Wie sieht uns wohl unser Pferd?

In der letzten Woche schrieb ich darüber, wie wir unsere Pferde anderen Menschen gegenüber beschreiben (hier nachzulesen). Am Ende des Artikels dachte ich dann, dass es doch sehr interessant wäre, einmal zu erfahren, wie ein Pferd uns als seinen Menschen sieht.

Auf den ersten Blick vielleicht ein witziger Gedanke, sich das einmal zu fragen, aber hui, ich merke für mich, dass darin eine ganze Menge Potential zur Selbstreflexion steckt, zumindest, wenn ich mich wirklich darauf einlasse. Nun können unsere Pferde uns das ja leider nicht direkt sagen, aber fühlt doch mal in diese Fragen hinein:

  • Wie würde mein Pferd mich wohl seinen Kumpels vorstellen?
  • Was würde es über mich erzählen?
  • Wie würde mein Pferd mich wohl beschreiben?
  • Was wären Eigenschaften oder Verhaltensweisen von mir, die mein Pferd als Erstes nennen würde? 
  • Und, wenn ich mehr als ein Pferd habe, wie unterschiedlich sehen diese mich wohl und wie würden die jeweiligen Beschreibungen jedes einzelnen Pferdes aussehen?

 Und ich frage mich weiter: 

  • Gefallen mir meine Gedanken zu den oberen Fragen oder machen sie mir eher ein ungutes Gefühl? Was genau fühlt sich gut an und was nicht?
  • Wie möchte ich am liebsten von meinem Pferd gesehen werden?
  • Was möchte ich für mein Pferd sein? 
  • Was soll es vor allem von mir wahrnehmen und mit mir verbinden? 
  • Was kann ich verändern, damit ich mehr so von ihm erlebt werde? 

Viel Denk- und Fühlstoff, findet Ihr nicht auch?

Selbstreflexion

20. Juni 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang 2 Kommentare »

Guten Tag, mein Pferd ist ein Problem

Zugegeben, die Überschrift „Guten Tag, mein Pferd ist ein Problem“ klingt vielleicht etwas seltsam. Tatsächlich aber bringt sie genau auf den Punkt, worum es hier gehen soll. 

Wenn jemand zu unserem Pferd kommt oder wenn wir anderen von unserem Pferd erzählen, passiert oft etwas Bemerkenswertes, das aber den wenigsten von uns bewusst ist: Das komplexe Wesen und Sein unseres Pferdes wird schlagartig reduziert auf ein oder zwei – fast immer negative – Aussagen.

Am deutlichsten wird das bei Pferden, die eine chronische Krankheit haben, wie z.B. Sommerekzem oder Husten. Da wird oft noch vor dem Namen die Krankheit genannt: „Ja, und das ist meine Stute, Ekzemerin“ oder „Ich habe einen  Huster“. Aber auch bei Problemfällen erfolgen oft solche Vorstellungen oder Beschreibungen: „Da steht er, leider ein Beißer“ oder „Meine Stute kann ich nicht im Gelände reiten, sie ist ein Durchgänger“. 

Was an den Sätzen falsch sei? An den Sätzen selbst nichts, aber ein Stück weit am Fokus. In ihm drückt sich aus, wie wir auf unser Pferd schauen und was an ihm wir vor allem wahrnehmen. Es ist natürlich verständlich, dass jemand, der immer wieder Sorgen oder Schwierigkeiten mit seinem Pferd hat, auch darüber redet, aber ich denke, dass es sich wirklich lohnt, einmal darauf zu achten, wie wir unser Pferd vor anderen Menschen darstellen und was das mit uns und vor allem mit unserem Pferd macht. Denn es geht hier nicht nur um Worte, sondern um viel mehr… 

Ich selbst habe meinen Anthony oft mit „Ein Neinsager“ oder „Kein leichtes Pferd“ vorgestellt oder bezogen auf seine vielen gesundheitlichen Probleme: „Mein Montagspferdchen“. Das möchte ich ändern, denn Anthony ist so viel mehr und diese Reduzierung wird ihm einfach nicht gerecht. Auch wenn er mich manchmal wirklich fordert, so klappen unzählig viele Sachen wunderbar. Er schenkt mir sehr viel, er ist in ganz vielen Bereichen super erzogen und brav. Und er ist auch mehr als sein Husten oder seine Hufgeschwüre. 

Der entscheidende Punkt an dieser Art über unsere Pferde zu reden, ist der: Kein Pferd ist nur seine Krankheit und kein Pferd ist nur ein Problem. Oft aber reden wir über unsere Pferde als seien ihre Krankheiten oder Auffälligkeiten so etwas wie ihr Name: … ist Kolikerin … ist ein Steiger … ist Freikopper … ist schwierig … ist stur … usw. Damit bestätigen und manifestieren wir in gewisser Hinsicht genau das, was wir eigentlich nicht wollen, denn wir schenken der Sache sehr viel Aufmerksamkeit und Energie. 

Es heißt ja, dass wir die Wirklichkeit durch unsere Gedanken und unsere Aufmerksamkeit gestalten. Ob das so stimmt, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass die Beziehung zu meinem Pferd in einem großen Maße von meinem eigenen Fokus abhängt. Sehe ich vor allem das Problem, dann wird es größer und bekommt mehr Macht und Einfluss. Richte ich meine Aufmerksamkeit hingegen auf das, was toll ist, verschwindet es natürlich nicht, aber es bekommt eine andere Gewichtung im Gesamtbild. Und das Wichtigste ist für mich: Unsere Pferde spüren sehr genau, wo unser Fokus liegt, und reagieren darauf. 

Achtet doch einmal selbst darauf, wie Ihr Eure Pferde anderen vorstellt, womit Ihr sie beschreibt und was Ihr selbst bei ihnen in der Hauptsache wahrnehmt. Vielleicht reduziert Ihr ja unbewusst Eure Pferde auch in einer Weise, die nicht gerade förderlich und vielleicht auch nicht fair ist? Dann denkt daran: Selbst kleine Fokusverschiebungen können Türen öffnen und damit sehr viel in Bewegung bringen.

Mein Pferd ist ein Problem

13. Juni 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Erkenntnisse, Umgang 17 Kommentare »

Rückenprobleme – Reiten, ja oder nein?

Eigentlich sollte es diesen Blogbeitrag gar nicht geben müssen und es macht mich traurig, dass ich ihn dennoch schreiben muss… Auf meinen Kursen stellen sich bei vielen Pferden Rückenprobleme heraus und in diesem Zusammenhang kommt meist sofort die Frage nach der Reitbarkeit. Auch per Mail werden mir oft deutliche Symptome von Rückenbeschwerden beschrieben, oft verbunden mit der Frage, welcher Hilfszügel am besten hilft, damit das Pferd beim Reiten den Kopf nicht so hochreißt oder was man dagegen machen kann, wenn das Pferd unter dem Sattel buckelt. Deshalb hier also meine ganz klare Antwort auf die folgende Frage:

Kann ich ein Pferd mit Rückenproblemen reiten?

Nein! Ein Pferd mit Rückenschmerzen, oder auch nur mit dem Verdacht auf solche, darf meiner Ansicht nach genauso wenig geritten werden, wie ein Pferd, das lahmt.

Bei Rückenschmerzen tut Gerittenwerden weh

Eigentlich ist es so offensichtlich, dass man es nicht zu erklären braucht, aber da Pferde selbst mit heftigen Rückenproblemen tatsächlich geritten werden, ist es wohl doch nötig: Als Reiter sitzen wir mit unserem gesamten Gewicht (das oft nicht gerade wenig ist) GENAU auf der schmerzenden Stelle, nämlich dem Rücken. Da sollte es doch auf der Hand liegen, wie viel Leid das Reitergewicht für ein Pferd bedeutet, das Rückenschmerzen hat. 

Pferde mit Rückenproblemen haben, wenn sie geritten werden, Schmerzen, manchmal leichte, oft aber starke. Würden Pferde winseln, wimmern oder auch schreien können, könnten sie uns vielleicht deutlicher machen, was ihnen eine Qual ist. Die einzige Lautäußerung bei Schmerzen ist meist ein Stöhnen. Und wie reagieren viele Reiter/innen darauf, wenn ihr Pferd tatsächlich beim Reiten stöhnt? Sie lachen darüber und machen Witze alá „Ach, du Armer, du hast es aber auch schwer!“

Pferde haben keinen Schmerzlaut, sie äußern Schmerzen anders: Manche versuchen sich durch eine bestimmte Haltung Linderung zu verschaffen: nehmen also vielleicht den Kopf hoch und drücken den schmerzenden Rücken weg oder sie verkriechen sich hinter dem Zügel. Andere verweigern die Mitarbeit, indem sie immer langsamer werden oder auch stehen bleiben. Wieder andere zeigen das, was man so gerne als „Widersetzlichkeiten“ bezeichnet: Buckeln, Losstürmen oder auch Steigen. 

All diesen Reaktionen ist fast immer eines gemein: Sie sind Ausdruck von Not.

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Da Pferde still leiden, müssen wir die (leisen) Zeichen für Schmerzen erkennen lernen und diese genauso ernst nehmen wie eine Lautäußerung, wie z.B. ein Winseln. Wir dürfen nicht einfach über sie hinweggehen und weiter machen, wie bisher bzw. nach Hilfsmitteln suchen, damit wir weiter machen können.  Reißt ein Pferd den Kopf beim Reiten hoch, kann die Antwort nicht sein, den Kopf mit Hilfszügeln in die „richtige“ Position zu bringen, sondern es muss nach der Ursache gesucht werden. Dasselbe gilt für das Buckeln, Steigen, eine deutliche Trägheit und andere Anzeichen für Rückenschmerzen. 

Was tun bei Rückenschmerzen? 

Für mich sieht der pferdegerechte Weg bei Rückenproblemen so aus:

  • Beim Verdacht auf Rückenprobleme (s. diese Checkliste) sollte das Pferd als erstes gründlich von einem guten Tierarzt untersucht und eine sichere Diagnose gestellt werden (z.B. müssen Erkrankungen wie z.B. Kissing Spines ausgeschlossen werden). Zusätzlich rate ich zu Behandlungen von guten Physiotherapeuten/Osteopathen. 
  • Gibt es keine tierärztlichen Bedenken gegen das Training, sollte das Pferd durch gute, gymnastizierende Bodenarbeit (s. Longenkurs und Aufbaukurs) behutsam trainiert werden und das solange, bis das Pferd eine gute Laufmanier gelernt und eine gute, lockere Muskulatur entwickelt hat.
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  • Erst dann sollte sich nach einer ausreichend langen Lösephase an der Hand der Reiter für eine kurze Zeitspanne wieder auf das Pferd setzen (zu Beginn nicht länger als 10 Minuten!).
  • Wenn alles gut läuft, sieht das Ergebnis dann so aus, dass das Pferd unter dem Reiter am langen Zügel den Hals entspannt fallen lässt und locker losmarschiert. Erst von dieser Basis aus können dann langsam die Zügel aufgenommen und damit begonnen werden, dem Pferd auch unter dem Sattel eine gute Laufmanier zu vermitteln, die weiteren Rückenproblemen vorbeugt.

Leider wird das fast überall noch „anders“ gemacht. Mir ist bewusst, dass viele Menschen sich ein Pferd zum Reiten anschaffen und dass sich der Weg, den ich hier vorschlage, lang anhört. Für mich aber ist selbstverständlich, dass jeder, dem das Wohl seines Pferdes am Herzen liegt, bereit sein muss, bei Schmerzen auf das Reiten zu verzichten – und das gilt nicht nur, wenn das Pferd z.B. lahmt, sondern eben auch bei Schmerzen, die es nicht so klar zuordbar zeigen kann.

6. Juni 2017 von Babette Teschen • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Gesundheit, Longieren, Reiten 7 Kommentare »

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