Drei Lernaufgaben

Dominique Barbier schreibt in seinem Buch „Die wahre Natur des Pferdes„:

„Pferde lehren uns, wie man ohne Aggression um etwas bittet,
wie man bedingungslos liebt
und wie man die zerstörerische Seite der Perfektion meidet.“

Ich muss sagen, mich haben diese Worte tief getroffen. Oder besser gesagt: Sie haben mich betroffen gemacht, denn ich fühle mich getroffen.

Hier sind genau meine Lernaufgaben auf den Punkt gebracht:

  • Ohne Aggression bitten zu lernen,
  • bedingungslos zu lieben
  • und die zerstörerische Seite der Perfektion zu meiden.

Punkt 1 habe ich leider prägend anders gelernt, denn mir wurde beigebracht, nicht zu bitten, sondern zu fordern, ja, sogar durchzusetzen – und zwar notfalls um jeden Preis. Ich arbeite intensiv daran, die Idee von der Bitte immer und immer wieder neu zu leben und nicht einfach zu fordern, nicht einfach durchzusetzen, nicht einfach zu erzwingen und ich bin besser geworden darin, über die letzten Jahre. Wenn ich wieder dazu neige, etwas mit zu viel Härte zu fordern, merke ich es inzwischen im Prozess und kann es unterbrechen. Ich hoffe, es gelingt mir, die Härte irgendwann ganz abzulegen.

Punkt 2 – die bedingungslose Liebe. Was für ein großes Thema! Sie gelingt mir dann, wenn ich nichts von meinen Pferden will. Wenn ich sie auf der Weide sehe und mir das Herz überfließt. Wenn ich mich immer wieder neu in ihre blonden Mähnen verliebe. Wenn ich in ihre weisen Augen schaue. Wenn ich meine Nase in ihr Fell tauche und ihren Duft einatme. Wenn mich mein Pferd durch den Wald trägt und wir im gemeinsamen Takt atmen und das Leben genießen. Dann liebe ich ohne Wenn und Aber. Punktuell verliere ich diese Liebe aber noch- und zwar immer dann, wenn ich etwas zu sehr will. Eine Lektion, ein Verhalten, ein Unterlassen. Dann bin ich nicht mehr in der Annahme, nicht mehr in der Güte oder Liebe, dann bin ich im Kampf. Es wird weniger, aber auch hierfür muss ich etwas tun.

Und der dritte Punkt – mein so vertrautes Laster: der Perfektionsdrang. Ein Thema, das ich nicht nur mit meinen Pferden immer wieder neu angehen muss, sondern auch mir selbst gegenüber. Denn, ja, die Sucht nach Perfektion kann zerstörerisch sein. Sie frisst alles an Respekt, Achtung und Liebe. Sie sieht nur das noch (unerreichbare) Ziel und verfolgt es gnadenlos. Ich will sie weiter meiden lernen, diese zerstörerische Seite der Perfektion. Wenn mir das gelingt, kann ich die erfüllende Seite der Perfektion sehen und fühlen: die Perfektion, die in dem liegt, was ist. In meinen wundervollen Pferden und dem Glück, meine Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen.

15. September 2011 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse 11 Kommentare »

 

11 Reaktionen zu “Drei Lernaufgaben”

 

Von Manuela • 15. September 2011

Liebe Tania,

wie wahr, wie wahr und wie erschütternd Deine Worte sind … Mir steigen die Tränen in die Augen …
Ich suche mit meinem Pferd nicht den Turniererfolg oder den Applaus der anderen. Die Sucht nach Perfektion entsteht bei mir aus dem Bedürfnis heraus, mein Pferd mit Training gesund zu erhalten.
Aber – auch wenn die Intention eine gute ist, so kann das Ergebnis nichts-desto-trotzt ein schlechtes sein.
Verbissenheit und Ehrgeiz nehmen den Raum, in dem Geduld und Güte sein sollten.
Ich arbeite täglich an mir, die Liebe zu meinem Pferd ist unendlich groß. Und doch sind die Momente noch zu viel, in denen ich innerlich Abbitte leiste und bereue, weil ich zu hart und ungerecht war. Zu wenig klar und liebevoll konsequent.
Aber – hey, wir sind alle nur Menschen … 😉
Danke für Deine Ehrlichkeit!

Nachdenklichen Gruß
von Manuela

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Und danke Dir für Deine Zeilen, Manuela! Fühl Dich virtuell umarmt, wenn Du magst,
Tania

 

Von Anna • 17. September 2011

Liebe Tania,

was für ein wunderschönes Zitat und was für ein gutes Statement von Dir. Ja, es ist unglaublich schwer diese drei Lernaufgaben zu erfüllen, aber es ist gleichzeitig unglaublich schön, weil man so sehr daran wachsen kann.
Aber auch im Verfolgen dieser Lernziele sollte man wohl versuchen die „erfüllende Seite der Perfektion“, wie Du das so schön genannt hast, im Blick zu behalten und sich selbst Zeit lassen und auch Fehltritte akzeptieren.

Mir hilft dabei meistens dieses schöne Zitat von Dietrich Bonhoeffer: „Jedes Werden in der Natur, im Menschen, in der Liebe muss abwarten, geduldig sein, bis seine Zeit zum Blühen kommt.“
Die Idee des Abwartens und des natürlichen Erblühens hilft mir ganz arg meine eigenen Ansprüche an mich und meinen Helden im Griff zu behalten, denn auch das Gras wächst bekanntlich nicht schneller, wenn man daran zieht 😉

Ganz herzliche Grüße an Dich und Deine schönen Pferde! Als ich gerade eins Deiner Videos gesehen habe, musste ich schumzeln und an Jennis und meinen Besuch bei Dir denken. Das war richtig schön! 🙂

Alles Liebe!
Anna

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Oh, wie schön, wieder einmal von Dir zu lesen, Anna! Dankeschön! Ich hoffe, es geht Dir gut!
Tania

 

Von Judith • 19. September 2011

Hallo Tania,

einfach nur wahr! Sehr schön ausgedrückt 🙂

Liebe Grüße
Judith

_______________________

Dankeschön!
Tania

 

Von Svenja • 20. September 2011

Wow, das könnten meine Worte sein. Mir gehts genau so!

Das größte Problem eines Perfektionisten ist auch seine Ungeduld! Er will alles gleich und perfekt.
Alles muss sofort klappen und muss dabei genau so sein wie er sich das vorstellt und wenn nicht ist er unzufrieden, unendlich selbstkritisch, traurig, ….usw

Dabei macht er es sich selbst kaputt, denn er sieht den kleinen Erfolg den es zu loben gilt und viel mehr Wert ist als auf biegen und brechen etwas zu erzwingen nicht.

Das Pferd fühlt sich zurecht ungerecht behandelt, versteht den aggressiv werdenden Menschen nicht mehr (oft vertecken wir die Aggression ins uns – beim Reiten zeigt sie sich dann im extremen Ehrgeiz und überdeutlicher Hilfengebung) und der Mensch versteht sich auch selbst nicht mehr.
WARUM setzen wir uns so unter Druck?

Wir müssen davon Abstand nehmen anderen etwas beweisen zu wollen, uns etwas beweisen zu wollen und auch FEHLERLOS sein zu wollen. Niemals nie wird man Fehlerlosigkeit erreichen und ohne Fehler lernt der Mensch nicht! Manchmal ist es auch pure Überforderung.
Spätestens da – durchatmen- einen Gang zurück schalten!!!

Mein Pferd hat mich daran erinnert. Wir konnten einfach nicht mehr kommunizieren, dadurch dass ich uns einfach so einen „Lernstress“ gemacht habe. Ich war sehr bestürzt als ich darüber nachgedacht habe umso mehr finde ich es immer bewundernswert wie viel Geduld unser Lehrer Pferd hat und wie überaus gut sie verzeihen!
In meinem Wahn immer alles richtig zu machen um das „BESTE“ für mein Pferd zu tun – bin ich einfach übers Ziel hinaus geschossen und habe uns damit schlichtweg überfordert.

Jetzt habe ich einfach mal den Stress rausgenommen.
Kein Schimpfen, kein Voraussetzen, GEDULD, viel Lob, Zeit und siehe da es klappt wieder!

Jetzt bleibt es an mir michimmer wieder daran zu erinnern um nicht wieder einen Rückfall zu erleiden.
Lustigerweise habe ich einen schönen passenden Spruch zu dem Problem gefunden: “ Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!“

____________________

Sehr wahre Worte!
Tania

 

Von Bianca • 20. September 2011

Hi Tanja,
ich sehe mich darin voll und ganz wieder. Ich habe gelesen und gedacht, du beschreibst gerade mich. Ich habe so wie gestern ein schlechtes Gewissen, wenn ich härter zu meinem „Dicken“ war. „nur“, weil er nicht so wollte, wie ich. Ich hoffe, ich kann noch viel von dir lesen und lernen.

Viele Grüße,
Bianca

_______________________

Danke, Bianca. Ein schlechtes Gewissen brauchst Du aber auch nicht haben – es zu erkennen, ist der erste Schritt und bein nächsten Mal machst Du es dann sicher anders,
Tania

 

Von Claudia • 21. September 2011

Das sind tolle Zeilen, Tania.
Ich erlaube mir mal festzustellen, dass mindestens Punkt 1 und Punkt 2 Themen sind, die dem menschlichen Wesen überhaupt nicht entsprechen bzw. anhanden gekommen sind. Welcher Mensch liebt bedigungslos (ganz ehrlich aus dem Herzen ) ? Welcher Mensch richtet eine Bitte ohne dem Hintergrund einer Forderung und dann noch an ein Tier ( macht euch die Erde Untertan )? So einen edlen Charakter unter unseren Artgenossen zu finden ist ein echter Hauptgewinn.
An diesen Werten ernsthaft und ehrlich zu arbeiten ist aber, finde ich, jegliche Mühe wert. 🙂
Alle Liebe Claudia

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Ja, es sind große, große Themen,
Tania

 

Von Conni • 19. November 2011

Hast du auf dem Bild den LG in ein Wanderreithalfter eingeschnallt?
Da rutscht wenigstens nichts ins Auge, würde mir das gern abschaun.

LG

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Diesen Zaum hat mir jemand aus Biothane gebastelt, denn ja, wir hatten auch das Problem, dass bei normalen Zäumen schnell was zu nah ans Auge kam.

Herzlich,
Tania

 

Von Andrea • 3. Februar 2014

Hallo Tania,

ich bedanke mich nach jedem Ritt bei meinem Pferd und entschuldige mich für Fehler, die ich (vermutlich wieder) gemacht habe.

Liebe Grüße

Andrea

 

Von Gaby • 3. Februar 2014

Danke für diesen Denkanstoß – und seufz – ja – ich kann mich darin nur zu gut wiederfinden 🙁
LG Gaby

 

Von Bettina • 3. Februar 2014

Voll ins Schwarze getroffen kann ich da nur sagen…

Danke für dieses tolle Zitat, ich werd’s mir an meinen Sattelschrank kleben!

 

Von Meike • 3. Februar 2014

Hallo Tania,

ich hatte heute Abend mal wieder mit meiner Hündin richtig Stress. Sie bringt mich echt zur Verzweiflung und es fällt mir gerade so unendlich schwer, sie bedingungslos zu lieben.
Danke für den tollen Beitrag genau zu richtigen Zeit !

 

 

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