Aus der Sicht des Pferdes…

Inzwischen glaube ich, dass ein Kernproblem im Umgang von Mensch und Pferd der Punkt ist, dass wir Menschen oft nicht bereit oder vielleicht auch manchmal nicht in der Lage sind, uns in ein Pferd hineinzuversetzen. Wir gehen in ganz vielen Aspekten von unserem eigenen Sein aus und vergessen, dass für ein Pferd vieles grundlegend anders ist als für uns. 

Hier einige Beispiele: 

  • Luisa möchte Langzügelarbeit mit ihrem Norweger Sam machen. Die beiden sind seit vielen Jahren ein gutes Team und Sam macht für Luisa alles, naja, fast alles, denn bei der Langzügelarbeit verweigert er sich komplett. 
  • Andreas hat seine dreijährige Stute bereits seit anderthalb Jahren. Er hat früh damit begonnen, mit dem Fohlen kleine Spaziergänge zu machen und das ging auch schon richtig gut. Seit letzter Woche ist die Stute aber wie ausgewechselt. Sie tänzelt und steigt an der Hand, an einen Spaziergang ist kaum noch zu denken. Andreas findet das Verhalten ungezogen. 
  • Sarah hat sich einen jungen Wallach aus Spanien kommen lassen. In der Verkaufsanzeige wurde er als brav beschrieben. Nun steht er seit einer Woche im neuen Stall, lässt sich aber nicht anfassen, kaum aufhalftern und nicht führen. Sarah versteht sein Verhalten nicht und traut sich nicht an ihn heran.

Schauen wir uns die drei Situation doch einmal aus Pferdesicht an: 

  • Sam mag seine Luisa. Sie behandelt ihn gut und vieles, was sie mit ihm macht, gefällt ihm. Früher ist er für Fehler bestraft worden und genau das möchte er bei Luisa nicht erleben. Wenn er etwas nicht versteht, macht er lieber gar nichts. Neuerdings steht Luisa öfter mal hinter ihm und er hat keine Ahnung, was das Ganze soll. Er spürt, dass Luisa etwas von ihm will, das er nicht begreift und er spürt auch ihren Frust. Das verunsichert ihn sehr und so fällt er in sein altes Muster und macht einfach gar nichts mehr. 
  • Die kleine Stute von Andreas fand das, was er mit ihr bisher gemacht hat, ganz ok, aber in letzter Zeit mag sie einfach nicht ruhig laufen und kann sich nicht konzentrieren. Die Hormone in ihr kochen hoch, der  Energielevel steigt, Bewegungsfreude und viel Temperament möchten sich entladen – wer hat da schon Lust auf einen ruhigen Spaziergang? Und so ärgert sie der Strick und Andreas und alles, was sie einengt, denn am liebsten möchte sie einfach nur losrennen – das wäre toll! 
  • Der junge Wallach von Sarah hat eine nicht einfache Pferdejugend in Spanien gehabt. Er wurde irgendwann aus der Junghengstherde geholt und lernte Menschen als Wesen kennen, die ihm Schmerzen zufügen können. Unter dem Einfluss von Serrata und hartem Einsatz von Zügeln und Beinen wurde er gefügig gemacht und eingeritten. Eines Tages wurde er mit viel Druck verladen, fuhr etliche Stunden in einem Hänger und kam in einer vollkommen neuen Welt an. 

Indem wir uns in ein Pferd hineinversetzen, können wir Gründe und Ursachen für ein Verhalten finden, das uns ärgert oder das wir nicht möchten. Und damit können wir auch Ansätze finden, wie wir die Problemsituation MIT dem Pferd lösen können. Schauen wir uns das noch einmal für die drei Beispiele an: 

  • Als Luisa erkennt, dass Sam nicht bockig, sondern verunsichert ist, bittet sie ihre Freundin um Hilfe. So erklären die beiden dem Wallach ganz in Ruhe worum es geht. Dafür läuft Luisa erst wie von der Handarbeit gewohnt vorne am Kopf mit, während ihre Freundin an der hinteren Position mitläuft. Sie geben beide die Hilfen und loben Sam für jeden richtigen Schritt. Dann lässt sich Luisa langsam nach hinten fallen, während die Freundin Sam vorne immer wieder zum Antreten ermutigt. Beide loben sehr viel und freuen sich über jeden richtigen Impuls. Sam entspannt sich und begreift nach und nach, was Luisa möchte. 
  • Andreas erkennt, dass seine Stute in die Pubertät kommt und sich gerade ganz viel in ihr verändert. Er beschließt, ihr einige Zeit Pause zu geben, in der sie einfach nur Pferd in ihrer Herde sein kann. Er besucht und füttert sie und hält so den Kontakt, aber stellt keine Anforderungen an sie. Nach einer ganzen Weile schaut er mal wieder, ob sie Lust darauf hat, etwas mit ihm zu machen und sie reagiert offen und freundlich. 
  • Sarah begreift, dass der junge Spanier ein komplett entwurzeltes Pferd ist, ängstlich und verwirrt. Er muss erst einmal in seiner neuen Welt ankommen können. Das Wichtigste für ihn sind in dieser Phase andere Pferde, die ihm Sicherheit und Geborgenheit geben können. Allein in einer Box fühlt er sich verloren und ausgeliefert. Sarah kann selbst im Moment wenig für ihn tun, da sie eher Angst vor ihm hat. Sie gliedert ihn in eine Offenstallherde ein, die ihn schnell annimmt, und lässt ihn erst einmal in Ruhe. Sie fährt allerdings zu ihm, spricht mit ihm, bringt ihm etwas Leckeres mit und erarbeitet sich so nach und nach sein Interesse. Damit legt sie die Basis für wachsendes Vertrauen. 

Beispiele dieser Art wirken natürlich immer etwas holzschnittartig, da die Wirklichkeit ja komplexer ist. Aber sollte deutlich werden, worauf es mir ankommt: Es geht darum, Pferdeverhalten nie nur aus unserer eigenen Sicht, sondern immer auch aus der Perspektive des Pferdes zu sehen. Nur so können wir unser Pferd überhaupt verstehen und nur so lassen sich sinnvolle Schritte finden, mit denen wir einen gemeinsamen Weg beschreiten können. 

Aus Sicht des Pferdes

19. März 2019 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

 

5 Reaktionen zu “Aus der Sicht des Pferdes…”

 

Von Silke • 19. März 2019

Liebe Tania,
Wieder einmal triffst du den Nagel auf den Kopf. Und ich finde die Beispiele sehr realistisch.
Wir besitzen zwei spanische Stuten, beide sind recht jung bei uns eingezogen. Doch gerade Jamila hat noch ihr spanisches Päckchen zu tragen. Auch sie macht schnell zu. Dann kamen beide irgendwann in die Pubertät. Tja so ist das wenn man Pferde hat . Jedes Pferd lernt individuell schnell u d hat Lust auf andere Dinge oder Talente. So versuchen wir die Ausbildung daran auszurichten. Jedoch merke ich immer wieder wenn es klemmt: ich gehe von mir aus, verstehe manchmal nicht wo das Problem ist. Doch wir haben tolle Menschen an unserer Seite, die uns genau daran erinnern. Mal zu überlegen was das Pferd davon hält. Und dann ist die Lösung oft so einfach. Und manchmal ist eben Ruhe geben die Beste

 

Von Anke Henneberg • 20. März 2019

Liebe Tania und liebe Silke,
ja in der Ruhe liegt die Kraft. Nun hatten wir gerade sturmreiche Woche und jegliches Training ist ausgefallen. Am Montag habe ich es wieder aufgenommen und meine beiden Arabermädchen haben nach dem warm up (gesittet) an der Longe Explosionen gezeigt (es gab noch Sturmboen). Mein Gedanke war: lass dich nicht provozieren, nimm sie kurz und arbeite an kleinen Wendungen. Nayla, 25J, hat das sehr gut angenommen und wir konnten dann bald das geplante Training aufnehmen. Mit Naima,20J, war es sehr heftig und dominant, frech provokant. Ich war kurz am Überlegen ob ich sie wieder in ihren Auslauf bringe. Nun hatte ich ja zum Glück mit Nayla angefangen und Erfolg gehabt. Also ähnlicher Trainingsaufbau und longieren in den Dualgassen mit wenig Distanz zwischen uns. Wir kamen Beide in den Frieden und in die Gelassenheit. Es hätte auch anders ausgehen können und dann wäre nach einer kleinen Respektaufgabe der Freigang dran….dann ist das eben auch okay! Ich für mich, finde es wichtig, das Erlebnisse harmonisch beendet werden, damit sich nichts bei Mensch und Tier festsetzt. Ähnlich wie Aufsteigen nach einem Sturz!

 

Von Erich, Sabine • 25. März 2019

Wie schön, dass ihr eure Ansichten mal an praktischen Beispielen erklärt. So ist es für den Leser einfacher zu verstehen, was genau ihr meint. Zuerst die Sicht des Menschen, dann die Sicht des Pferdes und dann ein Beispiel, wie man solche Situationen lösen könnte. Toll gemacht!
Liebe Grüße, Sabine

 

Von Annalena • 27. März 2019

Hallo,

Ich finde den Artikel toll!
Ich habe ähnliches mit meiner jungen Stute erlebt in der Pubertätsphase. Und habe sie auch wie beschrieben reagiert:
Das Ergebnis ist toll: jetzt ist sie wieder ganz zugewandt und neugierig. Dadurch läuft die Bodenarbeit sehr gut und wir machen weiter mit dem Longenkurs.
Schade ist nur, dass viele Menschen meine herangegensweise nicht verstehen. Und vorallem nicht verstehen warum ich sie mit 3 nicht eingeritten habe. Sie hatte doch so viel Energie und muss in Arbeit.
Deshalb danke für eure Artikel um mehr Menschen in ein Nachdenken zu bringen.
Herzliche Grüße und weiter so!
Annalena

 

Von Karin Hartel • 30. März 2019

Danke, immer wieder danke für Eure Artikel und die Kommentare. So macht Lernen Spaß. Und Spaß brauche ich im Moment, denn es ist leer, unser Pferdeland. Mein Morganhorse Cuty ist im Pferdhimmel. Wir haben den Kampf gegen die Hufrehe nach 8 Jahren endgültig verloren. Unser treues Beistellpony macht Urlaub auf dem Pferdehof des Nachbarn, damit sie Pferdegesellschaft hat.
Gerade in dieser Leerphase empfinde ich es wichtig zu lernen. Als ich meine Cuty kaufte, war sie vom Herdenwechsel und der fünfstündigen Hängerfahrt traumatisiert. Hilflos saß ich damals als Einsteller in einem fremden Stall mit einem beißenden, tretenden Pferd. Ein Drama begann, dass im Bau eines hufrehegerechten Pferdelandes mündete.
Nun wartet der Offenstall und der sandige Laufpaddock auf eine neue Aufgabe. Unser Pony soll nicht nur Gesellschaft haben. Ich träume für sie von einer kleinen Herde, denn auch zwei Pferdchen sind keine funktionierende Herde, die Schutz bedeutet. Doch alleine kann ich das nicht bewältigen und so träume ich von einer gemischten Herde, die aus Menschen und Pferden besteht.
Ich träume aktiv. Stelle mir das Optimale in möglichst vielen Details vor, erzähle davon, träume weiter und warte.
Komische Taktik, aber sie hatte auch damals funktioniert, als ich ein Therapiepferd für mich suchte. Ich wollte nur ein wenig Reiten und dann bekam ich nicht nur ein eigenes Pferd, sondern eine Pferdetherapie die ganz wenig mit Reiten zu tun hatte, aber ganz viel mit dem Erlernen der Pferdesprache. Die Bilder dazu findet Ihr in meinem Blog http://www.kunstvomhof.de, wobei da auch viel anderes drin ist.
Ich freu mich immer, wenn ich die Wege zu Pferd lese. Danke
Karin aus Bersenbrück

 

 

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