Blinde Flecken – wer hat sie nicht?

Wisst Ihr, was ein so genannter blinder Fleck ist? Nein, keine Augenkrankheit des Pferdes, sondern hier geht es mal wieder um uns selbst. Als „blinden Fleck“ bezeichnet man Teile der eigenen Person oder auch Verhaltensweisen, derer wir uns nicht bewusst sind. Die gibt es in allen Lebensbereichen, aber gerade in der Pferdewelt lassen sie sich besonders anschaulich aufzeigen, denn die ist leider voll davon. Und weil blinde Flecken oft zu krassen Widersprüchen zwischen Tun und Handeln führen, halte ich es für wichtig, sich einmal genauer damit zu befassen.  

Ein anschauliches Beispiel

Vor einiger Zeit fand ich ein inspirierendes Foto mit sehr klugen Aussagen, wie zum Beispiel die, dass Pferde nicht dafür da sind, unser Ego zu befriedigen. Als ich dann aber auf die Quelle klickte wurde mir dort ein Foto von der Verfasserin mit einem sehr jungen Fohlen gezeigt, das mit Showhalfter, Siegesschärpe und Gewinnerrosette zu sehen war… 

Ist doch nicht so schlimm? So etwas kann ein Fohlen schon mal ab? 

Tja, mag sein, … aber wenn ich das tue, kann ich meiner Ansicht nach nicht schreiben, dass Pferde nicht dafür da sind, unser Ego zu befriedigen, denn die Teilnahme mit einem vielleicht einige Wochen (!) alten Fohlen an einer Show hat aus meiner Sicht vor allem etwas mit Ego-Befriedigung zu tun und nichts mit art- und altersgerechter Fürsorge. Nur, und das ist der Punkt, könnte es gut sein, dass die Verfasserin sich kein bisschen darüber bewusst ist, dass sie selbst genau das tut, wogegen sie vorher geschrieben hat. Das ist ein sehr gutes Beispiel für einen blinden Fleck, der zu einem krassen Widerspruch führt und die Frau tun lässt, was sie eigentlich ablehnt.

Was wir bei anderen schnell sehen… 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass fast jede/r von uns solche Beispiele parat hat: 

  • Da ist die Miteinstellerin, die sagt, dass sie ihr Pferd so doll lieb hat und ständig neue Decken, glitzernde Stirnbänder, säckeweise Möhren und dergleichen mehr kauft, aber wenn das Pferd aus ihrer Sicht einen Fehler macht, wird es grob bestraft. 
  • Da ist der Pferdebesitzer, der viel Geld in den tollen Westerntrainer investiert, damit sein Pferd eine gute Ausbildung bekommt, dem aber im Falle bei einer ungeklärten Erkrankung das Rufen eines zweiten Tierarztes oder eine alternative Behandlung seines Pferdes zu teuer ist. 
  • Da sind die Trainer, die auf ihren Webseiten mit „Pferdegerechter Ausbildung“ werben, aber in der Praxis noch immer der längst überholten Dominanztheorie folgen.
  • Da sind all die vielen Leute, die in den Social Media schon fast wie die Hyänen auf andere Pferdebesitzer losgehen, wenn sie etwas wittern, was nicht ok ist, aber selbst den Sperrriemen noch ein Loch enger ziehen, damit sie ihr Pferd kontrollieren können oder den wochenlang klammen Gang ihres Pferdes mit einem „Ach, der simuliert nur!“ abtun.
  • Und so weiter und so fort.  

… erkennen wir bei uns selbst oft nicht

Mal ganz ehrlich: Erkennen wir solche Widersprüche auch bei uns selbst?

  • Greife ich andere vielleicht genau für solche Fehler an, die ich selbst mache? 
  • Kritisiere ich andere vielleicht genau für die Schwächen, die ich selbst habe? 
  • Predige ich vielleicht oft genau das, was ich selbst falsch mache? 
  • Lästere ich vielleicht genau darüber, was ich bei mir selbst doof finde? 

Tatsächlich nämlich provozieren uns unbewusst nämlich oft genau die Sachen, die wir bei uns selbst für falsch halten und es kann sehr hilfreich sein, sich bei jedem Impuls, andere anzugehen, erst einmal zu fragen: 

Was hat das vielleicht mit mir selbst zu tun? 

Der Schlüssel ist Selbstreflexion

Und damit sind wir wieder einmal bei einem der wichtigsten Punkte im Zusammensein mit Pferden: nämlich der Bereitschaft, das eigene Verhalten selbstkritisch zu hinterfragen. 

Selbstreflexion ist eine Übungssache und die Herausforderung besteht darin, das auf eine konstruktive Weise zu tun. Immer mal wieder tief in ein schlechtes Gewissen zu versinken, bringt nämlich leider gar nichts. Es geht darum, auch tatsächlich etwas zum Guten zu verändern

Und so möchte ich diesen Beitrag als Einladung und vielleicht auch Aufforderung verstanden wissen, dass jeder von uns einmal sehr bewusst nach den krassen und vielleicht auch weniger krassen, dafür aber trotzdem unschönen Widersprüchen im eigenen Verhalten sucht, also nach Widersprüchen

  • zwischen dem, was wir sagen oder wofür wir uns ereifern und 
  • dem, was wir tatsächlich selbst tun (und mit ach so guten Gründen entschuldigen, denn bei uns ist ja aaaaalles ganz anders…).

So bekommen wir Anhaltspunkte dafür, wo wir an uns selbst arbeiten können, anstatt immer nur mit den Fingern auf andere zu zeigen. Ja…, das kann ganz schön unbequem sein, wie ich aus eigener Erfahrung nur allzu gut weiß, aber es ist unerlässlich, wenn wir wirklich pro Pferd handeln und nicht nur darüber reden wollen. 

 

Blinde Flecken

5. Juni 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse 4 Kommentare »

 

4 Reaktionen zu “Blinde Flecken – wer hat sie nicht?”

 

Von Birgit • 11. Juni 2018

Jaja. Gerade gestern Abend kam ich über eine ganz andere Schiene auf genau das selbe Thema. Man nennt das „Schattenarbeit“.
Es hat u.a. viel mit den Verletzungen des inneren Kindes zu tun. Mein Gott, das ganze Dasein ist ein Kreislauf.

 

Von Ilona Franzen • 11. Juni 2018

Zeige mit einem Finger deiner Hand auf einen anderen und es zeigen in diesem Augenblick 3 Finger deiner Hand auf dich selbst !

Ausprobieren 🙂 klappt immer und stimmt nachdenklich .

Alles Liebe
Ilona

 

Von Katrin • 11. Juni 2018

Super geschrieben und es trifft auf den Punkt, nicht nur im Stall, sondern auch im richtigen Leben. Leider ist Selbstreflektiion momentan nicht „in“. Wer dies tut und auch seine eigene Leistung/Können kritisch betrachtet, wird als zögerlich, nicht taff genug usw. abgestempelt. Trotzdem finde ich es eine sehr wertvolle Einstellung, gerade wenn einem andere Lebewesen , ob mit 2 oder4 Beinen, Flügeln oder Flossen in welcher Weise auch immer anvertraut sind.

 

Von Sabine Erich • 11. Juni 2018

Wieder ein sehr gelungener Artikel von euch. Aber man muss auch anmerken dürfen, dass es auch Menschen gibt, die vor lauter Selbstreflexion keine eigene Meinung mehr haben. Oder anders gesagt, die sich dermaßen selbst in Frage stellen, dass sie gar nicht mehr sie selbst sind. Ich bin auch so ein Mensch, der dazu neigt, alles, aber auch wirklich alles, mir selbst zuzuschreiben, egal was. Und ich kann euch verraten, dass es mich sehr oft auch hemmt. Ich traue mich schon gar nichts mehr aus Furcht, es könnte etwas passieren, woran ich dann die Schuld hätte. Das haben zumindest zwei Trainer unabhängig voneinander mir mal gesagt. „Sei doch mal du selbst“ und „das Pferd weiß nicht, was du meinst – hast du überhaupt eine/deine Meinung?“. Was ich damit sagen möchte ist, dass man sich auch zuviel in Frage stellen kann, man verliert jedes Selbstbewusstsein, wenn es um Pferde geht, weil es ja immer Menschen gibt, die besser mit Pferden umgehen können als man selbst. Das ist ein schwieriges Thema. Um auf andere zu zeigen, muss man schon ein großes Selbstbewusstsein haben, ich tue so etwas nicht, denn was auch immer an anderen zu bemängeln wäre – ich kann es garantiert auch nicht besser! Viele Grüße Sabine

 

 

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