Die Arbeit an der Longe – Fallbeispiel 3: Das Kleben an der äußeren Bande

Heute habe ich ein weiteres Fallbeispiel aus der praktischen Arbeit nach meinem Longenkurs für Sie (weitere Beispiele finden Sie hier und hier). 

Das Kleben an der äußeren Bande

Eine neunjährige Islandstute läuft auf dem Longierzirkel brav und lässt sich recht manierlich stellen und biegen. Sobald sie aber im Viereck longiert wird und keine äußere Begrenzung mehr hat, zieht sie heftig nach außen weg.

So gehe ich vor:

Viele Pferde neigen dazu, sich an Zäune oder Banden „anzulehnen“ und regelrecht daran zu kleben. Versucht man ein solches Pferd ohne äußere Begrenzung, also z.B. in der Mitte der Reitbahn zu longieren, zieht es sie entsprechend stark zur Wand. Das hat nichts mit Widersetzlichkeit oder Bockigkeit zu tun, sondern es handelt sich dabei schlicht und einfach um ein Balanceproblem, das sich durch gezieltes Training beheben lässt. 

Die Stute aus dem Beispiel würde ich zunächst für einige Einheiten in der Quadratvolte mit Dualgassen arbeiten. Diese geben dem Pferd zwar noch eine äußere Orientierung, sind aber schon eine deutliche Stufe weniger als die Bande. Wenn das Pferd diese Aufgabe gemeistert hat, versuche ich es für kurze Sequenzen ohne die Quadratvolte, kehre aber gleich wieder dorthin zurück, wenn das Pferd wieder nach außen driftet. Hier muss man genau die Zeit und Geduld investieren, die das Pferd braucht, um seine Schulterbalance von sich aus zu finden, bei dem einen geht es schneller, bei dem anderen dauert es länger.

Parallel dazu übe ich mit einem solchen Pferd intensiv, ruhig an der Hand anzutraben. Dazu führe ich das Pferd mit meiner Hand direkt am Kappzaum vom Schritt in einen langsamen Trab und dann in diesem langsamen Trab auf Volten und größere Kreise. Das mache ich so lange, bis ich merke, dass das Pferd nicht mehr nach außen zieht und ganz leicht an der Hand ist. Sobald ich das spüre, lasse ich langsam die Longe Stück für Stück länger werden und entferne mich vorsichtig vom Pferd. Bleibt das Pferd in guter Balance, kann ich mich auf Longendistanz entfernen und normal weiter longieren. Bleibt das Pferd leicht und im guten Gleichgewicht, versuche ich dann, das Pferd vorsichtig zum aktiven, schwungvollerem Laufen zu animieren.

Merke ich aber, dass wieder Zug auf die Longe kommt, gehe ich sofort dichter an das Pferd heran und nehme das Tempo wieder heraus. Wenn nötig gehe ich wieder so dicht an das Pferd heran, bis ich es erneut direkt am Kappzaum führen kann.

Mit solchen Pferden arbeite ich gerne auf sehr großen Plätzen, so dass ich immer viel Abstand zur Bande halten kann. So lernen die Pferde schneller ohne Wand zum Anlehnen zu laufen.

fallbeispiel3

Tipps: Wichtig ist auch zu wissen, dass viele Pferde dann nach außen ziehen, wenn der Mensch

  • zu früh viel Tempo fordert und damit das Pferd aus dem Gleichgewicht bringt oder
  • sich körpersprachlich falsch zum Pferd ausrichtet.

Viele drehen ihren Körper beim Longieren zum Pferd hin. Dadurch „drückt“ der Mensch das Pferd gleichsam nach außen. Gerade bei Pferden, die sowieso schon dazu neigen nach außen zu ziehen, müssen wir sehr darauf achten, unseren Körper in die Bewegungsrichtung auszurichten, also nach vorn und nicht zum Pferd hin. Die Schulter des Menschen sollte immer so gestellt sein, wie die Schulter des Pferdes (genau wie beim Reiten auch).

31. Mai 2016 von Babette Teschen • Kategorie: Allgemein, Longieren 5 Kommentare »

 

5 Reaktionen zu “Die Arbeit an der Longe – Fallbeispiel 3: Das Kleben an der äußeren Bande”

 

Von Sandra • 5. Juni 2016

Liebe Babette, Das war wieder mal ein interessanter Beitrag. Meine Stute neigt auch manchmal dazu, wenn ich die Longenarbeit auf dem großen Platz mache. Ich war anfangs etwas ratlos und ging zurück in den Longierzirkel, dachte mir dann aber schon, dass ich es wieder mal versuche mit der Quadratvolte, denn beim Kurs im April mit Lisa klappte es ja auch. Dein Beitrag hat mich nochmal bestätigt. Überhaupt habe ich auch durch euren Blog oft moralische Unterstützung erhalten, die mich und mein Pferd schon ein ganzes Stück voran gebracht hat. Danke dafür und macht weiter so!

 

Von Astrid Voss • 6. Juni 2016

Liebe Babette,
Liebe Tanja,
ich möchte Euch von Herzen zustimmen, was den Kauf eines älteren Pferdes angeht, wenn die eigene Pferdeerfahrung noch recht begrenzt ist: ich habe mir nach meinem Wiedereinstieg (als Teenager hatte ich eine Pferd- aufm -Bauernhof -Striegeln -und-Reiten-Phase)mit 40 Jahren einen 20 Jahre alten Warmblutwallach gekauft und wir haben seit mittlerweile 7 Jahren eine gute Zeit, in der ich unglaublich viel gelernt habe-vor allem Zuhören, Verstehen, Geduld haben und ganz wichtig: unabhängig von der herkömmlichen Sichtweise und den vielen konventionellen Stimmen der eigenen inneren Stimme vertrauen: wenn sich etwas komisch anfühlt, frage ich das Pferd, und wenn er „nein“ sagt, dann hat er IMMER einen guten Grund! Bei einem jungen Pferd ware dies viel schwieriger gewesen und sicher mit beiderseitiger Angst, Unsicherheit und Frustration verbunden. Ich sehe dies schon beim einfachen Umgang auf der Weide bei den Eigentümern junger Pferde. Ich würde jederzeit wieder ein älteres Pferd nehmen, und bei gutter Haltung ist dies auch gesundheitlich überhaupt kein Problem! Vielen Dank für Eure Anregungen, die immer wieder den Kern treffen! Astrid mit Tobi

 

Von Michaela • 6. Juni 2016

Liebe Babette, liebe Tanja,

ich kann zu eurem Artikel eine Menge Dinge sagen.
Fakt ist; Ihr habt Recht!
Kein Reitanfänger sollte sich ein junges Pferd, oder sogar ein rohes Pferd kaufen! Dieses ganze Wissen hat ein Anfänger einfach nicht. Und man lernt es auch nicht innerhalb eines halben Jahres!
Ich bin ein halbes Jahr geritten und habe mir dann eine rohe 13 jährige Araberstute gekauft. Ich war der Meinung, dass ich kompetente Hilfe hatte an meiner Seite, sonst wäre ich den Weg nicht gegangen.
Leider ein Trugschluss. Anstatt das der Trainer sich mit mir zusammen setzt und mit mir einen vernünftigen Ausbildungsplan bespricht, sowohl für mich als auch für das Pferd, bin ich nur in einer Abteilung geritten. Ich hatte die Baustelle u.a „Genick verwerfen“, Trense verweigern, wo sich dann rausgestellt hat, dass ein Wolfszahm gezogen werde musste. Ich hatte Sattelprobleme, mit 2 Riesigen Druckstellen. Warum, weil ich sogar von einem namenhaften Sattelprofi falsch beraten wurde.
Bodenarbeit etc. musste ich mir selber , durch hilfe von externe Seminaren erarbeiten. Fragen sind nicht erlaubt. Jetzt nach 1,5 Jahre und gefühlte tausend schmerzhafte Stürze, bin ich schlauer geworden, denn ich habe nicht nur viel gelesen. Ich habe mich auch mit mehreren Trainern und Reitern unterhalten.
Ich habe jetzt den Trainer gewechselt und arbeite jetzt mit deutlich mehr Struktur. Leider hatte ich in meiner Unwissenheit, Vertrauen zu der falschen Person.
Diese Erfahrung hat mich viel Nerven, Enttäuschung und Tränen gekostet, dennoch würde ich für kein Geld der Welt, meine Stute verkaufen.
Wir lernen Beide, langsam aber stetig. .
Mein nächstes Pferd wird aber Definitiv ausgebildet sein.
Nicht nur das das etwas einfacher ist, sondern ich kann dennoch viel dazu lernen.
Vielen Dank für eure Ratschläge!

 

Von Kerstin • 7. Juni 2016

Hallo,
ich habe den Artikel zum Longieren „Kleben an der Bande“
gelesen und mir ist da etwas unklar. Und zwar:
Zitat:
„müssen wir sehr darauf achten, unseren Körper in die Bewegungsrichtung auszurichten, also nach vorn und nicht zum Pferd hin. Die Schulter des Menschen sollte immer so gestellt sein, wie die Schulter des Pferdes (genau wie beim Reiten auch).“

Meine Frage: Kannst Du das nochmal erklären? Wenn ich ein Pferd an der Longe habe, ist doch der obere Teil meines Körper automatisch in Richtung Pferd ausgerichtet, selbst wenn ich geradeaus mitlaufe. Bedingt dadurch, das z.B. auf der linken Hand die linke Hand meine Longenhand ist. Mit der rechten Hand führe ich die Gerte. Dadurch ist doch automatisch mein Oberkörper, also meine linke Schulter dem Pferd etwas zugewandt, also dann nicht wie die Schulter des Pferdes. Beim reiten auf der linken Hand wäre meine linke Schulter identisch mit der Schulter meines Pferdes. Also zurückgenommen (nach hinten oben).
Daher verstehe ich Deine Aussage nicht.

 

Von Evelyn • 7. Juni 2016

Hallo,
ich habe genau das gegenteilige Problem. Mein Pferd will nicht weg von mir. Es weicht mir nicht von der Seite und lehnt sich an mich an. Wenn ich etwas auf Distanz gehen möchte bleibt sie stehen und dreht sich zu mir hin. Gibt es dazu auch einen Artikel demnächst?

 

 

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