Auf jeden Fall Abwechslung?

Bisher war ich fest davon überzeugt, dass Abwechslung in der Arbeit mit Pferden eine gute Sache ist. Ich wollte meine Jungs immer möglichst vielfältig fördern und so sah dann auch unser Trainings-Programm aus: Bodenarbeit, Longentraining, Freiarbeit, Reiten in der Bahn, Ausritte, Freispringen, Arbeit an der Hand, Zirkuslektionen, Fahren vom Boden, Spaziergänge und… und… und…

Seit kurzem bin ich dabei, das ein bisschen zu überdenken. Mein Anthony hat über die Jahre, die ich ihn nun habe, nach und nach zu so ziemlich allem, was ich mit ihm machen wollte, „nein“ gesagt – bis auf eine Sache: die Freiarbeit. Nun ging es vor einigen Wochen darum, dass ich ihn vor dem Weideauftrieb abspecken musste, denn ich fürchtete um seine Gesundheit (hier nachzulesen). Also beschloss ich, täglich 15-20 min. Lauftraining einzuführen und zwar in Form der Freiarbeit.

Wie ich schon in dem anderen Beitrag schrieb, war ich verblüfft, wie positiv er auf das regelmäßige Training reagierte. Er nahm es so gut an, dass ich einfach dabei bleibe: Fast täglich machen wir 15-20 Minuten Freiarbeit, also immer dasselbe. Zwei, dreimal habe ich versucht, etwas anderes vorzuschlagen, was von Anthony mit einem klaren Nö! beantwortet wurde, während er sich auf die Freiarbeit jeden Tag aufs Neue einlässt, ja, mich sogar oft mit einem Wiehern dazu begrüßt.

Bei seinen täglichen Runden sehe ich, wie er immer mehr bei sich ist und sich richtiggehend selbst ausprobiert: Er scheint in sich zu spüren und auszuprobieren, was sich am besten anfühlt. Seine Haltung wird stetig besser, er schwingt immer mehr mit dem Rücken und er scheint Freude daran zu haben, seine Schritte immer weiter und schöner zu gestalten. Ich muss immer weniger Hilfen geben, sondern kann ihn einfach nur bewundern.

Es ist unverkennbar: Anthony ist zur Zeit schlicht und einfach zufrieden mit der Freiarbeit und eben auch offenbar genau damit, dass wir immer dasselbe machen. Ich habe ihn selten so ausgeglichen und vor allem so offen mir gegenüber erlebt. Und auch wenn ich noch immer denke, dass Abwechslung im Pferdetraining eigentlich eine tolle Sache ist, so sehe ich inzwischen ein, dass es auch Pferde gibt, die Beständigkeit zu schätzen wissen. Wie immer geht es um Differenzierung und darum, die individuelle Persönlichkeit eines Pferdes zu erkennen und sich darauf einzustellen. Das vielleicht als Denkanstoß für alle, deren Pferde auch eher nein als ja sagen: es könnte sein, dass manchmal weniger mehr ist, um ihr Herz zu gewinnen.

an_con

2. Juni 2015 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang 11 Kommentare »

 

11 Reaktionen zu “Auf jeden Fall Abwechslung?”

 

Von Eva • 2. Juni 2015

Hallo Tania,

das ist ein sehr schöner Denkanstoß für mich! Den Gedanken, dass Abwechslung so wichtig ist, hatte ich bisher einfach übernommen. Allerdings habe ich mich schon oft damit unter Druck gesetzt, weil ich selbst bei allem Anfänger bin und somit nicht so versiert darin, mein Pferd in allen möglichen Disziplinen zu trainieren. In Kombination mit einem Nein-Sager hat das dann manchmal dazu geführt, dass wir gar nichts mehr machen konnten/wollten.

Das heißt für mich nun, erstmal herauszufinden, was uns beiden richtig Spaß macht und dann mal zu schauen, wie es läuft, wenn wir eine Weile nur das machen. Ich bin gespannt!:-)

LG, Eva

 

Von Miri • 2. Juni 2015

Liebe Tania,

ein bisschen fühle ich mich von dir erwischt. Es ist doch so – man gibt sich Mühe einfach alles abzudecken im Training, und dann macht man nichts davon auch wirklich richtig gut, eben weil ja direkt wieder am nächsten Stück geschmiedet wird. Vielleicht sollte ich mir in Zukunft ein, zwei größere Baustellen suchen, und tatsächlich vertiefen – dann bleibt die Abwechslung eben auch wirklich Abwechslung, wenn sie selten kommt. Außerdem mögen Pferde ja Gewohnheiten, zumindest habe ich den Eindruck sie wissen gerne, was als nächstes kommt.

Vielen Dank für den Denkanstoß! 🙂

Miri

 

Von Sonja • 2. Juni 2015

Hallo Tanja,

Dein Artikel hat mich jetzt auch gerade nachdenklich gemacht. Ich versuche gerade die Ausbildung meiner 5jährigen Stute abwechslungsreich zu gestalten und jeden Tag was anderes mit ihr zu machen. Ich fühle mich da richtig unter Druck, weil ich ja alles richtig machen will und gerate dadurch in Stress. Jetzt werde ich mal testen, ob meine Maus vielleicht auch mit weniger Abwechslung zufrieden ist.

LG
Sonja

 

Von Margit • 2. Juni 2015

Pferde sind Gewohnheitstiere sagt man immer. Was Fütterungszeiten, Stallwechsel und so weiter betrifft ist man sich dessen bewusst. Beim Training weniger. Gerade ängstliche Pferde trauen sich auch mal etwas nicht zu, das ist nicht immer ein böswilliges Verweigern.
Manchmal bemerkt, was Pferde für eine Gaudi haben, wenn sie eine Lektion begriffen haben. Sie sind großer Fan von Wiederholungen. Abwechslung kann auch Stress bedeuten.
Mehr Sinn macht Abwechslung innerhalb einer Sparte. Man kann die Übungen in der Dressur/beim Clickern/Bodenarbeiten variieren und kombinieren. Aber nicht jeden Tag was ganz anderes wollen.
Und man muss doch auch nicht alles mit seinem Pferd machen, was gerade angesagt ist. Dann hat man mehr Zeit dafür auch mal im Gelände zu bummeln.
Ich glaube nicht nur Pferde sind mit den vielen Möglichkeiten überfordert. Man selber macht sich oft auch zu viel Stress, was man jetzt noch alles machen muss, damit man es auch ja richtig macht… .

 

Von Anya • 2. Juni 2015

Hallo Tina,
viele Jahre habe ich mit meinen Pferden viel und abwechslungsreich gearbeitet, mein jetziger Haflinger, ein eher schwieriger Bub, wird nur noch frei gearbeitet, das macht er mit Begeisterung mit, auch das Slalom gehen durch die Hütchen, Rückwärtsrichten alles kein Problem mehr. Jetzt haben wir richtig spaß an der Arbeit. Ich benötige weder eine Pitsch noch ein Target, alles geht über Stimme und Körpersprache. Das Beste aber ist, dass er nie wieder versucht hat nach mir gezielt zu treten.

 

Von Pferdeflüsterei • 4. Juni 2015

Beim Lesen Deines Artikels habe ich angefangen innerlich die verschiedenen Punkte zu streichen, die ich der Reihe nach mit meiner Jungstute vorhatte – sobald wir uns besser kennen und verstehen, wollte ich ihr auch viel Abwechslung bieten. Damit das Jungpferd sich auf keinen Fall langweilt. Dein Artikel zeigt mir mal wieder, dass Frau sich das Pferd einfach ansehen und dann zusammen mit dem Pferd entscheiden muss, was der passende Weg ist. Viel Abwechslung oder wenig. Freiarbeit oder Spazierengehen. Oder alles oder keins davon. Es sind immer wieder diese inneren Erwartungen, die man über sich und das Pferd stülpt. Es ist schön, dass Du mich mit Deinem Artikel zum Nachdenken angeregt hast. Danke dafür 🙂 Alles Liebe, Petra

 

Von Ellen • 6. Juni 2015

Hallo!
Ich glaube, dass manche Pferde mit liebgewonnener Routine besser zurecht kommen, als ständig neuen Ideen.
Meine Stute schätzt Routinen und mag die täglichen Spaziergänge sehr. Vorher hat sie fast alles abgelehnt. Nun spazieren wir eben täglich und sie stapft immer wieder aufs Neue eifrig vom Hof. Natürlich gehen wir mal neue Routen, mal kurz, mal lang, oder ich baue kleine Übungen ein. Aber für sie ist es dieses verlässliche Tagesprogramm, was ihr sehr gut tut!
LG!

 

Von Angela • 8. Juni 2015

Das ist eine sehr interessante Beobachtung, Tania.
Einige scheine sie ja auch zu teilen.

Ich denke, die Pferde sind da so individuell wie wir Menschen.

Wo der eine gern jeden Tag dieselben Handgriffe in der selben Reihenfolge erledigt, möchte der andere am liebsten jede Minute etwas Neues anfangen und springt von Projekt zu Projekt.

Da heißt es wohl, raus finden, was Pferd am liebsten mag.
Ich habe z.B. so einen kleinen Entdecker, der mir nach einer gewissen Zeit mit immer demselben Programm deutlich den Stinkefinger zeigt. Der schlägt von sich aus neue Wege ein, verlängert Ausreitrunden selbstständig und wenn ich zum dritten Mal die Woche mit dem Kappzaum komme, dann wird das nichts Gescheites mehr und ich sehe, dass er es deutlich über hat.

So stehe ich jeden Tag aufs Neue da, fühle in den Tag und dann springt mich schon irgend etwas an, was dann heute dran ist.
Dadurch sind viele Dinge zwar manchmal nur halb, aber dafür in der jeweiligen Spieleinheit immer mit ganzem Herzen und Interesse.

Viele Grüße

 

Von Birgit • 8. Juni 2015

Hallo Tania

Wie schön doch dieser Artikel wieder ist 🙂

Denn eines habe ich für mich herausgefunden:

Ich darf sehr wohl auf das Befinden und den Wunsch „Meines“ Pferdes eingehen, auch wenn ich es anders gelernt habe.

Nämlich:

Ich habe gelernt, dass ich nichts beim Pferd durchgehen lassen darf, was anders ist als das, was ich vom Pferd verlange. Das Pferd hat das zu tun, was ICH möchte.
Das Pferd darf sich nicht entziehen.

Heute:

Habe ich seit 3 Jahren ein 28jähriges Pflegepferd. Da die Besitzerin keine Zeit für ihr Pferd hat, darf ich mich um ihn kümmern als wenn es mein eigenes Pferd ist.
Ich bin jeden Tag bei ihm.

Auch ich habe gedacht, ich muss dem Pferd Abwechslung bieten. Da er durch einige Koliken sehr dünn geworden ist, wird er nicht mehr geritten. Wir haben Doppellonge gelernt, machen leichte Zirzensische Lektionen, spielen Fuß- und Kopfball, gehen am langen Zügel ins Gelände oder auch nur spazieren, manchmal auf abenteuerlichen Wegen (Ortschaft, Bahnhof/Schranken, Aldiparkplatz).

Inzwischen habe ich festgestellt, dass, wenn ich mir für den Tag mit dem Pferd etwas Festes vorgenommen habe, z.B. mal wieder longieren, sagt er mir manchmal deutlich, dass er heute dazu keine Lust hat. Ich sehe es an seinem Laufen, er braucht mehrere Aufforderungen zum Traben- und wenn dann ist es lustlos. Dann schließen wir die Aktion mit einer anständigen ganzen Trabrunde ab- und es ist Feierabend. Jede(r) hat mal einen schlechten Tag.

AUCH DAS PFERD !!

Oftmals ist es dann so, dass Lui mir dann von allein SEINE Aktion anbietet, dass er anfängt zu „tanzen“ (Linkes Bein über das Rechte und umgekehrt). Ok 🙂 🙂
Dann machen wir das- und siehe da: DA ist er mit Begeisetrung dabei. Ein bisschen Span. Schritt, Verbeugung, Küschen geben, HoolaHoopreifen über den Hals schmeissen, Teppich aufrollen…. 🙂

Müssen müssen wir gar nix 🙂

 

Von Birgit • 8. Juni 2015

Ach so ja, das WICHTIGSTE 🙂

Nachtrag:

Und das Pferd dankt es mir, in dem es mir vertraut !

 

Von Christa • 8. Juni 2015

Es gibt da ja noch eine andere Ebene: das WIE. Mein Pferd, das eher zur Sorte „muss das sein?“ gehört, mag die Arbeit an der Doppellomge sehr. Ich mache das auch sehr gern, bin aber nicht so gut darin. Wenn er explosiv drauf ist, machen wir was mit mehr Abstand und weniger Seilen. Sonst eben Doppellonge. Und obwohl es – durch meine Einschränkung – schon immer sehr ähnlich abläuft, ist es eben keineswegs das gleiche. An der Doppellonge langweilen wir uns nie! Jeder Übergang ist eine neue Herausforderung, jede Biegung, jede Figur – und wir freuen uns über die kleinsten Erfolge.
Bei anderen Übungen erlebe ich oft, dass wir das abspulen, und wenn er denkt das war genug, fängt er an seine Abschlussübung zu machen und wird ziemlich stinkig, wenn er doch noch „muss“. An der Doppellonge kenne ich das nicht mit ihm: auch wenn wir uns mal missverstehen und er glaubt wir sind am Schluss, kann ich nochmals etwas verlangen, ohne Frust auf seiner Seite. Er verzeiht mir meine Fehler und gibt sich immer total Mühe.
Da er unbestechlich ist, d.h. auch für Leckenri oder sonstwas nicht mehr als nötig tut, ist es ein Riesengeschenk mit ihm diese gemeinsame Arbeit gefunden zu haben.
Was ich damit sagen wollte: die Qualität der Arbeit, die gemeinsame Freude daran, das „im Moment sein“ scheint mir wichtiger als Abwechslung per se. Jedenfalls bei uns.

 

 

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