Unbeschwertheit

Wisst Ihr, was das Schönste für mich im Umgang mit Pferden ist? Unbeschwertheit. Diese zauberhafte Leichtigkeit, Freiheit und Absichtslosigkeit, dieses spielerische „Einfach nur sein“. Und wisst Ihr, was oft das Schwierigste für mich im Zusammensein mit meinen Pferden ist? Ja, genau: Unbeschwertheit.

Ich denke, das geht vielen so. Denn Unbeschwertheit mit einem Pferd zu erreichen, heißt, zunächst selbst unbeschwert zu sein. Selbst ein leichtes und freies Herz zu haben. Und das ist doch oft so schwer, findet Ihr nicht?

Ich spiele ja viel mit meinen Pferden und arbeite frei mit ihnen. Aber es gibt da enorme Unterschiede auch in diesen Einheiten. Denn auch im „freien Spiel“ kann man Druck machen, auch im „freien Spiel“ kann genau das „freie Spiel“ verloren gehen. Das passiert mir manchmal, ohne dass ich es merke. Hinterher fühlt sich die Einheit dann aber nicht stimmig an, irgendwie eben nicht leicht, sondern es war zäh. Wenn ich hingegen unbeschwert bin, dann sind es auch meine Pferde und eine solche Einheit ist belebend und beglückend für uns alle.

Die Crux ist, dass wir fast alle mehr oder weniger beschwert zu unseren Pferden kommen, denn kaum einer ist frei von Sorgen, Problemen, Stress u.ä. Und wir sehnen uns nach eben dieser Leichtigkeit und Unbeschwertheit, um loslassen und entspannen zu können. Der Punkt aber ist der, dass es genau so herum leider fast nie funktioniert.

Ja, manchmal können uns unsere Pferde aus einer dunklen Stimmung herausholen oder uns unseren Stress mit ihren Samtnüstern wegblasen. Aber im Normalfall führen unser Stress und unsere Belastungen dazu, dass sich auch unsere Pferde verspannen. Sie spüren genau, mit wie viel Anspannung wir zu ihnen gehen. Wenn sich in der Herde ein anderes Pferd anspannt, ist das für alle ein Warnsignal – irgendetwas ist im Busch. Dieses Programm sichert in der freien Wildbahn das überleben und genau das können selbst noch so menschengewöhnte Pferde nie ganz ablegen. Hier sehe ich die Ursache dafür, warum wir mit unseren Pferde oft gerade an den Tagen, an denen wir uns so sehr nach einer Sternstunde sehnen, das genaue Gegenteil erleben: ein verunsichertes, verspanntes und schreckhaftes Pferd.

Ich halte es inzwischen so: Je mehr Stress ich selbst habe und je angespannter ich bin, desto weniger erwarte ich von meinen Pferden. Ich achte gerade an solchen Tagen ganz besonders aufmerksam auf ihr Verhalten und wenn ich z.B. feststelle, dass Anthony genau an diesem Tag sich wieder zu dem Haps-Monster verwandelt, das er früher war, oder Aramis seinen sorgenvollen Blick aufsetzt, weiß ich, dass ich meinen Pferden gerade Stress mache. Ich nehme das dann als Anlass zu überprüfen, ob es mir gelingt, meinen Geist frei zu machen von den Dingen, die mich belasten (wenigstens für die Zeit, die ich bei meinen Pferden bin) und ob ich mich entspannen kann. Gelingt mir das, bekomme ich fast immer sofort eine Reaktion von meinen Pferden und unser Miteinander wird netter und leichter. Gelingt es mir nicht, entscheide ich mich dazu, wenig oder auch gar nichts zu machen, denn viel zu oft ist es mir schon passiert, dass ich in meiner Sehnsucht nach einem schönen Erlebnis mit meinen Pferden unschöne Szenen provozierte.

Tatsächlich sehe ich meine Pferde inzwischen ein bisschen wie Coaches in Sachen Unbeschwertheit. Sie spiegeln mir genau, wie frei und leicht ich gerade selbst bin und sie erkennen zuverlässig, wann meine Leichtigkeit aufgesetzt und wann sie echt ist. Früher fand ich das frustrierend, weil ich immer wieder damit konfrontiert wurde, meine Erwartungen herunterschrauben zu müssen. Inzwischen weiß ich, dass ich genau daraus unendlich viel für den Umgang mit Pferden, aber auch für mich selbst gelernt habe.

Unbeschwertheit lässt sich genauso wenig erzwingen, wie die magischen Sternstunden – Unbeschwertheit erreichen wir nicht durch Wollen sondern durch Loslassen.

Unbeschwertheit

Foto von Martin Paasch

6. März 2012 von Tania Konnerth • Kategorie: Umgang 11 Kommentare »

 

11 Reaktionen zu “Unbeschwertheit”

 

Von Almut • 6. März 2012

Wie wahr!!
Mal wieder ein Beitrag zum an den Spiegel klemmen, liebe Tania.
LG, Almut

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Schön, von Dir zu lesen, Almut!
Tania

 

Von Tess • 7. März 2012

Das unterschreib ich voll und ganz!

 

Von Kat • 8. März 2012

Ein sehr schöner Beitrag! Ich habe das auch schon festgestellt, immer dann, wenn ich gestresst bin und auch noch Erwartungen stelle, führt das nur zu Frust. Dabei kann mein Pferd so wunderbar jeden Stress wegpusten, gerade wenn wir „nur“ spielen. Entsprechend habe ich mir vorgenommen, von nun an nur noch spielen zu wollen und nicht mehr festzulegen, das muss jetzt so und so laufen oder dies und das muss jetzt klappen. Ob ich das immer schaffe, weiss ich noch nicht. Auf jeden Fall wird mein Pferd mich da sicher rechtzeitig dran erinnern, dass es SO nicht geht, wenn ich wieder zu angespannt bin!

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Schön, dass Du das so von Deinem Pferd annehmen kannst!
Tania

 

Von Susi • 10. März 2012

Die Unbeschwertheit gelingt, wenn man sich drauf
konzentriert, was man da doch für ein tolles Pferd
vor sich hat 😉 Ich schaue mir gelegentlich die Videos
an, die ich von dir und Mailo gemacht hatte bei der Feiarbeit. Heute liegen zum Glück Welten zwischen seinem Verhalten damals und heute. 😀

LG von Susi und Mailo

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Jep, Ihr habt Euch da toll was erarbeitet, Ihr zwei!!!
Tania

 

Von Regine Germies • 12. März 2012

Das Thema Leichtigkeit passt ganz wunderbar in den Frühling,Tania! Eigentlich bezeichnen Leichtigkeit und Unbeschwertheit fast dasselbe, trotzdem ist der Begriff Unbeschwertheit viel geläufiger. Das macht mich nachdenklich.
Um an UN-Beschwertheit zu denken, muss ich erst an Beschwertheit denken bzw. sie empfinden. Beschwertheit ist ja nicht dasselbe wie Schwere, sondern eine „behinderte“ Leichtigkeit. Wenn ich es so betrachte, gelingt es mir recht gut die Leichtigkeit als Grundlage, als DAS Eigentliche zu sehen und das Beschwerende davon zu nehmen ohne meinen Fokus darauf zu richten.

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Tolle Gedanken, Regine!
Tania

 

Von Kris • 12. März 2012

Hallo Tania,

wie wahr. Du sprichst einem wie immer aus der Seele. Wenn ich total abgehetzt und gestresst von der Arbeit komme, kann ich mit unserem „Junior“ auch nichts anfangen. Dann machen wir nur Pflegetag oder Schmuserunde. Meist schnappe ich mir aber zuerst die „alte Mama“, weil sie einfach etwas einfacher zu handhaben ist (klar, wir kennen uns ja auch schon fast 20 Jahre…). Sie hat inzwischen eine gute Taktik. Wenn ich mich so richtig besch*** fühle, nimmt sie mich „in den Arm“. Sie biegt dann ihren Hals um mich rum und „drückt“ mich mal feste. Hört sich komisch an, hat sie aber gelernt. Ich hab sie früher immer um den Hals gedrückt und ihr meine Problemchen erzählt (machen Kinder ja so) und irgendwie hat sie wohl gelernt, dass es mir danach besser ging. Jetzt setzt sie das auf ihre Art um und es wirkt jedesmal. Dafür könnt ich sie echt knutschen. Das war mir eigentlich nie so richtig bewusst und kam mir erst, als ich eben mal so über deinen Beitrag nachgedacht habe…

Liebe Tania, schreibe bitte weiter so interessante und gedankenanregende Berichte. Ich freue mich jede Woche darauf!

LG Kris

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Was für eine wundervolle Geschichte, Kris, da habe ich glatt Tränen in den Augen!
Tania

 

Von Birgit • 12. März 2012

Ein schöner Beitrag.
Es tut mir gut zu lesen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
In meinem früheren Reitverein wurde mir beigebracht, dass die Pferde zu funktionieren haben. Wenn sie beim Putzen nicht stillstehen wollten, wurden sie laut zusammengefaltet oder es gab schon mal einen Schlag auf die Nase. Das hatte mir nie gefallen. Ich konnte das nicht. Ich wurde dafür belächelt wenn ich sagte: „Das muss auch anders gehen !“
Heute habe ich einen 25jährigen Pflegewallach. Ich bin sooft ich kann bei ihm. Wenn ich zu ihm hinkomme sehe ich, was wir machen können. Ich habe oft keinen Plan. Es entwickelt sich was wir machen. Bodenarbeit, spielen oder einen schönen Spaziergang durch´s Gelände. Ich möchte Harmonie mit dem Pferd. Und die Harmonie kann ich sehr gut mit meinem Rentner lernen. Er zeigt mir genau wenn irgendwo irgendetwas nicht stimmt. Ich lerne zu sehen und zu verstehen.
Und es ist mir egal wenn man mich dafür belächelt.

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Hallo Birgit,

das klingt für mich nach einem sehr schönen Weg!
Tania

 

Von Melanie • 12. März 2012

Toller Beitrag. Da kann ich auch nur zustimmen. Wenn ich schlecht drauf bin arbeite ich, wenn überhaupt, nur etwas auf dem Platz ohne viel von uns zu erwarten und wenn ich merke das es keinen Sinn macht, breche mit einer gelungenen leichten Aufgabe ab.
Leider ist der Frühling bei mir in Norwegen noch weeeiiit weg aber auch Ausritte im Schnee sind ja nicht zu verachten 🙂
Eine schöne Woche und viel Spaß mit den Pferden.
LG
Melanie

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Na, dann sende ich mal einen wärmenden Gruß nach Norwegen 😀
Tania

 

Von Biggi • 25. März 2012

Hallo Tania,
ich kenne noch einen anderen Streß, nämlich den, der durch die Pferde erzeugt wird: die Angst, ob alle gesund sind, wenn ich morgens in den Stall komme, die sofortige Sorge, wenn eines sich irgend wie anders verhält als immer, der Herzschlag, der sofort hoch geht, wenn das Handy mit der Nummer des Mitpferdehalters zu ungewohnter Zeit klingelt. Der Streß, einige Tage nichts mit den Pferden gemacht zu haben, weil andere Dinge drängten, das Wetter fürchterlich war, ich selbst mich nicht wohl fühlte….Der Druck, immer zu bestimmten Zeiten am Stall zu sein.

Die Leichtigkeit fehlt mir oft,zu sehen, dass Dinge geschehen oder nicht geschehen, egal ob ich mir Sorgen mache, Herzrasen habe, nicht schlafen kann, negative Erwartungshaltungen habe, oder nicht. Dinge passieren oder auch nicht. Und ich weis, ich würde mit viel mehr Leichtigkeit leben, wenn ich nicht so viel über alles Mögliche nachgrübeln würde. Manchmal gelingt es mir, aber viel zu oft komme ich noch vom leichten Weg ab.

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Ja, da sprichst Du was an, was sicher viele kennen. Ich für mich bin inzwischen etwas lockerer geworden, aber ich kenne die Sorgen auch nur allzu gut. Es ist, denke ich, wichtig, schon auch bewusst gegen zu viele Sorgen anzuarbeiten, einmal für das Pferd, aber vor allem auch für sich selbst.

Herzlich,
Tania

 

Von Franzi • 18. Oktober 2013

Hallo Tania,
ich habe die Seite erst vor kurzem entdeckt und bin sehr begeistert! Anders als die Mehrheit der Reiter hier, habe ich kein eigenes Pferd und reite auch erst seit vier Jahren indem ich einmal pro Woche Reitunterricht nehme und die Ferien auf Reiterhöfen verbringe. Der Beitrag über die Unbeschwertheit hat mir gut gefallen und eine schon etwas ältere Erinnerung ist mir sofort eingefallen. In dem Reitverein bin ich immer eine große, schöne Schimmelstute geritten die leider vom Umgang her immer schlechter wurde. (Stumpfte ab, biss und legte die Ohren an wenn man zu ihr kam…)Ich bin sie jedoch immer geritten und unter dem Sattel hatte sie Anfangs echt tolle Gänge. Einmal hatte ich Reitunterricht und musste am nächsten Tag eine Arbeit in der Schule schreiben. Das Fach war auch nicht mein bestes und so hatte ich weniger Lust auf das reiten, denn ich wollte mich lieber noch etwas vorbereiten. Trotzdem zog ich das reiten vor und war am Anfang mit den Gedanken eher in der Schule als auf dem Pferd. Als wir jedoch mit der Trabarbeit angefangen hatten, war ich nur noch auf das reiten mit der Stute fixiert und das war echt eine Stunde in der wir eigentlich die ganze Zeit einer Meinung waren und alles problemlos verlief.:) In der Stunde hatte ich dann keinen einzigen Gedanken mehr an die Schule verschwendet und den ganzen Stress vergessen. Obwohl ich nun nicht mehr auf dem Reiterhof reite, vermisse ich meine Lady M sehr und denke oft an die vielen schönen Zeiten in denen ich in den letzten 15 Minuten der Unterrichtstunde die Zügel lang gelassen hatte und sie trotzdem noch gut wenden konnte. Dabei hörte sie im allgemeinen eigentlich schlecht auf Hilfen. Ich glaube Unbeschwertheit mit dem Pferd kann man nur haben, wenn man kein Programm hat und wenn man die Unbeschwertheit weder erzwingt, noch erwartet.
So, jetzt bin ich endlich zum Punkt gekommen.
Ich habe viele der Beiträge, samt der Kommentare schon durch gekaut und bin sehr begeistert von der Art mit Pferden so um zu gehen.

LG, Franzi

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Hallo Franzi,

schön, dass Du zu uns gefunden hast!

Herzlich,
Tania

 

Von Christina • 3. April 2014

Liebe Tanja,
danke für den schönen Beitrag. Es tut gut das zu lesen, denn auch ich habe am Anfang mit meinen Pferden und mir immer Druck gemacht. Ich habe den LK runtergeladen und war auch als Zuschauer live dabei, habe viel darüber gelernt, alles super. Nur dass es mit meinen Pferden gar nicht klappte… Ich war dann sehr frustriert, habe an mir gezweifelt und alles Mögliche ausprobiert, mit dem Ergebnis, dass ich mir selber immer mehr Druck machte und dabei die Pferde immer weniger kooperierten. Mit der Zeit hatte ich dann gar keine Lust mehr, kam aber immer noch nicht los vom Gedanke, dass ich es doch jetzt nochmal versuchen müsste um endlich mal ein Erfolgserlebnis zu haben.
Seit einigen Wochen habe ich gar nicht mehr versucht zu longieren nach LK, habe nur noch das gemacht was auch die Pferde wollten, Freiarbeit, Ausreiten und einfach mit ihnen zusammensein. Seitdem haben wir wieder Freude miteinander und der Umgang ist allgemein viel entspannter, da der Druck weg ist!
Ich habe entschieden, dass ich im Moment einfach eine Pause von LK mache und ich mich deshalb nicht schlecht fühlen werde. Wenn dann die Zeit reif ist, komme ich wieder darauf zurück. Wann das sein soll, lasse ich offen.
Danke für eure tolle Website, das ist endlich DIE Ergänzung zu der ansonsten so männlich geprägten Pferdewelt (meine dies nicht wertend).
L.G. Christina

 

 

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