vor Strafen vieles mit sich machen lassen oder dass sie von ihren Menschen so lange mit einem beängstigenden Gegenstand konfrontiert und berührt werden, bis sie regelrecht aufgeben und es dann über sich ergehen lassen. „Aussacken“ nennt man das wohl. Mir erscheint es grausam und hat für mich mit Vertrauen nichts zu tun.

Aber, wie halte ich das denn selbst? Wenn Monty zum Beispiel nicht durch eine Pfütze will, dann treibe ich ihn durch. Ich möchte ihm damit zeigen, dass nichts Schlimmes passiert, in der Hoffnung, dass es das nächste Mal kein Problem mehr ist. Tatsächlich aber geht das Spiel bei jeder Pfütze wieder los, von Vertrauen kann man da dann ja auch nicht reden. Mein Pferd ist höflich genug, bereits bei etwas mehr Druck durch die Pfütze zu gehen, aber viele nutzen dann ja auch Sporen oder eine Gerte – bin ich deshalb besser? Würde ich nicht auch grober werden, wenn er sich komplett weigert? Aber Vertrauen ist doch nichts, was man erzwingen kann. Man muss es sich verdienen.

Wieder einmal schäme ich mich, weil mir einige Situationen einfallen, in denen ich ungehalten war, weil mein Pferd herumtänzelte oder sich weigerte, an etwas heranzutreten, anstatt ich geduldig und einfühlsam war. Es wäre viel netter und sicher auch vertrauensfördernder gewesen, Verständnis zu zeigen und zum Beispiel einfach selbst durch die Pfützen zu gehen, um Monty zu zeigen, dass sie ungefährlich sind, als ihn da durchzutreiben. Na, wenigstens habe ich das ja heute schon mal etwas besser gemacht: Ich bin nicht grob geworden, sondern habe Monty zurück zu seinen Kumpels gebracht. Das ist schon mal gut gewesen. Aber mir ist klar, dass für echtes Vertrauen mehr nötig ist. 

Am nächsten Tag beschließe ich, mit meinem Pferd über das Thema zu sprechen. Mal sehen, was er dazu sagt. 

„Sag mal, Monty, vertraust du mir eigentlich?“, frage ich ihn, als wir am nächsten Tag auf dem Putzplatz stehen.

Er gibt vor, mich nicht gehört zu haben.

„Monty?“

„Was denn?“

„Ich möchte gerne wissen, ob du mir vertraust.“, wiederhole ich mich.

„Ich verstehe die Frage nicht.“

„Na, ich möchte wissen, ob du das Gefühl hast, bei mir sicher zu sein.“

„Ja, hab ich.“

„Oh. Schön!“, sage ich verdattert. Ich bin, ehrlich gesagt, etwas erstaunt über die Antwort. Das ist natürlich das, was ich gerne hören will, aber ich habe meine Zweifel. Deshalb hake ich nach: „Immer?“

„Was meinen Sie mit immer?“

„Monty, jetzt lass doch mal die Spitzfindigkeiten, du weißt genau, was ich meine.“ 

„Jetzt fühle ich mich sicher.“, sagt er diplomatisch.

„Sonst nicht?“

„Wollen wir nicht ein bisschen trainieren?“, fragt er.

„Du lenkst ab.“

„Also gut, Sie wollen es nicht anders: Nein, nicht immer.“, seufzt er.

Jetzt nur nicht anmerken lassen, dass das sticht. Locker und unverfänglich bleiben. „Okay, magst du mir vielleicht eine Situation nennen, in der du mir nicht vertraust?“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich Ihnen nicht vertraue.“

Ich sage nichts, sondern schaue ihn weiter an. Damit lasse ich ihn nicht davonkommen.

„Ich traue nur nicht immer Ihrer Einschätzung. Sie sind halt ein Mensch.“, fügt er hinzu, als würde das alles erklären.

„Spannend, Monty. Darüber würde ich gerne mehr hören.“ Schön locker und unverbindlich bleiben.

„Ich würde lieber ein bisschen trainieren, wissen Sie?“ 

„Ich geb gleich Ruhe, ich möchte nur verstehen, was du damit meinst, dass ich ein Mensch bin.“

„Naja, Ihre Sinne sind halt recht begrenzt.“, sagt er und es klingt fast ein bisschen mitleidig.

Und damit habe ich erst einmal wieder gut was zu verdauen. Wir gehen auf den Reitplatz. Mit dem Thema „Vertrauen“ sind wir aber lange noch nicht durch, so viel ist klar.

–> Weiter mit Kapitel 39

 

Monty Wege zum Pferd

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Bleckede. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de.

15. Februar 2022 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 38: Das große Thema „Vertrauen“

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