Pferde sind Egoisten und anderer Unfug

Es gibt Sätze, die machen mich auch nach all den Jahren, die ich nun schon mit Pferden (und deren Menschen) zu tun habe, sprachlos. Neulich erschien ein solcher Satz in den Kommentaren auf meiner Facebookseite: „Pferde sind Egoisten.“

Die Wirkung

Es gibt viele solcher Sätze und sie haben leider eine große Macht, denn sie bewirken Verschiedenes: 

  • Sie machen einen entweder stumm, weil man angesichts einer solch dummen wie falschen Aussage kaum noch etwas zu erwidern weiß oder
  • sie machen einen wütend und damit wird man gerade in einem Austausch oft viel zu emotional,
  • vor allem aber setzen sie sich, weil sie so schön griffig sind, in vielen Köpfen als Tatsache fest und das ist aus meiner Sicht das Schlimmste an der Sache… 

Es handelt sich hierbei um so genannte Killerphrasen oder Totschlagargumente. Zitat wikipedia: „Totschlagargumente sind inhaltlich nahezu leere Argumente, also Scheinargumente, bloße Behauptungen oder Vorurteile, von denen der Sprecher annimmt, dass die Mehrheit der Diskussionsteilnehmer entweder mit ihm in der Bewertung übereinstimmt oder keinen Widerspruch wagt… haben das gleiche kommunikative Ziel, nämlich den Gegner mundtot zu machen und jedes lösungsorientierte Denken zu verhindern beziehungsweise zu unterbinden. Stattdessen soll der aktuelle Zustand aufrechterhalten werden…“

Ehrlich gesagt habe ich keinen guten Tipp, wie man konstruktiv mit solchen Killersätzen umgehen kann, da bin auch ich immer wieder aufs Neue gefordert. Provokationen dieser Art sind ja geradezu darauf angelegt, destruktiv zu sein, sprich: Personen, die solchen Unsinn sagen, haben gar kein Interesse an Argumenten, die solche Aussagen widerlegen oder einem echten Austausch.

Aber ist es deshalb gut, solche Aussagen einfach unkommentiert stehen zu lassen (was ich in diesem Fall getan habe)? Es fühlt sich für mich nicht so an und so tue ich das, was meine Art ist: ich schreibe darüber. 

Warum wird so etwas gesagt?

Ich frage mich nicht nur bei Pferden immer, was die Ursache für ein Verhalten ist, sondern ich versuche auch Menschen zu verstehen, die aus meiner Sicht etwas Falsches, Unsinniges oder auch Verwerfliches tun.

Als Ursache für solche Killerphrasen sehe ich vor allem die Tatsache, dass sie bestens dazu geeignet sind, das eigene Verhalten nicht hinterfragen zu müssen. Sie dienen dazu, nicht-pferdegerechtes Verhalten zu rechtfertigen. 

Selbstreflexion ist nicht jedermanns Sache, aber unbedingt nötig

Das eigene Verhalten zu hinterfragen, erfordert einen selbstkritischen Blick und die Bereitschaft, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die Bereitschaft, dazuzulernen. Und das kann unbequem und aufwühlend sein, da man sich, sofern man eigene Fehler erkennt, eventuell auch mit Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen befassen muss. Genau das aber sollten vor allem die haben, die sich eben nicht hinterfragen und nicht diejenigen, die gemachte Fehler erkennen und in Zukunft vermeiden wollen. Ein schlechtes Gewissen sollten Killerphrasen-Drescher haben, die nicht nur nicht bereit sind, das eigene Verhalten zu reflektieren, sondern mit solchen Aussagen auch noch dafür sorgen, dass andere sie übernehmen. 

Da ich Killerphrasen nicht verhindern kann, setze ich da an, wo ich hoffe, etwas bewirken zu können: Bei der Bitte, nicht alles zu glauben, was sich griffig und schmissig anhört und keinen Aussagen oder Ansätzen zu folgen, die nicht-pferdegerechtes Verhalten gutheißen. Bitte bewahrt oder entwickelt den Mut und die Bereitschaft, immer selbst zu denken und vor allem selbst zu fühlen – FÜR die Pferde.

Killerphrasen

28. Mai 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Engagement und Pferdeschutz, Erkenntnisse, Umgang 9 Kommentare »

 

9 Reaktionen zu “Pferde sind Egoisten und anderer Unfug”

 

Von Constanze • 28. Mai 2018

was für ein toller Artikel und mal wieder auf den Punkt (bzw. die Punkte) gebracht. Ich habe schon so oft überlegt, wie es mir gelingen kann, auf solche Aussagen sinnvoll zu reagieren…..ich denke auch, dass es letztlich wichtig ist, sich dagegen zu stellen, denn wenn man sie ignoriert (was ich oft getan habe, mit innerer Wut), besteht die Gefahr, dass sie mehr Einfluß und Macht bekommen und das ist fatal!! Wie schön, das es euch gibt…!!!!

 

Von Frauke • 28. Mai 2018

Hallo,
wieder ein Beitrag, der den Nerv der Zeit trifft.
Meine Reaktion auf solche Killerphrasen ist ein kurzes „Stimmt nicht“
Im besten Fall kommt es zur Nachfrage „warum nicht?“, dann hat man die Gelegenheit zu argumentieren. Im schlimmsten Fall weiß der Gegenüber wenigstens, dass man ihm nicht zustimmt.

 

Von Raimund • 28. Mai 2018

Menschen die Pferde als egoisten sehen, lehnen es oft ab egoistisch zu sein.
Aber egoistisch sein ist oft gar nicht schlecht, denn es heißt ja auch eigene Bedürfnisse kennen und äussern.
Meine Frage ist ganz oft ‚warum meinst du das dein Pferd egoistisch ist?“.

 

Von Svenja • 28. Mai 2018

Puh, ich dachte auch erst “ Ja, keine Ahnung, stehe oft vor demselben Problem.“ Aber das Nachfragen ist tatsächlich eine gute „Technik“, um erstmal Zugang zu demjenigen zu bekommen und seine Weltsicht zunächst anzunehmen ohne denjenigen direkt zu bewerten (auch unter „Pacing“ bekannt). Steigt derjenigee drauf ein, befindet er sich ohne es zu merken in einer Diskussion (was er ja evtl gar nicht wollte, wie du es ja schon beschrieben hast) und ist damit viel zugänglicher für Argumente.
Wenn derjenige stattdessen 10 „stimmt nicht“s erntet kann das eine Person sicherlich schon mal verunsichern, eine andere wird einfach Gegen“argumente“ finden „Ach, die haben alle keine Ahnung.“, „Sollen sie mal reden.“, „Boa, sind die dumm.“.

 

Von Daniela • 4. Juni 2018

Vielleicht wäre es eine hilfreiche Idee, mal alle diese Aussagen zu sammeln und sie dann vor dem heutigen Stand der Kenntnisse zu zu erklären (und zu widerlegen). Viele versuchen das in Büchern, aber nicht alle lesen ein ganzes Buch, um etwas neu zu verstehen. Ich habe oft das Gefühl, dass viele solcher Sätze einfach von Generation zu Generation weitergegeben und gar nicht hinterfragt werden. Obwohl das Dominanzthema mittlerweile strittig ist (was auch noch nicht wirklich in der Reiterwelt angekommen ist) sind Aussagen wie „Pferde sind egoistisch“, „man muss ihnen zeigen wer der Herr ist“ etc. längst noch nicht aus den Köpfen der Menschen verschwunden.

 

Von Michaela • 4. Juni 2018

Ich glaube nicht, dass der Satz „Pferde sind Egoisten“ zu den „Todschlagargumenten“ bzw. „Killerphrasen“ zu zaehlen ist. Die Aussage „Pferde sind Egoisten“ ist meiner Meinung nach eher eine Aufforderung zu einer Diskussion. „Killerphrasen“ z.B. „Das haben wir schon immer so gemacht!“, „Da könnte ja jeder kommen!“ „Das ist Unsinn!“, „Das wäre ja noch schöner!“, „Das ist eben so.“, „Es ist alternativlos.“, usw. und „Totschlagaargumente“ wie z.B. Das würde den Rahmen sprengen.“, „Das ist unserer Zielgruppe nicht vermittelbar.“, „Daran sind schon ganz andere gescheitert.“, „Das hat noch nie funktioniert!“, „Das ist politisch nicht korrekt.“ usw.,
hingegen, wie der Name schon sagt haben das Ziel Diskussionen zu unterbinden bzw. zu beenden. Wie ich oben schon erwaehnt habe gehoert fuer mich die Aussage „Pferde sinc Egoisten“ nicht zu dieser Gruppe. Ich glaube, dass es an einem selbst liegt, ob man sich von solchen Phrasen oder Meinungen beindrucken laesst und somit „mundtot machen laesst“ bzw. ob man wuetend wird und damit nicht mehr konstruktiv denken kann bzw nicht mehr sachlich diskutiert. Mein Rezept: „Akzeptiere die Meinung des anderen, dass heisst aber nicht, dass Du ihm/ihr zustimmst.“

 

Von Tania Konnerth • 5. Juni 2018

Ich habe einen tollen Tipp von einer Leserin für den Umgang mit Killerphrasen bekommen: In diesem recht kurzen Video geht es genau darum: https://youtu.be/ryChpOlCw0k

Herzlich,
Tania

 

Von Sofia • 5. Juni 2018

Danke für den Tipp, das war recht spannend und ich hoffe, das mir das Eine oder Andere bei passender Gelegenheit wieder einfällt.
Ich selbst habe mir angewöhnt zu sagen, das habe ich anders gelernt, oder auch, da gibt es mittlerweile ganz neue und komplett andere Ansichten und Ergebnisse zu, manchmal ist das ein guter Einstieg für ein Gespräch und Ausstausch.
sonnige Grüsse von Sofia

 

Von Miriam • 6. Juni 2018

Ich finde es grds. nicht richtig, solche Sätze einfach stehen zu lassen. Andere Meinungen zu respektieren ist ok, sofern sie Respekt verdienen (weil sie Sinn machen und weder jmd schaden noch destruktiv sind). Wenn es sich aber um hausgemachten Unsinn handelt, sollte man seine Ablehnung schon zur Geltung bringen. Mag sein, dass manche Personen mit so haltlosen Sätzen provozieren oder einfach sich selbst profilieren wollen. Da wird es müßig, zu diskutieren. Aber es wird sicher auch Leute geben, die solche Sätze mal aufgeschnappt haben und gedankenlos dahinsagen. An der Stelle sollte man diesem Quatsch doch mal ein „Wie kommst du darauf?“ oder ein ganz simples „Warum?“ entgegen halten. Zu einem Totschlagargument (es ist gar keins, weil es an einer Begründung mangelt) wird es erst, wenn man sich im wahrsten Sinne davon argumentativ „totschlagen“ lässt und nichts entgegen zu setzen hat. Denn jeder, der sich intensiv mit Pferden beschäftigt weiß, dass es sich um hochsensible und sehr soziale Tiere handelt. Einem Reiter, der das Gegenteil behauptet, kann man schlussendlich nur eines sagen: Traurig, dass du bisher wohl nur Erfahrungen gemacht hast, die dich zu diesem Schluss haben kommen lassen! 😉

 

 

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