Die Sache mit der Komfortzone

Der Begriff „Komfortzone“ stammt eigentlich aus unserer Menschenwelt, ich finde ihn aber auch für das Miteinander mit Pferden sehr nützlich, da er uns einiges klarer machen kann.

Mit „Komfortzone“ wird der Bereich beschrieben, in dem wir uns wohl und sicher und vertraut fühlen oder auf das Pferd übertragen: Die Komfortzone eines Pferdes ist der Bereich, in dem es sich entspannen kann und keine Angst oder Nervosität zeigt.  

Komfortzonen haben verschieden Größen

Die jeweilige Komfortzone kann bei Pferden, genauso wie bei uns Menschen, sehr unterschiedlich sein:

  • Es gibt Pferde, die haben eine große Komfortzone bzw. einen großen Bereich, in denen sie sich auch immer noch wohl fühlen. Das sind Pferde, die, wenn man mit unbekannten Gegenständen kommt, neugierig reagieren, die neuen Aufgaben im Training immer erst einmal offen gegenüber sind und das sind Pferde, mit denen man zum Beispiel einfach mal in ein neues Gelände reiten kann, wo sie vielleicht ein bisschen mehr gucken, dabei aber vor allem offen, motiviert und neugierig sind. 
  • Pferde mit einer sehr kleinen Komfortzone zeigen bei allem was neu und unbekannt ist, deutlich Stress. Selbst kleine Gegenstände, die vorher nicht da waren, werden sofort geortet und mit Schnauben und langen Hälsen quittiert. Solche Pferde reagieren bei neuen Trainingsschritten oft übernervös nach dem Motto „Huch, was jetzt, nein, also das kann ich gar nicht!“ oder blockieren einfach (und werden dann häufig als „stur“ bezeichnet, obwohl sie tatsächlich gestresst sind oder sogar Angst haben). 

Und dazwischen gibt es vielfältigste Abstufungen. 

Komfortzonen sind variabel

Was die Sache nun etwas schwierig macht: Komfortzonen sind meist nicht fest definiert, sondern können durchaus variabel sein. An einem Tag können wir mit unserem Pferd vielleicht locker ausreiten, am nächsten Tag bekommen wir es nicht mal vom Hof, so gestresst ist es. Einen Tag lang findet unser Pferd eine Plastikplane langweilig, einige Wochen mag es nicht einmal den Huf darauf stellen.

Solch ein Verhalten ist für uns Menschen oft schwierig zu verstehen und wir bezeichnen solche Pferde dann leider oft vorschnell als „Spinner“ oder unterstellen ihnen, dass sie uns nur ärgern wollen. Aber überlegen wir doch einmal kurz, wie das bei uns selbst ist: Ist denn bei uns immer alles gleich? Reagieren nicht auch wir an manchen Tagen viel gestresster auf Anforderungen, die außerhalb des Gewohnten liegen, während wir Ähnliches an anderen sogar sehr anregend finden können? 

Grundsätzlich sind Komfortzonen stark stimmungs- und befindlichkeitsabhängig. Faktoren wie Belastungen, Stress und Druck können Komfortzonen schrumpfen lassen, während eine gute Versorgung, eine positive Stimmung und gut gefüllte Batterien Komfortzonen weiten. Darüber hinaus spielen äußere Faktoren eine Rolle, wie z.B. Gerüche, Geräusche, Wind, Wetter, Anwesenheit anderer (durch deren Stimmungen oder Anspannungen) und vieles mehr. Hier ist immer im Hinterkopf zu behalten, dass unsere Pferde oft sehr viel mehr wahrnehmen als wir Menschen. 

Dehnübungen für die Komfortzone

Wer sich immer nur innerhalb seiner Komfortzone bewegt, wird über die Zeit feststellen, dass sie tendenziell kleiner wird. Hin und wieder mal aus der Komfortzone zu treten, sorgt hingegen dafür, dass sie gleich bleibt oder eher größer wird. Aber, und das ist ganz wichtig, die eigene Komfortzone zu verlassen, sollte immer mit viel Achtsamkeit erfolgen und nie als Hauruck-Aktion. 

Bei Pferden ist es nun leider so, dass viele Menschen sich gar nicht bewusst darüber sind, dass sie ihr Pferd eigentlich ständig aus seiner Komfortzone holen. Denkt mal an die Pferde, die eigentlich immer unter Strom stehen, die sich in der Reithalle ständig erschrecken oder die auf einem Ausritt alle paar Meter hüpfen. Solche Pferde sind oft viel zu weit weg von ihrer Komfortzone, sprich: sie sind komplett überfordert. Dasselbe kann aber auch für Pferde gelten, die ungewöhnlich ruhig erscheinen, auch wenn sie z.B. gerade auf einer Messe oder einem Turnierplatz ankommen. Nicht jedes dieser Pferde ist wirklich gelassen, sondern viele von ihnen schalten einfach ab, um den hohen Stresspegel überhaupt aushalten zu können. 

Komfortzonen bewusst erkennen und bewusst mit ihnen arbeiten

Ich würde mir sehr wünschen, dass die Idee der Komfortzone mehr Beachtung im Umgang mit Pferden findet, denn sie kann uns dafür sensibilisieren, dass wir manchmal viel zu viel von unseren Tieren erwarten und dass auftretende Probleme oder so genannte Widersetzlichkeiten eben oft einer tatsächlichen Überforderung geschuldet sind und nicht daher kommen, weil uns ein Pferd ärgern will oder weil es „spinnt“. 

Nehmt doch mal diesen Denkanstoß mit zum Stall und versucht ein Gefühl für die Komfortzone Eures Pferdes zu bekommen. Und wenn Ihr schon mal dabei seid, auch gleich noch für Eure eigene. Es ist höchst spannend, sich einmal zu fragen, inwieweit sich diese vielleicht unterscheiden und in welchen Bereichen Ihr zusammen in Eure Komfortzone seid. 

Komfortzone

23. Januar 2018 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

 

5 Reaktionen zu “Die Sache mit der Komfortzone”

 

Von Denise • 23. Januar 2018

Danke für diesen anschaulichen Artikel!

Bent Branderup hat es mal so schön mithilfe von Farben formuliert:
Im Training bewegen wir uns hauptsächlich im grünen Bereich und zum Teil im gelben. Letzteren versucht man immer weiter grün zu überstreichen. Befinden wir uns im roten Bereich, kann das Pferd nicht lernen und wir müssen zunächst zurück in den gelben bzw. grünen.

Liebe Grüße,
Denise

 

Von Heidrun • 23. Januar 2018

Liebe Tania,

wieder mal ein fantastischer, überaus anregender Artikel!

Ich möchte gern mit eigenen Beobachtungen Deinen Ansatz unterstützen und auch untermauern.
Ich arbeite als Lehrerin und schimpfe häufig über Schüler, die in ihrer Komfortzone verharren und nicht offen für neue Unterrichtsinhalte/Methoden sind. Bei Pferden stellt sich das aber jetzt ganz anders da.Mein Pflegepferd, ein Friese, ist so ein Pferd mit einer ganz kleinen Komfortzone, wo man sich auch doll Mühe geben muss, damit sie überhaupt erhalten bleibt. Das klappte in der letzten Zeit, wir konnten schöne Ritte und Spaziergänge machen und mit mir zusammen war seine Komfortzone ein Stückchen weiter geworden.
Er lebt in einer Herde mit ehemals sechs Pferden, eins davon, eine alte Stute, seine beste Freundin. Zu der Herde gehören noch eine kleine Rappstute (Welsh-Cobb-Friesen Mix), eine Vollblutstute und zwei Dülmener Wildpferdchen.
Letztes Jahr traf es uns hart. Wir mussten die alte Stute gehen lassen, aber sie war 30 Jahre alt und so nahmen wir hin, dass sie jetzt auch gehen wollte. Im Dezember allerdings traf es einen von den kleinen Dülmenern Wildpferden. Er hatte wohl eine Darmverschlingung und war innerhalb von 2 Stunden tot.
ich habe immer noch das Bild im Kopf, wie die Übriggebliebenen auf der Weide stehen und auf ihren toten Bruder schauen….
Von diesem Tag an änderte sich das Verhalten meines Großen völlig. Er wollte nur noch gewohnte Wege gehen, lehnte alles Neue oder lange nicht Dagewesenes völlig ab, kehrte auch wieder vermehrt um und zeigte sich immer sehr aufgeregt.
Ich überlegte. Konnte es ein, dass die Todesfälle in der Herde eine solche Auswirkung hatten? Offensichtlich schon, denn sein Verhalten setzte in unmittelbarem Zusammenhang damit ein. Seine Komfortzone hatte sich verändert. Die Herde, die er kannte und in der er sich zu Hause fühlte, gab es nicht mehr. Die alte Stute war seine Freundin und Herdenchefin gewesen…eine Vertretung gab es nicht. Die Vollblutstute, die noch am ehesten dazu geeignet gewesen wäre, ist zwar ranghoch, aber eine Diva und kümmert sich ausschließlich um sich selbst.
Seitdem werden die Befindlichkeiten und Stellungen in der Herde neu definiert. Es herrscht viel Umbruch und ich habe gelernt, auf seine täglichen Meinungsäußerungen zu hören. Letztes Wochenende sind wir auch umgekehrt, da auf einem Feld etwas Unheimliches hin und her fuhr und er..auch mit meiner Hilfe…nicht daran vorbeigehen konnte (ich hab es übrigens auch nicht erkannt und es war sehr laut).
Nächstes Mal wird es besser…und ich hoffe, dass unsere kleine Pferdefamilie und auch wir, als Besitzer und Pfleger unsere Komfortzone wieder sicher, stabil und etwas weiter ausbauen können…

Ganz lieben Gruß

Heidrun

_________________

„Konnte es ein, dass die Todesfälle in der Herde eine solche Auswirkung hatten?“– Von mir ein klares Ja auf diese Frage. Genau das habe ich selbst im letzten Jahr mit meinem Pferd erlebt.

Wichtig aber ist, denke ich, immer Kopf zu behalten, dass es nicht einmal solch schwerwiegender Erlebnisse braucht, sondern Komfortzonen sind bei vielen Pferden (und Menschen) auch so ständig in Bewegung. Man hört in der Pferdewelt so oft Sprüche wie „Das kennt der doch, der hat keine Angst, der will nur nicht!“ oder „Stell dich nicht so an, das kannst Du schon!“ und Pferde werden für ihr „Fehlverhalten“ bestraft. Mit dem Bild der variablen Komfortzone ist solches Verhalten ganz anders zu beurteilen und wir sollten viel verständnisvoller reagieren.

Alles Gute für Euch,
Tania

 

Von Kerstin • 29. Januar 2018

Liebe Tania,
ein ganz toller und wichtiger Artikel. Bei meinem Oldie habe ich auch bemerkt, dass seine Komfortzone mit dem Alter stark geschrumpft ist. Wege, die wir lange nicht mehr gegangen sind, wurden unheimlich. Vielleicht hängt es auch mit einer verminderten Sehfähigkeit o.ä zusammen. Nun braucht er seine gewohnte Umgebung, damit er entspannt sein kann. Aber nach dem Artikel werde ich in ganz kleinen Schritten versuchen, die Komfortzone etwas auszuweiten. Vielen Dank!
Liebe Grüße
Kerstin

 

Von Johannes • 30. Januar 2018

Liebe Tanja,
Danke für die Erinnerung,im Umgang mit unseren Partnern,stets aufmerksam zu bleiben und nie in Alltagsschematas zu verfallen.
Der wichtigste Lehrsatz im Erste-Hilfe-Kurs lautet:“Das erste das du tun mußt,wenn du zu einem Notfall kommst,ist :den Puls messen – nämlich deinen eigenen !!!!
Das bedeutet für mich,wenn ich das Gefühl habe,mein Pferd ist außerhalb seiner Komfortzone,muß ich überprüfen ,ob ICH überhaupt darinn bin!(Oder bringt mich der Stress des Pferdes selbst in Stress ?)
Gelegentlicher Stress gehört zum Leben , ja, braucht jedes Individuum sogar. Stressvermeidung, habe ich schon oft beobachten müssen,verstärkt häufig die gefährlichen,unkontrollierbaren Fluchtreaktionen.
Ruhige.“komfortable“ Begleitung meines Freundes Pferd durch solche Situationen verstärkt enorm die Beziehung.
GlG Honny

 

Von Heidrun • 30. Januar 2018

Nachtrag:

Letztes Wochenende haben wir erneut den Kampf mit dem „Unheimlichen“ aufgenommen…UND ER IST DRAN VORBEIGEGANGEN!!!

freu!!

GlG Heidrun

 

 

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