Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 21: Wer schlurft hier?

Aus „Ich bin’s, Ihr Pferd“ von Tania Konnerth
– zum ersten Kapitel geht es hier.

Die nächste Reiteinheit gestaltet sich genauso zäh wie die letzte. War Monty eigentlich immer so unmotiviert unterwegs und es ist mir nur nicht aufgefallen? Der Gedanke versetzt mir irgendwie einen Stich.

„Monty, nimm es mir bitte nicht übel, aber du schlurfst.“, sage ich, als er in gewohnter Gemächlichkeit seine Runden dreht.

„Ich?“

„Ja, du. Wer sonst?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“, sagt mein Pferd etwas pikiert.

„Naja, du hebst die Beine nicht und du läufst ohne Schwung.“

„Bisher war es für Sie durchaus ausreichend.“, entgegnet Monty nun säuerlich.

Ja, bisher war das ausreichend. Weil ich nicht darüber nachgedacht habe und weil ich es nicht hinterfragt habe. Jetzt aber wünsche ich doch aber, dass Monty fröhlich ist, dass er Freude am Reiten hat und daran, etwas mit mir zu machen. Wenn er so zäh ist, nimmt mir das selbst jeden Spaß und am liebsten würde ich absteigen. Eigentlich wollte ich ihn ein bisschen an seinem Stolz packen mit dem Schlurfen, damit er sich mehr Mühe gibt. Aber meine Worte erreichen mal wieder nicht das, was ich beabsichtige, und er reagiert wieder beleidigt. Und irgendwie kann ich ihn sogar verstehen, … wer wird schon gerne angenörgelt?

Da erinnere ich mich an einen Tipp, den ich mal gelesen habe, nämlich den, dass man Pferde mit schnell aufeinanderfolgenden Schritt-Trab-Wechseln munterer machen kann. Einen Versuch ist es wert, denke ich, denn mit Reden komme ich nicht weiter.

Ich pariere Monty also durch in den Schritt, trabe ihn gleich wieder an, pariere wieder durch und trabe noch mal an, pariere erneut durch und trabe wieder an.

„Entschuldigen Sie, aber könnten Sie sich vielleicht mal entscheiden?“, motzt mein Pferd.

„Mich entscheiden?“, flöte ich ganz unschuldig, als wüsste ich gar nicht, was er meint.

„Naja, wollen Sie nun Schritt oder wollen Sie Trab? So macht einen das ja ganz kirre.“

„Ach, ich wollte nur mal schauen, wie schnell du eigentlich zwischen den beiden Gangarten hin- und herwechseln kannst. Manche Pferde können das richtig schnell, aber offenbar kann das nicht jedes Pferd … “

Monty sagt nichts, aber ich bin mir sicher, dass es in ihm arbeitet. Er lässt sich nicht gerne sagen, dass andere etwas besser können als er.

„Ich kann das auch schnell.“, sagt er dann.

„Echt? Wow, würde ich gerne mal erleben, Monty!“

„Wie Sie wünschen.“, antwortet er und fällt so prompt in den Schritt, dass ich nach vorne kippe, weil ich damit nicht gerechnet habe.

„War das etwa zu schnell für Sie?“, fragt er und trabt so schnell an, dass es mich fast nach hinten legt. Ich muss erstmal die Zügel sortieren, die mir vor Schreck aus der Hand gefallen sind.

„Oder das?“, kichert er. Mein Pferd kann kichern, denke ich erstaunt.

„Touché, Monty.“, lache ich.

Dann nehme ich die Herausforderung an: Ich gebe die Hilfen für den Schritt, denke aber schon im Durchparieren ans Antraben, also flott und frei nach vorne. Monty, der mich gerne noch mal vorführen will, ist bereit und trabt so kraftvoll aus dem Durchparieren an, dass es eine wahre Freude ist. Ich juchze und Monty schnaubt.

Solche Übergänge muss man allerdings auch erstmal sitzen können, stelle ich fest und muss mich nun ganz bewusst darauf konzentrieren, die Bewegungen weich durch mich fließen zu lassen, um ihn in den nächsten Übergängen nicht durch meinen Sitz oder meine Hände zu stören. Es gelingt mir immer besser und Monty legt sich mächtig ins Zeug. So schön kann reiten sein!

Beim nächsten Übergang lasse ich im Trab die Zügel aus der Hand gleiten, trabe leicht und wir schweben für einige Runden durch die Halle, als würden Montys Hufe kaum den Boden berühren.

Als ich ihn dann wieder Schritt gehen lasse und begeistert „Oh, war das toll!“ rufe, schnaubt mein Pferd ab, höchst zufrieden mit sich selbst.

„Also, wer schlurft hier?“, fragt Monty.

„Na, du jedenfalls nicht!“, sage ich zu meinem Pferd.

–> Fortsetzung Kapitel 22

 

Monty - Wege zum Pferd

 

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Tania Konnerth

Wer erzählt Montys Geschichten?

Die Geschichten von Monty schreibt Tania Konnerth. Sie hat seit über 40 Jahren mit Pferden zu tun und hat – unter uns gesagt – inzwischen immer öfter das Gefühl, dass Pferde tatsächlich sprechen können.

Tania arbeitet als Schriftstellerin und Autorin in Lüneburg und gibt zusammen mit Babette Teschen den Online-Ratgeber „Wege zum Pferd“ heraus. Mehr von ihr gibt es unter www.tania-konnerth.de

3. November 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Geschichten von einem sprechenden Pferd, Sonstiges Kommentare deaktiviert für Ich bin’s, Ihr Pferd – Kapitel 21: Wer schlurft hier?

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