Die Gerte – wie sie zu einem Kommunikationsmittel werden kann

Immer mal wieder werde ich darauf angesprochen (und manchmal auch dafür kritisiert), dass man mich immer mit Gerte bei den Pferden sieht. Eine Gerte ist leider mit Recht ein Gegenstand, der mit Gewalt verbunden wird und ist deshalb bei vielen, die einen alternativen Umgang mit Pferden möchten, verpönt. Ich selbst bin ein großer Freund von Differenzierung und möchte gerne aufzeigen, dass eine Gerte zum einen tatsächlich ein hilfreiches und sinnvolles Werkzeug und zum anderen vor allem auch eine Chance sein kann. 

Den Missbrauch an der Wurzel packen

Ja, mit einer Gerte kann man schlagen und es wird oft genug gemacht. Trotzdem ist nicht die Gerte das Problem, sondern die Hand, die sie hält, bzw. der Mensch, zu dem die Hand gehört. Es wäre natürlich toll, wenn wir das Problem mit der Gewalt einfach lösen könnten, indem wir keine Gerte mehr mitnehmen, aber genau das ist leider nicht der Fall. Eine Hand, die mit einer Gerte schlägt, ist auch eine Hand, die selbst schlägt oder eine, die grob an Zügeln reißt – vielleicht weil sie es nicht besser weiß, weil sie es so gelernt hat und weil es immer noch salonfähig ist, Pferde zu schlagen. Gewalt hat immer Ursachen und solange wir nicht an die Wurzel des Problems gehen, werden wir das Problem nicht lösen können, denn z.B. Hilflosigkeit oder unkontrollierbare Gefühle, wie Wut u.Ä. gehen nicht weg, nur weil man die Gerte weglegt. Im Gegenteil! 

Wir müssen also tiefer gehen – und genau darin sehe ich eine große Chance. Schon in meinen ersten Reitstunden als Zehnjährige hatte ich gelernt, eine Gerte zum Strafen und Treiben zu nutzen, also als Mittel von Gewalt. Leider habe ich das in meinen jungen Jahren nicht hinterfragt und fühle mich deshalb bis heute mies. Vielleicht habe ich gerade deswegen für mich versucht, einen anderen, einen besseren Weg zu finden, ein Werkzeug wie eine Gerte zu nutzen und hier ein Stück weit auch eine Vorbildfunktion zu haben.

Ich werde im Folgenden darstellen, WIE ich eine Gerte nutze und auch, WARUM ich sie für sinnvoll im Umgang mit Pferden halte. 

Es geht um Respekt und Achtung

Für mich ist der gute Einsatz einer Gerte eine Schule in Sachen Respekt und Achtung. Damit ich auch in emotionalen Momenten, also wenn ich mich zum Beispiel über mein Pferd ärgere, weil es mich gerade angerempelt hat oder mir auf den Fuß getreten hat oder wenn ich Angst habe, weil mein Pferd neben mir wild zu schnauben und zu tänzeln beginnt, die Gerte nicht, wie gelernt, als Strafinstrument einsetze, braucht es eine große Portion Selbstbewusstheit. Die erreiche ich nur durch Selbstreflexion. Selbstreflexion ermöglicht es mir, meine Gefühle so früh wie möglich zu erkennen und konstruktiv mit ihnen umzugehen. Die Bereitschaft dazu ist eine Voraussetzung dafür, ein Werkzeug wie eine Gerte (oder alternativ einen Strick oder Zügel oder Ähnliches) nicht zu missbrauchen. 

Es geht nur ohne Angst

Das Allerwichtigste: Die Gerte darf einem Pferd keine Angst machen. Wenn ein Pferd Angst vor einer Gerte hat, kann ich sie nicht so einsetzen, wie ich es möchte. Also ist der erste Schritt, dem Pferd zu vermitteln, dass es keine Angst vor der Gerte in meiner Hand haben muss. Und das geht tatsächlich in den meisten Fällen viel leichter als gedacht. Bis auf wirklich schwer traumatisierte Pferde lernen die meisten sehr schnell zu unterscheiden (sonst müssten sie ja auch permanente Angst vor unseren Händen haben, mit denen so oft geschlagen wird…). 

Anthony hebt mir sogar regelmäßig meine Gerte auf, wenn sie heruntergefallen ist, für ihn ist sie ein Gegenstand wie jeder andere: 

Gerte

Pferde können exzellent differenzieren, denn sie sind Meister darin, unsere inneren Befindlichkeiten wahrzunehmen. Der Großteil der Pferde erspürt sehr schnell, ob der Mensch eine aggressive Absicht mit einer Gerte verfolgt oder nicht. Selbst sehr ängstliche Pferde mit schlechten Erfahrungen nehmen sie schnell kaum noch als „eigentlich bedrohliche“ Gerte wahr, wenn wir sie spielerisch heranführen und ihnen keinen Grund zur Sorge geben. Und das finde ich wundervoll, denn es ermöglicht mir, einem Pferd zu zeigen und auch dauerhaft zu „beweisen“, dass ich nichts Böses möchte, ja, dass es mir vertrauen kann.

Aber, Achtung: Hier ist sehr leicht viel Porzellan zu zerschlagen, denn das Vertrauen ist ganz schnell verloren, wenn die Gerte dann doch wieder als Gewaltmittel eingesetzt wird – und sei es auch nur „aus Versehen“. Das Bewusstsein darüber, wie viel auf dem Spiel steht, hat mir enorm dabei geholfen, immer achtsam in der Selbstreflexion zu bleiben, damit genau das nicht passiert. 

Warum ich eine Gerte nutze

Kommen wir zu der Frage, warum ich überhaupt eine Gerte nutze. Und meine Antwort dürfte manch einen verblüffen: weil sie mir, wie kein anderes Hilfsmittel ermöglicht, für ein respektvolles und entspanntes Miteinander mit Pferden zu sorgen.

Im Miteinander von Mensch und Pferd gibt für mich drei ganz wichtige Aspekte, die noch viel zu wenig beachtet werden, zwei davon sind anatomischer Art und diese beiden wirken sich ganz entscheidend auf den dritten aus, der etwas mit dem zu tun hat, wie Pferde ticken. 

Ein Pferd ist waagerecht, ein Mensch ist senkrecht

Ein Pferd ist vor allem eines: Es ist lang. Es hat einen langen Körper und an diesem Körper ist ein langer Hals. Wenn ein Pferd Kontakt vermeiden will, dann kann es sich so stellen und bewegen, dass ich allenfalls mit seinem Maul zu tun habe. Es kann mich also sehr einfach auf einen ordentlichen Abstand halten.

Ich als Mensch bin gleichsam ein senkrechter Strich. Ich habe zwar zwei Arme, aber die sind kurz. Was passiert nun, wenn ein Pferd auf mich zukommt, Nase vorausgestreckt und ohne Tendenz anzuhalten? Die allermeisten Menschen weichen reflexartig aus oder gehen zurück. Und selbst wenn wir stehenbleiben und vielleicht unsere Arme heben oder uns stimmlich bemerkbar machen, ist es das Pferd, das über einen körperlichen Kontakt entscheiden kann, indem es uns zum Beispiel mit der Nase berührt oder bufft oder den Kopf zur Seite nimmt und uns mit der Schulter touchiert oder rammt (je nach Pferdepersönlichkeit). 

Das Pferd steht auf vier Beinen, der Mensch auf zwei

Ein weiterer Punkt ist dieser: Ein Pferd steht auf seinen vier Beinen ziemlich stabil. Selbst bei massivem Körperkontakt durch ein Anrempeln mit der Schulter durch ein anderes Pferd, fällt ein Pferd nicht um.

Wir Menschen dagegen stehen sehr wackelig auf unseren zwei Beinen und sind schon durch minimale Berührungen aus der Balance zu bringen – das gilt übrigens auch für die breitbeinig Dastehenden, die der festen Überzeugung sind, dass sie nicht weichen, achtet mal ganz bewusst darauf. Ein Stupser mit der Nase lässt uns einen Schritt zurückmachen, ein Rempler – und wir liegen auf dem Boden. 

Das beliebte Spiel „Wer bewegt wen?“

Nun gibt es ein Spiel, das alle Pferde beherrschen (es sei denn, sie sind verhaltensgestört) und das heißt: Wer bewegt wen? Dieses Spiel bildet eine entscheidende Basis des pferdischen Miteinanders und wenn wir dieses Spiel nicht verstehen, nicht durchschauen und auch nicht selbst spielen können, wird es immer wieder zu Problemen in der Kommunikation und im Umgang mit Pferden kommen. Beherrschen wir es hingegen, macht das das Miteinander mit jedem Pferd leichter. 

Achtung: Fehlinterpretation!

Leider ist dieses Spiel auch schon sehr missinterpretiert worden, so dass vollkommen falsche Schlussfolgerungen daraus gezogen wurden. Die gesamte und längst überholte Dominanztheorie basiert auf der Annahme, dass Pferde, die uns bewegen wollen, dominant sind, und dass wir als Menschen eben dominanter sein müssen, um Chef zu sein. Aus meiner Sicht ist das eine sträfliche Fehlinterpretation des Verhaltens und des Wesens von Pferden und führt einmal mehr zu groben und unangemessenen Handlungen, wie z.B. dem forcierten Rückwärtsschicken von vermeintlich respektlosen Pferden oder dem druckvollen Weichenlassen, um dem Pferd klarzumachen, dass es „rangniedriger“ als der Mensch ist. 

Der Sinn des „Wer-bewegt-wen?“-Spiels

Fragen wir uns doch einmal, warum das „Wer bewegt wen?“-Spiel eigentlich so wichtig für Pferde ist: Ganz sicher nicht, damit ein paar Bullys anderen Pferden klarmachen können, dass sie nichts zu melden haben. Es sichert viel mehr, dass die Abläufe in der Herde für alle Herdenmitglieder verständlich geregelt sind und dient dazu, dass das Miteinander in einer Herde verlässlich funktioniert.

Wenn im Notfall Flucht angesagt, kann es sich keine Herde leisten, dass sich die einzelnen Tiere anrempeln oder nicht zur Seite gehen, das würde Zeit und Kraft kosten und könnte bei echter Panik zu schlimmen Stürzen führen. Es ist entscheidend, dass jeder auf jeden achtet und dass jedes Pferd flüchten kann. Eine Herde muss im Notfall fast funktionieren, als handele es sich um einen einzigen Organismus. Das „Wer bewegt wen“-Spiel ist quasi ein Dauertraining in Sachen gegenseitiger Aufmerksamkeit und Zwiesprache und sorgt dafür, dass alle immer aufeinander achten.

Bei unseren mehr oder weniger in Sicherheit und damit eben manchmal auch eher in Langeweile lebenden Pferden hat das Spiel „Wer bewegt wen?“ zusätzlich einen Unterhaltungswert. Viele Pferde finden es lustig, uns beim Abäppeln zu helfen, indem sie sich uns in den Weg stellen, uns anstupsen, ihre Köpfe an uns reiben oder was ihnen noch so mit uns einfällt. Die meisten Menschen finden das zu Beginn auch lustig und wir lachen und streichen ihnen über den Kopf und merken gar nicht, dass wir ständig ausweichen – zur Seite oder nach hinten, mal nur ein Stück, mal mehr. Irgendwann wird es uns dann meist zu nervig und wir wollen in Ruhe weiterarbeiten, aber die Pferde stehen uns inzwischen fast auf den Füßen oder ziehen an unserer Jacke. Und spätestens das ist dann der Moment, wo die meisten unfair werden, denn dann wird ermahnt, geschimpft und wenn das nichts bringt, erfolgen physische Maßnahmen. „Was soll ich machen, die buffen mich ja auch!“ wird dann ein Schlag mit der Hand gerechtfertigt.

Mit einer Gerte bin ich im Spiel

Und jetzt kommt die Gerte ins Spiel, denn sie ermöglicht es mir, das Spiel „Wer bewegt wen?“ auf eine respektvolle und aus meiner Sicht durch und durch pferdegerechte Weise mitzuspielen. Ich kann mit einer Gerte einem Pferd auf eine vollkommen unaggressive Weise vermitteln, dass ich möchte, dass es meinen Individualraum respektiert, in dem ich, wenn ich merke, dass ein Pferd auf mich zukommt, die Gerte leicht anhebe und zwischen mich und das Pferd bringe, quasi als Abstandshalter. 

Wichtig: Mein Ziel ist grundsätzlich, kein Pferd mit einer Gerte überhaupt berühren zu müssen. Bei etwas dickfelligeren Pferden, die mein zartes Tippen ignorieren, überlege ich, wie ich deutlicher werden kann, indem ich z.B. ein kleines Stück Folie an das Gertenende binde, mit dem ich dann knisternd wedeln kann. Damit bekomme ich die Aufmerksamkeit von so ziemlich jedem Pferd. Und das ist das, worum es mir geht: Ich möchte, dass das Pferd meine Zeichen, in diesem Fall die Bitte, mit etwas Abstand stehen zu bleiben und mir nicht zu nahe zu kommen, wahrnimmt und respektvoll reagiert.  Ich überprüfe auch immer mal wieder, ob als Zeichen irgendwann auch meine Hand oder meine Ausstrahlung ausreicht, aber oft provoziere ich damit, dass das Pferd mir – ohne es böse zu meinen! – doch zu nahe kommt. Die Gerte ist ein Hilfsmittel, das es mir ermöglicht, meinen Individualraum so groß zu beschreiben, dass das Pferd anhält, ohne dass es mich berühren kann. Bei Handzeichen werden die meisten Pferde so nah kommen, dass sie mindestens unsere Hand mit der Nase berühren können, nutze ich eine Gerte, gewinne ich genau die Gertenlänge als zusätzlichen Abstand. 

Warum ist Abstand so wichtig?

Nun mag manch einer sich fragen, warum ich denn nicht vom Pferd berührt werden will. Es geht nicht darum, nicht grundsätzlich vom Pferd berührt zu werden, aber ich möchte eine Möglichkeit haben, die Berührungen mitzugestalten, und zwar auf eine respektvolle und freundliche Art.

Gehe ich zum Beispiel zum Abäppeln in eine Herde, kann es mir gut passieren, dass einige der kontaktfreudigeren oder forscheren Kandidaten auf mich zukommen. Ich stehe dann zwischen drei, vier Pferden, von denen ich mehr oder weniger sanft berührt werde, sprich: Sie haben sozusagen Vollkontakt mit mir, da ich ihnen ja mit meinem gesamten (senkrechten) Körper zur Verfügung stehe. Sie selbst sind fein raus, da ihre Körper für mich unerreichbar sind. Was wir Menschen dann in diesem Fall meist machen, um uns zu befreien, ist uns entweder durch die Pferdenasen hindurchzudrängeln (was meist wenig Erfolg hat, denn die Nasen werden uns einfach verfolgen, wenn sie uns interessant genug finden) oder wir heben die Arme hoch und wedeln oder klatschen und rufen, um uns etwas Raum zu schaffen. Kommen die Pferde dieser Bitte nicht nach, werden viele auch massiver und es wird geschimpft, geklapst oder geschlagen. 

Habe ich eine Gerte dabei, kann ich das Geschehen von Beginn an ganz anders gestalten. Mit einer Gerte kann ich den forschen Pferden auf eine ganz freundliche Art vermitteln, dass sie bitte erst einmal nicht näher kommen sollen. Das lernen auch die aufdringlichsten Pferde ganz schnell. Schenkt mir das Pferd den Respekt, mich nicht zu bedrängen, kann nun ich zum Pferd gehen, es begrüßen und auch mit ihm kuscheln. Das ist dann aber meine Entscheidung und das ist der entscheidende Punkt: Ich werde nicht bewegt, sondern ich bewege mich selbst und ich bewege das Pferd (bzw. lasse es Abstand halten, was Teil des Spiels ist). 

Wichtig!

Die Gerte allein hilft mir unter Umständen gar nichts, wenn ich nicht wirklich bereit bin, das „Wer bewegt-wen?“-Spiel zu spielen, sprich: Ich muss tatsächlich Abstand wollen! Sehr viele von uns genießen den Körperkontakt mit Pferden so sehr, dass wir innerlich ausstrahlen, dass das Pferd ganz nah kommen kann. Pferde, die das Spiel gerne spielen, ignorieren dann auch eine Gerte. Hier ist die Antwort nun natürlich nicht, die Gerte doller einzusetzen, sondern hier muss der Mensch für sich klären, was er will. Für mich persönlich ist der körperliche Kontakt mit Pferden sehr viel schöner und entspannter, wenn er respektvoll und achtsam erfolgt, deshalb sorge ich sehr konsequent dafür, das Pferde mich nicht bedrängen oder gar anrempeln.  

Eine Gerte kann tatsächlich Gutes bewirken

Dieses Prinzip lässt sich auf alle Bereiche im Umgang mit Pferden am Boden übertragen und je konsequenter wir es befolgen, desto respektvoller, achtsamer und feinfühliger wird das Miteinander. Das jedenfalls ist meine Erfahrung. Natürlich würde ich noch ein bisschen lieber davon berichten können, dass ich allein durch meine Ausstrahlung in der Lage bin, aufdringliche oder aufgeregte Pferde nicht zu nahe an mich herankommen zu lassen, aber, das gebe ich offen zu: Das schaffe ich nicht. Also nutze ich eine Gerte und freue mich darüber, sie sinnvoll und pferdegerecht einsetzen zu können. 

Ein Beispiel

Zum Abschluss noch ein Beispiel: Auf dem folgenden Foto bin ich mit Dreamer zu sehen. Dreamer ist ein Pferd, das sich sehr aufregen kann und mit all dem Energieüberschuss, der dann in ihm ist, einem dann auch deutlich zu nahe kommt. Um mit ihm entspannt umgehen zu können, brauche ich gerade dann ausreichend Abstand. Dieses Pferd hatte in der Vergangenheit Schlimmes mit Gerten und Peitschen erlebt, aber ich habe ihm vermitteln können, dass ich nichts Böses damit vorhabe. Ich kann die Bogenpeitsche dazu nutzen, ihn wie in dieser Situation, in der er zuvor sehr aufregt war, zu bitten, nicht näher zu kommen. Die leicht angehobene Peitsche macht Dreamer, wie deutlich zu sehen ist, keine Sorgen, im Gegenteil, er kann sogar etwas entspannen. Würde ich mich bedrängt fühlen oder hätte ich Angst, umgerannt zu werden, könnte ich selbst in einer solchen Situation nie die Ruhe ausstrahlen, die er braucht. Er akzeptiert die Gerte voll und ganz als Abstandhalter und mit ihr können wir gemeinsam zur Ruhe kommen. Im nächsten Schritt kann ich dann auf ihn zugehen, ohne dass ich in Gefahr gerate, umgerannt zu werden. Das ist ein Beispiel dafür, wie eine Gerte tatsächlich Gutes bewirken kann, sofern sie verantwortungsvoll und mit Bedacht genutzt wird. 

Gerte

Ja, ich rate tatsächlich auch in meinen Coachings dazu, eine Gerte zu nutzen und zeige, wie ich sie einsetze. In eben genau der hier geschilderten Weise kann sie wesentlich zu einem harmonischen, vertrauensvollen und achtsamen Miteinander beitragen. 

16. April 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Ausrüstung, Erkenntnisse, Umgang 3 Kommentare »

Probleme beim Clickertraining: Übermotiviert und unter Stress

Wir beide arbeiten ja begeistert mit dem Clickertraining. Leider gibt es aber noch immer viele Vorbehalte gegen diese Art der Ausbildung, die unserer Einschätzung nach vor allem auf Unsicherheiten, Ängsten und Unwissenheit beruhen. Vielleicht können wir hier ein bisschen Abhilfe schaffen, indem wir uns einmal einem sehr typischen Problem widmen, auf das viele stoßen, die mit dem Clickern beginnen und das nicht selten dazu führt, dass das Clickertraining wieder abgebrochen wird, obwohl sich gerade darin eine große Chance für ein harmonisches Miteinander bietet. Es geht um den Übereifer beim Pferd.

Der Übereifrige –
„Clickern macht mein Pferd ganz wuschig“

Das Problem: Isa hat mit ihrem jungen Haflingerwallach zu clickern begonnen, da sie ihn möglichst gewaltfrei ausbilden möchte. Der Einstieg klappt auch gut, der Youngster lernt schnell. Es dauert aber nicht lang und es zeigt sich ein Problem: Isas Haflinger ist vom Clickern so begeistert, dass er bald damit beginnt, hektisch alles Mögliche anzubieten und gar nicht mehr auf Isas Signale achtet. Sie ist seinem Übereifer nicht gewachsen und überlegt, mit dem Clickern wieder aufzuhören. 

Begeisterung ist etwas Gutes…

Schauen wir uns einmal an, was hier passiert: Isa hat mit dem Clickertraining eine Möglichkeit gefunden, mit ihrem Pferd so zu arbeiten, dass es mit Feuereifer dabei ist. Diese Freude und Begeisterung sind etwas Gutes, denn genau darum geht es doch: unsere Pferde zur Mitarbeit zu motivieren. 

Wie aber bei so vielen, kann etwas Gutes auch ins Gegenteil umschlagen, wenn es zu extrem wird. Pferde, die sich sehr für das Clickertraining begeistern, entwickeln oft zu viel Energie und achten im Übereifer nicht mehr auf den Menschen. 

… Stress aber nicht

Bei übereifrigen Pferden schlägt die Begeisterung schnell in Stress um. Sie wollen um jeden Preis alles richtig machen und schießen dabei über das Ziel hinaus. Das ist sowohl für das Tier als auch für den Menschen unangenehm und macht ein Lernen schwer bis unmöglich. 

Hier liegen die Ursachen aber weniger im Clickertraining selbst, sondern sind zum einen in der Persönlichkeit des Pferdes oder aber noch mehr in der Beziehung zwischen Mensch und Pferd zu suchen. 

Das Problem an sich ist leicht zu lösen: Ruhe als Übung

Das Problem des Übereifers lässt sich meist gut in den Griff bekommen, indem man von Beginn an systematisch Pausen und Ruhemomente konsequent als Übungen einbaut und auch diese clickert.

Wichtig ist, dass man eine so genannte „Null-Position“ bestimmt, also z.B. das entspannte Stehen. Immer wieder gilt es, auch diese Null-Position zu clickern, also die Pausen-Momente, in denen nichts zu tun ist, genauso attraktiv zu gestalten, wie die Lernphasen. 

Schwieriger ist, an der eigenen Einstellung zu arbeiten

Interessanterweise tun sich viele Menschen recht schwer damit, Nichts-Tun zu belohnen. Hier zeigt sich der weitverbreitete Ansatz, dass nur Leistung ein Lob verdient und das wiederum deckt eine Strenge auf, die viele von uns in sich haben und so unbewusst auch ausstrahlen. 

Die meisten von uns lernen das Reiten in herkömmlichen Reitschulen und entwickeln auf diese Weise die Einstellung, dass Pferde tun müssen, was der Mensch will. Der eigene Wille wird mit mehr oder weniger Druck durchgesetzt und Fehlverhalten des Pferdes wird vom Menschen mehr oder weniger freundlich korrigiert oder auch bestraft. 

In einem Pferdeleben geht es naturgemäß nicht um Leistungen oder darum, Dinge zu erreichen oder gut zu machen. Pferde wollen ihr Überleben sichern, Zugang zu Ressourcen wie Futter und Wasser haben und innerhalb ihres Sozialsystems möglichst stressfrei und harmonisch leben. Sie wollen vor allem eines: sich wohl fühlen.

Nun bringen wir Menschen, indem wir mit Pferden arbeiten, etwas Neues in ihr Leben: nämlich Erwartungs- und Leistungsdruck. Wir Menschen haben bestimmte Vorstellungen davon, was Pferde tun und können sollen, wir stellen Forderungen und Aufgaben, die wir erfüllt sehen wollen und wir geben mehr oder weniger nette „Befehle“, die wir befolgt sehen wollen. Damit bauen wir, oft unbewusst und ungewollt, Druck auf, den Pferde mit ihrer feinen Wahrnehmung spüren, egal wie sehr wie ihn auch verbergen wollen.

Manche Pferde reagieren auf Druck mit Entzug oder Verweigerung, andere wollen unbedingt ungute Erlebnisse vermeiden und setzen darauf, alles richtig machen zu wollen. Genau diese zeigen dann oft Übereifer. Da aber Pferde oft gar nicht genau wissen, was wir eigentlich von ihnen erwarten, bieten sie unter Stress oft alles Mögliche an.

Und hier müssen wir Menschen ihnen helfen, indem wir ihnen deutlich machen, dass gar nicht immer etwas getan werden muss, sondern dass es genauso gut und richtig ist, auch einfach mal entspannt beieinanderzustehen. 

Unsere Tipps für alle anderen mit übereifrigen Pferden

  • Von Beginn an eine Null-Position einführen, in der es nur um Ruhe und Pause geht und diese nicht erst bei Übereifer, sondern auch schon zwischendurch genauso wie eine Lektion clickern und loben, um dem Pferd deutlich zu machen, dass es nicht ständig Leistung bringen muss. 
  • Die eigene Ausstrahlung, die Ansprüche und Erwartungen an das Pferd überprüfen:
    • Bin ich ungewollt zu streng?
    • Erwarte ich vielleicht zu viel von meinem Pferd?
    • Bin ich zu hart in meiner Ausstrahlung? 
    • Wie reagiere ich bei Fehlern meines Pferdes?
    • Wie geht es mir, wenn ich selbst Fehler mache?
    • Kann ich selbst auch einmal nichts tun?
    • Wie kann ich für mehr Leichtigkeit und Freude in unserem Miteinander sorgen? (Tipp: Speziell dazu gibt es viele Tipps in unserem Freudekurs.)

Und noch ein wichtiger Punkt

Manchmal müssen wir die Ursachen für ein (Fehl-)Verhalten auch außerhalb der eigentlichen Situation suchen. Wirkt ein Pferd im Training sehr fahrig, nervös und überaktiv, so kann das auch daran liegen, dass wichtige Grundbedürfnisse unerfüllt sind. Viel mehr Pferde, als man denken sollte, haben z.B. permanent Hunger, weil sie zu wenig Raufutter bekommen. Kommt nun durch das Clickertraining Futterlob ins Spiel, ist vollkommen verständlich, dass der Erregungslevel steigt! Ähnliches gilt für Pferde, die Durst haben, nicht genug Bewegung bekommen, keinen ausreichenden Kontakt zu Artgenossen haben, nicht genug Ruhe oder Schlafmöglichkeiten haben und vieles mehr. Also bitte auch immer auf das Gesamtbild schauen. 

 

 

2. April 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Allgemein, Clickertraining, Jungpferdausbildung, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

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