Die Beizäumung

In meinem Blogbeitrag Das Stellen verwendete ich den Begriff „Beizäumung“, den ich heute genauer beschreiben möchte.

Die FN beschreibt die Entwicklung der Beizäumung so: „Wenn das am Zügel gehende Pferd mit seinen Hinterfüßen vermehrt an den Schwerpunkt herantritt, führt die deutlich werdende Genickbiegung zur Beizäumung.“

Unter der Beizäumung wird also das „Runden des Halses“ und das „Herannehmen der Nase“ durch Beugung des Genickes verstanden. Hier ein Foto eines korrekt beigezäumten Pferdes:

bz1.jpg


Und auch gebisslos lässt sich eine korrekte Beizäumung erreichen:

bz2.jpg

Die Stirn-Nasenlinie des Pferdes bleibt bei einer korrekten Beizäumung immer vor der Senkrechten (oder kommt max. an die Senkrechte heran). Sie darf nicht hinter die Senkrechte kommen! Und das Genick des Pferdes soll der höchste Punkt sein.

Nur ein Pferd, welches sich mit Leichtigkeit beizäumen lässt, kann mit der Hinterhand optimal arbeiten und den Rücken unter dem Reiter aufwölben. Hier finden wir also einen der Grundpfeiler guten Reitens.

Und die FN beschreibt dazu noch Folgendes: dass bei der Entwicklung der Beizäumung die Anlehnung der Reiterhand zum Pferdemaul in jedem Augenblick federnd bleiben muss und niemals starr werden darf und dass das Pferd die zu fordernde Haltung je nach seinem Ausbildungsgrad verschieden gestalten wird.

So weit, so gut.

Was ist aber leider oftmals traurige Realität? Viel zu häufig versuchen Reiter/innen, ihre Pferde durch „vorne halten und hinten treiben“ in eine Beizäumung zu zwingen. Losgelassenheit lässt sich so nicht erreichen!

In wieweit sich ein Pferd beizäumen kann, hängt von der Ganaschenfreiheit ab. Ein Pferd mit geringer Ganaschenfreiheit ist nicht in der Lage sich so beizuzäumen wie ein Pferd mit ausreichender Ganaschenfreiheit. Hat das Pferd ausreichend Ganaschenfreiheit, aber dennoch Probleme mit der Beizäumung sollten Erkrankungen ausgeschlossen werden (z.B. Entzündung des Genickschleimbeutels, Zahnprobleme).

Eine Grundvorausetzung dafür, dass sich das Pferd im Genick beizäumen kann, ist die Entspannung im Kiefergelenk. Ein Pferd das entspannt am Gebiss kaut, entspannt den Unterkiefer und schafft damit überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass das Pferd im Genick loslassen kann. Unter diesem Aspekt betrachtet man doch das Zuschnüren des Pferdemauls mittels Sperrriemen aus einem anderen Blickwinkel, nicht wahr?

In meinen Augen liegt der Denkfehler vieler Reiter/innen darin, dass sie glauben, die Beizäumung des Pferdes durch Einwirkung mit der Hand erreichen zu müssen, anstatt darauf zu vertrauen das ein Pferd, welches gut dressurmäßig gearbeitet wird und vor allem mit einer weichen, immer nachgebenden Hand geritten wird, so locker im Genick wird, dass sich die Beizäumung von alleine ergibt.

Wenn die Hand zum Erreichen der Beizäumung etwas unternehmen darf, ist es in meinen Augen nur, durch ein weiches Spiel die Kautätigkeit des Pferdes anzuregen, da das, wie wir ja jetzt wissen, die Mobilität des Kiefergelenkes die Fähigkeit des Pferdes fördert , sein Genick loszulassen und sich beizuzäumen. Jeder stärkere Einsatz verhindert meiner Erfahrung nach eher die Beizäumung, als dass er sie ermöglicht.

7. April 2009 von Babette Teschen • Kategorie: Aus dem Reitunterricht und Coaching 7 Kommentare »

 

7 Reaktionen zu “Die Beizäumung”

 

Von Jutta • 7. April 2009

Vielen Dank Babette, für diesen Text, vor allem im Namen aller „runtergeriegelten“, „geflexten“ und „gerollkurten“ Pferde. Schade das Salinero nie die Möglichkeit haben wird seiner Foltermeisterin Anky diese Zeilen zu zeigen. Solange solche Reiter/innen weiter „erfolgreich“ reiten dürfen, geben diese ein denkbar schlechtes Vorbild für alle ehrgeizigen Reiter. Und die tolle Pferde werden weiter geknebelt und gequält in allen Reitweisen.
Kompliment an Tania und ihre jeweiligen Partner auf den Fotos, wie schön locker Beizäumung aussehen kann. Da könnte sich mancher etwas abschauen und Salinero würde vor Neid zum Schimmel.
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Liebe Jutta,
Hoffe wir, dass sich auch hier das Bewusstsein der Menschen mehr und mehr ändert und das auch die Richter wieder vermehrt auf die Grundsätze jeder Reitlehre wert legen…
Liebe Grüße, Babette

 

Von Katja-Maria Günder • 13. April 2009

Liebe Babette,

es ist an uns Reitlehrern, unseren Schülern den Zusammenhang zwischen Hankenbeugung und Beizäumung deutlich erlebbar zu machen. Das gilt für zweibeinige Schüler ebenso wie für vierbeinige. Das Trensengebiss ist für das Pferd das selbe, wie für den Tänzer die Stange. Ein Hilfsmittel um in Balance zu kommen. Wenn die Balance erreicht wurde, kann auf die Krücke verzichtet werden.
In diesem Sinne
Frohe Ostern
Katja
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Hallo Katja,
schön gesagt!
Dir auch noch frohe Restostern 🙂 ! Liebe Grüße, Babette

 

Von Johanna • 17. April 2009

So einfach und doch so schwer. Anscheinend.
War vor zwei Wochen auf einem Dressurkurs einer „Grand-Prix“Reiterin.
Meine Stute tut sich schwer, loszulassen, was aber psychische Hintergründe hat.
Ich sollte vorn schön gegenhalten, innen reinziehen, außen „Paraden“ und „dann kommt die schon“. Auf meinen Einwand, sie sei doch so viel zu tief (wobei wir noch lange nicht die geforderte tiefe Haltung erreicht hatten) hieß es nur, „das interessiert jetzt nicht, erstmal muss sie runter kommen“.
Rollkur vom Feinsten.
Habe den Kurs dann nach dem ersten Tag abgebrochen.

Außerdem muss ich noch anmerken, dass, seit ich mein Pferd nach den Ansätzen des LK auch vom Sattel aus Stelle und Biege (zum Warm werden und wenn sie sich wieder festmacht), wird sie auch insgesamt lockerer, vorallem im Genick. Seit dem kaut sie und ist sichtlich entspannt!

Kompliment für diesen Artikel!
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Liebe Johanna,
oje, das hört sich ja nicht nach feinem Reiten nach klassischer Lehre an… 🙁 .
Aber ich freue mich zu hören, dass Du Positives aus der Arbeit nach dem Longenkurs auch für das Reiten ziehen kannst 🙂 !
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Beate • 21. April 2009

Wie immer total gut erklärt und fundiert. Danke Babett. Die Wichtigkeit des lockeren Kiefergelenkes hab ich bei meiner Stute erst vor Kurzem richtig realisieren können. ( Siehe auch im Forum LG-Zaum).Ich hab ähnliche psychische Blockaden bei ihr, wie oben beschrieben. Seit sie nix mehr zum festbeissen im Maul hat, „klappert der Kiefer locker so rum“ und eine schöne selbsthalrtung kommt nun immer öfter von selbst, obwohl ich bestimmrt nicht der stärkste reiter bin.
Ich hatte auch über lange Zeit diese Anweisungen: „Halt nur mal richtig gegen und mach von hinten Druck“ Die will nur nicht!“.Ergebnis: Unterhals und Kissing spine. Ich hab für mich erkannt: es gibt wohl kaum ein Pferd, dass nicht will, sie können oft nur nicht! Und das ist meist vom Reiter selbst gemacht. Wenn man einmal dieses Glücksgefühl eines sich selbst tragenden locker gehenden Pferdes hatte, öffnet einem das die Augen.
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Liebe Beate,
vielen Dank für Deinen Kommentar! Und Deine Erkenntnis teile ich!
Liebe Grüße und alles Gute für Dich und Dein Pferd, Babette

 

Von Petra • 14. Mai 2012

… da habt ihr ja sooo recht! Es gibt fast nichts Schöneres als ein lockeres, mitschwingendes, über den Rücken gehendes Pferd zu reiten, das sich selbst trägt und sich mit einem federleichten Kontakt beizäumt. Am Liebsten würde man gar nicht mehr aufhören zu reiten. Es braucht keine Kraft, keine riegelnde Handeinwirkung und keine treibenden und drückenden Schenkel!!! Es ist eher mit einem sanften und schwebenden Dahingleiten zu vergleichen. Hier entsteht das Gefühl Eins mit dem Pferd zu sein. Schade, dass so viele Reiter reiten mit Krafttraining verwechseln und ihre Pferde gnaden- und hirnlos beim Reiten misshandeln, sie zu Leistungen zwingen zu welchen sie noch gar nicht bereit sind und sich nachher noch über den dummen „Saubock“ auslassen, der heute wieder mal zäh und widersetzlich war. Wie würden wir uns denn bemerkbar machen, wenn wir keine Stimme zum Reden hätten und keine Schmerzlaute äussern könnten? Mal Hand auf Herz, würden wir nicht auch so reagieren, um unser Leben zu retten? Wie müssen sich tausende von geplagten Pferden wohl fühlen? Leider werden noch tausende von Pferden durch die Mühlen der anerkannten, brutalen Trainingsmethoden (z. B. LDR, Schlaufzügelreiten etc.) und Respektlosigkeit gehen müssen, da uns die sogenannten „grossen Reiter“ ja immer wieder vor machen, dass man damit Erfolg hat. Was sie nicht sagen ist, wie viele Pferde dabei auf der Strecke geblieben sind, wie viele Tierärzte, Therapeuten, Behandlungen und Medikamente dazu beigetragen haben, die Tiere überhaupt in Form zu halten und auftretende körperliche und psychische Anzeichen einer Überforderung zu vertuschen oder das Aus der Sportkarriere möglichst lange hinauszuziehen.
Darum ist es wichtig, dass immer mehr Reiter beginnen sich an die Grundsätze der klassischen Dressur zu erinnern, dass sie sie im Training und im Umgang mit ihren Pferden umsetzen, dass die schönen Bilder des Reitens in die Welt hinaus getragen werden und das mehr und mehr über die pferdegerechten und respektvollen Trainingsmethoden berichtet wird. Danke Babette und Tania für euer Engagement und für eure Aufklärung!
Liebe Grüsse Petra

 

Von Dörte • 26. Oktober 2015

Petra, dein Kommentar ist Jahre alt und hochaktuell.
Ich habe sofort an Totilas denken müssen.

 

Von Mari • 26. Oktober 2015

Als kleinen Lichtblick: es gibt sie immerhin, die Reitlehrer, die ihre Richtlinien tatsächlich beherzigen:
In dem FN- Stall, wo ich reite, wird furchtbar geschimpft, wenn ein Reiter das Pferd
“ runterzieht“ oder am inneren Zügel um die Kurve zerrt.
Aber ich weiß, dass es ein besonderes Glück ist, eine solche Reitschule gefunden zu haben!
Wir dürfen nicht mit Schlabberzüglen reiten, aber auch nie ziehen.
Die sogenannte “ federnde Verbindung“ wird als A und O betrachtet.

 

 

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