Vom Umgang mit Frühlingsgefühlen

Jedes Jahr im Frühling werden viele Pferde „lustig“, was mehr oder weniger lustige Folgen für uns Menschen hat… Und so häufen sich Anfragen wie:

  • „Hilfe, mein Pferd spinnt, was soll ich tun?“ oder
  • „Wie kann ich mein Pferd vom Buckeln abhalten?“
  • oder „Mein Wallach führt sich auf wie ein Hengst – wie reagieren?“
  • usw.

Wenn die ersten warmen Tage kommen, zieht es viele von uns hinaus auf die Außenplätze oder ins Gelände. Endlich wieder Sonne und endlich wieder frische Luft genießen! Also satteln wir auch Pferde, die vielleicht den ganzen Winter über kaum draußen oder im Gelände waren und starten fröhlich los. Pferde, die unter Umständen den Großteil des Tages in der Box stehen. Pferde, die vor Frühlingsenergie platzen. Unsere Pferde sind darüber mehr als begeistert – oft sogar zu begeistert. Und das kann zu großen Problemen führen und wirklich gefährlich werden.

Der Frühling sorgt bei so ziemlich allen Lebensformen für überschüssige Energien. Und Pferde leben überschüssige Energien naturgemäß durch Bewegung aus: rennen, buckeln, springen und toben. Was herrlich auf einer großen Wiese anzusehen ist, ist, wenn man auf dem Pferd sitz, schnell gar nicht mehr schön.

Und was mache ich nun bei Frühlingsgefühlen bzw. was rate ich anderen? Darauf habe ich eine sehr einfache, aber sicher für viele unpopuläre Antwort: ich rate dazu, in diesen Phasen nicht aufs Pferd zu steigen!

Wir haben es in unserem Anti-Angstkurs ausführlich für viele schwierigen Situationen dargestellt: das Schlaueste ist aus unserer Sicht, Gefahren, wenn es möglich ist, zu vermeiden. Und die Gefahren, die durch überschäumende Frühlingsgefühle auftreten, sind in der Regel gut zu vermeiden.

Ich vermeide es z.B. konsequent, Anthony zu reiten, wenn ich fürchten müsste, dass er mir zu lustig wird. Ich mache dann lieber andere Sachen mit ihm, wie z.B. Freiarbeit, Longenarbeit (falls er da nicht auch zu wild wird), clickern u.ä. Warum? Schlicht und einfach, weil ich keine Lust habe, meinen Hals zu riskieren 😉 Und weil ich keine Lust habe, mit meinem Pferd zu kämpfen.

Sicherheit entsteht durch Vertrauen und gegenseitigem Respekt

Klar, gerade wenn die ersten warmen und sonnigen Tage locken, sehe ich mich in meiner Wunschvorstellung auch mit meinem Kleinen durch die Wälder reiten. Aber das ist im Moment so noch nicht machbar, also lass ich es. Die Gefahr, dass er mir draußen nicht mehr zuhört und es zu unschönen oder gar gefährlichen Szenen kommt, ist mir zu groß. Manch einer mag das feige finden, ich persönlich finde es vor allem vernünftig. Ich lebe auf diese Weise sicherer und mehr noch: ich tue etwas Positives für die Beziehung zu meinem Pferd, denn ich umgehe sehr wahrscheinliche, unschöne Auseinandersetzungen.

Mit Aramis kann ich nach all den Jahren gemeinsamer Vertrauensarbeit auch mit noch so viel Frühlingsenergie sicher ausreiten. Er hört mir zu, auch wenn er am liebsten lospreschen möchte. Ich weiß, dass wir uns nicht streiten müssen und dass die Ausritte für mich ungefährlich sind. Das aber habe ich mir gemeinsam mit ihm geduldig über eine lange Zeit erarbeitet. Es ist nicht einfach vorauszusetzen, früher gab es da auch mit ihm unschöne Erlebnisse.

Weil ich mit meinem Kleinen zwar schon viel, aber das eben noch nicht zuverlässig erreicht habe, warte ich einfach, bis die Frühlingsgefühle nachlassen und reite erst dann wieder – das dann aber sicher und harmonisch. Und bis dahin kann er sich im Frühling mit seinen Kumpels austoben. 😀

24. März 2011 von Tania Konnerth • Kategorie: Reiten 11 Kommentare »

 

11 Reaktionen zu “Vom Umgang mit Frühlingsgefühlen”

 

Von Kerstin • 24. März 2011

Danke für den Beitrag Tania 🙂
Nachdem mein Pferd zur Zeit beim Ausreiten auch sehr nervös ist, habe ich mir gestern nämlich auch die Frage gestellt: soll ich einfach drüberreiten oder doch nicht?
Meine Antwort für mich selbst war: Nööö, ich geh lieber draußen spazieren 🙂
So können wir beide stressfrei die Natur genießen!

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Perfekt!
Tania

 

Von Nicole • 24. März 2011

Hallo Tanja,
sehr gute Idee! das denke ich nämlich auch und handele danach. Warum etwas mit seinem Pferd „über den Zaun brechen, wenn man ungeduldig ist und Sachen heraufbeschwört, die man hinterher vielleicht bereut. Sei es eine unnötige (hohe) Tierarztrechnung, weil sich das Pferd vielleicht verletzt hat und dann erst recht ausfällt für eine Weile oder man sich selbst dabei verletzt hat und deswegen mit dem Pferd eine Zeit lang gar nichts machen kann oder gegenseitige das Vertrauen zerstört. Immer nach dem Motto: „Vorbeugen ist besser als heilen.“ Geduld kostet schließlich kein Geld und auch keine Nerven.

LG Nicole

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Jep, das kann ich dick und fett unterschreiben 😀
Tania

 

Von wilmalotta • 24. März 2011

Vielen, vielen Dank für Deine Worte. Ach, was kommen sie zur rechten Zeit. Gestern war wieder so ein Tag, an dem ich von der ganzen Stallbelegschaft mitleidig angesehen wurde, weil ich „nur“ ein bißchen „tanzen“ geübt habe und dann eine kleine Mini-Runde spazieren war. Es war schön und völlig entspannt (gar nicht so alltäglich mit meinem kleinen Durchgänger!). Trotzdem ist es auch in meinem gesetzen Alter nicht immer einfach, sich nicht einfach nur doof zu fühlen, weil ich etwas anders mache!

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Freut mich sehr, dass Dir mein Beitrag so gut tut. Hör auf Dich und Dein Bauchgefühl – nicht auf andere. Es geht um Eure Beziehung, um Dich und Dein Pferd und um Euren Weg.

Herzlich,
Tania

 

Von Natalie • 26. März 2011

Hey,
was du schreibst erlebe ich gerade mit meinem kleinen. Er ist nun seit etwa 5 wochen bei mir und wir zwei müssen uns erst einmal richtig kennenlernen. Na klar reizt es mich im Gelände auch mal zu traben, aber bisher hat mein Gefühl immer nein gesagt. Also bleiben wir zwei im Gelände erstmal nur im Schritt, auch wenn ich dann von anderen höre, dass sie gleihc mit ihrem Pferd im Gelände galoppiert wären. So konnten wir beide im Schritt entspannen. Mein kleiner war einfach nur cool und so mutig, dass ich mich darüber so sehr freuen konnte… Wer weiß, wie sich dieses sichere Gefühl, dass er mir gibt verändert hätte, wenn ich ohne dass mein Bauch ja sagt getrabt wäre??
Genauso ist es aber auch beim Reiten in der Halle mit dem galoppieren. Mein kleiner hatte anfangs sehr große Probleme mit seinem Gleichgewicht. Solange ich nicht sicher gerade aus traben kann und auch auf dem Zirkel, sagt auch hier, auch wenn es in diesem Fall sicher nciht gefährlich ist nein zum Galopp…
Ich denke auch, es ist hier ganz wichtig für meine Beziehung zu ihm mir nciht von anderen an dieser Stelle reinreden zu lassen, denn wir beide müssen uns zusammen wohl fühlen…

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Super, hört weiter so auf Dein Bauchgefühl, würde ich sagen!
Tania

 

Von Stefanie • 28. März 2011

So Beiträge tun doch immer wieder gut! Danke, Tania! Erst letzte Woche habe ich ähnlich verfahren: Ich war zu zweit ausreiten und wir versuchten auf einem Wiesenweg einen Trab. Alex nahm sofort den Kopf hoch und machte Schlauchgeräusche. Da dann der quitschende Buckler mit Schuss nicht merh weit ist, zog ich es schnell vor, sofort durchzuparieren und wir bogen auf den nächsten Schotterweg ab. Nach einer Weile im Schritt hatte ich wieder ein gutes Gefühl und -tata- ein wunderschöner ewiglanger lockerer Trab folgte. Halt nicht auf Wiesenwegen. Die meide ich einfach jetzt noch einige Zeit… 🙂

Viele Grüße,
Steffi

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Eine aus meiner Sicht sehr weise Entscheidung!

Weiter so,
Tania

 

Von nicole • 16. Januar 2012

moin, eine tolle seite habt ihr hier… endlich mal leute, die mein alter sind, und genauso denken… super…macht weiter so.

zum thema: ich setze mich nicht mehr auf mein pferd, wenn ich merke, ich bin nicht gut drauf, oder wenn es ein komischer, stürmischer tag ist… da ist es echt lebensgefährlich mit meinem 13 jährigen selbstgezogenen araber- welsh. er ist normaler weise, der coole schlechthin, kennt auch alles, aber buckeln tut er doch oft und gerne, aber immer so nett, das mir nix passiert. nur manchmal übertreibt er es, und vom gefühl her, würde ich an so einem tag nicht für ihn die hand ins feuer legen, ich gebe zu, ich habe schieß… obwohl er noch nie durchgegangen ist, obwohl er noch nie mich runtergeschmissen hat. aber an der hand hat er sich schon oft losgerissen und ich weiß, was für eine kraft der kerl hat… dafür habe ich ein tolles wanderreitpferd und coolen boy an anderen tagen… warum was riskieren? ich bin jetzt 42 jahre, meine knochen und mein leben sind mir wichtiger, als mich mit aller gewalt auf pferd zu setzten und zu kämpfen… für was den? allerdings, mein pferd lebt im offenstall, wäre er in einer box, sieht die sache ganz anders aus…
schönen tag euch… lg nicole

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Hi Nicole,

ich finde Deine Einstellung und Deine Gedanken super!
Tania

 

Von Rikje • 27. März 2017

Hallo,
Wir sind Selbstversorger und unsere Pferde stehen täglich draußen. Von November bis März schlafen sie nachts in der Box ansonsten 24h draußen (mit Unterstand und Boxen sind offen)
Aufgrund fehlender Halle wird immer draußen gearbeitet und auch im Winter viel ins Gelände gegangen, damals kannte ich das Problem mit den Frühlingsgefühlen, heute nicht mehr. Wir haben 4 ausgeglichene Pferde, die nur im Herbst nach den heißen Tagen richtig durchstarten und „Herbstgefühle“ haben 😉

 

Von Gundi • 27. März 2017

Hallo,
der Artikel hilft mir, dass jetzt auch zu tun und einfach den Druck abzulegen, dass das reiten und spazieren gehen doch klappen muss. Ich muss sagen, dass sogar Spaziergänge, die sonst herrlich entspannend waren, zur Zeit auch anstrengend sind. Sie drängt voraus und ist sehr guckig und springt manchmal auch kurz weg. Dann bin ich enttäuscht, dass ich ihr nicht mehr genug Sicherheit gebe und sie angespannt ist auf unseren Ausflügen. Im Antischrecktraining ist sie immer cool, ich kann sie in Planen einwickeln, ihr den Klappersack überall hinhalten – sie verfolgt ihn, usw. An der Strasse ist sie auch ruhig. Auch wenn ich zum Paddock komme, kommt sie immer gleich zu mir. Vielleicht sind es doch nur die Frühlingsgefühle – hoffe ich. Vielen Dank für den Artikel.

 

Von Steffi • 27. März 2017

Vielen Dank für den schönen Artikel!
Das macht mir Mut, mich nicht gegenüber den anderen aus meinen Ställen rechtfertigen zu müssen. Ständig höre ich im Frühjahr, ich müsste meine Stute doch auch mal reiten. Ich würde auch gerne, aber ich kann nicht. Ich bin ein Angstreiter gerade im Frühling, wo auch meine kleine Pummelfee ordentlich Dampf ablassen kann und bei der Freiarbeit auch mal ihre Phasen hat in denen sie losprescht und Runde um Runde im wilden Galopp dreht. Sie ist dann zwar ansprechbar und achtet auf mich- aber drauf sitzen möchte ich dabei nicht. Also clickern wir, machen, wie auch im Winter, kleine Spaziergänge, machen ein bisschen Freiarbeit oder ich lasse sie mal richtig toben oder ich longiere sie. Und das eben so lange, bis ich mir sicher bin das uns nichts passieren kann.

Ganz liebe Grüße
Steffi

 

Von gabi • 27. März 2017

Der Frühling lockt die Schönwetterreiter raus und dann wird es auch für erfahrene Ganzjahresreiter und ihre treuen Begleiter gefährlich. Mein Pferd kennt es in den Frühling zu reiten und weiß, dass es auch mal unter Volldampf rennen darf – aber eben auf Kommando und an geeigneter Stelle. Zum Glück haben wir ein paar wunderbare Galoppstrecken.
Und da passiert es dann leider auch, dass andere, nicht so gut erzogene Pferde mit unerfahrenen Reitern auf dem Rücken, sich die Freiheit nehmen unkontrolliert zu rennen und sich und andere in Gefahr bringen.
Ich wünsche mir so sehr, dass die Möchtegernreiter sich so verhalten würden wie es oben beschrieben steht und erst wieder ins Gelände gehen, wenn die Frühlingsgefühle verklungen sind.

Liebe Grüße
Gabi

 

Von veronika • 5. März 2018

ich finde es immer schlimm, wenn Reitanfänger der Meinung sind sie sind Naturtalente und wir alten Hasen zu unfähig. Da wird dann mal nur mit Stallhalfter spazieren gegangen über eine stark befahrende Strasse, Pferd wird lustig reißt sich los und fegt über die Strasse. Da wird ohne Sattel geritten, ausgeritten, folge man hat einen Wirbelbruch. Ich denke man sollte auf Grundregeln und Bauchgefühl vertrauen, dann klappts auch.

 

 

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