Eine klare Rangfolge? Von wegen!

Wenn man über die Herdenstruktur bei Pferden liest, gewinnt man den Eindruck, dass es sich dabei um ein festes und klares System handelt. Es gibt hochrangige Pferde und niedrig-rangige Pferde und ein Mittelfeld – und das ist und bleibt dann auch mehr oder weniger so.

Meine Beobachtungen erzählen mir allerdings etwas anderes!

Schon in der alten Herde fiel mir immer wieder auf, dass es punktuelle Verschiebungen gab. Dass z.B. manchmal auch ein scheinbar rangniedriges Pferd sich plötzlich am Trinkbottich durchsetzte oder dass sich ein Ranghoher von etwas vertreiben ließ. Und in Zeit, in der ich die Jungs nun in ihrer neuen Herde beobachte fallen mir ständig Veränderungen auf.

Aramis ist z.B. ranghoch. Eigentlich. Denn es kommt immer wieder auch mal vor, dass ich ihn z.B. an der Heuraufe weichen sehe. Oder dass er nicht unter dem Dach steht, obwohl er sonst immer dort stehen konnte. Zur Zeit darf er z.B. auch nicht gleich am Anfang trinken, sondern wartet in zweiter oder sogar dritter Reihe. Früher war er immer vorn dabei.

Anthony hingegen war, als Aramis wegen einer Verletzung für eine Woche extra stand, erst einmal ganz rangniedrig – er ging als letzter ans Heu und hielt die Bälle tief. Nun trinkt er mit als Erster und steht er ganz selbstverständlich bei den Ranghohen am Heu, während Aramis weicht.

Hier schön zu sehen – Anthony mitten in der Runde:

Und Aramis abseits:

Von der eigentlichen Rangfolge her müsste es genau anders herum sein.

Und dann gesellte sich Bylur zu Aramis, mit dem er ein seltsames Verhältnis hat – mal scheinen sie dicke Kumpels, dann kloppen sie sich auffällig oft. Für mich ein weiteres Zeichen für sich ständig verändernde Verhältnisse.

Mir scheint, dass die Rangfolge in einer Herde, selbst wenn der Bestand gleich bleibt, ständig in Bewegung und Veränderung ist. Vielleicht ist manchmal nur die Tagesform, vielleicht sind es in anderen Zeiten ganze Phasen, in denen sich die Struktur ändert, vielleicht ist es manchmal auch nur abhängig von der Situation.

Interessant ist das für uns im Kopf zu behalten, denn so manches „Fehlverhalten“ unserer Pferde beim Reiten könnte die Ursache auch in Herdenstreitigkeiten oder Verschiebungen der Rangfolge haben.

Ein Pferd das gerade von seinen Kumpels etwas auf die Mütze bekommen hat, dürfte sich schwerer konzentrieren, als eines, das seine gewohnte Position innehat oder vielleicht sogar gerade ein Privileg nutzen durfte. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir nur einen kleinen Teil der Zeit eines Pferdes mit ihm verbringen. Das, was sie in der restlichen Zeit erleben, beeinflusst ihre Befindlichkeit und damit natürlich auch Konzentrations- und Leistungsfähigkeit.

11. November 2010 von Tania Konnerth • Kategorie: Verhalten 12 Kommentare »

 

12 Reaktionen zu “Eine klare Rangfolge? Von wegen!”

 

Von Almut • 11. November 2010

Hallo Tania,
solche Beobachtungen mache ich auch immer wieder. Und noch etwas ist mir dabei aufgefallen: Die Rangordnung ist nicht ganz so linear oder eindimensional, man kann nicht wirklich „abzählen“, insbesondere zwischen Stuten und Wallachen habe ich da Unterschiede festgestellt. Mein Pony z.B. legt sich erfolgreich mit der ranghöchsten Stute an, aber flüchtet vor einem sehr rangniedrigen Wallach, der in der Hierarchie eigentlich meilenweit hinter der ranghöchsten Stute steht. Da kommt man schon manchmal ins Grübeln…
LG, Almut

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Jep, genauso etwas habe ich auch schon oft gesehen! Ich denke, das ist alles viel komplexer und vielschichtiger als wir vermuten.

Tania

 

Von Laerke • 12. November 2010

Hallo Tania,

das sind ja spannende Beobachtungen 🙂 Ich habe auch gedacht, es gäbe „die eine“ Rangfolge- wieder was gelernt!

LG

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Freut mich 🙂
Tania

 

Von Claudia • 12. November 2010

Bei uns hat sich eine eher rangniedrige Shettystute total in den Herdenchef (Trakehner) verknallt, ok, klingt jetzt bissl vermenschlicht x). Die ist ihm nicht mehr von der Seite gewichen und hat immer versucht sich über Fellkraulen an ihn ranzumachen. Er war aber einfach nur genervt von ihr, hat sie immer weggejagt, nach ihr ausgeschlagen etc. Die Kleine hat aber nicht locker gelassen und ihn trotzdem immer weiter „belästigt“.
Mittlerweile duldet er sie und erwiedert ihre Zuneigung sogar – er läuft ihr sogar nach, sie grasen immer zusammen, spielen, schmusen.
Die zwei sind jetzt einfach nur sooo süß zusammen :]

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Was für ein schönes Beispiel für sich ändernde Beziehungen, manchmal muss man (in dem Fall Stute) einfach nur dranbleiben 😉
Tania

 

Von Christine • 12. November 2010

Hallo Tania,

und ich dachte, ich bilde mir das ein oder unsere Pferde sind anders, als andere „Kinder“… Es sind nur 3 und Rang 2 und 3 wechselt neuerdings immer hin und her – aber scheinbar gemacht durch Menschenhand. Das Pony von ehemals Platz 3 ist mein Schmusi und wird von mir, die am meisten mit den Tieren zusammen ist, gerne und ausgiebig betüdelt. Er scheint sich darauf was einzubilden und scheucht neuerdings den Herren von Platz 2 durch die Gegend, wenn es um Fressplatzverteilung geht. Kann es sein, dass der Vorrang bei der Gunst des Menschen das Selbstwertgefühl so stärkt, dass ein Pferd dem anderen plötzlich den recht festen Rang streitig macht?

Gruß,
Christine

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Jep, ich glaube, so etwas ist gut möglich! Ich habe schon mehrfach erlebt, wie Pferde, mit denen plötzlich „anders“ gearbeitet wurde (z.B. fördernder), ein größeres Selbstbewusstsein entwickelt haben und dadurch anders in der Herde auftraten. Zuwendung kann sicher einen ähnlichen Effekt haben.

Tania

 

Von whispery (Susanne) • 14. November 2010

Hallo Tania,

wir haben nun seit Monaten eine feste Gruppe von Wallachen. Ich glaube schon, dass die Mehrheit der Tage die Rangordnung gleich bleibt, zumindest könnt ich dir genau sagen, wer wen wegscheuchen darf und wer nicht. Dass die Ränge auch mal Wechseln find ich auch klar. Wenn Pferde kränkeln oder eben die anderen mehr Muskeln zugelegt haben, selbstbewusster wurden etc. Aber ich würd jetzt nicht meinen, dass die Rangordnung in jeder Stunde ändert.

Mir fällt auch auf, wenn ich auf Koppel komme, dass sich mein Pferd dann plötzlich rotzfrech alles traut, weil er weiß, dass ichs nicht zulasse, dass andere Pferde ihn in meiner Gegenwart treten oder beißen. Da wird er gern mal Größenwahnsinnig*gg*

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😀

Und nein, stündlich ändert sich das natürlich nicht – so meinte ich es auch nicht. Aber eben über einen gewissen Zeitraum.

Tania

 

Von Natalie • 14. November 2010

Hallo Tania,
ja so ein Verhalten kann ich auch beobachten.
Früher war das bei uns so, dass Knips das ranghöchste Tier war, aber gerade der rangniedrigste (Kalli) über ihr stand. Er war damals der einzige Wallach in der Herde. dann kam ein zweiter wallach (linus) dazu und der hat sich den ersten Rang erobert, aber über ihm stand wiederum ein anderes Pferd, das aber unter Knips stand.
Zu dieser zeit hat Knips sich dann über Kalli gekämpft, der vorher unter ihr stand. ein richtiges Hin und her.
So nun seid einigen Monaten ist der Linus aus der herde und man mag es kaum glauben, Kalli, der sonst gar nichts zu melden hat, hat seine chance genutzt und ist der Chef. Nun weichen alle vor ihm und auch Knips wieder.
ganz komisch…
Manchmal habe ich auch das gefühl, dass die pferde gerne ein Pferd über sich haben, weil sie dann in ner Gefahrensituation jemanden haben an dem sie sich orientieren können und nicht alles alleine regeln müssen. So kommt mir das bei den beobachtungen gern vor. ist ja auch anstrengend, wenn man immer für alles allein verantwortlich ist…

Viele liebe grüße natalie

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Jep, das ist auch mein Eindruck: Es gibt viele Pferde, die gar nicht „führen“ wollen. Deshalb ist es in manchen Herden auch so, dass wenn kein echtes Führungspferd da ist (weil ja menschenzusammengesetzt und damit meist zufällig), eines übernimmt, dass nicht wirklich dafür geeignet ist.

Tania

 

Von Schnurzel • 15. November 2010

Hallo Tania,

bei uns ist es auch gerade interessant, was die Rangordnung angeht und etwas kompliziert. Die Pferde kennen sich zum Teil aus verschiedenen Ställen und hatten jeweils eine andere Stellung in den Herden.
Ich versuchs mal einigermaßen verständlich zu erklären.
In meinem jetzigen Stall standen zunächst L und N. L stand ganz klar über N. Dann kam Z dazu, der N noch aus einem alten Stall kannte und N stand damals über Z. Z setzte sich im jetzigen Stall gegen L durch, kam aber gegen N nicht an. So stand L über N, N über Z, aber L unter Z.
Zuletzt kam meiner hinzu, der Z aus dem letzten Stall kannte und Z war bei uns Herdenchef. Diese Ordnung wurde im neuen Stall von meinem und Z nicht wieder neu ausgefochten, Z steht nach wie vor über meinem.
Meiner läßt sich von N und Z vom Heu verscheuchen, von L nur manchmal, da ist mir nicht klar, wer über wem steht.
Z versucht nach wie vor, Herdenchef zu werden und weicht immer weniger vor N, aber eine zeitlang haben die sich immer im „Kreis“ vertrieben, L scheuchte N, N daraufhin Z, Z wiederum L. Meiner ließ sich ganz zu Anfang von allen vertreiben, bis ihm das zu blöd wurde, er hat sich dann einfach immer abseits hingestellt, gewartet, bis alle ihren neuen Fressplatz gefunden haben und sich dann seinen gesucht, schlaues Pferd.
Dann ist noch interessant, wie sie untereinander um Freundschaften werben. Meiner läuft immer Z nach, L läuft immer meinem nach und Z sucht oft die Nähe von N, weil er da noch an der Rangordnung sägt.
Ohje, so ganz verständlich war das jetzt wahrscheinlich doch nicht, aber ich beobachte, dass es für unsere 4 Wallache gar nicht so einfach ist, alte Strukturen neu zu ordnen in der neuen Herdenkonstellation, zunächst haben alle den Pferden gegenüber, die sie schon kannten, die alte Position eingenommen und da die jeweils unetrscheidlich war, ist bei uns noch keine klare Struktur zu erkennen.
Unsere Wallache stehen jetzt knapp 5 Wochen zusammen und ich hoffe, sie regeln das mit der Zeit, damit alle weniger Stress haben….

Liebe Grüße
Anja

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Höchst spannend!
Tania

 

Von Eatmyshorts • 15. November 2010

Hallo Tania!

Kann ich nur bestätigen. Bis letztes Jahr bestand unsere Stutenherde aus 6 Stuten. Zu der Zeit haben sich zwei der Stuten die Führungsaufgabe „geteilt“, die anderen vier haben untereinander oft die Hierarchie getauscht, genau wie Du beschreibst. Mal hat die eine zuerst getrunken, plötzlich wich sie dann vor einer, die sie in der Woche vorher noch weggedrängelt hatte. Die beiden ranghöchsten Stuten liessen sich aber auch mal etwas „vertreiben“, als ob ihnen einige Auseinandersetzungen zu unwichtig waren.

Leider mussten wir 2 der Stuten Anfang des Jahres über die Regenbogenbrücke schicken, darunter die eine „Teilzeitleitstute“.

Jetzt sind die Veränderungen noch deutlicher zu sehen. Die alte Leitstute geniesst zwar immer noch Respekt bei den Anderen, ich kann jetzt allerdings nicht mehr die genaue Rangfolge beschreiben. Erstaunlicherweise wirkt die Herde aber viel homogener – es gibt nicht mehr soviel Gerangel wie vorher. An einem Tag will A zuerst rein, da muss sie nur mit angelegten Ohren nach hinten gucken und die Anderen halten Abstand, am nächsten Tag sagt B: Erste! und A trollt sich vom Gatter.
Es ist immer wieder spannend, dies zu beobachten!

Liebe Grüsse
Vivienne

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Das finde ich auch!
Tania

 

Von Sylvia • 16. November 2010

Hallo Tania,

das ist ja interessant! Ich habe genau die Gleichen Beobachtungen gemacht, wie alle, die hier schon schrieben. Bei uns war zusätzlich ganz deutlich, als wir mit einem richtigen Planunter Trainer-anleitung mit unseren Pferden mit der Bodenarbeit begannen und der Muskelaufbau statt fand, veränderte sich auch zeitgleich die Rangfolge unserer Beiden. Unser Freiberger (damals 5 Jahre) fing plötzlich an ein „böses“ Gesicht zu üben. Das bereitete ihm immer ziemliche Schwierigkeiten und er hat wirklich laaange daran geübt. *lach* Dann zeigte es jedoch Wirkung und alle anderen Pferde wichen vor ihm zurück. Unseren Hafi (damals6) hatte er immer mit im Schlepptau. Er hing sich aus Freundschaft an den Fribie ran und wurde genau so von den anderen respektiert.
Doch dann irgendwann wurde es unserem Freiberger zu anstrengend immer der Chef zu sein. Das hat ja was mit Verantwortung zu tun. Und da er ein ganz schöner Morgernmuffel ist, ist ihm da das eine oder andere Mal entgangen, dass jemand an seinem Stuhl sägte.
Ein Jahr ist inzwischen vergangen und nun sind sie so in der guten Mitte der Herde und das gefällt ihnen ganz gut, wie ich meine. Manche Pferde sind halt keine Anführer ;o))
Aber stimmt! Es verändert sich dort wöchentlich was, da bei uns auch immer mal wieder neue Tiere in die Herde kommen und dann werden die Karten sowieso neu gemischt.

Liebe Grüße
Sylvia

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Tja, ich glaube, die Sache mit der festen Rangfolge können wir dann tatsächlich getrost als Mythos ad acta legen 😀
Tania

 

Von Stephanie Silvan • 18. November 2010

Hallo,

wie hier viele schon beobachtet haben, ist es nicht nur so, dass sich die Rangfolge verschiebt und nicht linear funktioniert (L über N, N über Z, Z über L), es ist sogar so, dass es verschiedene Führungsstile gibt (aktiv-aggressiv und passiv-kompetent) und unterschiedliche Kompetenzbereiche. Ist beispielsweise meine alte Stute Rosie mit weitem Abstand die rangniedrigste und weicht wo sie nur kann – stelle ich sie auf eine neue unbekannte Weide, laufen die anderen beiden völlig blind Rosie hinterher, weil sie ihrer Erfahrung und Kompetenz vertrauen.

Ich bin noch relativ neu in der Pferdewelt, arbeite aber seit vielen Jahren daran als Verhaltensbiologin über Hundeverhalten aufzuklären. Die Hundewelt ist schon ein klein wenig weiter gekommen, aber selbst hier verdienen „Dominanzgläubige“ immer noch Unmengen an Geld und Aufmerksamkeit, einfach weil das Prinzip so schön einfach ist und der aktive Führungsstil ja auch so leicht anzuwenden und unmittelbar zu verstehen ist.

Wie man eine passive, verlässliche, souveräne und kompetente Führungspersönlichkeit wird, ist sehr viel schwieriger. Es dauert sehr viel länger und erfordert viel mehr Selbstbeobachtung, Selbstkontrolle, Beständigkeit und Geduld, das Vertrauen einer Herde, eines Rudels oder auch nur eines einzelnen Tieres zu erhalten.

Ich freue mich sehr darüber, dass sich diese Entwicklung nun auch in der Pferdewelt langsam durchsetzt und immer mehr Pferdebesitzer sich die Mühe machen das althergebrachte anzuzweifeln und selbst einmal mit offenem Geist zu beobachten.

Es ist schade um jeden, der vielleicht aus Unwissenheit (selten aus Bosheit) niemals erfährt, welche tiefe Beziehung man zu seinem Hund und ganz sicher auch zu seinem Pferd entwickeln kann, wenn dieses sich der verlässlichen Führung einer Vertrauensperson freiwillig anschließt und dem man dabei erlaubt weiterhin Pferd zu sein und seine Eigenheiten und seine Lebensfreude auszuleben. Das ist ein so wunderbares Geschenk weit jenseits von Gehorsam und Unterwerfung.

Dass die Zuwendung des Menschen für das Selbstbewusstsein eines Pferdes eine solch große Rolle spielt, hätte ich übrigens nicht erwartet! Vielen Dank für diesen Augenöffner!

Liebe Grüße
Stephanie

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Und ich sage dankeschön für Deinen Beitrag!

Herzlich,
Tania

 

Von Petra • 20. November 2010

Hallo Tania,

auch ich habe gedacht, dass es bei uns eine feste Herdenordnung gibt – zumindest hat die Besitzerin das immer gesagt. Aber ich habe auch etwas anderes beobachtet. Meine Dame ist sich mit einem Wallach eher selten grün. Die sind wie ein altes Ehepaar – 23 Stunden am Tag können sie sich nicht riechen aber plötzliches gegenseitiges knabbern ist ganz ok. Mal habe ich das Gefühl, dass meine Dame über dem Wallach steht, dann mal wieder nicht. Als die 3. Dame im Bunde auf Grund einer Kankheit woanders stand hatte meine alles fest im Griff.

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Jep, diese Schwankungen in den Beziehungen kenne ich auch – Aramis hatte früher schon mal so einen Kumpel, mit dem es mal so mal so war.
Tania

 

Von Bettina • 3. Dezember 2012

Hallo Tania,

ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass nicht nur die Rangordnung zwischen Pferden ständig in Bewegung ist, sondern auch die von Pferd und Menschen in seinem Umfeld. Bei meinem Pferd beobachte ich das jedenfalls. In manchen Situationen akzeptiert mein Pferd mich als Führungsperson, in anderen weniger. Das variiert aber auch von Tag zu Tag. Was nicht heißt, dass er mir nicht vertraut. Manchmal hat er keine eigene Meinung zu etwas, manchmal eine sehr starke. Manchmal lässt er sich von den kleinen Kindern der Stallbesitzerin von der Koppel führen, manchmal nicht. Und ich habe beobachtet, dass er zu Menschen, die er nicht kennt, ausgesprochen höflich ist, wärend wir, die täglich mit ihm zu tun haben, schon mal seine Launen zu spüren bekommen; dann rempelt er einen schon mal an. Ich denke, dass die Beziehungen zu unseren Pferden sehr viel dynamischer sind, als wir vermuten. Und sie entwickelt sich auch Tag für Tag. Mein Pferd akzeptiert mich z.B. viel mehr, seitdem ich ihn gegen eine Meute zähnefletschender Hunde im Wald mit der Gerte und viel Geschrei verteidigt habe 🙂 Wie kann ich denn von meinem Pferd verlangen, mich ungefragt als ranghöher zu akzeptieren, wenn ich nie etwas getan habe, dass das auch verdient?
Mein Pferd ist sehr selbstsicher, und wenn ihn ein Pferd z.B. in der Stallgasse angreift, das nicht mit ihm in der Herde auf der Koppel ist, dann weicht er nie aus sondern beharrt auf seiner Position und wehrt sich, selbst wenn er gebissen wird. Dann macht er aber ganz freundschaftlich Platz für den kleinen Hof-Jack Russel Terrier.
In der Dominanlehre heißt es immer, man müsse der unangefochtete Boss seines Pferdes sein. Mein Pferd hat mich gelehrt, dass das nicht stimmt. Es gibt Bereiche, da habe ich das Sagen (zum Beispiel longieren und reiten), dann aber auch solche, in denen er entscheidet (zum Beispiel, wenn wir spazieren gehen, wo es sich lohnt, zu grasen, oder er zeigt mir auch, auf welche Übung er bei der Freiheitsdressur Lust hat). Ich habe das Gefühl, dass er das auch braucht. Vor kurzem z.B. war er recht rüpelig und schlecht drauf, und ich habe ihn zurrechtgewiesen und meinen Willen durchgesetzt (wir gingen spazieren). Als wir dann nach Hause kamen, habe ich ihn auf der Graskoppel laufen lassen (wir waren allein) und bin ein wenig rumgerannt, um ihn zum rennen aufzufordern, worauf er oft eingeht. Diesmal hat er sich voll aufgeregt, ist in einem irren Tempo rumgesaust, hat bebuckelt wie sonstwas, ist um mich rumgetanzt wie um eine Stute, ist sogar gestiegen. Alles in sicherer Entfernung, aber irgendwie bekam ich das Gefühl nicht los, dass er mich beeindrucken wollte, und die Nase voll davon hatte, das ich immer alles bestimmen will 🙂 Beim Reitet danach war er ein braves und aufmerksames Pferd.
Und ich finde, du hast sehr recht mit deiner Aussage, dass wir vergessen, dass wir nur einen kleinen Teil des Tages mit unserem Pferd zusammen sind und nicht wissen, was so in der Herde los war. Manchmal komme ich zum Stall und mein Pferd ist super schmusig und lieb, den nächsten Tag kann er stinksauer sein, und ich habe keine Ahnung, warum. Gut konzentrieren kann er sich dann meist nicht 🙂
Ich denke, dass wir so viel von den Pferden lernen können, wenn wir uns auf eine echte Freundschaft mit ihnen einlassen. Pferde sind Meister darin, kleinste Veränderungen in Mimik und im Umfeld wahrzunehmen und zu interpretieren, ich finde das faszinierend. Und, dass Pferde mal ein rangniederes Pferd zuerst ans Heu lassen und dann wieder nicht finde ich gar nicht verwunderlich; wir sind ja auch jeden Tag verschieden drauf (womit unsere Pferde auch netterweise klarkommen).

 

 

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