Nicos Ausbildungsweg – der zweite Monat

Durch die Sommerpause sind wir nicht mehr ganz aktuell, aber wir möchten Sie Nicos Weg ja kleinschrittig mitverfolgen lassen. Deswegen lesen Sie heute die Zusammenfassung von Juli 2012, also Nicos zweiter Monat bei uns. Wir haben im Großen und Ganzen das weiter geführt, womit wir begonnen hatten:

  • Führtraining,
  • Hufe geben,
  • still stehen
  • die Übung Kopf tief.

Dieses Training haben wir aufgelockert mit kleinen Späßchen wie Ballspielen und erste Apportierspielchen.

Einen Zusammenschnitt dieser Einheiten können Sie sich in diesem Film anschauen.

Über Stolpersteine und Schwierigkeiten

Nico ist nach wie vor mit großer Begeisterung bei der Sache. Er ist hoch motiviert und lernt schnell. Wenn man unsere Berichte verfolgt, könnte mein meinen, es gibt keinerlei Probleme und alles ist rosarot. Aber so ist es nun auch nicht. Heute möchte ich deswegen auch über die Schwierigkeiten und Stolpersteine berichten, die sich auftun.

Nicos Wesen und was es mit sich bringt

Nachdem wir Nico nun einige Wochen kennen, trauen wir uns eine Einschätzung von Nicos Wesen zu: Nico ist ein selbstbewusstes und starkes Pferd. Auf Neues geht er schnell und relativ angstfrei zu. Er untersucht die Dinge und schaut, was sich damit anstellen lässt. Als ich z.B. mit einem Schlauch Wasser in einen Bottich auffüllte kam Nico ohne zu zögern zu mir, biss in den Schlauch und zog und spielte mit dem Schlauch, ohne sich an dem Wasserstrahl zu stören.

In der Herde hat er sich schon einen festen Platz erobert und einige andere von ihrer höheren Position in der Rangordnung geschubst. Er lässt sich nicht „die Butter vom Brot nehmen“. Und mit eben diesem Selbstbewusstsein und mit dieser Stärke begegnet er auch uns. Das sieht dann teilweise so aus, dass Nico uns gerne umplatziert, uns auch mal das Hinterteil zeigt, wenn er meint, wir stören oder dass wir ihm sein Futter streitig machen. Wenn Nico etwas nicht versteht oder er seiner Meinung nach nicht schnell genug eine Belohnung erhält, reagiert er leicht frustriert und wird fordernd. Dann fängt er an mit dem Huf aufzustampfen, zu schnappen und zu rempeln. Und auch wenn Petra und Alex nach fast jeder Einheit glücklich und zufrieden nach Hause fahren, gab es auch schon Tage, an denen alle Beteiligten frustriert waren.

Petra, Alex und ich möchten Nico gewaltfrei und mittels positiver Verstärkung erziehen und ausbilden. Doch wie reagiert man nun, wenn einen das Pferd drohend das Hinterteil zuwendet und einen behandelt wie einen rangniedrigen Herdenkumpel? Wie erklärt man einem pubertären, rotzfrechen Rocker, dass er den Menschen bitte zu respektieren hat, und das möglichst ohne laut zu werden, zu hauen und zu boxen? Bei anderen Pferden reicht ein schärferes Wort, ein böser Blick. Bei Nico definitiv nicht und auch wenn wir nicht auf dem „Dominanzweg“ unterwegs sind, so möchten wir uns dennoch nicht ein Pferdchen heranerziehen, welches uns fröhlich auf der Nase rumtanzt 😉

Uns ist klar, dass wir Nico erklären müssen, dass es Grenzen gibt. Er braucht Erziehung und muss lernen, dass wir eben nicht durch die Gegend geschubst oder über den Haufen gerannt werden möchten und dass auch nicht er bestimmt, wann es wohin geht und wann es Zeit für ein Leckerchen ist. Nur weil man sein Pferd hauptsächlich über positive Verstärkung und ohne Gewalteinsatz erziehen möchte, ist man nicht automatisch für Anti-Autoritäre Erziehung … 🙂

So ist für uns wichtig, dass Nico als nächstes lernt, sich von uns in alle Richtungen bewegen zu lassen. Wir beginnen also jetzt schon damit Nico kleinschrittig beizubringen, sein Gewicht nach hinten zu verlagern, mit der Kruppe herumzugehen und sich auch die Schulter von uns verschieben zu lassen. Wir arbeiten dabei mittels negativer und positiver Verstärkung. Wenn Nico also z.B. mit der Kruppe herumtreten soll, geben wir leichten Druck an die Kruppe bis Nico mit der Kruppe zur Seite weicht. Sobald er das tut, erfolgt C+B (Click und Belohnung). Wir sind, um uns Nico gegenüber verständlich zu machen, auch bereit die negative Verstärkung zu steigern, aber nicht über die Grenze hinweg, bei der es in den Bereich geht, in dem Nico Angst bekommt und/oder sich gestraft fühlt. Das ist ein ziemlicher Spagat, den wir da hinlegen müssen. Und wir gelangen immer wieder zu einer Frage, die mir auch von vielen Lesern immer wieder gestellt wird:

Ist Pferdeausbildung und Erziehung ohne Strafe und Gewalt möglich„?

Auf diese Frage werde ich im nächsten Beitrag ausführlich eingehen. Bis dahin sammle ich noch ein wenig Erfahrung mit unserem super süßen (B)-Engel Nico 😉

Lesen Sie hier den nächsten Beitrag.

21. August 2012 von Babette Teschen • Kategorie: Jungpferdausbildung 8 Kommentare »

 

8 Reaktionen zu “Nicos Ausbildungsweg – der zweite Monat”

 

Von Sarah • 21. August 2012

Hallo Babette,
ich finde genau diese Frage – wie kann ich einen manchmal etwas aufmüpfigen, mitunter gar rotzlöffeligen Youngster, gewaltfrei und vorwiegend über positive Verstärkung erziehen echt richtig richtig schwierig. Das liest sich alles so leicht, aber ich hatte schon manches Mal Situationen, wo mein Kopf ganz schön geraucht hat, im Bestreben, nicht dem ersten Impuls nachzugeben und zu strafen (und damit mein ich natürlich nicht schlagen o.ä., sondern auch einfach einen Halfterruck zB), sondern einen positiven Weg zu finden. Echt, gar nicht so einfach. Und so sehr ich mich auch bemühe, ich bin mir sicher, es geht noch besser.
Daher bin ich super froh, bei euch mitlesen zu können und viele Anregungen und Impulse zu erhalten!

Liebe Grüße,
Sarah

 

Von no0815girl • 21. August 2012

Ich finde Strafe unnötig, aber Konsequenz nötig. Da den Unterschied zu sehen ist schwierig und manchmal auch Interpretation. Am besten finde ich wenn möglich logische Konsequenz. ZB will das Pferd mich anrempeln, nehme ich den Ellbogen hoch und somit rempelt sich das Pferd selbst an an meinem Ellbogen. Dadurch habe ich nicht aktiv gestraft, geschlagen oder zurückgerempelt, denn ich habe nur passiv den Ellbogen hingehalten.

Strafe ist für mich erst dann negativ besetzt, wenn es aus Frust geschieht. Das finde ich die grösste Herausforderung bei der Arbeit mit Pferden (oder Tieren allgemein), den Frust nicht am Tier auslassen und daran zu arbeiten, dass Frust gar nicht erst entsteht und eine positive Zusammenarbeit möglich ist.

Ich finde es immer wieder schön zu sehen, wie ihr den Willen zur positiven Zusammenarbeit habt. Noch schöner ist es für mich zu wissen, dass dies auch bei euch nicht von alleine geht und ihr daran arbeiten müsst, denn das motiviert mich, weiter an mir zu arbeiten 🙂

 

Von Sonja • 22. August 2012

uiuiui, jetzt kommt der Teil, den, glaub ich, alle mit grösster Spannung erwarten 🙂

Ich habe einen riesigen Respekt vor eurem Mut, dies so öffentlich zu tun!!

Ihr seid mehrere, sehr pferdeerfahrend Menschen, die sich an dieser recht harten Nuss versuchen – und sogar ihr seid euch nicht sicher.
Was ist bitte einfacher, als jedem Pferd mit einem Strickpropeller, der sich unerbittlich auf das Pferd oder das Körperteil zubewegt, dass ich gerne bewegen möchte, zu erklären, dass es nur die Wahl hat gleich zu gehen (bis ein Fingerzeig reicht), oder sich dem Propeller auszuetzen (wo manche Hafis ertaunlich stoisch sind…) aber sie am Ende doch verlieren und weichen müssen.
Für mich als Laien bedeutet diese Methode, mir die Zähne und Hufe zu ersetzten, die ich nicht habe und unter anderem meine Sicherheit zu gewährleisten – auf eine (denke ich) pferdeverständliche Weise, wenn konsequent und ohne Wut benutzt. Aber immerhin ist es eine Waffe und auch so benutzt.

Oh, ich bin soo gespannt, wie ihr das löst (Daumen drück!!)

viele Grüsse
Sonaj

 

Von Christine • 27. August 2012

Hallo,

ich finde es sehr spannend, den Werdegang von Nico zu verfolgen. Ich kann die Probleme und auch die positiven Dinge sehr gut nachvollziehen. So in etwa ist es auch mit meiner Stute. Sie lernt wirklich sehr schnell, ist motiviert, aber auch sehr selbstbewusst. Ich hatte im alten Forum damals einen Thread eröffnet, wo ich gefragt habe, ob es alleine mit positiver Verstärkung bei einem solchen Pferd klappen kann. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es bei mir leider nicht klappte. Ich bin gegen jegliche Form von Gewalt, aber ich musste auch klare Grenzen setzen und habe eigentlich da auch wie ihr jetzt gearbeitet. Also mit negativer Verstärkung und anschließend Lob. Und auch wenn sie jetzt schon sechs ist, habe ich noch öfter Situationen, wo ich das so machen muss, weil sie wieder meint, ihr Hinterteil müsste in meine Richtung tanzen etc. Aber wir fahren ganz gut mit der Variante und ich bin ziemlich sicher, dass mein Pferd trotz „Druck“ keine Angst vor mir hat.

Viele Grüße

 

Von Lisa • 27. August 2012

“Ist Pferdeausbildung und Erziehung ohne Strafe und Gewalt möglich“?

Hallo,
Auch ich verfolge mit Spannung euren Weg und finde es mutig von euch, dass ich versucht, eure Überzeugunngen so konsequent umzusetzen…

Mich stört bei obiger Frage eindeutig das Wort „Gewalt“.
Für mich ist dieser Begriff immer mit einem absichtlichen Zufügen von Schmerz verbunden. Und daher sollte so eine Frage gar nicht auftauchen. Erziehung sollte niemals gewaltsam werden.
Das bedeutet, wie ihr selbst gesagt habt, natürlich nicht, dass man völlig Widerstandlos alle Frechheiten hinnehmen muss und einen Laissez-faire. Stil an den Tag legen muss.
Jeder Zu-Erziehende, egal ob Mensch, Pferd, Hund oder was auch immer, braucht klare Grenzen, innerhalb dessen er sich entwickeln kann. Leider müssen diese Grenzen auch festgelegt werden. Dies darf eben nie mit Gewalt erfolgen.
Ich bin wirklich sehr gespannt, ob ihr einen Weg findet, um Nico diese Grenzen nur mittels positiver Verstärkung aufzeigen könnt. Ich drücke euch auf jeden Fall beide Daumen =)

Übrigens… DANKE, dass ihr es mal wieder geschafft habt, dass ich diesen herrlichen Tag damit verbringen werde, mir das Hirn über eure Fragen zu zermartern, anstatt faul in der Sonne zu liegen und zu lesen… 😛

Trotzdem liebe Grüße, kann euch deswegen au ned böse sein^^

 

Von Rita • 27. August 2012

Hallo zusammen, zum Thema Hinterteil zukehren habe ich einen Gedankenanstoss: Ich nahm bei meiner Isi Stute auch immer an, dass dies eher frei sei, wenn sie mir ihren hübschen Hintern so einfach zugekehrt hat. Beim Beobachten ist mir aber immer aufgefallen, dass sie mit den Ohren ganz aufmerksam „schaut“, was ich damit anfange, ihre Ohren waren nie drohend, darum verstand ich das Ganze nicht wirklich, wir haben eigentlich einen sehr feinen Umgang miteinander. In einem Kurs durfte ich dann erfahren, dass Pferde immer Möglichkeiten suchen, ihr Wurzelcharka zu öffnen, das machen sie mit Schrubben oder Fellpflege oder wie auch immer. Also beim nächsten Mal, wo meine Süsse den Hinterteil in meine Richtung gekehrt hat, habe ich sie ausgiebig an der Schweifrübe geschrubbelt, und siehe da, nach ein paar Minuten ist sie zufrieden abmarschiert…. Damit will ich nur sagen, dass das Hinterteil hinkehren nicht zwangsläufig eine Drohung sein soll, ich bin auf jeden Fall sehr erleichtert, dass mir die Augen geöffnet wurden, sonst hätte ich meiner wunderbaren Stute unrecht getan…. Liebe Grüsse aus der Schweiz
_____________________________________________________
Hallo Rita,
ja, das ist ein wichtiger und richtiger Hinweis! In der Tat ist es in den seltensten Fällen die ich kenne als Drohung gemeint wenn einem ein Pferd den Popo zudreht. Auch Nico liebt es an der Kruppe gekratzt zu werden und bietet uns dafür gerne seine Kehrseite an. Aber er dreht uns sein hübsches Hinterteilchen auch ab und an mal mit eindeutig anderer Intention zu uns, das ist gut zu erkennen 😉 …
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Ellen • 27. August 2012

Hallo Ihr Lieben,
ich habe mich ja nun nach dem Tod meiner Königin im lezten Jahr auch für eine junge Dame im ähnlichen Alter wie Nico entschieden. Und entdecke nun viele Parallelen und auch Herausforderungen. Denn genau dieses Thema habe ich gerade auch: Wie kann ich POSITIV Grenzen setzen, denn die braucht diese rempelige Rüpelin dringend?! Ich finde das auch sehr schwierig … umso interessierter lese ich mit und möchte Euch herzlich dafür danken, dass Ihr diesen Weg mit uns teilt!!
LG von Ellen

 

Von Nina • 27. August 2012

Liebe Babette, liebe Tanja,

gewaltfreie Pferdeerziehung ist möglich!!! Ich habe meine inzwischen 5-jährige Stute auch nach diesen Prinzipien erzogen und hatte nie Schwierigkeiten mit ihr. Vieles mache ich über eine „innere Verbindung“, den festen Glauben daran, wie ich es gerne hätte und dass sie genau das lernen wird, und viel Belohnung für jeden richtigen Schritt. Mein Stütchen dankt es mir mit ganz viel aufmerksamer Zugewandheit, innerer Ruhe, gutem Benehmen und tiefem Vertrauen.

Herzlich

Eure Nina

 

 

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