Immer schön gleichmäßig?

Eine Grundregel, die mir von Beginn an beim Reiten und der Pferdeausbildung eingeschärft wurde, lautet: Immer beide Seiten gleich arbeiten! Wie bei vielen Regeln, macht es Sinn auch diese einmal ein bisschen zu hinterfragen.

Wenn ich davon ausgehen könnte, dass mein Pferd auf beiden Seiten „gleich“ ist, also entweder gleich gut oder schlecht bemuskelt, gleich gut oder schlecht geschmeidig und gleich gut oder schlecht zu den einzelnen Lektionen fähig, würde es Sinn machen, beide Seiten immer gleich zu trainieren. Da wir es aber bei Pferden immer mit einer natürlichen Händigkeit (wie bei uns Menschen auch) und Schiefe zu tun haben, sind eben beide Seiten nie gleich. Genau da setzen wir ja mit unserer Gymnastizierung an, wir wollen diese natürlichen Unterschiede möglichst ausgleichen, damit unser Pferd seine Muskeln und Gelenke gleichmäßig belastet. Wenn ich es aber mit ungleichen Seiten zu tun habe, liegt doch nahe, dass ich die Seiten auch verschieden trainieren muss, wie sonst könnte ich den Unterschied ausgleichen?

Hinzu kommt die Tatsache, dass es für ein Pferd auf seiner „schlechten“ Seite fast immer viel anstrengender ist, Lektionen auszuführen. Würde ich da dieselben Erwartungen wie auf der guten Seite haben, würde ich mein Pferd schnell überfordern und ggf. auch einen kräftigen Muskelkater riskieren, der ihm die nächsten Reit- oder Arbeitseinheit sicher verleiden wird.

Damit aber trainiere ich beide Seiten ungleich. Widerspricht das also der Grundregel? Nur dann, wenn man die Grundregel so auslegt, dass man wirklich exakt dasselbe auf jeder Seite machen muss. Viel sinnvoller ist aus meiner Sicht, die Forderung, beide Seiten gleich zu arbeiten, so zu deuten, dass man die Seiten „seitengerecht“ fördert, also genau schaut, welche Probleme ein Pferd jeweils auf der Seite hat und das Training darauf abstimmt, diese Probleme zu lösen.

Ein Beispiel

Mir kamen all diese Gedanken neulich beim Galopp. Anthony kann auf der einen Hand schon richtig schön gesetzt angaloppieren und auch ganze Zirkelrunden locker durchgaloppieren. Auf der anderen Hand entgegen kippt er je nach Tagesform noch stark nach innen oder gerät beim Angaloppieren erstmal in einen Stechtrab. Es würde nun überhaupt keinen Sinn machen, wenn ich ihn auf beiden Seiten gleich lang galoppieren lasse! Im Gegenteil: Ich muss die noch schwache Seite behutsam fördern, was ich durch mehrfaches Angaloppieren mache, ohne Strecke zu fordern. Auf der guten Seite hingegen lasse ich ihn dann durchaus mal zwei, drei Runden galoppieren.

Ich arbeite also nicht beide Seiten gleich, aber ich versuche, beide Seiten ausgleichend zu fördern. Genauso wenig, wie ich auf der schwachen Seite rundenweise Galopp fordern sollte (weil das nur in einer wüsten Rennerei ausarten würde), sollte ich den Galopp dort aussparen. Ich muss mir überlegen, wie ich mein Pferd auf der schwachen Seite gezielt fördern kann, damit Anthony mittelfristig auch auf dieser Hand so gut galoppiert, wie auf der anderen.

Und um die Sache noch ein bisschen komplizierter für uns Menschen zu machen, müssen wir auch noch jeden Tag neu schauen, wie unser Pferd heute drauf ist. Denn was gestern noch ganz leicht ging, kann heute wieder fast unmöglich sein und wenn ich gestern dachte, meinem Pferd fällt rechts die Innenbiegung schwer, so kann es morgen links ein Problem sein.

Fazit: Bedarfsgerecht trainieren!

Es darf also aus meiner Sicht beim Training nie darum gehen, stur ein Programm für beide Seiten abzuarbeiten, sondern wir müssen uns immer wieder mit Köpfchen UND Einfühlungsvermögen überlegen, wie man die Schwächen eines Pferdes fördern und das, was es schon gut kann, ausbauen kann. Nur ein bedarfsgerechtes Training ist ein gutes Training.

15. Mai 2012 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse 9 Kommentare »

 

9 Reaktionen zu “Immer schön gleichmäßig?”

 

Von Kirsten • 15. Mai 2012

Guten Morgen,
über dieses „Problem“ bin ich neulich auch gestolpert. Ich sehe es ähnlich, dass man beide Seiten gleichmäßig arbeitet, aber jede Seite mit ihren individuellen Anforderungen beachtet werden muss. Habe dazu einen interessante Abhandlung gelesen.Wo ich es gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Es ging um das Geraderichten des Pferdes. Dass Reiter die voll gebogene Seite als die „schlimmere“ Seite empfinden, weil sie sich so schlecht biegen läßt. Dass aber die hohlgebogene Seite im Umkehrschluß sich nicht so gut verkürzen läßt, und dass dies genauso gearbeitet werden muss, nur anders wie die verkürzte Seite wird oft nicht so beachtet. Oft ist es so, dass man sich so auf eine Seite konzentriert, dass die „schlechten“ Seiten wechseln, und dann steht man da und wundert sich. Die Aussage, dass man die Seiten „seitengerecht“ und ausgeglichen fördern sollte und auch die Tageskondition eine große Rolle spielt, trifft den Punkt genau.
viele pferdige Grüße
Kirsten

 

Von Carola Schlanhof • 15. Mai 2012

Hi Tanja,

toller Artikel! Wann gibt es die Fortsetzung (weitere Ausführungen dazu, wie Frau es praktisch angeht, daß Bewegungen auf beiden Seiten möglichst gleich gut ausgeführt werden können, ohne das Pferd durch massiv mehr Übung auf der schlechteren Hand – wie auch tw. empfohlen – zu frustrieren)?

Und Teil drei vielleicht menschlich, also wie schaffe ich es, als gutes Beispiel voranzugehen und möglichst selbst keine Einseitigkeiten zu zeigen, wenn ich das ja schließlich auch von meinem Pferd verlange (mal davon abgesehen, daß es uns beiden gut tun, ausbalanziert zu sein).

Viele Grüße

Carola
(die immer wieder daran arbeitet, gleichermaßen oft von rechts und links auf- und abzusteigen und im Moment mal wieder festgestellt hat, daß es derzeit von rechts einfacher ist)

 

Von Gisa • 21. Mai 2012

Hallo,

an diesem Problem arbeiten wir auch gerade. Und das, was mir früher immer eingebimst wurde, eben auf beiden Seiten gleich zu arbeiten, wird durch mein kluges Pferd täglich ad absurdum geführt. Seine starke Seite ist ganz klar die linke, ergo wird diese momentan auch viel stärker gefördert. Wir fangen auch immer links an. Wir stärken und trainieren also gezielt die linke Seite. Auf der rechten machen wir momentan mehr oder weniger basics, so daß er lernt, nicht mehr nach innen zu kippen, die Balance zu halten, spurig zu gehen. Ich glaube auch, daß wenn die gute Seite gestärkt wird, diese Stärke auch auf die andere übertragen werden kann. Es fordert halt, wie immer im Pferdebereich, Geduld.

Schöne Grüße
Gisa

 

Von Tania • 21. Mai 2012

Hallo Ihr,

und danke für Eure Kommentare.

@Carola: Über solche Artikel denke ich gerne mal nach, obwohl das eigentlich mehr Babettes Revier ist 🙂

Und das mit den wechselnden Seiten kenne ich auch nur zu gut! Bei Anthony weiß ich bis heute nicht genau, ob er nun eigentlich Rechts- oder Linkshänder ist …
Tania

 

Von Katja • 21. Mai 2012

Ich trainiere beide Seiten gleich. Mir hat das niemand „eingeredet“, sondern aus ganz normalen logischen und von meiner manuellen Tierärztin bestätigten Gründen: Mache ich mehr auf der guten Seite als die schlechte mitmachen kann, so wird die gute Seite noch mehr der schlechten voraus sein. Also richte ich all mein Programm nach dem, was das Pferd auf seiner dazu passenden schlechteren Seite gut machen kann … und erhalte so immer nach wenigen Monaten unglaublich symmetrische Pferde. Die sind dann vielleicht nicht top bemuskelt, aber gut geradegerichtet und symmetrisch bemuskelt und von da an kann ich weiterarbeiten, sodass es immer besser wird. Lasse ich hingegen das Pferd länger schief, habe ich immer Schwierigkeiten einen Sattel anzupassen, einen Reiter rauf zu setzen etc. Daher hat immer die Gleichseitigkeit allererste Priorität und dann kommt das weitergehende Training.

 

Von Lisa • 21. Mai 2012

Ich denke,dass es prinzipiell überhaupt kein Problem ist, wenn man beide Seiten gleich trainiert…
Das einzige Problem ist, dass man sich als Reiter an der besseren Seite orientiert, und dadurch die schlechtete überfordert. Wenn man aber nur soviel macht, wie auf der schlechten Seite geht, macht man ja auch auf beiden Seiten dasselbe, ohne das Pferd dabei zu überfordern, oder?
Gruß, Lisa

 

Von Nine • 30. Mai 2012

Endlich mal Jemand der es genauso sieht wie ich, mein Pferd hat auch ein Seitenproblem, allerdings drückt er dieses dann etwas radikaler aus und wehrt sich. Er wurde vom Tierarzt angesehen von daher kann ich gesundheitliche Probleme ausschließen. Ich muss ihn vermehrt auf der guten Seite vom Sattel aus arbeiten, natürlich wird auch seine schlechte Seite nicht vernachlässigt, allerdings möchte ich auch keine Kämpfe unterm Sattel mit meinem Pferd veranstalten. Denn er soll Spaß bei der Arbeit haben und nicht unter Zwang laufen, seine Problemseite wird vom Boden aus vermehrt gefördert, ohne Reiter ist es einfacher für ihn, natürlich muss er auch mal über seinen Punkt gearbeitet werden, dies mache ich dann aber mit viel Gefühl, er hat so seine Zeit wann er anfängt mir in Richtung Bande zu laufen und zeigt dann auch deutlich seine Schwäche (hebt sich raus, geht untaktmäßig, galoppiert dann auch an, der Kopf geht hoch und runter und er rollt sich ein). Tips wie ,,hau dem mal ordentlich eine auf den A…..dann lässt der das auch“, überhöre ich dann, das ist nicht der Weg und er macht es nicht aus Boshaftigkeit. Immer ein bisschen mehr dies war auch der Tip vom Tierarzt und irgendwann läuft er schon. Kann ich nur bestätigen, da er immer ein wenig länger auf der schlechten Hand durchhält.

 

Von Birte • 12. Mai 2014

Immer beide Seiten gleich arbeiten! – ich sehe da erheblichen Spielraum in der Interpretation.
Ist es wirklich so gemeint, dass man auf jeder Hand das gleiche Programm abspulen soll? Oder nicht viel eher so, dass man die Arbeit so anlegen soll, dass beide Seiten gleich werden? Gleich durchlässig, gleich kraftvoll, gleich biegsam.
Für mich persönlich ist es eindeutig letzteres!

 

Von Claudia Heinelt • 12. Mai 2014

Wie immer ein spannendes Thema! Allerdings vermisse ich ein bißchen das an die eigene Nase fassen: Welche von Euch putzt sich z.B. regelmässig die Zähne mit links, auch wenn sie von Haus aus Rechthänderin ist? Ich rate dringend zum Ausprobieren, das fördert das Verständnis und geduldige Experimentieren für unsere vierbeinigen rechts-und linkshändigen Freunde ganz ungemein 🙂

 

 

Einen Kommentar schreiben

 

Die folgenden Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

  • Herzlich Willkommen im Blog von „Wege zum Pferd“

    Hier finden Sie unser Blog und können ganz in Ruhe stöbern. Oder Sie suchen gezielt in einer der Themen-Kategorien hier weiter unten im Seitenbalken. Alternativ können Sie auch in dem Suchfeld ein Stichwort eingeben.

    Alles zum Thema Longieren finden Sie hier und unsere Beiträge zum Clickertraining hier. Eine Übersicht über unsere Kurse, E-Books und Bücher finden Sie hier.

    Und wer sind wir? Wir sind Babette Teschen und Tania Konnerth, Betreiberinnen dieser Seite seit 2008 – einen Artikel zu unserem 10-jährigen Bestehen gibt es hier. Wir teilen in diesem Blog unsere persönlichen Erfahrungen und unser Wissen mit Ihnen und Euch und freuen uns auf Kommentare und Rückmeldungen.

    Und hier geht es zu unserem Buch bei Kosmos:

  • Praktische Hilfe gesucht?

    Wir bieten Ihnen auch persönliche Unterstützung für Sie und IhrPferd – Bitte hier klicken.

  • Kategorien

  • Neueste Beiträge

  • Neueste Kommentare

  • Archive

  • Diese Seite verwendet Cookies. Personenbezogene Daten werden zum Beispiel bei den Kommentaren gespeichert. Mehr erfahren

    Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

    Schließen