Der Nach-dem-Urlaub-Zauber

Darüber, wie sinnvoll ich Pausen finde, hatte ich im letzten Jahr schon mal im Anschluss an meinem Urlaub geschrieben – hier nachzulesen. Nun war ich wieder für zwei Wochen weg und mir ist einmal mehr der ganz besondere Zauber bewusst geworden, den so ein Wiedereinstieg nach einer Abwesenheit mit sich bringen kann. Und dieses Thema ist mir glatt noch einen Nach-Urlaubs-Blogbeitrag wert.

Am Sonntag kam ich zurück und am Montag ritt ich beide Jungs. Es waren zwei kurze Einheiten ohne Sattel und ohne festes Programm. Im Wesentlichen wollte ich nur mal schauen, wie es ihnen so geht und eben zum Einstieg gar nicht viel machen. Bei beiden Pferden mit demselben Ergebnis: Sie liefen mit einem Minimum an Hilfen und Einwirkung wundervoll fein und locker, zeigten bereitwillig Seitengänge, Übergänge und Lektionen, so dass es die pure Freude war.

Mit Aramis habe ich das schon viele, viele Male erlebt und jetzt zeigt es sich auch bei Anthony. So eine Abwesenheit schenkt einem offenbar den nötigen Abstand zum eigenen Pferd, mit dem man regelrecht einen Neuanfang begehen kann – zumindest im Kleinen.

Ich habe mal darauf geachtet,was genau so anders ist – und tatsächlich bin (mal wieder) vor allem ich es selbst! Ich gebe meine Hilfen vollkommen anders als im normalen Alltag – viel vorsichtiger, viel sanfter, viel liebevoller. Nach einer längeren Pause ist es mir offenbar leichter möglich, meinen Pferden so gegenüberzutreten, wie ich fremden Pferden gegenübertrete:

  • mit einem achtsamen Respekt,
  • mit einer gesunden Portion Neugier,
  • mit dem Interesse, das Pferd (neu) kennen zu lernen
  • und ohne feste Vorannahmen oder bestehende Muster.

Und genau DAS macht wohl den Zauber aus, oder was meint Ihr?

Ist es nicht traurig, dass wir oft gerade den Wesen in unserem Leben, die uns am meisten bedeuten, oft am ungnädigsten, ungeduldigsten und härtesten gegenübertreten? Ich kenne das von mir selbst und auch von anderen und zwar nicht nur in Bezug auf Pferde, sondern auch Ehemänner, Kinder, Eltern… Denkt nur mal daran, was Ihr alles für Euren Partner getan habt, als Ihr frisch verliebt wart… – kein Wunder, dass so viele Ehen scheitern, wenn wir mal überlegen, wie wir uns nach einigen Jahren oft dem anderen gegenüber benehmen, oder? (Aber, ja, das ist ein anderes Thema..)

Auch wenn uns unsere Lieben (Menschen wie Tiere) gut genug kennen, dass sie manche Launenhaftigkeit oder Grobheit wegstecken, so sind sie es doch, denen gegenüber wir am feinfühligsten sein sollten. Es ist ein seltsamer und trauriger Widerspruch, dass oft in der Vertrautheit des Alltags die Achtsamkeit und der Respekt leicht verloren gehen können.

Die gute Nachricht aber ist, dass wir uns in Achtsamkeit üben können. Dass wir trainieren können, gerade die, die uns am meisten bedeuten, auch respektvoll zu behandeln.

Früher ging mir diese Nach-Urlaubs-Stimmung immer leider schnell wieder verloren und ich fragte mich, wie es mir wohl gelingen kann, das auch im Alltag zu erhalten. Inzwischen kann ich mir immer öfter solch kleine Zauber-Inseln schaffen.

Die Basis dafür ist

  • zum einen die Erkenntnis, dass es wirklich an mir liegt, an meinen Erwartungen, an meiner Ausstrahlung, an meinen (Nicht)Forderungen und meiner Einstellung,
  • zum anderen die Bereitschaft zur Selbstreflexion, also dass ich mein Tun stetig hinterfrage und überprüfe
  • und nicht zuletzt die Freude über die magischen Momente, in denen ich den Lohn spüren kann: Momente, in denen sich meine Pferde mir auf eine Weise öffnen, die ich früher nicht für möglich hielt.

Klar, das ist nicht immer leicht – vor allem in stressigen Zeiten ist man ja oft selbst mit sich eher wenig in Kontakt. Und wer mit sich selbst nicht in Kontakt ist, ist anderen gegenüber selten achtsam. Aber es lohnt sich!

Es lohnt sich, sich selbst aus den Automatismen zu lösen, mit denen wir unsere Pferde (und andere) harsch behandeln, weil wir eigentlich viel zu wenig Zeit und auch kaum noch Kraft haben. Es lohnt sich, das Funktionieren-müssen (als Selbstanspruch und als Anspruch an unsere Pferde) vor der Stalltür zu lassen. Es lohnt sich, zu unseren Pferden zu gehen und eigentlich nichts zu wollen.

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Seid gespannt, was dann alles passieren kann!

18. März 2010 von Tania Konnerth • Kategorie: Umgang 11 Kommentare »

 

11 Reaktionen zu “Der Nach-dem-Urlaub-Zauber”

 

Von Almut • 18. März 2010

Liebe Tania,
mal wieder ein Beitrag zum hinter-den-Spiegel-stecken.
Wie oft vergisst man das traurigerweise im Alltag…
Danke! Almut

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Freut mich sehr!
Tania

 

Von Corinna • 18. März 2010

Hallo Tania,

es stimmt.
Danke.

LG
Corinna

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Danke Dir für die Rückmeldung,
Tania

 

Von Tanja • 18. März 2010

Hi Tania… gerade wieder selbst erlebt – wenn auch nicht aus einer Pause heraus sondern aus einer Stress-Situation..

Wieder in Kontakt zu kommen ist etwas sehr schönes – und gleichzeitig so beschämend, da unsere Pferde es anscheinend an fast allen Tagen schaffen uns so voruneingenommen zu begegnen wie wir es auch tun sollten…

LG

Tanja

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Da hast Du so recht… – sie sind halt die größeren Seelen.

Drück Dich,
Tania

 

Von Lisa • 23. März 2010

Liebe Tania,

dein Beitrag ist super. Den werd ich mir gleich ausdrucken und jedes Mal durchlesen, wenn ich schlecht gelaunt zum Pferd fahren möchte!

Danke. LG

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Dankeschön, freut mich sehr!
Tania

 

Von Gela • 24. März 2010

Liebe Tania,

nach einer Woche Pferdepause – kam ich auch in den Genuss des Zaubers. Einfach nur schön! Von einem vor tatendrang strotzendem Pferd, freudig begrüßt zu werden. Haben einen tollen zwanglosen Nachmittag mit viel Spiel und Spaß verbracht.

LG, Gela

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Wie schöööön!!!
Tania

 

Von Jenny • 24. März 2010

Ich höre gern wenn meine Pferde Heu fressen. Viele nehmen sich die Zeit nicht sich einfach in den Stall zu setzten und zu lauschen und zu schauen.
Mein Vater (der oft auch hart mit den Pferden war) hat mir dies aber gezeigt.
Er stand abends oft im Stall hörte und beobachtete seine Pferde es war für ihn Entspannung.
Durch diese Art Beschäftigung haben wir einen guten Blick für Pferde bekommen.
Wir sehen oft schon dinge an Pferden die andere noch lang nicht bemerken.
Ich sage dann immer die Leuet haben kein Auge für die Pferde.

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Jep, sich für solche Beobachtungen Zeit zu nehmen, ist nicht nur schön, sondern auch wichtig.
Tania

 

Von Sandra • 25. April 2011

Liebe Tania,
dein Beitrag trifft mal wieder mitten ins Schwarze. Ich habe dieses Wunder nach einer längeren Pause gerade auch erlebt. Ich habe mich vor ca. 7 Jahren schweren Herzens von meinem Appaloosa, bei welchem ich die Reitbeteiligung war, trennen müssen. 5 Jahre später hat er mich in einem Traum gerufen, ich habe darauf gehört, ihn gesucht und gefunden und kurz danach habe ich ihn gekauft und nun müssen wir uns nie wieder trennen. Daraufhin haben wir 2 Jahre mit Bodenarbeit und Spaziergängen verbracht. Ich wollte ihn nicht mit zu viel auf einmal überfrachten, da wir jetzt alle Zeit der Welt haben. Er sollte sich in Ruhe in die Herde im Laufstall integrieren können und die Umstellungsphase und Korrektur der Hufe so weit hinter sich bringen, dass er wieder gut und entspannt laufen kann. Diese Woche hatte ich das Gefühl wir sind so weit und habe das erste mal seit 7 Jahren wieder auf ihm gesessen. Es war unglaublich! Das Gefühl schien uns beiden sehr vertraut und angenehm. Wie du beschreibst war auch ich sehr viel feiner mit meinen Signalen als bei unserem letzten reiterlichen Zusammensein. Die Kunst ist es wohl seine Erwartungshaltung immer wieder auf 0 und somit unbelastet zu stellen. Aber der Clou war er! Er weiß noch alles und zeigt mir sofort wenn ich minimal falsch sitze oder sonst irgendetwas falsch mache, was er mir nicht übel nimmt. Es macht so einen Spaß dann durch Beobachtung seiner Reaktion herauszufinden ob ich mit der veränderten Verhaltensweise auf dem richtigen Weg bin. Er ist eben der beste Lehrmeister. So tasten wir uns ganz entspannt und ohne ehrgeiziges Leistungsziel wieder an das Thema heran und ich versuche dabei nur das Ziel zu verfolgen, dass es uns beiden Spaß macht und wir beide entspannt dabei sind. Hoffentlich können wir uns diese Sensibilität erhalten.
Und wie mein Pferd mir wieder eindrucksvoll gezeigt hat ist man am besten beraten wenn man dem Pferd zuhört, da es oft viel weiser ist als wir Menschen und häufig ein Spiegel unserer Selbst.
Liebe Grüße und frohe Ostern,
Sandra

__________________

Sehr wahre Worte – danke, Sandra.
Tania

 

Von Ines • 14. Januar 2013

Hallo Zusammen

Wir haben zwei Pferde. Meine Stute, die ich schon sehr lange habe und noch ein Paint Horse, welches sehr personenbezogen ist. Da ich mich emotional mit meiner Stute befasse, kommt die Paint Horse Stute eher zu kurz. Das bekomme ich natürlich am Verhalten zu spüren. Sie weicht mir aus … Nun hatte sie letzte Woche eine Kolik. Sie sah so traurig aus, hatte Schmerzen. Mein Mann und ich waren die ganze Zeit bei ihr und umhuschelten sie Tag und Nacht. Jetzt ist sie wieder gesund und hat noch etwas bemerkt. Dass wir sie genau so lieben wie die alte Stute von mir. Sie hat ihr Herz für uns geöffnet, dadurch, dass wir unser Herz aufgemacht haben. Es ist für meinen Mann und mich eine tiefe gefühlsmässige Erfahrung gewesen (und ist es auch noch) Wir sind jetzt eine neue Einheit von zwei Menschen und zwei Pferden. Wunderbar, dass selbst eine schlimme Krankheit doch am Ende so eine Entwicklung bringt und die essentielle Liebe zwischen Mensch und Tier transformiert.

Liebe Grüsse
Ines

__________________

Liebe Ines,

das ist eine ganz wundervolle Geschichte, danke fürs Teilen!
Tania

 

Von Stella • 27. Januar 2013

Hallo Tania,
du glaubst gar nicht wie sehr du mir damit aus der Seele sprichst! Ich bin heute abend erst auf euren Blog gestoßen und komme seit, oh, 5 Stunden nicht mehr davon los!
Zum Thema Pause hab ich aber wirklich eine ganz entscheidende Erfahrung gemacht:
Anfang 2012 bin ich von meinem Kaltblutwallach gefallen. Im Nachhinein kann ich sagen: absolut meine Schuld, in dem Moment hab ich das natürlich noch anders gesehen.. Das für mich verheerende Urteil: Bruch am Sprunggelenk – 8 Wochen Krücken (ausgerechnet kurz vor’m Abiball, na toll!).
Mit Glück schaffte ich es einmal pro Woche in den Stall, wenn mich jemand mitgenommen hat, und auch dann war der Kontakt natürlich stark beschränkt, vor allem da mein Pferdi manchmal etwas „grobschlächtig“ sein kann und natürlich niemand mich riskieren lassen wollte, dass der Große mich aus den Latschen fegt 😉
Als ich dann endlich wieder einsatzfähig war, hätte ich erwartet, dass ich meinem Pferd unbewusst die Verletzung nachtragen würde. In der Zwangspause hatte ich aber viel Zeit, mich zu belesen und meine ganze Einstellung zum Pferd hat sich in dieser Zeit maßgeblich gewandelt, dass es war als hätte jemand den Reset-Knopf gedrückt. Waren wir davor in vielerlei Hinsicht festgefahren (gerade bei der Handarbeit schaukelten wir uns gerne gegenseitig hoch), hat die Pause mir den nötigen Abstand wieder gegeben. Seitdem kann ich täglich den Fortschritten zuschauen und so freut es mich natürlich noch mehr, wenn in letzter Zeit sogar anderen auffällt, was für einen großen Schritt wir vom steigenden, aggresiven Rüpelpferd zum motivierten Arbeitstierchen gemacht haben (:
Vielen Dank für diesen und die anderen Beiträge,
Stella

 

Von Regina • 19. September 2016

Da ich keine Möglichkeit gefunden habe, einen Kommentar zum eben gelesenen Dankeschön zu schreiben, nehme ich diesen Kasten hier ;-))

Das ist mal ein tolles Dankeschön, an alle Schulpferde, und dann mit so einer Qualität und Reflektiertheit! Danke, Danke, Danke für diese empathischen, achtsamen und demütigen Worte.
Ich lese diese Rubrik immer sehr gerne, und diese hier hat mich ganz besonders beeindruckt und angerührt. JA! Sie haben es verdient! Und ja, sie hätten alle solche ReiterInnen verdient!

_________________

Hallo Regina,

ja, stimmt, für den Newsletter gibt es leider keine Kommentarfunktion – danke für Deine Worte!

Herzlich,
Tania

 

Von Christine • 19. September 2016

Liebe Tania,
vielen Dank für diesen Beitrag, der mir ein wenig die Tränen in die Augen getrieben hat, weil er so schön das beschreibt, was auch ich so oft schon erlebt habe. Und leider so schnell wieder vergesse, wenn mich meist am Folgetag schon wieder der Alltag einholt. Nun werde ich mich sicherlich öfter mal an deine Worte erinnern und versuchen, mit meinen Pferden jeden Tag diesen Nach-dem-Urlaub-Zauber zu leben!
Lieben Gruß von Sardinien, Christine

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Hallo Christine,

ich freu mich sehr über Deine Zeilen.

Herzlich,
Tania

 

 

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