Gymnastizierung versus Lektionen

Ich habe gerade mal wieder einen Denkmechanismus bei mir verändern können, der sich ausgesprochen positiv auf das Miteinander mit meinen Pferden auswirkt:

Ich habe zwar immer davon gesprochen, dass ich mein Pferd beim Reiten in der Bahn „gymnastizieren“ will, klar, aber Hand aufs Herz, mir ging es auch ums Lektionen-reiten. Ehrgeizig, wie ich bin, habe ich viel Energie darauf verwendet, meinem Großen die tollsten Sachen beizubringen und ich habe es genossen, wenn die Leute gestaunt haben, was er alles kann. Ja, ich habe schon auch gerne angegeben mit ihm.

Inzwischen weiß ich, dass ich vor lauter Lektionen die Grundlagen vernachlässigt habe. Vor lauter Seitengängen kam es mir gar nicht mehr in den Sinn, mal zu schauen, ob mein Pferd eigentlich noch eine einfache Volte in Spur laufen kann. Und ich denke, ich muss noch weitergehen: durch all die vielen Übungen in den Seitengängen habe ich mein Pferd geradezu gezeigt, wie er sich manch einer Anstrengung erfolgreich entziehen kann.

Fazit: Zurück auf Los.
Ich bin wieder bei den Basics: Spuriges Laufen, korrekte Bahnfiguren, Dehnungshaltung, ohne davon zu rennen usw. Manches davon hat regelrecht etwas von Krankengymnastik und damit bin ich nun wirklich beim (für uns) eigentlichen Sinn der Bahnarbeit: die Gymnastizierung.

Seit ich die Bahnarbeit tatsächlich mehr als gesunderhaltene Maßnahme sehe, denn als sportliches Betätigungsfeld, machen wir enorme Fortschritte. Seitengänge in der Bahn habe ich erst einmal ganz weggelassen und frage sie nur hin und wieder mal auf einem Ausritt auf gerader Strecke ab. Ich werde sie mir nach und nach wieder erarbeiten – dieses Mal aber ehrlich und ohne die Grundlagen aus den Augen zu verlieren.

Ich gebe zu, manches Mal kitzelt es mich, doch mal wieder abzurufen, was wir schon alles konnten (vor allem dann, wenn jemand zuschaut), aber ich bin standhaft. Mein Großer ist wohl noch nie so gut gelaufen, wie im Moment und auch wenn es nach außen vielleicht nicht so spektakulär aussieht, so ist es viel, viel mehr wert – denn das Ergebnis ist ein zufriedenes Pferd, das super läuft und wieder Freude an der Bahnarbeit hat.

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20. Juni 2008 von Tania Konnerth • Kategorie: Reiten 7 Kommentare »

 

7 Reaktionen zu “Gymnastizierung versus Lektionen”

 

Von Katja Timme • 23. Juni 2008

Hallo Tanja,

finde eure Seite wirklich gut, ihr macht euch viele Gedanken die ich mir auch mache.
Habe selber einen Hafi, nun acht Jahre alt, den ich selber aufgezogen und angeritten habe und nun ausbilde.
Da ich bis vor ein paar Wochen auch noch einen älteren Hafi hatte ( leider mußte ich ihn mit 21 Jahren wg. Darmverschlingung einschläfern lassen ) kommt der „Youngster“ erst jetzt so richtig zum arbeiten.
Das macht viel Spaß erfordert aber auch eine Menge Fingerspitzengefühl.

Nun habe ich eine Frage: Warum wird Aramis von Dir mit diesem Gebiss geritten ( Bild oben ) ? Ist es eine normale Wassertrense?

Viele Grüße
Katja

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Hallo Katja,

herzlichen Dank für Deine Nachricht und für das tolle Lob. Das mit Deinem älteren Hafi tut mir sehr leid, da hilft es schon sehr, dass Du noch den zweiten hast, oder?

Zu Deiner Frage:

Aramis ist extrem maulsensibel. Ich habe schon unzählige Gebisse ausprobiert – von dick über dünn, doppelt und einfach gebrochen, aus Metall, Kunststoff und Leder. Meistens reite ich ihn gebisslos, möchte aber hin und wieder ein Gebiss nutzen, weil ich doch immer noch hoffe, ihm zeigen zu können, dass ein Gebiss nichts Schlimmes sein muss.

Auf dem Foto trägt er eine so genannte Schenkel- oder Knebeltrense, einfach gebrochen. Es ist also eine „normale Wassertrense“, nur dass außen die Schenkel dran sind. Ich fand immer, dass diese Teile ziemlich brutal aussehen, habe mich aber davon überzeugen lassen, dass sie das nicht sind. Die Schenkel sorgen dafür, dass das Gebiss ruhiger im Maul liegt, die Schenkel geben seitlich noch zusätzliche Orientierung.

Herzlich,
Tania von „Wege zum Pferd“

 

Von Katja Timme • 24. Juni 2008

Hallo Tanja,

danke für die Antwort. Sieht wirklich etwas archaisch aus das Gebiss.
Und ja, es hilft sehr wenn man noch einen zweiten Hafi sozusagen in der Hinterhand hat. Ist zwar auch so eine Lücke entstanden aber man kann sie besser aushalten!

Viele Grüße und macht weiter so!
Katja

 

Von Heike • 11. Februar 2009

Hallo Tanja,

auch ich kenne das sehr gut wie es ist, wenn ein Pferd gut läuft und einen die anderen bewundernd zusehen: mein erstes Pferd war ein Deutsches Reitpony mit 75% Araberanteil. In den 17 Jahren, die er mir gehörte haben wir vieles gemeinsam erarbeitet, u.a. auch fleigende Wechsel, Piaffen sowie liegen, sitzen, Spanischen Schritt und steigen.

Leider war mir damals icht bewußt, dass die natürliche Schiefe des Pferdes zu einseitigen Verschleißerschei-nungen führen kann.

Bei meinem zweiten Pferd (bitte nicht wundern) einer Norwegerstute jetzt 10 jahre alt, nahm ich mir vor vieles anders zu machen.
Ob mir das gelungenist weiß ich nicht, da sie total anders ist als mein erster, jedoch habe ich viel Zeit in Sachen Gymnastizierung für sie aufgewendet und ich ging erst einen Schritt weiter, wenn ich mit dem vorherigen zufrieden war. z.B. korrektes Umstellen beim Reiten von Schlangenlinien (und dabei den jeweiligen Schenkel annehmen) – erst im Schritt, dann im Trab.
Dann kamen auch irgendwann die ach so faszinierenden Seitengänge.
Doch kürzlich unterhielt ich mich mit meinem Reitlehrer (Herrn Rolf Petruchke), der mit einige Übungen für einen meiner Reitschüler vorschlug: einfaches Zirkel verkleinern und vergrößern.
Als vorsichtige Reitlehrerin (falls Fragen in Sachen Hilfengebung bei dem Reitschüler auftauchen sollten) wollte ich diese Übung mal schnell mit meinem Norweger reiten und musste feststellen, dass mir dieses eben nicht so nach meinen Vorstellungen gelang.

Fazit: Einen Schritt zurück – wir üben das also ganz konsequent.

Änliche Probleme stellten sich z.B. beim „Tritte verlängern“ im Trab, als mein Pony immer nur angaloppierte und im Trab nicht mehr über den Rücken ging, sondern nur kleine „Galopphoppler“ machte und somit keinen versammelten sondern „verspannten“ Galopp zeigte.

Die Belohnung war kürzlich, dass ich zum ersten Mal wirklich verlängerte Galoppsrüunge spüren konnte – mit einem aufgerichteten Pferd (nicht eilig und auf der Vorhand und in den Boden rein galoppierend).

Ich bin inzwischen ein Fan von Gymnastizierung – die Lektionen kommen dann von alleine… aber manchmal juckt es halt doch, auch mal mehr zu wollen – gebe ich ehrlich zu – und ich bin nicht immer so standhaft es nicht mal zu probieren.

Liebe Grüße
Heike

PS: Macht weiter so mit Eurer Homepage – sie ist klasse. Finde bei Euch viele meiner Erkennenisse und AHA-Erlebnisse in Worte gefasst.

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Ein herzliches Dankeschön für Deinen Erfahrungsbericht und für das tolle Feedback – wir freuen uns!

Grüßle von
Tania

 

Von Anne-B. • 17. Oktober 2009

Hallo Tania, geht mir präzise genauso.Hilft mir sehr das zu lesen. LG Anne.

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Ach schön, das freut mich!
Tania

 

Von Dagi • 28. Januar 2012

Ich schliess mich Anne-B. an :-))

Tut gut sowas zu lesen….

Liebe Grüsse
Dagi

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Freut mich, Dagi!
Tania

 

Von tina • 21. März 2013

Hi Tanja – wunderbar, wie das alles mit deinem Hafi so schaffst!! 🙂 Meine Junge ist auch 7 und wir sind gerade erst dabei den Galopp richtig zu erlernen. Sie war bei einer Ausbildung, von der ich sie aber bald wieder geholt habe, da das meiner Meinung nach nichts gebracht hat – im Gegenteil, es war nachher total schlimm mit Reiten. Ich wollte ja nicht, aber *seufz* wenn alle auf dich losblöken… Naja, nachher war ich dann schlauer und unglücklicher. Sobald wird mich keiner mehr zu etwas überreden, wo ich Bauchweh hab!!! Jetzt lasse ich ihr Zeit und sie ist inzwischen schon vieeeel lockerer. Ich merk das v.a. beim Ausreiten :-)) Das einzige Problem ist halt noch, dass sie links sehr hohl ist und rechts steif und der Rechtsgalopp funktioniert erst nach einer Reprise Stechtrab, links dagegen ists besser. Aus einer Umkehrtvolte kann ich sie auch rechts angaloppieren, aber lieber festige ich erst mal die Ungleichheit zwischen Links und Rechts – was mich zeitweise echt ins Grübeln versetzt. Wird mir da der Longenkurs helfen, sie da besser ins Gleichgewicht und ins Geraderichten zu bringen???
LG Tina

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Hallo Tina,

ich würde das mit dem Galopp lieber noch lassen, so wie es klingt. „Stechtrab“ ist ein Zeichen von fehlender Balance und ein Pferd erstmal in den Stechtrab rennen zu lassen, um daraus anzugaloppieren, vermittelt ihm nicht, wie es korrekt Gewicht auf der Hinterhand aufnehmen kann, um rund anzuspringen. Ich denke, der Longenkurs kann Euch da nicht nur bei dem Händigkeitsproblem, sondern auch in vielfälterweise gut weiterhelfen.

Alles Gute,
Tania

 

Von Nicole • 14. November 2013

Hallo,
ich bin eben erst über den Artikel „gestoßen“. Ich bin als Reiterin noch nicht so weit fortgeschritten, nehme aber regelmäßig Unterricht, weil ich mein Pferd richtig reiten möchte. Das heißt für mich, viel über den Rücken arbeiten. Das ist bei ihm besonders wichtig, da er Kissing Spine hat.
Welche Tipps habt ihr für die Gymnastizierung? Ich verstehe noch nicht so ganz den Unterschied zwischen Gymnastizierung und Lektion.
VG Nicole

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Hallo Nicole,

hier jetzt ausführliche Tipps zur Gymnastizierung zu geben, würde ein bisschen die Kommentarfunktion eines Blogs sprengen 🙂 Schau Dich mal genauer bei uns, wir haben z.B. unseren Longenkurs, der sehr gezielt für den Muskelaufbau und die Gymnastizierung ist. Vielleicht wäre das was für Dich?

Und zum Unterschied zwischen Gymnastizierung und Lektionen: Grundsätzlich sind Lektionen die jeweiligen einzelnen Übungen, die man im Rahmen der Gymnastizierung (oder auch einer Dressuraufgabe) reiten kann, also z.B. ist das Schulterherein eine Lektion, die der Gymnastizierung dient. Wenn man aber mit entsprechenden Halbwissen und -können Pferde, die nicht mal vernünftig geradeaus gehen können, irgendwie in ein spektakuläres Seitwärtslaufen zwingt, hat das mit Gymnastizierung nichts mehr zu tun. Und wie viele Pferde werden in eine vermeintliche Piaffe gezogen und getrieben, die dann zu einem unschönen und garantiert nicht gymnastizierenden Gestrampel wird. Es muss eben alles im Verhältnis bleiben. Darum ging es mir.

Herzlich,
Tania

 

 

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