Geben wir neuen Beziehungen eine faire Chance?!

Kennen Sie auch eine Geschichte wie diese?

Eine Freundin von Ihnen war in einer unglücklichen Beziehung. Sie gab all ihr Vertrauen, all ihre Liebe, doch der Mann benutzte sie, betrog und belog sie. Nach einer langen Zeit des Leidens schaffte sie endlich die Trennung. Sie schwor sich: So was passiert mir nicht noch mal! Eine Zeit später lernte sie einen anderen Mann kennen. Der Mann liebte sie aus tiefstem Herzen, war ihr gegenüber treu und aufrichtig. Doch ihr Misstrauen saß tief. Sie schnüffelte hinter ihm her, peinigte ihn mit ihrer Eifersucht, und ließ sich emotional doch wirklich nicht ein. Auch diese Beziehung scheiterte…

Was hat nun diese Geschichte mit unserem Thema Pferd zu tun? Ich finde sehr viel.

Wir alle sind das Produkt unserer Lernerfahrungen. Und das gilt auch für unsere Beziehung mit Pferden.

Erst der eine, dann der andere…

Nehmen wir folgendes Beispiel:

Ich kaufte mir mein erstes Pferd. Es war ein bildschöner, kerniger Wallach. Er war selbstbewusst, temperamentvoll, ein „ganzer Kerl“. Er liebte es, mich zu testen, wollte ständig seine eigenen Regeln aufstellen. Er hatte in der Vergangenheit schon gelernt, dass er im Zweifel der Stärkere ist.

Ich hatte noch nicht viel Erfahrung mit solchen Pferden. Ich träumte von einer harmonischen, gewaltfreien Beziehung zu meinem Pferd. Voller Liebe und Weichheit begann ich den Umgang mit meinem auserwählten Racker. Schnell stellten sich erste Probleme ein. Er wollte bestimmen, wo es lang geht. Er merkte meine Schwächen und übernahm immer häufiger die Führung. Die Probleme wurden ernster, denn er entdeckte das Steigen oder Bocken für sich.

Irgendwann erkannte ich, dass das Problem an mir und meiner Art mit ihm umzugehen lag. Ich machte mich schlau, besuchte Seminare. Ich lernte viel über Dominanz, innere Stärke, die nach außen strahlt, lernte mich „durchzusetzen“. Meine Nachgiebigkeit, Weichheit, grenzenlose Liebe musste diesen neuen Kräften in mir Platz machen. Ich lernte mit diesem Pferd „zurecht zu kommen“. Immer wieder testete er mich, führte mich an meine Grenzen, brachte mich in meine Angst.

Ich lernte mit diesem Pferd auch vieles Gutes zum Thema Umgang mit Pferden, z.B. wo ich mich beim Führen befinden muss um meine Position als ranghöher darzustellen. Oder wie ich meinem Pferd dadurch, dass ich ihn in verschiedene Richtungen bewege, klar mache, dass ich der Boss bin. Doch glücklich waren wir zusammen nicht…

So entschloss ich mich schweren Herzens für die Trennung von diesem Pferd.

Einige Zeit später entschied ich mich für eine neue Beziehung und kaufte mir ein neues Pferd. Dieses Pferd ist ein sensibler, etwas scheuer Wallach. Er ist ein Reh unter den Pferden. Er kann die Menschen und das was sie von ihm wollen noch nicht richtig einschätzen. Wurde er doch nicht misshandelt, so war doch vieles was die Menschen mit ihm gemacht haben, unangenehm für ihn. Er hat Angst Fehler zu machen und fühlt sich in Gegenwart der Menschen nicht wirklich wohl.

Nun beginnt meine Zusammenarbeit mit meinen neuen Gefährten. Meine Nachgiebigkeit, meine Weichheit und Liebe stehen hinter meinen neu erworbenen Fähigkeiten mich durchzusetzen, meiner Dominanz, meine Fähigkeit Grenzen zu setzen und zu verteidigen.

Denn: derselbe Fehler wie mit meinem ersten Pferd passieren mir nicht noch mal!

Und so nehme ich die Altlasten, meine schlechten Erfahrungen mit in meine neue Beziehung. Mein „Neuer“ muss ausbaden, was der „Alte“ mir beigebracht hat…

Vielleicht…

Vielleicht wäre hier die Chance zu genau der Beziehung, nach der ich mich eigentlich sehne. Vielleicht wäre es hier genau richtig mit meiner grenzenlosen Nachgiebigkeit, Weichheit und Liebe dem Pferd zu begegnen. Vielleicht hätte ich so dem Pferd geholfen, Vertrauen zu uns Menschen zu entwickeln und mit Freude mit mir zusammen zu arbeiten.

Doch ich ziehe Grenzen, lasse diesen Kontakt nicht zu. Wahrscheinlich werde ich auf kleine „Fehler“ die der Kerl macht, unverhältnismäßig streng reagieren. Wahrscheinlich wird das Pferd brav und problemlos im Umgang werden. Doch die Distanz wird zwischen uns stehen…

Die Chance

Wäre es nicht schön, wenn wir jeden neuen Partner in unserem Leben unvoreingenommen gegenüber treten und ihm nicht die Altlasten seiner Vorgänger überziehen?

Dass wir jeden neuen Partner genau wahrnehmen:

  • Wie ist sein Wesen? Seine Persönlichkeit?
  • Welche Bedürfnisse hat es?
  • Was hilft ihm dabei, sich vorteilhaft zu entwickeln?
  • Welcher Umgang, welche Reitweise ist für dieses Pferd am optimalsten?
  • Wie lernt dieses Pferd am besten?
  • Welches ist der passende Weg zu diesem Pferd?

Wäre es nicht schön, wenn wir jeder neuen Beziehung die ehrliche Chance geben, die Beziehung unserer Träume zu werden?

5. Juni 2008 von Babette Teschen • Kategorie: Sonstiges 3 Kommentare »

 

3 Reaktionen zu “Geben wir neuen Beziehungen eine faire Chance?!”

 

Von Kerstin Schneider • 9. Juni 2008

Welch wahre Worte!
________________________________________
Danke Kerstin!
Knutsch an Dich und natürlich Guinness 🙂

Babette

 

Von Silke • 20. September 2009

Ach Babette, wie wahr und auch wie schwer……………
Vor allem im Hinblick auf die Menschen, von denen man so oft enttäuscht wurde…..

Wenn Du jetzt noch Tips hättest, wie man lernt, neues zuzulassen, obwohl die Angst vor neuen Enttäuschungen so tief sitzt, wäre das wunderbar.

LG
Silke
_______________________________________________________
Für diese Tips ist Tania zuständig 🙂 !
Kannst ja mal auf ihrer Seite: http://www.zeitzuleben.de gucken. Das ist eine wahre Schatztruhe für solche Lebensthemen!
Liebe Grüße,
Babette

 

Von Birgit • 29. Februar 2012

Liebe Babette,
Du hast mal wieder so recht, doch man muss es auch noch von einer anderen Seite sehen.
Mit meinem ersten Pferd konnte ich viele Dinge machen, die mit meinem jetzigen Pferd nicht denkbar sind. Würde ich jetzt von ihm verlangen, was bei meinem Ersten so einfach geklappt hat, wäre er sicher kreuzunglücklich.
Was ich damit sagen will, nicht nur schlechte Erfahrungen sondern auch besonders Gute spielen in einer neuen Beziehung eine große Rolle. Ich glaube, dass eine solche „Beziehungskrise“ mindestens genau so oft vorkommt und mindestens genauso schwierig zu meistern ist.

 

 

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