Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 25: Der böse Stein

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Wir haben hier am Stall ein wirklich schönes Ausreitgelände: Es gibt eine kleine Runde, von welcher man auf einige längere Strecken kommt, und eine mittellange in die andere Richtung, von der aus auch wieder weitere Runden möglich sind. Am liebsten mag ich die mittellange Runde, … wenn es da nicht ein Problem gäbe: Dort liegt nämlich der böse Stein.

Der böse Stein ist ein großer Findling, der an einer Wegkreuzung am Rand liegt und Monty findet ihn einfach nur gruselig. Jedes Mal, wenn wir daran vorbei müssen, beginnt er schon von Weitem zu glotzen, sein Hals wird immer steifer und der Kopf geht immer höher. Mindestens fünfmal stoppt Monty abrupt davor und es fühlt sich an, als würde er ernsthaft überlegen, umzudrehen. Wenn ich ihn dann zum Weitergehen auffordern möchte, muss ich das mit Nachdruck tun. Monty tänzelt dann in einen größtmöglichen Bogen um den Stein herum, so dass ich fast im Gebüsch hängenbleibe, und lässt ihn nicht aus den Augen. Sind wir auf Höhe des Findlings, macht er einen riesigen Satz nach vorne und trabt einige schnelle Schritte los. Dann fällt er wieder in den Schritt und tut als sei nichts gewesen.

Heute möchte ich mal wieder diese Runde machen, zum ersten Mal, seitdem Monty mit mir spricht. Ich bin guten Mutes, dass wir die Sache mit dem bösen Stein nun aufgelöst bekommen.  Jetzt kann ich ihm ja genau erklären, was es damit auf sich hat, und dass es wirklich keinerlei Grund gibt, davor solche Angst zu haben.

Theoretisch. Praktisch sieht die Sache nämlich ganz anders aus.

„Hallo Monty“, sage ich gut gelaunt zu meinem Pferd. „Heute machen wir mal wieder eine schöne Runde ins Gelände, ja?“

„Wie Sie wünschen.“

„Darfst dich ruhig ein bisschen freuen, ich sag’s auch keinem.“

„Wenn Sie darauf bestehen.“, sagt er und verzieht keine Miene.

Manchmal frage ich mich, ob Monty tatsächlich so humorlos ist, wie er oft wirkt oder, im Gegenteil, vielleicht viel mehr Humor hat, als ich erkenne … In solchen Momenten bin ich mir da nicht sicher.

Also ignoriere ich seine Bemerkung und hole den Sattel und das Zaumzeug. Wenig später sitze ich auf meinem Pferd und ab geht’s ins Gelände, Richtung mittellange Runde. Wir bummeln gemütlich am langen Zügel den Weg entlang. Ich schaue über die Felder, höre den Vögeln zu und bin rundum happy, bis zu dem Moment, in dem ich fast vom Pferd fliege, weil Monty abrupt stehenbleibt. Da hatte ich doch glatt den bösen Stein vergessen. Gut, nun nur nicht ungehalten reagieren, sondern die Sache ein für alle Mal klären, wir können doch jetzt vernünftig miteinander reden.

„Monty, das ist doch nur wieder der Stein. Erinnerst du dich? Wir sind hier schon viele Male lang gegangen und dieser Stein liegt da einfach nur herum. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben, wirklich nicht.“, sage ich so liebevoll, wie es mir möglich ist, während ich mich wieder im Sattel zurechtruckele.

„Da ist was.“, presst Monty mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Ja, ich weiß. Das ist der besagte Stein. Ein großer Findling, vollkommen harmlos. Lass uns doch einmal rangehen, dann wirst du das sehen.“

„Unmöglich, da ist was.“

„Monty, hör mir doch bitte einmal zu: Es ist ein Stein, nichts weiter als ein Stein. Der ist zwar groß, aber der tut nichts. Ganz, ganz sicher nicht, ich verspreche es dir.“

Mein Pferd steht wie eine Statue und starrt den Stein an.

„Monty, bitte, geh weiter. Vertrau mir.“

Ich treibe ihn etwas an. Keine Reaktion. Ich treibe etwas doller. Keine Reaktion.

„Das kann doch nicht wahr sein, Monty. Ich meine, jetzt, da wir reden können, muss es doch möglich sein, dass du mir zuhörst und vor allem, dass du mir glaubst, wenn ich sage, dass da keine Gefahr ist.“

„Da ist was.“, flüstert mein Pferd und geht tatsächlich rückwärts statt vorwärts.

Ich bin ehrlich entsetzt und erinnere mich nun wieder, warum ich hier bei den letzten Malen doch etwas unwirsch mit meinem Pferd wurde, so leid es mir auch hinterher tat. Aber gut, das löse ich jetzt anders.

„Pass auf, Monty, ich steige ab, und wir schauen uns das zusammen an. Dafür musst du aber bitte mal für einen Augenblick stillhalten.“, sage ich und springe bei der ersten Chance ab.

Monty hat sich wieder hoch aufgerichtet und wirkt so riesig neben mir, dass ich ins Grübeln komme, ob das mit dem Absteigen wirklich eine so gute Idee war.

„Monty, kannst du mir bitte einen Moment deine Aufmerksamkeit schenken? Haaallooo Monty!“ Ich muss tatsächlich lauter werden, damit er mich überhaupt wahrnimmt, und ich merke, dass sich in meine Stimme etwas Unsicherheit mischt.

„Was denn?“, fragt er kurz, ohne den Stein aus den Augen zu lassen.

„Hörst du mir jetzt bitte mal zu? Was dir da Angst macht, ist nichts weiter als ein Stein – kein Wolf, kein Monster, nur ein Stein. Du weißt doch, was ein Stein ist, oder? Ein Stein ist etwas Unbelebtes. Es gibt sie in klein und in groß. Steine liegen einfach nur herum und tun niemanden etwas, auch Pferden nicht. Jeder kann gefahrlos an ihnen vorbeigehen.“

„Natürlich weiß ich, was ein Stein ist.“, sagt Monty pikiert.

„Wunderbar, dann lass uns doch bitte diesen Stein da vorne anschauen, ja?“

„Wenn Sie darauf bestehen …“

Während wir uns gemeinsam dem Stein nähern, wird Monty noch nervöser. Er zögert und hadert und tänzelt und ich rede mit Engelszungen auf ihn ein. Dann kommen wir so nahe an den Stein, dass er ihn tatsächlich gut sehen kann, und plötzlich ist alles ganz einfach. Ich ermuntere ihn, noch näher heranzugehen und den Stein mit der Nase zu berühren, um sich davon zu überzeugen, dass da nichts weiter ist. Monty tut so, als wäre das nichts Besonderes. Dafür gebe ich ihm sogar ein Leckerli und lobe ihn für seinen großartigen Mut. Dann steige ich wieder auf und wir gehen weiter.

„Aber da war was.“, sagt Monty, während ich tief durchatme und mich mal wieder in buddhistischer Gelassenheit übe.

–> Fortsetzung: Kapitel 26

 

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

2. Februar 2021 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 25: Der böse Stein

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