Umgedacht

Ich staune immer wieder, wie viel meine Gedanken im Umgang mit meinen Pferden ausmachen. Vor kurzem hatte ich dazu wieder ein sehr schönes Beispiel mit meinem Youngster, Anthony.

Anthony, ganz pubertierendes Jungpferd, testet immer mal wieder gerne, ob er denn wirklich tun muss, was er tun soll. Beim Reiten ist er beispielsweise oft der Ansicht, dass er auf der linken Hand partout nicht abbiegen kann. Die Ursache dafür liegt natürlich grundsätzlich in einem Balance-Problem, an dem wir aber gründlich arbeiten. Deshalb kann er es eigentlich schon…

Nun habe ich mich oft dabei erwischt, wie ich, wenn er gleich zu Beginn mal wieder so tut, als wäre ein Abwenden nach links vollkommen unmöglich und er stattdessen einfach geradeaus losbrettert, so etwas dachte, wie „Mist, das geht wieder nicht.“ oder „Alter Sturkopf, du sollst abwenden!“

Mit solchen Gedanken war ich innerlich und äußerlich gleich im Kampf. Ich zog mehr als gewollt am Zügel, verkrampfte mich und ja, wurde auch wütend.

Inzwischen denke ich in solchen Situationen immer öfter etwas anderes: „Ach, da haben wir wieder einmal dieses Problem, na, das bekommen wir gleich hin.“

Dieser Gedanke sorgt für eine gänzlich andere Grundstimmung bei mir – und damit auch bei Anthony. Ich bleibe weich in meinen Hilfen, gebe aber nicht auf, sondern fordere ihn immer wieder freundlich zum Abbiegen auf. Wenn es gar nicht klappt, pariere ich durch, wende ab und trabe im Abwenden wieder an, jubele ihm also das Abwenden im Trab unter. Oder ich reite statt „Durch die ganze Bahn wechseln“ einfach an der nächsten kurzen Seite „Aus der Ecke kehrt“. Auf diese Weise löst sich das Problem sehr viel schneller auf, als wenn ich mich „durchsetzen“ will. Nach einigen Malen wendet er nach links so ab, als wäre es nie ein Problem gewesen.

Hier zur Illustration Anthony beim Abwenden nach links, denn es geht eben durchaus 😉

an_abwenden.jpg

Und so sehe ich mich wieder einmal in der Erkenntnis bestätigt: Der Schlüssel sitzt fast immer im Reiterkopf (vom Körper mal ganz abgesehen…).

12. Februar 2009 von Tania Konnerth • Kategorie: Erkenntnisse 5 Kommentare »

 

5 Reaktionen zu “Umgedacht”

 

Von christina • 13. Februar 2009

liebe tania,

mir geht es in letzter zeit ähnlich…
Irgendwie hab ich es satt, mich zu ärgern, wenn Sando „Blödsinn“ macht und hab jetzt bewußt entschlossen solchen Situationen anders zu begegnen.

Nachdem Sando die ersten 5 bis 15 Minuten, wenn ich mit ihm zu arbeiten anfange, immer wieder versucht, eine kleine Rauferei mit mir anzuzetteln, hab ich ja eh schon einiges versucht, um ihm das abzugewöhnen, aber ich glaube, dass ich einfach die falsche einstellung hatte.

Ich hab mich nämlich immer geärgert, weil er „schon wieder mit dem kopf schlägt“, „schon wieder versucht mich anzuknabbern“, „doch endlich erwachsen werden könnte“ und hab dann auch oft, wenn mir der geduldsfaden riss, eher grob reagiert um das abzustellen und wieder in Ruhe weitermachen zu können.
Jetzt gelingt es mir immer öfter ihm anders zu begegnen, indem ich so wie du andere Wege einschlage, vielleicht mal eine andere Übung jetzt, oder einfach kurz stehen bleiben, bewußt atmen, dann erst wieder weiter.
Ich hab das letzte Mal so lachen müssen, weil er immer wenns ans Antraben geht eben einen Affenzirkus veranstaltet, indem er sich ganz wichtig aufbaut und mit dem Kopf schlägt und hab ihn dann gebeten gleich wieder stehen zu bleiben und auszuruhen. Daraufhin waren die nächsten Trabversuche relativ ruhig und gelassen und er hat sich ganz toll bemüht.
Ich glaube dazu mußte ich es erst schaffen ihn so anzunehmen wie er ist und nicht schon in ihm das Pferd sehen, dass ich gerne hätte. Ich glaube dann verhält man sich in solchen Situationen wesentlich entspannter und es entsteht gar nicht erst ein Problem…

Er bringt mich jetzt zum Lachen, wenn er mich beim Führen in Stellung fixiert und sein Nase immer länger wird und es fällt mir viel leichter gleich zu reagieren indem ich ihn halt einfach ein Stückchen von mir weg schicke, bevors ein Streitfall wird.

liebe grüße
christina

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Hallo Christina,

ein herzliches Dankeschön für Deinen Erfahrungsbericht.

Mit diesem Satz hier: „Ich glaube dazu mußte ich es erst schaffen ihn so anzunehmen wie er ist und nicht schon in ihm das Pferd sehen, dass ich gerne hätte.“ fasst Du für mich zusammen, was das Allerwesentlichste im Umgang und auch beim Reiten ist. Ich denke, da liegt der Schlüssel für fast alles.

Lieber Gruß,
Tania

 

Von Ulrike • 16. Februar 2009

Noch ein Beispiel für Umdenken:
Als Späteinsteiger bei meinem ersten eigenen Pferd war die Frage, wie verhalte ich mich im Gelände, wenn das Pferd an irgendetwas nicht vorbei will. Die Ratschläge, die ich bekam liefen auf Kampf und Durchsetzen hinaus.
Meine eignen Reitkünste schätzte ich aber so ein, daß ich da wohl der Verlierer gewesen wäre.
Ich überlegte worin meine Überlegenheit besteht und das ist der Kopf. Also eine schlaue Alterntive finden!
Die Lösung war: wenn das Pferd vor dem „Gespenst“ abbog, dann nahm ich die Richtung an und wir kreiselten am Gespenst vorbei. Das hat bei diesem Pferd ziemlich streßlos geklappt.
Also mit Köpfchen und Humor lassen sich viele Situationen viel leichter erfolgreich lösen (wie Tanja und Christina das auch schon schilderten).

Liebe Grüsse,
Ulrike

__________________________

Hallo Ulrike,

vielen Dank für Deine Zeilen. In Deinem Erfahrungsbericht steckt für mich noch eine andere Weisheit drin: nämlich, sich vorher zu überlegen, was man wirklich durchsetzen kann. DAS hat mich Anthony gelehrt 😀

Herzlich,
Tania

 

Von Nele • 17. Februar 2009

Heute habe ich Euch gedacht, denn ich hatte ein sehr schönes Erlebnis zum Thema „Umdenken“. Heute gab es „das erste mal wieder“ ein Stocken im Traben schon bei der ersten Runde ganze Bahn. Sofort gingen die Alarmglocken los „ohje, er hat wieder was“ abwechselnd mit „nee, er hat nix, aber menno, warum will er eigentlich immer wieder testen“ und anderen desktruktiven, jammernden Gedanken… STOP! Nachdenken, nochmal probieren, nachfühlen: Aha, sobald ich einen Hauch von vor die Senkrechte komme, nutzt er meine Schwäche (oder auch interpretiert er es als Haltsignal), stockt minimal, dadurch komm ich erst recht vor die Senkrechte usw usw. Also habe ich es nochmal probiert und dabei laut vor mich hin „gedacht“: Ich bleibe aufrecht, ich bleibe aufrecht… na klar habe ich auch dann mal wieder gewackelt, aber diesmal habe ich dem Gedanken „och nööö, nicht schon wieder“ einfach gar keine Chance gegeben (immernoch brabelnd „ich bleibe aufrecht, ich bleibe…“) und siehe da, wir haben nach ein zwei Tritten unser Gleichgewicht wieder gefunden und sind prima weitergekommen, ohne Jammern und ohne Genörgel und ohne jegliche Gerte. DAS war definitiv ein Aha-Erlebnis, ich glaube für uns beide 😉
LG Nele

_________________________

Super!!!

Tania

 

Von Helen Michel (Manolito) • 23. Februar 2009

Zum Umdenken habe ich auch noch ein Beispiel.
Ich habe ein sehr sensibles Pflegepferd, das ich 3-4 x die Woche reite. Der Besitzer meinte am Anfang, du musst aufpassen, im Wald dreht er manchmal einfach um wenn irgend ein Baumstamm am Wegrand liegt.
Also ging ich vorsichti,g erst im Schritt durch den Wald und ich musste nicht lange warten bis Karino stoppte und gleich zur wendung ansetzte. Da ich vorbereitet war, konnte ich das ganze locker angehen, bin dann abgestiegen und habe ihm den Ast von der Nähe gezeigt, von links und von rechts, danach wieder im Sattel, die gleiche Prozedur li. und re. seite, dann bin ich den gleichen Weg etwas zurück und an der gefährlichen Stelle vorbei und nix ist passiert und extra später beim zurück reiten, wieder daran vorbei, Problemlos. Diese Prozedur hatten wir dann noch ein paarmal im Wald und an den schrecklichsten Stellen habe ich sogar eine Pause mit Apfelessen gemacht. Das alles war vor 4 Jahren, jetzt geht er im Galopp durch den Wald, auch wenn neue Bäume frisch abgeholzt sind, geht er zwar noch immer mit vorsicht daran vorbei, aber er stoppte nie mehr, auch die Wendungen sind weg. Und sein Besitzer ist stolz auf sein Pferd., denn seine Lösung war, jedesmal wo er Stoppte und kehrte hat er ihn in Galopp durch den Wald getrieben mit Wut im Bauch und beim nächstbesten Stop hat ihn das Pferd aus dem Sattel geworfen….
Also es kommt sehr wohl darauf an, wie man ein Problem löst. Leider haben nicht alle Leute soviel Zeit wie ich, dass ist mir auch klar. Aber es lohnt sich schon mal darüber nachzudenken wie eine Lösung aussehen kann.
Liebe Grüsse
Helen

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Was für ein schöner Erfahrungsbericht – ganz lieben Dank. Und zum Stichwort Zeit: ich denke inzwischen, dass wenn man sich die Zeit für so etwas nimmt, man in der Summe letztlich Zeit spart, weil man viele Probleme, die auch Zeit kosten, auf diese Weise an der Wurzel lösen kann.

Herzlich,
Tania

 

Von Helen Michel (Manolito) • 24. Februar 2009

Hallo Tania
Genau so sehe ich das auch, denn die Meinung des Pferdebesitzers, wenn er er stress macht, muss er zur strafe Galoppieren !!! Ist ja echt ein Witz, so bestätigt er dem Pferd, hast ja recht ,es ist sooo gefährlich im Wald also schnell weg von hier. Ist also mehr eine Belohnung und keine bestrafung fürs Pferd. Somit hat sich die Zeit investition mehr als gelohnt. Sogar der Besitzer hats schlussentlich verstanden.
Und gehen jetzt gelassener durchs Leben.
Ich wünsche Euch noch viele solch schöne Ausritte!
Liebe Grüsse
Helen

__________________________

Das wünsche ich Euch auch!

Herzlich,
Tania

 

 

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