Sei respektvoll! – Inspiration des Monats

Mit unserer  Rubrik Inspiration des Monats nehmen wir uns jeweils ein Schwerpunktthema vor, für das wir Euch kurz und knapp Denkanstöße und Anregungen geben möchten. Lange Texte gibt es bei uns genug, aber gerade bei Basis-Themen denken wir, ist es wichtig, sie immer wieder mit in den praktischen Pferde-Alltag zu nehmen um für eine längere Zeit im Herzen bewegt zu werden. Und meist sind es Schlüsselsätze oder -erkenntnisse, die man wirklich bei sich behält. 

Unser Tipp: Zieht Euch jeweils unsere Inspiration des Monats auf Euer Handy, damit Ihr die Fragen und Denkanstöße  für eine Weile immer dabei habt – Ihr werdet vielleicht überrascht sein, wie unterschiedlich Eure Antworten und Gedanken dazu in verschiedenen Situationen ausfallen können. 

Thema des Monats:
Sei respektvoll!

Es gibt ein Phänomen, dessen sich viele von uns oft gar nicht bewusst sind: Und zwar sind wir unserem eigenen Pferd gegenüber oft viel weniger respektvoll als anderen, fremden Pferden gegenüber. Natürlich lieben wir unser Pferd und wir schwärmen in Gesprächen auch gerne davon, wie süß oder toll es ist, aber im praktischen Umgang und im Training haben viele von uns dem eigenen Pferd gegenüber nicht nur einen viel strengeren Blick, sondern wir verhalten uns oft auch viel ungeduldiger und ruppiger, als wir es einem fremden Pferd gegenüber tun würden. 

Achtet einmal ganz bewusst darauf: Scheut das Pferd einer Freundin, zeigen sich viele von uns verständnisvoll, scheut das eigene, reagieren wir jedoch oft ungehalten und rügen es für das „Gehampel“. Schnabbelt einem ein fremdes Pferd spielerisch an der Jacke herum, lacht man, tut es das eigene, bekommt es dafür nicht selten eins auf die Nase. Macht ein fremdes Pferd etwas beim Reiten anders als wir es wollten, reagieren wir nachsichtig und versuchen es einfach nochmal, bei unserem eigenen Pferd hingegen sind wir schnell genervt und strafen es womöglich noch dafür, weil es das doch schließlich kann und sich nicht so dumm anstellen soll … 

Oft geht es sogar noch weiter: Da wird dem eigenen Pferd unterstellt, dass es „einen ausnutzt“, dass es einen „ärgern will“ oder dass unser Pferd „es einfach immer wieder drauf anlegt“, ganz so als würden unsere Pferde jedes Mal, bevor wir kommen, Pläne dafür schmieden, wie sie uns das Leben besonders schwer machen können. Das ist nicht nur vermenschlichter Unfug, es ist vor allem unfair und respektlos. Und das wirklich Schlimme ist, dass das, was wir unserem Pferd unterstellen, wiederum die Basis für unsere Reaktionen und unser Verhalten bildet … 

Auch das eigene Pferd verdient unser Verständnis, unsere Nachsicht und ganz besonders unseren Respekt. Wir sollten versuchen, ihm in gewisser Hinsicht immer wieder neu zu begegnen und immer erst einmal hineinspüren, wie es ihm an diesen Tag geht und welche Signale es uns sendet, genau so, wie wir es mit einem Pferd tun würden, das wir noch nicht kennen. Macht es einen fröhlichen oder eher bedrückten Eindruck? Wirkt es munter oder schläfrig? Freut es sich, uns zu sehen, oder ist es gerade mit anderen Dingen beschäftigt? Im Training selbst können wir dann immer wieder nachfühlen, ob da eine gute Verbindung zwischen uns ist, ob wir die einzelnen Sachen wirklich gemeinsam machen oder ob es ein einseitiges Wollen von unserer Seite ist, auf das das Pferd dann mehr oder weniger gut reagiert. Und statt von unserem Pferd immer nur Gehorsam zu fordern, können wir einmal darüber nachdenken, was es braucht, damit sich unser Pferd wohler fühlt und motivierter mitarbeitet, denn das können wir ganz wesentlich durch unser Verhalten beeinflussen.

Ein respektvolles Miteinander beginnt immer mit einer respektvollen Kontaktaufnahme und erfordert im Miteinander Achtsamkeit dem anderen Wesen gegenüber – das gilt für fremde, aber eben genauso auch für das eigene Pferd.

Wege zum Pferd

 

 

27. Oktober 2020 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Inspiration des Monats, Longieren, Reiten, Umgang 6 Kommentare »

 

6 Reaktionen zu “Sei respektvoll! – Inspiration des Monats”

 

Von Steffi • 2. November 2020

Ihr Lieben, es gibt ja bekanntlich keine Zufälle und deswegen passt dieses Thema heute Morgen zu 100%. Ich hab mich gestern mit einer Bekannten überworfen, weil es genau um dieses Thema ging. Sie hat mein Pferd sehr respektlos behandelt und das Ganze dann damit gerechtfertigt, dass sie es hätte korrigieren müssen. Denn es hätte nicht gemacht, was sie wollte und sie sei der Chef. Mein Pferd wäre total gegen sie gegangen. Ich hab sie dann darauf aufmerksam gemacht, dass sie „angefangen hat“ und zuerst gegen mein Pferd gegangen ist und das Pferd nur irgendwann gezeugt hat, dass es nicht mehr kann. Sie ist noch sehr jung und wir waren davor schon 1,5 Stunden über Stock und Stein quer im Wald unterwegs. Das hat sie alles nicht interessiert. Man konnte förmlich die negative Stimmung und Dynamik in meiner Bekannten spüren. Kein Wunder lief das schief. Ich selbst bin total unerfahren mit Pferden. Nur war mir von Anfang an klar, dass ich dieses Ausbilden mit starkem Druck oder sogar Gertenschlägen nicht mag. Ich muss mir nun anhören, wie gefährlich mein Verhalten ist, wenn ich nicht hart durchgreife, wenn das Pferd gegen mich geht. Ich muss dazu sagen, dass ich es bis jetzt nicht so empfunden habe. Wenn etwas nicht klappt, denke ich, dass es an mir ist, es nochmal zu versuchen und vielleicht anders. Aber ich gebe zu, dass es mich sehr verunsichert und man von allen Seiten hört, dass man mit dem weichgespülten Verhalten nur Problempferde bekommt und es irgendwann richtig gefährlich wird. Ich stehe jetzt ganz alleine da mit einem jungen Pferd und fast keiner Erfahrung, weil meine Bekannte nun nicht mehr unterstützt (wir haben dieses junge Pferd nur gekauft, weil sie sagte, sie unterstützt mich). Aber ich werde es irgendwie trotzdem schaffen und das ohne Druck und Gewalt. Vielleicht muss ich noch ein bisschen mehr an meiner Überzeugungskraft meinem Pferd gegenüber arbeiten. Aber Respekt und Wertschätzung sind neben Freiheit meine obersten Werte. Und gegen die werde ich niemals verstoßen.

 

Von Ute Just • 2. November 2020

Hallo ihr 2, wie sehr ihr Recht habt, eine tolle Idee und vielleicht lesen es sehr viele Pferdemenschen. Ehrlich, auch ich bin ab und zu zu meinem so sehr geliebten Pferd ruppig, wenn es doch eigentlich an mir liegt und nicht an ihm. Wir finden immer einen schönen Abschluss, ja auch entschuldige ich mich, wenn es mal ganz ruppig war, danke meinem Holgerson, wenn er es mit mir gut aushält, auch dass er mir deutlich zeigt, heute habe ich eigentlich nicht so viel Lust auf Training. Inzwischen kann ich gut voneinander meine Person und mein Anliegen an Fjordi trennen. Er meint nicht mich, eher was wir tun oder eben nicht. Sätze wie, zeig, wer der Chef ist, ignoriere ich von Beginn an, dieses Erlebnis hatte ich vor einem Jahr, da wurde ich so angeblafft, weil mein Fjordi sich erschrak und mich umschubste, ich habe nicht geschimpft oder geschlagen. Aber leider gibt es solche Pferdemenschen eben auch. Eine schöne Woche euch

 

Von Suli • 2. November 2020

Vielen Dank, dass ihr einem Mut macht, einen anderen Weg zu versuchen. Mir geht es oft ähnlich wie Steffi und ich kann da sehr gut mitfühlen, wie sie das verunsichert. Ich denke, es ist ähnlich wie bei der Kindererziehung, da wissen es auch immer viele Leute „besser“,aber letztendlich kommt es doch auf euer persönliches Vertrauensverhältnis an. Wer würde sein Kind schlagen, weil die Tante sagt, dass es sonst nie Respekt lernt? Es muss einen anderen Weg geben, auch wenn er vielleicht nicht so schnell das erwünschte Ergebnis bringt. Mir ist es wichtig, dass ich mich in meiner Haut wohlfühlen kann und das fällt mir schwer, wenn ich jemanden zu etwas zwinge, von dem ich spüre, dass er davor z.B. Angst hat – egal ob Mensch oder Tier. Ganz abgesehen davon spürt das Pferd sicher auch unsere Unsicherheit bei der Massnahme. Wie soll es sich da auf seinen Menschen verlassen und den Widerstand aufgeben?

 

Von Daniela Vögele • 3. November 2020

Respekt ist tatsächlich ein Wort, das in der Reiterwelt nicht selten fällt. Meistens jedoch ist von Mangel an Respekt des Pferdes gegenüber seines Menschen die Rede. Wie schön, dass ihr die Menschen auffordert, respektvoll zu sein, denn Respekt ist keine Einbahnstraße. Pferde sind denkende, fühlende Wesen. So wie wir. So kann man sich selbst fragen: Wem vertraue ich mehr? Einem Chef, der mir ständig sagt, was ich zu tun habe und der mich ggf. auch dazu zwingt? Oder jemandem, der mich wahrnimmt, versteht und auf meine (auch wenn sie nicht den eigenen gleichen) Bedürfnisse, Unsicherheiten und/oder Ängste Rücksicht nimmt? Und mit dem Vertrauen kommt der Respekt. „Ich weiß, dass du meine Grenzen achtest, also achte ich deine“. Ich wünschte, alle würden dies verstehen, dann nicht von Vermenschlichung sprechen, und so die Welt der Pferde und Menschen friedvoller verständnisvoller und respektvoller machen.

 

Von Silke • 3. November 2020

Entgegen zu euren anderen Beiträgen kann ich heute nicht zustimmen. Bei mir ist es genau anders herum. Bei meiner eigenen Stute bin ich viel vorsichtiger und entschuldige ihr Verhalten. Wahrscheinlich ist es wie bei einem eigenen Kind, wo man immer dazu neigt, aus Liebe und Fürsorge alles zu erklären und es manchmal schwer gelingt, den nötigen Abstand zu wahren. Wohin gegen es mir bei fremden Pferden viel besser gelingt mit Abstand zu schauen, welche Reaktion auf welches Verhalten angemessen erscheint und die Frage des gegenseitigen Respekts gut geklärt werden kann.
Naja, auch hier vielleicht der Vergleich zu eigenen Kindern, solange sie von anderen super für ihr Verhalten und ihren Respekt gelobt werden, scheint man ja doch sehr viel richtig zu machen und lässt sich aus Liebe zum Pferd gerne mal „an der Nase herum führen“.

 

Von Tania Konnerth • 6. November 2020

Ein herzliches Dankeschön für all Eure Kommentare und Gedanken! Ich freue mich sehr, dass dieses Thema auf solche Resonanz stößt.

Liebe Grüße,
Tania

 

 

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