„Time out“ versus „Pause“- Strafe oder Lob?

Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich gerne nach dem Clickertraining arbeite. Das Grundprinzip des Clickertrainings besteht darin, konsequent mittels positiver Verstärkung erwünschtes Verhalten zu bestätigen. Unerwünschtes Verhalten wird nicht bestraft, sondern ignoriert.

Aber auch das Clickertraining kennt eine Form von Strafe und zwar das so genannte „Time out„. Diese Strafe sieht so aus, dass das Pferd eine Zwangspause bekommt, der Trainer also die Clickereinheit abrupt unterbricht. Man fügt dem Pferd also nicht aktiv etwas Negatives zu (wie z.B. Schmerz), sondern es wird etwas Positives weggenommen, nämlich die Zusammenarbeit mit dem Menschen und seine Zuwendung. Das, was gerade „gearbeitet“ wird, wird abgebrochen und der Mensch geht (z.B. hinter einen Zaun, aus der Reitbahn raus) und entzieht dem Pferd Aufmerksamkeit, Belohnung, Spaß…

Eingesetzt wird das Time Out z.B.

  • wenn das Pferd während der Arbeit anfängt zu bettelig zu werden,
  • wenn es zu aufdringlich wird,
  • wenn es anfängt zu rempeln,
  • wenn es beißt
  • oder wenn es ähnlich unerwünschtes Verhalten zeigt.

Im Prinzip machen die Clickertrainer in diesem Moment nichts anderes, als dem Pferd eine „Auszeit“ zu verpassen.

Auch diese Form der Strafe bitte sehr achtsam einsetzen!

Es ist sehr wichtig dabei Folgendes zu beachten: Jedes Wesen auf der Welt wünscht sich sehnlichst Aufmerksamkeit und diese vom Umfeld entzogen zu bekommen, ist tatsächlich eine Strafe. Nur deshalb kann das „Time out“ psychologisch überhaupt wirken. Aber genau deshalb ist es auch so wichtig es, wie jede Form der Strafe, nur dosiert und überlegt eingesetzt werden sollte.

Diese Zwangspause wird von dem Pferd natürlich nur als Strafe aufgefasst, wenn die Arbeit mit dem Menschen so hoch motivierend für das Pferd ist, dass es viel lieber etwas mit dem Menschen machen möchte, als in Ruhe gelassen zu werden. Hier kommt mir der Ausspruch des Zirkustrainers Freddy Knie sen. in den Sinn: „Wenn mein Pferd sich gelobt fühlt, weil ich es in Ruhe lasse, habe ich etwas falsch gemacht.“

Das Time Out funktioniert nicht, wenn das Pferd sich darüber freut, dass der Mensch es in Ruhe lässt.

Pause als Lob für gute Leistung

Nun gibt es neben dem Weg der positiven Verstärkung (Clickertraining) ja auch noch etliche andere Möglichkeiten, mit einem Pferd umzugehen. Und sehr oft wird eine Pause als Belohnung für gutes Verhalten eingesetzt wird.

Tatsächlich belohne auch ich mein Pferd nach einer anstrengenden Übung, z.B. wenn mein Pferd ein paar besonders schöne Schritte im Schulterherein gegangen ist, mit einer Pause am langen Zügel…

Entscheidend ist hier natürlich das Wie der Pause. Ein abruptes Abbrechen einer eigentlich tollen Sache wirkt komplett anders als ein entspanntes In-Ruhe-Lassen nach einer Anstrengung.

Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie die Dinge sich ändern, wenn man sie aus verschiedene Perspektiven betrachtet. Ihr nicht auch 🙂 ?

28. Juni 2011 von Babette Teschen • Kategorie: Clickertraining 8 Kommentare »

 

8 Reaktionen zu “„Time out“ versus „Pause“- Strafe oder Lob?”

 

Von Rona • 29. Juni 2011

Hallo Babette,
Dein Beitrag kommt mal wieder passend 🙂 Wie beende ich am Besten eine Clickereinheit ohne das mein Pferd die Pause als Strafe ansieht?
LG
Rona

 

Von Claudia • 4. Juli 2011

Hallo Babette und alle,

vielen Dank für den Beitrag und die interessanten Darlegungsweisen.
Mit dem Time out arbeite ich auch wenn mein Pferd zuviel und zu „auffordernd“ bettelt. Ich finde es spannend wie unglaublich schnell die Pferde darauf reagieren. Meistens muss ich mich nur umdrehen und ein paar Schritte weglaufen dann wird das Verhalten, das als Auslöser fungiert hat, schon eingestellt. Deshalb benutze ich diesen Weg nur bei wirklich „grösseren Vergehen“ z.B. wenn das Pferd zum Betteln gegen die Boxenwände klopf oder zwickt oder an mir zieht. Wenn ich das 1-2 x gemacht habe, reicht das meistens schon.

Deine Beschreibung der Pausen als Lob finde ich auch spannend. Wenn man zum Beispiel wie Du beschrieben hast, ein paar schöne Schritte gemacht hat, dem Pferd entspannt die Zügel gibt und es enspannen lässt, oder wenn man stattdessen die Zügel „wegwirft“ und man eine Übung abbricht weil etwas nicht richtig geklappt hat oder man frustriert ist, dann bin ich überzeugt, dass das beim Pferd auch so ankommt, als plötzliches Enziehen der Aufmerksamkeit des Reiters und somit als Strafe. Man muss da aufpassen, dass man nicht so reagiert weil man sich vielleicht grade über sich selber ärgert und man denkt, man tut dem Pferd ja nicht weh. Auch Emotionen können strafen.

Alles Liebe und eine schöne Woche
Claudia

 

Von Anette • 4. Juli 2011

Hallo Babette,
ist ein sehr interessanter Beitrag! Ich habe auch so einen Rüpel, der sehr schnell sehr aufdringlich wird. Was ich nicht verstehe ist: Sobald er mich bedrängt und ich mich abrupt abwende und gehe, dann weiche ich doch IHM!? Das heißt, das nächste Mal setzt er sein Bedrängen noch früher ein. Wo ist da bei mir jetzt der Denkfehler?
Lieben Gruß, Anette

 

Von Andrea • 4. Juli 2011

Hallo Rona, zu deiner Frage, wie du die „Strafpause“ einleiten kannst: aus der Arbeit mit meinem Hund kenne ich das „Schadewort“. Nicht nur bei irgendwelchen „Vergehen“ sondern auch, wenn ich ein Kommando gebe und es wird falsch ausgeführt oder ein anderes, sage ich ganz freundlich und normal „Schade“ (man kann natürlich auch was anderes nehmen, aber immer das gleiche) und packe Clicker und Leckerli demonstrativ weg und gehe ggf. dann auch. Ich könnte mir vorstellen, das das auch beim Clicker-Pferd funktioniert … Dazu im Gegensatz die Pause als Belohnung, da bleibe ich noch eine Weile, kraule ein bißchen oder lasse einfach die Hand am Hals liegen, so dass die Arbeitseinheit langsam ausklingt und wir uns noch besinnen können. LG Andrea

 

Von Eva • 5. Juli 2011

HI!
Super Artikel – trifft genau mein Problem.
Ich hatte letztens den Fall, dass mein Pferd zwar hochmotiviert mitgearbeitet hat, und (obwohl sonst eher auf der gemächlichen Seite, wenn es um Arbeit mit dem Menschen geht) sehr fleißig. Meinem gefühl nach sogar zu fleißig … er hat richtige hengstmanieren an den tag gelegt, hat rumgezappelt und dauernd nur gebettelt. Da wusste ich nicht, wie ich reagieren soll, da für mich das Clickertraining noch ziemlich neu ist.

Wenn ich jetzt Deinen beitrag richtig verstanden habe, ist es dann genau so eine Situation, die es rechtfertigt, das Pferd einfach stehen zu lassen und mal für kurze Zeit zu „verschwinden.“

Mein Problem ist jetzt nur so, dass am Platz Grashalme stehen bzw. ein Stückchen Wiese sehr leicht erreicht werden kann. Bisher hatte ich das empfinden, wenn ich mein Pferd mal kurz sich selbst überlies, hat er sich anderweitig beschäftigt. Er ist da etwas … eigen. Er ist sozusagen das leittier und ich habe schon das gefühl, dass er mir nicht den Respekt entgegenbringt wie mein zweites Pferd (rangniedriger).

Aber ich werde das „Stehenlassen“ definitiv mal ausprobieren. Über den haufen rennen lassen will ich mich ja auch nicht …

 

Von natalie • 7. Oktober 2013

Hallo Babette,
ich bin sehr froh, dass ich beim Stöbern auf der Website auf diesen älteren Artikel und die Beiträge gestoßen bin. Dadurch verstehe ich eine Situation besser, die mir vor wenigen Wochen Kopfzerbrechen gemacht hat.
Ich hatte zu der Zeit gerade erst begonnen die Prinzipien der positiven Verstärkung in unseren regelmäßigen Trainings- und Spielzeiten umzusetzen und erfreute mich an diesem Tag daran, wie motiviert mein Pferd beim Reiten war; denn das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall.
Mit Bodenarbeit, Spielen und Zirkuslektionen konnte ich mein Pferd oft begeistern, die Lektionen unterm Sattel schienen aber einfach weniger Spaß zu machen.
Durch das Prinzip der kleinen Schritte und mit bewusst eingesetztem Lob hatte sich das aber erstaunlich schnell verbessert. An diesem Tag lief also alles rund und wir hatten beide Freude an den Übungen. Nur am Schluss kam es dann zu einer Missstimmung.
Ich versuche stets die Trainingseinheit mit einem positiven Erlebnis zu beenden, also dann, wenn gerade etwas richtig toll geklappt hat. In der Vergangenheit wurde dieser Moment von meinem Pferd auch immer als Lob aufgefasst, also in dem Sinne: „Das war super, ich gebe Dir die Zügel hin und Du darfst für heute aufhören.“ Als ich aber an diesem Tag einen solchen Moment wählte und nach einer besonders eifrig ausgeführten Lektion das Training abbrach, reagierte mein Pferd ganz anders als sonst. Ich habe es zu dem Zeitpunkt nicht verstanden aber gespürt, dass irgendetwas schief lief und ich nicht den harmonischen Schlusspunkt setzte, den ich mir gewünscht hatte.
Nach dem Lesen des Artikels glaube ich zu verstehen, dass ich mein Pferd versehentlich verletzt habe, weil ich ihm plötzlich die Aufmerksamkeit entzog, die es zuvor so genossen hatte. Die Pause, bzw. das Ende von unserem Training war kein Lob, es war Strafe.
Ich achte nun darauf sensibler mit diesem Moment umzugehen und das Training, wie Andrea es in ihrem Beitrag passend beschrieben hat, ‚langsam ausklingen‘ zu lassen. Diese Erfahrung hat mir gezeigt wie einfühlsam man mit dem Instrument Pausen/Aufmerksamkeit sein muss, auch wenn mir damals noch gar nicht bewusst war, dass es ein wichtiges Instrument ist.

 

Von Meli • 11. November 2013

Hallo zusammen,
auch ich habe mit meiner Reitbeteiligung (Schulpferd) angefangen zu clickern, da ich denke, dass dieses Training eine schöne Abwechslung für das Pferd ist. Es ist auch tatsächlich so, dass Duffy total Spass hat an unserem Training und ich natürlich auch. Durch diesen Bericht ist mir jetzt etwas klar geworden und zwar lasse ich mich manchmal von anderen ablenken und unterbreche das Training abrupt. Dabei habe ich schon festgestellt, dass Duffy gerne weitermachen will und seine Aufmerksamkeit versucht einzufordern. In Zukunft werde ich mich nicht mehr ablenken lassen, denn Bestrafen möchte ich ihn nicht. Er soll seine Freude an dem Training beibehalten und die Aufmerksamkeit bekommen die er braucht.
Ich habe hier schon soviele hilfreiche Beiträge gelesen und möchte an dieser Stelle auch mal:“Danke“, sagen.

Liebe Grüße an euch alle von Meli und Duffy

 

Von Britta • 5. Februar 2014

Hallo,
Ich bin durch Zufall auf diese Webseite gelandet, da ich momentan ein kleines Problem mit meinem Dicken habe. Ich muss dazu sagen, dass ich nach sehr langer Zeit mir den Traum vom eigenen Pferd erfüllt habe und somit eigentlich Anfänger bin. Mein 11-jähriger Hannoveraner Wallach ist eigentlich das perfekte Lehrpferd für mich und beim Reiten verzeiht er mir auch oft noch meine reiterlichen Fehler. Jetzt im Winter ist er natürlich auch manchmal frischer als im Sommer und er ist auch ranghoch. Jedenfalls ist er oft sehr bettelig und so habe ich angefangen mit dem Clickertraining , um in positiv zu bestärken. Das klappt auch eigentlich ganz gut. Nun war heute wieder so eine Situation , in der ich wohl überfordert war und deshalb spontan entschieden habe, hier meinen „Kummer“ von der Seele zu schreiben. Es ist so, dass er heute so extrem rumgebettelt hat und jedes Mal, wenn ich versucht habe, ihm die Verschlüsse an der Brust seiner Stalldecke zu öffnen, in Richtung meiner Hände geschnappt hat, ich bin dann jeweils einen Schritt zurück und habe ihn dann, wenn er sich von mir abgewandt hat positiv bestärkt mit C+B . Aber bei erneuten Versuchen, seine Decke zu öffnen, hat er immer wieder In Richtung meiner Hände geschnappt. Da ich heute aus emotionaler Sicht keine andere Löung wusste, als ihn nach 10 Minuten wieder in die Box zu stellen, bin ich jetzt unsicher, ob ich richtig reagiert habe. Wahrscheinlich nicht , aber ich wollte einfach nicht weiter mit ihm streiten! Oder kann es sein, dass er gespürt hat, dass ich heute nicht mit meinem Kopf ganz bei ihm war, da ich momentan privat auch viele andere Gedanken habe.
Es grüßt Sie beide ganz lieb
Britta und Henry

 

 

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