Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 2: Wer ich bin und wie ich zu Monty kam

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Bevor ich weiter von dem Tag berichte, der mein Leben veränderte, sollte ich mich vielleicht erst einmal vorstellen: Ich heiße Isa Dost, bin 31 Jahre alt und lebe in Hamburg. Ich bin Hotelfachangestellte, liebe Instagram und Serien auf Netflix und kämpfe ständig ein bisschen gegen zu viel Gewicht. Zur Zeit bin ich Single und finde das gar nicht schlimm. Ach ja, und natürlich bin ich pferdebegeistert und das seit meiner Kindheit.

Seit gut einem Jahr gehört Monty zu mir, ein zwölfjähriger Hannoveraner-Wallach, mit dem ich mir meinen allergrößten Herzenswunsch erfüllt habe: ein eigenes Pferd.

Ich habe Monty in der Reitschule kennen gelernt, in der ich einmal die Woche zum Unterricht ging. Ein sehr braves Pferd, zwar riesig groß und steif wie ein Brett, aber er machte es mir immer leicht, weil er artig alles tat, was ich von ihm wollte und nicht scheute oder bockte. Den meisten war Monty zu langweilig und in den Gängen zu hart, aber ich schätzte gerade das Berechenbare an ihm und fragte oft, ob ich nicht wieder ihn für die Reitstunde bekommen könnte.

Dazu muss ich sagen, dass ich leider nie eine Heldin in Sachen Pferde war. Ja, als Kind war ich noch etwas unerschrockener gewesen. Ich hatte mit acht Jahren meinen ersten Reitunterricht  in einem Stall bekommen, zu dem ich selbst mit dem Rad fahren konnte und war dann fast täglich dort. Damals flog ich so oft von den Ponys, dass ich zu zählen aufgehört hatte, und stieg auch nach dem dritten Mal tapfer wieder auf. Je älter ich   dann aber wurde, desto mehr wusste ich brave und verlässliche Pferde zu schätzen. Die Hibbelköpfe überließ ich immer öfter gerne den anderen.

Einige Wochen vor meinem 30. Geburtstag geriet ich in eine ziemliche Sinnkrise, wohl etwas, das viele in diesem Alter erleben, diese Zahl hat ja auch irgendwie etwas Einschneidendes, oder nicht? Ich hatte jedenfalls das Gefühl, dass mir mein Leben durch die Finger rinnt. Als Jugendliche hatte ich von so vielem geträumt, aber nichts davon hatte ich je umgesetzt. So war ein eigenes Pferd schon immer mein großer Wunsch gewesen. Aber immer hatte es Gründe dagegen gegeben – zu jung, kein Geld, zu unsichere Lebensumstände, was, wenn ich Kinder bekommen würde oder ins Ausland würde gehen wollen und so weiter. An diesem Abend betrank ich mich fürchterlich und versprach mir, bevor ich ins Bett fiel, dass ich mir zum 30. Geburtstag ein Pferd schenken würde.

Wahrscheinlich hätte ich im Normalfall mein Versprechen schon am nächsten Morgen wieder vergessen, wenn ich da nicht auf dem Sofatisch diesen zerknitterten Zettel mit einem vollkommen krakeligen „Ich will ein Pferd“ darauf gefunden hätte. Mir brummte der Schädel und ich wollte ihn einfach wegwerfen, aber dann hielt ich inne. Ich schaute noch einmal auf die Worte, die ich am Abend zuvor geschrieben hatte, und spürte, dass die Entscheidung stand: Ich würde mir den Traum von einem eigenen Pferd erfüllen und zwar so schnell wie möglich.

Noch am selben Tag besorgte ich mir einen Stapel von Pferdezeitungen, in denen es Verkaufsanzeigen gab. Aufgeregt wie ein kleines Kind blätterte ich durch die vielen Angebote. Wunderschöne Pferde waren dabei. Nicht alle waren bezahlbar und mit Beschreibungen wie „lauffreudig“ (was übersetzt meist „Durchgänger“ hieß) oder „menschenbezogen“ (was so gut wie immer mit „aufdringlicher Bettler“ zu übersetzen war) entsprachen die meisten nicht wirklich dem, was ich für mich suchte, aber ich vereinbarte drei Besichtigungstermine.

Diese allerdings verliefen mehr als enttäuschend. Beim ersten  Termin war das Pferd bereits verkauft. Man entschuldigte sich, mich nicht angerufen zu haben, aber man hätte da auch noch zwei andere Pferde, die man mir zeigen könnte. Ich schaute sie mir höflich an, sagte, nein danke, und fuhr wieder ab. Beim zweiten Pferd war es schon ein Abenteuer, dem jungen Mann zuzuschauen, der mir das Pferd vorreiten sollte. Zweimal hätte er fast einen Abgang gemacht. Auch hier bedankte ich mich höflich und fuhr wieder heim. Beim dritten Pferd stellte sich heraus, dass es keinen Pferdepass hatte und eine ganze Menge anderes ziemlich seltsam klang. Auch das war mir nicht geheuer.

Ein Pferd über Anzeigen zu kaufen, schien offenbar nicht der richtige Weg für mich zu sein. Vielleicht sollte ich die Sache doch lieber ganz lassen, dachte ich bei mir. So ein Pferd kostet doch schon sehr viel Geld und Zeit und erst die Verantwortung, vielleicht war das einfach ein Wink des Schicksals? Das zu denken, tat allerdings richtig fies weh.

Ich rief meine Freundin Anne an und erzählte ihr von dem Desaster und von meinen Zweifeln und endete mit einem weinerlichen „Aber ich möchte doch so gerne ein Pferd!“ Ihre Reaktion darauf war diese: „Und warum fragst du nicht mal nach, ob du Monty kaufen kannst?“

Monty? Ein Schulpferd? Noch dazu viel zu groß, braun und ein Warmblut? So gerne ich ihn mochte, aber er war eigentlich das genaue Gegenteil von dem Pferd, das ich mir für mich aussuchen würde. Ich hatte immer von einem Isländer mit einer langen Mähne geträumt oder von einem knuffigen Haflinger … Und sicher würde ich ihn auch nicht bekommen, er wurde doch in der Reitschule gebraucht. Und doch ließ mich die Idee nicht mehr los.

Würde es tatsächlich nicht unglaublich viele Vorteile haben, ein Pferd zu kaufen, das man schon so gut kannte, wie ich den Monty, überlegte ich abends im Bett. Noch dazu so ein verlässliches Pferd wie ihn? Ich würde genau wissen, was mich erwartet. Ich würde ein höfliches, gut erzogenes Pferd bekommen. An seiner Steifheit könnten wir arbeiten, dann würde er sicher auch bequemer werden und irgendwann ganz toll laufen. Mir gefiel die Idee immer besser.

Als ich zur nächsten Reitstunde ging, fragte ich die Reitlehrerin, ob sie wisse, ob manchmal auch Schulpferde zum Verkauf ständen. Sie sagte, ich solle doch einfach direkt Hannes fragen. Der war auch gerade da. Also ging ich zu Hannes Schulte, dem Besitzer der Reitschule.

„Den Monty wollen Sie kaufen?“, fragte er mich und schaute auf. „Ja, das ist ein feiner Kerl. Kein Bewegungswunder, aber ein guter Charakter.“

Da Schulte nicht weitersprach, überlegte ich fieberhaft, was ich  nun sagen könnte. Sollte ich ihm eine Summe nennen? Aber welche? Sollte ich etwas anderes sagen? Aber was?

Dann räusperte er sich und sagte: „Also, ich hätt’ den Monty schon gerne noch weiter hier behalten, weil ich auf den auch Anfänger setzen kann. Aber ich freu mich auch immer darüber, wenn eines der Pferde seinen Menschen findet.“

Tja, und so kaufte ich Monty.

–> Fortsetzung: Kapitel 3

Wege zum Pferd

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

14. Januar 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 2: Wer ich bin und wie ich zu Monty kam

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