Meinem Pferd zuliebe

Wie oft habe ich in der Vergangenheit gedacht, ich tue etwas meinem Pferd zuliebe und wie oft habe ich dabei schon daneben gelegen. Ich habe meinem Pferd zuliebe trainiert und gefordert, ich habe meinem Pferd zuliebe gekauft und ausprobiert, ich war meinem Pferd zuliebe grob und streng, ja, ich habe meinem Pferd zuliebe so viel getan und so viel falsch gemacht… 

Mein Anthony hat mich in den letzten Jahren konsequent gelehrt, was es wirklich heißt, einem Pferd etwas zuliebe zu tun: 

  • Es erfordert, das Pferd in seiner Persönlichkeit und mit seinen Bedürfnissen wahrzunehmen. 
  • Es erfordert, die eigenen Erwartungen ein großes Stück und manchmal auch ganz loszulassen. 
  • Es erfordert offen zu werden für Signale und Zeichen des Pferdes und zu lernen, diese zu verstehen. 
  • Es erfordert bereit zu sein, das eigene Tun und Denken zu hinterfragen und dazu zu lernen. 
  • Und es erfordert, nicht blind Regeln oder Vorgaben zu folgen (ob selbst gemachte oder von anderen übernommene), sondern vor allem dem, was uns unser Pferd zeigt. 

Dieser Weg ist zugegebenermaßen anstrengend und schwierig. Und immer wieder all das loslassen zu müssen, was man sich nett ausgemalt hatte, kann ziemlich frustrierend sein, so dass es durchaus verlockend ist, seinen Willen einfach durchzusetzen. Und ja, es ist natürlich viel einfacher, das zu tun, was einem andere sagen oder jedes Pferd gleich zu behandeln, nach dem Motto: was einmal klappt, klappt immer.

Aber all das heißt eben genau nicht, dass wir es unserem Pferd zuliebe tun, sondern, wenn wir ehrlich sind, uns selbst zuliebe. Danke, Anthony, dass Du mir das bewusst gemacht hast.

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18. Oktober 2016 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse, Umgang 6 Kommentare »

 

6 Reaktionen zu “Meinem Pferd zuliebe”

 

Von Sofia • 19. Oktober 2016

Liebe Tanja,
vielen Dank für diesen Beitrag. Es entlastet mich sehr. Ich habe ja kein eigenes Pferd in meiner Familie, aber mehrere Pferde mit denen ich meine Zeit verbringen darf und bewege mich zwischen zwei Ställen.
Ich sehe und höre also viel was andere Menschen mit ihren Pferden machen für richtig und falsch halten usw.
Und mittendrin ich, die so“ weltbewegendes“ macht wie spazierenschauen, statt spazierengehen. Heute hat der Weg, der sonst 10 Minuten dauert eine halbe Stunde gedauert. Das Pferd hat geschaut und geschaut und ist stehen geblieben und hat geschaute und weitergegangen sind wir erst, wenn eine Sache genug angeschaut war. Und natürlich gab es viel zu sehen, rechts die Koppel mit den Pferden aus dem alten Stall und links die Koppeln mit dem Pferden aus dem neuen Stall und noch dieses und jenes.
Das Ganze hatte eine interessante Wirkung, weil am Anbindeplatz weitergeschaut wurde und gelauscht, statt am Strick zu knabbeln und den Knoten zu öffnen oder an mir zu knabbeln,
hatte ich ein Pferd mit erhobenen Kopf neben mir stehen voller Neugierde auf alles was es zu sehen gab und gleichzeitig waren wir beide sehr entspannt und wir hatten so eine schöne weiche Verbindung zueinander.
Ich möchte solche“ kleinen scheinbar nix bedeutenden Erlebnisse“ nicht eintauschen gegen dieses funktionale, dafür scheinbar spektakulär aussehendes.
Herzliche Grüße Sofia

 

Von Manuela • 19. Oktober 2016

Liebe Tania,
wieder einmal ein sehr wichtiger Beitrag – zum Nachdenken und Nachfühlen. Ich kenne das selbst nur zu gut: Ich „muss“ doch trainieren, longieren, piaffieren, damit mein Pferd gesund, schlank, fit, reitbar bleibt. Ich fühle eine Verpflichtung meinem Pferd gegenüber. Ich habe es in diese Verhältnisse gebracht, in denen es sich nicht so bewegen, ernähren, ausleben kann, wie es das in freier Wildbahn täte. Und wir haben schon einen großen Offenstall mit sehr großen Koppeln. Aber trotzdem … Also bin ich auch für seine Gesundheit, sein Wohlbefinden, sein seelisches Gleichgewicht verantwortlich. Und dafür „muss“ ich etwas „tun“! Ja, Training, Gesundheit und Gesunderhaltung ist wichtig. Aber das, was man „nicht tut“ ist genauso wichtig: Nicht verbissen, streng, eingefahren sein, sondern sich öffnen, hinhören, hinfühlen. Dann kann man trainieren, Spaß haben, fit bleiben, aber so, dass es Mensch und Pferd Freude bereitet. Und die Gesundheit – die körperliche und seelische – erhält man dann so „ganz nebenbei“ … 😉 Liebe Grüße!

 

Von Conny • 24. Oktober 2016

Liebe Tania,
ja das kenne ich – ich stecke gerade in diesem Loslass-Prozess und ich weiß echt nicht, ob ich das wirklich schaffe.
Ich wollte immer nur mit meinem Pferd gemütlich ausreiten – entspannen. Mal einen Dressurkurs mitreiten und ja bissl Cavaletti. Mein Pferd ist der totale NEIN-Sager zu allem. Ich habe ihm in den letzten Jahren soviel gezeigt soviel Herzblut reingesteckt. Und jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich sage: NEIN so macht mir des keinen Spaß.
Manchmal wäre ich gerne wieder so ein "Normaler" Reiter – putzen – Sattel rauf – Reiten – heimfahren. Das wäre so einfach!
Ich dagegen, spüre immer dieses NEIN meines Pferdes und kann mich nicht mehr darüber hinweg setzen.
Was mache ich jetzt? Auf mein geliebtes Hobby verzichten? Nur noch spazieren gehen? Nur noch anschauen? ich muss ihn doch trainieren und habe eine Verantwortung….er wird zu fett/hat keine Muskeln mehr und überhaupt….
Ratlose Grüße Conny

______________

Hallo Conny,

ich weiß nicht, ob Du hier im Blog ein bisschen mitliest, aber dieses Nein-Sagen habe ich ja auch schon in allen Varianten mit meinem Anthony erlebt und ich kann Dich gut verstehen.

Es gibt aus meiner Sicht viele Wege, damit umzugehen. Mein persönlicher ist der, das „Nein“ meines Pferdes anzunehmen und damit ihn in seiner Persönlichkeit. Wir gehen oft selbstverständlich davon aus, ein Pferd nutzen zu können, aber ein Pferd ist ein Lebewesen mit eigenen Vorstellungen und ja, es ist eine große Herausforderung, das zu akzeptieren, zumal uns immer wieder suggeriert wird, dass wir uns „nur durchsetzen“ müssten…

Schau doch mal, was passiert, wenn Du Dich für die Idee öffnest, das Nein Deines Pferdes wirklich anzunehmen – was es mit Dir macht und was dann mit Eurer Beziehung passiert. Das „Nein“ eines Pferdes anzunehmen ist kein „Ende“, sondern es kann ein ganz wundervoller Anfang sein. Wir können uns das oft nur nicht vorstellen, weil wir eben so gefangen sind in unseren eigenen Vorstellungen und Erwartungen, in dem, was wir denken, wie es mit dem Pferd sein muss. Es kann gut sein, dass etwas viel Schöneres auf Dich wartet!

Ganz herzlich,
Tania

 

Von Birgit • 24. Oktober 2016

Liebe Conny, nein höre nicht auf! Auch Du hast das Recht nein zu sagen bei Deinem Pferd. Ich habe mir den Longenkurs vom Babett und Tania gekauft. Viel Zeit und Liebe verwendet, Profis kommen lassen ect. Nichts zu machen. Zwei drei Runden, dann völliger Stillstand. Auch beim Ausreiten kam hin und wieder ein nein. Keinen Meter vor aber zehn zurück. Ich habe alles ausprobiert. Dann ist mir irgendwann die Hutschnur geplatzt und ich habe sie richig angebrüllt und ihr eins auf den Hintern gehauen. Auch meine Stimmung war nicht sauer sondern stinksauer. Ich bin abgestiegen und wollte zum Stall zurück, da ist sie dann neben mir her getänzelt und hat „Schön-Wetter“ gemacht. Ich bin dann wieder aufgestiegen und wir beide sind vergnügt ins Gelände. Nie wieder hat es eine Diskussion gegeben. Für das longieren habe ich jetzt Dualgassen gekauft und ihr gleich gesagt, das sie hier durch muss. Meine Körpersprache hat das wohl auch symbolisiert. Sie macht´s und hat auch noch Spaß daran.

Ich bin wirklich nicht für Gewalt aber manchmal muss man sich durchsetzen. Ich habe ein sehr junges Pferd, ohne jede schlechte Erfahrung. Der Schlag auf den Po hat mir sehr weh getan und ich hatte eine schlaflose Nacht aber es hat nachhaltig geholfen. Nie wieder ist sie einfach stehengeblieben und es hat unserem harmonisches Miteinander keinen Schaden zugefügt. Das musst Du natürlich für Dich entscheiden, vielleicht hat auch jemand einen anderen Ratschlag. Vielleicht stimmt auch einfach die Chemie nicht zwischen Euch. Dann ist evtl. auch ein Tierkommunikator eine Möglichkeit, sofern Du dafür offen bist.
Liebe Grüße Birgit

 

Von Kelly • 25. Oktober 2016

Liebe Tania,
das ist wieder ein sehr nachdenklich stimmender Artikel. Wir Menschen meinen einfach viel zu oft, zu wissen, was gut ist für unsere Pferde. Obwohl wir im Nachhinein feststellen, wir hätten lieber auf die "Aussagen" unserer Pferde hören sollen. Deine Zeilen haben mir wieder Mut gemacht, mehr auf mein inneres Gefühl und auf meine Pferde zu hören. Vielen Dank.
Liebe Grüße. Kelly

PS. Ich möchte so gerne etwas zu Connys Eintrag schreiben, ich hoffe, das ist erlaubt – falls nicht bitte löschen.
Liebe Conny, für mich war das Nein meiner Pferde damals ein Neuanfang bezüglich meiner gesamten Denkweise zu Pferdehaltung, Umgang mit Pferden, Reiten, etc.. Zwar mit vielen schmerzlichen Erkenntnissen, aber mit ganz viel bereichernden Erfahrungen. Ich musste viele alte Glaubenssätze über Bord werfen und wieder bei Null anfangen. Dieser Prozess dauert nun seit fast 20 Jahren an und ich erlebe stets neue Wunder im Umgang mit Pferden. Nur dadurch, dass ich das Nein meiner Pferde angenommen hatte und mich selbst stets kritisch hinterfragte, konnte ich einen wirklichen Zugang zu diesen wundervollen Geschöpfen finden. Gib bitte nicht gleich auf, sondern versuche Dich auf die Botschaften Deines Pferdes einzulassen. Du wirst sehen, es warten wundervolle Einsichten und Abenteuer MIT dem Pferd auf Augenhöhe :-). Buchtipps am Rande: "Der von den Pferden lernt" von Mark Rashid, "Selbstbewusste Pferde" von Imke Spilker und alle Werke von Babette und Tania sowie Marlitt Wendt :-).

________________

Liebe Kelly,

herzlichen Dank für Deine wundervollen Zeilen – und ja, es ist nicht nur erlaubt, sondern immer auch ausdrücklich erwünscht, dass Ihr hier auch aufeinander antwortet! Ich kann, was Du schreibst, genauso bestätigen!!!

Herzlich,
Tania

 

Von Lea • 27. Oktober 2016

Liebe Tanja,

auch ich habe euch bereits vor Jahren gedankt, für eure Website, die E-Books, Kurse…die Begleitung, die mir geholfen haben mit meiner Stute Csillag eine Beziehung aufzubauen, die nicht nur darauf beruht, dass meine "Bedürfnisbefriedigung" stimmt…mittlerweile habe ich auch die Arbeit von S. Birmann kennengelernt und finde, dass ihr euch diesen Aspekten immer mehr annährt….ich freue mich sehr, dass Wahrnehmung und Achtsamkeit gegenüber unseren Pferden und uns selbst immer Baseline für alle eure Beiträge ist…und dies immer selbstkritisch und immer differenzierter….ich lerne also mit euch für uns weiter…jeden Montag…fühle mich bestätigt und auch aufgehoben…dem Weg…Csillags und meinem…dem vieler LeserInnen…unserem…ich partizipiere an deiner/ eurer Selbstreflexion, basierend auf eurem immensen Erfahrungsschatz….und ich weiß ich bin richtig…Vielen Dank!!!

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Ein ganz herzliches Dankeschön an Dich, wir freuen uns sehr!
Tania

 

 

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