Nie zufrieden?

Seit einer Weile schreibe ich immer mal wieder was zu dem Thema „Was Pferde nervt„, so z.B. über unseren Einsatz der Stimme, über unser Bedürfnis, Pferde ständig anfassen zu wollen oder auch über das Thema „Klarheit„. Heute nehme ich mir einen weiteren, wie ich denke, sehr wichtigen Aspekt vor: und zwar unsere Tendenz, nie zufrieden zu sein.

Es scheint ein sehr menschlicher Zug zu sein, irgendwie immer mehr oder immer etwas anderes zu wollen, als wir gerade haben. Diese Eigenschaft findet sich zunächst vor allem bei eher ehrgeizigen Menschen, aber bei Weitem nicht nur bei ihnen.

Vielleicht findet Ihr Euch ja hier wieder?

  • Kaum kann unser Pferd einigermaßen gebogen und locker im Trab auf einer Volte laufen, wollen wir das im Galopp.
  • Kaum geht unser Pferd zwei, drei Schritte losgelassen rückwärts, arbeiten wir schon an der Schaukel.
  • Kaum hat unser Pferd einige Schritte Schulterherein gezeigt, wollen wir das Schulterherein in Trab und im Galopp.
  • Kaum zeigt ein Pferd den spanischen Gruß, soll es am liebsten schon im spanischen Trab herumtanzen.
  • Kaum hat unser Pferd gelernt, sich über den Cavalettis in schöner Selbsthaltung zu zeigen, soll es springen.
  • Usw. usw.

Oder vielleicht hier:

  • Kaum hat ein Pferd seine Angst vor dem Gymnastikball halbwegs überwunden, wollen wir es schon in eine Plastikplane einwickeln.
  • Kaum vertraut uns unser Pferd so, dass wir entspannt spazieren gehen können, wollen wir nun endlich ausreiten.
  • Kaum ist das Pferd in seinem neuen Stall angekommen, soll es gleich in der nächsten Woche konzentriert im Unterricht mitgehen.
  • Kaum hat sich unser Pferd von seinem Hufgeschwür erholt, haben wir schon wieder einen strammen Trainingsplan ausgearbeitet.
  • Usw. usw.

Kurz und gut: Es reicht nie. Es ist nie genug. Wir sind nie wirklich zufrieden.

Und leider übersehen wir dabei, dass genau das das Pferde enorm frustrieren kann.

Ein persönliches Beispiel

Ich habe diese Erkenntnis durch meinen Aramis gewonnen. Aramis ist ein motiviertes und lerneifriges Pferd, der gerne alles richtig machen will. Wie leicht es ist, ein solches Pferd auszunutzen, habe ich leider erst sehr spät begriffen. Von seiner ganzen Statur und Veranlagung her nicht wirklich zu einem Dressurpferd geboren, bemühte er sich redlich, all meinen Wünschen gerecht zu werden: Seitengänge in allen Gangarten, Traversalen, Pirouetten, Versammlung, Verstärkungen und… und… und… Immer wollte ich mehr. Kaum war eine Sache „geschafft“, hatte ich schon die nächsten im Visier.

Bis zu dem Tag, an dem mein Pferd mir die rote Karte zeigte. Es ging nichts mehr. Gerade noch Schritt in der Bahn, alles andere verweigerte er.

Ich bin froh, dass ich seine Botschaft damals verstanden habe. Dass ich begriffen habe, dass ich mein Pferd durch meine Daueransprüche nicht nur genervt, sondern hochgradig frustriert hatte. Und ich bin mehr als dankbar, dass ich ihn heute wieder normal reiten darf und er wieder die gleiche Grundmotivation zeigt wie früher.

Die eigenen Ansprüche überprüfen

Ich bin durch meine Erfahrungen nun natürlich sehr für Ansprüche von Menschen ihren Pferden gegenüber sensibilisiert und so fällt mir sehr oft auf, dass sehr viele nie wirklich zufrieden mit ihren Pferden sind. Und das finde ich schade. Schade für die Pferde und schade für uns selbst.

Pferde brauchen das Gefühl, etwas gut zu machen. Sie genießen es, wenn sie merken, dass ihr Mensch zufrieden mit ihnen ist und stolz auf sie ist. Das wirkt auf die meisten Pferde sehr motivierend.

Wir dürfen unsere Pferde natürlich schon auch mal ein bisschen fordern, aber ich denke, es ist sehr wichtig, darauf zu achten, die Leistungsspirale nicht ständig anzuziehen. In jeder Entwicklung gibt es immer auch Plateaus, also Phasen, in denen der Ist-Zustand unverändert bleibt (also Können oder Leistungsfähigkeit). Und es gibt auch immer Phasen, in denen es zu Rückschritten kommt (also plötzlich Sachen nicht mehr klappen, die eigentlich schon funktionierten oder die Leistung insgesamt schwächer ist). Hinzu kommen Aspekte wie Tagesforum oder aktuelle Befindlichkeiten, gesundheitliche Punkte, wetterbedingte Einflüsse oder auch Launen. Pferde sind lebendige Wesen und keine Maschinen, deshalb dürfen wir nicht erwarten, dass sie immer gleich funktionieren und eben auch nicht, dass sie sich in einer steilen Linie nach oben verbessern.

Seitdem ich zufriedener mit meinen Pferden bin – egal, ob die Leistung unter oder über Erwartung war – sind meine Pferde motivierter und ich bin entspannter. Ich nerve meine Pferde nicht mehr mit meinem ständigen „Mehr, mehr, mehr!“, sondern sie freuen sich an meiner Freude über das, was sie mir schenken.

25. August 2011 von Tania Konnerth • Kategorie: Umgang 8 Kommentare »

 

8 Reaktionen zu “Nie zufrieden?”

 

Von no0815girl • 25. August 2011

Das konnte ich selbst schon oft erleben, wie alleine die innere Haltung zum Pferd das Pferd verändert, wie es schöner und stolzer, somit auch aufgerichteter und korrekter lief, nur weil ich stolz auf mein Pferd war – obwohl mich die Zuschauer wahrscheinlich eher belächelten. Für mich ist es einfach immer wieder genial, dass wir jetzt ein schönes, lockeres, aktives vorwärts-abwärts reiten können. Natürlich würde ich gerne mehr können und habe auch Ziele, aber das heisst ja nicht, dass man sich nicht im Moment über die erreichten Ziele freuen kann. Dazu führe ich mir auch immer wieder die Vergangenheit vor Augen und denke daran, was früher alles nicht klappte, dann habe ich gleich wieder Freude daran, dass es jetzt (immer noch) klappt. Und wenns nur das Stillstehen nach dem Aufsteigen ist 🙂

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Ja, genau dieses „Nichts als selbstverständlich nehmen“, ist ein Teil der Geschichte!
Tania

 

Von Sandra • 25. August 2011

Danke Tania für diesen tollen Beitrag. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte ich das Problem bei meiner zweiten Stute auch, und nachdem ich aufgehört habe zu fordern, schenkte meine Stute es mir freiwillig. Ein wunderbares Gefühl. Nun lernen wir ganz langsam Neues hinzu und freuen uns über jeden kleien „Pups“. 🙂

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Schön – vor allem das „wir“ in Deinem Satz!
Tania

 

Von NocheineSandra • 26. August 2011

Genau! Ich hab das Training gut gestalltet, wenn ich viel zum Loben komme. Kann ich nicht loben, ist nicht das Pferd widerspennstig oder ungehorsam oder was auch immer, sondern ich verlange schlicht zuviel… und das macht dann beide Seiten unzufrieden.

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Super Einstellung!
Tania

 

Von Namea • 26. August 2011

Ich habe mich in diesem Zusammenhang in letzter Zeit (als ich im Forum viele Tagebücher gelesen habe) gefragt, warum die „Leistung eines Pferdes“ ständig auf einer Skala von 0 bis 100 gelesen wird. Klar, in der Ausbildung bauen einige Schritte aufeinander auf. Aber ich finde, dass diese Sicht auf das, was das Pferd uns anbietet, Leistungsdenken ist, das bestimmt diese Haltung fördert, immer mehr zu wollen. Weil es Übungen gibt, die besser sind als andere. Man will weiterkommen, auch damit alle sehen, was man schon kann. Doch darum geht es doch letztend Endes nicht. Es geth um den Spass miteinander.

Ich dachte folgendes: Wenn ich alle Übungen, die ich mit dem Pferd mache, als gleich wertvoll denke, dann kann ich mich über jede gelungene Übung freuen. Dann muss ich nicht davon sprechen, dass ich „ganz langsam vorankomme“, oder dass „wir eben mehr Zeit brauchen“ oder ähnliches. Dann kann ich mich einfach darüber freuen, dass wir uns vertändigen konnten und kann stolz auf uns sein, weil wir unsere Übung so toll geschafft haben. Egal, was das nun war.

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Jau, das sind schöne Gedanken, finde ich!

Danke dafür,
Tania

 

Von Sandra • 26. August 2011

ich hab dazu mal irgendwo einen schönen Satz (oder war es ein Zitat?) gelesen, der meiner Meinung nach schon gut dazu passt:

Wenn dein Pferd jeden Tag1% besser wird, was ist dann in 100 Tagen????

ich finde das es das schon trifft, wie oft klappt einen Tag was super und den nächsten Tag muß es gleich wieder klappen, am besten noch besser und noch mehr…
tja und das ist meist der Punkt wo die Pferde zeigen das es so nicht geht und dann geht das was am Vortag ging, plötzlich gar nicht mehr – na und 🙂 …. wir haben noch viele viele Tage vor uns

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Sehr netter Gedanken!
Tania

 

Von Nicole • 28. August 2011

Hallo Tanja,
ja, genau! Immer nach dem Motto: Morgen ist ja auch noch ein Tag! Damit kommt man oftmals weiter.
Ich geh bei meinem Hafi Navaro auch immer so vor, daß ich ihn frage, wie weit wir heute gehen können und ob er bereit ist mal was neues zu versuchen bzw. zu erlernen. Möchte er nicht, ist das auch völlig ok für mich und wir machen dann eben etwas, das er schon kann und gut ausführt. Selbst für diese Leistung lobe ich ihn, schließlich hat er ja trotzdem sehr gut mitgearbeitet und guten Willen gezeigt. Irgendwann ist er dann auch mal für den nächsten Schritt bereit.

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Super, Deine Einstellung!
Tania

 

Von Friesenherzchen • 31. August 2011

Liebe Tania, danke für diesen schönen, mahnenden Artikel !
Ich bilde meinen Friesen zwar langsam und mit viel Lob aus, aber im Hinterkopf ist immer diese ehrgeizige, nie zufriedene Stimme und wenn mich jemand fragt, wie weit wir dressurmässig sind, ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich Falko dafür entschuldige, dass wir noch nicht so weit sind – statt mich selbstbewusst und ehrlich über seine vielen kleinen Fortschritte zu freuen und vor allem darüber, dass er immer alles hochmotiviert und bemüht mitmacht.
Dein Artikel hilft mir dabei sehr !!!
Liebe Grüße Bettina und Falko

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Das freut mich sehr!
Tania

 

Von Lisa • 23. November 2011

Hallo Tanja!
Meine RL sagt immer, ich könnte viel mehr aus Flower rausholen, wenn ich nur wollte. Sprich: ich verlange zu wenig von ihr, aus RLs Sicht.

Kann sein, dass ich sogar schlecht für Flower bin, denn sie ist ein klasse Pferd, aber ich arbeite ziemlich langsam mit ihr und will sie nicht überfordern… *traurig guck*

*blick nach oben* Alle anderen hier scheinen auch dein „Problem“ zu haben, dass sie etwas zu viel verlangen…jetzt fühle ich mich gerade etwas unnormal…

Aber ist es denn schlecht für ein Pferd, wenn man nicht so viel auf einmal von ihr verlangt, wie sie egentlich könnte? Habe eigentlich nicht das Gefühl, dass sie unterfordert ist… *schief grins*

________________________

Ich denke, da muss man immer wieder auf das Pferd hören und sich hineinspüren. Mit einem leistungsbereiten Pferd kann man sich durchaus auch mehr erarbeiten. Das kann zusammen sehr viel Freude machen. Aber es steht nirgendwo geschrieben, dass man das „muss“. Wichtig ist für mich, dass das Pferd selbst motiviert und freudig dabei ist, dann ist doch alles ok.

Tania

 

 

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