Großzügigkeit ist ein Zeichen von Stärke

Leider ist immer wieder zu hören, dass wir einem Pferd nichts durchgehen lassen dürfen, da wir sonst unsere „Führungsposition“ verlieren, oder dass wir unerwünschtes Verhalten immer sofort konsequent beantworten müssen, da uns das Pferd sonst auf der Nase herumtanzt. Diese Aussagen basieren auf irrigen Annahmen über die Rangfolge von Pferden und ihre Bedeutung. Demnach gibt es angeblich feste Positionen und wer ranghöher ist, kann die Rangniedrigen wegschicken bzw. muss es sogar tun, um ranghoch zu bleiben. Der Mensch soll nach diesen Konzepten immer den höchsten Rang haben und muss also Fehlverhalten sofort quittieren. In der Praxis besteht das dann zum Beispiel in einem mehr oder weniger deutlichen Wegschicken, in einem Ermahnen oder einem Anbrüllen, in einem Rucken am Strick oder gar in Schlägen oder Tritten.  

Ein Blick in die Natur

Wie gut, dass es Menschen wie Marc Lubetzki gibt, der Pferde in freier Wildbahn filmt und uns solche Filme zur Verfügung stellt, damit wir wirklich etwas über Pferdeverhalten lernen können und nicht nur glauben müssen, was uns manch‘ ein Trainingskonzept weismachen will. Ob ein Pferd auch mal nachgibt oder gar weicht, hat nämlich keineswegs immer etwas mit der Rangfolge zu tun, sondern ganz im Gegenteil: Es kann sogar ein Zeichen von Stärke sein, dass ein Pferd eine Auseinandersetzung meidet, indem es z.B. einfach geht! Ihm ist die Sache gerade keinen Streit wert, an seiner Position kratzt das deshalb aber kein bisschen. 

Tja, und genau da können wir doch sehr viel für unser eigenes Verhalten lernen! Wie verbissen reagieren wir oft auf kleinste „Fehltritte“ unseres Pferdes oder auf das, was wir als „anmaßend“ oder gar „dominant“ interpretieren und beantworten das dann mit großem Nachdruck (aus der Sicht des Pferdes ganz sicher oft vollkommen übertrieben…).

Kontrollsucht ist ein Zeichen von Unsicherheit

Es ist ein großer Irrtum, dass wir als Mensch jeden Schritt und jedes Verhalten unseres Pferdes kontrollieren müssen. Dieser Anspruch sorgt für viel Leid und zeigt eigentlich vor allem eines: unsere Unsicherheit und Angst. Souveräne Menschen haben kein Problem damit, ihrem Pferd auch mal einen Scherz oder eine Unachtsamkeit durchgehen zu lassen und sie werden auch bei Frechheiten oder Widersetzlichkeiten nicht gleich böse, sondern reagieren gelassen und mit Bedacht. Unsichere Menschen reagieren hingegen oft genau wie unsichere Pferde: überempfindlich und aggressiv. 

Interessanterweise wird ja oft das Argument angebracht, dass Pferde untereinander auch nicht zimperlich sind – nun sind es aber gerade meist unsichere Pferde und solche, die aufgrund einer ungünstigen Herdenzusammensetzung plötzlich einen höheren Rang einnehmen als er ihnen natürlicherweise entspricht, die wie Bullys reagieren und andere Pferde angehen. Souveräne Tiere sieht man selten wirklich aggressiv werden, bei ihnen reichen oft minimale Signale, damit die anderen wissen, wann man ihnen besser aus dem Weg geht. Pferde, die mit lautem Geschrei und aggressiven Gesten versuchen, sich Respekt zu verschaffen, sind nicht souverän. 

Reflexionsfrage:
Wollen wir wirklich das Verhalten
eines Pferdebullys als Entschuldigung für unsere
eigenen Aggressionen nehmen? 

Gewusst, wann es darauf ankommt!

Entscheidend ist, einschätzen zu können, in welchen Momenten es wichtig ist, dass das Pferd auf uns hört und nicht selbst entscheidet und in welchen wir ihm Freiheiten schenken können. Und genau dieses Einschätzungsvermögen macht für mich einen guten Pferdemenschen aus. 

Es gilt sich zu fragen: 

  • Warum tut mein Pferd das gerade bzw. warum tut es nicht, was ich möchte? 
  • Hat sein Verhalten oder seine Verweigerung unmittelbar mit mir zu tun oder vielleicht mit etwas anderem? Was könnte alles der Auslöser sein, was die Ursachen?
  • Achtet mein Pferd eigentlich überhaupt gerade auf mich und wenn nicht, was ist der Grund dafür?
  • Was braucht mein Pferd in diesem Moment, um überhaupt auf mich achten zu können?
  • Ist es in diesem Moment wirklich wichtig, meine Forderung durchzusetzen bzw. muss ich sein Verhalten sofort beantworten oder kann ich erstmal abwarten?

Um solche Fragen für sich beantworten zu können, braucht es darüberhinaus ein gutes Einschätzungsvermögen über die folgenden Punkte:

  • einmal über die Persönlichkeit des Pferdes, mit dem ich es zu tun habe,
  • dann über das Verhältnis, das ich mit diesem Pferd habe, 
  • über meine momentane Ausstrahlung und Wirkung (auch Stimmung),
  • und auch über die jeweiligen Situation, in der wir uns gerade befinden. 

Aus Prinzip immer auf sein (leider oft nur vermeintliches!) „Recht“ zu bestehen, lässt uns kleinlich, zickig, mürrisch und leider auch ganz oft unfair und aggressiv werden. Großzügigkeit und Nachsicht hingegen machen das Miteinander für alle viel angenehmer … und sind ein Zeichen von Stärke!

Nachsicht

7. November 2017 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang, Verhalten 5 Kommentare »

 

5 Reaktionen zu “Großzügigkeit ist ein Zeichen von Stärke”

 

Von Sophie • 7. November 2017

Ein weiterer toller Artikel – vielen Dank dafür.

 

Von Sylvia Albert • 9. November 2017

Kompliment für diesen Artikel. Er spricht mir aus der Seele und bringt es auf den Punkt. Leider gibt es immer noch zu viele Reitlehrer/innen, die den Weg der Dominanz predigen.

 

Von Andrea Kleinmeier • 13. November 2017

Nun muss ich doch auch einmal einen Kommentar abgeben: ein ganz, ganz, dickes, fettes Lob für eure Arbeit und euer unermüdliches Engagement zum Wohl der Pferde. Und ich kann den obigen Kommentar nur wiederholen: Dieser Eintrag spricht auch mir aus der Seele und bestätigt meine eigenen Erfahrungen in meiner Herde und genau so geb ich es auch an meine Schüler weiter. Macht bitte weiter so. Ihr leistet damit einen unermesslichen Beitrag dazu das Pferde nicht nur lebenswert „wohnen“ sondern auch in der Ausbildung als fühlende Lebewesen wahrgenommen werden.

 

Von inga • 13. November 2017

Großartig – vielen Dank. Und der Artikel bestätigt mich in meinem Umgang mit meinen Pferden und so weiter zu machen. Ich brauch kein „totes“ Pferd, das aus Angst vor mir keine Bewegung macht – und ich bin ziemlich sicher, dass die meinen Hühs – genauso wie ich bei Ihnen – merken, wann es mir ernst ist.

 

Von Tania Konnerth • 13. November 2017

Euch allen ein ganz herzlichen Dank für die tollen Rückmeldungen!

Alles Liebe,
Tania

 

 

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