Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 4: Eine erste Unterhaltung mit meinem Pferd

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Da standen wir, mein Pferd und ich, in der Mitte der Reithalle und ich versuchte zu begreifen, was gerade geschah. Ich war natürlich noch nie zuvor in der Situation gewesen, dass ein Pferd mit mir gesprochen hatte, nicht meines oder irgendein anderes, und hatte deshalb keine Ahnung, was man in diesem Fall tut. Also fragte ich: „Und jetzt?“

„Ach, wenn es Ihnen nichts ausmacht, wäre es schön, wenn Sie bitte erst einmal das Mundstück entfernen könnten.“, sagte Monty und öffnete sein Maul, streckte seine Zunge heraus und schob das doppelt gebrochene Gebiss hin und her, wie um mir zu zeigen, was er meinte.

„Klar, natürlich, tut mir leid.“, sagte ich und öffnete hastig den Kehlriemen des Zaums, fasste ihn am Genickstück und striff ihn zusammen mit den Zügeln über Montys Ohren. Er gähnte herzhaft und sagte dann er mit einer deutlich klareren Stimme: „Danke, das ist besser, es spricht sich doch etwas leichter, ohne ein Metallstück auf der Zunge zu haben.“

Ich schaute ziemlich verlegen auf den Zaum in meiner Hand und wusste nichts zu sagen.

„Na, machen Sie sich mal keine Sorgen, es ist schon ok mit dem Gebiss. Ich meine, Sie ziehen ja nicht doll daran. Nur für ein Gespräch ist es einfach netter ohne, was Sie sicher nachvollziehen können.“

„Ja, natürlich.“, sagte ich.

Und dann standen wir wieder so da, ohne dass ich einen Plan hatte, wie es nun weitergehen sollte.

„Vielleicht … sollte ich auch den Sattel? Ich meine, … es ist vielleicht auch angenehmer, sich ohne Sattel zu unterhalten?“

„Ach ja, wenn Sie vielleicht so freundlich wären, gerne.“

Ich öffnete den Sattelgurt, ging um Monty herum, legte den Gurt auf der anderen Seite auf die Sitzfläche des Sattels und hob den Sattel von seinem Rücken. Monty streckte den Kopf nach vorne und schüttelte sich, während ich mit dem Sattel im Arm unschlüssig herumstand.

„Ähm, … macht es Ihnen etwas aus, wenn ich vielleicht kurz …, Sie wissen schon, es juckt immer so, da ist es schön, sich ein bisschen in den Sand zu legen.“

„Klar, kein Problem, mach nur, Monty.“, sagte ich zu meinem Pferd, der bereits nach der bestmöglichen Wälzstelle zu suchen begonnen hatte.

„Ich häng den Sattel dann einfach mal auf die Bande.“, sagte ich mehr zu mir als zu ihm. Ich hatte das dringende Bedürfnis, meine Stimme zu hören, wie, um zu überprüfen, dass ich wach war und dass das alles hier gerade wirklich passierte.

Wie immer brauchte Monty sehr lange, um sich zu entscheiden, wohin er sich legen wollte. Ich hörte, wie er vor sich hin murmelte: „Hier sieht es gut aus, … nein, Moment, nein, doch nicht …, aber hier, ja, hier …, ach nein, halt, dort drüben, ja, das sieht besser aus, aber diese Stelle dort könnte noch besser sein …, Moment, da hinten ist es ganz sicher optimal … oder vielleicht doch lieber dort …“

Ich lief rot an bei dem Gedanken, wie oft ich ihn dafür angemault hatte, dass er doch ein bisschen schneller machen solle, weil ich nicht ewig Zeit hätte und dass doch jede Stelle gleich sei. Jetzt hielt ich meinen Mund und wartete geduldig.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich ein: „Hier!“, und mein Pferd ließ sich geräuschvoll in den Hallensand fallen. Mit unfassbar vielen „Ohhhhs“ und „Ahhhs“ und „Hmmmms“ wälzte er sich von links nach rechts und von rechts nach links, rieb seinen Hals im Sand und drehte sich erneut auf die andere Seite. Ich wurde nochmal rot und schaute zur Hallentür hinaus, ob jemand vielleicht durch die Geräusche kommen würde, um zu gucken, was hier los ist, aber offenbar waren wir noch immer allein im Stall.

Dann sprang Monty auf, streckte den Hals erneut und schüttelte sich wieder. Der Staub sah im Licht, das von außen durch das Dach hereinschien, wie Nebel aus. Er hustete.

„Ist ganz schön staubig hier drin, was?“, fragte ich schuldbewusst. „Vielleicht hätte ich doch besser noch sprengen sollen.“

„Ach, machen Sie sich keine Sorgen, das geht schon. Ist ja meistens so staubig, das bin ich gewöhnt.“, sagte er und das bewirkte nicht gerade, dass ich mich besser fühlte. „Gut war das, sehr gut.“ Monty knüllte zufrieden die Augen.

Wieder stand ich unschlüssig da. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal so unsicher in meinem Leben gewesen zu sein. Monty schaute demonstrativ zur Tür.

„Also, ähm“, sagte er „wir könnten dann …“

„Ach ja, klar, dein Futter.“, sagte ich und wollte ihm den Zaum anlegen, um ihn zum Futterplatz zu führen. Aber dann hielt ich inne. Ich konnte ihn doch nicht einfach so den Zaum wieder anziehen, oder?

Er bemerkte mein Zögern.

„Ach, eigentlich ist der nicht nötig, wissen Sie, ich kenne ja den Weg.“

„Klar. Tut mir leid.“, stammelte ich, nahm den Sattel von der Bande und öffnete die Hallentür. Ich schaute Monty fragend an.

„Nach Ihnen.“, sagte er und ich ging voraus die Stallgasse entlang zum Putzplatz. Monty folgte mir. Ich brachte den Sattel weg und holte die Futterschüssel.

„Soll ich, äh, sie einfach hier hinstellen?“

„Ja, gerne. Dankeschön.“, sagte mein Pferd und begann zu fressen.

Und wieder stand ich etwas hilflos herum. Normalerweise hatte ich, während Monty fraß, immer seine Hufe ausgekratzt und war mit der Wurzelbürste über sein Fell gegangen. Das konnte ich doch jetzt nicht einfach auch so machen, oder? Plötzlich schien es mir unhöflich, ihn beim Fressen zu stören, darüber hatte ich nie zuvor nachgedacht. Ich wartete, bis er fertig war, was deutlich schneller ging als seine Suche nach dem richtigen Platz zum Wälzen.

Dann fragte ich: „Die Hufe? Also, ich meine, ich würde gerne die Hufe, äh … , auskratzen.“

„Selbstverständlich.“, sagte mein Pferd und ich kratzte seine Hufe aus.

„Vielleicht noch ein bisschen abbürsten?“, fragte ich ihn.

„Ach, das muss gar nicht sein.“, sagte er.

„Ok, klar, dann also zur Weide?“

„Ja, gerne.“

Ich griff nach dem Halfter und zögerte.

„Ok, ich verstehe, dass du auch so mitkommen würdest, aber die anderen, … weißt du, ich weiß nicht, was die sagen, wenn du so ganz frei …, ach, ich bin verwirrt, … alles ist so seltsam gerade.“

„Kein Problem, nutzen Sie ruhig das Halfter.“, sagte er und hielt mir den Kopf hin. Ich halfterte ihn auf und kam mir vollkommen idiotisch dabei vor, mein nun sprechendes Pferd am Strick zur Weide zu führen.

Als ich das Weidetor geöffnet hatte und wir hindurchgegangen waren, drehte er sich zu mir und ich zog das Halfter wieder ab.

„Hätten Sie vielleicht noch einen dieser leckeren Kekse, die so schön knuspern, für mich?“, fragte mein Pferd.

„Klar, … Moment …“, sagte ich und wühlte in meiner Jackentasche. Ich reichte ihm ein Leckerli und er nahm es mit seinen Lippen und zerkaute es geräuschvoll.

„Na, dann Tschüss, Monty.“, sagte ich, doch er hatte sich schon umgedreht und trabte los zu den anderen Pferden.

Er hat sich gar nicht von mir verabschiedet, dachte ich und irgendwie gab mir das einen Stich.

—> Fortsetzung: Kapitel 5

Monty - Wege zum Pferd

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

6. Februar 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 4: Eine erste Unterhaltung mit meinem Pferd

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