Aramis und die Rangfolge

Die Herden, in denen unsere Pferde leben, haben alle eines gemein: sie sind von uns Menschen zusammengestellt. Das heißt, dass die Rangfolge in diesen Herden oft mehr aus der Not geboren entsteht, denn aus einem natürlichen Gefüge heraus. Wer je erlebt hat, welche unschönen Folgen es haben kann, wenn plötzlich ein Pferd in die Position des Herdenchefs kommt, ohne dafür eigentlich gemacht zu sein, weiß, wovon ich rede…

Mich fasziniert immer wieder sehr, was zwischen Pferden geschieht und wie sich das Verhältnis untereinander,  Freund- und Feindschaften und eben auch die Rangfolge entwickeln. Ich könnte da oft Stunden einfach zuschauen. Und aktuell gibt es dazu bei uns einiges zu berichten, was Ihr vielleicht ähnlich spannend findet, wie ich:

Mein Aramis war über all die Jahre, die ich ihn nun habe, eigentlich immer an Position 2 in jeder Herde. Das änderte sich erst, als der vorherige Herdenchef in einen anderen Stall umzog. Nach einer Trauerphase (denn dieses Pferd war ein dicker Kumpel von Aramis gewesen) und einigen anderen Veränderungen in der Herde übernahm Aramis die Führung und wurde, zumindest solange ich ihn kenne, zum ersten Mal überhaupt die Nummer 1 der inzwischen recht kleinen Herde. Es war schon nett, ihn so stolz als Führungsoberhaupt zu erleben und ich denke, er hat seinen Job auch nicht schlecht gemacht.

Jetzt, Anfang Juni, kam ein neues Pferd in die Herde. Ein stattlicher Tinker, bei dem ich sofort dachte, dass das ein geborener Führer ist (und ich bin kein Pferd 😉 ).

Tja, und genau das schätzte Aramis wohl auch so ein. Mit Anthony an seiner Seite ging er als erstes auf den Neuankömmling los, der das einzig Richtige tat, nämlich zu fliehen. Und so zeigte sich auch die ersten Tage dasselbe Bild: der Tinker wurde gejagt, nicht nur von meinen Jungs, auch von den anderen Pferden.

Aber, wer genauer hinsah, konnte auch bereits beobachten, dass die Flucht nicht aus Schwäche stattfand, sondern Teil der Strategie dieses Pferdes war. Echte Führer unter Pferden brauchen kaum zu kämpfen. Sie haben eine natürliche Autorität, die von den anderen Pferden akzeptiert wird. Und genau darauf verlässt sich der Neue.

Nach einigen Tagen konnte ich z.B. beobachten, wie Anthony zur Tränke ging und der Tinker ihn scheinbar zufällig (in Wahrheit aber natürlich sehr bewusst) begleitete. Er stellte sich schräg zur Tränke, scheinbar (aber natürlich in Wahrheit überhaupt nicht) beiläufig. Anthony irritierte das durchaus, dass der Neue da so ein Auge auf ihn warf und als er fertig war, drehte er sich mit dem Hinter zu ihm, um ihn zu vertreiben. Der Tinker wich keinen Zentimeter, worauf Anthony gleichsam mit den Schultern zuckte und ging.

Das war ein klassischer Führungssieg.

Im Gegensatz zu Anthony, dem eine Führungsposition offenbar ziemlich egal ist, hat Aramis bis jetzt seinen Führungsanspruch noch nicht aufgegeben. Ein Arthroseschub, ausgelöst durch das Durchstarten, Wenden und Stoppen beim Jagen bremste allerdings meinen Großen etwas in seinem Willen, Nummer 1 zu bleiben und es war sehr berührend zu sehen, wie er da stand und sein Bein ansah, als wollte er sagen: So ein Mist.

Noch ist Aramis Chef, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Tinker übernimmt. Inzwischen arbeitet er punktuell schon deutlich daran, seinen Führungsanspruch auch gegen Aramis durchzusetzen, wovon einige Wunden zeugen. Ich kann nur froh sein, dass der Tinker ein so besonnenes Pferd ist, denn in einem echten Zweikampf sehe mein Großer wahrscheinlich blass aus. Klar, er ist auch groß und kräftig und eindrucksvoll, aber es ist eindeutig, dass der Tinker der Stärkere ist. Heute habe ich beobachten können, wie erst Aramis mit der Herde im Schatten unter dem Dach stand, etwas später der Tinker mit einer Stute, während Aramis draußen stehen musste, und dann noch etwas später, die beiden Kontrahenten allein: mit einem guten Abstand und schräg zu einander stehend belauerten sie sich.

Es wird genau so kommen, wie ich es gleich zu Beginn schon kommen sah: Aramis wird sich wieder mit der Position 2 abfinden müssen (und ich sage auch voraus, dass das dunkle Tinkertier Aramis nächster großer Kumpel werden wird, wenn die Sache durch ist). Drückt mir die Daumen, dass er einigermaßen heil bleibt dabei.

Und eines zum Trost, mein Großer: Für mich bleibst Du die Nummer 1, immer!

Aramis

 

24. Juni 2014 von Tania Konnerth • Kategorie: Verhalten 9 Kommentare »

 

9 Reaktionen zu “Aramis und die Rangfolge”

 

Von Jimmy • 25. Juni 2014

Hallo Tania,
wie spannend, was du da alles beobachten kannst. Dadurch lernt man ja so unwahrscheinlich viel über die Pferde im allgemeinen und die eigenen im besonderen. Mich würde sehr interessieren, wie so ein Machtgerangel mit dem Tinker aussehen würde. Wenn du die Erlaubnis hast, könntest du euren zukünftigen Herdenanführer ja mal vorstellen.
Viel Spaß noch mit DEINER Nr. 1 !
Liebe Grüße
Jimmy

 

Von Antonia • 25. Juni 2014

Ich denke beim Beobachten des Herdenverhaltens unserer Pferde können wir deren Charakter so gut einschätzen wie nirgends sonst. Und es ist spannend 😀

Unsere kleine Herde wird klar von unserer einzigen Stute geführt. Kein Widerspruch da. Theoretisch wäre mein junger Wallach an zweiter Stelle, aber unser Seniorwallach ist der beste Freund der Leitstute , deshalb hat meiner in Gruppenversammlungen auch hier das Nachsehen, die Stute verteidigt ihren Freund. Jetzt kam ein Fohlen von eben dieser Stute dazu, mein Wallach war ganz euphorisch, endlich mal jemand, den er auf seinen Platz verweisen könnte…. denkste, die Stute verteidigt ihre Tochter natürlich … und da steht er nun, an der Tränke am weitesten hinten…als kleiner Omega, wo er doch eigentlich Zweitstärkster ist.. Vitamin B ist eben auch bei Pferden alles 😉

 

Von Chevalie • 26. Juni 2014

Liebe Tanja,

vielen Dank für diesen kleinen Einblick in eure Herde. Das ist wirklich interessant. Ich habe neulich in einem Buch über diese besonnenen Anführer gelesen und bin ganz fasziniert davon. Warum all das Dominanzgequatsche, wenn es auch in der Herde anders gelebt wird!?! Kleinere Konflikte gibt es natürlich auch unter Pferden, aber das Unterwerfen und Durchsetzen um jeden Preis kommt in der Herde ja – wenn überhaupt – nur äußerst selten vor. Ich wünschte mehr Menschen würden mal ihre Pferde in der Herde beibachten. Man kann da so viel über sie lernen. Viel Spaß mit der Nummer 1 der Herzen! 😉

 

Von Clarissa • 30. Juni 2014

Liebe Tania,

das klingt wirklich spannend was du erzählst!
Mein Ponywallach stand seit ich ihn habe immer nur in sehr großen Gruppen. Ich kann sehen, dass er definitiv nicht weit hinten in der Rangfolge steht, doch beim einzelnen Pferd konnte ich es nie wirklich sagen.

In knapp einem Monat ziehen wir ENDLICH in den ersehnten Offenstall, wo sich für ihn vieles (Fütterung, Wurmkur usw.) verbessern wird. 🙂
Außerdem sind es insgesamt nur vier Pferde. Durch die kleinere Gruppe und die ruhigere Umgebung werde ich wahrscheinlich noch ein ganzes Stück mehr über ihn erfahren und lernen. Darauf freue ich mich schon sehr! 🙂

Liebe Grüße,
Clarissa

 

Von Birgit • 30. Juni 2014

Eine sehr schöne Beschreibung vom Herdenverhalten, Tania!Auch sehr schön zu lesen, wie gelassen DU damit umgehst. (Natürlich habe ich von dir auch nichts anderes erwartet 😉 )
Ich habe in unserm Stall erlebt, wie sauer ein Besi reagierte, als meine Stute einzog und seiner den Rang streitig machte (den sie gar nicht haben wollte, sie ist ein total gelassenes unter-ferner-liefen-Pferd). Manche Menschen definieren sich offenbar über ihre Pferde.
Interessant finde ich noch das Verhältnis meiner Stute zu ihrem inzwischen erwachsenen Sohn. Eigentlich hat die Stute die 1. Position. Aber es gibt Tage, an denen es ihr offensichtlich nicht so gut geht oder an denen sie rossig ist und dann gibt sie tageweise die Führung an ihren Sohn ab. Tage später ist sie mit einem kurzen Ohren anlegen wieder geborene Chefin. 🙂
Was ich ganz toll finde, ist, wie Pferde sich doch oft problemlos in ihre Rolle wieder fügen können.

 

Von Christiane • 30. Juni 2014

Sehr interessant zu lesen.
Besonders deshalb, weil sich die meisten Leute gar nicht so viel Gedanken darum machen, welche Bedeutung die Hierarchie in der Herde auf das Leben der Pensionspferde hat.
Insbesondere, wenn die Pferdegruppen ständig neu zusammen gestellt werden.
Gerade in Ställen, in denen sehr viel Wechsel vorkommt, stehen die Pferde wegen der ständigen Rangordnungsauseinandersetzungen unter stetigem Dauerstress. Da wird ein dominantes Pferd mit einem rangniedrigen Pferd auf 4×8 m zusammengepfercht und dann sollen sie sehen, wie sie miteinander klarkommen.

Wenn man weiß, wie viel Raum manche Pferde um sich herum als Individualzone benötigen, dann ist das gruselig.
Dann gibt es oft noch E-Zäune zum Nachbarn, die von Pferden auch als Bedrohung wahrgenommen werden.

Ich habe schon Pferde gesehen, die immer dünner wurden, weil sie diesen permanenten Stress nicht aushielten.

Ich lese Eure Artikel immer wieder gern. Danke schön!

 

Von Stephanie • 30. Juni 2014

Liebe Tanja, mit genau dem Thema setzte ich mich auch gerade beobachtend auseinander. Mein Knabstrupper-Wallach (der sich als Hengst versteht) ist seit geraumer Zeit Herdenchef unserer kleinen gemischten Herde – zusammen mit der Leitstute, die wiederum seine beste Freundin ist. Nun hat diese Stute mit zwei weiteren Nachwuchs bekommen und wurden aus der Herde genommen. Eine der Mädels, eine Araberstute, hat ihr Fohlen nach nur einer Woche verloren, die Trauer war entsprechend groß. Damit sie wieder zu sich kam, hatten wir sie zurück in die Herde gegeben – und während die Herde auf der Weide graste und die arme Mutter sich heiser wieherte nach ihrem Fohlen, hat mein Wallach die Dinge in die Hand genommen: Er holte die Stute an seine Seite, ließ sie keinen Augenblick allein, pumpte ihr das Wasser, teilte sogar sein Futter mit ihr und verzichtete auf das Grasen, solange sie sich aus der Nähe des Stalls nicht forttraute. Interessanterweise kam kurz darauf eine Ponystute aus der Herde zurück, übernahm seine Aufgabe, so dass er ein paar Halme Gras zupfen konnte.
Ich war unglaublich gerührt, mit wieviel Verantwortungsbewusstsein die Pferde mit dieser traurigen Situation umgegangen sind, wie sehr sie der armen Mutter geholfen haben, über den Verlust hinwegzukommen! Als ich mein Pferd den einen Tag vom Paddock holen wollte, hat er mir deutlich gezeigt „Ich kann heute nicht, ich kann sie nicht allein lassen!“ Die wenigen Notwendigkeiten wie eine kurze Sattelanprobe, haben wir draußen, neben der Stute, erledigt, dann durfte er seiner Aufgabe wieder nachgehen. Und ja, dafür habe ich sogar ein Seminar sausen lassen, mit allerbestem Gewissen. 😉
Liebe Grüße, Stephanie

 

Von Linda • 1. Juli 2014

Hi Tania,

Ich kann deine Erfahrungen auch nur bestätigen. Mein Dicker war immer der Chef, seinen Pferden gegenüber sehr fürsorglich, aber er war ein Aas gegenüber jedem fremden Pferd – niemand durfte seine Familie gefährden… als er umziehen musste in einen Stall mit einer Stute und 4 Wallachen, der dortige Chef ein ebenso selbstbewusstes Kampfschwein wie er, nur dass der die anderen Wallachen teilweise schikanierte, hab ich die Stallapotheke aufgerüstet und mich aufs schlimmste gefasst gemacht.

Zu Anfang wurde er mit dem verträglichsten zusammengestellt, ich hielt mir schon die Ohren zu in Erwartung seines Kampfgebrülls – doch nix, der Heimische legte die Ohren an und meiner war weg. Haute einfach ab. Wich aus, fragte freundlich ob er in die Nähe kommen durfte und akzeptierte es einfach wenn die Antwort nein war. So nach 3, 4 Wochen hatte der andere genug von der Verantwortung und der Grantlerei und übergab ohne jeglichen Aufstand das Zepter. So hatte er wieder seine Ruhe und meiner seinen Chefposten wieder.

Nach etwa drei Monaten beschloss dann der Chef der restlichen Truppe, dass es Zeit war die Grenzen zu öffnen und riss den Zaun nieder. Und wieder – meiner wich. Wenn der andere zu lästig wurde wehrte er sich. Ansonsten hielt er den Ball schön flach und blieb freundlich unauffällig… rüpelte die anderen nicht an, suchte die Nähe des Wallachs der am meisten drangsaliert wurde und lenkte die Aufmerksamkeit auf sich wenns zuviel wurde… und so bohrte er langsam und unauffällig Löcher in den Thron. Es dauerte kein weiteres halbes Jahr bis ein einziger „Kampf“, den meiner ob besserer Taktik und Wendigkeit gewann, die Rangfolge änderte.

Seitdem ist die Herde deutlich ruhiger. Ist der Exchef mal wieder auf einem Egotrip und stänkert, schreitet meiner ein und stutzt ihn zurecht. Ansonsten ist er weiterhin freundlich zu allen und die sind einfach froh, dass der Chef kein Choleriker mehr ist 🙂

 

Von Jana • 3. Juli 2014

Genau das kenne ich. Meine Stute war immer Führer. Ein in die Herde hineingeborener Wallach immer der Letzte. Dann kam ein Neuer. Friese groß ind stark. 8 Jahre. Ich dachte, meine Stute macht ihn klein, also warteten wir mit der kompletten Zusammenführung, bis sie rossig war. (Sonst macht sie jeden fremden nieder…) Aber sie tat nichts. Aber se kleine Walkach jagte ihn umher,dass ich ihn wieder raus nehmen musste. Ich überlegte lange, warum er derjenige war. Dann kam die Erkenntniss: Er war der einzige Mann in der 7 Pferde starken Herde ubd somit seine Mädels. Bis heute dominiert der Kleine . Meine Stute forderte den Neuen zwar heraus, aber er reagierte gar nicht. Sie überließ ihm den Rang. Aks Folge gibt es einen Chef bei den Stuten und einen anderen beii den Wallachen. Beide spieken aber inzwischen immer wieder gerne, wenn es auch ohne Blessuren nicht geht. Es ist immer wieder schön ihnen dabei zuzusehen.

 

 

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