Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 7: Wo ist das Problem?

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

In den nächsten zwei Wochen fuhr ich nur wenige Male zu Monty und war dann auch immer nur kurz da. Ich brachte ihm etwas zu fressen, wechselte einige Worte mit ihm, erzählte etwas von wegen „Zu viel zu tun … “ und „Richtig viel Stress auf der Arbeit … “ und war dann schnell wieder weg.

Doch natürlich kann ich meinem Pferd nicht ewig ausweichen. Es wird Zeit, dass ich mich auf das Neue einlasse. Heute bin ich mit der festen Absicht zum Stall gefahren, Monty zumindest von der Weide zu holen und irgendetwas mit ihm zu machen. Aber nun, wo ich mit dem Halfter in der Hand vor dem Stallgebäude stehe und hoch zur Weide laufen will, werde ich wieder immer unsicherer und unsicherer. Ich habe keine Idee, wie ich mich nun verhalten soll, denn die Tatsache, dass mein Pferd jetzt spricht, hat tatsächlich alles verändert.

Klingt dramatisch und ist es auch. Wie herrlich naiv war ich doch, bevor Monty zu reden begann, wie köstlich unwissend. Denn jetzt ist einfach nichts mehr wie zuvor: Kann ich jemanden, der sprechen kann, einfach beim Fressen stören, zur Halle führen, einen Sattel auflegen, mich drauf setzen und ihn für mich im Kreis rennen lassen? Kann ich mehr Tempo verlangen oder anzuhalten? Kann ich jemanden, der sprechen kann, einfach irgendwo wegziehen oder hindrücken? Kann ich ihn einfach so putzen oder den Schweif waschen? Ich stelle plötzlich alles in Frage.

Nun geht nichts mehr so, wie ich es gewohnt war, und die Erkenntnis, dass alles, was mir vorher vollkommen normal erschien, durch ein kleines Detail überhaupt nicht mehr selbstverständlich ist, macht mich sehr nachdenklich. Eins weiß ich jetzt schon: Wenn das eigene Pferd zu sprechen beginnt, überdenkt man alles neu, den Umgang mit dem Pferd, das eigene Verhalten gegenüber dem Pferd, die Ansprüche an das Pferd, ja sogar, was man ganz heimlich für sich denkt – also einfach alles. Und, Himmel, das macht die Sache wirklich anstrengend. Ganz ehrlich, im Moment denke ich, dass ein Fahrrad durchaus seine Vorteile hat …

Ich entscheide, am besten das zu tun, was sich geradezu anbietet, wenn das eigene Pferd sprechen kann: Ich werde mit ihm darüber reden.

Als ich zur Weide komme, steht Monty etwas abseits der anderen und döst.

„Hallo Monty“, begrüße ich ihn.

„Ah, da sind Sie ja mal wieder.“

„Ja …“, druckse ich herum.

Er schaut mich an und wartet.

„Also, Monty, … ich weiß nicht so recht, wo ich beginnen soll. Mit der Tatsache, dass du reden kannst, ist plötzlich alles anders.“

„Oh. Was genau meinen Sie mit ‚alles anders‘?“

„Na, einfach alles! Vielleicht kannst du dir das nicht vorstellen, aber ich bin schrecklich verwirrt und verunsichert. Ich weiß nicht mehr, was ich jetzt noch tun kann mit dir und was nicht, eigentlich weiß ich gar nichts mehr!“ Ich bin viel lauter geworden, als ich es vorhatte.

Mein Pferd lehnt sich etwas zurück, die Augen geweitet.

„Sorry, ich wollte nicht laut werden, ich bin nur echt verzweifelt. Früher bin ich einfach hergekommen und hab’ dich von der Weide geholt, hab’ dich geputzt und gesattelt, bin dich geritten und hab’ dich wieder zurückgebracht.“

„Und warum machen Sie genau das jetzt nicht auch?“

„Wie denn, Monty? Wie soll ich dir jetzt einfach das Halfter überstreifen und dich irgendwo hinführen?“

„Na, einfach so wie immer.“

„Nein, das geht doch nicht! Nicht mal das geht. Eigentlich geht gar nichts mehr, denn ich kann nichts mehr entscheiden oder tun, ohne dass ich das Gefühl habe, dich fragen zu müssen.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Na, … ich muss dich fragen, weil du jetzt sprichst, weil du antworten kannst.“

Er schaut mich an.

„Und damit ist alles anders.“, seufze ich und sacke in mich zusammen.

Er schaut mich weiter mit leerem Blick an.

„Es tut mir leid, aber ich verstehe wirklich nicht, worauf Sie hinauswollen. Ich bin nach wie vor ein Pferd und zwar Ihr Pferd. Damit stehe ich Ihnen zur Verfügung. Sie können alles genau so machen wie bisher. Ich wüsste nicht, warum wir irgendetwas ändern sollen.“

Ich atme schwer aus, lege den Kopf in den Nacken und starre in den Himmel. Wie kann ich mich nur verständlich machen? Wie kann ich den Zwiespalt beschreiben, in dem ich mich befinde? Von der Grundsache her finde ich es eben nicht richtig, ein anderes Wesen zu benutzen, aber genau das habe ich natürlich immer gemacht, weil, wenn es nicht spricht, es einfacher ist, weil man das als Mensch ignorieren kann, was natürlich irgendwie auch verlogen ist. Aber nur so funktioniert es doch, oder? Und ich habe immer versucht, im Sinne meines Pferdes zu handeln, wirklich! Aber ich habe mich auch mal durchgesetzt und bin sicher oft über seine Bedürfnisse hinweggegangen, wie wahrscheinlich doch jeder, oder? Aber jetzt weiß ich nicht, wie ich weitermachen soll.

Und wie kann ich ihm nun mein Problem erklären, wo er offenbar keines sieht?

„Entschuldigen Sie, hätten Sie vielleicht einen dieser leckeren Kekse für mich?“, fragt Monty.

Da muss ich lachen. Ich hole ein Leckerli aus der Tasche und gebe es ihm.

Tja, denke ich, vielleicht bin tatsächlich nur ich das Problem. Vielleicht sollte ich, so wie er es sagt, wirklich einfach das machen, was ich immer gemacht habe. Ob das geht?

Fortsetzung: Kapitel 8

 

Monty Wege zum Pferd

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

25. Februar 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 7: Wo ist das Problem?

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